Träume überm Schimmer der Kanäle – Terminator II (1989)




    Dann bleiben nur Träume auf hoher See.
    So wird es stets sein, so war’s eh und je,
    doch träumt nur Matrosen, denn Träume sind schön,
    auch wenn sie fast nie in Erfüllung geh’n.

    (Heino – Was träumen Matrosen)

Multiethnisches aber monolinguales Zentrum der Postzivilisation scheint Venedig in Bruno Matteis schambefreiten Kopistenreißer “Terminator II” zu sein, eine universalistisch gemeißelte Fantasiewelt – und entgegen aller Erwartung ist damit bereits alles über diesen im Grunde seines Herzens einfach nur schönen Venedigfilm gesagt. Denn das Interessante an ihm ist weder Christopher Ahrens’ zwischen sediertem Mensch und menschlich protzender Maschine oszillierender Terminator-Abklatsch noch, wie vollumfänglich er sich die grobe Struktur von James Camerons zweitem 80er Superhit “Aliens” (1986) einverleibt hat, sondern der zuvorderst auch ästhetische wie materialästhetische Konflikt, den er rein aus der Stadt der Liebe bezieht, gleich zu Beginn als ersten Teil eines Buchstützenpaares aufsetzt und nachhaltig ins Narrative einsickern lässt. Eine Ansichtskarte in der Hand enthusiasmiert sich die abgehärtete Soldatin Koster (Geretta Geretta) gegenüber ihrem Kumpel Kowalsky über die ferne Zeit, bevor der steigende Wasserspiegel alles Leben in den Untergrund trieb. “I’ll be damned! Fuckin’ A!”, der Eingeweihte versteht offenkundig direkt, was diese einzelne Aufnahme für die Gesamtheit der Existenz impliziert. Abstraktion, eine gedankliche Stoßrichtung unter zahlreichen mentalen Vor- wie Rückwärtsbewegungen, die den Film einrahmen.

Aus ihr entspringen die Träume und ganzheitlichen Vorstellungen einer vorübergetriebenen Welt, die als Sprungfeder hinter vielen der in einem harten Soldatenkracher glorios deplatziert wirkenden Charaktere zu werkeln scheinen. An ihnen teilzuhaben ist ganz simpel; die kraftvoll simplistische, darin ungemein filmische Eröffnung zeigt den Weg auf. Hinzudenken – “This is Venice today, what will happen tomorrow?”, beschließt der Erzähler seine über ein semi-dokumentarisch von Fahrstuhlmusik verifiziertes, weitestgehend nicht manipuliert eingefangenes Venedig der damaligen Gegenwart gelegten Ausführungen mit einer impliziten Frage. Spartanisch operierend schaffen eine handvoll Schnitte sogleich das Grundgerüst – ein “Off Limits”-Schild vor der Uferpromenade, Venedig jetzt mit Neonüberzug im Weichzeichnerkleid, dann Soldaten aufgereiht vor ebendiesem Sperrschild und als zähe Spinatsuppe fließende Impressionen aus den Kanälen der neuen Welt. In Form einer nur zweitrangig narrativen Klammer wird das Ende des Filmes diesen Auftakt erneut aufgreifen.

Wegdenken – ein Einwegticket in den immateriellen Raum einer wohl zum Scheitern verdammten Zeitreise ist es schließlich, das den Killerroboter aus der Welt schafft; der Klimax davor: inszeniert als erst hilfloses Ringen um Ermächtigung, darum, diesen Gedanken überhaupt erst zu denken. Die Lehren, die nicht allein für die Helden in der Fuge zwischen dem Chronistischen des Auftaktes und den wieder in dessen Farbtönen herumtollenden Kindern, dem Alltagsgeschehen des Endes (vom Neuanfang!) stecken, sind ein Kontrast, ganz simpel, so viel wert und doch ein Trick, der zum Fantasieren einlullt. Womöglich liegt das größte Grauen an gleicher Stelle, schlimmer als Androiden und Tentakelmonster ist eine Vergangenheit, die sich trotz erfolgsversprechender Flucht nach hinten doch nur als weitere Variation des Neubekannten entpuppt. Einen signifikanten Unterschied zwischen Unter- und Oberwelt gibt es nicht – verlassen wie eng wirkt das nächtliche Venedig gleich den endlosen Korridoren zu funktionalen Maschinenhallen zuvor. Diesen Eindruck muss man wie die Protagonisten schon selbst beiseite räumen und einem neuen Sehnen opfern. “We’ve got a lot of work to do – before it’s too late for everyone.”, verkündet Dr. Sara Drumbull (Haven Tyler), die Sarah Connor Matteis Films, über den hoffnungsfrohen Schimmer der nun abermals weit offenstehenden Uferpromenade in den Nachthimmel hinein. “Terminator II” öffnet und schließt mit einer Imaginationsübung, einer verbalisierten Einladung an das Mitfantasieren des Publikums, die über den Abspann hinfort bestehen bleibt.

