Im Kino gewesen, geweint

 

Ein paar Betrachtungen und Hinweise zu den Filmen von Rudolf Thome

 

Rudolf Thome ist für mich der vielleicht größte deutsche Filmemacher. Nicht weil er große Filme im üblichen Sinne macht, das heißt mit viel Geld, in großen Studios mit großen Bauten, mit viel Tam Tam und überdimensioniertem Werbeaufwand. Seine Filme sind eher still, in sich gekehrt – kleine Gesten, statt viel Gerede. Präzise. Das widerspricht sich eben nicht, das Große und das Kleine, oder besser gesagt: im Unscheinbaren steckt manchmal das ganz Große, wie vielleicht Helmut Käutner es ausgedrückt hätte.


Beim letzten Film den ich von Thome gesehen habe, Pink (2008) – übrigens im Kino auf der großen Leinwand – habe ich geweint. Daher u.a. der Titel meines Beitrags. Denn entgegen der landläufigen Meinung unter Thome-Fans (von denen es übrigens viele gibt – allein in meinem Freundeskreis sind es mindestens drei), sind seine Filme nicht vorwiegend heiter und lebensbejahend, sondern oft zutiefst traurig. Lebensbejahend vielleicht im Nachhinein, im Trotzdem, in der Tatsache, dass Thome nicht aufhört, regelmäßig weiter Filme zu drehen. Doch wenn ich an Rote Sonne (1970) denke, an Detektive (1968), an System ohne Schatten (1983), Just Married (1997), oder Pink (2008), ist es tiefe Melancholie die diese Filme durchdringt. Eine Verzweiflung am Zustand der Welt, an sich, an seiner Umgebung. Existenziell könnte man das nennen. Aber diese Verzweiflung ist viel zu direkt, viel zu stark, viel zu ehrlich, um sie mit solch einem bedeutungsschwangeren Adjektiv zu beladen. Thomes Filme sind nämlich auch Märchen. Und wie im Märchen, das voller Klischees, voller Stereotypen, voller altbekannter Tricks und Wendungen steckt, geht es noch um etwas ganz anderes als die Realität. Der Schrecken des Traumes gibt Kraft für das Leben. Die Hoffnung, das ist bei Thome vielleicht das Kino, also das was die Protagonisten zu erschaffen versuchen, und das was Thome ständig erschafft. Auf der Leinwand. In der Dunkelheit. Zaubern mit Licht.

Er hat inzwischen auch einen eigenen Blog. Eigentlich nichts Neues, denn er äußert sich schon lange über das Internet: seine alte Webseite stammt noch aus den 90ern. Nur die letzten Jahre, wird es immer mehr und immer regelmäßiger. Seine Filme schreibt er zwar auch schon seit längerem selbst, aber die Leidenschaft fürs Schreiben gabs vielleicht schon vor dem Filmemachen. Früher war er ja Filmkritiker. Und ebenso leidenschaftlich wie als Filmemacher. Ein Überzeugungstäter also. Neben seiner Website, hat er aber auch einen Youtube-Kanal. Man kann also einerseits über den Entstehungsprozess seiner Filme lesen, andererseits Auschnitte, Werbematerialien und Interviews aus, für und zu seinen Filmen ansehen.

Wie man an den vielen bisherigen Links erkennen kann, war einer der Hauptgründe für diesen Text, auf Rudolf Thomes vielfältige Präsenz im Internet aufmerksam zu machen. Einen Liebesbrief gibt es später einmal. Dies soll einfach nur ein bescheidener Beitrag in Richtung größerer Wertschätzung und Wahrnehmung sein. Werbung sozusagen. Aus Überzeugung. Wer nämlich nicht das Glück hat, mehrere Filme auf DVD (inzwischen hier, hier, und hier erschienen), oder aufgenommen aus dem Fernsehen (bei mir noch auf VHS) zu besitzen, der kann sich einen Einblick über das Internet verschaffen. Und zwar einen vergleichbar umfangreichen.

Den Trailer zu meinem bisherigen Lieblingsfilm von Thome, Frau fährt, Mann schläft (2003) kann man z.B. hier betrachten. Ich liebe diesen Film, und halte ihn sogar für besser als sein Vorbild. Wie Hanellore Elsner hier spielt, wie sie sich bewegt, wie sie spricht und schreit, ist wahre Kinomagie. Thome inszeniert seine Schauspielerinnen meistens großartig, aber hier wird es fast zu enem kleinen Wunder. Des weiteren empfehle ich über seinen Kanal auch Auszüge aus seinen frühen Kurzfilmen, z.B. (was für ein großartiger Titel:) Jane erschießt John, weil er sie mit Ann betrügt. Eigentlich sollte man ihn auf großer Leinwand in der ganzen Pracht des Cinemascopebildes genießen, aber wo bekommt man heutzutage im Kino noch Kurzfilme zu Gesicht? Dennoch mekt man auch am Bild vor dem Monitor, was Thome meint, wenn er über seinen Darsteller Marquard Bohm schreibt: „Wie Marquard Bohm den Pelzmantel bezahlt, hat mir so gefallen, dass er in meinem ersten Spielfilm die Hauptrolle spielen musste.“ Aus seinen seltener und schwieriger zu sehenden Filmen aus den 70er Jahren gibt es ebenfalls Ausschnitte: Supergirl (1971), Fremde Stadt (1972), Made in Germany und USA (1974), Tagebuch (1975), Beschreibung einer Insel (1978). Diese Schaffensphase (für mich vom Gefühl her durch seine Zusammenarbeit mit seiner damaligen Ehefrau Karin Thome geprägt), die auch essayistisch-Dokumentarisches umfasst, ist mir noch unerschlossen. Daher bin ich umso dankbarer für die Clips. Karin Thome hat übrigens auch selbst Filme gemacht, und war vor Thome (das nur nebenbei) mit einem inzwischen in Vergessenheit geratenen Regisseur verheiratet. Wie die Werke der meisten Filmemacher weiblichen Geschlechts, sind ihre Arbeiten äußerst unbekannt.

Fast noch erfreulicher als die Ausschnitte aus seinen Filmen sind für mich jedoch die inzwischen ebenso zahlreich hochgeladenen Drehberichte zu seinem Schaffen. Ja, es gibt und gab sie wirklich. Ausführliche Dokumentationen, zum Teil in Spielfilmlänge, zu lebenden deutschen Filmkünstlern. Kaum zu glauben, oder? Ich denke, wenn heutzutage jemand versuchte etwas Vergleichbares über sagen wir mal Dominik Graf oder Angela Schanelec bei den Öffentlich-Rechtlichen finanziert zu bekommen, er würde wahrscheinlich ausgelacht… Zu sehen gibt es über Thome mehrere Reportagen und Filmsendungen sowie in vollständiger Länge ein Porträt von Stefan Dutt und Peter Hornung aus den frühen 80ern, und vor allem den großartigen Film is a Battleground (1998) von Petra Seeger über die Dreharbeiten zu Just Married und Tigerstreifenbaby sucht Tarzan (1997). Das letzte, gerade einmal vorige Woche eingestellte Video, zeigt Thome Mitte der 90er bei einem wunderbar entspannten Fernsehinterview anlässlich des 25jährigen Jubiläums von Rote Sonne.

Der Glücksfall, dass ein Filmemacher auch die Rechte an seinen Filmen besitzt, ist bei Thome durch seine Produzententätigkeit gegeben. Man kann daher wohl bei ihm persönlich anfragen, wenn es um die Verfügbarkeit der meisten Kopien geht, und könnte dadurch wohl ziemlich einfach eine Retrospektive oder zumindest eine Werkschau seiner Filme auf die Beine stellen. Wann dies in Deutschland zuletzt passiert ist weiß ich leider nicht. Ich hoffe aber sehr, dass es schon des öfteren versucht wurde. Nichtsdestotrotz wird es langsam wieder einmal Zeit dafür. Im Notfall muss man sich selbst darum kümmern. Also schreibt alle eure Kommunalen Kinos und Kinematheken an, und fordert: mehr Thome!

Im Grunde warte ich zur Zeit aber immer noch auf das erste Buch über Thome, vom Schüren Verlag schon seit einer halben Ewigkeit angekündigt, aber immer noch nicht erschienen. Wenn Klaus Lemke und Eckhart Schmidt entsprechende Würdigungen bekommen haben, sollte so ein Unterfangen ja auch bei Thome gelingen. Bis es endlich soweit ist, kann man sich zumindest mit Heft Nr.66 der Freunde der deutschen Kinemathek über Wasser halten, oder darüber sinnieren, wie eine Studie zum Münchner Filmschaffen der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts aussehen könnte. Oder einfach weiterhin Thomes Filme schauen – und natürlich seinen Blog lesen. Da erfährt man nämlich bereits alles über seinen neuesten Film.

Die neuen Phantome des verrückten Hutmachers Timmy B.

