Die 5 und das (musikalische) Übermaß der Liebe in Paul Thomas Andersons Phantom Thread und Licorice Pizza



 

Konsekutive Filme eines Regisseurs zu einem gleichen oder ähnlichen Thema sind immer eine spannende Sache. Der Blick auf die Frau, die in zwei verschiedenen historischen Sphären Konzepte von Weiblichkeit verhandelt in Paul Verhoevens ELLE (2016) und BENEDETTA (2021); David Cronenbergs in direkter Folge entwickelte Studien über Gewalt und Intimität in den Mikrokosmen des organisierten Verbrechens in A HISTORY OF VIOLENCE (2005) und EASTERN PROMISES (2007) – oder jetzt der neue Film von Paul Thomas Anderson, der sich im Zusammenspiel mit PHANTOM THREAD (2017) zu einem Liebes- und Beziehungsfilm-Diptychon fügt, welches sich trotz sehr unterschiedlicher atmosphärischer Dispositionen und Stimmungslagen im Kern als Doppelstudie über Paar-Beziehungen am Rande gesellschaftlicher Norm entpuppt. Auf der einen Seite die neurotische amour fou zwischen autistischem Modedesigner des britischen Hochadels der 50er und seiner ihn gerissen sabotierenden Geliebten aus dem aristokratiefernen Milieu – auf der anderen Seite der hochstapelnde, schauspielende Minderjährige, der im aufgeputschten Kalifornien der 70er Jahre alles auf eine Karte setzt, und sich an die Fersen einer 10 Jahre älteren Schüler-Fotografin hängt.

Hier wie dort nimmt Anderson die charakterlichen und zwischenmenschlichen Sperrigkeiten in den Blick, die sich aus dem Zusammenprall zweier sehr unterschiedlicher Charaktere ergeben, und konstruiert daraus unerwartete und eigenwillige amouröse Engführungen. Dabei bildet Andersons PUNCH-DRUNK LOVE (2002) bereits einen Auftakt zu solcherlei Erzählungen über Misfits und ihre beziehungstechnischen Schieflagen – doch so richtig interessant wird es eben erst jetzt: im gefestigten Anderson-Individualstil der mittleren Schaffensphase, der in der Stetigkeit der ästhetischen Parameter und seinem seit THERE WILL BE BLOOD mehr oder minder fixen filmsprachlichen Koordinatensystem ganz neue Möglichkeiten der Ausgestaltung dieser Motive erlaubt.

Eine dieser Konstanten seit THERE WILL BE BLOOD ist die Zusammenarbeit mit Jonny Greenwood – klassisch ausgebildeter Radiohead-Musiker, und mittlerweile in die Liga der prominenten zeitgenössischen E-Musiker Großbritanniens aufgestiegen. Der musikalische Fokus der beiden letzten Zusammenarbeiten könnte unterschiedlicher kaum ausfallen, und doch zeigen sich interessante Parallelen in der Vertonung beider Liebesbeziehungen. LICORICE PIZZA verwendet dabei nur ein einziges Stück von Greenwood, ein zartes Thema für Harfe und Streicher, zweimal in identischer Form eingesetzt an entscheidenden Punkten der Erzählung: einmal kurz nach dem ersten gemeinsamen Dinner, auf dem abendlichen Weg nach Hause, wo bereits deutlich wird, dass hier etwas passt – obwohl es, gemessen an den gesellschaftlichen Konventionen, nicht passen kann – , und schließlich ganz am Ende, wo nach einer Handvoll sozialer Eskapaden und Tryouts die finale Entscheidung füreinander getroffen wird: let’s do it, aller Widerstände zum Trotz!

Mit einer solchen Verdichtung der Score-Ebene wartet PHANTOM THREAD zwar nicht auf – die einstündige Laufzeit des Scores umfasst hier rund 20 Einzelkompositionen – , aber auch dort findet die Musik der Liebenden in sehr ähnlicher Weise zu einem Kernmoment würdevoller Selbstgewissheit: im Stück „Alma“ verbinden sich Elemente der Themen beider Figuren zu einem gemeinsamen Liebesthema, das erst spät im Film erklingt und ein finales Stadium der beiderseitigen Akzeptanz und Annahme der Beziehung mit all ihren Seltsamkeiten und Besonderheiten einläutet. (Wer es konkret im Verbund mit den Filmbildern nachvollziehen möchte: gemeint ist die Ballsaal-Sequenz zum Jahreswechsel, die im Epilog des Films noch einmal in zwei kurzen Einstellungen aufgegriffen wird.)

