
Vom Eise befreit sind Strom und Bäche,
Durch der Listen holden, belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungs-Glück;
Das alte Jahr, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück. (J.W. von Goethe)
Bis 2016 kamen unsere Listen stets im Januar. Dieses Zeitfenster konnten wir mit einer Ausnahme seitdem nie wieder einhalten. So knapp wie dieses Jahr sind wir aber schon lange nicht mehr gescheitert. Unsere Eindrücke des vergangenen Jahrs sind ergo taufrisch. Kinobesuchsimpressionen, Bärenrutschen, Mädchenglück, Männerlimits, ein deutsches Jahr, Sexflics gegen die cineastischen Werke eines Dryers, Schönes, Trauriges, Musik, Eis, Filme, analog oder digital gesehen, und vieles mehr stehen bereit, um kurz über euch zu rauschen.

Auch wir sind für Härte
Auch wir tragen Bärte
(Freddy Quinn – Wir)
Viele Emotionen sind hochgekocht im Vorfeld der 70. Oberhausener Kurzfilmtage, als Festivaldirektor Lars Henrik Gass sich kurz nach den Terrorakten des 07. Oktober 2023 unmissverständlich israelsolidarisch positionierte. Genau gelesen nicht einmal übermäßig kontrovers, selbst nach dieser Zäsur nicht von anti-palästinensischem Ressentiment getragen, schlicht humanistisch – ein Aufruf zur Zivilcourage angesichts des Unbegreifbaren, wie er in den meisten anderen Kontexten keinerlei gesondertes Aufsehen erregt hätte, Spöttern womöglich eher als billiger Gratismut gegolten hätte. Boykottaufrufe, zurückgerufene Beiträge, ein Klima des harschen gegenseitigen Misstrauens zwischen ehemals gemeinsam Angereisten, Entfreundungswellen auf Social Media gehörten und gehören bis heute zu den weitreichenden Folgen eines auf knappe Zeilen bemessenen Facebookposts. Die Welt steht Kopf in einem kleinen Teil der großen Welt, der mit den Problemen vor Ort, also im Nahen Osten, bestenfalls entfernt zu tun hat.

Ich schau mich um und seh‘ nur Ruinen
Vielleicht liegt es daran, dass mir irgendetwas fehlt
Ich warte darauf, dass du auf mich zukommst
Vielleicht merk‘ ich dann, dass es auch anders geht
(Fehlfarben – Paul ist tot)

Aber das Blog sprach zu den Lesern: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr den Jahresrückblick 2023, den Gekreuzigten, sucht. Er ist hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat. (ca. Matthäus 28:5-6)
Krankheit, Chaos, Stress, ein – leider nicht sehr erfolgreicher – Kreuzzug gegen die Zerstörung seltener 35mm-Kopien: Viel wollte sich gegen die Vollendung der Beiträge stellen. Der Totgeglaubte lebt aber länger, und das Osterwunder ist geschehen. Der Rückblick auf das vergangene Jahr kann über uns kommen. Prallgefüllt mit unterschiedlichsten Perspektiven ist er geworden. Kinobesuchsimpressionen, die Freuden eines angehenden Sozialwissenschaftlers, ein Mädchen in der Hand der Kartelle, Knappes, Gedehntes, Musik, Eis, Filme, analog oder digital gesehen, und noch vieles mehr warten auf euch. Kontempliert mit uns nochmal Vergangenes, damit wir mit weniger Ballast in die Zukunft blicken können. Lasst uns in Herz und Unterhose.

Liebe Freunde der eskalierenden Träume, liebe Programmgestalter*innen, liebe Kinobetreiber*innen, es gibt mal wieder etwas ganz Neues bei uns:
Wer Programme oder Festivals kuratiert, …

Ob Rap, ob Pop, ob Rock ’n‘ Roll
Egal, ich find‘ das alles toll
Doch mein Herz, das hängt, das weiß man ja
Am Volkslied, das ist doch klar
(Haselnuss, 1989)
1967, plötzlich war er da, der junge Konditor mit der Autorität von 1000 Leben und Meeren in der erst 28-jährigen Stimme. „Kein schöner Land in dieser Zeit“ – Fahrtenlieder, Seemannsglück, Seemannstod, ein bisschen Vergnügliches und wilde Gesellen, vom Sturmwind durchweht. Eines der idiosynkratischsten Debüts der volkstümlichen Musik im zeitlichen Umfeld von Ohnesorg, Sechstagekrieg, Summer of Love und der auch in der Bundesrepublik aufkeimenden Hippiebewegung greift inmitten der immer drängender erscheinenden Gegenwart ganz tief in die kulturelle Schatzkiste der Vergangenheit. Das traditionelle Volkslied als Wiedergänger in den kommerziellen Erwägungen der volkstümlichen Musik, die bündische Jugend, sie marschiert wieder durch die Lande? Für wen? Wilde Gesellen, die hat auch Degenhardt, der zertifizierte Anti-Heino, einmal besungen – mit an die Zeiten angepassten Text von Ernst Busch aus dem spanischen Bürgerkrieg, mit unweigerlich aus einer anderen Zeit gefallenem Text im Jahre 2000. Elektrisch zudem, wie Bob Dylan in Newport ’65.

