STB Christoph

“Ihr müsst mir mal bei Gelegenheit das vollständige ET-Vokabular zur Verfügung stellen, also die Wörter und was sie genau bedeuten. Ich finde ‘Schangel’ oder ‘trufte’ nicht im Duden.”
- Christian S., Köln

“Je mehr Filme ich sehe, desto höher bewerte ich sie.”
- Christoph Wirsching

“Oh Gott, ich habe mir während unseres Telefonats meine ganze Unterhose zerrissen!”
- Rajko B.

“Sorry for any confusion there, where I’m from a pansy is just a silly man and a fag is a ciggerette. I have a hard time keeping up with all the latest American insults.”
- Kommentar eines britisches Users auf amerikanischer Filmseite X, 2010.

“Hach, wär das [nach Nürnberg] nicht so weit… aber kriegen wir schon hin, bis auf die Fahrt kostets ja nicht viel. Wir ernähren uns ja eh von Filmen.”
- Marco Siedelmann, Dr. phil. der Pornographie

“Mit der [ET-]Terminologie komme ich schon zurecht, auch wenn mir der Schangel-Kram am Anfang nicht ganz klar war.”
- Christian Schulze-Kalthoff, Journalist

“Pretentious & empty genre films are my bread & butter.”
- Eric Cotenas, Eurocult-Fanboy

“Also ich finde, über sowas Ernstes wie Türken sollte man keine lustigen Filme machen.”
- Rajko B. in einem Telefongespräch über “Almanya – Willkommen in Deutschland”

Zahlen in eckigen Klammern [2] = Wiederholte Sichtung.
Bewertungssysteme: 10-Punkte-System (Die grobe Öffentlichkeitsarbeit), 25-Punkte-System (Die private Feinmotorik)
Kommentare zu den jeweiligen Filmen sind purer Luxus und von mir keinesfalls als selbstverständlich zu erwarten. Sie geben darüber hinaus zumeist keine streng persönlichen Impressionen wieder, sondern sind als Orientierunghilfe für Sie, werte Leser, gedacht.
Wenn Sie in diesem Sehtagebuch nach etwas Bestimmtem suchen sollten, drücken Sie Strg + F und geben Ihren Suchbegriff ein.
Meine Sehtagebücher 2010 2009.

* In deutscher Synchronfassung
** In englischer Synchronfassung

Dezember

26.12.2011
Die Stunde des Wolfs
(Matthias Glasner, Deutschland 2011) – 6.5/10 (17), DVD
“Sie sind ein wunderbarer Mann, Tom. Ich liebe ihre Küche, ihre Musik… und ich schwöre bei meiner Seele, das ist der leckerste fettige Fasan, den ich je gegessen habe.”

*****

Leider ist nach einem Update wieder einmal ein Großteil meines Sehtagebuchs verschwunden. Ich werde das baldmöglichst beheben.

*****

25.12.2011
A. I. – Künstliche Intelligenz / A. I. – Artificial Intelligence
(Steven Spielberg, USA 2001) – 9/10 (23), DVD
“In der Nacht haspelte eine Stimme in meinem Kopf:
›Hast du mich lieb, hast du mich lieb?‹
Dann wurde die Sonne finster und raste auf uns zu.”
- “652 km nach Berlin” von Silvia Szymanski (2002)
Finisterrae
(Sergio Caballero, Spanien 2010) – 8/10 (21), DVD
Melancholische Gespenster im Schnee. Sprechende Eulen. Videoinstallationen in Astlöchern. Elche, schläfrig durch Herrenhäuser stapfend. Prätentionsvertrashung! SCHANGEL! Nur die auslaufende Milch (nach Tarkowskij) fehlt noch – aber man kann nicht alles haben.