Probable chat of two Disney producers around three years ago:

A: Hey Bob, we should really bring out a totally new version of „Alice in Wonderland“, don’t ye think so? All in 3D, everyone will love it!!!

B: Well, Alan… only thing is..ye know…this book.. „Alice“…it aint got no proper story..

A: Uhah..

B: …and it’s pretty weird…much too weird for the big audience!

A: But…

B: I know what you’re gonna say, but what worked fifty years ago aint gonna work nowadays… People want the straightforward fight of good against evil, they wanna see another „Lord of the Rings“, another „Chronicles of Narnia“, another „Harry Potter“ with a niiiice li’l piece of moral advice wrapped into it…

A: I’m afraid you’re right. This Lewis Carroll surely had something, but his ideas are just to strange, to crazy…the whole book does have this… Burton-touch, doesn’t it?

B: Yeah, yeah, you’re right!!! It’s got the Burton-touch,so why not let Burton make a totally crazy version of Alice and…

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Happy birthday, Chucky!

Unser Leben währet 70, und wenn’s hoch kommt, so sind’s 80 Jahre; und was daran köstlich scheint: IST CHUCK NORRIS!
In der Tat, mit 70 Jahren Chuck Norris begeht unsere altgewordene, industrialisierte Konsumgesellschaft nicht irgendein Jubiläum, sondern zelebriert den Tag, an dem sie das traditionelle Ideal integrieren konnte, das im Zeitalter unendlicher Reproduzierbarkeit und Homogenisierung längst obsolet und uneinholbar vergangen erschien: das Ideal absoluter Einfachheit und Schlichtheit.
Lange bevor bis ins kleinste Detail identische Puppen und Spielzeuge über das Fließband liefen, lange bevor Massenmedien unsere Gesellschaft zu einer zwar nicht unmittelbar überschaubaren, aber insgesamt doch abzuzählenden Menge unterschiedlicher Absatzmärkte homogenisierten, drohte man im alten Griechenland im herakliteischen Flusse der ewigen Veränderung, des niemals gleichbleibenden und der absoluten Nichtidentität zu versinken. In diesem großen Meer der Unähnlichkeit träumte man den Traum absoluter Identität, Einfachheit oder mindestens Kommensurabilität und rettete sich auf der Planke der in der wahrnehmbaren Welt niemals exakt zu verwirklichenden, dennoch aber wirksamen mathematischen Strukturen, die die Harmonie des Ganzen sowie dessen Rückführung auf einen einheitlichen, symmetriestiftenden Grund garantierten. Die individuellen Abweichungen schienen dabei schlicht als Makel, als Abfall von der reinen, einfachen, ewig mit sich identisch bleibenden Struktur, die „hinter“ den Dingen steht insofern sie deren wahres Wesen ausmacht. Die positive Würdigung solcher Individualität, im großen Stil erreicht wohl erst in der Romantik, wurde durch die industrielle Revolution und deren Folgen jedoch gleich wieder zunichte gemacht, da sie ein Gespenst hervorbrachte, das allen Romantikern damals wie heute die elementare Existenzangst bis in die letzten Knochen fahren ließ: das ewig reproduzierbare, sich immer gleichbleibende und niemals verändernde Individuum, welches sowohl die Individualität als auch die Einfachheit und Identität als ästhetische Leitvorstellungen zu banalisieren und letztlich komplett zu desavouieren drohte.
Als diese Zeit erfüllt war, das Unternehmen Menschheit bereits in akrophobischem Schwindel am Rande des kompletten kulturellen Bankrottes taumelte, tauchte eine Lichtgestalt auf, die es vermochte, ohne Heer oder Kraft, allein mit dem Roundhousekick bewaffnet, die homogenisierte, gleichgeschaltete, sich fast nur noch durch die Strichcodes auf den Industrieprodukten, die ihren aufoktroyierten Schönheitsidealen angepaßten Körper notdürftig bedeckten, unterscheidende Menschheit gleichzeitig in ein neues Zeitalter und zu ihren Wurzeln zurückzuführen: Vor genau siebzig Jahren erstand sie neu, die Einfachheit und Unmittelbarkeit des Troglodyten, aber – incredibile dictu – in einer postindustriellen und massenmedientauglichen Form, die bald all das homogenisierte Elend um sich versammeln und zu einer neuen Wertschätzung der eigenen, reduzierten, dem titanistischen Originalitäts- und Individualitätswahn der Moderne entsagenden Persönlichkeit führen konnte. Was hier auf den Plan trat, war genau derjenige nach Gestik, Mimik und Charakter in jeder Hinsicht stilisierte Prototyp von Menschheit, der dem postmodernen Elend die Befreiung davon bringen konnte, woran der Mensch seit Jahrhunderten vergeblich laborierte: dem titanistischen Wahn, sich von allen anderen, dem Tier, der Welt, oder auch nur einer Gummipuppe qualitativ unterscheiden und damit selbst immer wieder neu schaffen zu müssen. Die beiden Naturen, Mensch und Mattel, in einer Person – dies ist es, was wir heute feiern, dies ist es, was uns heute und immerdar selig macht.

Merry Christmas and Happy Birthday Chucky!!

Ein Loblied auf Yasuzô Masumura…

…und „Akumyo: shima arashi“ (1974) im Speziellen.

Akumyo2

Die sich schleichend entwickelnde Tragödie des wandernden Hahnenkämpfers Asakichi, der völlig ohne Absichten durch seine Liebe zu der Geisha Kotoito in den Machtkreis der Yakuza gerät, beschreibt Yasuzo Masumura über weite Strecken nüchtern ohne die expressive Schwerblütigkeit seiner frühen Melodramen. Die Welt, von der Asakichi und der sich ihm anfangs noch enthusiastisch anschließende junge Ex-Yakuza Sada absorbiert werden, wird von starren männlichen Verhaltenskodizes beherrscht, von ehrenhaften Selbstopfern und einem undurchdringlichen Zyklus formell-traditioneller Gesten, deren Macht Asakichi widerstandslos die unerwünschte Position als Yakuza-Hauptmann akzeptieren lassen und an der die Frauen um ihn und Sada zugrunde gehen, da sie nicht in der Lage sind, sich diesem ewigen Spiel aus Abhängigkeiten und maskulinen Ritualen weit genug anzupassen, in dem die Kette fallender Dominosteine nie zuende geht. Gewaltsam zu Ende gebracht wird sie schließlich, wie so oft bei Masumura, durch die mit japanischer Konsequenz und Determiniertheit ohne Selbstzweifel gewählte letzte Option des Suizids, der hier, anders als in seinen Melodramen, nicht einmal mehr aktiv verübt wird. Das System, welchem sich Asakichi und Sada unterworfen haben, will sie vernichten – und vernichten lassen sich beide willenlos, Sada von den Yakuza und Asakichi von einer Gesellschaft, deren Werte sich so eindeutig in ihrer Unterwelt widerspiegeln, dass für ihn keine Hoffnung mehr besteht, den Rest an Liebe, der ihm geblieben ist, in das befreiende Ideal zurückzuverwandeln, als das er ihm, dem von seiner Familie vor Jahren Geächteten, zu Beginn des Films stillschweigend und ohne Erwartungen erschienen ist. Masumuras Figuren sehnen sich bis zur völligen Selbstaufgabe danach zu leben, doch sie schreien erst dann mit einer alles verzehrenden Verzweiflung danach, steigern sich erst dann in den ihnen zustehenden emotionalen und sinnlichen Exzess, wenn sie sich in einem rituellen Todeskampf noch einmal ekstatisch aufbäumen. Das hat dieser, in seinen intimen Momenten mit observierender Distanz und in seinen zahlreichen Kampfszenen betont physisch, trocken brutal aber auch bewusst undynamisch inszenierte, stählerne Film mit den düsteren, erdrückenden und leidenschaftlichen Melodramen gemein, die Masumura in den 60iger Jahren mit seiner Muse Ayako Wakao in der Hauptrolle drehte. Ein Gangster-Film, der keiner ist, weil die Gangster zwar zentrales Motiv sind, allerdings ihrer verqueren Moral enteignet werden. Vielleicht hätte sich Francis Ford Coppola mit seinem THE GODFATHER PART II unangenehm berührt gefühlt, wenn er diesen Film gesehen hätte. Ihm wäre dann vielleicht bewusst geworden, dass man die Hölle eines Systems nur dann wirklich als solche in Szene setzen kann, wenn man sie selbst mit voller Intensität fühlt.

