Die neuen Phantome des verrückten Hutmachers Timmy B.

Probable chat of two Disney producers around three years ago:

A: Hey Bob, we should really bring out a totally new version of “Alice in Wonderland”, don’t ye think so? All in 3D, everyone will love it!!!

B: Well, Alan… only thing is..ye know…this book.. “Alice”…it aint got no proper story..

A: Uhah..

B: …and it’s pretty weird…much to weird for the big audience!

A: But…

B: I know what you’re gonna say, but what worked fifty years ago aint gonna work nowadays… People want the straightforward fight of good against evil, they wanna see another “Lord of the Rings”, another “Chronicles of Narnia”, another “Harry Potter” with a niiiice li’l piece of moral advice wrapped into it…

A: I’m afraid you’re right. This Lewis Carroll surely had something, but his ideas are just to strange, to crazy…the whole book does have this… Burton-touch, doesn’t it?

B: Yeah, yeah, you’re right!!! It’s got the Burton-touch,so why not let Burton make a totally crazy version of Alice and…

A: BOB!!! Bob! Come on, you yourself said, it wasn’t gonna work for the big audience, and you were right. If we let Burton make a totally crazed film of an already totally weird book….!!!!…. then we could likewise hire David Lynch for a remake of “Snowwhite”
AHAHAHAH!

(both burst with laughter…)

B: Ok, so we need to find someone to DEburtonize the book..

A: Yeah, on the other hand, “Alice in Wonderland” would surely be the kind of book Burton-fans like… and his name would be ideal to promote the film…

B: Allan, between us… ye know… I have a friend who used to work in Guantanamo… Why not drug Burton first, torture and brainwash him and get BURTON to DEBURTONIZE “Alice”???

A: BRILLIANT!!!!!

Alexander Schmidt

Deutsche Lieblingsfilme #7, #8 und #9

Damit niemand auf die Idee kommt, die deutsche Reihe sei völlig eingeschlafen, hier der Hinweis auf die drei letzten Texte: Schon länger online ist Sanos leidenschaftlicher Text zu DIE CARMEN VON ST. PAULI, vor knapp zwei Wochen erschien als Film Nummer 8 L’AMOUR, L’ARGENT, L’AMOUR von Philip Gröning. Und seit heute ist ein Text zu Film Nummer 9 online: SYLVIE von Klaus Lemke.

Und eigentlich ist dieser Beitrag sowieso nur die Ausrede, um noch ein paar Bilder von Sylvie Winter zeigen zu können.


Die Redaktion

Happy birthday, Chucky!

