Zitat der Woche



“Die Natur hat sich ihr Geschäft schlecht überlegt, indem sie die Jugend nicht im Zustand von Säuglingen läßt, die nur stammeln und alle vier in die Luft strecken können, ein Zustand, den das Kind nur hinter sich läßt, um dumme Reden zu führen und dumme Streiche zu machen. Man müßte die Kinder bis zu zwanzig Jahren in den Windeln lassen. Und sie dann auch nur auswickeln, weil man die Sache leid ist.”


“Mit vier Jahren kann man ein Streichholz anzünden; mit neun eine Pistole handhaben; mit dreizehn kopulieren; mit sechzehn Ideen haben. Das endet mit Unfällen.”



- Robert Poulet, Wider die Jugend (1963)

Hall of Shame #2 – aus dem Gästebuch eines Deutschen Lichtspielhauses

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Zitat der Woche


„Es wächst im Volke unter dem Einfluß des Kinos ein ganz neuer seelischer Typus heran. Eine Menschenart, die nur noch in groben Allgemeinvorstellungen zuckend ‘denkt’, die sich von Eindruck zu Eindruck haltlos hinreißen lässt, die gar nicht mehr die Fähigkeit hat, klar und überlegen zu urteilen. Eine Menschenart, die während der Revolution bereits unheilvoll genug gewirkt hat, und die, je mehr Generationen durch den seelischen Zermürbungsapparat des Kinos bearbeitet werden, immer mehr anwachsen und der Kultur (auch der politischen Kultur) ihr Gepräge geben wird. Das Kino bildet einen neuen, geistig wie sittlich minderwertigen Menschentyp: den homo cinematicus.“

- Wilhelm Stapel


„Geradezu vergiftend wirkt der Detektiv- oder Aufklärungsfilm auf die Jugend, bei der das ganze Geistesleben sich noch in der Entwicklung befindet, die Einbildungskunst viel lebhafter arbeitet, die Eindrücke stärker wirken, die verstandesmäßigen Hemmungen oft fehlen und daher die Gefahr der Verführung viel größer ist. Wie unendlich viele Jungen hat das Kino schon vor Gericht und ins Gefängnis gebracht, und jeder Tag fordert neue Opfer. Der Jugendrichter, der Seelsorger, der Verteidiger, der nach dem Grunde der Tat forscht, hört von den Angehörigen immer wieder: er konnte nicht anders, er mußte in alle Films rennen, und dort sieht und lernt er ja, wie er es zu machen hat.!“

- Dr. jur. Galleiske

How To Make A Joe D’Amato Movie

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Zitat der Woche

“hinsichtlich des Kunstwerks

im zeitalter seiner technischen reproduzierbarkeit

haben Sie sich geirrt

benjamin

 

die originale bleiben geheimnisse

auratisch for ever”

 

An Walter Benjamin. Alfred Andersch

Zitat der Woche

 

“Die Leidenschaften des Geistes vertreiben die der Sinnlichkeit.”

Leonardo da Vinci

Smut is good and healthy!

Ein schönes Zitat der Woche aus dem Kurzkommentar eines IMDb-Users zu THE FABULOUS BASTARD FROM CHICAGO (hierzulande ORGIE DER GESETZLOSEN, 1969): “Highly enjoyable, from an age when smut was good and healthy.”

Das hätte dem Katholischen Filmdienst der Nachkriegsdekaden (dessen Agenda-getriebene, freudlos-kunstfeindliche Fadenscheinigkeit Uwe Nettelbeck bereits 1966 anschaulich auseinander genommen hat) gar nicht geschmeckt. Als gegen den Strich gelesene Empfehlungsschreiben sind dessen berüchtigte, regelmäßig von hochgespielter moralischer Entrüstung durchsetzte Ein-Satz-Fazit-Abkanzelungen unliebsamer Werke immer wieder für einen Schmunzler und unglaubliche Fundstücke gut. Die Zeilen etwa zu FRANKENSTEINS TOCHTER (1958) argumentieren geradewegs mit einem juristischen Verstoß gegen den Zuschaueranspruch, wenn man sie beim Wort nimmt: “Ein Nachfahre des Gruselarztes verletzt mit Experimenten an einem lebenden und einem ermordeten Mädchen das Unterhaltungsrecht des Kinopublikums und den guten Geschmack.”