Füße und Hände – zu fragil, um wirklich am Boden verankert zu sein, mit dem Schuhwerk bewaffnet zur letzten Widerstandsgeste emporgereckt. Angela Schanelecs so kryptisch visualisierte wie betitelte filmische Ausflucht von der städtischen Isolation aus „Ich war zuhause, aber…“ (2019) in ein sonnendurchflutetes Griechenland ist derart voll mit diesen Gliedmaßenspitzen, dass man annehmen könnte, es ginge allein um sie. Doch sind sie lediglich kommunikative Wurmfortsätze von Körpern, die kaum einmal ein Wort hervorpressen. Einer in Skizzen, Landschaftsbildern und einem Hauch antiker Mythologie vorgetragenen Handlung geben sie eine verwundbare Tangibilität, die an unseren oberen wie unteren Sohlen ansetzt, über diese in den Körper wandert. Die Einführung bereits verdichtet alles Gewesene zu einer rasch stagnierenden Gegenwart; zu stark für den Geist, genau richtig für das Erleben. Ein junger Mann, Jon (Aliocha Schneider), der als kleiner Waise in den Bergen aufgefunden wurde und mehr durch eine Vorstellung von mythologischer Landschaft denn echte zwischenmenschliche Hingabe in Fleisch geformt scheint, muss für den tragischen Tod eines anderen ins Gefängnis. Jenen komprimierten Ort, der ihm anscheinend grenzenloses Verständnis in den Armen der ähnlich alten, identisch isolierten Wärterin Iro (Agathe Bonitzer) bringt, einer klassisch narrativen Progression jedoch endgültig einen Riegel vorschiebt.

Leichtherzig, aber nicht leichtfertig. So könnte man Hüseyin Tabaks Dramödie über ein junges Transmädchen, an dessen Lieblingskleid sich die Erwachsenenwelt weit über diese relative Harmlosigkeit hinaus entzündet, kurz und knapp zusammenfassen. Denn wenn nicht unerhebliche Teile der zeitgenössischen Kritik etwas vergessen haben, dann die Tatsache, dass der Film von Präsentation wie Werbung sogleich einen Salto rückwärts nimmt und die konkrete Ausgangslage gar nicht „Ich bin trans und deshalb ist mein Leben schlimm.“ lautet, sondern: Mein Vater ist alkoholabhängiger Polizist, hat Probleme mit seiner Maskulinität, darüber unsere Familie zerstört und nimmt mich in meiner Selbstfindung nicht ernst. Eine bisweilen bitter humoristische Zuspitzung, welche die aufrichtige Dramatik des Filmes durchweg auf sich treiben lassen wird und den schwarzen Peter sogleich gesellschaftlichen Bildern sowie insbesondere männlichen Wertvorstellungen zuspielt. Und eine sehr alltägliche zudem, vergleicht man sie mit dem übergeordneten Thema, welches in Deutschland nach wie vor wenig echte Erfahrung, dafür umso erbitterter geführte Diskussionen zutage fördert. Aus dieser Diskrepanz zwischen einer deutschen Alltäglichkeit und dem vermeintlich so Aufsehenerregenden heraus sowie ihrer beständigen narrativen Umkehr wie Verzerrung zum jeweils anderen Pol kann Florian David Fitz‘ weitsichtiges Drehbuch frei den Blick über das Wesentliche kreisen lassen, ohne Betroffenen joviale Mitleidigkeit oder übergriffige Pathologisierung mitzugeben.

So fangen keine wohligen Träume an: Eine junge Frau tritt an die Waldhütte heran, die ihre Schwester für ein beschwingtes Geburtstagswochenende gemietet hat. Hält einen Moment inne im bildgewordenen Unwohlsein. Um das spitz zulaufende Hüttendreieck liegen in einer Ultraweitwinkelaufnahme kleine Erhöhungen des umgebenden Waldes, die unter ihm und von Seite zu Seite bogenförmig zulaufen. Eine unnatürliche Geometrisierung der Materialität unserer Wirklichkeit, ätherisch, entrückt, märchenhaft – welches durch die Gebrüder Grimm sozialisierte Kind würde dieses Hexenhäuschen betreten wollen? Natürlich ist es ein Fehler – die Schwester hat sich einen Dämonen einverleibt, skalpiert ihr Anhängsel bei lebendigem Leibe und schon spart ein „Was zuvor geschah“ den wohl schlechten Ausgang dieses Märchens aus. Märchen? Ja, richtig gelesen. Diese Talsohle eines gekurvten Bildes, das ist der Bogen zwischen Märchen und Soziorealismus, welchen Lee Cronins den Wald und das Ländliche der Reihe erstmals zu Gunsten der großen Stadt verlassende „Evil Dead“-Fortdenkung spannt.

Am Ende von „The Fabelmans“ lässt Steven Spielberg seinen Kameramann Janusz Kamiński bewusst einen Moment zu auffällig den Blick anheben und setzt den unmotiviert mittig herumdümpelnden Horizont damit ins rechte Licht. Zuvor hatten sich zwei andere Regisseure, nämlich David Lynch in der abgetragenen Haut John Fords, zu einer einzigen Weisheit über das Filmemachen hinreißen lassen: Befindet sich die Horizontlinie innerhalb des oberen oder unteren Drittels der Komposition, so ist ein Bild interessant. Unmissverständlich – das ist es also, jenes Happy End, welches wir uns zweieinhalb Stunden lang sehnlichst für Sammy Fabelman herbeigewünscht haben. Eine echte beiderseitige Traumerfüllung Hollywoodschen Zuschnitts. Rags to riches für den ewigen Underdog; sie kommen noch, doch der Pfad ist bereits geebnet. Wir wissen darum. Denn man kann diese Geschichte nicht vom Lebensweg ihres Schöpfers separieren. Kein veränderter Name, kein verschobenes biografisches Detail vermag diesen Bruch zu erzeugen. Er ist auch nicht vorgesehen, allein aus dieser personellen wie narrativen Glätte kann eine verschleiert-unverschleierte Autobiografie in all ihren Implikationen frei atmen, universell werden und einen sensorischen Bruch erzeugen, der ungleich tiefer verläuft.