24.12.2011
Müllbumser / Trash Humpers
(Harmony Korine, USA 2010) – 9/10 (n/a), VHS
Das ist so ein Film, den man wegräumt, irgendwohin ablegt, für später. Ein guter Mensch wird ihn allerdings zum rechten Zeitpunkt hervorkramen, und da ich selbstverständlich ein guter Mensch bin und zu Weihnachten nur die besten Absichten habe, gleichsam Wärme im Herzen trage, kramte ich ihn hervor, als mir noch rechtzeitig einfiel, dass dieser Rotzklumpen aufgrund seines deutschen Starttermins unzweifelhaft listenrelevant ist. Ein Film, dem man abwechselnd applaudieren und den Hals umdrehen will. Die perfekte filmische Nervensäge, ein schauriges Vergnügen, auf brillante Weise enervierend und absolut eklig. Ein bißchen so habe ich mir immer die Filme von Christoph Schlingensief vorgestellt. Wenn Schlingensief ein genialer Sechsjähriger mit Videokamera und dem Verstand eines notgeilen Großväterchens wäre. Die ungezügelte Radikalität, mit der sich hier, einer Freistellung von ihrer Gesellschaft und cinelinguistischen Gesetzen gleich, auf Parkplätzen, schmuddeligen Veranden und siffigen Wohnzimmern eine folgenlose und boshafte Reinfantilisierung der Figuren vollzieht, wie die Kamera mit voyeuristischer Intimität Zeuge ihrer anarchischen, karnevalesken Sexualität wird, das verschlägt den Atem. Eine räudige Bescherung (ich musste übrigens den Originaltitel einfach übersetzen – es war wie ein Zwang).
(Dank an Alexander P. und Lukas Foerster)
Bellflower
(Evan Glodell, USA 2011) – 9/10 (23), DVD
E-Träumer Andreas, der deutschlandweit beste Festivalkurator, der kein Festival kuratiert, hat mir für den traditionellen Nachhol-Marathon versäumter aktueller Filme vor Jahresende wieder eine Handvoll Titel nahegelegt, von denen mich einer mehr und positiver überrascht als der andere (nur HANNA und BLACK FIELD standen von vornherein fest, ich habe leider beide tragischerweise im Kino und auf dem Filmfest München an mir vorüberrauschen lassen). Dieser Film war eine besonders merkwürdige Überraschung, ein Rätsel.
Schon zu Beginn habe ich nach Dingen gesucht, die mir missfallen oder die mich aufregen, ganz scharf hingesehen und jedes Bild umgedreht, ich hatte das Gefühl, den Film ablehnen zu müssen. Es ist bescheuert (und immer wieder aufs Neue nutzlos), und ich weiß nicht einmal, warum. Vielleicht sah er mir zu sehr nach zusammengestyltem Indie-Hipster aus oder ich wollte nicht wahrhaben, dass auch ein solcher Film das Recht darauf hat, ein aufrichtiges Melodram zu sein und sich mit diesem Vorhaben aller für ihn verfügbaren (kleinen?) digitalen Mittel zu bemächtigen. BELLFLOWER ist ein erstaunlich unprätentiös und ungezwungen in unscheinbaren Verschachtelungen elliptisch erzähltes Provinz-Melodram in der Tiefe des glimmenden Kalifornien, fühlt sich ein bischen an wie eine zeitgenössische Variation von SOME CAME RUNNING (1959). Ich habe versucht, die Figuren von mir fernzuhalten, aber irgendwie ging es einfach nicht, ich ertappte mich dabei, wie ich sie an mich heranließ, ganz nah. Irgendwann spekulierte ich, inzwischen schon etwas lethargischer, ob das ein Melodram nach dem Melodram sein könnte, ein Nachhall einer Tragödie, von der im Film nie erzählt wird, so, als sei sie tabu. Er wurde selbst zur Tragödie, aber vielleicht, nein: vermutlich, um zu zeigen, wie er es hätte tatsächlich falsch machen können, so falsch, wie ich ihn mir verbohrterweise gewünscht hatte. Das Seltsame daran ist, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich den Film letztlich abgestoßen hätte, wenn seine dramatische Zuspitzung sich nicht am Ende in einer auf den ersten Blick Twist-artigen Manier als trotzige Dekonstruktion von Klischees des emotionalen Katastrophenfilms a là Larry Clarke und Darren Aronofsky offenbart hätte. Diese Offenbarung, verändert sie den Film tatsächlich so sehr? Diese, verglichen mit der ersten Hälfte, vermeintlich artifizielle Zuspitzung schien mir dennoch irritierend frei von Pathos, sie ist nur so surreal, wie die Situation der Figuren es vorzugeben scheint. Trotzdem ist der Film eisern: Hätte ich es so gemacht, scheint er zu brummen, hätte ich meinen Figuren die Würde vom Leib gerissen. Und diese Würde ist da, die ganze Zeit. Das ist viel – wie oft hat mich das schon an diesen amerikanischen Indie-Kleinstadttragödien abgestoßen, die forcierte Würdelosigkeit der Figuren, die sich ihren Schöpfern ergeben mussten: Da, seht, was für arme Menschen, schrien sie, und ich stellte mich sofort taub, zurecht. BELLFLOWER ist kein innerlicher Exploitationfilm dieser Art, er interessiert sich vorsichtig und ohne Sturheit für die Texturen des Schmerzes, ob sie in einem mit Blutergüssen marmorierenden Bart, einer vollgestellten Küche oder zwischen verkohlten Grashalmen in der Abendsonne schlummern. Die Inszenierung, unter einem selten organischen Einsatz des mir sonst so verhassten “Color grading”, geifert ihnen nicht nach, sondern taumelt immer etwas gedankenverloren der feinen Spur des Qualms nach, den diese Texturen nach sich ziehen. Eine “tour de force”, dieser Film, dieses Melodram. Ich wünschte nur, ich könnte ermitteln, warum ich das Gefühl habe, mich dieser abgekämpften Ergriffenheit schämen zu müssen. Ja, der Film hat mich zerschmettert – erschießen Sie mich. Merry christmas.

