Listen 2014

joao benard da costa

Neues Jahr, neue Listen zum vergangenen Jahr. Auch diesmal sind die Jahres- und Entdeckungslisten 2014 direkt in einem Sammelbeitrag zusammen gefasst und zugegeben mit heißer Nadel gestrickt. Wir freuen uns, dass Jochen Werner auch dieses Jahr wieder dabei ist und außerdem ET-Gastautor, Filmkollektiv-Frankfurt-Mitbegründer und Filmemacher Gary Vanisian erstmals bei unserem Listenwahnsinn mitmischt. Und auch aus dem Kreis der ET-Stammautoren konnten sich wieder einige aufraffen, ein wenig Bilanz zu ziehen. Die Listen sind wie gehabt alphabetisch nach Beitragenden sortiert, lediglich Sanos ausufernde Exzessliste ist der Übersicht halber um eine Stelle nach hinten an den Schluss gerückt. Weiterlesen…

14. Hofbauer-Kongress, Aufriss #18

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An einem Herbstabend vor drei Jahren saß ich [Christoph] mit Freunden aus dem Umfeld des geschätzten Online-Filmmagazins “Hard Sensations” im “Leerzeichen” zusammen, einer winzigen Kultur-Oase in einer Aachener Seitenstraße. Bei Speis und Trank unterhielt man sich über Pornos und Klaus Kinski (worüber auch sonst?). Viele der herausragenden Pornographen Amerikas, so stellte man fest, seien ja eher zufällig zu ihrem feuchtfröhlichen Gewerbe gekommen und hatten Film lange Jahre ihres Lebens nie für sich in Erwägung gezogen. Ja, so sei das auch bei seinem Vater gewesen, seufzte Robert, der Besitzer und Betreiber des “Leerzeichens”. Entgeistert starrte ich ihn an, in ungläubiger Erwartung delikater Enthüllungen des von Scham gebeugten Sohnes eines Mannes, der in der Blüte seines Lebens die Bali-Kinos und Videotheken der 80er Jahre mit expliziten Erregungsbewegtbildern beliefert hatte. “Ich meine – er macht keine Pornos”, schickte Robert sich eilig an, die Entgeisterung aus meinen Zügen zu wischen. Weiterlesen…

14. Hofbauer-Kongress, Aufriss #17

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Von türkischen Früchten haben wir bei einem früheren Kongress bereits genascht und uns Appetit geholt, der nun mit dem richtigen Gespür für Urinstinkte gestillt werden möchte und gewiss nicht der letzte Film von Paul Verhoeven beim Kongress bleiben wird. Zunächst ist aber jener Film an der Reihe, bei dem der Fischer Film Almanach die Rolle von Onkel Fürchtegott einnahm (“BASIC INSTINCT reiht sich in die Orgien von Brutalität und Menschenverachtung ein, die der Zuschauer von einem auf Hochglanz polierten amerikanischen Actionkino leider nur zu sehr und in steigendem Maße gewohnt ist.”) und der dank Sharon Stones berühmten schlüpferfreien Beinüberschlag im Verhörraum wie kaum ein anderer Film mit einer Spalte zu spalten vermochte und unterstrich, dass “Schlitzi-Sightseeing” nicht allein eine rassistische Bemerkung über asiatische Touristen sein muss… Kein Wunder, dass bei solchen Aussichten auch ein Michael Douglas aus dem Gleichgewicht gerät und seine bohrenden Ermittlungen lieber in fleischlichen als moralischen Abgründen fortsetzen würde. Doch der Mord an einem Rocksänger, der in gefesselter Ekstase rabiat von einem Eispickel penetriert wurde, hat Detective Douglas zu jener von Stone verkörperten Schriftstellerin Catherine Tramell geführt, bei der eine Romanfigur unter den gleichen Umstände das Zeitliche gesegnet hat. Und er erliegt rasch den geschickten Verführungskünsten dieses blonden Gifts, das männlichen Hosentigern ebenso zugeneigt ist wie weiblichen Gaumenschlangen… Weiterlesen…

14. Hofbauer-Kongress, Aufriss #16

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„Ferdinand ist ein Bananenmann
Er träumt, er macht’ sich an Damen ran
Doch traut er sich nicht und neigt zum Verzicht,
Kaum kommt es auf handfeste Taten an“

