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100 deutsche Lieblingsfilme #64: Nicht verzeichnete Fluchtbewegungen oder: Wie die Juden in der West-Eifel in die Freiheit kamen (1990)

Am Anfang des Kinos war das Licht und es lehrte den Menschen sehen, den Blick solange feinzustellen, bis ihm die nunmehr schwieligen Augen in ihren Höhlen erstarren. Zu Sehen, gründlich, gebrochen und neujustiert, allumfassend, unter Zuhilfenahme der Bogenlampen, Kondensoren, Blenden des Projektors, das ist ein Verwundbarkeit stiftender Akt, in allen außer den Verhärmtesten nährt er eine der mächtigsten Emotionen des Lebens, das Mitleid. Dietrich Schuberts “Nicht verzeichnete Fluchtbewegungen” handelt von diesen untrennbar verwobenen Wahrnehmungen und Empfindungen. Betulich gleitend tastet sich gleich in einer der allerersten Aufnahmen das Kameraauge am warnschildbehangenen Gitterzaun längs, bevor es, von einem fast schmierestehenden Umschnitt auf den aus der gewählten Perspektive unüberwindbar scheinenden Wassergraben der Feste mit Zugang versehen, ruhigen Schrittes in den tiefschwarzen Eingangstunnel des einst von den deutschen Eroberern zum Auffanglager umfunktionierten Fort Breendonks hineinschreitet. Doch das mechanische Auge ist kein menschliches, eine Gewöhnung an die neuen Lichtverhältnisse bleibt aus. Noch einige Male werden wir im Laufe der folgenden anderhalb Stunden den Aufenthaltsort wechseln, die Dunkelheit indes nie mehr verlassen. —> MEHR LESEN

André Malberg

Kein Tag der Gewalt – Operazione Kappa: sparate a vista (1977)

In einer Welt, in der alle Zeichen falsch kodiert sind, kommt er einem bisweilen abhanden, der Sinn für das, was Recht und was Unrecht ist. Bizarre Bilder rein baulicher Erhöhung lassen in Luigi Petrinis einzigem geradlinigen Poliziesco nicht nur bereits erahnen, welch vollkommen enthemmter Experimentierfreude sich der Regisseur des berüchtigten “White Pop Jesus” (1979) bald hingeben sollte, sondern auch, warum rastlose Jugendliche auf der Suche nach Halt hier wieder einmal jedweder Hemnisse befreit den Bembel kreisen lassen. Das Dunkel der Nacht, die ereignislos einfarbigen Rasenflächen, das eisige Weiß der Besserlebervillen, einer Blase gleich legen sie sich großflächig um den Ruckzugsort Sprungturm, einen wie ausgestellten Penner auf der Parkbank, die abgesonderte Brüstung oberhalb des Treppenaufsatzes, auf der eine Sängerin ihr Lied gegen die kapitalistische Weltordnung anklingen lässt. Deutlich lesbar macht man in diesen künstlichen Freiflächen ein Wort in größten Lettern aus – “EINSAMKEIT” spricht man es aus. Ein wenig ähnelt der Auftakt von “Operazione Kappa: sparate a vista” einem ausgedehnten Bummel durch eine etwas verfrüht kuratierte Austellung über die moderne Welt, wie sie einem in der neo-konservativen Folklore dieser Tage immer häufiger begegnet. Drapiert neben diesen Museumsstücken im Falschen wirken Giovanni (Marco Marati) und Paolo (Mario Cutini), zwei sozial Abgehängte klassisch italienischen Kinozuschnittes ebenso deplatziert wie das junge Hippiemädchen mit der Gitarre, barfuß auf noblem Marmor und eine derart lachhafte Flowerpowerbotschaft kündend, dass es der besseren Gesellschaft um sie herum nicht einmal mehr zum Amüsement taugt, nur mehr zum schnöden Übergehen, als Hintergrundberieselung. —> MEHR LESEN

André Malberg

The Unexciticist – Upsidedown Cross (2014)

With advertising making it appear as something of a wild crossbreed between Friedkin classic “The Exorcist” and “Her Name Was Lisa” (Roger Watkins, 1979), William Hellfire’s “Upsidedown Cross” sparks some rather diverse expectations and ultimately subverts them all. Opening with a nearly twenty minute long sequence chronicling Nadine’s (Erin Russ) bread-and-butter job as a nude model in the most unagitated way imaginable, the spirit of Watkin’s bleak reflection on lifes slowly burning away in erotic industries of differing nature is very much channeled. Even somewhat mirroring the way the New Yorkian mad hatter employed rooms coated in myriads of expressive colors to spur his narratives, one important difference though is discernible from the get go. There is no pretense that any of this is – and be it only in a temporary pull-the-rug-from-under-your-feet way – real. That’s not paint laughing from your walls but deep red variations of bath towels, old curtains and improvised color stainers of similarly somber fabrics hung up to conceal two different yet closely related kinds of emptiness. Red, the color of love – it is perhaps the most important fixture in Hellfire’s film, doubling for passion where there is none to harbor. —> MEHR LESEN