Die frappierendste Gemeinsamkeit beider Sätze, des LICORICE PIZZA-Themas sowie des „Alma“-Satzes aus PHANTOM THREAD, ist aber nun die rhythmische Struktur: beide Stücke stehen in der gleichen Taktart (5/4) und im identischen Tempo (♩ = 55). Den Zeit-Parameter Rhythmus als gemeinsames strukturelles Element zu wählen, ergibt schon auf einer sehr basalen Ebene Sinn (für die Zeit, die beide Filme auf sehr eigenwillige Weise als „Einschwingvorgänge“ der Liebesbeziehungen darstellen), aber auch der Fünf selbst wird als Zahlensymbol Bedeutung beigemessen: Anderson/Greenwood scheinen den ungeraden Fünfer-Takt als musikalischen Utopie- und Sehnsuchts-Marker, als Ausdruck einer Perfektion im Unpassenden zu verstehen, der mit seiner zusätzlichen Viertel (gegenüber dem traditionellen Vierer-Metrum) eine Art Übermäßigkeit anzeigt, ein Hinauswachsen der Liebe über die Grenzen gesellschaftlicher Normen und Widerstände hinweg. Letztere wirken im Alma-Thema zunächst noch als akkordische „Mauern“, die den zarten Oktavsprung im Taktmittelpunkt förmlich einzwängen – im Verlauf erkämpfen sich die Läufe der Streicher aber ihre Freiheit, wuchern und ermächtigen sich des Metrums, nehmen ihr unkonventionell bemessenes Spielfeld endgültig an.

Im Harfen-und-Streicher-Satz von LICORICE PIZZA ist dagegen von Vornherein alles im zarten Fluss, die Übermäßigkeit der 5 ist von einer entwaffnenden Natürlich- und Selbstverständlichkeit, die keinerlei Einwände oder Entgegnungen mehr kennt. Ein zärtliches Stolpern in den Versetzungen der Harfen-Oberstimme prägt außerdem den Verlauf des Stücks, ohne auch hier die naturalistische Vollkommenheit des Klang- und metrischen Eindrucks jemals aufzubrechen. Das Straucheln als Norm, und die Perfektion im Unmaß – auf mehreren Ebenen entziehen sich Elemente hier einem Korsett, und dennoch sagt das Gefühl: alles ist gut, und alles ist richtig.

Dass die kreisende Figur der Harfe im LICORICE PIZZA-Thema genau fünf Takte lang wiederholt wird, bevor sie erstmals auf eine andere Tonstufe wechselt, ist ein weiterer Zug in Greenwoods idealistisch-mystischem Zahlenspiel der Liebe (die doppelte Fünf im 55er-Tempo sowieso) – neben den Einflüssen der modalen Musik lässt sich auch diese Zahlensymbolik auf Greenwoods großes Vorbild Olivier Messiaen zurückführen. Und am Ende sind es auch die Philosophien einer maßlosen, göttlichen Natur sowie eines Zeit- und Struktur-überwindenden Ewigkeits-Gesangs, die eine Brücke sowohl zwischen Greenwood und Messiaen, als auch wiederum zu den filmischen Konzepten Paul Thomas Andersons schlagen: sei es die Expansivität und Maßlosigkeit in der Alkoholiker-Figur Freddie Quell in THE MASTER, die im Geist des Protagonisten endlos wuchernde Muse Shasta Fay Hepworth in INHERENT VICE – oder eben das aus den Normen platzende Über- und Unmaß der Liebe im Diptychon PHANTOM THREAD/LICORICE PIZZA. In der Vertonung jener Anderson-typischen Konzepte von Dehnung und Maßerweiterung etablierte sich Greenwood in den letzten eineinhalb Dekaden als kreative Ausnahmefigur, und vor allem: als einer der großen Esoteriker der zeitgenössischen Kunst-Filmmusik.

 

Phantom Thread – USA / Großbritannien 2017 – 130 Minuten – Regie: Paul Thomas Anderson – Produktion: Paul Thomas Anderson, Daniel Lupi, JoAnne Sellar u.a. – Drehbuch: Paul Thomas Anderson – Kamera: Paul Thomas Anderson – Schnitt: Dylan Tichenor – Musik: Jonny Greenwood – Darstellende: Daniel Day-Lewis, Vicky Krieps, Lesley Manville u.v.a.

Licorice Pizza – USA / Kanada 2021 – 186 Minuten – Regie: Paul Thomas Anderson – Produktion: Paul Thomas Anderson, Sara Murphy, Adam Somner u.a. – Drehbuch: Paul Thomas Anderson – Kamera: Paul Thomas Anderson, Michael Bauman – Schnitt: Andy Jurgensen – Musik: Jonny Greenwood – Darstellende: Alana Haim, Cooper Hoffman, Sean Penn, Tom Waits, Bradley Cooper, Benny Safdie u.v.a.

Dieser Beitrag wurde am Montag, April 18th, 2022 in den Kategorien Aktuelles Kino, Blog, Blogautoren, Essays, Filmbesprechungen, Sebastian Schwittay veröffentlicht. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können diesen Beitrag kommentieren, oder einen Trackback von ihrer eigenen Seite setzen.

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