So schrieb schon der mittelalterliche Heiterkeitsgelehrte Hilarius Borscht in seinem lustvoll-nachdenklichen Gedichtband „Keine Minne in meinen Gemächern“. Sicherlich war Borscht nicht der erste, der die altertümliche Sage um den Freiherrn zu Fernstech in derart gefühlvolle Verse kleidete. Dennoch gilt seine Ballade als der bislang einzige überlieferte Text, in dem jener als „Bananenmann“ bezeichnet wird – ein Begriff, der der Mediävistik bis heute Rätsel aufgibt. Worauf spielte Borscht mit dieser Zeile an? Weiterlesen…

14. Hofbauer-Kongress, Aufriss #15

L. Lasso, Ihr FWU-Host
Ganz richtig merkte Gary Vanisian vom “Filmkollektiv Frankfurt” – welches uns im November 2014 zu einem auswärtigen Sondergipfel lud – im Vorfeld selbiger Veranstaltung an, dass die Lehrfilme des FWU (Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht) inzwischen ein unentbehrlicher Teil des HK-Lebensgefühls geworden seien. Eng ans Herz gewachsen sind sie uns in der Tat, jene kleinen, grobkörnigen und wahlweise rührenden, trübsinnigen, amüsanten oder finsteren Schmalfilm-Zeugnisse deutscher Tristesse, die wohlmeinend, aber unvermeidlich steif und altväterlich den Schwierigkeiten des Gefühls-, Familien-, Sexual- oder des Soziallebens im ganz Allgemeinen nachspüren. Viele von uns erlebten diese Filme noch im Kontext ihrer ursprünglichen Bestimmung: Als Anschauungsmaterial im Schulunterricht, mit einem aus dem “Technikraum” herbeigerollten 16mm-Projektor an die Wand des Klassenzimmers geworfen. Heute sind diese Filme aus den Schulen und Sozialeinrichtungen verschwunden. Produktionen jüngeren Datums auf digitalen Datenträgern haben ihren Platz eingenommen. Das ist verständlich, legt aber auch nahe, dass es an der Zeit ist, sich dem über die Jahrzehnte hinweg in enorme Dimensionen aufgedunsenen FWU-Filmkörper aus einer anderen Perspektive zu nähern. Weiterlesen…

14. Hofbauer-Kongress, Aufriss #14

INSEL
Leichtbeschürzte Amazonen scheinen auf einer gar sonderbaren INSEL DER UNBERÜHRTEN FRAUEN nur darauf gewartet zu haben, die müden Recken eines abgestürzten US-Flugzeugs zu umgarnen, um die ein oder andere Berührung herbei zu führen. Was sich dabei so alles zuträgt, gibt Onkel Fürchtegott folgendermaßen zu Protokoll:

„Nach fünftägiger Irrfahrt in einem Schlauchboot irgendwo im Pazifik landen vier Mitglieder einer beim Angriff auf einen japanischen Flottenverband abgeschossenen Bomberbesatzung auf einer unbekannten Insel. Dort werden sie von vierzig schurzbekleideten und speerbewaffneten, aber gut ondulierten Amazonen gefangengenommen. Die Mädchen stellen sich als die letzten Nachkommen der Druiden vor, eines Stammes, der vor 2000 Jahren in Süd-England gelebt haben soll. (Tatsächlich waren die Druiden Angehörige einer Priesterkaste bei den Kelten.) Da ein Teil der Mädchen beim Anblick der Männer ans Heiraten denkt, befreit die Priesterin Sandra die Fremden und schickt sie ins Tal des Todes, wo sich die ganze vorzeitliche Tierwelt mit allen Sauriern versammelt hat. Obwohl diese Riesenechsen Pflanzenfresser waren, machen sie plump-fröhliche Jagd auf unsere Landser. Nur durch beschleunigten Rückzug zu den Druidentöchtern retten diese ihr Leben. Noch bevor die ersten Liebeständel ernst werden, überfallen bärtige Männer à la Neandertaler die Insel, werden jedoch von den Fliegern mit Hilfe ihrer nie zu ladenden Revolver abgewehrt. Aber am Untergang der Insel durch den Ausbruch eines Vulkans können die tapferen Verteidiger nichts ändern. So erlischt alles durch Jahrtausende konservierte Leben. Nur einer bringt die unglaubliche Kunde von der Insel nach Hause. – Tatsächlich ist es unglaublich, welch primitive Geschichte (übrigens reichlich alten Datums) dem Filmbesucher zugemutet wird, nicht nur in der Machart, sondern auch in der Idee. Da wird das Blaue vom Himmel herunter erfunden, nur um auf eine passende Laufzeit zu kommen. Wenn einer der Soldaten den Stamm einer fleischfressenden Pflanze mit dem Dolch bearbeitet und diese unter den Stichen ihr Leben “aushaucht”, kann es nur Hohngelächter im Parkett geben. Das Ganze wird – wie gewohnt – in einer Rahmenhandlung wissenschaftlich verbrämt.“ (Katholischer Filmdienst) Weiterlesen…

