Mit Cage auf der Couch





Nervös stehe ich am Eingang zum Kino, in dem ich gleich den neuen Nicolas Cage Film „The Unbearable Weight of Massive Talent“ (2022) in einer Pressevorführung sehen werde, zwei Monate vor Erscheinungstermin. Mit Presse habe ich so gar nichts zu tun und muss etwas in mich rein schmunzeln. Niemand von den Personen hier kann auch nur annähernd erahnen, wie aufgeregt ich bin, Cage wieder auf der großen Leinwand zu sehen. Während ich in der üblichen Corona-Schlange stehe, lasse ich Revue passieren, wie ich hierhergekommen bin.

Es ist März 2020. Seit wenigen Monaten nehme ich Antidepressiva, zum ersten Mal in meinem Leben. All meine Sorgen und Ängste wurden unerträglich. Ich habe gemerkt, die fünf Jahre Therapie werden meinen Kopf nicht mehr so hinbiegen, wie ich ihn mir wünsche. Also wieso nicht einfach mal Tabletten versuchen? Ich fühle mich damit richtig gut. So gut wie schon sehr lange nicht mehr. Doch meine Ängste werden ständig wachgerüttelt. Das Virus nähert sich dem Alltag. Ich muss die Angst immer öfter runterschlucken und merke zunehmend, wie ich mich erneut durch jeden Tag kämpfen muss. Total frustriert wache ich jeden Morgen auf und zwinge mich auf die Arbeit zu gehen, um Tätigkeiten auszuüben, die für mich nun völlig sinnlos erscheinen, während die Welt, wie ich sie kenne, zusammenfällt.

Eines Abends gucke ich nichtsahnend „Vampire’s Kiss“ (1988) mit Nicolas Cage in der Rolle des verzweifelten Peter Loew. Wir lernen Peter während einer Therapiesitzung kennen. Frustriert berichtet er über sein Liebesleben. Er ist einsam, aber auch genervt von seinen Affären, die am Morgen nach dem One Night Stand nicht früh genug sein Bett verlassen können. Schon die erste Szene macht etwas mit mir. Erst gestern saß ich ebenso frustriert vor meiner Therapeutin. Mich beschäftigen andere Themen, aber die innere Zerrissenheit inklusive Gesichtsausdruck ist die gleiche. Peters müde Augen spiegeln meinen Zustand wider, ich möchte ihm am liebsten „same here“ zurufen.

Doch es bleibt nicht bei dieser einen Szene, in der ich absurderweise Parallelen zu meinem Gefühlsleben, meinen Gedanken, meiner Umwelt oder dem Corona-Alltag entdecke. Da ist z.B. der Moment, in dem Peter in seinem Appartement ist und sich auf ein Date mit einer Dame vorbereitet. Plötzlich hat er das Gefühl, nicht alleine zu sein. Seitdem er bei seinem letzten One Night Stand in den Hals gebissen wurde, ist Peter sowieso schon aufgekratzt, nervös und hat das Gefühl, irgendwas ist anders. Nun setzt er sich ängstlich und zitternd hin und wartet ungeduldig darauf, losgehen zu können. Cage zwinkert unaufhörlich mit den Augen, sein Mund öffnet und schließt sich beim Hyperventilieren, wiederholt senkt und hebt sich sein Brustkorb. Er fummelt an seiner Jacke herum, die er in den Händen hält. Dramatisch wischt er sich den Schweiß von der Stirn. Während ich all das sehe, muss ich lachen. Zum einen wegen Cage, zum anderen, weil ich bei einer Panikattacke genauso empfinde. Dabei fühlt sich alles anstrengend an und ich konzentriere mich auf alles, was mein Körper so macht. Da können die Augenlider plötzlich so schwer werden, dass ich mit aller Kraft versuchen muss zu blinzeln. Atmen kann so schwerfallen, dass ich verkrampfe. Wenn ich eine Panikattacke pantomimisch darstellen müsste, würde das Cages Darstellung ähneln. Mich amüsiert der Gedanke sehr. Darüber hinaus ist es befriedigend zu sehen, dass sich jemand genauso verhält, wie er sich fühlt. Wenn Peter lacht, lacht er mit jeder Faser seines Körpers. Wenn er weint, schluchzt aus ihm ein verzweifeltes „Boohoo“ heraus. Und wenn ihm zwei Frauen in einem Imbiss auf den Sack gehen, dann steht er auf und beschimpft sie.