Es hat auf mich langsam den Anschein, als würde im kommerziellen japanischen Kino (respektive Mainstream) wesentlich unmittelbarer auf die Enge und die Kompromisslosigkeit, die emotionale wie sexuelle Repression und perfide Konsequenz des eigenen Kulturkreises reagiert als im Amerikanischen, wo eine konkrete Reaktion oft erst mit einer Distanz in der Perspektive einhergeht – zumindest ist das ein Gedanke, der mir bei meinen jüngsten Begnungen mit den Filmen Yasujiro Ozus (den ich nicht sonderlich schätze, obwohl er das Übel mit seinen eigenen Waffen zu schlagen versucht), Nagisa Oshimas (bei dem der intellektuelle Verarbeitungsprozess sofort auf den Impuls folgt) und eben Masumuras gekommen ist. Masumura allerdings lässt den Impuls einfach schwingen, solange, bis aus den kleinen Wellen eine schaumgekrönte, wogende Wasserwand erwachsen ist, die tosend in sich zusammenfällt und den Versuch des Begreifens ertränkt. Masumuras Filme erlangen Transzendenz durch Exzess. Das teilen sie mit anderen aggressiv existenzialistischen Regisseuren wie Andrzej Zulawski, Douglas Sirk oder Paul Verhoeven, die zu meinen engsten Lieblingsregisseuren gehören, deren Kreis Yasuzo Masumura nun, nach nur sechs Filmen, mit AKUMYO: SHIMA ARASHI offiziell beigetreten ist. Seit langem hat mich kein Filmemacher mehr so nachhaltend und umfassend inspiriert, stimuliert, berührt und vor allem zutiefst verstört. Diese Filme sind ein Geschenk, für das man sich nicht oft genug bedanken kann. Ich wünschte, ich wäre in der Lage, mehr und schlüssiger über sie zu schreiben. Doch Filme wie diese kann zumindest ich unmöglich adäquat in Worte fassen. Man muss sie in erster Linie spüren.

Akumyo3

5 Masumura-Filme, 5 neue Lieblingsfilme: MANJI – DIE LIEBENDEN* (1964), SEISAKU’S WIFE ** (1965), RED ANGEL* (1966) , DIE BLINDE BESTIE * (1969) , AKUMYO: NOTORIOUS DRAGON (1974)

* Auf DVD in England von Yume Pictures und den USA von Fantoma erhältlich. In Deutschland sind bei Rapid Eye Movies „Die blinde Bestie“ und „Irezumi“ (1966) erschienen.
** In Frankreich auf DVD erhältlich von Ciné Malta, leider nur mit französischen Untertiteln und in mäßiger Bildqualität.

Anmerkung: Offenbar handelt es sich bei AKUMYO: SHIMA ARASHI um den letzten Teil einer ganzen Serie von Filmen um den von Shintaro „Zatoichi“ Katsu gespielten Hahnenkämpfer Asakichi. Davon habe zumindest ich beim Ansehen nichts bemerkt; der Film wirkt in sich abgeschlossen, auch wenn Kenner der übrigen Filme den Protagonisten vielleicht weniger enigmatisch empfinden dürften als ich.

Abschließend noch ein Zitat von Masumura, auf dass ich in der IMDb gestoßen bin:

„My goal is to create an exaggerated depiction featuring only the ideas and passions of living human beings. In Japanese society, which is essentially regimented, freedom and the individual do not exist. The theme of Japanese film is the emotions of the Japanese people, who have no choice but to live according to the norms of that society . . . After experiencing Europe for two years *, I wanted to portray the type of beautifully vital, strong people I came to know there.”

* Masumura studierte Anfang der 50iger Jahre Film am “Centro Sperimentale Cinematografico“ in Rom.

Links:

http://www.chicagoreader.com/chicago/tales-of-ordinary-madness/Content?oid=896201
http://somedirtylaundry.blogspot.com/search/label/Masumura
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/0401/feuilleton/0036/index.html
http://www.independentcinemaoffice.org.uk/masumura.htm
http://en.wikipedia.org/wiki/Yasuzo_Masumura
http://www.dvd-forum.at/5/special.htm

Und als negatives Fundstück ein in meinen Augen zumindest äußerlich (es handelt sich allerdings nur um einen Hinweis auf eine Masumura-Reihe im Arsenal-Kino Berlin) ausgesprochen engstirniger Kurztext, der eindimensional am Geist von Masumuras Werk vorbeischreibt, da er nicht der durchaus fließenden Entwicklung des Regisseurs nachspürt sondern sein Schaffen in handelsübliche Kategorien handelsüblichen Kritiker-Jargons einbettet und ihm im Vergleich mit Nagisa Oshima (der selbst zu Masumuras Anhängern zählte) auch flugs noch unterstellt, weniger radikal gewesen zu sein:

http://www.critic.de/aktuelles/kalendarium/detail/artikel/filme-von-yasuzo-masumura-im-kino-arsenal-1900.html

Rocker sterben nicht so leicht (1971)

Spiaggia12

Entfremdetes „upper class“-Pärchen fährt ans Meer, um das Wochenende im eigenen Strandhaus zu verbringen. Er (Riccardo Salvino) ein luschiger, pedantischer und dumpfer Spießer wie er im Buche steht, Sie (Mara Maryl) frustriert und apathisch nach Jahren trister bürgerliche Ehe-Routine, die offensichtlich nicht in ihrem Sinne war. Doch just nach einer besonders unromantischen, mechanischen „Liebesnacht“ naht eine Brise, die frischen Wind ins Eheleben bringen wird: Ein Quartett von grimmig dreinschauenden Rockern bzw. Bikern (…) steht vor der Tür und verliert keine Zeit: Noch vor dem Frühstück bekommt der brave Hubby eine Faust in die nüchterne Magengrube und die kratzbürstige Ehefrau einen ganz und gar unerwünschten Besucher in ihr Bett. Doch das Blatt wendet sich schnell, denn Sie entdeckt in Fred (Robert Hoffmann), dem Anführer der Gang, all ihre seit Jahren ungestillten Sehnsüchte nach Freiheit und einem Leben ohne betäubende Gleichmäßigkeit. Das passt ihrem Gatten, der sich bisher ängstlich winselnd in die Ecke hat drängen lassen, natürlich gar nicht und er beginnt nach allen Regeln der Kunst zu intrigieren, um die haltlosen Rauhbeine gegeneinander auszuspielen… Weiterlesen “Rocker sterben nicht so leicht (1971)” »

Top 10: 2008

We own the night

Das neue Jahr hat begonnen, und der Januar war voll mit Bestenlisten, Rückblicken und Preisverleihungen. Obwohl davon oft sehr genervt, und von manchem sogar angeekelt, habe ich es mir während der letzten 10 Jahre dennoch zur Tradition werden lassen, nach Ablauf der 12 Monate meine eigene Top 10 zu erstellen. Die Anzahl der Filme, und das Format variiert dabei zwar regelmäßig, aber ein Leitprinzip hat sich inzwischen doch herausgeschält. Obwohl ich meine Liste weiterhin Top 10 nenne, geht es nicht darum die 10 besten Filme des Jahres zu finden. Auch nicht die 10 liebsten. Was in meine Top 10 reinkommt, egal ob sie nun 3 oder 30 Filme umfasst, ist eher etwas, was man schwammig als Lieblingsfilm bezeichnen könnte – also etwas sehr persönliches. Und so lese ich auch alle Jahresendlisten etwas faschistoid, mit der Erwartung möglichst nur auf Persönliches zu stoßen (welche natürlich zum Großteil herb enttäuscht wird). Als Anhänger radikaler Subjektivität langweilt mich das Meiste inzwischen sehr. Trotzdem werde ich in den ganzen Listenbrei wohl auch weiterhin einstimmen, denn im grunde meines Herzens bin ich ein Systematisierer, ein Ordnungs- und Listenfanatiker.

Warum kommt meine 2008er Liste erst jetzt? Seit ich diesen Vorgang betreibe (also ca. seit 1999) war ich von den gesehenen Filmen (im Kontext und als Gesamtes betrachtet) noch nie so enttäuscht wie im vorletzten Jahr. Meine letztendliche Nr. 1 der Liste war doch tatsächlich bereits der erste Film den ich in 2008 überhaupt zu sehen bekam, und die Glücksgefühle die man bei der Sichtung inspirierender Filme oft empfindet, beschränkten sich zum größten Teil auf ältere Werke der Filmgeschichte. Meine Ansicht, dass das Kino einfach richtig Scheiße geworden ist, und in der Geschichte der Kinematographie seit 1890 noch nie soviel Belangloses und so wenig Interessantes in einem Jahrzehnt abgedreht wurde wie im vergangenen Jahrzehnt, hat sich zwar auch 2009 wieder bestätigt, jedoch habe ich dort wenigstens eine würdige Nr.1 für meine Liste gefunden. Würdig heißt für mich in diesem Kontext, dass meine Nr.1 ein Film ist, der potentiell in jedem der letzten 120 Jahre auf Platz Eins einer solchen Lieblingsfilmliste stehen könnte. Trotz seiner Genialität halte ich wiederum meine damalige (und immer noch aktuelle) 2008er Numero uno We Own the Night nicht für so überragend. Zu meiner eigenen Verteidigung (und der der Kinematographie) sei jedoch gesagt, dass Grays Meisterwerk auch 2009 sehr hoch gelandet wäre – direkt auf dem zweiten Platz – und es sich daher meiner Meinung nach auch in diesem Fall nichtsdestotrotz um einen äußerst Schmackhaften Vertreter der siebten Kunst handelt.