14. Hofbauer-Kongress, Aufriss #13

STÜF
“Rumpelstählchen” möchten wir die zentrale Figur unseres von einigen verlorenen Seelen sicherlich schon sehnsüchtig erwarteten ‪#‎StÜF‬, unseres “stählernen Überraschungsfilms” taufen, denn Stillhalten ist seine Sache nicht. Rumpelstählchen ist ein gar rastloses Kerlchen mit dubiosen Idealen, welches sich in seinem schmutzigen und schwachsinnigen Tun von niemandem beirren lässt. Unerbittlich verfolgt er seine kümmerlich patriarchalischen Ziele mit Methoden, unter denen sich das Gebälk der Filmerzählung und die Sinnhaftigkeit der Komik biegen. Stets unter sicht- und leider auch hörbaren Mühen an den Grenzen des Menschenverstands und des Menschenwürdigen entlanghysterisierend, ist Rumpelstählchen eine enervierende Gestalt, mit der nicht gut Nutella essen ist (s. u.). Dies vermochte jenen grundverdorbenen, das Zersetzende stoisch erduldenden Altmeister und Schlüsselregisseur des HK-relevanten Kinos, der für diesen StÜF verantwortlich zeichnete, jedoch nicht davon abzuhalten, Rumpelstählchen in den Mittelpunkt eines seiner infernalischsten Werke zu stellen – eine Prüfung von Film, auf die aus gutem Grund heutzutage keine Hymnen mehr angestimmt werden, dem in internationalen Fachkreisen liederlichen Renommee seines mysteriösen Schöpfers zum Trotz. Weiterlesen…

14. Hofbauer-Kongress, Aufriss #12

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Eigentlich sollte unser “keuscher Zusatzfilm” ‪#‎KeuZ‬ dieses Mal nicht, wie bereits im Juli, wieder aus Zentralasien, sondern aus Italien zu uns kommen. Tücken des 35mm-Schicksals und technische Gründe haben uns jedoch dazu bewogen, in letzter Minute Flugtickets nach Taiwan zu buchen, um uns dem SHAOLIN KUNG FU (達摩密宗血神飄 1976) des in der deutschen Fassung titelgebenden gelben Tigers zu widmen. In rasendem Tempo wird er uns aus der Tiefe der Kinoleinwand entgegenrauschen in diesem aerodynamischen Leinwandspektakel à la bonne heure, welches augenscheinlich ein verhinderter 3D-Film ist, der seiner Zweidimensionalität mit übergriffiger Kadrage und entfesselter Flugakrobatik trotzt: Fliegende Grabsteine und messerscharfe Bumerangs werden unmittelbar an uns vorbeischwirren, Falltüren sich öffnen und Gitter vor unserer Nase herabsausen, wenn Peng-Yi Chang seinen wirbelwindigen Hauptdarsteller Carter Wong durch eine abenteuerliche Fabel von Intrige und Verrat aus dem China des 17. Jahrhunderts segeln lässt. Umso größer ist die Freude, als wir möglicherweise die entsprechende Filmkopie, welche uns vor Kurzem zuflog, als Erste zu Gesicht bekommen werden: wie aus dem Ei gepellt hat sie jahrelang auf unsere fiebrigen Blicke gewartet und ist, wie’s scheint, stets den Attacken fahrlässiger Bahnhofskinofilmvorführer (wenn auch nicht dem bei Fuji-Filmmaterial je nach Kopiengeneration unvermeidlichen Fading) entronnen. Weiterlesen…