Das Alter ist eine Strafe, für die man nichts getan hat.
(Großtante Franziska)
Kommt eine heiße Braut mit einem Opel Manta vorgefahren – sagt der Mantafahrer: „Oh Gott, mein Baby!“ So oder so ähnlich wohl könnte ein Mantawitz in Til Schweigers später Fortsetzung zu Wolfgangs Bülds soziokomödiantischem Klassiker „Manta Manta“ (1991) in auf der Leinwand ausgespielter Form erscheinen, wenn er den Impetus des anderen schlicht kopiert hätte. Stattdessen lässt Schweiger diesen zentralen Moment jenseits aller einer solchen Situation für Außenstehende von Natur aus inhärenten Komik völlig ernsthaft ausspielen, ist er doch im Kern um eine religiöse Göttinnenerscheinung gestrickt. Die Frage, ob es sich bei dieser um Jugendliebe Tina Ruland oder den ausgemotteten Jugendflitzer handelt, beantwortet ein Blick auf Schweigers Geburtsjahr, welches sich nie von seinem Bertie Katzbach separieren lässt. In einem gewissen Sinne ist man gemeinsam aufgewachsen. Eine Idee, aber auch eine Kontinuität in der exakten sozialen Reproduktion beider Filme, die Schweigers Rückkehr an die Quelle seines Durchbruchs zum tonangebenden deutschen Leinwandstar der letzten 30 Jahre von der ersten bis zur letzten Minute auf einer konstanten Reflektionsebene hält, die den zuletzt an den Kassen strauchelnden Regisseur wie Schauspieler und den abgehalfterten Werkstattbesitzer wie früheren Rennfahrer augenzwinkernd gleichsetzt.

Vor einigen Wochen versprachen wir im Rückblick auf 2021, dass unsere Bestandsaufnahme für das letzte Jahr Hand auf Fuß folgen werde. Wir wollten wieder frischer und intuitiver zu unseren Entscheidungen finden, statt ein Jahr zu brüten. Die Einschätzungen nicht zerdenken, sondern fließen lassen. Aber ein Füllhorn will auch entsprechend bestückt sein – und das braucht seine Zeit. Und überhaupt, wer hat im Listen- und Jahresauswertungsüberdruss des Dezembers und Januars noch die genussfreudige Muße, um sich von uns so richtig übergießen zu lassen? Wir denken also, dass sich das Warten gelohnt haben wird.
Vorgaben an die Teilnehmenden gab es wie immer keine, damit der beschworene jugendliche Esprit nicht in Form oder Umfang gebändigt sei. Ebenfalls wurden die alten, aber unbenommen energetischen Banner reanimiert, um unserem diesjährigen Ansatz Rechnung zu tragen. Deshalb:
Während sich vielerorts die Unsitte etabliert hat, Jahresrückblicke bereits Tage und oftmals Wochen vorher zu erstellen, bevor das Jahr überhaupt zu Ende ist, gingen wir diesmal den umgekehrten Weg und warteten nicht nur den Jahreswechsel ab, sondern auch gleich noch ein ganzes Jahr!
Daher gibt es nun Anfang 2023 endlich noch den gesammelten Jahresrückblick zu 2021 (bevor vielleicht im Laufe des Monats auch noch der zu 2022 folgt). Maßgeblich ist wie immer ausschließlich das eigene Sichtungsjahr und die einzelnen Beiträge stammen alle von Anfang 2022.
Vorgaben zu Form, Umfang und Fokus der Beiträge gab es keine – entsprechend vielfältig ist auch diesmal die nachfolgende Sammlung geworden, zum Kino- und Filmjahr, aber auch zu vielem anderen (wie bereits bei der 2020-Liste).

Victoria De Durango, Mexiko. Eine Tochter wird von Lösegelderpressern eines Kartells entführt, eine Mutter spürt ihr nach, gerät zwischen die Fronten des eskalierenden Drogenkrieges. Weitere Kreise ziehen die Ereignisse mit jedem Schritt, doch der begleitende Blick wird nicht weitläufiger – bald schon werden sie die Tochter und die Mutter. „La civil“, Teodora Mihais Spielfilmdebüt nach dem preisgekrönten Dokumentarfilm „Waiting for August“ (2014), versteht diesen Mediumswechsel wie kaum ein zweiter als Chance zur formalen Reflektion und Überkreuzung. Zum inhaltsfixierten, gestalterisch indifferenten Problemfilm kann er nie reifen, denn er meidet die Abstraktion. Obwohl aus einem Dokumentarprojekt über die bereits kurz nach Planungsauftakt ermordete Mutter Miriam Rodriguez in ein gänzlich anderes Medium herübergewachsen, bleibt auch diese Geschichte stets nur die Doña Cielos (Arcelia Ramírez), die ihrer Tochter, bestenfalls noch die ihres Ex-Mannes.

Über Menschen, die nicht reden, und Zustände, die ihnen die Sprache nehmen, erzählt Til Schweiger so, wie man es allein nachempfindet. Visuell, unmittelbar und darin sublim. Bei just jenem berühmten Tritt zu zweit über die Türschwelle des baufälligen Landhauses, welches die Zukunft von Lena (Franziska Machens), Kurt (Til Schweiger) sowie dessen gleichnamigen, tageweise bleibenden Erstklässler aus voriger Ehe beherbergen soll, erhaschen wir jeweils einen getrennten Blick durch die Pforte auf beide. Sie links vor der Türe, er rechts; weiter links, weiter rechts daneben je eine Dopplung – die persönliche Spiegelung im Glase des Rahmens. Man könnte sagen, sie haben einen neben sich gehen – den größten Vertrauten, den intimsten Feind. Sich selbst. Näher auf die Pelle rücken wird zweiterer Kurt, denn kaum einmal zwischen Erzeuger wie Erzeugerin hin- und hergetauscht, verstirbt sein kleiner Namensvetter in einem fast dem freien Willen spottend unwahrscheinlichen Unfall auf dem schulischen Klettergerüst. Lena hingegen fällt ersterer Wiedergänger zu, sie bleibt in trauter Zweisamkeit allein zurück. Die Prämisse von Sarah Kuttners Bestseller „Kurt“ sowie Vanessa Walders und Til Schweigers Destillat daraus ist simpel – nicht jeder kennt sie aus erster Hand, doch alle fürchten sie: Was, wenn man das Kind überlebt?