23.12.2011
Black Field / Mavro livadi
(Vardis Marinakis, Griechenland 2009) – 8.5/10 (22), DVD
Ein wenig mystischer Gleaze (= Gay-Sleaze) darf zum Jahresende nicht fehlen und ein queerer Nunploitation-Film aus dem derzeit irgendwie offenbar recht aufregenden Griechenland (IN THE WOODS? ATTENBERG? WASTED YOUTH?) ist natürlich eine ziemliche Bescherung / Beschangelei (= Beschenkung mit Schangel). In einem entlegenen, an den Felsen des Gebirges klebenden Kloster zwischen Nonnen als Frau verkleidet aufgewachsen, erwachen in einem Knaben ungeheure Gefühle, als ein verwundeter, markiger türkischer Soldat von den Nonnen gesundgepflegt wird. Er ist das Tor in die Welt und schließlich kann der androgyne Held nicht mehr anders, muss wehenden Schleiers mit dem verwirrenden Objekt der Begierde zu fliehen. Als die falsche Nonne nach mühsamen Annäherungs- und Ermännlichungsversuchen schließlich auf einer Lichtung von ihrem Soldaten genommen wird und die Manneskraft eingespeist bekommt, hört sie den Wald singen. Quieck!
Interim
(Jan Soldat, Deutschland 2011) – 7/10 (19), DVD
Berliner Schule-Porno. Ausbaufähig und natürlich trist.
Weekend
(Andrew Haigh, GB 2011) – 9/10 (23), DVD
Seit Jahren die erste “Schwulenromanze” (passt eigentlich nicht), die sich nicht zugeschleimt und verdreht anfühlt. Ich mag nichts schreiben, das muss reichen. Der Film ist, ich vollziehe das persönlich nach, sehr “echt”.

22.12.2011
Zwischen Himmel und Hölle / Tengoku to jigoku
(Akira Kurosawa, Japan 1963) – 7/10 (18), Kino (35mm)
“Intense, macho acting style that was often both bombastic and emotionally honest.” – ‘Trivia’ in der IMDB über Toshirô Mifune
Hobo With a Shotgun
(Jason Eisener, Kanada 2011) – n/b, DVD
Goodness, gracious, me!?!
Mit diesem Massaker schickt sich das postmoderne Nerd-”Grindhouse”-Kino an, ins Transgressive vorzustoßen. Ich fühlte mich traumatisiert. Der Film ist kaum zu ertragen.

21.12.2011
Wer ist Hanna? / Hanna
(Joe Wright, GB/D/USA 2011) – 9/10 (23), DVD
F
(Johannes Roberts, GB 2010) – 8/10 (22), DVD
The Voice / Ses
(Umit Unal, Türkei 2010) – 8/10 (21), DVD