Unser Leben währet 70, und wenn’s hoch kommt, so sind’s 80 Jahre; und was daran köstlich scheint: IST CHUCK NORRIS!
In der Tat, mit 70 Jahren Chuck Norris begeht unsere altgewordene, industrialisierte Konsumgesellschaft nicht irgendein Jubiläum, sondern zelebriert den Tag, an dem sie das traditionelle Ideal integrieren konnte, das im Zeitalter unendlicher Reproduzierbarkeit und Homogenisierung längst obsolet und uneinholbar vergangen erschien: das Ideal absoluter Einfachheit und Schlichtheit.
Lange bevor bis ins kleinste Detail identische Puppen und Spielzeuge über das Fließband liefen, lange bevor Massenmedien unsere Gesellschaft zu einer zwar nicht unmittelbar überschaubaren, aber insgesamt doch abzuzählenden Menge unterschiedlicher Absatzmärkte homogenisierten, drohte man im alten Griechenland im herakliteischen Flusse der ewigen Veränderung, des niemals gleichbleibenden und der absoluten Nichtidentität zu versinken. In diesem großen Meer der Unähnlichkeit träumte man den Traum absoluter Identität, Einfachheit oder mindestens Kommensurabilität und rettete sich auf der Planke der in der wahrnehmbaren Welt niemals exakt zu verwirklichenden, dennoch aber wirksamen mathematischen Strukturen, die die Harmonie des Ganzen sowie dessen Rückführung auf einen einheitlichen, symmetriestiftenden Grund garantierten. Die individuellen Abweichungen schienen dabei schlicht als Makel, als Abfall von der reinen, einfachen, ewig mit sich identisch bleibenden Struktur, die „hinter“ den Dingen steht insofern sie deren wahres Wesen ausmacht. Die positive Würdigung solcher Individualität, im großen Stil erreicht wohl erst in der Romantik, wurde durch die industrielle Revolution und deren Folgen jedoch gleich wieder zunichte gemacht, da sie ein Gespenst hervorbrachte, das allen Romantikern damals wie heute die elementare Existenzangst bis in die letzten Knochen fahren ließ: das ewig reproduzierbare, sich immer gleichbleibende und niemals verändernde Individuum, welches sowohl die Individualität als auch die Einfachheit und Identität als ästhetische Leitvorstellungen zu banalisieren und letztlich komplett zu desavouieren drohte.
Als diese Zeit erfüllt war, das Unternehmen Menschheit bereits in akrophobischem Schwindel am Rande des kompletten kulturellen Bankrottes taumelte, tauchte eine Lichtgestalt auf, die es vermochte, ohne Heer oder Kraft, allein mit dem Roundhousekick bewaffnet, die homogenisierte, gleichgeschaltete, sich fast nur noch durch die Strichcodes auf den Industrieprodukten, die ihren aufoktroyierten Schönheitsidealen angepaßten Körper notdürftig bedeckten, unterscheidende Menschheit gleichzeitig in ein neues Zeitalter und zu ihren Wurzeln zurückzuführen: Vor genau siebzig Jahren erstand sie neu, die Einfachheit und Unmittelbarkeit des Troglodyten, aber – incredibile dictu – in einer postindustriellen und massenmedientauglichen Form, die bald all das homogenisierte Elend um sich versammeln und zu einer neuen Wertschätzung der eigenen, reduzierten, dem titanistischen Originalitäts- und Individualitätswahn der Moderne entsagenden Persönlichkeit führen konnte. Was hier auf den Plan trat, war genau derjenige nach Gestik, Mimik und Charakter in jeder Hinsicht stilisierte Prototyp von Menschheit, der dem postmodernen Elend die Befreiung davon bringen konnte, woran der Mensch seit Jahrhunderten vergeblich laborierte: dem titanistischen Wahn, sich von allen anderen, dem Tier, der Welt, oder auch nur einer Gummipuppe qualitativ unterscheiden und damit selbst immer wieder neu schaffen zu müssen. Die beiden Naturen, Mensch und Mattel, in einer Person – dies ist es, was wir heute feiern, dies ist es, was uns heute und immerdar selig macht.

Merry Christmas and Happy Birthday Chucky!!

Benjamin

Ein Loblied auf Yasuzô Masumura…

…und “Akumyo: shima arashi” (1974) im Speziellen.