Der Qualitätsverfall hat wahrscheinlich zum größten Teil mit der immer noch hartnäckig festsitzenden Meinung zu tun, Film – oder Kino im allgemeinen  hätte seine Aufgabe primär darin, Geschichten zu erzählen. Das mag in vielen Fällen ein durchaus angebrachter Ansatz sein, bei dem aber oft vergessen wird, dass es nicht das Was ist, sondern das Wie, das beim Erzählen entscheidend ist. Das Wie reicht aber in alle Bereiche der Produktion hinein, die beim Film sehr vielfältig und Komplex sein können. Nicht minder wichtig als das erzählen (und für mich oft wichtiger) ist hierbei die Optik, sprich das gewählte Material auf dem die Geschichte festgehalten werden soll, und ihre ins-Licht-Setzung. Was bei der ganzen Euphorie zum digitalen Zeitalter oft übersehen wird, ist die Tatsache, dass immer noch kaum jemand ein Verständnis für die optischen und ästhetischen Qualitäten des digitalen Filmbildes besitzt. Einfach gesagt, habe ich es langsam satt, mir nach 20 Jahren digitaler Revolution immer noch viel zu oft dilettantische „Experimente“ mit den technischen Aspekten der Filmproduktion ansehen zu müssen. Was ziemlich oft nichts anderes heißt als: Filmen wir digital, des is billiger! Wie man’s richtig angeht haben in den 90ern die ersten Dogma Filme gelehrt, und man kann es heutzutage in kongenialer Weise in jedem Multiplex an den Werken von Michael Mann studieren. Oder sich einfach mal selbst damit beschäftigen. Wieso waren die oft einfallslosen Genre- und Billigfilmchen aus den 60ern und 70ern meist dennoch sehr sehenswert? Unter anderem wegen der brillanten Optik, von brillanten Kameramännern auf brillantes Filmmaterial gebannt. Was wurde in den 80ern sehr beliebt? Genau: Video. Und kaum einer wusste was damit anzufangen.

Inzwischen hat sich das geändert, aber die heutigen Cineasten müssen (sofern sie sich nicht nur für „Botschaften“ und die „künstlerische Aussage“ (gemeint ist hierbei meist der „inhaltliche“ Aspekt der „Geschichte“) interessieren) diesmal bei digitalen Formaten schrecklichstes Leid durchleben. Aber genug der Polemik!

Die beste schauspielerische Leistung die ich im vorletzten Jahr gesehen habe, war für mich eindeutig Casey Affleck als  Robert Ford in The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford. Schon bei der Sichtung des Trailers ahnte ich, dass ich hierbei Zeuge einer epochalen Darbietung werden würde. Die Tiefe und Komplexität der Darstellung offenbarte sich aber erst im Film. Die beeindruckendste Regie führte wahrscheinlich Dominik Graf bei Das Gelübde. Wie in den besten Kinomomenten, packte mich ein Schauer ob der Brillanz der Regieeinfälle, und ich musste vor dem übersprudelnden Ideenreichtum Grafs an manchen Stellen gar beinahe kapitulieren. Wie man so viele Ideen in einen Film stopfen kann, das ist beinahe schon unheimlich (Park Chan Wook war damit im vergangenen Jahr nicht so erfolgreich, und Sion Sono brauchte dafür 4 Stunden). Dass so etwas fürs deutsche Fernsehen produziert werden kann, zeigt aber nicht – wie man vielleicht meinen möchte – die Möglichkeiten auf, die einem talentierten und engagierten Filmemacher im deutschen Fernsehen trotz aller Einschränkungen noch bleiben, sondern verweist lediglich auf die kinematographische Brillanz und Professionalität (im besten Hawkschen Sinne) von Dominik Graf, der in dieser Art wohl eine singuläre Erscheinung im deutschen Film darstellt. Von Graf habe ich auch noch Süden und der Luftgitarrist im Kino gesehen, der zwar auch gut gefallen hat, aber dennoch nicht in dem Maße beeindruckte (wobei ich hinzufügen muss, dass es eine schrecklich verpixelte Projektion auf eine Riesenleinwand war…). Warum ich ihn hier dennoch erwähne? Einige schöne Filmzitate waren dennoch großartig, und völlig umwerfend fand ich die Hommage an meinen Lieblingsfilm von Wong Kar Wai, As Tears Go by (1988) (den ich ein paar Monate zuvor überraschend für mich im Kino wiederentdeckt hatte): als Ulrich Noethen seine Partnerin bei der Hand packte und über die Straße ins Hotel zerrte bekam ich Gänsehaut.

Die Top 10

1.  We Own the Night „Helden der Nacht“  (James Gray / USA / 2007)

Der ultimative Familienhorrorfilm. Mit schauspielerischen Höchstleistungen und einer ausgeklügelten Mise-en-scène zeigt Gray, wie man alle Klischees eines Genrefilms erfüllen kann und dennoch etwas noch nie dagewesenes auf die Leinwand bannt. Der neben Michael Mann vielleicht beste zeitgenössische Hollywoodregisseur spinnt seine Familienchronik weiter und beschließt, was er mit Little Odessa und The Yards begann. Es ist eine infernalische Tour de Force geworden, die in ihrer Konsequenz ihresgleichen sucht. Permanent geohrfeigt wankt der Zuschauer benommen aus dem Kino, mit der Erkenntnis das man auch mit dem Willen das Richtige zu tun konsequent das Falsche erreichen kann.
The Roads to Hell are paved with good intentions.

2.  Hafez (Abolfazl Jalili / Iran, Japan / 2007)

Dieser Film war meine erste Begegnung mit Abolfazl Jalili, und es war eine Offenbarung. Ein Film voller Poesie und Zärtlichkeit, die er aus den Figuren, Bewegungen, und dem Rhythmus der Montage bezieht. Nichts ist aufgesetzt, aber alles behauptet. Als allegorische Fabel über das Wesen der Hingabe, voller religiöser Motive, fließt der Film wie die Strophen eines Gedichtes, wobei  die Ideen und Vorstellungen des Sufismus  mit dem gegenwärtigen Alltag im Iran kontrastiert werden.

Jalili hat bei diesem Film nicht nur Regie geführt und ihn produziert, sondern er hat darüber hinaus auch das Drehbuch geschrieben, die Kamera geführt und an der Musik mitgewirkt, und man spürt seine Persönlichkeit in jeder Einstellung. Die Gelassenheit eines souveränen Regiealtmeisters à la Miyazaki zeichnet Hafez ebenfalls aus. Asiatisches Kino wie ich es liebe.

3.  Das Gelübde (Dominik Graf / Deutschland / 2007)

Das ist Kino pur: Übersprudelnd vor visuellen und thematischen Einfällen, zeigt Dominik Graf was man aus dem (italienischen) Genrekino alles herausholen kann. Eine unglaublich unauthentisch-authentische Geschichte aus dem 19. Jahrhundert, mit Menschen wie sie moderner nicht sein könnten. Und der Film ist dennoch so deutsch, dass es eine Freude ist. Was man aus der Geschichte gelernt hat? Keine Ahnung. Denn um solch unnötigen Ballast geht es Graf gar nicht. Er lässt Widersprüchliches und Unvereinbares nebeneinander bestehen, das Leben und die Menschen in ihrer ganzen Fülle und Beschränktheit. Ein geradlinig mäandernder Koloß von einem Film – im besten Sinne unspektakulär und bodenständig. Ein gänzlich unreligiöser Film zu einem religiösen Thema?

4.  La fille coupée en deux „Die zweigeteilte Frau“  (Claude Chabrol / Frankreich, Deutschland / 2007)

Ich kenne von Chabrol immer noch sehr wenig, doch was ich vor „Die zweigeteilte Frau“ zu sehen bekommen hatte ließ mich aufmerken. Vor allem Rien ne va plus (1997), war eine wahre Entdeckung. Wie Chabrol Klischees und Konventionen nicht umgeht, nicht dekonstruiert, sondern vorführt und transformiert hat etwas das über das Spiel hinausgeht. Das Vorführen von Figuren und Genreregeln ist eine Sache die sich fast schon ins surreale steigert. In „Die zweigeteilte Frau“ sind die Figuren und Handlungen so auf das Wesentliche reduziert, dass Freiräume entstehen, die im narrativen Erzählkino eine Seltenheit sind. Ich hatte das Gefühl, dass ich mir den Film völlig frei zusammenkonstruieren konnte. Figuren und Handlungselemente als Puzzleteile eines beliebigen Ganzen. Passend in jede Richtung. Und das alles mit Verständnis und Respekt der eigenen cinematographischen Erfindung gegenüber. Eine Möglichkeit der Postmoderne, Referenzialität als Selbstreferenzialität zu betrachten, Obsession als etwas nach Innen gerichtetes. Sozusagen der Gegensatz zum Kino eines Quentin Tarantino. Ähnliches kenne ich im europäischen Film nur von Oliveira und Ruiz.