20.12.2011
Attenberg
(Athina Rachel Tsangari, Griechenland 2010) – 9/10 (23), DVD

19.12.2011
Die verborgene Festung / Kakushi-toride no san-akunin
(Akira Kurosawa, Japan 1958) – 9/10 (22), Kino (35mm)

“Advent, Advent, ein Schmierlein brennt, erst eins dann zwei dann drei dann vier… und wenn das fünfte Schmierlein brennt, dann hast du Weihnachten verschlemmt…”
Weihnachts-Blitzkonferenz des Hofbauer-Kommandos:
18.12.2011
A Night in Nude: Salvation / Nûdo no yoru: Ai wa oshiminaku ubau
(Takashi Ishii, Japan 2010) – 9/10 (23), DVD
Der “möglicherweise verkommenste [aktuelle] Film des Jahres” suchte das Hofbauer-Kommando spät heim in Form dieser zu Beginn unter unappetitlichen Matsch- und Glitsch-Geräuschen vor sich hinmäandernden, sich dann schließlich im Schangel und in der Tragödie verlierenden Odyssee des Sleaze (Odyssleazee?), deren irritierende Bandbreite von voyeuristischem Sexploitation-Camp über Noir-Melodram bis hin zur melancholischen, trance-artigen, strahlenden und glitternden Oneironautik des von einer verträumt durch eine riesige Felsenhöhle segelnden Kamera gebannten Schlussaktes reicht. Es fehlten uns die Worte: Wo anfangen, wie beschreiben, wie preisen? “Takashi Ishii liebt den Sleaze”, schrieb verständnisvoll Alexander Karenovics im “Manifest” und in der Tat sticht seine gefühlvolle Kamera den Darstellerinnen, die sich aus den unmöglichsten Gründen ständig ausziehen müssen, unaufhörlich zwischen die Beine, lässt sie die eigenen Brüste kneten, sich räkeln und einreiben, jedoch, der Film bemüht sich auch um Verständnis und wird auf dieser Suche zugleich zum sanften Traumspiel, einer Suche nach sinnlicher Geborgenheit im niemals enden wollenden, nächtlichen Regen und der Kälte einer raffgierigen Gesellschaft, die den Sex seiner Ideale beraubt hat! Ein großer Film, eine feuchte Offenbarung, ein fiebriges Gedicht von kühler Schönheit und furchtloser Anmut! Sollte auch der Rest der Welt völlig der Sterilisierung und politisch korrekten, saubermännischen Miefigkeit anheim fallen: In Japan lebt die nach HK-Auffassung schönste Sache der Welt – Sleaze – weiter, immer weiter! Darüber hinaus scheint man dort auch die Möglichkeiten digitaler Kinematographie längst weit tiefer ausgelotet zu haben als im Rest der Welt: Könnte digitales Kino öfter das, was der anbetungswürdig digitale, berauschend schöne A NIGHT IN NUDE: SALVATION kann, die ganze elende Digitalisierung schiene bei Weitem nicht so trist und einschüchternd.
Yojimbo – Der Leibwächter / Yôjinbô
(Akira Kurosawa, Japan 1961) – 9/10 (22), Kino (35mm)
Endlich ein begeisternder Kurosawa. Als Genreversteher war er offenbar groß, als Männerversteher gleichfalls, wie sich an der vor “Duftesse” (= Aura, die ein “dufter Typ” verstrahlt) triefenden Performance von Toshiro Mifune ablesen lässt. Weit markiger (der Film verdampft sein Testosteron nur so, unfassbar) sowie m. E. weit atmosphärischer, dezent surrealer und zynischer als das berühmte Remake PER UN PUGNO DI DOLLARI. Beide Filme sind Bestandteil des redundanten Kanon, es ist daher nicht redundant, sie redundant zu vergleichen. Die ganz große, überbordende Begeisterung stellte sich bei mir auch hier nicht ein, Kurosawa scheint mir immer zu sehr gestrenger Formalist zu sein, aber in diesem Glücksfall eines nach Formalismus verlangenden Stoffes hat es mich nicht gestört.
Hardbodies
(Mark Griffiths, USA 1984) – 8/10 (16), VHS*
Die amerikanische Teenie-Sexkomödie der 70iger und 80iger war ein dem doch eher eurozentrierten Hofbauer-Kommando bisher gänzlich fremdes Tal der Freuden, doch das ergiebige Bad im spritzigen Naß dieses ungetrübten Karussells lüsterner Infantilitäten, in dem alle involvierten Personen kompromisslos auf ihren geradezu viehischen, offenbar sämtliche Hirnwindungen verknotenden Trieb und ihr knackiges (“Hardbodies” – von ihnen, seltener als von “Frauen” ist ständig die Rede) Äußeres reduziert werden, hat uns selbstverständlich ermutigt, eifrig weitere Bohrgänge in dieses scheinbar doch recht saftige Metier zu unternehmen. Ein glänzendes Beispiel für “Idioteaze” (Idioten-Sleaze). Wollte man ein Doppelprogramm mit zwei Filmen dieser Spielart zusammenstellen, böte sich Umberto Lenzis einziger amerikanischer Film NIGHTMARE BEACH (Zitat Marian: “Eine Trash-Verwöhnpackung”) an. Darüber hinaus muss konstatiert werden, dass Filme wie dieser wohl das amerikanische Pendant zum deutschen Lederhosen-Sexfilm darstellen: Hier wie dort ist das Motiv geiler Urlauber aus der Stadt, die von regionalen Kleinstadt-Womanizern mit den regionalen “Hühnern” (wie “chicks” hier in der deutschen Fassung übersetzt wurde) verkuppelt werden, handlungstreibend, der ganze Film erweckt den Eindruck eines vom Schlockstick (= schlockiger Slapstick) überwucherten “Party-Surrogats” in Filmform (für die, die nie auf Parties eingeladen werden) und er bietet schließlich sogar das genredefinierende, immer wiederkehrende Element des Lederhosen-Films auf: Männer, die über Leitern zu ihren Geliebten ins Fenster klettern! Selbstverständlich tut die deutsche Synchronfassung ihr Übriges, um die Grenzdebilität dieses angenehm wuselnden Treibens zu vervollkommnen. Es sollte belobigend erwähnt werden, dass das letzte Drittel des Films sich in seiner aggressiven Ausgelassenheit in geradezu dadaistische Höhen aufschwingt. Der außerplanmäßige 80iger-Themenabend des Hofbauer-Kommandos fand mit diesem Film ein hysterisches Ende.
Bettgeknister, Sexgeflüster / Porno lui erotica lei
(Mario Siciliano, Italien 1981) – 8/10 (18), VHS*
Schmudddelkönig Mario Siciliano scheint sich um den Status eines italienischen Jürgen Enz zu bewerben mit diesem hinterhältigen Spätwerk (Übersetzung des Originaltitels: “Porno für ihn, Erotik für sie”), einem Hardcore-Porno, der in der deutschen Fassung zum Softporno umgeschnitten wurde und so als sinnentleertes Nichts der schäbigsten, ranzigsten und tristesten Sorte einen Anblick bietet, der wohl nur von den hartgesottenen, gestählten Augen des Hofbauers-Kommandos als “liebreizend” oder “faszinierend” empfunden werden konnte. Eine Aura der Niedergeschlagenheit und Resignation liegt über diesen gräulichen Wohnzimmern und abgetakelten Lokalen, in denen verbrauchte Menschen versuchen, einen quirligen Sexreigen zu simulieren, der sich um ein ungleiches Paar dreht: Sie, ca. Mitte 40, unerquicklich sonnengebräunt und wasserstoffblond, verdient missmutig die Brötchen in einem düsteren, fensterlosen Büro in Rom während er, Anfang 30, stets in viel zu engen Slip-Badehosen, aus denen die Kronjuwelen geradezu hervorzuquellen scheinen, an der Adria umherkraxelnd, seine Zeit aufreibend mit einer Schar leichter Mädchen verlebt. Letztlich kollidieren diese unterschiedlichen Welten und er, der ölige Macho aus Überzeugung, wird von einer als goldene Weihnachtsgans betrogenen Frau und seiner wütenden Gattin entmannt. Den undurchsichtigen Gesetzen des italienischen Gossenkinos folgend, wird der lässige Superstecher in Folge dieser Kastration schwul (!!!) und zieht am Ende glücklich tuckend von dannen mit dem Ex-Liebhaber seiner Gemahlin, gespielt vom brachial schnauzbärtigen und geradezu abstoßend männlichen italienischen Pornostar Mark Shannon. Allmächtiger…
The Hard Way / Walking the Edge
(Norbert Meisel, USA 1983) – 9/10 (22), VHS*
Norbert Meisel enttäuschte das nach seinem epochal verkommenen DER ZERSTÖRER mehr als nur hoffnungsvolle Hofbauer-Kommando nicht mit diesem exquisiten Schmierlappen von einem Selbstjustiz-Reißer, der bevölkert ist von haarsträubenden Typen, siffigen In- und Exterieurs und, zumindest in der überaus kongenialen deutschen Fassung, asozialen Sprüchen (“Seid ihr jetzt endlich fertig, ihr beiden Scheißhaufen?!”). Nicht nur in den unbeholfen hingegammelten Actionszenen, sondern auch in der zart erblühenden Proll-Romanze zwischen Robert Forster und Nancy Kwan, bei Kerzenlicht, Rotwein und Fritten, gemahnt der Film in geradezu verblüffender Weise an Alexander Titus Bendas Meisterwerk MACHO MAN. Endgültig durch die Decke wird das Ganze gestoßen von der unvergleichlich dreckigen Präsenz von Joe Spinell als Kleingangster in viel zu engen Hosen und mit Schmalzmatte, sowie Jay Chattaways anbetungswürdigem, treibenden Score. Ich beginne, die 80iger mehr und mehr zu lieben.