Diese Interaktivität zieht sich motivisch durch den gesamten Film – in einer kämpferischen Ansprache presst Geretta jene hinter der vierten Wand ihrer Kameraden statt als “Pussys” in die Sessel, bevor sie den Lauf ihrer ungesicherten Schrotflinte den ganz frühen Attraktionen des Kinos gemäß direkt in das Kamera reckt. Immer wieder wird diese eingezogen, zur Geisel genommen; stockholmverschworen mit dem Mechanischen und Spinnerten des Filmes, der Figuren spielt sie den Zuschauenden unentwegt Trümpfe in die Hand, die den Unglückseligen auf der Leinwand fehlen. Ohne konkreten Anlass bleibt Ahrens lange vor seiner Demaskierung als Maschine regelmäßig zurück, den Blick in die Kamera justierend als hege und pflege er ein tiefschürfendes Geheimnis mit uns. In diesen, seinen besten Momenten ist “Terminator II” Luigi Cozzis singulärem Kino der Träume ganz nah, so nah, wie das infernalische Trio um das Autorenehepaar Rossella Drudi und Claudio Fragasso sowie den zumeist als Ed Wood Italiens verschrienen Bruno Mattei, dem zugunsten wiederkäuender, reiner Kinoliebe oft jene Inspiriertheit und spektakuläre Eigenständigkeit abgingen, die Cozzis Idiosynkrasien selbst im vordergründigen Plagiat eines “Starcrash” (1978) völlig singulär werden ließen, zu Welten höchsten Wiedererkennungswertes. Solches Worldbuilding obliegt hier vermehrt uns vor der Leinwand, das Hollywood-Potpourri auf ihr ist erst einmal nur Antrieb, eine vertrauensvolle Geste. Hier ist sie da, Inspiration in Form einer einfach heraussickernden humanistischen Zugewandtheit zum Kino als Gedankenplattform und Geisterbahnfahrt in einem, die sich inmitten des speziell in endzeitlichen Kontexten nicht selten auf provokative Schockenden setzenden Kinos der drei jahrzehntelang verbandelten Köpfe reichlich überraschend ausnimmt. “Terminator II” ist so etwas wie ihr vereintes Meisterstück, der generelle Überschwang der Ideen Drudis und Fragassos wird von Mattei akkurat in überschäumende Bildspitzen übersetzt. Elegant und mit Sinn für die ganz großen Gesten. Architektonisch ausgedehnt wandert der Todesschrei eines Monsters aus der vorherigen Einstellung parallel zum versinnbildlichten Aufstieg des Teams einen enormen Industrieschornstein empor, bis er schließlich oben heraus schon zur Spannungsmusik für den Fortgang gerät. Eine der die Abenteuer seiner Helden ungehemmt abfeierndsten Ellipsen des italienischen, nein, allen Actionkinos.