„Immer wieder hat der Künstler, ob er nun mit der Tradition oder gegen sie war, im Bildnis des Mannes das Charakteristische angestrebt und im Bildnisse der Frau das Typische (ich werde den Verdacht nicht los, daß das, was die Menschen einer Zeit jeweils das Ideal nannten, im Grunde nichts war als der Typus). Hinter jeder Kunst irgendeiner Zeit steht die deutliche Absicht, die Männer voneinander so verschieden zu gestalten wie nur irgend möglich und die Frauen einander so ähnlich wie nur irgend möglich. Je mehr ein Mann vom Typus abweicht, je stärker seine individuellen, ihn unterscheidenden Züge hervortreten, desto bedeutender wirkt er, desto interessanter wird er dem Maler. Je mehr eine Frau vom Typus abweicht, je individueller ihre Züge sind, desto uninteressanter wird sie dem Maler, desto häßlicher empfindet er sie. Das Wort häßlich als äußere Kennzeichnung ist ja überhaupt nichts anderes als das Bekenntnis dazu, daß man zu jeder Zeit die Aufgabe der Frau in der Entwicklung der Menschheit darin sah, den Typus ihrer Zeit möglich rein zu repräsentieren.“
Wie alle weiteren Zitate Lothar Briegers aus: [„Das Frauengesicht der Gegenwart“, Lothar Brieger, Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart, 1930; S. 5]

Auf der Leinwand gehört der Mut den Frauen, kaum ein Mann ist hinter den spezifischen Schauspielereitelkeiten, die bereits im Vorfeld mit ausgewiesen „schwierigen“ Rollen einhergehen, je wirklich mutig. Lothar Brieger schrieb vor bald 100 Jahren über die Kollegin des Schauspielers: „Wir von heute aber empfinden dunkel, daß die wichtigsten kulturellen Entscheidungen der nächsten Zeit gar nicht beim Manne liegen, sondern bei der Frau. Und in diesem instinktiven Gefühl haben wir die Schauspielerin ergriffen und ganz vorn an die Rampe gezerrt, blicken auf sie, verlangen von ihr Antworten auf die Fragen, die dunkel in uns laut werden.“ [S.35] Schauspieler müssen keine Antworten geben, sie stellen Thesen auf, mit ihrem Körper, Thesen über Typen von Männlichkeit, Thesen fern des Selbst, Thesen zu den anderen. Es wird ihnen mehr Distanz zugestanden, eine Distanz, die man heute, wo die Abgeklärtheit an die Stelle der Aufgeklärtheit getreten ist, wohl wieder dem „intelligenten“ Geschlecht zuschreibt.

Die Richtungsfragen der Gesellschaft werden an der populären Front seit dessen Erfindung zuerst im Kino ausgehandelt, einer Traummaschine. Das bietet dem Schauspieler Schutz, denn ein bisschen von dem „Typen“, einem Begriff, den wir gemeinhin als Schimpfwort für jene verwenden, die thespisch angeblich allein sich selbst beherrschen, steckt auch in dem, den wir als „Charakterdarsteller“ von solchem Bauerntheater abgrenzen. Wieder Brieger über die Schauspielerin des Zeitalters der Emanzipation:
„Die Schauspielerin hat keinen Typ mehr zu gestalten, sondern lauter Charaktere, und zwar lauter Charaktere, deren jeder ein Problem beantwortet. Wer wissen will, wie immer stärker alles Typische aus dem Gesichte der Frau schwindet und wie sie immer entschiedener zu einem Ausdrucke einer charakterisierenden Kraft wird, der muß sie auf dem Theater studieren.“ [S. 35]
Spielt eine Schauspielerin heute auf Typ, lässt sie einen vermeintlichen Rückschluss auf die Gesamtheit ihres Geschlechts zu – überspitzt vielleicht als „dummes Blondchen“, „Manic Pixie Dream Girl“ oder als „verhärmte Emanze“ – so nimmt ihr das eine Gesellschaft, die das Chiffre verabscheut, rasch übel. Es ist just diese Stelle, an welcher der moderne Mann, der das Typische als Hort der vermeintlichen Reflexion über seine Geschlechterrolle gekapert hat, Zuflucht findet in der beruhigenden Gewissheit: Alle Männer sind so. Mann stärkt sich gegenseitig erzählerisch den Rücken – Mann dem Mann, Typus dem Individuum – und verkauft das großspurig als Erkenntnis. Dass die Brutalität dem Manne einfach inne sei, in seiner Natur liege, ist ein Klassiker des Kinos von den frühen Tagen über Peckinpah bis Tarantino – wie könnte man ihm da wirklich böse sein? Es gehört kein Mut dazu, den Härtesten der Harten, den Wildesten unter 1000 zu geben, am Ende ist es immer schon so gewesen. Im Zweifel liegt die Verantwortung ohnehin anderswo, oder wie Brieger meinte:
„Aber die Lebensgestaltung im Stück, die charakterisierende Kraft, die Zukunft liegen heute durchwegs bei den Frauen. Thema ist nicht mehr, was der Mann macht, sondern was die Frauen aus ihm machen.“ [S. 38]
Die Schauspielerin muss individueller Charakter sein und gleichzeitig die Fantasie der Männer beflügeln. Der Schauspieler im Zweifel nicht mal letzteres, es ist bezeichnend, dass er sich eine rundweg andere Qualität von Privatsphäre leisten und trotzdem zum Star heranwachsen kann.