17.12.2011
Das Schloss im Spinnwebwald / Kumonosu-jô
(Akira Kurosawa, Japan 1957) – 4/10 (12), Kino (35mm)
Theatral und trist, trocken und miefig. Hat meine negativen Bauchgefühle gegenüber Kurosawa verschärft. Auch vereinzelte Ausflüge in den Schangel und die Mystikploitation konnten das auszuzelnde Erlebnis nur geringfügig versüßen.
Die Prinzessin von Montpensier / La princesse de Montpensier
(Bertrand Tavernier, Frankreich/Deutschland 2010) – 10/10 (24), Blu-ray
Kurz vor knapp noch den vermutlich schönsten Liebesfilme des Jahrs (man wagt es ja kaum, so etwas zu schreiben) gesehen. Von der “Ehrlichkeit der Gefühle” twitterte unser verehrter Alex P. vor einem Jahr, und das trifft den Ansatz dieses nach innen gekehrten Melodrams und seiner fragilen Bilder nicht schlecht. Wieder einmal begeistert hat mich einer meiner heimlichen Lieblingsschauspieler, Lambert Wilson, dessen passive Züge ein großartiges, verstecktes Emblem des Films abgeben. Dieses Gesicht wirkt stets so, als würde es jeden Moment von Tränen überschattet zerbrechen, jedoch im Zerbrechen mit seinen Scherben alle Umstehenden töten, ohne das der Träger dieses Gesichts auch nur die kleinste Aggression in sich trüge. Als Vermittler der ehrlichen Gefühle, der selbst nicht fühlen darf und sich irgendwann im Stillen “off screen” geistig opfert, ist er in diesem Film das tragische Zentrum. Man fragt sich, warum wir in Deutschland nicht einmal einen solchen Film sehen können, warum Kostümfilme hierzulande grundsätzlich dem schäbigen Filmföderungs-Schlock anheimzufallen scheinen. DIE PRINZESSIN VON MONTPENSIER ist kein direkt beobachtender Film, aber er gibt nicht vor, mehr über seine Figuren zu wissen als sie selbst, er lässt sie, ganz einfach, entspannt und rücksichtsvoll, den filmischen Raum füllen, den er ihnen geschaffen hat.