Peters Verhalten und seine Emotionen bringen eine beruhigende Ordnung in meinen Kopf. Es fühlt sich an wie ein Ventil für die frustrierenden letzten Wochen und die, die noch kommen werden. Ich lache über Cage, mich selbst und die Absurdität der momentanen Situation. Das hat etwas von einer Nacht im Club, in der man seinen ganzen Frust raustanzt. Cage ist zu meiner bunt leuchtenden Tanzfläche geworden, auf der ich lachen, schreien oder weinen kann. Er ist eine warme, tröstende Umarmung. Ich fühle mich verstanden und übersetzt. Da ist eine Person, die mein verwirrendes Gefühlsleben nach außen kehren kann. Jemand, der mich an die Hand nimmt und mein ganzes Chaos wie eine zweite Haut anzieht.

Im Laufe des Films vertieft Peter sich immer mehr in den Glauben, sich in einen Vampir zu verwandeln. Hierbei weichen die Grenzen der Normalität immer mehr Peters Halluzinationen. Während er anfangs noch versucht, normal und angepasst zu bleiben, bricht er immer mehr aus den gesellschaftlichen Normen aus. Peter gibt sich letzten Endes seinem Wahnsinn hin und lebt in der Welt, die sein Kopf für ihn kreiert. „Vampire’s Kiss“ weckt eine tiefe Sehnsucht in mir. Den Wunsch, frei zu agieren, nichts zu verstecken, offen zu sein.

Ich behielt schon immer viel zu viele Gedanken für mich, weil ich Angst hatte, andere könnten denken, ich sei komisch oder sie könnten merken, dass ich nicht dazugehöre. In meiner Familie wurde nie über Probleme gesprochen, alles wurde totgeschwiegen. Nach außen hin sollte alles normal wirken. Doch mit wenigen Ausnahmen war nichts normal. Missbrauch versteht man als Kind nicht. Normal ist alles, was du erlebst. Dann plötzlich war ein Elternteil nicht mehr da. Es war einfach so. Meine Welt, in der ich lebte, gab es so nicht mehr. Alles war anders. Suizid, und niemand redete darüber. Jeder war in seiner eigenen Trauer versunken. Mit 8 kann man Verlust und Trauer alleine nicht verarbeiten. Ich verstand nicht mal, wieso ich stundenlang weinen musste. Also versank ich in meinen Gedanken und habe mich mit Filmen und Videospielen wohlig zugedeckt und mir eine schützende Höhle gebaut, in die lange Zeit niemand reingucken wollte und ich niemanden reingucken lassen wollte, in der Hoffnung, dass mich irgendwann jemand rettet.

Ich wuchs also auf, immer begleitet von dem Gefühl, ich könnte nicht offen sein, weil ich etwas zu verbergen habe: meinen Wahnsinn, meine Unsicherheiten, meine Trauer, meine Ängste, meine Wünsche. Man spricht doch nur über die guten, normalen Dinge. Alles andere wird verschwiegen und nicht besprochen. Aber je mehr ich diese Gedanken und Emotionen in mir behielt, desto stärker wurden sie. So wuchs auch meine Sehnsucht, all diese Gefühle rauszulassen, irgendwie zu explodieren. Da ich nie gelernt habe, mein Innenleben in Worte zu übersetzen, fand ich andere Wege. Mein Körper wurde mein Ventil: Selbstverletzung, Essstörung, exzessiver Sport, Arbeiten bis zum Umfallen, Alkohol, Drogen, Sex… Hauptsache ich fühlte meinen Körper; mich. Wichtig war es, irgendeine Form von Kick zu spüren und in den Genuss eines kurzen Augenblicks völliger Freiheit zu kommen, indem ich alles Erlebte maximal verdrängte.