Was hat das alles mit dem britischen Schauspieler Anthony Steel zu tun, der vor 25 Jahren als verblühter Schönling der Leinwände starb und bald schon in nahezu vollständige Vergessenheit fiel? Ganz simpel: Als problembehafteter Mann oder gleich Schurke besaß er wenig von dem, was wir diesen Figuren nur allzu bereitwillig zugestehen. Die bösen Männer des Kinos können zwar äußerlich hässlich sein, sie sind aber aber für gewöhnlich mit einem in irgendeiner Weise betörenden Kern versehen, werden in ihren Abgründen von einem ihnen eigenen Ehrenkodex geleitet, besitzen Stil, Wortgewandtheit, Intelligenz, eine gewisse Würde, imponieren durch amoralische Gerissenheit beziehungsweise die archaische Kraft ihrer Rohheit oder bleiben schlicht in irgendeinem Grade bemitleidenswert. Samt und sonders sind dis abfedernde Narrationstropen, die Distanz schaffen und die Frauen meist nur dann ins Drehbuch geschrieben werden, wenn sie dezidierte Aneignung von Männerrollen betreiben sollen.


In seinen besten Rollen beansprucht Anthony Steel keine dieser schützenden Folien vor seiner eigenen Männlichkeit; die Membran zwischen Schauspieler und Figur bleibt eigentümlich durchlässig. Es kann etwas hängenbleiben, zurückfallen. Zwei dieser Rollen spielte er, wie so viele im Herbst seiner Karriere, in der Bundesrepublik. Mit einer verbinde ich wesentliche Kindheitserinnerungen und wohl auch frühe Ideen vom Kino: Wenig hat mein Bild von vollends verkommener Leinwandschurkerei mehr geprägt als Anthony Steel, der mit zwei Kompagnons und einer Buddel voll Rum in Sand wie Sonne brät, um der einzigen Hoffnung des Wilden Westens auf einem Logenplatz beim Verrecken zuzuschauen, ohne dafür selbst auch nur einen Finger krumm machen zu müssen. Sein Bud Forrester in „Winnetou, 2. Teil“ (Harald Reinl, 1964) ist nicht „herrlich fies“, wie man es guten sowie gut auf Distanz bleibenden Schurkendarbietungen gerne als bewunderndes Ehrenprädikat zuschreibt, sondern rein profan fies. Alltäglich fies selbst in größtmöglicher Schauspielschurkerei wie es nur ein plastisches Individuum sein kann, ein vollwertiger Charakter, kein Typ.



Er ist auf eine Art viehisch und ungeschliffen, die nicht dazu angetan ist, dass wir auch selbst einmal die Muskeln des rücksichtslos und unbeirrbar starken Mannes an unserem Körper wissen wollen. Selbst im edlen Zwirn bleibt er entschieden stillos, roh, hässlich, eklig in seiner prinzipiellen Ansehnlichkeit – und sei es nur, weil die beiden Handlanger, die selten von seiner Seite weichen, ihn mit ihren schnurrig aufeinander abgestimmten Rot-Blau-Gegensätzen im Kostüm so kongenial gegen jeden verbliebenen Glauben an den verzeihlichen Zug im Schurken abschirmen. Klaus Kinski wiederum, der ebenfalls zu seinem Gefolge zählt, spielt wie üblich zu neurotisch auf, um mehr zu werden als eine jener mental abgewrackten Schreckgestalten, die im Kinosessel verlässlich unsere kollektive Faszination bannen. Es wundert wenig, dass er es ist, der den Guten eine perfide Mitleidstour als Präludium zum Hinterhalt vorgaukeln muss. „Winnetou, 2. Teil“ ist ein interessanter Film über Männerrollen und -typen, ohne dass man überhaupt auf die Helden zu sprechen kommen muss. Bezeichnend ist, dass selbst die gegenwärtige Faszination für schwerreiche, ich-bezogene CEOs nur wenig für den Mann tun kann, der unter all den grundsätzlich kapitaldienenden Weltzerstörern der Winnetou-Trilogie derjenige ist, der als Ölbaron am direktesten das personifizierte Kapital darstellt anstatt nur dessen gedungenen Untertan und Auftragsmörder. An Anthony Steel perlen sowohl die Zuschreibung besonders eindrucksvoller Intelligenz als auch die Bewunderung für besondere Geschäftsdurchtriebenheit oder Aktivität ab, seine Schwitzfresse an der Schnapsflasche bleibt auf elementarster Ebene abstoßend. Anthony Steels Schwitzfresse, nicht Bud Forresters Schwitzfresse. Man kann sich wahrlich nicht gut in das Fiktive flüchten, dafür wirkt diese Fratze zu real, zu erbarmungslos ausgestellt, trieft sie zu sehr zu uns herüber. Hier stellt einer sein schönes Gesicht der Hässlichkeit zur Verfügung, wie es selten ein eitler Schauspieler geschehen lässt. Das charakterisierende Spiel gibt das Gesicht her, das typisierende nur den Geist. Ein Vergleich zu Lex Barker lohnt, dem man gegen Ende seines deutschen Starruhms, in „Winnetou und Shatterhand im Tal der Toten“ (1968), deutlich die Flasche in den Zügen ablesen kann und der sie doch nach Kräften zu verschleiern versucht. Beides Sichtbarkeit, nur eine ist durchdringend.



„When he wasn’t drunk he was charming and cultured, intelligent, a sense of humour. Too bad he got on that road. He would start arguments with anybody after one drink too much and then he would get violent.“
Anika Ekberg in [„Not so dolce, but a true diva“, Andrew Billen, The Times, London, S. 8, 18.04.2006]

Vier Jahre sank Anthony Steels rasch sinkender Stern weiterhin im deutschen Kino, man drehte allerdings erneut im Ausland, dieses Mal Italien. Roger Fritz‘ „Häschen in der Grube“ (1969), ist der Mittelteil einer Filmtrilogie, die klar wie wenig im deutschen Film einen Blick dafür hat, dass die sexuelle Revolution der Gegenkultur vorrangig den Männern zunutze war. Einer selbst für die Verhältnisse ihrer öffentlichen Wahrnehmung sehr jung und unschuldig wirkenden Helga Anders ist Anthony Steel als der Tochter seiner Partnerin sexuell zugetane Vaterfigur gegenübergestellt. Dem gegenteiligen Schein zum Trotz lassen sich Lothar Briegers Beobachtungen zu den gewachsenen kulturellen Rollen von Schauspielerinnen wie Schauspielern mit Blick auf diesem Film formidabel überprüfen und auf den Kopf stellen. So naheliegend es auf den ersten, oder einen lediglich an der damaligen Werbung orientierten, Blick erscheinen mag – Helga Anders‘ Leslie ist so viel und vieles mehr als ein plumper Lolita-Stereotyp. Dafür ist sie zu mutig, zu eigen, zu individuell, zu sehr in sich selbst existent, die Rolle zu nah an der Schauspielerin selbst, die mit ihrem öffentlichen Bild in Kommunikation tritt, diesem antwortet.