Akumyo2

Die sich schleichend entwickelnde Tragödie des wandernden Hahnenkämpfers Asakichi, der völlig ohne Absichten durch seine Liebe zu der Geisha Kotoito in den Machtkreis der Yakuza gerät, beschreibt Yasuzo Masumura über weite Strecken nüchtern ohne die expressive Schwerblütigkeit seiner frühen Melodramen. Die Welt, von der Asakichi und der sich ihm anfangs noch enthusiastisch anschließende junge Ex-Yakuza Sada absorbiert werden, wird von starren männlichen Verhaltenskodizes beherrscht, von ehrenhaften Selbstopfern und einem undurchdringlichen Zyklus formell-traditioneller Gesten, deren Macht Asakichi widerstandslos die unerwünschte Position als Yakuza-Hauptmann akzeptieren lassen und an der die Frauen um ihn und Sada zugrunde gehen, da sie nicht in der Lage sind, sich diesem ewigen Spiel aus Abhängigkeiten und maskulinen Ritualen weit genug anzupassen, in dem die Kette fallender Dominosteine nie zuende geht. Gewaltsam zu Ende gebracht wird sie schließlich, wie so oft bei Masumura, durch die mit japanischer Konsequenz und Determiniertheit ohne Selbstzweifel gewählte letzte Option des Suizids, der hier, anders als in seinen Melodramen, nicht einmal mehr aktiv verübt wird. Das System, welchem sich Asakichi und Sada unterworfen haben, will sie vernichten – und vernichten lassen sich beide willenlos, Sada von den Yakuza und Asakichi von einer Gesellschaft, deren Werte sich so eindeutig in ihrer Unterwelt widerspiegeln, dass für ihn keine Hoffnung mehr besteht, den Rest an Liebe, der ihm geblieben ist, in das befreiende Ideal zurückzuverwandeln, als das er ihm, dem von seiner Familie vor Jahren Geächteten, zu Beginn des Films stillschweigend und ohne Erwartungen erschienen ist. Masumuras Figuren sehnen sich bis zur völligen Selbstaufgabe danach zu leben, doch sie schreien erst dann mit einer alles verzehrenden Verzweiflung danach, steigern sich erst dann in den ihnen zustehenden emotionalen und sinnlichen Exzess, wenn sie sich in einem rituellen Todeskampf noch einmal ekstatisch aufbäumen. Das hat dieser, in seinen intimen Momenten mit observierender Distanz und in seinen zahlreichen Kampfszenen betont physisch, trocken brutal aber auch bewusst undynamisch inszenierte, stählerne Film mit den düsteren, erdrückenden und leidenschaftlichen Melodramen gemein, die Masumura in den 60iger Jahren mit seiner Muse Ayako Wakao in der Hauptrolle drehte. Ein Gangster-Film, der keiner ist, weil die Gangster zwar zentrales Motiv sind, allerdings ihrer verqueren Moral enteignet werden. Vielleicht hätte sich Francis Ford Coppola mit seinem THE GODFATHER PART II unangenehm berührt gefühlt, wenn er diesen Film gesehen hätte. Ihm wäre dann vielleicht bewusst geworden, dass man die Hölle eines Systems nur dann wirklich als solche in Szene setzen kann, wenn man sie selbst mit voller Intensität fühlt.
Es hat auf mich langsam den Anschein, als würde im kommerziellen japanischen Kino (respektive Mainstream) wesentlich unmittelbarer auf die Enge und die Kompromisslosigkeit, die emotionale wie sexuelle Repression und perfide Konsequenz des eigenen Kulturkreises reagiert als im Amerikanischen, wo eine konkrete Reaktion oft erst mit einer Distanz in der Perspektive einhergeht – zumindest ist das ein Gedanke, der mir bei meinen jüngsten Begnungen mit den Filmen Yasujiro Ozus (den ich nicht sonderlich schätze, obwohl er das Übel mit seinen eigenen Waffen zu schlagen versucht), Nagisa Oshimas (bei dem der intellektuelle Verarbeitungsprozess sofort auf den Impuls folgt) und eben Masumuras gekommen ist. Masumura allerdings lässt den Impuls einfach schwingen, solange, bis aus den kleinen Wellen eine schaumgekrönte, wogende Wasserwand erwachsen ist, die tosend in sich zusammenfällt und den Versuch des Begreifens ertränkt. Masumuras Filme erlangen Transzendenz durch Exzess. Das teilen sie mit anderen aggressiv existenzialistischen Regisseuren wie Andrzej Zulawski, Douglas Sirk oder Paul Verhoeven, die zu meinen engsten Lieblingsregisseuren gehören, deren Kreis Yasuzo Masumura nun, nach nur sechs Filmen, mit AKUMYO: SHIMA ARASHI offiziell beigetreten ist. Seit langem hat mich kein Filmemacher mehr so nachhaltend und umfassend inspiriert, stimuliert, berührt und vor allem zutiefst verstört. Diese Filme sind ein Geschenk, für das man sich nicht oft genug bedanken kann. Ich wünschte, ich wäre in der Lage, mehr und schlüssiger über sie zu schreiben. Doch Filme wie diese kann zumindest ich unmöglich adäquat in Worte fassen. Man muss sie in erster Linie spüren.

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5 Masumura-Filme, 5 neue Lieblingsfilme: MANJI – DIE LIEBENDEN* (1964), SEISAKU’S WIFE ** (1965), RED ANGEL* (1966) , DIE BLINDE BESTIE * (1969) , AKUMYO: NOTORIOUS DRAGON (1974)

* Auf DVD in England von Yume Pictures und den USA von Fantoma erhältlich. In Deutschland sind bei Rapid Eye Movies “Die blinde Bestie” und “Irezumi” (1966) erschienen.
** In Frankreich auf DVD erhältlich von Ciné Malta, leider nur mit französischen Untertiteln und in mäßiger Bildqualität.

