Zeitnah gesehen: Un couteau dans le cœur (2018)





Ein sonderbarer Film, so möchte man über den Verlauf seiner gefühlt ersten Hälfte hinweg fast durchweg meinen – so proppevoll mit Referenzen an die große Zeit messerbetriebener Genreentwürfe, ein wenig überfällt von ihnen fast. Der, pardon the pun, fesselnde Auftaktmord aus William Friedkins ohnehin unübersehbar Pate gestanden habendem “Cruising” (1980), die selbst ausgewiesenen Fußfetischisten das Fürchten lehrenden Zehenübergriffe aus “Lo squartatore di New York” (Lucio Fulci, 1982), des Mörders Seelenreise, die an eine bösartig verfremdete Version von Jacques Scandelaris “New York City Inferno” (1978) gemahnt, Zauberweltenschwulenpornos à la Wakefield Poole, Schnapsexzesse hinterm Steuer wie man sie bereits ausgiebigst von Franco Nero kennt – dies alles und noch viel mehr taucht in Yann Gonzalez so hitzig schwülem wie unerschrocken schwulem Neo-Giallo-Entwurf in Form penibelst studierter Pastiches erneut aus den schlammigen Untiefen der filmischen Vergangenheit auf.

Immerzu eine Spur überdrehter, weniger radikal in ihrer schmierigen Unappetitlichkeit oder schlicht nicht derart überzeugend wie in den großen Vorbildern. Doch irgendwann, da hat sich dieser schlangenhafte Film gerade einer größeren Häutung unterzogen, geht es einem auf: Das alles ist Absicht, hat Methode! Gesamtheitlich kommt die erste Hälfte einem fiebrigen Traum aus rasch übersättigend wirkenden, knallig ausgeleuchteten Impressionen gleich, Wiedergekautem aus Kino wie Leben, das hier eins zu sein scheint. Von einem vermummten Übeltäter dezimiert findet sich Pornoregisseurin Anne Parèzes (Vanessa Paradis) angestammter Darstellerstamm in Form eines Tributs, aber auch gespeist aus den ohnehin schon wie direkt für die Leinwand in der Leinwand luxoriös auschoreografierten Tötungsakte sogleich Niederschlag in ihrem Werk.

Bereits medial weitergesponnen das Verhör mit dem füßlichen Übergriff Bestandteil eines neuen Projektes – geboren aus den weit weniger aufregenden eigenen Eindrücken im Präsidium und erst nach außen offengelegt, als der den Stenografen Mimende beginnt die Buchstaben mithilfe seines erigierten Gliedes in die Schreibmaschine zu hämmern. Schnitt auf die umgebende Crew, dann auch jenseits der großen Trennwand: “Schnitt!” Alles in “Un couteau dans le cœur” unterliegt einer strengen Verwertungslogik, die die von Dämonen, Eifersucht und winzigsten bis theatralischsten Gesten der Eifersucht – in einem Gewerbe noch dazu, das solcherlei Besitzansprüche nicht gerade herzlich umarmt – sogleich ummünzt und als erregenden Sexreißer großzügig neben, in und unter den dahinter zurückstehenden Lebensalltag sprenkelt. Der Inhalt des Rahmes saugt diesem nach und nach die letzten Tropfen Blut aus den Adern. Solange, bis man hier wie dort des Sehens überdrüssig geworden ist.

In ihrer schieren Krassheit der Gegensätze eine bisweilen leicht strapaziöse Gliederung, die jedoch von der gleichsam aus Reizüberflutung in Folge eines weiteren Mordes im hellsten Tageslicht angetretene Stadtflucht der Regisseurin meisterlich umgedeutet wird, noch lange in Form verspäteter Erkenntnisse und seelischer Nachbeben weiterwirkt. Immersiv, das ist Gonzalez’ Ansatz – unsere Wahrnehmung der Lebensgliederung entspricht, durch die Mise en Scène provoziert, der seiner Figuren. Schlagartig beginnt im weniger flächendeckend bebauten Lande die gesamte Struktur freier zu atmen, werden die Hommagen unauffälliger, eleganter. Vom entschieden rollinesken Waldfriedhof zur freundlichen Bekanntschaft, die Cathy Stewart, einer der tragischsten Figuren im realen wie fiktiven Universum des großen französischen Elegisten, nicht bloß auf frappierende Wiese ähnelt, sondern mit ihr sogar noch den Vornamen teilt.