5.  Les amants réguliers „Die Unruhestifter“  (Philippe Garrel / Frankreich / 2005)

Les amants réguliers

Eigentlich kein Film von 2008, habe ich ihn erst in diesem Jahr in der regulären kinoauswertung gesehen, obwohl er sogar schon da längst im deutschen Fernsehen gesendet worden war. Warum ist er trotzdem auf meiner Liste? Weil er mir so gut gefallen hat, und ich diesen (aus meiner Sicht/ung) ziemlich schlechten Jahrgang zumindest mit einer Top 5 abschließen wollte. Les amants reguliers war für mich eine Darstellung des Heroinkonsums, und seiner Auswirkung auf die Wahrnehmung. Die 68er Revolution als von vornherein gescheitertes Projekt der Bourgeoisie ist hier nur Hintergrundfolie für sehr individuelle konflikte. Die an Bresson erinnernden Traumsequenzen in wunderschönem schwarz-weiß haben mich am meisten beglückt – ein Ausweg aus der gnadenlosen Alltagserfahrung, hier ebenfalls in schwarz-weiß. Nachdem sich der Nebel lichtet, bleibt, vielleicht, das Kino.

Honorable Mention (in alphabetischer Reihenfolge)

Die folgenden Filme fand ich auch sehr toll, wobei mancher wohl eher retrospektiv auf dieser Liste gelandet ist (z.B. There Will be Blood), da ich mich einfach nicht mehr vollständig erinnern kann welche Filme Anfang 2009 alle von mir aufgelistet worden wären.

Actrices
Valeria Bruni Tedeschi  Frankreich  2007

Auf der anderen Seite
Fatih Akin  Deutschland, Türkei, Italien  2007

Centochiodi  Hundert Nägel
Ermanno Olmi  Italien  2007

Die zweite Frau
Hans Steinbichler  Deutschland  2008

Dr. Plonk
Rolf de Heer  Australien  2007

Hotel Chevalier
Wes Anderson  USA, Frankreich  2007

Johnny 316
Erick Ifergan  USA  2006

Les amours d’Astrée et de Céladon
Eric Rohmer  Frankreich, Italien, Spanien  2007

Stellet licht  Stilles Licht
Carlos Reygadas  Mexiko, Frankreich, Niederlande, Deutschland  2007

Sun taam  Mad Detective
Johnnie To, Ka-Fai Wai  Hong Kong  2007

Stop-Loss
Kimberly Peirce  USA  2007

The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford  Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford
Andrew Dominik  USA, Canada  2007

There Will Be Blood
Paul Thomas Anderson  USA  2007

Weisse Lilien
Christian Frosch  Österreich, Deutschland, Luxemburg, Ungarn  2007

Toi  You
François Delisle  Canada  2007

Abschließend sollte ich vielleicht noch anmerken, dass ich es mir eigentlich ebenfalls zur Gewohnheit gemacht habe bei solch einer Liste immer auch alle neuen Filme zu nennen die ich im Verlauf des Jahres gesehen habe. Denn das Gelistete ist ja immer nur eine sehr geringe Auswahl aus einem unermeßlichen Quell von Filmen, und lässt sich so richtig erst im Kontext des Gesichteten, als Auswahl, erschließen. Für 2008 mache ich aber eine Außnahme, denn obwohl ich seit 1999 immer genau über jeden gesehenen Film Buch führe, habe ich das 2008 tatsächlich etwas vernachlässigt, und kriege somit wahrscheinlich nicht alle Titel, die ich gesehen habe, zusammen. Und besser als eine unvollständige Liste finde ich an dieser Stelle dann eben gar keine.
Was ich aber sagen kann ist dass ich zwischen 60 und 80 Neuerscheinungen im weiten Sinn des Wortes gesehen habe, was so ziemlich der Anzahl von Filmen entspricht wie ich sie in den vergangenen 5 Jahren (seit ich regelmäßiger auf Festivals weile) im Schnitt auch zu sehen bekommen habe. Nichts Weltbewegendes also, nur die Qualität des Jahrgangs (meines gesichteten natürlich) hat mich schwer enttäuscht. Aber 2009 ist zum Glück wieder alles besser geworden. Ob mein Riecher oder das Glück entscheidend waren weiß ich zwar noch nicht genau (ich tippe jedoch auf Ersteres); aber ich freue mich wesentlich mehr darauf, die Top 10 für 2009 zu veröffentlichen. Hoffentlich dann auch etwas früher.

Arcana (1972)

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Wenn man einem seltenen Film jahrelang verzweifelt hinterjagt, nach obskursten Fassungen fahndet in der Hoffnung, es möge einem doch irgendwann eine alte Kaufkassette oder TV-Aufnahme in die Hände fallen, ist man im entscheidenden Augenblick – wenn man das Objekt cineastischer Begierde schließlich ungläubig in Händen hält – in der Regel auf alles gefasst. Denn man hat ja schließlich schon Zeit genug gehabt, in alle erdenklichen Richtungen zu spekulieren.

Seit ich vor etwa vier Jahren Giulio Questis Fiebertraumhaften Italowestern SE SEI VIVO SPARA (“Töte, Django!” – Ein Film aus dem Land jenseits des Hades!) sah, habe ich den Werken der sehr überschaubaren Filmographie des mysteriösen Filmemachers mit viel Energie nachgejagt. Seinen avantgardistisch-grotesken, antikapitalistischen Thriller LA MORTE HA FATTO L’UOVO („Die Falle“) aufzutreiben war aufgrund dessen häufiger (fälschlicher) Zuordnung zum Giallo-Genre nicht allzu schwer. Doch ARCANA, der dritte und traurigerweise auch letzte Kinofilm Questis, schien praktisch außerhalb italienischer Archive nicht zu existieren. Ein Horrorfilm sollte es sein, ein übersinnlicher – und das von diesem exzentrischen, ganz und gar unangepassten, ruppigen Giulio Questi! Vor meinem damals frisch in Leidenschaft fürs Surreale entflammten Auge sah ich wilde, glühende und delirierende Abgründe sich auftun und bastelte mir den Film auf abenteuerliche Weise im Kopf aus den anderen beiden Questi-Filmen zusammen. Weiterlesen “Arcana (1972)” »

Filmtagebuch (3)

Dezember 2009 (Teil 1)

Der Dezember war für mich ein ziemlicher toller Filmmonat. Nicht nur dass ich den schneeweißen und kalten Winter grundsätzlich Liebe (und mich wenn ich hier beim schreiben ohne den Kopf zu drehen aus dem Augenwinkel Richtung Fenster blicke das Licht das sich durch die Vorhänge bricht in euphorische Laune versetzt): ich habe meine Leidenschaft für Film nach einigen üblen Monaten und guten Startversuchen im Herbst endlich wieder gefunden. Gleich zu Anfang hab ich mir mit Cliffhanger was für die Seele gegönnt. Nachts im dunkel ein widersehen mit Stallone und Renny Harlin. Ein Film aus meiner Kindheit, damas oft gesehen wenig verstanden. Diesmal: noch besser. Fast schon eine Offenbarung. Klassisches Hollywood Actionkino wie es nach 1994 (nach Speed?) nicht mehr existiert. Und diese ganz besondere Note der frühen 90er, erkennbar an der Ausleuchtung und den Farben. Da hat es für mich zwischen 1990 und 1994 immer ein Vakuum gegeben. Vielleicht ein (persönlich sehr angenehmes) Stillstehen in der Entwicklung von Technik und neuem Filmmaterial…

Cliffhanger ist auf jeden Fall ein Meisterwerk das zeigt was hätte werden können, und Renny Harlin hier mal ein echter auteur. Die Zeitlupensequenzen bei den Sterbeszenen erinnern mich in ihrer Genialität an Peckinpah, obwohl sie genau Gegenteilig eingesetzt werden. Ein existentialistisches Drama – wie immer bei Harlin. Der einsame Held und die feindliche Umgebung, wobei der Held die Fähigkeit besitzt seine Umgebung zu nutzen. Der Feind sitzt im Kopf. Ein bisschen ist das wie bei Hawks. Selbstüberwindung und Professionalität. Auch deutlich zu sehen was Zensur in Deutschland immer wieder anrichtet: in der gekürzten Fassung verliert der Film an Intensität und Handschrift durch das verstümmeln der Gewaltszenen.

