Alles fluid – Liebesdings (2022)





So leere Augen, und alles reflektiert an ihnen vorbei. Zweifach – einmal auf den getönten Scheiben des Luxuswagens, dann auf der Sonnenbrille. Die Ikonographie von Anika Deckers nunmehr dritter eigener Regiearbeit nach einer Karriere als einsame Spitzenautorin der deutschen Filmkomödie ist schnell aufgebaut und bedarf keiner der schlagfertigen Worte, für die sie über Nacht berühmt wurde. Elyas M’Barek ist nicht Elyas M’Barek und doch der größte Star des deutschen Kinos. Marvin Bosch heißt er hier und stiert, nimmt man ihm die Gläser einmal ab, trüb vor sich her. Vom Tropenflair aus „Türkisch für Anfänger“, dem Kinodurchbruch des einen, ist im Leben des anderen nur mehr ein fades Abziehbildchen im Toilettenwagen geblieben. Zu groß, zu hübsch zum Aufgeben, zu desplatziert zum Losziehen. Diese durchsichtige Intertextualität – man merkt es schon, so geht „8½“ auf Neudeutsch und im Jahre 15 nach Schweiger.

Aber mit offenen Karten spielt im romantischen Kino unserer Tage eben immer nur der Witz. Dazwischen weicht man vom Kurs ab, erzählt disparat der Worte, so auch hier. Alles Geld, aller Ruhm der Bundesrepublik kann Marvin Bosch nicht mit dem falschen Leben im verlogenen aussöhnen, weshalb er auf der Premiere seines neuesten designierten Kassenhits entflieht und vom versehentlich vernaschten Drogenvorrat berauscht in einer feministischen Kleinkunstbühne versackt. Bald ist er zum Bleiben verdammt, denn was er auch an Ausbrüchen aus den Mustern des Medienrummels wagt, sie wenden sich gegen ihn. Eigentlich ist es damit abseits der obligatorischen, über alle weltlichen Unterschiede gebrochenen Romanze zur Comedienne Frieda (Lucie Heinze) auch schon gehalten. Eigentlich. Das Weitere steckt in den Fugen des Werks und zum anderen.

Früh fällt auf, wie tendentiell wenig Marvin – wenn nicht extern mit Lebensdurst versorgt – spricht, wie viel die anderen hingegen preisgeben, wie oft er im einzigen Dreh, den Decker wirklich ausspielt – einem entwürdigenden Saftwerbespot – die Worte nicht findet. Wie stets vergisst man es leicht, weil er mühelos beide gesetzten Erwartungen erfüllen kann, doch Marvin Bosch, das Abziehbild vom Abziehbild vom Abziehbild, ist abermals eine große, dramatische Rolle für den Mann, der im deutschen Gegenwartskino alles spielen kann und doch als hübscher Kassengarant unter dem Radar operiert. Elyas M’Barek ist der deutsche Rock Hudson, wo er die Hauptrolle spielt, können die anderen aufatmen und glänzen, ihn jedoch sinnstiftend ergänzen; seine professionelle Bescheidenheit, sein inklusives Spiel sind es, die ihm thespische Tiefe verleihen. Hilflos gegen existentielle Menschenerkenntnisse anredende Ohnmacht, die hatten wir schon bei Kreuzpaintner; kraftmeierisches Übertünchen gegen die eigene Sensibilität, das hatten wir schon bei Dağtekin. Stille, ganz profane Absenz von Dialog ist es, womit er hier Auskunft geben kann. Die ultimative Abkehr vom drehbuchseitenstarken Qualitätsspiel, welches das Drama hierzulande nur allzu gern im Würgegriff fixiert.

Dass sie auf die abstrahierende Wirkung der Bilder vertraut, sie durch die Sprache nur individuell vervollständigt und ins Heitere auffächert, ist Anika Deckers große Stärke als Filmemacherin. Alles ist fluid, alles ist Bild, bevor es uns zur Sprache über in der scharfschneidigen Abstraktion wieder vertraut gewordene Bessergesteltensorgen verhilft. Dass Maren Kroymann Elyas M’Barek für seine als abgehoben gewähnten Probleme ohrfeigen darf, bleibt so im Vakuum, gerechtfertigt und ungerechtfertigt zugleich. Je nach eigener Perspektive. Die hinter der Oberfläche gärenden Klassenkonflikte löst Decker nicht über den immer wieder als verlockend ähnlich angedeuteten Hintergrund fast aller Figuren in Wohlgefallen auf, sondern stellt sie zur Disposition, auf dass im Publikum eigene Antworten keimen, Abgründe im Normalen und Normales im Abgründigen gut sichtbar hervortreten.