Anmerkung: Offenbar handelt es sich bei AKUMYO: SHIMA ARASHI um den letzten Teil einer ganzen Serie von Filmen um den von Shintaro „Zatoichi“ Katsu gespielten Hahnenkämpfer Asakichi. Davon habe zumindest ich beim Ansehen nichts bemerkt; der Film wirkt in sich abgeschlossen, auch wenn Kenner der übrigen Filme den Protagonisten vielleicht weniger enigmatisch empfinden dürften als ich.

Abschließend noch ein Zitat von Masumura, auf dass ich in der IMDb gestoßen bin:

„My goal is to create an exaggerated depiction featuring only the ideas and passions of living human beings. In Japanese society, which is essentially regimented, freedom and the individual do not exist. The theme of Japanese film is the emotions of the Japanese people, who have no choice but to live according to the norms of that society . . . After experiencing Europe for two years *, I wanted to portray the type of beautifully vital, strong people I came to know there.”

* Masumura studierte Anfang der 50iger Jahre Film am “Centro Sperimentale Cinematografico“ in Rom.

Links:

http://www.chicagoreader.com/chicago/tales-of-ordinary-madness/Content?oid=896201
http://somedirtylaundry.blogspot.com/search/label/Masumura
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/0401/feuilleton/0036/index.html
http://www.independentcinemaoffice.org.uk/masumura.htm
http://en.wikipedia.org/wiki/Yasuzo_Masumura
http://www.dvd-forum.at/5/special.htm

Und als negatives Fundstück ein in meinen Augen zumindest äußerlich (es handelt sich allerdings nur um einen Hinweis auf eine Masumura-Reihe im Arsenal-Kino Berlin) ausgesprochen engstirniger Kurztext, der eindimensional am Geist von Masumuras Werk vorbeischreibt, da er nicht der durchaus fließenden Entwicklung des Regisseurs nachspürt sondern sein Schaffen in handelsübliche Kategorien handelsüblichen Kritiker-Jargons einbettet und ihm im Vergleich mit Nagisa Oshima (der selbst zu Masumuras Anhängern zählte) auch flugs noch unterstellt, weniger radikal gewesen zu sein:

http://www.critic.de/aktuelles/kalendarium/detail/artikel/filme-von-yasuzo-masumura-im-kino-arsenal-1900.html

Christoph
28. Februar 2010 | 6 Kommentare | Artikel einzeln anzeigen

Rocker sterben nicht so leicht (1971)

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Entfremdetes „upper class“-Pärchen fährt ans Meer, um das Wochenende im eigenen Strandhaus zu verbringen. Er (Riccardo Salvino) ein luschiger, pedantischer und dumpfer Spießer wie er im Buche steht, Sie (Mara Maryl) frustriert und apathisch nach Jahren trister bürgerliche Ehe-Routine, die offensichtlich nicht in ihrem Sinne war. Doch just nach einer besonders unromantischen, mechanischen „Liebesnacht“ naht eine Brise, die frischen Wind ins Eheleben bringen wird: Ein Quartett von grimmig dreinschauenden Rockern bzw. Bikern (…) steht vor der Tür und verliert keine Zeit: Noch vor dem Frühstück bekommt der brave Hubby eine Faust in die nüchterne Magengrube und die kratzbürstige Ehefrau einen ganz und gar unerwünschten Besucher in ihr Bett. Doch das Blatt wendet sich schnell, denn Sie entdeckt in Fred (Robert Hoffmann), dem Anführer der Gang, all ihre seit Jahren ungestillten Sehnsüchte nach Freiheit und einem Leben ohne betäubende Gleichmäßigkeit. Das passt ihrem Gatten, der sich bisher ängstlich winselnd in die Ecke hat drängen lassen, natürlich gar nicht und er beginnt nach allen Regeln der Kunst zu intrigieren, um die haltlosen Rauhbeine gegeneinander auszuspielen…