Red Planet habe ich 2001 im Kino nicht gesehen. Das Plakat war schon da genial, aber der Film hätte mir mit Sicherheit nicht gefallen. Jetzt ist das anders. Schiebe die DVD ein und der Film ist wunderbar, herrlich altmodisch. Angenehmes unangestrengtes Genrekino das so völlig auf die Zeit pfeift in der es entstanden ist. In den 50ern wäre das sicher ein B-Film geworden. Leider hat das Studio dem Regisseur wohl ziemlich reingepfuscht. Der vermurkste Anfang und das angeklebte Ende passen so gar nicht ins Gesamtbild und machen verständlich warum so viele Drehbuchgurus den Voice-Over im (Mainstream)Film verdammen. An sich wird der Film dadurch aber auch wieder interessant. Vieles was nicht funktioniert macht ja manchmal Platz für Neues. Reibungsfläche -> Visionen beim Zuschauer. Also wieder irgendwie genial für einen Science-Fiction Film. Freue mich schon aufs wieder-sehen.

Chaplin im Kino war dann fast wieder wie die Cineastenentdeckung Nachts um eins, damals, als derVideorekorder noch mitlief. Geheult hätte ich diesmal auch fast wieder genau so. Hab mich aber im Kino doch nicht getraut und mich ziemlich zusammengerissen. Definitiv eine der besten Schlußsequenzen der Filmgeschichte. Und die originalen englischen Zwischentitel noch einmal eine ganze Klasse besser als die deutschen. Der ganze Film ein Beweis wie simpel das Geniale ist. Ich stelle mir eine Zeitungsschlagzeile vor: „Chaplin ein Genie oder doch nur der beste Filmemacher des 20. Jahrhunderts?“ Zu viele Superlative für einen Streifen Zelluloid. Meinen Eltern hats übrigens auch sehr gefallen.

Abends dann der Doppelpack. Der Mann und sein Vorbild. Abschluß der Carpenter-Reihe mit einer verhunzten 90er Jahre Synchro, dafür aber einer tollen Kopie. Den Film hab ich halb verschlafen. War selten so müde im Kino, und obwohl ich bei Müdigkeit im Kino immer an meine Sichtung von Kiarostamis „Der Wind wird uns tragen“ beim ersten „Filmfestival“ in meiner Heimatstadt denken muss, war es diesmal vermutlich schlimmer. Fast schon ein Delirium. Wahrlich In the Mouth of Madness. Eine wunderbare Szene ist mir aber doch im Gedächtnis geblieben. Der Übergang von der realen Welt in die Welt des Romans. Im Auto durch einen Tunnel. Danach Hawks. Für mich fast eine Wiederentdeckung. Seine eigenen Filme einfach nochmal zu drehen. Warum nicht? El Dorado ist jedenfalls mindestens genausogut wie Rio Bravo. Und ich habe mich wohl endgültig in Hawks verliebt. An dieser Stelle möchte ich noch das Buch von Rolf Thissen empfehlen das im Heyne Verlag in der Reihe Filmbibliothek erschienen ist: „Howard Hawks. Seine Filme – sein Leben„.

Was sagt mein Viewing Log noch so? Dead Man zum x-ten Mal gesehen. Diesmal mit meiner Freundin. Robby Müller, William Blake, Jim Jarmusch. Mit Abstand der beste Film über den Wilden Westen den ich kenne. “ The Vision of Christ that thou dost see, is my visions greatest enemy.“

Drei mal Science Fiction: Der schweigende Stern beweist, dass Sozialisten doch die besseren Menschen sind und Kurt Maetzig Science-Fiction drehen kann. Ein bisschen wie die Filme von Toho aus den 60ern nur ohne Monster. „Krieg im Weltenraum“ von Ishiro Honda kommt in den Sinn. Stanislaw Lem ist dann doch wieder eine andere Geschichte, und diese Verfilmung hat so gar keinen Lem-Touch (den auch Tarkowskij 10 Jahre später völlig verfehlt bzw. ignoriert hat). Dennoch, die Schlußeinstellung mit den ineinanderverschränkten Händen ist fantastisch. Danach der übliche Méliès Schmarren. Le voyage dans la lune muss immer noch als Ersatz für Filmgeschichte herhalten. Das lustige Kuriosum, Ignoranz von frühem Kino. Dass Méliès ein genialer Filmemacher war fällt dabei sowieso keinem ein. Das ist natürlich Polemik meinerseits, und hat gar nichts mit der Art der Präsentation und Einbindung des Films im Kino zu tun wo ich ihn gesehen habe. Aber: wo gabs das letzte mal eine Méliès-Retro? „Die Reise zum Mond“ ist meiner Meinung nach einer seiner schwächsten und uninteressantesten Filme, und taugt als Literaturverfilmung schon mal gar nicht. Ein Kuriosum also, und ein Zeichen dafür welche Erinnerungskultur in Deutschland herrscht. Das nächste mal wenn jemand von diesen lustigen alten kurzen Filmen spricht werde ich wahrscheinlich gewalttätig. Himmelskibet war wohl der erste stumme Trashfilm den ich in meinem Leben gesehen habe. Dilettantisch von vorne bis hinten, habe ich mich doch recht gut amüsiert. Eigentlich ziemlich unfassbar, aber wohl definitiv im Zeitgeist der 10er Jahre. Faschismus trifft auf Fiedensbewegung in einem Propagandafilm der besonderen Art. So stelle ich mir eigentlich die idealen NSDAP-Streifen vor. Verbrämt ist hier wohl das richtige Wort. Ein Beweis, daß im 1. Weltkrieg noch unsäglicheres Zeug gedreht wurde als im zweiten. Dennoch visuell ein paar Glanzlichter. Eine Einstellung mit Prozession am Horizont erinnert z.B. stark an spätere Sachen von Nykvist.

Im Kino an neuen Filmen noch We are the Strange, The Hurt Locker und Halloween II geguckt. All auf ihre Art ziemlich gut, aber nichts was mich in Begeisterung ausbrechen lässt. Ersterer lässt positiv in die Zukunft des amerikanischen Independentfilms blicken, während zweiterer endlich wieder Kathryn Bigelow auf dem Regiestuhl Platz nehmen ließ. Und da gehört sie sowas von hin, Hawks hätte wahrscheinlich seine Freude an ihr gehabt. Mit Halloween II hat Rob Zombie seine Chance auf eine stringente Weiterentwicklung seines ersten Teils zwar vertan, aber fast schon ein interessantes Gegenstück dazu geschaffen. Beide Teile habe ich direkt hintereinander geschaut, beide in der Kinofassung. Bin gespannt, was der Director’s Cut jeweils verändert, und was die Studiobosse nicht haben wollten. Was Zombie gelingt, ist eine Neuaneignung des Meyers-Mythos, und das ist zumindest schon mal etwas. Was fehlt ist das Pathos, die Betonung des Melodramatischen. Die beiden besten Momente in Teil I und II: Michael Meyers sitzt als kleiner junge an Halloween abgeschoben am Bordstein vor dem Haus, darüber „Love Hurts“ von Nazareth. Im zweiten Teil muss dann Laurie Strode bei strömendem Regen eingezwängt in einem Wärterhäuschen zu The Moody Blues‘ „Nights in White Satin“ klaustrophobische Ängste durchstehen. Die Melancholie des Todes, und das Ende der Naivität.

Playlist:
Nazareth – Love Hurts
Stelvio Cipriani – La polizia chiede aiuto (Titelthema)
Courtney Love – Dirty Girls
The Moody Blues – Nights in White Satin (längere Version)

Ich war einfach besoffen oder Reviews die die Welt nicht braucht, Teil 1: Road House

Endlich mal wieder ‚was markiges! Für alle diejenigen, die nicht (oder nicht bewusst) in den 80ern aufgewachsen sind ist Road House die Offenbarung schlechthin. Denn hier wird gnadenlos aufgezeigt, wie das Zeitalter von Dieter Bohlens größten Erfolgen auf der anderen Seite des Atlantiks aussah.

© 1989 Silver Pictures

© 1989 Silver Pictures

Während in Deutschland die Grenzöffnung bevorsteht kloppt sich Patrick Swayze in einer abgehalfterten US-Kleinstadt mit deren informeller Obrigkeit. Da werden Eier blau gefärbt und Poseur-Patrick reißt in einer Art goldenen Griff der Filmgeschichte einem Rivalen die Kehle aus dem Halse. Klitschnass torkelt er noch ein wenig durchs Bild bis auch dem letzten Zuschauer klar wird: Es ist kein Schweiß, sondern Testosteron pro Analysis, das dem Protagonisten aus den Poren trieft. Die Antagonisten sparen natürlich auch nicht mit diesem göttlichen Hormon, so dass es während des gesamten Films hin und wieder zu Konflikten kommt. Im Laufe der 114 Minuten werden diese aber alle gelöst.

