Die Bewegung ist der Motor der Träume – Mondo cannibale (1980)

    I Have a Dream, a fantasy
    To help me through, reality
    And my destination, makes it worth the while
    Pushin’ through the darkness, still another mile

    (ABBA – I Have a Dream)

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Belohnte Tugend


In Venedig traf ich einmal im Kinema einen Engländer. Er sass neben mir, und aus der Art, wie er sich hatte, merkte ich, dass auch er ein Afficionado war, so gut wie ich. So sprach ich ihn an, und wir plauderten zusammen. Dann kam ein Rollfilm, der den schönen Namen führte: “Belohnte Tugend“, da winkte er mir zu schweigen. Und er sah dieses Stück nicht -, er trank es mit seiner ganzen Seele. Es war eine etwas larmoyante Sache, die im Bois spielte; eine junge, sehr hübsche Schauspielerin vom Odéon spielte darin. Und dann sagte mir der Engländer, dass er in diese Frau verliebt wäre. Er reise nun schon seit fünf Wochen diesem Rollfilm nach, den er zuerst in Turin gesehen habe, er verfolge ihn durch alle italienischen Städte. Am Ende einer jeden Woche erkundige er sich bei dem Kinemabesitzer, wohin der betreffende Film nun gesandt würde – und dahin reiste er. Ich fragte ihn, warum er dann nicht lieber versuche, das Original kennen zu lernen, er brauche ja nur nach Paris zu reisen und sich nach der Adresse der jungen Dame zu erkundigen, so könne er in spätestens drei Tagen seiner Angebeteten zu Füssen liegen. Doch er schüttelte den Kopf – nein, nein, er liebe das Bild und nicht die Frau. – Vor einigen Wochen jedoch schrieb er mir von seinem Landhause in Devonshire einen überaus glücklichen Brief: er hatte sich einen Kinematograph gekauft und einen einzigen Rollfilm dazu: “Belohnte Tugend“. Nun kann er, wenn er nur will, mit seiner Geliebten allein sein, mit ihr träumen im Dunkeln.

Auszug aus: Hanns Heinz Ewers: Vom Kinema.
zuerst erschienen in: Der Kinematograph (Düsseldorf), Nr. 159, 12.01.1910

Zeitnah gesehen: Un couteau dans le cœur (2018)

Ein sonderbarer Film, so möchte man über den Verlauf seiner gefühlt ersten Hälfte hinweg fast durchweg meinen – so proppevoll mit Referenzen an die große Zeit messerbetriebener Genreentwürfe, ein wenig überfällt von ihnen fast. Der, pardon the pun, fesselnde Auftaktmord aus William Friedkins ohnehin unübersehbar Pate gestanden habendem “Cruising” (1980), die selbst ausgewiesenen Fußfetischisten das Fürchten lehrenden Zehenübergriffe aus “Lo squartatore di New York” (Lucio Fulci, 1982), des Mörders Seelenreise, die an eine bösartig verfremdete Version von Jacques Scandelaris “New York City Inferno” (1978) gemahnt, Zauberweltenschwulenpornos à la Wakefield Poole, Schnapsexzesse hinterm Steuer wie man sie bereits ausgiebigst von Franco Nero kennt – dies alles und noch viel mehr taucht in Yann Gonzalez so hitzig schwülem wie unerschrocken schwulem Neo-Giallo-Entwurf in Form penibelst studierter Pastiches erneut aus den schlammigen Untiefen der filmischen Vergangenheit auf. Weiterlesen…

goEast 2016: Die letzte amerikanische Nacht des Andrzej Z.

NACHTBLENDE_THE MAIN THING IS TO LOVE
© goEast Filmfestival
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Bericht vom 2. Festival des 35mm-Films in Ljubljana, 18.-21. Juni

Vorrede

Wer heutzutage ein „Festival des 35mm-Films“ organisiert, der trifft im Vorfeld zwei Entscheidungen: Die eine – er wird keine (von wenigen Ausnahmen abgesehen) in den letzten Jahren entstandenen Filme zeigen, die andere – er wird eine Position beziehen, gegen die Brutalität der großen Filmstudios und –verleiher, gegen die Ignoranz des breiten Kinopublikums, sich von einer x-beliebigen Vorführungsform berieseln zu lassen.
Die Slowenische Kinemathek (im Folgenden: Slovenska kinoteka) in Ljubljana hat vom 17. bis 21. Juni ein „Festival des 35mm-Films“ organisiert, die 2. Ausgabe nach 2013. Es wurden mehrere Kinematheken eingeladen, um in Cartes blanches Archivschätze zu präsentieren und einzuführen, namentlich: Cinémathèque française, Anthology Film Archive, Österreichisches Filmmuseum. Schon vor Monaten hatte ich mir eine Reise nach Ljubljana aus diesem Anlass vorgenommen.