16.12.2011
Behindert und schwul
(Simon Begemann, Deutschland 2011) – 6.5/10 (18), Kino (Digital)
Nicht ganz so gelungen und spritzig wie der erste Film des jungen Nürnberger Nachwuchstalents Simon Begemann, der delirant-dichte Toiletten-Slasher BIS ZUM LETZTEN BLATT (2010), aber wieder einmal eine filmisch erstaunlich enthusiastische und filmhistorisch kompetent aufgespritzte Orgie selbstironisch feinziselierten und doch bisweilen hintersinnig versponnenen, parodistischen Fäkal- und “Gross out”-Humors, von den Beteiligten unter Aufbietung all ihrer Künste mit einer Schamlosigkeit zum Filmklumpen verdichtet, von der sich das Gros deutscher Amateurfilmer eine große Scheibe abschneiden könnte. Allein der Humor selbst, er harrt nach Begemanns zweitem Film JEAN-CLAUDE WANDERN (2010), in dieser dritten Manifestation immer noch einer wirklichen Weiterentwicklung. Am Handwerk und dem Esprit des Regisseurs (hier in gleich zwei N

139 Antworten zu “STB Christoph”

  1. Sano on Januar 9th, 2011 at 21:39

    Scheint ja schon ein interesanter Jahresanfang bei dir geworden zu sein, und den Franco muss ich mir natürlich schnellstmöglich besorgen.

    Interessant, dass du so sehr Hernandez Langfilmdebut(?) angetzan warst. Für mich war das leicht überdurchschnittliches Hochschulgefilme mit eindeutiger Neigung Richtung Prätention (ein Fall, wo dieses Wort für mich wirklich mal passte). Ähnlich wie AMER. Vielleicht sind es ähnliche Gründe, die dich begeistern und eine Sinnlichkeit entdecken lassen. Bei mir war eher Sterilität und Ödnis gegeben. Lukas’ Text habe ich nach der Berlinalesichtung auch relativ verständnislos gelesen. Würde auch gerne ähnliches im Film entdeckt oder gesehen haben…

    Interessant auch deine Begeisterung (ich nenne es bei den tollen Bewertungen mal so) für die ersten beiden Bourne-Filme. Nachdem ich schon bei der Kinosichtung des ersten Teils angenehm überrascht gewesen war, es aber zunächst auf die Sichtung in einem großen Multiplexsaal auf einer Riesenleinwand aus der ersten Reihe geschoben hatte – ich taumelte damals mit Genickbeschwerden berauscht aus dem Kino – habe auch ich die Reihe letztes Jahr gemeinsam mit meiner Freundin und ihrer Mitbewohnerin wiederentdeckt. Ich empfand es aber in umgekehrter Reihenfole eine Steigerung von Teil 1 zu Teil 2. Gerade das unübersichtliche Schnitt-und Kameragewitter und das ständig twistende Drehbuch gefielen mir in ausgesprochen Wachem Zustand überraschenderweise äußerst gut. Im dritten Teil nutzt sich das alles aber etwas ab, und es gibt mal wieder das obligatorische amerikanische Heldenpathos am Schluss (worauf ich auch die ganze Kritikereuphorie im Vergleich zu den kühleren Stimmen der vorherigen Teile geschoben habe). Teil 3 für mich also definitiv mit Schwächen. Dennoch eine Überraschung so etwas im Hollywoodblockbusterkino des letzten Jahrzehnts zu entdecken. Und ich bin gespannt, wie du dann den dritten Teil siehst. :-)

