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100 deutsche Lieblingsfilme #66: Marschier oder krepier (1962)

Ein letztes Aufbäumen des deutschen Expressionismus – wie prächtig aufblitzende, allzu bald jedoch schon wieder zu verglimmende Sternschnuppen segeln Stewart Grangers Männer in totenstiller Wüstennacht am Fallschirm dem weichen Boden entgegen. Aufgereiht wie die Glieder einer Kette, einer rigiden Richtschnur vielmehr, gleich einer Übertragung des Wasserballettes in die Lüfte. Fausto Tozzi, der getroffen in Richtung Kamera tänzelt, fällt, sich aufrappelt, den Schmerz aus seinem Gesicht wischt, wieder und wieder von vorn, bis ihm eine letzte Salve unbekannter Hand endlich den Garaus macht. Dem Kampf geht in Frank Wisbars vorletztem Kinofilm jegliche Satisfaktion ab, seine wie in den Kriegsfilmen Sam Fullers zumeist unsichtbaren Feinde sind nie Anlass heroischer Körperverschmelzung im Ringen Mann gegen Mann, stets eine außerhalb der Kadrage wütende, die Menschengeschicke darin indes lenkende Urkraft. Für den die zeitlebens miterlebten Kriege offenkundig müden Wisbar ist der Konflikt nichts als ein Reigen determinierter Ereignisse. Peter Carsten, dem der Enthusiasmus für die Zunkunft die Vorsicht raubt, Riccardo Garrone, der große zweifelnde Gaukler, dem in der Fürsorge für seine ihn im Sterben umringenden Kameraden endlich wieder sein Gott erscheint, bevor die Kugeln ihm den Rücken zerfetzen. —> MEHR LESEN

André Malberg

The typography of bidding farewell: Buddies (1985)

“Buddies” – the cinematic swan song of noted gay pornographer Arthur J. Bressan Jr. – is a highly unusual film, less as a result of the obvious notion evoked by a small scale and utterly devoid of explicit sex chamber piece between just two characters of importance, more because of its striking insistence to structure a visual narrative entirely around its main character’s chosen profession. David Bennett (David Schachter) is a timid young typesetter through a voluntary programme assigned as buddy to formerly outspoken gay rights activist Robert Willow (Geoff Edholm), a man inescapably and quite miserably dying from AIDS in the dull confines of his hospital bed. Both men slowly grow accustomed to each other, share sometimes heated, sometimes aperitive discourses on coming out, the pitfalls of publishing ardently anti-gay voices epistles first, then a good laugh watching old holiday videos and lastly the scant intimate moments their surroundings and Robert’s illness permit. Hardly a minute of film is lacking either man and yet almost everything we see stems directly from the eyes of David, or rather his hands – for they create what we absorb. Stories of last breaths sighed in the shadows, of individuals turned into mere numbers by the frightening grip of a cold, non-selective pandemic defying any try at emotional apprehension. —> MEHR LESEN

André Malberg

Zeitnah gesehen: Die Angreifbaren (2019)

Ein wenig muss man sich – aller rasch aufziehenden Vignettenhaftigkeit zum Trotze – der szenischen Taktung von “Die Angreifbaren” des Regieduos Kerstin Cmelka und Mario Mentrup beugen, um überhaupt so etwas wie ein auszugweises Verständnis destillieren zu können. Mary Blick (Cmelka) und Zeno Conradi (Mentrup) sind zwei Superhelden oder Darsteller ebensolcher – da lässt sich der Film nie so ganz in die Karten schauen – und wie es sich in klimatischer Zuspitzung gehört, begegnen wir ihnen zuallererst dort, wo sie am gewöhnlichsten erscheinen. Auf der Fahrt zur Arbeit – inklusive Blicks Sohnemann und einem etwas zu gesprächigen Kollegen im Familienkleinwagen. Die eröffnende Episode malt unsere Helden als chronische Zuschauer, in ihrer Welt, sogar allerdings in der eigenen Existenz. Leben außerhalb des Autos, einer gallertartigen, das Äußere ausbremsenden Blase findet für das Gros des Weges allein als PKW im Gegenverkehr statt, sicher abgegrenzt durch die eine weitere Ebene zwischen Leinwand und Bildhintergrund schiebende Frontscheibe, schlimmer noch: als flüchtig reflektierte Impression auf dem Seitenfenster vor den staunenden Augen des Kindes. —> MEHR LESEN

André Malberg

Film und Buch (#14): Robert Zion – Die Rebellion des Unmittelbaren (2018)