Auch dem Skript selbst haftet etwas ungefiltert Sprudelndes an, als wäre es widerspruchslos aus einer kruden Fanfantasie entsprungen. Das beginnt bei den Namen, die entfernte bis konkrete Erinnerungen an Regisseure und Filmfiguren wachrufen (Raphelson, Bond) oder gleich mit dazugehörigem Vornamen ins Metatextuelle feuern (Samuel Fuller), und endet bei der Frage, warum die Bevölkerung Italiens allem Anschein nach samt und sonders dem zum Opfer gefallen ist, das man in geneigten Kreisen gemeinhin als “großen Austausch” herumwabern lässt. Unter den immerhin zwölf namentlich identifizierten Charakteren befindet sich exakt ein Italiener und dieser wird trotz exorbitant überdurchschnittlichen Leistungen im Alienklatschen fast durchgängig wie ein zugewanderter “Wop” behandelt. Vieles, was im Genre zumeist noch klar ist, steht hier offenkundig mit den Füßen auf der unteren Seite der Wasseroberfläche. Obwohl bloß unter dem Meeresspiegel angesiedelt, wirkt die Rudimentärgesellschaft Venedigs für damalige wie heutige Augen ferner als die weiteste Exkursion in den interstellaren Raum. Von den Grundfesten des zivilisatorischen Abschnittes, aus dem sich das Team rekrutiert, steht keine mehr, es könnte sich genauso gut um die Ausgangslage einer entgleisten Episode “SpongeBob SquarePants” handeln. So überdeutlich Einleitung und Schlussteil mit einem realen Schauplatz verbunden, verliebt gar in ihn sind, so diffus, traumwandlerisch, in die Leerstelle eingeträumt bleibt das Gros zwischen ihnen – wie das wellenumspült erodierte Fundament einer durch das graduelle Wegsterben der letzten “Autochthonen” längst von hasserfüllter Paranoia bereinigten identitären Zukunftsvision. Die eventuelle Rückkehr zum Alten und der Kampf um Erhaltung, der sich fortan aus ihr entspinnen soll, sowie multinationales Unheil stiftende Konzerne legen ähnliche Grundgedanken nahe, doch bleibt alles für eine konkrete Aussage zu vage, ambivalent – so unwirklich wechselgemütig wie nächtliche Heimsuchungen zwischen Traum und Albtraum nun einmal sind.

“Terminator II” ist ein Film, der ermuntert, rätseln lässt und ohne ausgestreckten Zeigefinger übertölpelt – in letzter Konsequenz seinem Publikum unironisch zuzwinkert. Von ungewohnt heiligem Ernst erfüllt gibt er Amuse-Guelle wie den Namen “Megaforce” für eine Elitetruppe, unter deren fünf regulären Soldaten gerade einer überhaupt dazu kommt, seine Waffe abzufeuern, als simple Tatsachen aus. Ob der Pseudoterminator, nach vollmundiger Eigenaussage das Beste, das die hinter ihm stehende Tubular Corporation je geschaffen hat, nach seiner Schurkenentblößung einzig obigen, nun der Einfachheit halber wehrlos gewordenen MVP auszuschalten vermag, sich ein langhaariger Dopesurfer mit weder Wiesen noch Wasser nahtlos in die Truppe einfügt oder die brilliante Wissenschaftlerin in höchster Not minutenlang auf den falschen Türschalter in direkter Nachbarschaft des korrekten hämmert und schließlich entgeistert von ihren so im Gefechtspatt gefangenen Kameraden darauf hingewiesen wird – es steckt ein übersteigerter Sinn für die eigene Grandezza in den Menschen, vom Individuum bis zum Kollektiv, das sich in den grotesken Selbstpreisungen der verbliebenen Institutionen manifestiert. “A man is a god in ruins.”, lautet ein Teilfetzen eines berühmten essayistischen Gedankens Ralph Waldo Emersons, den Peter Falk schon John Cassavetes als Schlüssel hinter seinem Werk zuschrieb. In vielerlei Hinsicht ist “Terminator II” der andere Film zu diesem präzis umrissenen Phänomen.


Terminator II – Italien 1989 – 90 Minuten – Regie: Bruno Mattei (als “Vincent Dawn”) – Produktion: Franco Gaudenzi – Drehbuch: Rossella Drudi & Claudio Fragasso (als “Clayde Anderson”) – Kamera: Riccardo Grassetti (als “Richard Grassetti”) – Schnitt: Bruno Mattei (als “J.B. Matthews”) – Musik: Carlo Maria Cordio – Darstellende: Haven Tyler, Christopher Ahrens (als “Christofer Ahrens”), Dominica Coulson, Fausto Lombardi (als “Tony Lombardo”), Mark Steinborn u.v.a.

Dieser Beitrag wurde am Montag, September 21st, 2020 in den Kategorien André Malberg, Blog, Blogautoren, Essays, Filmbesprechungen veröffentlicht. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können diesen Beitrag kommentieren, oder einen Trackback von ihrer eigenen Seite setzen.

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