  2. Christoph on Januar 10th, 2011 at 05:57

    Was den Hernandez betrifft (übrigens sein dritter Spielfilm), so kann ich, offen gesagt, nicht nachvollziehen, was du da schreibst – wenn sich das auf RABIOSO SOL, RABIOSO CIELO anwenden lässt, dann auch auf zahllose andere Filme, die ihre offensive Stilisierung so vor sich her tragen. Mir persönlich ist teilweise sogar schon bei Filmen von David Lynch und Guy Maddin das Wort “filmstudentisch” durch den Kopf gehuscht, bei RABIOSO SOL hingegen nie. Natürlich ist der Film stellenweise auch technisch und atmosphärisch krude, aber das habe ich eher auf den Produktionskontext zurückgeführt und gedanklich nicht weiter verfolgt. Lukas’ Text habe ich übrigens nicht nur verlinkt, weil er mir gefällt, sondern auch, weil sich viele seiner Gedanken mit den meinen überschneiden.
    Meistens kann ich dich ja zumindest nachvollziehen (die gleiche Argumentation bei AMER beispielsweise auch, ungeachtet meiner Wertschätzung des Films), aber hier stehe ich irgendwie vor einem Rätsel.
    Eine Frage: Was glaubst du, wie du den Film unter diesem Gesichtspunkt gesehen hättest, wenn er, sagen wir, vor 30 Jahren gedreht worden wäre?
    Nun ja. Ich habe einen neuen Lieblingsfilm und einen idealen Gleaze-Repräsentanten für meine Jahresliste gefunden und das reicht.

    Ja, ich bin begeistert von den Bourne-Filmen, auch von Teil 2 war ich angetan (obwohl er für mich eindeutig der schwächste der drei ist). Mein obiger Kommentar dazu ist vielleicht etwas unglücklich geraten, da er lediglich all das zusammenfasst, was mir auf die Nerven gefallen ist – die Wackelkamera bestimmt nicht, eher ihr – in Teil 2 – uninspirierter, schaler Einsatz, der mich Böses hat schwanen lassen (siehe dazu auch mein zwiederer Seitenhieb auf Greengrass). Der Showdown in Moskau und die Jagd durch Berlin sind aber trotzdem unfassbar. Der dritte Film hat es mir dann aus dem Stand so richtig besorgt als “Avantgarde im Mainstream-Actionfilm” (Alex P.) – der war hinsichtlich seiner Form tatsächlich jenes “Noch meeeehr!”, das ich mir nach Teil 2 so herbeisehnte und mit dem ich nach der hölzernen, ja, biederen Inszenierung von SUPREMACY nicht mehr zu hoffen wagte. Zwar nicht mehr als jenes “Noch meeehr!”, aber dafür wäre es ohnehin noch zu früh.
    Falls noch ein vierter Teil produziert werden sollte, hoffe ich sehr, dass der dann auch digital gedreht wird, vorzugsweise in stinknormalem HD, und zwar ohne 35mm-Adapter (und am besten doch noch von Alex Infascelli…? Man wird ja noch träumen dürfen;-). Das wäre dann schließlich die totale Erfüllung…%-)
    Kein Wunder allerdings, dass mich der Film gekriegt hat. Ein Action-Blockbuster, in dem gleich in den ersten Minuten ständig wild gezoomt wird, muss das Herz eines Zoom-Fetischisten wie mir ja höher schlagen lassen.;-)

  3. Sano on Januar 10th, 2011 at 10:54

    Ja, das ist natürlich kein Einzelfall. Aber beim Hernandez ist mir ds (leider) immer wieder negativ aufgestoßen. Wenn er vor 30 Jahren gedreht worden wäre, käme mir das ganze wahrscheinlich nicht so abgeschmackt vor. Abgesehen davon, dass ich mir diese Stilistik vor 30 Jahren auch nicht vorstellen kann. Anfang der 80er wäre daraus vermutlich ein Meisterwerk geworden. Das ist mir aber momentan alles zu gezwungen “gegenwärtig” was der Film so alles macht. Wir können uns ja privat nochmal drüber unterhalten. Hoffentlich liest Alex P. das hier jetzt nicht, klingt schon wieder nach “früher war alles besser”. ;-)

    Schon faszinierend, wie man zu drei Filmen abweichende Einschätzungen entwickeln kann. Was du beim 2ten Teil nervig fandest, hat mich dann wohl beim dritten gestört. Da hatte sich für mich die Ästhetik etwas totgelaufen. Avantgardistisches konnte ich da leider auch nichts erkennen (war aber auch in den vorigen 2 nicht der Fall). Lediglich solides Handwerk, bei dem sich ausnahmsweise jemand mal Gedanken gemacht hat. Hätte den vierten Teil auch sehr gerne in HD. Mal schauen, wann er kommt.