Den guten Geschmack zu verletzen und gesunden Schmutz zurück auf die Leinwand zu bringen, das ist hingegen das Ziel von „B-Film Basterds“, einem Retro-Festival für abseitige, gewagte, naive, wilde, schmierige, blutige, fröhliche, sonderbare und aus dem Rahmen fallende B-Movie- und Bahnhofskino-Freuden. Von 10. bis 12. Mai 2013 wird es im KommKino Nürnberg in Kooperation mit badmovies.de stattfinden und ganze zehn teils rare Werke aus den 50er bis 80er Jahren komplett in 35mm-DF-Projektion präsentieren. Viele Titel sind hier oder hier bereits bekannt gegeben worden, und als besonderer Höhepunkt wird auch der legendäre Geheimnisvolle Filmclub Buio Omega aus Gelsenkirchen vorbei schauen und drei besonders seltene Schätze aus seiner normalerweise unzugänglichen Schatzkammer präsentieren – ganz seinem ebenso verheißungs- wie schmerzvollen Leitspruch “Was Sie bei uns verpassen, ist für Sie unwiederbringlich verloren” entsprechend. Und abseits dieses kleinen, geballten Festivals gibt’s drum herum an jenem Wochenende zeitlich passend auch noch einige Filmperlen des japanischen Pulp-Extravaganza-Meisters Seijun Suzuki in (teils neuen) 35mm-OmeU-Filmkopien im Nachbarkino zu sehen. Wenn das nichts ist…

Zitat der Woche

Aus Frédéric Jaegers bei critic.de erschienenem und auch über das Zitat hinaus sehr lesenswertem Jahresrückblick 2012:

9. November: Zunächst hört sich das nach einer Randnotiz aus dem parlamentarischen Betrieb an: Der Bundestag beschließt, den Kulturetat für 2013 um 100 Millionen Euro zu erhöhen (gesamt 1,28 Milliarden). Die Auflistung, wofür das Geld eingesetzt werden soll, liest sich noch dazu recht unspektakulär: Hier etwas für die Denkmalpflege und Infrastruktur, dort etwas für Sanierungsarbeiten, aber auch das Kino soll nicht leer ausgehen: Immerhin 10 Millionen Euro werden für den Film reserviert und fließen in die Erhöhung des Budgets des Deutschen Filmförderfonds (DFFF). Sind das nicht gute Nachrichten? Jein: So richtig dagegen sein kann ja niemand (außer Klaus Lemke), wenn mehr Geld in die Filmförderung fließt – aber Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat sich erneut für eine Aufwertung der automatischen, nach wirtschaftlichen Fragen operierenden Subvention entschieden. Und das, natürlich, unter dem Deckmantel der Kulturförderung. Es sagt alles über die Prioritäten von Neumann aus, wenn gleichzeitig für 2013 eine Anpassung der Richtlinien ebendieser Förderung verabschiedet wurde, die innerhalb dieser technokratischen Lösung (jeder, der die Kriterien erfüllt, kriegt Geld) dafür sorgen soll, dass kleinere Filme mit nur geringer marktwirtschaftlicher Rentabilität ausgeschlossen werden. Denn wer künftig noch Geld will, muss einen Verleiher finden, der rechtsverbindlich zusagt (und dies vor Drehbeginn), dass er den Film mit mindestens 20 Kopien ins Kino bringen wird (ungeachtet des fertigen Films und dessen tatsächlicher Chancen im Kino). Für viele kleinere Projekte ist ein solches Versprechen schlicht nicht zu halten. Die wären dann auf eine Kulturförderung angewiesen, könnte man meinen. Dafür aber wurde trotz erhöhtem Kulturetat kein Geld reserviert. Ein Paradoxon? Ja, und ein Skandal.

