100 deutsche Lieblingsfilme #71: Wir lassen uns das Singen nicht verbieten (1985)

Populäres Liedgut, Hafenkneipen, Freddy Quinn, Wochenmärkte, Rotlichtmärkte, Fisch oder Fleisch – weder noch. Tillmann Scholls großangelegter Dekadenfilm – dessen Aufnahmewurzeln noch vor seinem Filmdebüt liegen – “Wir lassen uns das Singen nicht verbieten” ist der seltene Dokumentarfilm ohne Wahrheitsanspruch, die Weltvermessung, die sich von ihren Objekten beständig etwas vorspielen lässt, ohne sie zwingend abschließend verstehen, durchschauen, einordnen, schlimmstenfalls katalogisieren zu müssen. Denn Scholl weiß: Man kann sie nicht begreifen, die Leut’. Größtenteils zentriert um den kleinen – so betont er selbst gern – Hamburger Schankwirt Jürgen Henflein, der beschäftigt hinterm Tresen des “Schauermann” Bezugspunkt für die Ausgestoßenen St. Paulis und die in deren Welt eintauchende Kamera gleichermaßen darstellt. Darstellt. Weiterlesen…

Auch im Mann steckt bloß ein großes Kind: Oriental Baby Sitter (1977)

    My girl babysits for someone on her block
    Then I come up to join her and we start to rock
    The baby hears the beat and man it is a shock
    When he goes ‘Ggggg-gggg’

    (Buzz Clifford – Baby Sittin’ Boogie)

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Fragmentfischen im Naturtrüben: Dear Dead Delilah (1972)

    Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum, welcher Baum nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.

    (Matthaeus 3:10)

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Midnight Confessions #04: Mary! Mary! (1977)

    So if you meet me
    Have some courtesy
    Have some sympathy, and some taste
    Use all your well-learned politesse
    Or I’ll lay your soul to waste, mm yeah

    (The Rolling Stones – Sympathy for the Devil)

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Leerstellen zwischen den Hierarchien: L’arciere di fuoco (1971)

Quer durch die Geschichte der laufenden Bilder hindurch herrscht nun wahrlich kein Mangel an Filmen über den vielgesichtigen literarischen Volkshelden Robin Hood, jedoch nur einen gibt es, der die Vorzüge des Waldlebens bereits völlig unmittelbar greifbar werden lässt, bevor uns überhaupt erstmals ein solcher vor Augen geführt wird. Weiterlesen…

100 deutsche Lieblingsfilme #70: Mord und Totschlag (1967)

Bambule in der alten Bundesrepublik, doch Anita Pallenberg will nicht im Gefängnis trommeln und macht sich trotzig daran, ein in diesem Tonfall ganz sicher nicht zu verschleierndes Verbrechen zu vertuschen. Volker Schlöndorff, der mal rebellischeren Wind ins deutsche Kino wehte, als ihm im Allgemeinen nachgesagt wird, hilft ihr dabei, ist trotz Platz auf dem Regiestuhl nur willfähriges Instrument. So fasziniert ist sein Film von, so auf Anstoß wartend durch eine maximal unentschlossen agierende Frau, dass er sich kurzerhand ihren Macken angleicht.

Plötzliche Piroutten, Halbkreise, die Umkehr mitten im Schritt, ein Schlenkern, Taumeln, Irrlichtern – Pallenberg erobert jeden Raum, in den sie Fuß setzt, bezirzt die allzu offensichtlich mit ins Verderben laufenden Kerle … durch Unsicherheit. Hans Peter, Manfred, auch Volker. Sein Film weigert sich einzusehen, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen, wie man so schön sagt, stürzt sich stattdessen Seite an Seite mit seinen Figuren in Weltüberschreitungen. Weiterlesen…

100 deutsche Lieblingsfilme #69: Die Supernasen (1983)

In den muskelbewehrten 1980er Jahren galt zumindest im hochgradig kommerziellen Segment des Kinos nicht selten als cool, wer sich rücksichtslos behaupten konnte – gegen ganze feindliche Armeen, gegen schmale Waden, gegen die schnöde Brotarbeit. Ja? Nein, eher nicht, es war ein strebsames Jahrzehnt, die Körperoptimierung des Menschen erreichte neue Höhen. Mike und Thommy können sich leider weder mit einem enthusiastisch ausgeführten Job noch mit dem gestählten Körper eines Adonis rühmen. Mens fervida in corpore lacertoso – nicht ganz, Monsieur de Coubertin. Und diese Nasen erst. Generell scheint sich “Die Supernasen” der despektierlichen Wendung, die der simple Name unseren Riechkolbens bei umgangssprachlicher Anwendung erfahren kann, sehr wohl bewusst. Sie leben halt so in den Tag hinein, die beiden Nasen, in dieser endlich von ganz großen Produzenten und noch größerem Publikum wiederbelebten Neuauflage des gepflegten Münchner Slackerfilms. Klaus Lemke in poliert und überaus wohlbudgetiert, denn wie schon gelegentlich bei Cleo und Wolfgang verschwimmt die Distanz zwischen Protagonisten und Darstellenden nicht allein beim Rollennamen.

