Peter Thomas und das Erwachen der Avantgarde bei Alfred Vohrer – Eine freudige Erinnerung zum Jahresende




    Peter Thomas (r.) am Klavier


Zwei stilistische Fortentwicklungen eng verzahnt: Den oft feixend an den Randfasern des im deutschen Kino so wichtigen heiligen Ernstes bei der Inszenierung auch heiterer Kost operierenden Regisseur Alfred Vohrer (1914 – 1986) und den alle Bemühungen der Regie stets in angemessene Entsprechung kleidenden Filmkomponisten Peter Thomas (1925 – 2020) verband 1966 bereits eine stolze Reihe von sechs Kollaborationen in jeweils weniger als zehn Jahren beim Kino, als ersterer zweiteren endlich auch bei dem wohl größten Prestigeprojekt seiner Gesamtlaufbahn zur Seite gestellt bekam. Die Karl-May-Filme der Rialto Film gingen mit “Winnetou und sein Freund Old Firehand” in die nächste Runde, wurden jedoch zuvor im Boxenstopp merklich verjüngt. Lex Barker sowie Stewart Granger, die alternden Allzuverlässigkeiten deutscher Populärkultur, wichen von der Reihe, der attraktive Italiener Rik Battaglia wurde nach seinem reichlich Liebespost kostenden Ikonenmord im Abschluss der Winnetou-Trilogie zur heißblütigeren Version eines Westhelden befördert. Die Schurken machte man in Abweichung zum Gros der übrigen Filme zu aus schierer Bereicherungslust mordenden Desperados, rachegetriebenen Soziopathen und sogar vergnüglich-einnehmenden Antischurken.

Um zur inhaltlichen Frischzellenkur gleichzuziehen, ergeht sich die Inszenierung in Reminiszenzen an den ruppigen, neuen Westen aus Cinecittà, einem als Proto-Helge-Schneider in impulsive Verbalticks explodierenden Viktor de Kowa (of all people!) als comic relief und ausgedehnten Actionszenen, die zu den bestinszenierten im europäischen Kino dieser Tage gehören. Hier nun tritt Peter Thomas ins Spiel. Schon der vorherige May “Unter Geiern” (1964) hatte von Vohrers singulärem, fast kurosawaesken Gespür für Raum und Zeit um Aktion herum, den zu jeder Sekunde aus szenischer Grundstruktur wie Figurenaufstellung sinnlich erfassbaren Einfluss jedes einzelnen Zahnrads im Kampfgeschehen, profitiert, doch fehlte ihm zur Vollkommenheit des Gipfelstürmers noch eine zweite Ebene. Wie auch sein der titelgebenden Banditenbande gewidmetes, diese auf konstant vorwärts preschenden Trommeln tragendes Geierthema dienten die Kompositionen des zumeist ungleich klassischer arbeitenden Hofkapellmeistersohnes Martin Böttcher mehr der erweiterten Illustration von Bildern denn der Interaktion zwischen filmischen Komponenten. Seit jeher passten sie besser zu den Elegien und Seelenlandschaften Harald Reinls, denen sie sanft beschreibend ein beträchtliches Maß Melancholie abgewannen. Der zu Kriegszeiten als Jazzpianist durch die Bars getingelte Thomas hingegen verstand die Kraft, den expressiven Akt jedes einzelnen Anschlags im Strom anders als der Gitarrensolist Böttcher, greift behänder in den Fluss der Ereignisse selbst ein. Er köchelt auf Notenpapier verewigte Peitschenhiebe schwingend den Druck nicht nur unentwegt Richtung Klimax an, sondern lässt ihn auch zwischendurch aus dem Kessel entweichen – die Helden müssen schließlich noch ein wenig weitermachen.

Seine Klänge sind der natürliche Fressfeind der Figuren, die in Vohrers zu dieser Zeit vermehrt metareflexiv die gewachsene Enge der ausgetretenen Genrepfade erkundenden Filmen oft arglosen, von inszenatorischen Sperenzchen angestupsten Gestaltungselementen gleichkommen. Dieses Mal finden sie sich auf einem ewig kreisenden Karussell der Konflikte aufgereiht, an dessen Schaltpulten ein maßlos enthusiastischer Rummelarbeiter waltet. Peter Thomas. Die erste Konfrontation zwischen Verbrechern und Helden gleicht einem stramm durcharrangierten Bewegungswalzer, der analog zu den Angreiferwellen an- wie abebbt, mittendrin einen Richtungswechsel des Geschehens erzwingt und bisweilen in seinem überkandidelten Forte bedrohlicher wirkt als der Streifschussketchup, den sein kurz donnernd auf der Stelle verharrender Höhepunkt Marie Versini zuträgt. Interaktiv wie kaum etwas zweites im deutschen Nachkriegskino sind diese Arrangements von Thomas in komplexe Kreisläufe gleichbleibender aber sich intensivierender Klänge und Takte, ein auf Verschnaufpause galoppierendes Intermezzo für Taktikangleichungen auf dem Schlachtfeld sowie informative Spreiztöne gegliedert. Das ausgefeilte Finale des Films erweitert diese Mechaniken auf mehrere versprengte Einzelgrüppchen unter den verteidigenden Händen eines belagerten Grenzstädtchens. Die chaotischen Verwicklungen einer Massenschlacht – eine Kakophonie sich bekriegender Antriebe und Abwürger.