Dementsprechend wuchs auch mein Interesse an Filmen, die grenzüberschreitend oder grenzerweiternd sind, sich mit der Deformation des menschlichen Körpers beschäftigen oder mich mit einem visuellen Bilderrausch in andere Sphären bringen. Cronenbergs Körperhorror, Fulcis Gewaltexzesse oder Argentos Feuerwerk der Farben sind nur ein paar Beispiele, die mich in ihren Bann ziehen und mich jedes Mal auf einen besonderen Trip schicken. Das Kino, das für mich seit der Kindheit ein Zuhause war, wuchs in seiner Bedeutung. Es wurde für mich zur Droge, die meinen Körper gegen Wände schmettern, mir das Herz rausreißen, meine Augen greifen kann, ohne dass ich mich in irgendeine Gefahr begebe. Ich vergesse meinen Kopf, bin nur Körper und lebe in den Bildern, die über die Leinwand oder den Bildschirm flimmern. Die Performanz des Kinos trifft auf einen sich vollkommen hingebenden Körper. Ich suche den Schock, die Trauer, die Wut, die Liebe. Ich sehne mich nach extremen Emotionen, die mich in der wohligen Sicherheit des Kinosessels, der Couch oder dem Bett umhauen.

Und nun sehe ich Cage zu, wie er sich seiner Transformation vor der Kamera physisch und psychisch hingibt – ohne Rücksicht auf Verluste. Peter versinkt immer mehr in seinem Wahnsinn und Cage verdeutlicht das mit Hilfe seines Körpers. Er braucht keine besonderen Spezialeffekte oder Makeup, um sich in einen Vampir zu verwandeln. Inspiriert von Filmen des Deutschen Expressionismus der 20er Jahre wie „Nosferatu, eine Symphonie des Grauens“ (1922) oder „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920), wollte er eine neue, surrealistische Art des Schauspiels entwickeln. Für ihn gibt es keinen Grund, weshalb Schauspieler mit ihrer Kunst nicht dieselben Möglichkeiten der Stilvariationen haben können wie Künstler in der Malerei. Dank des Regisseurs Robert Bierman hatte Cage beim Dreh zu „Vampire’s Kiss“ die Chance, mit seiner Darbietung zu experimentieren. Ich bewundere Cage für seine exzessive Hingabe und dafür, dass er sich vor einer Kamera wörtlich und bildlich nackt macht, um eine Figur zu spielen. Sein Körper ist Grenzüberschreitung pur, jenseits von allem, was man als normal bezeichnen würde, zwischen Exzentrik und Wahnsinn schwimmend. In diesem Pool aus purer Körperlichkeit entdecke ich einen Weg, mich mitzuteilen und über Dinge zu reden, die ich sonst nicht ansprechen würde. In der coronaverseuchten Zeit von 2020, gequält von Ängsten und Unsicherheit, und während die ganze Welt in ihren eigenen vier Wänden feststeckt, erreicht meine Sehnsucht nach Freiheit und Offenheit ihren Höhepunkt. Die virtuelle Welt wird mein neuer Zufluchtsort und darin beginne ich mich allmählich zu befreien.

„I’m a vampire!“ ruft Peter, während er durch die Straßen New Yorks rennt. Es ist eine Art vollkommener Einsicht und Akzeptanz seiner Verwandlung. Für mich war es ein langer Weg, zu solch einem Grad der Erkenntnis zu gelangen und auf ein Level zu kommen, auf dem ich mich nicht mehr ausradieren und von Grund auf verändern möchte. Viele Jahre lang habe ich mich selbst wie ein Vampir ausgesaugt und auf eine wundersame Transformation gehofft, die mich anders, besser, normal macht. Jedes Mal, wenn meine Bemühungen mich nicht an mein Ziel – eine utopische Normalität, die ich mir im Kopf zusammengesponnen habe – brachten, bin ich verzweifelt zusammengebrochen. Mich wieder zu sammeln, wurde mit jedem Mal schwieriger. Ich weiß nicht, wie oft ich an diesem Punkt bei meiner Therapeutin saß und wir jedes Mal erneut dieselben Schritte durchgegangen sind, um mich wieder zu stabilisieren. Die Mauern der Selbst-Ablehnung rissen aber allmählich ein. Nachdem mein Freund und meine Therapeutin jahrelang beharrlich auf mich einredeten und nicht müde wurden, mir dieselben Dinge immer und immer wieder zu sagen, kam irgendwas davon langsam in meinem verwinkelten Hirn an. Dazu kamen noch zwei Dinge, die mich stark beeinflussten: #MeToo und meine Freundschaft zu Hannah.