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Zwar liest sich das wie ein typischer 70iger-Exploitation-Reißer und ist kommerziellerweise – zumindest dem Drehbuch nach – auch wieder einmal in den USA angesiedelt, doch angesichts des heute vielleicht ein wenig unverhältnismäßig aus dem Ruder laufenden Kultes um die ausgezeichneten, aber sicherlich nicht ungewöhnlich brillianten Gialli von Sergio Martino, für deren Drehbücher er sich verantwortlich zeichnete, wird gerne vergessen: Ernesto Gastaldi war unter den Drehbuchveteranen des italienischen Genrekinos kein wortwörtlicher Schmierfink wie z. B. Piero Regnoli und auch nicht ganz so sehr routinierter Fleißarbeiter wie eine Generation nach ihm Dardano Sacchetti sondern zeigte außerhalb des Giallo-Genres mitunter trotz seiner Solidarität zum Genrefilm erstaunliche Anwandlungen in Richtung jenes trotzigen bis wütenden, antibürgerlichen bis radikal politischen, linken Kinos wie es in Italien Ende der 60iger bis Mitte der 70iger Jahre Hochkonjunktur hatte. Sehr verschieden aber in kongenialer ethischer Verwandtschaft repräsentiert unter anderem durch Regisseure wie Antonio Pietrangeli, Elio Petri (an dessen LA DECIMA VITTIMA Gastaldi mitarbeitete), Mario Monicelli und Damiano Damiani (mit dem Gastaldi in den 80igern PIZZA CONNECTION schrieb). Zu diesen Filmen gehörte unter anderem auch der von Gastaldi geschriebene provokative, grelle „Gesellschaftsschocker“ FANGO BOLLENTE (1975) von Vittorio Salerno – der die Story zum vorliegenden LA LUNGA SPIAGGIA FREDDA („Der lange, kalte Strand“) beisteuerte.

Ein besonders subtiler oder meditativer Film ist das nicht geworden – aber er ist in zweierlei Hinsicht höchst bemerkenswert: Zum einen erweist sich Gastaldi, der von über hundert Drehbüchern bzw. Drehbuchmitarbeiten nur sechs selbst inszenierte, als begnadeter Filmemacher, der die rohe, erfrischend klare Schlichtheit eines Samuel Fuller mit der für das italienische Genrekino dieser Zeit charakteristischen, sinnlichen Stilisierung und romantizistischen Übertreibung verknüpft und sein Scope-Bild begeistert mit an den Italowestern gemahnenden, extremen Bildkompositionen füllt, ins goldene Licht der am fernen Horizont ins Meer sinkenden Sonne getaucht. Tatsächlich steht Gastaldis filmische Fertigkeit – die Fertigkeit, innerhalb einfacher Genre-Strukturen primär mit der Kamera zu erzählen – jenen Regisseuren, die seinen Namen unter Verehrern des Italokinos im Besonderen bis heute bekannt gemacht haben, Sergio Martino und Umberto Lenzi, in nichts nach. Das alte Klischee vom Drehbuchautoren, der am Set zum mit dem Medium Film überforderten Theaterregisseur mutiert, erweist sich hier als eben solches. Gastaldis Regie ist wunderbar konzentriert, präzise und entspannt, wirkt mitunter auch frischer als die zahlreicher auf Dauer zur Routine verdammten Kollegen, die seine Drehbücher verfilmten.

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So konzentriert, dass es ihm geglückt ist, mit seinem grenzwertigen Stoff auf dem schmalen Grat zwischen schmieriger Exploitation und breitem Melodram die Balance zu halten. Die eröffnende, wortkarge Autofahrt von Jane und Jonathan stellt von vornherein klar: Die Charaktere dieses Films werden in erster Linie bildhafte Sammlungen von Neurosen sein, die Gastaldi für exemplarisch, für zeitgemäße Phänomene einer Gesellschaftsschicht hält – nichtsdestotrotz kippt der maritime Mikrokosmos des Films nie ins Trashige oder in genuine Kolportage um, nicht einmal in seinen brenzligsten Momenten. Zu jenen zählt zweifelsohne die Vergewaltigung Janes durch Fred, aus der sich eine Liaison der beiden entspinnt. Anstatt daraus genretypischen, chauvinistischen Sleaze zu zimmern, setzt Gastaldi den romantischen Utopien des Pärchens mit rigoroser Konsequenz den wahren Kern ihrer Motivation entgegen: Diese beiden sind so kaputt und ausgezehrt vom jahrelangen Scheitern ihrer Ideale, vom ständigen Schließen verlustreicher Kompromisse und von dem Verlust ihres Selbstbewusstseins an sich, dass sie selbst dieser verqueren, in mehrfacher Hinsicht menschenunwürdigen Situation etwas Ehrenhaftes, etwas Aussichtsreiches, etwas Tröstendes abzugewinnen versuchen – wie das ausgegrenzte, vergewaltigte Mädchen Mouchette in Robert Bressons gleichnamigem Film. Für Jane wird Fred in beinahe grotesker Weise zum strahlenden Symbol des Aufbruchs, der Freiheit während Fred alles daran gelegen ist, die Vergewaltigung als solche vergessen und zu seinen ursprünglich pazifistischen Idealen zurückzufinden, aus dem Teufelskreis der Kriminalität auszubrechen – im Einklang mit Jane und seinen zunehmend unwirschen, eifersüchtigen Kumpanen. Die menschlichen Konstellationen sind hier allesamt jämmerlich, niederträchtig oder, wie im Fall von Freds engstem Freund innerhalb der Bande, Speed (Fabian Cevallos), von verkrüppteltem Vertrauen und Entfremdung geprägt.