So ganz war die Zeit noch nicht reif für derart aus den nur halbverleimt zugänglich gelassenen Fugen der Inszenierung selbst drängende Erzählkonventionen. “Winnetou und sein Freund Old Firehand” floppte für Reihenverhältnisse kolossal, Alfred Vohrer drehte zwei Wallace-Filme mit Martin Böttcher als Taktgeber ab und Peter Thomas vertonte unter anderem Harald Reinls hochgediegenen Gothicgrusler “Die Schlangengrube und das Pendel” (1967). Das saftige Versatzstückkompott, welches dieser stets dezent unterwältigende deutsche Horrorversuch wohl hätte sein können, wäre Vohrer auf dem Regiestuhl gelandet, lässt sich anhand des Filmes nachempfinden, der die beiden großen Offbeatkünstler zu neuen Schandtaten wiedervereinte und noch mehr als 50 Jahre nach seiner Entstehung als Prunkstück humoristischer Avantgarde allein auf weiter Flur steht. “Der Hund von Blackwood Castle” (1968) übersteigert den treibenden musikalischen Groove der letzten Wallace-Zusammenarbeit “Der Bucklige von Soho” (1966) endgültig über interne Logik hinaus in die Welt einstürzender Kulissen, Kinoillusionen und von Decken plumpsender Plastikskelette. Mehr artverwandt mit Helge Schneiders “00 Schneider – Jagd auf Nihil Baxter” (1994) denn irgendeinem seiner zahlreichen Vorgänger wie Nachfolger versteift sich dieses Unikat schelmisch auf dekonstruktivistischen Brachialhumor, der allen make believe sperrangelweit aufsprengt.

Thomas’ Musik leistet dabei treffliche Schützenhilfe: Sie ist fiepende Störfrequenz, ein schamlos anspukendes Heulen, das eine vor lauter Drehbuchhakenschlägen nie zur Ruhe kommende Geisterbahnfahrt über jeden Start- und Endpunkt hinweg auf immer neue Schienen tieferer Etage stürzen, dennoch nie verunglücken lässt. Jede einzelne Taste auf Thomas’ berühmten ThoWiPhon – einem von ihm und dem Siemensingenieur Hansjörg Wicha entwickelten Synthesizer, der die nur zwei Generatoren damaliger elektronischer Orgeln grundlegend erweiterte, zur Basis der futuristischen Thomas-Sounds – findet Entsprechung in den Details Vohrers exzentrischer Ausgestaltung und stößt sie weiter absurdwärts. Was zuerst da war – die Henne oder das Ei – lässt sich nicht zufriedenstellend beantworten, beide Talente schaukelten sich gegenseitig zum den Überhang zelebrierenden Exzess. Launisch kommentierende Misserfolgsresonanzen der dritten tonalen Art regieren das Rätseln der Figuren und dienen gleichsam allein dazu, das bizarre Element einer durch die Regie oder das Drehbuch konstruierten Situation ungefiltert vor die Leinwände zu zerren. Dazu nimmt die Kamera Durchgänge fortwährend immer so ein wenig neben den baulichen Begrenzungen, was die Inszenierung ins Kulissenhafte einer besonders derangierten Episode des Peter Steinerschen Theaterstadls überführt.

“Der Hund von Blackwood Castle” ist so überbordend, wie seine im Rausch des Überschwangs getarnten Mittel letztlich subtil und subversiv sind – eine Vermählung, die allein in Heiterkeit vereinte Ausnahmetalente auf der Höhe ihrer Experimentierfreude zu Stande bringen. Peter Thomas ist Alfred Vohrer, dem anderen großen Spaßvogel des deutschen Krimis, im Mai mit einem reichen Leben und wohl viel Lachen in den letzten Taschen nachgefolgt. Gemäß der Hauptattraktion eines weiteren gemeinsamen Gruselausfluges, der lachenden Leiche aus “Im Banne des Unheimlichen” (1968), wird dieses jedoch nie verhallen, lebt es doch weiter in unserem kollektiven Gedächtnis, den Filmen von Epigonen der musikalischen und filmischen Grenzbeschreitung wie Helge Schneider und der Möglichkeit, dass solch feingliedrige Formexperimente auch zwischen den dieser Tage ungleich strenger getrennten Sphären von Ernst und Unterhaltung noch einmal Einzug finden könnten. Denn es müssen sich dafür bloß die Richtigen finden – das war damals, in der goldenen Erinnerung, nicht anders und wird nie anders sein.


Winnetou und sein Freund Old Firehand – BRD, Jugoslawien 1966 – 94 Minuten – Regie: Alfred Vohrer – Produktion: Horst Wendlandt – Drehbuch: David De Reske, C.B. Taylor, H.G. Petersson – Kamera: Karl Löb – Schnitt: Jutta Hering – Musik: Peter Thomas – Darsteller: Pierre Brice, Rod Cameron, Marie Versini, Viktor De Kowa, Harald Leipnitz u.v.a.

Der Hund von Blackwood Castle – BRD 1968 – 92 Minuten – Regie: Alfred Vohrer – Produktion: Horst Wendlandt – Drehbuch: Herbert Reinecker – Kamera: Karl Löb – Schnitt: Jutta Hering – Musik: Peter Thomas – Darsteller: Heinz Drache, Karin Baal, Siegfried Schürenberg, Ilse Pagé, Agnes Windeck u.v.a.


    Alfred Vohrer, verschmitzt
Dieser Beitrag wurde am Mittwoch, Dezember 23rd, 2020 in den Kategorien André Malberg, Blog, Blogautoren, Essays, Filmschaffende veröffentlicht. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können diesen Beitrag kommentieren, oder einen Trackback von ihrer eigenen Seite setzen.

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