Rainer Knepperges meint zu den Frauen in Roger Fritz‘ loser Trilogie und damit jedes Mal aufs Neue Helga Anders:
„Die sehr verschiedenen Frauenfiguren, die Helga Anders bei Roger Fritz dargestellt hat, sind alle, was im Kino fast nur Männer sind: einsam. Nicht von jemandem verlassen, nicht trauernd, nicht suchend, sondern einsam. Einsam von Natur aus. Einsam wie ein Held. Das ist so selten und so schön, daß dies allein schon Grund genug wäre, die Filme von Roger Fritz zu lieben.“ [1]
Ein wesentlicher Teil von Leslies Einsamkeit ist ihre Individualität. Bei Männern, die von Natur aus einsam sind, handelt es sich um einen bewunderten Typus, den einsame Wolf. Bei Frauen nicht. Selbst wenn sie sich an ihm versuchen dürfen, sie bleiben selbst unter Publikum allein. Frauen können nicht einsam sein, sind sie doch das „soziale“ Geschlecht. Ihre Einsamkeit ist charakteristisch, kein Bild. Sie büßen grundsätzlich mit ihrem Gesicht dafür, können sich nicht hinter das Allgemeine zurückziehen. Niemand möchte über eine Female Loneliness Epidemic sprechen. Auch Anthony Steel gibt erneut sein Gesicht her, spielt eine Vaterfigur, die so gar nichts Väterliches an sich hat, eher das Gebaren eines kindisch-toxischen Liebhabers an den Tag legt, von dem man heute allzu bereitwillig annimmt, dass die aufgeklärte Gegenwart ihn erst enttarnen kann. Verbotene Sinnlichkeit, Charme, Würde, Entspanntheit, der silberne Reiz des Älteren – das alles gibt es bei Steels Maurice, einem erfolgsverwöhnten Dirigenten, nicht zu holen, obwohl es ihm doch ins Antlitz gemeißelt ist. Lediglich ausgenutzte Macht, erstaunliche Unreife und die Allüren eines Kulturmenschen bleiben zurück. In dieser Rolle tritt der Mensch Anthony Steel am deutlichsten mit dem Schauspieler ins Gespräch. Es ist kein schönes.
„[…]I am a British actor and I am a bloody good actor. I just hope people remember me… I still photograph well. I photograph like 40 but I happen to be 50. I have been away too long I don’t guarantee they will accept me and I don’t guarantee I will accept them… But I want to be judged on my ability. I am a good actor and I now have to convince the new producers.[…]“
Anthony Steel in [„The true-blue boy, is coming home“, Gilbert Lewthwaite, Daily Mail, Nr. 22737, S. 6, 10.06.1969]


Der zu einem nicht unerheblichen Teile auf ihren Schöpfer abfärbende Ekel, welchen diese Figur hervorruft, ist eine bewusste intellektuelle Entscheidung, keine körperlich ausgeformte Pose, die letztlich nie auf das Tiefere vordringen darf. Man muss das zulassen. Vielleicht war es die Verzweiflung des einst vom Publikum Geliebten, die ihn zu dieser radikalen Offenbarung drängte, wahrscheinlicher einfach ein Zufall, einer dieser goldenen Momente des Films, die es bloß geben kann, weil Kino ein Geschäft ist. Als ich Roger Fritz einmal fragte, ob er ebenso begeistert von Steels Darbietung bei Reinl gewesen sei, wie ich es bin, und ihn daher besetzt habe, reagierte er mit der stets ein wenig augenzwinkernd überhöhten Ablehnung, die all jenen deutschen Filmemachern zu eigen war, die ungern in Papas ungeliebte Fußstapfen gedrängt wurden. Tatsächlich habe der italienische Geldgeber darauf bestanden; in der wohl vergeblichen Hoffnung, noch Jahre nach deren Boulevardhöhepunkt von Steels skandalträchtiger Ehe mit Anita Ekberg zu profitieren. Anthony Steel jedoch gibt wesentlich mehr, als ein Mann, der nur der Klatschspalten wegen besetzt wurde, gemeinhin gibt. Es sind gerade auch Zeugnisse dieser Ehe, die nahelegen, dass dem vorherigen Sunnyboy des britischen Nachkriegskinos das toxische Potenzial der von ihm gespielten Männer wohlvertraut gewesen sein dürfte. Vor diesem Hintergrund wird es umso interessanter, dass er sich in den 60er Jahren offenbar aus Überzeugung für Rollen entschied, die in Anlage und Ausführung unmöglich machen, den wohlfeil unsichtbar mitschwingenden Finger auf Männer im Allgemeinen zu legen, obwohl er seinen Restruhm durchaus in der komfortabelsten aller Typisierungen hätte verleben können.