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13. Hofbauer-Kongress, Aufriss #13

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Glückszahl oder Unglückszahl – das ist immer wieder die Frage bei der Dreizehn. Beim 11. Kongress schien es Glück zu bringen, Katja Bienert ausgerechnet an einem Freitag, den 13. einzuladen, wo einer ihrer schönsten Filme endlich auf das richtige Publikum traf, nachdem er zuvor bei anderer Gelegenheit eher verschmäht worden war. Der 13. Kongress wiederum schien in der Vorbereitung eher vom Pech verfolgt. Erst entpuppte sich bei einer bereits eingeplanten und zunächst fast ungespielt aussehenden Kopie der letzte Akt als irreparabel verschimmelt und musste entsorgt werden, dann fielen kurz vor Programmfinalisierung plötzlich zwei weitere eigentlich schon zusagte Filme nach ärgerlicher Hinhaltetaktik der Produktionsfirma in letzter Minute aus und mussten ersetzt werden. Darunter ironischerweise auch jener Film, dessen Plakatmotiv die Grundlage für das Ankündigungsmotiv des 13. Kongresses bildete – zwar hätten wir auf eine Reduktionskopie ausweichen können, verzichteten aber nicht zuletzt aufgrund in diesem Fall zu befürchtender Tonprobleme darauf und entschieden uns, lieber offensiv damit umzugehen: Dann fehlt gerade der Titelmotivfilm eben einfach! Was soll’s, der Kongress wird nichtsdestotrotz umso fulminanter!

Denn an reizvollen Alternativen in der Programmgestaltung mangelt es uns natürlich nicht, und so war nach kurzer Rücksprache mit einem verlässlichen Archiv schnell attraktiver Ersatz gefunden. Weiterlesen…

¡Marker Sí!

LA BATAILLE DES DIX MILLIONS

 

Nach unserer schamlosen “PR-Aktion” für die diesjährige Ausgabe der Filminstitution goEast hier nun – der ausgleichenden Gerechtigkeit wegen – ein kurzer Hinweis auf die aktuelle, (nur im Umfang) vergleichsweise bescheidene “Filmkunstintervention” des berüchtigten Frankfurter Filmkollektivs, die diesmal (nach den höchstehrenwerten Huldigungen an den Untergrund-Veteranen Wilhelm Hein und den Filmpoeten Karpo Godina) einem nicht wirklich unbekannten oder missachteten, nichtsdestotrotz kaum gesehenen Filmemacher gewidmet ist: dem letztes Jahr nun vollends aus dieser Welt entschwundenen Christian François Bouche-Villeneuve, besser bekannt unter seinem Pseudonym Chris Marker. Weiterlesen…

Filmvorschau #15

Le goût de la violence
Robert Hossein Frankreich, Italien, BRD 1961

100 Deutsche Lieblingsfilme #46: Haut für Haut (1961)

“I’m innocent
But the weight of the world is on my shoulders
I’m innocent
But the battles started are far from over“  (The Offspring)

Am Anfang: Ein Zug fährt durch eine karge Landschaft, auf ihm bewaffnete Soldaten, sie sind kampfbereit, auf dem Weg, vielleicht an die Front. Der Zug fährt in einen Tunnel, und in der nächsten Szene sind die Soldaten bereits besiegt, bezwungen, tot oder gefangengenommen. Die Kamera fängt scheinbar ikonische Momente ein, die Bilder wirken monumental, erinnern an Kompositionen aus der klassischen Historienmalerei.

Große Ereignisse glänzen jedoch durch ihre Abwesenheit. Wie zu Beginn, werden wir auch bis zum Ende nur das Davor oder Danach erleben, die Auswirkungen von Ereignissen, oder besser gesagt von den Ereignissen die allgemein als wichtig erachtet werden. Der Film ist voller Begegnungen, aber statt Gruppen, begegnen sich Individuen, nachdem der Starre Verbund von Schwarz und Weiß, von „Ihnen“ und „Uns“, sofort nach dem obigen Prolog zu zerfallen beginnt. Beschrieben wird ein Zerfallsprozess, ein Weg der Desillusionierung, das Abfallen aller erlernten Vorstellungen und Ideale, und der Verlust jeglichen Halts; auf Begegnungen folgen immer auch Abschiede und das Epos wird zum Kammerspiel. Konsequent daher das Ende, dass man so oder so interpretieren kann, positiv wie negativ. Für mich war es voller Hoffnungen, ein Anfang, endlich ein Neubeginn, nachdem alle Konventionen über Bord geworfen werden, obwohl sie auf der Oberfläche scheinbar gewahrt worden sind. Weiterlesen…

Filmvorschau #6

Goodbye Again
Anatole Litvak  Frankreich, USA  1961