2017 tippte ich mit zitternden Händen und Herzklopfen „#metoo“ in mein Handy und postete den Hashtag auf Facebook. Ein paar Buchstaben, die sehr viel für mich bedeuteten. Der Post hat mich bestärkt und mich aus einer Dunkelheit geholt, in der ich mich nicht getraut habe, „Nein“ zu sagen. Ich war nun kein Opfer mehr, das schweigt und alles versucht zu vergessen, sondern ein (wenn auch minimaler Teil) einer tragischen Bewegung, die den Zeigefinger in eine blutende Wunde steckte. Es war verdammt befreiend und ich wusste, ich bin nicht alleine mit dem inneren Kampf und den Selbstzweifeln. Durch meine Erlebnisse fühlte ich mich oft fremd in der Welt, wie ein Fehler im System. #MeToo hat Menschen wie mich vereint und daraus etwas Kraftvolles geschaffen. Es hat gezeigt, dass nicht wir der Fehler sind, sondern das System. Das hat zu einer wichtigen Verschiebung in meiner Wahrnehmung der Welt geführt und dazu, dass ich die Welt allmählich mit ihrer fuckedupness konfrontieren wollte.

Eine beschissene Vergangenheit kann also auch zu einer blühenden Gemeinsamkeit werden. Das merkte ich besonders, als ich Hannah kennenlernte. Sie hat auf Grund von frühen und harten Erlebnissen ebenso einen psychischen Knacks, geht aber vollkommen anders mit ihren Erfahrungen um als ich. Noch nie habe ich eine so ehrliche, offene und direkte Person wie Hannah getroffen. Sie scheut selbst die unangenehmsten Themen nicht. Das bewundere ich sehr an ihr und es färbte stark auf mich ab. Obwohl wir uns nur durch stundenlange Sprachnachrichten kennenlernten, vertraute ich ihr schnell und begann ihr alles aus meinem Leben zu erzählen. Es war neu für mich, über bestimmte Dinge zu sprechen, ohne gleich weinen zu müssen. Das bestärkte mich darin, mehr über meine Psyche und meine Vergangenheit zu reden, auch mit Menschen, mit denen ich das sonst nicht gemacht hätte. Allmählich gab es in meinem Leben eine Offenheit, die eine Vorstufe zu einer Art Selbst-Akzeptanz war.

Mit der Zeit lernte ich mein Innenleben nicht wegzudrücken, sondern es auch mal mit anderen zu teilen. Das beinhaltete auch, meine Gedanken und Gefühle nicht ständig mit Lärm zu übertönen, sondern mich bewusst mit mir selbst zu beschäftigen. Durch intensive Arbeit mit meiner Therapeutin lernte ich, die Panik vor der Stille ein wenig abzulegen und ab und zu meine Gedanken zuzulassen. Irgendwann merkte ich, dass ich die Schwere meiner Vergangenheit am besten mit Humor auflockern kann. Dank Cages expressiver Körperlichkeit in „Vampire’s Kiss“ fand ich in der turbulenten Coronazeit 2020 eine gute Möglichkeit, meinen Gedanken auf witzige Art freien Lauf zu lassen. Ich begann jeden Tag einen Screenshot aus dem Film auf Facebook zu posten, begleitet von kleinen Anekdoten aus meinem Alltag, meinen Gedanken, meinen Ängsten oder Wünschen. Somit trainierte ich mir ein bewusst-sein an, indem ich täglich etwas über meinen Tag schrieb. Ich machte keinerlei Ausnahmen: auch wenn der Tag noch so scheiße war, ich habe es gepostet und nichts schöngeredet. Und Cage war jeden Tag für mich da.