Ästhetisch erinnert „Liebesdings“ dabei auch jenseits seiner Eröffnungssequenz frappant an David Cronenbergs „Map to the Stars“ (2014), der in einem anderen Zungenschlag ganz vergleichbare Verhältnisse verhandelt. Er umgarnt das Glitzernde, kannibalisiert es, weil es dieser Welt organisch geworden ist, eine Schutzhaut. Der Körperhorror in Deckers Film heißt Dissoziation – M’Barek sitzt da, keine Faser seines Leibes zur Regung gelaunt und starrt sein makellos arrangiertes Essen nieder. Erschlafft in der Gegenwart ist der Körper, weil der Geist feststeckt, den Zwiespalt nicht manövriert bekommt zwischen dieser, der unaufgelösten Vergangenheit und anders erhofften Zukunft. Schachmatt in drei Richtungen.

Glasigen Auges erkennt er die Erlösung als Reigen immerzu um die menschliche Begierde kreisender Tampons auf der Kabarettbühne. Die Vision ist halluzinogen, die Sehnsucht echt – einmal nur Zaungast sein. Vor jenem Zwiespalt, der zwischen Drama und Komödie klafft, sie nicht zur unentschlossen mäandernden Dramödie degradiert, macht „Liebesdings“ nicht halt, immer ist er lustig und ständig macht er traurig. So wie das Leben halt ist, Staunen und Sterben im gleichen Atemzug. Einmal fährt die Kamera vom knappes Heil in der Flucht gefunden habenden Teenieschwarm weg an der Wand entlang, bis sie beständig ockerfarbener wird, beständig siffiger, zur Tapete, und er als verschüchtertes Kind im Sterbezimmer seiner Mutter wieder auftaucht. Eine spezifische Hybridform des fürwahr Todlustigen ist am Werk. In seinen sublimsten Momenten ist das „The Killing of a Chinese Bookie“ als RomCom nach deutschem Zuschnitt. Elyas M’Barek im Kabarettclub, thront da, steht da, erzählt da Witze und wartet auf den Untergang. Dann erwartet er ihn, gelöst.

Anika Decker hat mehr mit Cronenberg und Cassavetes am Hut als ihrem kontemporären kinematografischen Umfeld. Und sie hat etwas Eigenes in petto, etwas dann wieder sehr Gegenwartsdeutsches. Die Auflösung aller Sorgen im Happy End. Ihre Boten sind immerzu Verschiebungen, wie die Züge einer fremdgespielten Schachfigur, die einen Ausweg suchen, wo dieser versperrt ist – mit dem Auto linkswärts, auf dem Werbeschleudersitz nach oben, stetig vorwärts und persistent zurück. Es hingegen speist sich aus dem Zurückerobern des Momentes, der eigenen Gefühlsgegenwart, aus Bewegung, die sich kreisförmig ausdehnt und abstrahlt. Auf der Stelle tanzend, gefangen in einer endlosen Ballhausdrehung vor dem ersten, bereits da durch das Kreiseln aus dem gemachten Spaß entrissenen, Kuss, auf den engen Bühnenbrettern, beim Knutschen in einer überdimensionalen Plüschklitoris – nur wer gegenwärtig handelt, wird wirklich frei und entzieht sich den wertenden Blicken. Auch den unsrigen – zuletzt verlassen Marvin und Frieda das Heimat gewordene Theater für einen Spaziergang, lassen die Aussöhnung mit dem Mediengeschäft in der Dunkelheit stehen und treten unvermittelt nach rechts aus der Kadrage hinaus. Kino als Fluchtpunkt, als Spekulation auf den Abgrenzungserfolg der anderen, da ist „Liebesdings“ ganz frei von Zynismus verleimt die Ebenen – jetzt sind wieder die eigenen Sorgen dran, die andern Zaungäste müssen gehn.


Liebesdings – Deutschland 2022 – 99 Minuten – Regie: Anika Decker – Produktion: Rüdiger Böss, Philipp Reuter, Anika & Jan Decker – Drehbuch: Anika Decker – Kamera: Moritz Anton – Schnitt: Charles Ladmiral, Simon Blasi, Lukas Meissner – Musik: Jean-Christoph Ritter, Michael Geldreich, diverse – Darstellende: Elyas M’Barek, Lucie Heinze, Peri Baumeister, Denis Moschitto, Maren Kroymann u.v.a.

[Alles Bildmaterial Eigentum der Constantin Film]

Dieser Beitrag wurde am Donnerstag, Juli 7th, 2022 in den Kategorien Aktuelles Kino, André Malberg, Blog, Blogautoren, Essays, Filmbesprechungen, Zeitnah gesehen veröffentlicht. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können diesen Beitrag kommentieren, oder einen Trackback von ihrer eigenen Seite setzen.

Kommentar hinzufügen