Aber Moment, es geht ja noch weiter. Der Beauftragte für Kultur und Medien, so der volle Titel von Staatsminister Neumann, behauptet immer wieder, der DFFF sei auch eine kulturelle Förderung. Wer sich noch wundert, was das wohl bedeuten kann in Deutschland, der sei auf den Kriterienkatalog für die kulturellen Merkmale verwiesen. Denn Filme müssen einen „Eigenschaftstest“ durchlaufen, um zu zeigen, wie deutsch und wie kulturell sie sind. In den Richtlinien finden sich dann lauter Aspekte, die dies garantieren sollen: Neben den rein praktisch-nationalistischen Fragen nach Drehorten und der Staatsbürgerschaft von Crew und Cast gibt es eine ganze Reihe an Punkten für den gewünschten Gehalt: Wer auf einer literarischen Vorlage aufsetzt, ist schonmal im Plus, wer Künstler oder Kunstgattungen behandelt, auch, deutsche Motive und deutsche Figuren sind ebenso ein Bonus wie die Behandlung einer „Persönlichkeit der Zeit- und Weltgeschichte (z.B. Gandhi) oder eine[r] fiktionale[n] Figur der Kulturgeschichte (z.B. Herkules, Siegfried, Hänsel und Gretel)“. Historische Ereignisse, Weltanschauungen oder „Themen von aktueller gesellschaftlicher oder kultureller Relevanz (z.B. Kopftuchfrage, Flüchtlingsproblematik etc.)“ wirken sich nochmal positiv auf die Förderungschancen aus. Prost, Deutschland, auf viele weitere Jahrzehnte vorgeschriebener Bedeutungsschwere im Kino.

Zurück in die Zukunft

Technik, Ästhetik, Stil und Ambition in einigen US-Filmen des Jahrgangs 2012. Ein paar lose, Tagebuch-artige Anmerkungen zur HFR-3D-Version von THE HOBBIT sowie zu THE MASTER, DJANGO UNCHAINED und GIMME THE LOOT.

Die letzten Wochen gab es quer durchs Netz unzählige ellenlange Diskussionen über die produktionsseitig zunächst als revolutionär angepriesene HFR-3D-Technik bei Peter Jacksons THE HOBBIT. 48 statt 24 Einzelbilder pro Sekunde (= “Higher Frame Rate”, abgekürzt HFR) heißt das Rezept, das vor allem für ruckelfreie Schwenks und unverschwommene schnelle Actionszenen sorgen soll, und von dem sich manche offenbar einen ganz neuen “Realismus” im Kino versprechen. Das diese elementare formale Eigenschaft des Films überall so breit diskutiert wird, ist im Grunde zweifellos begrüßenswert, auch wenn ich niemanden darum beneide, sich den Film gleich drei Mal in verschiedenen Versionen angesehen zu haben, um danach einen elaborierten Vergleich ziehen zu können. Auch wenn ich die Diskussionen schon aufgrund ihrer Masse nur kursorisch verfolgt habe, scheint der Tenor zur HFR-Technik eindeutig sehr skeptisch bis negativ auszufallen, jedenfalls zu der Art, wie sie im HOBBIT eingesetzt wird. Zu den interessantesten Abhandlungen schien mir dieser Artikel zu gehören, dessen vorgebliche wissenschaftliche Untermauerung zwar etwas fragwürdig anmutet, der mir in seiner Argumentation aber sehr einleuchtet. Zwei zentrale Zitate des allerdings ohnehin erfreulich knapp und prägnant gehaltenen Artikels: Weiterlesen…

Zitat der Woche

Speaking of fetishism, one thing that isn’t written of enough, is that of digital. Besides, the basic fundamental digital issue of choosing what is a “1″ or a “0″, there is, in the hands of many techs the fetishistic choice of amplifying visual and audio data that is beyond the normal scope of human vision and sound. Too many films have soundtracks with amped up audio details that only a dog would normally discern. HD video also has the tendency to bring out “details” that the normal eye wouldn’t necessarily fix on. So, there is a counter to the fetishism argument as well.

Kommentar von User JoeS unter einem Twitch-Beitrag zu den Projektionsformaten von THE MASTER. Abgesehen davon, dass ich persönlich prinzipiell weder gegen Fetischismus noch gegen bewusste Künstlichkeit etwas habe, scheint mir gerade der erste Satz des Zitats eine sehr elementare, wichtige Anmerkung in dieser ganzen Diskussion. Das Zitat passt auch sehr gut zu einem Kommentar von Jochen kürzlich hier bei ET, der auf den Aspekt des Futurismus bei blindwütigen Digital-Befürwortern hinwies. Dass Film-Befürworter (bzw. auch lediglich Koexistenz-Befürworter) ständig mit Fetischismus- und Nostalgie-Vorwürfen konfrontiert werden, aber die (möglicherweise weitaus ausgeprägtere) Fetischismus- und Futurismus-Tendenz der Digital-Befürworter nahezu nie thematisiert wird, ist schon frappierend und hochgradig tendenziös.