Die Coronazeit sollte aber eine unglaublich schwierige Herausforderung für meine Psyche werden, die viele Ängste und Gefühle aus meiner Vergangenheit getriggert hat. Ich war erneut konfrontiert mit Autoritätspersonen, die Dinge verschwiegen oder nicht ernst genommen haben und in der Situation völlig hilflos waren. Letzten Endes war jeder auf sich selbst gestellt. Der Alltag war durchbrochen und plötzlich war alles anders. Zum zweiten Mal in meinem Leben. Diesmal kam nur leider meine zerfledderte Psyche dazu. Wenn man eine generalisierte Angststörung hat, hat man Angst vor allem und jedem, obwohl die Umwelt in Ordnung zu sein scheint. Doch wenn die gesamte Welt sich innerhalb kürzester Zeit verändert und das Ende ungewiss ist, ist das wie ein Szenario, vor dem man immer Angst hatte, sich aber damit beruhigt hat, dass diese Angst unbegründet und unwahrscheinlich ist. Doch mit Corona erreichte die Angststörung das nächste Level. Der einzige Unterschied: ich war damit nicht mehr alleine. So schlimm es klingt, das zuzugeben, ich habe mich wohl gefühlt, weil ich wusste, andere haben ähnliche Ängste. Ich war nicht mehr komisch oder aussätzig. Gleichzeitig kam mit den Lockerungen aber immer die Trauer darüber, dass alle wieder versuchen, ein normales Leben zu führen und ich mit meinen Ängsten alleine zurückblieb.

Mein Zustand erreicht trotz Antidepressiva 2021 den absoluten Tiefpunkt. Ich kann nicht mehr arbeiten, nicht mehr einkaufen, nicht mehr essen, nicht mehr funktionieren. Alles fühlt sich schwer an und ich möchte am liebsten in einen langen Schlaf fallen und erst wachgeküsst werden, wenn endlich alles normal ist. Was das genau bedeutet, weiß ich nur leider gar nicht mehr. Ich habe den Boden unter den Füßen verloren. Zu all dem ist die Essstörung, von der ich seit über 10 Jahren kaum mehr gehört habe, wieder erwacht. Sie lenkt mich vom Alltag ab, gibt mir in dieser tristen Zeit einen Kick und die Möglichkeit, zumindest ein klein wenig Kontrolle in einer gerade völlig chaotischen Welt auszuüben.

Aber einen Lichtblick gibt es in diesem Loch, denn endlich öffnen die Kinos wieder und es gibt einen neuen Cage zu sehen: „Pig“. Voller Vorfreude treffe ich mich mit meinem Freund vor dem Kino. Da ich den ganzen Tag nichts gegessen habe, bringt er mir eine leckere Pizza mit. Ich muss mich sehr durchringen, ein Stück davon zu essen. Um sie nicht wegschmeißen zu müssen und weil ich sie nach dem Film vielleicht essen will (eher nicht), verpacke ich sie in eine Plastiktüte, weil ich sonst nichts dabeihabe. Pizza in einer Plastiktüte ist eigentlich ein Verbrechen und mir fällt es schon schwer, das überhaupt auszuschreiben. Mit offenem Herzen und einem fast leeren Magen sitze ich vor der Leinwand und fühle mich bei Cages Anblick total geborgen. Allmählich merke ich nur, dass der Film auf eine Art und Weise in mich fließt, auf die ich überhaupt nicht vorbereitet bin. Er fließt sowohl in die entferntesten Erinnerungsecken als auch in die aktuellen klaffenden Wunden.

In „Pig“ spielt Cage den Koch Rob, der sich nach dem Tod seiner Frau in eine einsame Waldhütte zurückgezogen hat, um vor den schmerzhaften Erinnerungen an ein glückliches Leben zu fliehen. Das Einzige, was ihm noch Freude bereitet, ist sein Trüffelschwein und seine Liebe zum Essen. Eines Tages wird ihm das wertvolle Trüffelschwein geklaut und Rob macht sich auf die Suche nach seinem vierbeinigen Freund. Um sein Schwein wieder zu finden, kocht er für einen Trüffelhändler ein Gericht, das Rob bereits vor vielen Jahren zu einem besonderen Ereignis für ihn gekocht hat, in der Hoffnung, Informationen zu bekommen. Bei dem ersten Biss bricht der Trüffelhändler in Tränen aus. Der Geschmack ist zu schmerzhaft. Zu direkt. Auch er flüchtet vor seiner Vergangenheit. Aber der Geschmack holt ihn ein. Rob ist sich seiner Macht und Verantwortung als Koch bewusst: Gerüche und Geschmäcke können eine Person in die Vergangenheit katapultieren oder neue, besondere Erinnerungen schaffen. So sehr ich vor meiner Vergangenheit wegrenne und Dinge versuche zu verdrängen, auch mich holen bestimmte Gerüche und Gerichte ein. Ich habe lange Zeit meine Liebe zum Essen verloren. Das Loch, was ich in mir gespürt habe, habe ich mit Hunger gefüllt.