Übrigens löst auch Peter Griffin von Family Guy in S08E04 – ‚Brians Got a Brand New Bag‘ seine Probleme galant in Road House-Manier.

Weiterhin wird gemunkelt, dass Rainer Brandt für die Synchronisation dieser Milieustudie eine nicht näher genannte Summe geboten haben soll, dann aber von Ulrich Gressieker einen Tritt aufs Nasenbein bekam.

Fünf Listen: Entdeckungen 2009

Sardonicus

Das Jahr neigt sich dem Ende zu und der Listenwahnsinn hat traditionell Hochsaison. Dem wollen wir, die wir zumindest zum Teil selbst Listen-Fans sind, uns natürlich nicht entziehen. Bevor es demnächst um die Jahreslisten mit den Lieblingsfilmen des aktuellen Jahrgangs 2009 geht, liegt der Fokus hier in einem Sammelposting erst einmal auf den Entdeckungen abseits des aktuellen Jahrgangs, es geht also um ältere Filme, die man 2009 zum ersten Mal gesehen und für sich entdeckt hat. Einzige Vorgabe für dieses Sammelposting war, dass der Umfang der einzelnen Listen nicht zu umfangreich sein sollte, für allzu ausufernde Listen sind dann ggf. seperate Postings oder der Sehtagebuch- bzw. Listen-Bereich vorgesehen. Hier geht es erstmal um das halbwegs übersichtliche Zusammenfassen komprimierter Entdeckungslisten, wie stark komprimiert und ausgesiebt wurde, schwankt aber von Fall zu Fall. Nachfolgend also die Listen im Einzelnen.


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mimiwosumaseba

Alexander P.

15 Entdeckungen 2009 (ungeordnet):

Mimi wo sumaseba (Yoshifumi Kondo)
Escape from L.A. (John Carpenter)
Sieben Tage Frist (Alfred Vohrer)
Point Break (Kathryn Bigelow)
Strait-Jacket (William Castle)
Salaam Cinema (Mohsen Makhmalbaf)
The Pit, the Pendulum and Hope (Jan Svankmajer)
House by the River (Fritz Lang)
After Midnight (Monta Bell)
Model Shop (Jacques Demy)
Le notti bianche (Luchino Visconti)
Dead of Night (Bob Clark)
Mauvais sang (Léos Carax)
The Mirror (Jafar Panahi)
My Bloody Valentine (George Mihalka)


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Sano

Die sieben aufregendsten Filme des Jahres. Was haben sie bei genauerer Betrachtung gemeinsam? Den Exzess, den Überschuß. Das Manische im Beharren – auf der Allmacht des Helden in Die Nadel, auf der der Natur in Rotes Kornfeld. Die Protagonisten glauben an etwas, sind zwanghaft in ihren Handlungen. Was sich  in ihren Gesichtern niederschlägt – in den Augen von Viktor Tsoj, Marlon Brando, Gong Li, Al Pacino, Kitty Winn, Joan Crawford und Joan Marshall – ist die Entschlossenheit und die Präsenz, im Hier und Jetzt. Das Direkte und Schnörkellose, Leben im Augenblick.

1.  Hong gao liang Rotes Kornfeld
Yimou Zhang  China  1987
2.  Igla Die Nadel
Rashid Nugmanov  Sowjetunion  1988
3.  Chui SaaiDie fliegenden Feuerstühle
Stanley Wing Siu  Hongkong  1973
4.  Strait-Jacket Die Zwangsjacke
William Castle  USA  1963
5.
One-Eyed Jacks Der Besessene
Marlon Brando  USA  1961
6.  The Panic in Needle Park Panik im Needle Park
Jerry Schatzberg  USA  1971
7.
Homicidal Mörderisch
William Castle  USA  1961


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4Filme4Bilder

Andreas

Bei der Suche nach Schwerpunkten und Schnittmengen zwischen den einzelnen filmischen Entdeckungen, also einer Entdeckung auf breiterer Ebene, bin ich schnell zu dem Schluss gekommen, dass meine größte filmische Entdeckung des Jahres wohl tatsächlich eine ziemlich kuriose und spezielle, ebenso ungewöhnliche wie ungewürdigte, überraschende wie abseitige war: der 16mm-Film. Zuvor war er mir überwiegend eigentlich nur von meist unbefriedigenden 35-zu-16mm-Reduktionskopien als Wiedergabemedium bekannt, während nun ausgerechnet bei der Berlinale im Schatten der auf ärgerliche und unnötige Weise teils verpfuschten 70mm-Retrospektive drei erstaunlich schöne 16mm-Kopien (bei denen 16mm im Normalformat auch das Aufnahmeverfahren war: „Schwitzkasten“, „Das unbekannte Hamburg“, „When It Was Blue“) für eine echte Überraschung sorgten, die sich im Laufe des Jahres unerwartet oft bestätigen sollte. Meine zwei vermutlich besten Kinoerlebnisse des gesamten Jahres verdanke ich dem Format: Lino Brockas Meisterwerk „Manila: In the Claws of Light“ auf der Viennale und Andy Warhols „Chelsea Girls“ in der intendierten 16mm-Doppelprojektion. Und auch sonst begegnete es mir immer wieder als Aufnahme- und damit auch originalgetreues Wiedergabeverfahren: bei diversen US-Surferfilmen (allen voran „Red Hot Blue“), bei Clemens Klopfenstein und Christian Schocher, bei Christoph Schlingensief und Jörg Buttgereit, und zumindest als Aufnahmeformat ganz markant auch bei „The Sinful Dwarf“ (den ich übrigens ausdrücklich in der verblüffend stimmigen und die grandios-verstörende Ambivalenz des Films noch steigernden Fassung mit Hardcore-Szenen empfehlen möchte – und natürlich ohnehin nur denjenigen, die wissen, auf was sie sich da einlassen) sowie als Super16-zu-35mm-Blow-Up auch bei (noch…) relativ vielen und dabei auffallend tollen aktuellen Filmen. Das schleichende Verschwinden des klassischen 16mm-Experimental- und Independentfilms – man denke an Wiseman, Benning, Brakhage etc. – ist meines Erachtens eine der großen Tragödien im Gefolge der Digitalisierung, weil die Bildcharakteristik, die spezifische Körnung und Materialität von 16mm bislang auch kein wirkliches digitales Äquivalent hat. Insofern bin ich froh, dieses leider wohl unweigerlich vom mittelfristigen Aussterben bedrohte Format ebenso wie vor zwei Jahren den 70mm-Film gerade noch rechtzeitig vor seiner endgültigen Marginalisierung und Historisierung in originalgetreuer Form entdeckt, erlebt und gewürdigt zu haben. Aber genug davon und lieber schnell zur eigentlichen Liste und den einzelnen Filmen…

31 Entdeckungen (ungeordnet; drei Viertel der ausgewählten Filme im Kino gesehen; wegen besserer Übersichtlichkeit sind lediglich die deutschen bzw. internationalen Titel sowie die Regie angegeben):

Schwitzkasten (John Cook)
Nocturnal Uproar (Catherine Breillat)
Downtown – Die nackten Puppen der Unterwelt (Jess Franco)
Die Kommissarin (Aleksandr Askoldov)
Sansho Dayu – Ein Leben ohne Freiheit (Kenji Mizoguchi)
Geschichte der Nacht (Clemens Klopfenstein)
The Satisfiers of Alpha Blue (Gerard Damiano)
El Sur – Der Süden (Victor Erice)
Die nackte Gräfin (Kurt Nachmann)
One-Eyed Jacks (Marlon Brando)
Les hautes solitudes (Philippe Garrel)
Rancho Notorious (Fritz Lang)
Chelsea Girls (Andy Warhol)
Monpti (Helmut Käutner)
Red Hot Blue (Curt Mastalka)
Quelle für die Dürstenden (Juri Iljenko)
Transes – Reiter auf dem toten Pferd (Clemens Klopfenstein)
Few of Us (Sharunas Bartas)
Mondo Cannibale 2. Teil – Der Vogelmensch (Ruggero Deodato)
Bona (Lino Brocka)
Feuerpferde (Sergej Paradschanow)
So Is This (Michael Snow)
Reisender Krieger (Christian Schocher)
Manila: In the Claws of Light (Lino Brocka)
Venus im Pelz (Massimo Dallamano)
Supermarkt (Roland Klick)
Jaguar (Lino Brocka)
Still Life (Sohrab Shahid Saless)
Zwei unter Millionen (Victor Vicas, Wieland Liebske)
The Sinful Dwarf (Vidal Raski)
Mad Foxes (Paul Grau)

Bonus:

+ sechs Mal William Castle mit Live-Gimmicks
+ die grandios direkten, prägnant erzählten Kurzfilme von Marran Gosov
+ 70mm in seiner Essenz: The Miracle of Todd-AO & Sky over Holland
+ Western im Kino (die beiden größten Neuentdeckungen stehen auf der Liste, die schönsten Wiederentdeckungen: Forty Guns, My Darling Clementine, El Dorado)
+ diverse Retrospektiven und Werkschauen, vor allem jedoch die zu Apichatpong Weerasethakul, Claire Denis und John Carpenter (drei Filmemacher für die große Leinwand)
+ Sleaze, Trash und Schlock aller Couleur, je schäbiger und schmieriger, desto lieber (halb-stellvertretend finden sich die vollkommen großartig-schäbigen Schundwerke Downtown und Mad Foxes in obiger Liste)

Und noch anderes mehr, das hier allerdings den Rahmen sprengen würde.