„Audiences appreciated his lack of „brood“ and neurosis; he seemed fresh-faced and decent: the ideal uncomplicated boyfriend/junior lieutenant/game warden. In addition, at a time when many British leading men seemed ‚indoorsy‘ (i.e. wimps), Steel was a physically active type. He didn’t come across too sleazy on screen, either… he could seem romantically interested in women but not lecherous about it.“
Stephen Vagg über Anthony Steel [„The Emasculation of Anthony Steel: A Cold Streak Saga“, Filmink, 23.09.2020]


Kann man Anthony Steel überhaupt vergleichen mit anderen Männern im deutschen Kino dieser Zeit, das so viele typisierte Schauspieler kennt und an eigenen, eigensinnigen, eigenständigen Schauspielerinnen so reich ist wie ganz wenige Epochen im hiesigen Film? Vielleicht in der unmittelbaren Karl-May-Nachbarschaft von „Der Ölprinz“ (Harald Philipp, 1965) mit Harald Leipnitz, dem bei sehr ähnlichem Status und vergleichbarer Macht ein vorzüglich öliger Charme innewohnt, der allen Schurkenfreunden angenehm den Rachen runter rinnt. Wie wäre es mit Larry Pennell, der in Alfred Vohrers „Old Surehand, 1. Teil“ (1965) beteuert, man habe ihm seine Insignien zu Unrecht aberkannt, und einen der modischsten Gauner der Reihe gibt? Eher nicht. Wahrscheinlich lohnt tatsächlich zuvorderst der Vergleich mit anderen Männern bei Harald Reinl, der wesentlich Geistreicheres zu Bildern von Männlichkeit beitrug, als ihm üblicherweise zugetraut wird. Etwa mit Steels Winnetou-Schurkenkollegen Rik Battaglia, der zwar den kulturell erschütterndsten Filmmord der gesamten Bundesrepublik begehen musste, sich dabei allerdings der anmutigen Großtuerei des früheren Peplum-Stars bedienen durfte. Oder mit Reinhard Kolldehoff, dem einzigen wirklichen Heavy des bundesdeutschen Nachkriegskinos, der selbst in einer so abstoßend schmierigen Rolle wie er sie in „Der Frosch mit der Maske“ (1959) bekleidet, noch ein wenig die mitleiderregende Kriecherei des gernegroßen Mannes innehat, der bis über beide Ohren in einer ihn weit überragenden Sache steckt; und der in „Romarei – Das Mädchen mit den grünen Augen“ (1958) als Täuschung vor dem Messerangriff einen Apfel mit genau jener Dominanz der einzelnen Gesten spaltet, die uns in der Männergesellschaft unweigerlich ein Modikum an Respekt abringt. Womöglich reicht aber auch der Blick auf Jochen Brockmann, ebenfalls in „Der Frosch mit der Maske“, bei dem man, selbst während er die gefesselte Eva Pflug mit einer Maschinenpistole zusammenschießt, nie abschließend den rücksichtsvollen Eindruck vertreiben kann, dass der gestrenge Buchhaltertyp einfach nur ganz feist den Bembel kreisen lassen muss, weil er eine junge Frau in seinen Besitz bringen will. Allein Ulrich Beiger haftet in seinen kleineren Rollen in „Der Frosch mit der Maske“ und „Die Bande des Schreckens“ (1960) eine bieder-pragmatisch gewalttätige, unanknüpfbare Banalität des Bösen an, die in ähnlicher Weise Osmose mit dem Bild betreibt, das man sich vom Schauspieler macht. Subtiler allerdings, weniger radikal und mit weniger Noten von verbrannter Erde als bei Steel.






Wo die Genannten selbst tätig und gewalttätig werden, leiert Steels Bandenchef die endlosen Grausamkeiten des großen Massakerfilms „Winnetou, 2. Teil“ lediglich an. Doch auf der Ebene des Schauspiels sind die Verhältnisse umgekehrt – Anthony Steel kann und will das Dunkle in sich nicht an andere delegieren. An dieser Stelle kommt mir Brieger wieder in den Sinn: „Thema ist nicht mehr, was der Mann macht, sondern was die Frauen aus ihm machen.“ Man kann die Frauen im Gedankenspiel durch die Gesellschaft substituieren, durch ein Umfeld, die Zeit – das Ergebnis bleibt dasselbe. Anthony Steel macht noch. Sein Bud Forrester und sein Maurice, zwei singuläre Erscheinungen des deutschen Kinos, sind trotz der nach wie vor ansehnlichen Fassade des gereiften Schönlings von solch bestechender Hässlichkeit, dass diese ganz automatisch auf den Schauspieler selbst zurückfällt. Womöglich liegt auch darin das ab den 70er Jahren stark voranschleichende Ende in wieder deutlich gesitteteren Fernsehauftritten und höchst infrequenten Kinorollen begründet. Anthony Steel hatte die relativ kurze Hochphase eines sehr hübschen Mannes und er hat sie suizidal in die Länge gezogen, dabei Antworten auf Fragen gegeben, die gesellschaftlich so noch gar (wieder) umfassend gestellt waren. Und bis heute nicht werden. Wie hätte er da je in der Erinnerung mehr bleiben können als ein Schöner unter vielen.
Nein, Anthony Steel war nicht mutig, er war waghalsig, war unerschrocken.


Winnetou, 2. Teil – BRD, Jugoslawien, Italien, Frankreich 1964 – 94 Minuten – Regie: Harald Reinl – Produktion: Horst Wendlandt – Drehbuch: H.G. Petersson – Kamera: Ernst W. Kalinke – Schnitt: Hermann Haller – Musik: Martin Böttcher – Darstellende: Lex Barker, Pierre Brice, Karin Dor, Anthony Steel, Eddi Arent u.v.a.
Häschen in der Grube – BRD 1969 – 94 Minuten – Regie: Roger Fritz – Produktion: Herbert Maris – Drehbuch: Roger Fritz – Kamera: Rüdiger Meichsner – Schnitt: Hermann Haller, Hella Faust – Musik: Uli Roever – Darstellende: Helga Anders, Anthony Steel, Françoise Prévost, Ray Lovelock u.v.a.