„Pig“ in einer Zeit zu sehen, in der ich seit Wochen hungere, teilweise geradezu Ekel vor etwas entwickelt habe, was mir sonst jeden Tag ein Lächeln auf die Lippen gezaubert hat, ist bittersüß. Vor lauter Schmerz und Liebe versinke ich tiefer und tiefer in meinem Sitz. Der Anblick von Robs liebevoller Zubereitung verschiedenster Gerichte, nachdem sein Gesicht – aufgeplatzt, blutig, geschwollen – mit brachialer Gewalt und Wucht zugerichtet wurde, bringt mich zum Weinen. Es erinnert mich daran, wie sehr ich diese konzentrierte und leckere Liebe vermisse, egal wie Schwarz alles um mich herum aussehen mag. Während ich in zahlreichen Nahaufnahmen beobachte, wie gefühlvoll und sanft Rob mit den einzelnen Zutaten umgeht, fällt mir die zusammengedrückte Pizza in meiner Plastiktüte ein. Ich breche erneut in Tränen aus und kann mich auch nach dem Film schwer zusammenreißen. Cage trifft mich direkt in meinen leeren Magen. Ich fühle mich ertappt und wachgerüttelt. Der Hunger wird mich meinem ewigen Wunsch nach einem anderen Ich nicht näherbringen. Er entfernt mich vielmehr von dem Zustand völliger Glückseligkeit, in den ich nach einem leckeren Gericht verfalle. Cage ist für mich plötzlich nicht mehr nur Ventil und Spirit Animal, sondern auch ein guter Freund, der mich auf etwas aufmerksam macht und mir die Augen öffnet.

Doch nicht nur ich sehe Cage als Schatztruhe voller Inspiration, Humor und Leidenschaft. Das Internet hat seit ungefähr 20 Jahren eine Faszination – wenn nicht sogar eine Obsession – für ihn entwickelt. Auf Grund seines extravaganten Schauspiels und seines turbulenten Lebensstils ist er zu einem Popkultur-Phänomen geworden. Es gibt unzählige Memes („You don’t say“) und Youtube Zusammenschnitte („Nicolas Cage Losing His Shit“), unfassbare Schlagzeilen aus seinem Privatleben („Nicolas Cage returns stolen dinosaur skull to Mongolian government“), Cage Songs, Ausstellungen, Hashtags und sogar das „Cagesploitation“ Genre, das Filme umfasst, in denen Cage eine besonders verrückte Darbietung abliefert. Der Internethype konzentriert sich hierbei vor allem auf Cages ausdrucksstarke filmische Ausraster.

Hier kann man die Frage stellen, ob sich die Menschen an Cages Schauspielleistungen lediglich erfreuen und ihn mit diesem Fankult zelebrieren oder sich über ihn lustig machen. Sicherlich werden Cages Filme von vielen in die schreckliche Sparte des „Trash“- Films eingeordnet. Filme, die so schlecht sind, dass man darüber lachen kann. Oberflächlich gesehen mag Cages expressive Art zu spielen auf den Zuschauer befremdlich wirken, denn er positioniert sich damit abseits dessen, was man normales Verhalten bezeichnen würde. So kann Cage schnell in einem Eimer mit ungeliebten Filmen und der Aufschrift „Müll“ landen. Er selbst wundert sich über den Kult, der um seine Person entstand:

„Maybe this has something to do with the characters I played and the way the internet cherry-picks facial expressions that I made the choice to do in film because I wanted to break free from naturalism.“ [1]

Nach „Mandy“ (2018) äußerte er sich sehr frustriert über den Internethype, da der Film lediglich auf die brutalen Cage Rage Momente reduziert wurde, anstatt als poetisches Meisterwerk wahrgenommen zu werden. [2] Er verteidigt seine Arbeit:

„I can honestly tell you that whatever I designed, choreographed or vocalized, I always made sure there was genuine emotion behind it.“

Emotion. Genau das ist es, was mich so an ihm fesselt.