André Malberg

‘The pain of being a woman is too severe!’ – The films of Roberta Findlay: Lurkers (1988)

New York City possesses quite an interesting facial layout in Roberta Findlay’s cinematic universe – cheeks blooming with the brightest red excitation can muster up, planted right between them a pallid nose frozen stiff by sorrow and social iciness and throning above this dichotomy a pair of eyes filled with the marvel of discovery, experimentation, the ability to combine all these emotional extremes on the silver screen. She really was one of the great chronists putting this lively, in the good as well as the bad, mega city to record – and yet it does not seem to exist in her up to this day final theatrically released feature. Sure, pinpointing single shooting locations is easy enough to do, even for someone who’s never taken a bite from the big apple (like me). But in the end they’d still remain nothing but peripheral driblets of reality trickling away in the only real fairytale she ever told. There was a potent grittyness about her post-porn work in horror cinema that is inexplicably absent here. Much rather coated from head to toe in a vague uneasyness highly remiscent of her pornographic magnus opum “From Holly With Love” (1978) it is quite fittingly another superb score by Walter E. Sear sounding the depths of human and beyond-human emotion in “Lurkers”. —> MEHR LESEN

André Malberg

‘The pain of being a woman is too severe!’ – The films of Roberta Findlay: From Holly with Love (1978)

“La photographie, c’est la vérité et la cinéma, c’est vingt-quatre fois la vérité par seconde.” – in a nutshell: Cinema is truth at 24 frames a second – is an often quoted wise saying by French cinema stylite Jean-Luc Godard. Well, when speaking about Roberta Findlay’s cinema though his German counterpart Rainer Werner Fassbinder seems to have been closer to the truth for once. “Film ist Lüge, 25 mal in der Sekunde.” – Film is a put-on, 25 times in each second. It might not always be as integral to the appeal as it is in “From Holly with Love”, but Findlay’s flow of imagery is a lie, a beguilement involving just about everything – her intentions, feelings, the undersold wisdom that lies buried in her work – and extending to externa of her filmography. Golden Age of Hollywood smuggling as a coping mechanism for being forced to work on projects she took no immediate interest in or even found distasteful, the elaborate (and even I have to admit it: screamingly funny) stand up comedy routine “An hour of self-deprecation with Roberta Findlay” most of her rare public appearances have a tendency to evolve into sooner or later – it’s all part of the deal. —> MEHR LESEN

André Malberg

‘The pain of being a woman is too severe!’ – The films of Roberta Findlay: Snuff (1976)

    When I get to the bottom I go back to the top of the slide
    And I stop and I turn and I go for a ride
    And I get to the bottom and I see you again, yeah, yeah

    (The Beatles – Helter Skelter)

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André Malberg

Zeitnah gesehen: The Mule (2018)

Als einer hinter seiner nüchternen – mit dem Auge auf Regisseur Eastwood, sein Alter, seinen Hintergrund als Filmemacher würde mancher sicherlich eher zu dem verschämten Lobwort “klassisch” tendieren – Fassade eventuell filmarchitektonisch ausgeklügeltster Film des vergangenen Jahres gibt “The Mule” schon mit seiner zeitlich versetzten Einleitung den Takt vor für das, was ihn in den kommenden so gut wie zwei Stunden antreiben wird: Eine Dekonstruktion fast des gemeinhin mit visueller Opulenz assoziierten Scopeformates, spezifischer jedoch dessen, was zwischen den dazugehörigen Kaschierungen der Leinwand so gerne verhandelt wird. Träume, Freiheit, insbesondere auch räumlich gedachte Sehnsüchte. Die Weite des so oft in diesem Seitenverhältnis sortierten amerikanischen Westens, sie ist schlicht und speziell in Erwartung des zu Beginn von zartesten Auslösereizen angetäuschten Vorstadtcowboyaufrührertums aus dem letzten “großen Abgesang” des Eastwoodschen Werkes – “Gran Torino” (2008) – nicht hier. Aneinandergereiht an ihrer statt: Unzählige Möglichkeiten der baulichen Obstruktion. Sich von dem anziehenden Rechteck des Bartresens, an dem Earl Stone (Eastwood) der Tochters Hochzeit auslassend versumpft, wegbewegend zu den in indirekter fotografischer Analogie vertraut wirkenden Flachbauten ein jeder amerikanischen Vorstadthölle, zwischen denen nun die Enkeltochter zwölf Jahre später ihr Hochzeitsbesäufnis begehen darf. —> MEHR LESEN

André Malberg

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