(Pat Boyette quoted in „A fright-fest of films by Pat Boyette“ by Marty Baumann [J. David Spurlock – The Nightstand Chillers – Vanguard Productions; p. 45])

Ergänzt um einige illustrierende Bilder findet sich hier die Schriftfassung der Laudatio, die ich am 19.11.2025 im Jülicher Kulturbahnhof auf Dietrich Schubert halten durfte. Anlass war die Verleihung des Preises für Zivilcourage, Solidarität und Toleranz der Jülicher Gesellschaft gegen das Vergessen und für die Toleranz e.V., die sich um eine lebendige Erinnerungskultur bemüht.
Lieber Dietrich, liebe Katharina,
sehr geehrtes Komitee der Jülicher Gesellschaft,
meine werten Damen und Herren,
wo beginnen, wenn man letztendlich auf die ganz großen Dinge der Wirkung, die einem Künstler, seinem Werk, aber auch Film als Medium gerne zugeschrieben werden, hinauswill und soll. Dazu habe ich mir in den letzten Wochen einige Gedanken gemacht. Am besten ganz auf den Anfang zurück, vor Wirkung und Erwartung von Wirkung, zu den kleinen Dingen, im großen Ganzen betrachtet unwesentlichen Erinnerungen. Weiterlesen “Wacher Ästhet des Dokumentarfilms – Eine Laudatio auf Dietrich Schubert” »

Es ist wahrlich verlockend leicht, diesen offensichtlichst im extremen Maße kostengünstig (oder kosteneffizient, wie ich meinen möchte) zusammengeklöppelten Koreakriegsreißer als das zu verlachen, was er ist. Eine extensive Sammlung sich teils auch noch frech wiederholenden Archivmaterials von echten Kampfhandlungen, das sich mit sicherlich 75 Prozent der Gesamtlaufzeit um eine narrativ dürftigst herausgearbeitete Handlung und minimalistische Heldenreise geradewegs in die filmische Ausflucht erstreckt. Dies würde allerdings schnöde verkennen, dass er sich selbst am allerwenigsten dafür interessiert, was ist, und lieber in dem verharrt, was hätte sein können. Früh wird deutlich, dass vielerorts keinerlei Raumbegrenzungen existieren und andere gleichzeitig von größter Bedeutung sind. Weiterlesen “Versunkene Perlen aus dem Eskalierende-Träume-Archiv #01: No Man’s Land (1964)” »

Gemeinhin pflegt man heute nicht mehr über den Tod des Führers zu weinen. Und dennoch geht er einem in Stellvertretung ganz nah zu Herzen, wenn man Zeuge wird, wie er sich hier über die Ohren in die Mimik der Menschen schleicht. Der kleine Nanning (Jasper Billerbeck) ist gerade zum Brunnen gegangen, als der Propagandasender im Haus die Nachricht vom furchtlosen Heldentod in Berlin berichtet und rasch von den markerschütternden Verzweiflungsschreien seiner Mutter überlagert wird. Eine ganze Weile lang interessiert sich die Kamera nur für sein Gesicht, auch die filmhandwerkliche Welt dreht sich nicht mehr. Starre Augen und Lippen lassen uns in die Seele sehn – hier bricht das einzige Universum zusammen, das man versteht, in dem man sich zu orientieren gelernt hat. Weiterlesen “Zeitnah gesehen: Amrum (2025)” »

©Albrecht Fuchs
Es gibt eine Anekdote, die ich in der etwas über einen Dekade, die Bernhard Marsch den cinephilen Teil meiner Existenz durchaus sehr entscheidend mitprägte, nun wirklich jedem, der sie nicht hören wollte, immer und immer wieder vorgekaut habe. Vermutlich, weil ich früh den Symbolwert dieses ausgemachten Blödsinns spürte, sie ohne lange Episteln reich an distanzloser Schwärmerei viel preisgab über das, was den Filmclub 813 insbesondere als Ort zwischenmenschlichen Erlebens auszeichnet. Sie verweist ganz zurück auf den Anfang unserer Beziehung zueinander, somit gleichzeitig auf den Beginn meiner cinephilen Sozialisierung. Weiterlesen “„Weiter Weg, was?“ – Erinnerungen an Bernhard Marsch (1962 – 2025)” »

„Neues vom Hexer“, neben Harald Reinls in seiner wundervollen Heimatfilmseligkeit im Grunde viel besser zu dieser Zäsur passendem „Der unheimliche Mönch“ der zweite Film des abschließenden Wallace-Doppelschlags der ersten, der argloseren Hälfte der 60er Jahre, markiert in gleich zweifacher Hinsicht sowohl ein Ende als auch einen Neuanfang. Für die langlebigste Filmreihe der alten Bundesrepublik, jedoch ebenso für Alfred Vohrer, ihren vielbeschäftigsten Regisseur. Waren die Filme ab 1962, beginnend mit Vohrers großem Kassenschlager „Das Gasthaus an der Themse“, bereits graduell weniger vorlagengetreu geworden, ist dieser der erste, dessen Drehbuch sich in Gänze von den Situationen, Grundkonflikten sowie Figurenkonstellationen eines Wallace-Romans löst und stattdessen schlicht seinen Titel von dem der deutschen Übertragung der Kurzgeschichtensammlung „Again the Ringer“ (1929) borgt. Vohrer hingegen, seit seinem Einstand mit dem modernen deutschen Horrorklassiker „Die toten Augen von London“ (1961) stilistisch prägender Impulsgeber der Reihe, wurde mit dem Serienausstand des stets zuverlässigen Regiehandwerkers Franz Josef Gottlieb und des dem ernsthaften make believe amerikanischer Vorbilder ungleich stärker verpflichteten Harald Reinl im vorherigen beziehungsweise selben Jahr über weitere Jahre hinweg beinahe alleinig federführender Auteur. Zwischen 1966 und 1969 hatte allein die britische Ko-Produktion „Das Geheimnis der weißen Nonne“ (1966), einer unter sagenhaften acht Filmen innerhalb dieses neuerlichen Ausstoßhöhepunktes also, einen anderen Regisseur. Weiterlesen “Wunder gibt es immer wieder: Über Brigitte Horney, Kurt Waitzmann und Teddy Naumann in Alfred Vohrers „Neues vom Hexer“ (1965)” »