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Satansbraten

Alexander S.

23 Entdeckungen

Um mich zu beschränken habe ich nur Filme aufgenommen, von denen ich mir vorher nicht sowieso schon  sicher war, dass sie mich restlos begeistern würden, daher fehlen einige erstmals gesehene Filme von Zulawski, Resnais, Cronenberg… Zweimal habe ich trotzdem geschummelt, da „Stereo“ und „Satansbraten“ einfach in meine Liste MUSSTEN…

  1. Spavolač mrtvol (Juraj Herz 1969)

  2. Stereo (David Cronenberg 1969)

  3. De vierde man (Paul Verhoeven 1983)

  4. Angst (Gerald Kargl 1983)

  5. Ran (Akira Kurosawa 1985)

  6. Anatomie de l’enfer (Catherine Breillat 2004)

  7. Sanma no aji (Yasujiro Ozu 1962)

  8. Braindead (Peter Jackson 1992)

  9. Satansbraten (Rainer Werner Fassbinder 1976)

  10. A Streetcar Named Desire (Elia Kazan 1952)

  11. Play Time (Jacques Tati 1967)

  12. Dinner at Eight (George Cukor 1933)

  13. Die Zärtlichkeit der Wölfe (Uli Lommel 1973)

  14. The Devil Doll (Tod Browning 1936)

  15. Few of Us (Sharunas Bartas 1997)

  16. Le film a venir (Raoul Ruiz 1997; Short)

  17. Dealer (Benedek Fliegauf 2004)

  18. La coquille et le clergyman (Germaine Dulac 1928)

  19. Nekujiru-so (Tatsuo Sato 2001; Short)

  20. Monsieur Klein (Joseph Losey 1976)

  21. Russkiy kovcheg (Aleksandr Sokurov 2002)

  22. Femina Ridens (Piero Schavazappa 1969)

  23. Pokolenie (Andrzej Wajda 1955)


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Liste09

Christoph

Listen erstellen macht Spaß – aber nur, wenn man nicht zu rigide auswählen muss! Wie ich in diesem Text erst kürzlich schrieb, finde ich praktisch beinahe alles gut, bin von Natur aus genügsam und obschon im Leben ein Pessimist, zumindest als Cineast eine ausgesprochene Frohnatur, die nichts anbrennen lassen will.

Da ich während meines 7-monatigen Aufenthalts in Cambridge (dem englischen, nicht dem amerikanischen) aufgrund des äußerst bescheidenen Programmangebots der drei örtlichen Kinos und pragmatischer Selbstbeschränkung aus Sparsamkeitsgründen kaum aktuelle Filme gesehen und darüber hinaus alle drei wichtigen deutschen Festivals – Berlinale, Filmfest München und Fantasy-Filmfest – versäumt habe, beläuft sich die Anzahl von gesehenen Neustarts bei mir auf mickrige 25. Bei insgesamt um die 350 gesichteten Filmen. Dementsprechend darf diese Liste als meine eigentliche Bestenliste des Jahres gelten, da ich nicht nur zu wenig aus sondern anscheinend auch nur die zweite Wahl an Filmen dieses Kinojahres gesehen habe.

Mit einer „Entdeckung“ assoziiere ich persönlich auch immer eine Überraschung, niedrige oder unscheinbare Erwartungshaltungen, die sich zu begeisterten Wolken aufblähen. Daher habe ich beschlossen, mir selbst die Auswahl meiner 44 Entdeckungen anhand des jeweiligen Überraschungsfaktors zu erleichtern. Filme von Lieblingsregisseuren, auf die man sich schon seit Jahren freut oder auch allgemein Titel, von denen man zuvor stets sagte „Den will ich schon ewig sehen“ disqualifizieren sich selbstverständlich. Anders sieht das schon mit Filmen von Lieblingsregisseuren aus, die einem bisher komplett egal waren, nach denen man kein Verlangen verspürte und die man dann schlussendlich doch zufällig oder einfach so aus Komplettierungsgründen gesehen hat, völlig unvorbereitet auf die Welle der folgenden Begeisterung. Hier also eine Liste mit 44 Filmen, die ich eindeutig 2009 entdeckt habe.

1. Memories within Miss Aggie(Gerard Damiano, USA 1974)
2. Viva Zapata! (Elia Kazan, USA 1952)
3. Haus der Schatten (Alasteir Reid, GB 1970)
4. Die scharlachrote Kaiserin (Josef von Sternberg, USA 1934)
5. The Honeymoon Killers (Leonard Kastle, USA 1969)
6. Bullitt (Peter Yates, USA 1968)
7. Der Wildeste unter 1000 (Martin Ritt, USA 1963)
8. Die nackte Gräfin (Kurt Nachmann, BR Deutschland 1971)
9. Der Mann auf dem Dach (Bo Widerberg, Schweden 1976)
10. Anatomy of Hell  (Catherine Breillat, Frankreich 2004)
11. Kaltblütig (Richard Brooks, USA 1967)
12. If…. (Lindsay Anderson, GB 1968)
13. Die große Leidenschaft (David Lean, GB 1949)
14. Eine Handvoll Hoffnung (Nicholas Ray, USA 1956)
15. Equus (Sidney Lumet, GB/USA 1977)
16. Adaptation (Spike Jonze, USA 2002)
17. Ein Platz an der Sonne (George Stevens, USA 1951)
18. Manji – Die Liebenden (Yasuzo Masumura, Japan 1964)
19. Nizza (Jean Vigo, Frankreich 1930)
20. Meine Lieder, meine Träume (Robert Wise, USA 1965)
21. Britannia Hospital (Lindsay Anderson, GB 1982)
22. Ein neuer Stern am Himmel (George Cukor, USA 1954)
23. Excalibur (John Boorman, GB 1981)
24. Ipcress – Streng geheim  (Sidney J. Furie, GB 1965)
25. Der Erfolgreiche (Lindsay Anderson, GB 1973)
26. The Devil’s Backbone (Guillermo del Toro, Spanien/Mexiko 2001)
27. The Prince of Terror (Lamberto Bava, Italien 1988)
28. Allegro (Christoffer Boe, Dänemark/Schweden 2006)
29. Door to Silence (Lucio Fulci, Italien 1991)
30. Elvira Madigan (Bo Widerberg, Schweden 1967)
31. Der Wolfsjunge (François Truffaut, Frankreich 1970)
32. Death Falls Lightly (Leopoldo Savona, Italien 1972)
33. Mumsy, Nanny, Sonny and Girly (Freddie Francis, GB 1969)
34. Die Schlacht der Centurions (Lucio Fulci, Italien 1984)
35. Happy End (Oldrich Lipsky, Tschechoslowakei 1966)
36. Taxi zum Klo (Frank Ripploh, BR Deutschland 1981)
37. The Consequences of Love (Paolo Sorrentino, Italien 2004)
38. Lost Soul (Dino Risi, Italien/Frankreich 1977)
39. Umarmung (Roberto Malenotti, Italien/Frankreich 1969)
40. Kaminsky – Ein Bulle dreht durch (Michael Lähn, BR Deutschland 1985)
41. Howling VII / The Howling – New Moon Rising (Clive Turner, USA 1995)
42. Jede Nacht um neun (Jack Clayton, GB 1967)
43. Hard Car – Liebe auf Asphalt (Giovanni Amadei, Italien 1990)
44. Downtown – Die nackten Puppen der Unterwelt (Jess Franco, Schweiz 1975)

Da aber diese 44 Filme nur die Hälfte der 2009 frisch errungenen Lieblinge und fantastischen Filmerlebnisse fasst – fassen kann! – konnte ich es mir nicht verkneifen, 44 weitere Filme anzuhängen, deren Sichtung ich teilweise schon seit Jahren gierig herbeigesehnt habe, da ich mir davon großes, interessantes oder obskures versprach. Diese Liste ist mindestens ebenso wichtig, aber um nicht aus dem Rahmen zu fallen, verlinke ich sie nur. Insgesamt also 88 Entdeckungen – was für eine Ausbeute!

Als Bonus angehängt ist auch noch eine kleine Liste mit 10 „speziellen“ oder bizarren Sichtungs- / Rezeptionserlebnissen.


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