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Dieses Konstrukt, diese im zeitgenössischen europäischen Kino dieser Jahre häufig anzutreffende, dramaturgisch ökonomische Konfrontation von Establishment und modernem Freibeutertum ist durchaus nah am Klischee und was Gastaldi damit anstellt ist, wie bereits erwähnt, ein veritabler Tanz auf Messers Schneide. Doch er übersteht ihn, vor allem dank seiner dichten Inszenierung und der auch in der englischen Fassung bestehen bleibenden Qualität seiner Dialoge unbeschadet bis zu seinem deprimierenden Finale welches noch einmal demonstriert, dass hier bei aller Reminiszenz an amerikanische Muster (Sam Peckinpahs STRAW DOGS erschien übrigens tatsächlich erst einige Monate nach Gastaldis Film) die Macht der eigenen Ästhetik überwiegt: LA LUNGA SPIAGGIA FREDDA beginnt wie ein schrill überzeichneter Antonioni-Film und endet wie ein Italowestern – allerdings einer der trockeneren Spielart, wertend, aber nicht verurteilend. Dem Zuschauer bleibt nur noch ein schaler Beigeschmack, emotional tauber Nachhall. Die Figuren sind am Ende des Films noch leerer und desillusionierter als zuvor. Sie sind uns, den Zuschauern, im Verlauf ihrer angestrebten Selbstfindung vollends fremd geworden. Sie haben erkannt, dass sie füreinander nicht der Ausweg sind – und nicht sein können – den sie sich erhofft hatten. Mit dieser Erkenntnis und ohne jede Perspektive lässt Gastaldi sie auf seinem kalten, langen und – hier trifft es die zusätzliche Ausschmückung des englischen Titels („The Lonely, Violent Beach“) sehr genau – einsamen Strand zurück.

LA LUNGA SPIAGGIA FREDDA – Italien 1971. 85 Min. – Regie: Ernesto Gastaldi – Drehbuch: Ernesto Gastaldi, nach einer Idee von Alberto Cardone und Vittorio Salerno – Produktion: Armando Govoni – Kamera: Benito Romano Frattari – Schnitt: Attilio Vincioni – Musik: Stelvio Cipriani

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Christoph
24. Februar 2010 | 8 Kommentare | Artikel einzeln anzeigen

1. Hamburger SciFi-Horror-Festival

scifihorrorfestival


Angesichts der eher trostlosen Meldungen aus Berlin kommt diese Nachricht doch gerade recht: Es gibt ein neues Filmfestival und dann auch noch ein Retrospektivenfestival, das sich ganz dem phantastischen Film widmet und die Lücke füllen möchte, die der Wegfall der Klassikersektion beim Fantasy Filmfest hinterlassen hat. Ralph Lorenz von monstercon.de und Andreas Schiefler von vintagemovieposters.de sind die Organisatoren dieser so vielversprechend klingenden Veranstaltung, die Anfang Mai 2010 im Metropolis Kino in Hamburg stattfinden wird. Einen wirklichen Themenschwerpunkt gibt es nicht, das Programm ist angenehm bunt gemischt. Und ESKALIERENDE TRÄUME würde nicht auf dieses Festival hinweisen, wenn die Veranstalter nicht versichern würden, das alle folgenden Filme in 35mm gezeigt werden:


Freitag, 7. Mai 2010

- CONAN – DER BARBAR (Conan the Barbarian, Regie: John Milius, USA 1982)