Befremdliche Subtilität erhält mit der nun inszenatorischen Stille dieses Zwischenspiels Einzug, in Referenzmaterial wie originär Geschriebenes gleichermaßen. In aller Seelenruhe widmet sich Gonzalez den Sehnsüchten, vielleicht auch Begierden zwischen zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, verliert seinen Thrillerplot in ihren Augen, ihren Lippen, jeder Kleinigkeit, die sich auf diesen abzeichnet. Was wie Annes ungehemmter Alkoholismus in der Stadt noch für Anspannung im sozialen Umfeld sorgte, fügt sich hier beinahe magisch in die neue Umgebung ein. Ein Ankommen, für die geplagte Künstlerin, aber kaum weniger den geisterhaft noch über ihr die Fäden Ziehenden, der nun vollends seinen eigenen Weg findet, ihn vielmehr planmäßig offenlegt unter den akkumulierten Stiefeln Vorangegangener.

Fürwahr bemerkenswert, wie genau das im Stile seiner Vorbilder psychologisch verbrämte Serienmördernarrativ im Hintergrund zu einem präzis beobachteten Abbild des Filmemachens zusammenläuft, alle Etappen sind versammelt: Rückschläge in Form verstorbener Teammitglieder, Rückzug in die Schreibklausur, Refokussierung in die Gedanken beatmender Umgebung und Rückkehr mit der entscheidenden Erkenntnis im Gepäck, zuletzt – der Große, auch mentale Durchbruch mitsamt seines abschließenden fürchterlichen Preises. Beinahe breitet sich ein Hauch von Pessimismus aus, von Verbitterung mit dem Filmgeschäft. Für einen derart zitatsintensiven, ehrerbietenden Film liegt in der Tiefe des Innerstens ein erstaunlicher Mangel an Beweihräucherung des Kinos, der eigenen wie fremden geilen Bilder, seiner schaffenden Hände vergraben.

Aber es ist nicht die Enge des Herzens, die hier zu uns spricht, sondern die Weite schrankenlosen Mitgefühls. Ganz weit weg, in einer Art traumhaft schwerelosen Unterwelt der Empfindungen lässt Gonzalez die schmerzhaften Risse, die sein Killer an der Herzscheidewand hinterlassen hat, bedächtig in Form sukzessiver verblassender Abschiede, die das Leben so nie bereithielt, zuheilen. Eine große Trauerfeier in den schon immer viel verlockenderen Filmweiten, ein finaler Rauch auf den Kater der entbehrungsreichen Arbeit. Für Anne Parèze und Yann Gonzalez stellen sich die gleichen Fragen – wie wird es hiernach weitergehen? Wo geht man hin, wenn man alles, wenn man zu viel schon gesehen hat?


Un couteau dans le cœur – Frankreich, Mexiko, Schweiz 2018 – 106 Minuten – Regie: Yann Gonzalez – Produktion: Charles Gillibert, Julio Chavezmontes, Consuelo Frauenfelder, Olivier Père, Jamal Zeinal Zade – Drehbuch: Yann Gonzalez, Christiano Mangione – Kamera: Simon Beaufils – Schnitt: Raphaël Lefèvre – Musik: M83 – Darsteller: Vanessa Paradis, Nicolas Maury, Kate Moran, Khaled Alouach, Romane Bohringer u.v.a.

Dieser Beitrag wurde am Montag, Juli 22nd, 2019 in den Kategorien Aktuelles Kino, Ältere Texte, André Malberg, Blog, Blogautoren, Filmbesprechungen, Zeitnah gesehen veröffentlicht. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können diesen Beitrag kommentieren, oder einen Trackback von ihrer eigenen Seite setzen.

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