Verdichtungen – man weiß es mittlerweile – das sind die Filmbücher des zum Filmanalytiker mutierten Essener Ex-Politikers Robert Zion. Ein schwerer Ast, auf dem der Löwenanteil seiner Diskurse ruht, von ihm ausgehend sprießen fort: Zwei, drei filigranere Triebe mit für den Hauptbetrachtungswinkel relevanten Nebenbeobachtungen. “Die Rebellion des Unmittelbaren” heißt sein neuer Band zu Roger Corman, dem einflussreichsten Filmproduzenten der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts – und das nicht allein in den Vereinigten Staaten. Der Titel verrät es bereits: Bei Corman ist es die politische Radikalität, ob in bloß finanzierten oder gleich selbst umgesetzten Filmen, die für Zion im Vordergrund steht und als Grundlage auf ihr fußender auteurtheoretischer Überlegungen dienen darf. —> MEHR LESEN

André Malberg

‘The pain of being a woman is too severe!’ – The films of Roberta Findlay: The Oracle (1985)

Two highly distinct approaches become discernible when taking a closer look at Roberta Findlay’s post-porn career in mainstream filmmaking. The, be they gritty or be they tender in nature, highly personal stories told in the quite straight “Tenement” (1985) and “Lurkers” (1988) as well as the madcap insanity prevelant in in the more tongue in cheek than anything else “Blood Sisters” (1987) and this one, her very first film post transitioning. More in line with the snarky, self-deprecating public persona the introverted directress created for herself than her remaining filmography, they revel in a unique, utterly off-beat understanding of humor while falling somewhat flat in their more traditional conceptions as horror films. In contrast to some of her greatest achievements in Golden Age pornography, they are always two steps away from outright comedy, playing the game straight and yet sabotaging the expecations of a horror crowd with small, intentional but never narrative based acts of directorial transgression. Big guy John Fasano fleeing the scene in the most hilarious fashion imaginable and the way Elizabeth Rose’s glasses seem to prefer viewing directions of their own volition otherwhile – weird flourishes like these place “Blood Sisters” in its own goofy corner equal steps adjacent to completely serious and satirical peers. Even more than Findlay’s sorority girl slasher “The Oracle” utilizes these interfering agents to bridge what would otherwise be considered barren gaps in a drawn out horror narrative – with sound being, as per her unmistakable habit, one of the prime instruments. —> MEHR LESEN

André Malberg

100 deutsche Lieblingsfilme #65: Die Brut des Bösen (1979)

“Die Brut des Bösen”, der einzige wirkliche Easternversuch des bundesdeutschen Kinos erzählt, allein der selbst heute kaum gebrochenen Exponiertheit seines Masterminds wegen, diesseits seiner extrem straff gespannten Narrationslinie stets gleichzeitig die Geschichte eines einstmals millionenschweren Schlagerbarden, der sich ein slickes, wohlinszeniertes Karatepos direkt auf den Leib schneiderte. Nicht, weil der Kinomarkt 1979 unbedingt noch lauthals schreiend danach verlangt hätte, sondern schlicht weil er es in Personalunion als Regisseur, Hauptdarsteller, Produzent, Autor, Komponist und Stuntkoordinator gar zu liefern vermochte. Derart omnipräsent wie hinter den Kulissen ist Christian Anders auch vor der Kamera. Ihr Auge glüht in Liebe auf, wann immer sie ihn erspäht, liebkost seine Züge im Tages- wie nächtlichen Neonlicht gleichermaßen, hängt unablässig an seinen Lippen und zieht uns via unablässigen Subkjektiven arglos mit ins Boot dieser zur höchsten Maxime erhobenen Sehnsucht. —> MEHR LESEN

André Malberg

Zeitnah gesehen: Der Fall Collini (2019)

Fabrizio Collini (Franco Nero) schreitet stoischen Schrittes durch einen trotz Cinemascope ins Erdrückende verengten Hotelkorridor, die Lichtverhältnisse durch die eigene, von hinten angestrahlten Umrisse ein wenig weiter abdimmend, ganz einem gedungenen Killer aus Hollywoods Thrillerschule gleich. Plötzlicher Schnitt zu dem Mann, der ihn später, da ist er den vorgezeichneten Weg des Mörders längst zu Ende gegangen, vor Gericht verteidigen wird – Jungjurist Caspar Leinen (Elyas M’Barek). Agil graziöse Schlagübungen aneinanderstrickend testet dieser seine Grenzen in einer nach allen Seiten offenen Halbnahen aus, bemerkt dabei gar nicht, wie sich sich von einem Moment zum anderen die Einstellungsgröße verschiebt. Von der Raumdecke aus wirkt das den Boxer so ermächtigende Ringviereck nun winzig, Leinen ist im wahrsten Sinne des Wortes eingefangen worden in einer Supertotalen. Collini indes hat es nach der Tat in die Hotellobby verschlagen, wo er sich in einem bequemen Sessel niederlässt. Cool, calm, collected, würde Mick Jagger das wohl nennen, befreit – man ahnt es lange bevor der Film sich ins Narrative stürzt – von einer Last in einer weiteren halbnahen Aufnahme, die das Treiben um ihn herum schlicht ausblendet. —> MEHR LESEN

André Malberg

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