- FRANKENSTEINS HÖLLENBRUT (Chikyu kogeki meirei: Gojira tai Gaigan, Regie: Jun Fukuda, Japan 1972)

- DER TOTE KEHRT ZURÜCK (Misterios de ultratumba, Regie: Fernando Méndez, Mexiko 1959)

Samstag, 8. Mai 2010

- DAS PENDEL DES TODES (The Pit and the Pendulum, Regie: Roger Corman, USA 1961)

- MONSTER AUS DEM ALL (The Green Slime, Regie: Kinji Fukasaku, Japan/USA 1968)

- ANDY WARHOL’S DRACULA (Regie: Paul Morrissey, Frankreich/Italien 1974)

- DRACULA JAGT FRANKENSTEIN (Los monstruos del terror, Regie: Hugo Fregonese, D/IT/ESP 1969)

Sonntag, 9. Mai 2010

- WIE SCHMECKT DAS BLUT VON DRACULA? (Taste the blood of Dracula, Regie: Peter Sasdy, GB 1970)

- PLANET DER VAMPIRE (Terrore nello spazio, Regie: Mario Bava, IT/ESP 1965)

Alexander P.
18. Februar 2010 | 8 Kommentare | Artikel einzeln anzeigen

Berlinale 2010: Zwischenstand

 

Andreas

Die Tendenz meiner diesjährigen Berlinale-Auswahl geht eindeutig in Richtung alter Filme. Nachdem ich letztes Jahr fast nur auf der 70mm-Retro rumhing, hatte ich mir für diese Berlinale eigentlich vorgenommen, vor allem neue Filme zu sehen. Beim genaueren Blick auf das Programm erübrigte sich dieses Vorhaben dann aber schnell. Auch wenn man der Retro, der Hommage und auch dem Forum-Special mit gutem Recht vorwerfen kann, eine nicht allzu originelle und auch nicht allzu entdeckungsreiche Auswahl aus der Festival-Historie anzubieten, sondern sich zu weiten Teilen eher auf Kanonisches zu konzentrieren, so findet sich angesichts der schieren Quantität an alten Filmen darunter dennoch so manche seltener gezeigte Perle und es ist nebenbei auch eine gute Gelegenheit, den ein oder anderen noch nicht gesehenen Klassiker nachzuholen. Zumal, wenn sich das Angebot an neuen Filmen mal wieder sehr durchwachsen präsentiert und zu weiten Teilen eher wie ein Minenfeld erscheint, bei dem das Risiko eines üblen Fehltritts wohl deutlich höher als die Chance einer unerwarteten Entdeckung ist. So zumindest der zunächst nur oberflächliche Eindruck, der sich beim Gespräch mit anderen Festivalbesuchern und beim gelegentlichen kurzen Blick ins Netz allerdings zu bestätigen scheint, denn unter den Leuten, die vor allem (oder sogar ausschließlich) neue Filme sehen, scheint kaum jemand dabei zu sein, der mit seiner Ausbeute auch nur halbwegs zufrieden ist (Extrembeispiel: Neil Young im Notebook von The Auteurs, der sich bislang offenbar regelrecht durchs Festival quält). Insofern ist es wohl nicht die schlechteste Idee, sich dann im Zweifelsfall lieber für einen eher selten (zumal im Kino) zu sehenden alten Film statt für einen abschreckend klingenden neuen Film zu entscheiden. Natürlich ist man auch bei den alten Filmen nicht vor Fehlentritten gefeit, aber insgesamt doch bei weitem sicherer und vor allem zufriedener unterwegs, auch wenn es ein bisschen bedauerlich ist, dass man sich mit einer solchen Vorgehensweise dann doch etwas um die Möglichkeit bringt, unverhoffte neue Entdeckungen zu machen. Aber der Preis dafür (in Form von ärgerlichen Fehltritten) erscheint mir dieses Jahr einfach zu hoch, vor allem das Programm der Sektion Panorama präsentiert sich 2010 zumindest auf dem Papier durchwachsener denn je (vom Wettbewerb mal ganz zu schweigen, zumal dort einiges auch schon bald regulär im Kino zu sehen ist), und auch weite Teile des Forums lassen echte Vielfalt und Überraschungen vermissen. Insofern beschränkt sich meine Ausbeute an neuen Filmen dieses Mal wohl auf nur eine Handvoll ausgewählter Sachen (und einige Filme, die ich eigentlich sehr gerne gesehen hätte, habe ich dann kurzfristig doch aussortiert, im Falle von Schanelec, Arslan oder Scheffner wegen des ohnehin baldigen Kinostarts, wodurch zumindest eine Sichtungsmöglichkeit im kommunalen Kino des Vertrauens garantiert ist, oder im Falle von Graf, auf den ich mich eigentlich sehr freue, aber keine Lust auf eine dann doch eher Kino-unwürdige DigiBeta-Projektion habe und mir den Zehnteiler dann lieber bei der baldigen TV-Ausstrahlung ansehe), wobei sich durch die Dominanz der alten Filme dann auch ein bisschen erübrigt, hier irgendwelche zeitnahen “Live”-Berichte zu posten, zumal das durch eingeschränkten Internetzugang sowie Zeit- und Motivationsmangel sowieso mal wieder schwierig geworden wären. Zumindest ein kurzer Zwischenstand der bislang – eben auch dank der vielen und überwiegend sehr guten alten Filme – sehr zufriedenstellenden Ausbeute mit den vorläufigen Höhe- und Tiefpunkten in knapp gehaltener Listenform bietet sich jedoch an. Der sieht dann nach 6 von 10 Tagen (den ersten Donnerstag, wo außer den Eröffnungsfilmen nichts zu sehen ist, zähle ich nicht wirklich dazu) ungefähr so aus:

Gesehene Filme: 29 (in 27 Screenings)
davon: 20 alte Filme, 9 neue Filme

Alte Filme
Favoriten (Auswahl): Dust in the Wind, Rio das Mortes, Il Cristo Proibito
Enttäuschung: The Tales of Hoffmann
Gurken: Central Station, Genealogies d’un crime

Neue Filme
Favoriten: Double Tide, Caterpillar, La Pivellina
Enttäuschung: Eastern Drift
Gurken: Waste Land, Vihir – The Well


*****


Sano

Dieses Jahr wollte ich nach langer Zeit wieder die Angewohnheit, aktuell von einem Festival zu berichten, aufnehmen. Das letzte Mal ist inzwischen schon 4 Jahre her – passenderweise die Berlinale 2006. Filmtagebuch, jeden Abend ein kurzer Fließtext zu (allen) Erlebnissen. Da ich es aber mal wieder nicht auf die Reihe bekommen habe mein Programm rechtzeitig zum Festivalbeginn fertigzustellen, musste ich bis vorgestern (da ist es mir dann doch gelungen) Abends noch stundenlang daran werkeln. Filmtagebuch gibts also rückblickend nach der Berlinale (erster Tag ist schon geschrieben, die Hälfte einer Filmkritik ebenso). An dieser Stelle aber zumindest eine kleine Rückschau der besherigen 7 Festivaltage. Da in den ersten zwei Tagen wesentlich weniger Filme liefen, ist diese Zwischenbilanz vielleicht auch eine Art Halbzeit. Endstand gibts am Ende natürlich auch. Kurz anzumerken wäre aber an dieser Stelle auf jeden Fall noch, dass die Zwischenbilanz bisher äußerst positiv ausfällt. Fast nur tolle Filme nach 6 Tagen Filmmarathon hatte ich bisher nur selten (und bei der Berlinale schon mal gar nicht), und das Erfreulichste dabei ist, dass ich nach einigen leidvollen Jahren wohl endlich meinen schmerzlich vermissten Riecher für neue Filme wiedererlangt habe. Wenn es bei mir nach dem Ausspruch einer Besucherin ginge, deren nüchternes Fazit lautete, dass es wohl im Schnitt bei acht gesehenen Filmen einen sehenswerten gäbe, hätte ich das Filmeschauen auf der Berlinale schon längst aufgegeben.

Gesehene Filme: 29  (in 25 Screenings)

Neues: 11
Sehenswert: 11
Uninteressant: 0
Bester Film: Der Räuber
                       
Benjamin Heisenberg  Österreich, Deutschland  2009

Altes: 18
Sehenswert: 16
Uninteressant: 2
Bester Film: Lian lian feng chen  “Dust in the Wind”
                       Hou Hsiao-hsien  Taiwan  1986

 
Die Redaktion
18. Februar 2010 | 2 Kommentare | Artikel einzeln anzeigen

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