“Die Supernasen”, der Film, in dem zwei Typen, die – glaubt man dem das Populärkreative chronisch gering Schätzenden – halt sonst nicht viel konnten, zwei Typen spielen, die halt sonst nicht viel können. Weiterlesen…

Auf Wanderschaft in Ausfluchtslandschaften: La corrupción de Chris Miller (1973)

Glauben Sie, dieser junge Mann läuft vor etwas davon? Ob einer was ausgefressen hat, so heißt es, erkenne man an der Abruptheit der Bewegungen, daran, wie er oder sie rastlos und ohne Plan von A nach B eilt. Auch in Juan Antonio Bardems spanischer Giallo-Variante “La corrupción de Chris Miller” lässt eine vage Unruhe im Gewissen oder der Vergangenheitsbewältigung zahlreiche Charaktere anlasslos rotieren. Nach seinem Auftaktmord rast in der Creditssequenz ein Zug zu Waldo de los Ríos unruhig-süßlichen Melodien quer durch durch ein Landschaftsstillleben Kantabriens, übergangslos bildlich hervorgegangen aus der noch befußten Flucht des Mörders. Ihm entsteigt Herumtreiber Barney (Barry Stokes), der auf der Suche nach Bleibe bald bei dem ungleich unflexibler im gemachten Nest des abspenstigen Gatten wie Vaters aussichtslos dessen Rückkehr harrenden Mutter-Schwiegertochter-Gespanns Ruth (Jean Seberg) und Chris Miller (Marisol) aufschlägt. Lange bevor Bardem sie auch narrativ zusammenfinden lässt, weiß man, dass Barney und Chris wie geschaffen füreinander sind, bewegt sie sich doch auch mit Gusto auf Pferd oder Rad zwischen den wenigen Ablenkungsorten der Provinz hin- und fort. Doch scheint ihr der Ausritt an sich wichtiger zu sein als die Pferde und der recht zutrauliche Hofbesitzer. Weiterlesen…

Film and book (#15): Marco Siedelmann – Good Hot Stuff: The Life and Times of Gay Film Pioneer Jack Deveau (2019)

    Our films are live Disney movies, if we hold them out of circulation for 5 to 6 years, they’re PINOCCHIO all over again – playing to a brand-new audience. The number of people interested in porno is probably fixed in relation to the population. This is literature of a kind – I don’t know how it’s recognized today, but we’ve created a large body of it – maybe it’s the Mickey Mouse of the year 2000!

    (Jack Deveau)

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100 deutsche Lieblingsfilme #68: Walzerkrieg (1933)

Entkörperlichte Hände wirken in rasanter Schnittfolge auf diverse Instrumente ein, oben, unten, rechts, dann links, während die Credits wie stramm durchgespielte Notenblätter in und aus der Kadragenmitte flattern. Der erste Walzerkrieg ist in Ludwig Bergers gleichnamiger Tonfilmoperette bereits entfacht, bevor wir überhaupt erfahren, wer hier wen bekämpft. Entsprechend angespannt dominieren zuvorderst Geigen sie von vorne bis hinten. Musik gibt den Ton an und sie nimmt ihn auch wieder weg. Ein beinahe 180°-Schwenk eröffnet den Reigen durch die Gesamtheit eines vereinsamten Biergartens hindurch, entlang am schleppenden Gang des diesen durchstreifenden Wirtes, dem untermalt von forschen Klängen eine fast unerträgliche Ruhe innewohnt, am Tisch des einsamen Gastes angelangt folgt endlich ein Schnitt. Auf der anderen Seite des Zaunes steppt der Bär. Blickdrehungen und Schnitte begreift “Walzerkrieg” vor allem als Gegenüberstellungsmittel, zwischen Feiern, Kontrahenten am Instrument, ganzen Kapellen, den Druckstufen, die die Finger des jeweils anderen ins Spiel des so auf Gedeih und Verderb zum Partner Erklärten legen. Was Musik im Menschen anrichtet, davon handelt dieser Film. Den größten Spaß haben dabei jene, die ihren eigenen Takt bereits als seelisches Uhrwerk verinnerlicht haben – diebisch schleicht sich Willy Fritsch für ein Busserl von der Trommel fort und zählt über die Einwürfe seiner Liebsten hinweg die Takte bis zum nächsten Einsatz laut mit. Weiterlesen…