„Für wen sind sie hier?“ fragt mich die Dame am Eingang plötzlich. Ich stehe immer noch in der Schlange für „The Unbearable Weight of Massive Talent“. Die Dame wiederholt ungeduldig ihre Frage. Ich zögere kurz, versuche meine Gedanken wieder ins Hier und Jetzt zu bringen. Mein erster Reflex ist begeistert „Nicolas Cage!“ zu antworten. Dann realisiere ich, was sie meint, sage mit vorgetäuschter Selbstsicherheit: „Deutschlandfunk Kultur“ und nehme in einem der breiten Sessel in der Astor Film Lounge Platz. Ich bin nervös. Gucke mich um. Viele haben Notizbücher und Kugelschreiber parat gelegt. Ich ärgere mich, dass ich nichts mitgenommen habe, denke mir dann aber, dass das für mich sowieso nicht die richtige Art ist, einen Film zum ersten Mal zu sehen.

Der Film dauert 107 Minuten. 107 Minuten sitze ich freudestrahlend vor der Leinwand und sehe zu, wie Nicolas Cage Nicolas Cage spielt (in jung und alt!), der von einem reichen Nicolas Cage Superfan zu seinem Geburtstag eingeladen wird und sich zwischen kriminellen Geschäften und CIA-Missionen wiederfindet. Es ist Nicolas Cage – Der Film. Ein Traum für einen Fan wie mich. „The Unbearable Weight of Massive Talent“ vereint den Cage-Kult der letzten 20 Jahre mit Cages Wunsch, als Schauspieler ernst genommen zu werden. Dies gelingt ihm hier – absurder kann es kaum sein – mit Hilfe einer Komödie.

Der Film ist eine liebevolle Hommage an seine Karriere, die gefüllt ist mit zahlreichen Anspielungen an seine Filmografie und den Cage-Kult. Überglücklich sehe ich zu, wie er seinen Frieden mit diesem einzigartigen Kult geschlossen hat. Er hat ihm nachgegeben, ihn willkommen geheißen und ihn als Teil seiner Karriere akzeptiert. In neuen Interviews mit dem Schauspieler hört man nun wertschätzende Worte für die besondere Cage-Verehrung, die im Internet stattfindet:

„I think the internet’s response to it, that they’ve tapped into it vicariously, is because these characters are doing things we all want to do, but we’re too well-behaved to actually do in our own lives. We’re good citizens, but I’m fairly certain we all want to blurt something out every now and then — or chant the alphabet. In a way, it’s gratifying. Ultimately, it meant there’s a connection with the audience, and people are getting something from it. That’s positive.“ [3]

Nicht nur der Wunsch, seine Emotionen rausplatzen zu lassen, sondern auch das Ausbrechen aus der Norm, fasziniert mich an seinem schauspielerischen Werk. Er versteht bestens, was die Zuschauer sehen bzw. nicht sehen wollen:

„I have a lot of quiet moments at home with just my cat, reading. Do we want to show any of that? No, because it’s not fun.“ [4]

Während Cage sich in „The Unbearable Weight of Massive Talent“ ganz dem Fan-Kult hingibt und etwas Eigenes aus ihm macht, versuche ich mich ebenso meinem Schicksal hinzugeben und es als Teil von mir anzunehmen. Vor kurzem wurde bei mir eine bipolare Störung diagnostiziert. Ich bin also manisch-depressiv. Eine beschissene Diagnose, die aber erklärt, warum ich mich so oft fremd fühle, so oft von extremen Emotionen angetrieben bin und lustigerweise auch, warum Cages Expressivität auf mich so befreiend wirkt. „You have a gift. And that gift brings light and joy to an increasingly dark and broken world”, sagt der Superfan Javi zu Cage in „The Unbearable Weight of Massive Talent“. Er spricht mir damit direkt aus der Seele. Cage hat mich in einer dunklen und düsteren Zeit an die Hand genommen und mir aus einem tiefen Loch geholfen. Ich habe mein Spirit Animal gefunden und nutze es weiterhin so gut es geht als mein Emotions-Ventil.