Aus gegebenem Anlass noch ein weiteres den Nagel auf den Kopf treffendes JoeS-Zitat aus jener Diskussion:

I saw SAMSARA and THE MASTER (both shot on 65mm) in the EXACT SAME theater one week apart. SAMSARA was transferred in 8k and projected in 4K (idiotically, there are NO 70mm film prints – NONE). THE MASTER was shown in 70mm.
There really is no comparison. Film just looks softer, warmer and more realistic. Digital has a glossy plastic image.

I honestly respect Robert Harris for everything he has done for movie restorations, but, with all due respect – I think Harris has spent too much time transferring material to Blu Ray/HD. I cannot believe he honestly feels that digital looks better than 70mm film.

Finally, this reminds me of the early days of CDs. Everybody jumped up and down talking about how great it was to finally hear music without the dreaded surface noises, pops & scratches. All true. But, over time, there was a realization that analogue, for all its flaws, simply has a warmer more natural sound. A number of pros in the industry, both artists and technicians have admitted this in recent years. Hence, the recent uptick in LP sales. Still, a niche, but it IS superior sounding.

Jedes Wort möchte man unterstreichen. Vor allem, nachdem das versammelte Hofbauer-Kommando sowie Sano und weitere Freunde und Bekannte gerade drei beglückende Tage voller wunderbarer 70mm-Kinoerlebnisse beim Todd-AO-Festival in Karlsruhe hatten – trotz eines auf dem Papier zunächst eher nicht so wahnsinnig interessant aussehenden Programms, das dann allerdings eine ganze Reihe sehr schöner Überraschungen bei den Filmen (allen voran: WATERLOO von Sergei Bondartschuk, aber auch DER GROSSE WALL von Shigeo Tanaka, oder ein großartiger namenloser Sovscope-70-Demonstrationsfilm, etc.) und mitunter auch bei den Kopien (allen voran eine in Eastmancolor-untypisch prächtig erhaltenen Farben erstrahlende BRAINSTORM-Erstaufführungkopie) bot. Und gerade gestern kam es dort auch zu exakt jenem Vergleich: Nachmittags die von wunderschönen, filigranen Farb- und Lichtabstufungen durchströmte 70mm-Kopie von THE MASTER gesehen, und abends nach dem letzten Film noch um die Vorführung des 4k-Trailers von SAMSARA (ebenfalls auf 70mm bzw. 65mm gedreht, aber digital geschnitten und gezeigt) gebeten, um zwecks Vergleich im gleichen Saal einen kurzen Bildeindruck zu haben. Ernüchterung machte sich bei den Anwesenden breit: Das flache, sterile Plastik-Bild mit ebensolchen Farben kommt wirklich nicht einmal ansatzweise in die Nähe von 70mm. Es mag auch an der Fotografie und Ausleuchtung des Films selbst gelegen haben, zweifellos auch am leidigen massiven nachträglichen Colorgrading, und auch mag der Trailer womöglich ästhetisch auch nicht komplett dem fertigen Film entsprechen, aber mit einer halbwegs originalgetreuen Wiedergabe des 65mm-Aufnahmematerials hatte dieser bizarrerweise vielgelobte SAMSARA-4k-Bildeindruck wirklich nicht mal näherungsweise etwas zu tun. Trist und trüb kann einem da zumute werden, und ich war sehr froh, mir den Film nicht komplett in 4k angesehen zu haben, was ich kürzlich aus Neugier noch erwogen hatte. Dann lieber gleich digital drehen und tolle, originär-digitale Dinge damit machen anstatt analoge Filme nachträglich derart zu verunstalten. Es braucht letztlich auch keine großen, wenig zielführenden Vergleichsdebatten. “Respektiert einfach nur die Unterschiede!”, möchte man einmal mehr in aller Deutlichkeit fordern. Und in diesem Sinne auf noch viele weitere 70mm-Festivals (nicht nur, aber eben auch) in Karlsruhe hoffen!