14. Hofbauer-Kongress, Aufriss #11

Lost in Munich Coitus Crash Die blauen Augen des Siegfried Rauch vlcsnap-2014-12-16-05h44m41s186

“Als ich 16 Jahre alt war wollte ich selbstverständlich ein Gynäkologe werden. Das ist natürlich; jeder 16-Jährige will das. Als ich 19 war, wollte ich ein Kommissar sein. Jetzt bin ich Filmregisseur, das ist so etwas dazwischen”, resümierte der große Zbyněk Brynych 1994 HK-affin im Interview mit den rasenden SGE-Reportern Rainer Knepperges und Stefan Ertl. Zu diesem Zeitpunkt, kurz vor seinem Tod, konnte Brynych auf einen voluminösen Filmkörper zwischen Prag und München, zwischen den Barrandov-Studios und der Fernseh-Schmiede des Produzenten Helmut Ringelmann zurückblicken. Hundertfach hatte er teutonische Krimiserien wie “Derrick”, “Der Alte” und “Der Kommissar” mit lässiger Ultrakunst, süffisanten Verstrahlungen und knallharten Ironie-Schocks durchsetzt, mehrfach war er für seine kafkaesken tschechischen Filme über den Holocaust, seine Nachwehen und den kalten Krieg ausgezeichnet worden. Umso größer war angesichts letzterer Lorbeeren die Enttäuschung des ehrenvoll graumelierten deutschen Feuilletons, als es im Jahr 1970 der drei wundersamen, manischen und feinsinnig wollüstigen Kinofilme ansichtig wurde, die Brynych, endlich von höheren Sowjet-Instanzen unbehelligt, in euphorisch kurzer Abfolge für deutsche Produktionsfirmen gedreht hatte: ENGEL, DIE IHRE FLÜGEL VERBRENNEN, einer “eskapistische Raserei” (Stefan Ertl), DIE WEIBCHEN (“Es ist der Hunger, der große Hunger…”) und dem vielleicht schönsten, zärtlichsten und auch HK-relevantesten dieser drei Filme, OH HAPPY DAY, mit dem wir am 02. Januar um 21:15 im Filmhauskino die erste Kongressnacht und unser Special München im HK-relevanten Film 1969 – 1971 rauschhaft eröffnen werden. Es ist jener Film, der im Mai 2010 den Grundstein legte für die seither unvermindert anhaltende und bei jeder sich bietenden Gelegenheit geäußerte Bewunderung des Hofbauer-Kommandos für Zbyněk Brynych, und wir fiebern voller Ungeduld der Wiederbegegnung mit diesem immer noch allzu wohlbehüteten Geheimnis des deutschen Films entgegen, dieses Mal in eurer unschätzbaren Gesellschaft. Verlieben wir uns gemeinsam unsterblich in Anna – Anton, Nordpol, Nordpol, Anton. Weiterlesen…

14. Hofbauer-Kongress, Aufriss #10

Blut, Schweiß und Mädchen
Wenn die Mafia das Bahnhofskino betritt, merkt das Hofbauer-Kommando auf. Zu wonnevoll und eindringlich sind die Erinnerungen an Norbert Meisels DER ZERSTÖRER (MAFIA GIRLS), der sich bei einem der frühen Kongresse auf Anhieb den Weg ins HK-Pantheon geschmiert hat. Glückseligmachende und frei aufatmen lassende, abgrundtief trist-brachiale Verkommenheit und Schäbigkeit, bei der uns nachhaltig wohl um Herz und Hose wurde. Einen ähnlichen Meilenstein erwarten wir freilich nicht, wenn wir uns nun dennoch mit einiger Vorfreude einen anderen Mafia-Sexploitationfilm vornehmen, der kurz vor THE GODFATHER veröffentlicht wurde und dessen Originaltitel THE GODSON die Vermutung nahelegt, dass er bereits mit spekulativem Blick auf Coppolas Film eilig runtergekurbelt wurde, um auf zwielichtigerem Territorium auch ein paar Kneten abzugreifen. Weiterlesen…