Manche zweifeln an meinem Weg, fragen sich, ob ich zu viel mit der Welt teile, ob ich vielleicht Schwierigkeiten haben werde, Projekte zu bekommen, weil ich zu viel über meine psychischen Probleme spreche. Aber jetzt, in diesem Moment, ist es mir egal. Ich sehe es als Teil meines Genesungsweges. Ich werde nicht mehr schweigen. Werde nicht mehr nicht über Probleme reden. Ich habe angefangen, ehrlich mit mir selbst und anderen zu sein und direkt zu sagen, was los ist. Das alles ist ein langer und schwieriger Prozess und der Kampf wird niemals aufhören. Aber ich führe den Kampf zumindest nicht mehr gegen mich und nicht mehr alleine, denn ich habe Nic Fuckiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiing Cage an meiner Seite.


[1] Hibberd, James: „Nicolas Cage on Playing Nicolas Cage: ‘I Wanted No Part of It’“, in: Internetseite Hollywood Reporter, 10.03.2022, URL: https://www.hollywoodreporter.com/movies/movie-features/nicolas-cage-interview-unbearable-weight-of-massive-talent-1235104433/ , Abruf am 18.06.2022.
[2] Pulver, Andrew: „Nicolas Cage expresses ‚frustration‘ with Cage rage internet meme”, in: Internetseite The Guardian, 19.09.2018, URL: https://www.theguardian.com/film/2018/sep/19/nicolas-cage-rage-internet-meme-mandy, Abruf am 18.06.2022
[3] Vgl. Hibberd, 2022.
[4] Vgl. ebd.


Vampire’s Kiss – USA 1989 – 103 Minuten – Regie: Robert Bierman – Produktion: John Daly, Derek Gibson, Barry Shils, Barbara Zitwer – Drehbuch: Joseph Minion – Kamera: Stefan Czapsky – Schnitt: Angus Newton – Musik: Colin Towns – Darstellende: Nicolas Cage, María Conchita Alonso, Jennifer Beals, Elizabeth Ashley, Kasi Lemmons u.v.a.

Pig – USA, Großbritannien 2021 – 92 Minuten – Regie: Michael Sarnoski – Produktion: Thomas Benski, Vanessa Block, Nicolas Cage, David Carrico, Ben Giladi u.v.a. – Drehbuch: Michael Sarnoski, nach einer Geschichte von Vanessa Block & Michael Sarnoski – Kamera: Patrick Scola – Schnitt: Brett W. Bachman – Musik: Alexis Grapsas, Philip Klein – Darstellende: Nicolas Cage, Alex Wolff, Adam Arkin, Nina Belforte, Gretchen Corbett u.v.a.

The Unbearable Weight of Massive Talent – USA 2022 – 107 Minuten – Regie: Tom Gormican – Produktion: Nicolas Cage, Mike Nilon, Kristin Burr, Kevin Turen – Drehbuch: Tom Gormican, Kevin Etten – Kamera: Nigel Bluck – Schnitt: Melissa Bretherton – Musik: Mark Isham – Darstellende: Nicolas Cage, Pedro Pascal, Sharon Horgan, Tiffany Haddish, Ike Barinholtz u.v.a.

[Alles Bildmaterial zu „Pig“ Eigentum von Pulse Films, das zu „The Unbearable Weight of Massive Talent“ Eigentum von Leonine]

Dieser Beitrag wurde am Donnerstag, Juli 14th, 2022 in den Kategorien Blog, Essays, Filmbesprechungen, Filmschaffende, Filmtheorie, Verschiedenes veröffentlicht. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können diesen Beitrag kommentieren, oder einen Trackback von ihrer eigenen Seite setzen.

Eine Antwort zu “Mit Cage auf der Couch”

  1. Brigitte Annemarie Stuckert on Juli 16th, 2022 at 07:42

    Liebe Sabrina Mikolajewski, herzlichen Dank für Ihren Artikel. Nun weiß ich, durch ihre feinsinnige Reflexion und gründliche Recherche des filmischen Werks von Nicolas Cage, warum meine Aufmerksamkeit, sobald Nicolas Cage erscheint, sagenhafte Sprünge erlebt. Ich mag ihn sehr – nun weiß ich auch warum! Danke für ihre Offenheit und ihre Risikofreude, sich selbst auch so stark ins Spiel zu bringen! LG, Brigitte

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