  4. Andreas on Januar 10th, 2011 at 12:56

    Deine Gegenwarts- und Gegenwartskino-Skepsis nimmt mitunter ja schon fast etwas erschreckende Formen an, Sano. Dagegen kommt mir meine Skepsis gegenüber dem gegenwärtigen Genrekino plötzlich sehr moderat vor, und das will was heißen… :) Kann das gerade bei RAGING SUN auch nicht so recht nachvollziehen, finde eher, dass er sich in einem ganz eigenen Universum bewegt, sehr konzentriert, expressiv, körperlich und bei aller Reduktion recht ausladend. Etwas “gezwungen gegenwärtiges” konnte ich da nicht entdecken. Im Nachhinein bedauere ich es doch ziemlich, ihn damals bei der Berlinale (obwohl ich ihn eigentlich unbedingt sehen wollte) ausgelassen zu haben, wobei es in meinem damaligen Müdigkeits-Delirium wohl auch kein geeigneter Abschlussfilm gewesen wäre.

    Den dritten Bourne-Film kenne ich noch nicht, an den zweiten habe ich seltsamerweise viel verblasstere Erinnerungen als an den ersten (beide damals im Kino gesehen und seitdem nicht mehr). Sollte vielleicht auch mal ein Triple-Feature einlegen. Weiß aber nicht, ob euer Wunsch nach HD beim vierten Film wirklich zum gewünschten Ergebnis führen würde. Da müsste schon ein Visionär wie Michael Mann ans Werk (vielleicht gar keine schlechte Idee), ansonsten ist wohl nicht ohne Grund auffällig, dass die Actionfilmer der Gegenwart noch stark auf 35mm setzen, egal ob nun ein Tony Scott (oder Michael Bay) oder Hongkong-Spezialisten wie Johnnie To oder Dante Lam. Gerade schnelle Bewegungen sind (zumindest momentan) nicht unbedingt ein Aushängeschild von HD, und Zooms machen digital auch nicht so wirklich Spaß (schaut euch CYRUS an, der demonstriert sehr anschaulich, wie unerbaulich “ständige wilde Zooms” dann im digitalen Gewand daher kommen). Da scheint mir gerade Scotts Vorgehen des reuelosen digitalen Nachbearbeitens und Verfremdens des analogen Materials die reizvollere Reibungsfläche zwischen Materialität und Flüchtigkeit zu ergeben.

    THE FOG habe ich glaube ich nur dreimal komplett gesehen. Beim ersten Mal in früher Jugend war’s eher unspektakulär, später dann beim nächtlichen Reinzappen im TV plötzlich als äußerst gruselig empfunden und daraufhin bei der Zweitsichtung deutlich mehr Gefallen daran gefunden, und dann 2009 im Kino völlig hingerissen gewesen von Carpenters Bildern und Raum-Kompositionen. Vermutlich hat der Film seine Schwächen, aber er ist eine so perfekte Entsprechung des (etwas zur Phrase gewordenen) Ausdrucks “atmosphärisch dicht”, dass zumindest mir alles andere egal wird. Zusammen mit ASSAULT mein Lieblings-Carpenter.

    Ansonsten super, dass es bei dir mit den Kommentaren so bewundernswert regelmäßig klappt, Christoph. Alles gerne gelesen – hoffentlich geht’s so weiter! Nur beim zweiten BOURNE-Film und bei EIN KOMISCHER HEILIGER verwundert die Diskrepanz zwischen den hohen Wertungen und den sich (in ihrem Fokus auf die negativen Aspekte) wie Verrisse lesenden Kommentaren doch etwas. Vielleicht muss man die Wertung als Zurechtrückung des zwangsläufig nur auf manche Aspekte eingehen könnenden Kurzkommentars sehen (und umgekehrt), aber wenn der Fokus so eindeutig auf Kritikpunkten liegt, wird’s schon etwas seltsam. Umgekehrt schiene es am unteren Ende der Skala schließlich undenkbar, bei einem 3/10-Film einen ausschließlich positive Dinge feiernden Kommentar zu finden. Vermute ich jedenfalls. Obwohl du dich mal als “optimistischen Cineasten” bezeichnet hast, ist das Glas bei dir trotz aller großzügigen Wertungen dann doch oft eher halbleer (sprich: häufig dominiert scheinbar die Enttäuschung darüber, dass bestimmte Filme noch besser hätten sein können, sollen, müssen, während für mich trotz vglw. strenger Wertungen immer eher die Freude über das, was da ist, im Vordergrund steht und eben gerade – entgegen deiner Vorwürfe – *nicht* die Enttäuschung über vermeintliche nicht erfüllte Perfektions-Ansprüche). Aber das nur am Rande. :)

    Und ein bisschen Neid – statt Verblendungs-Vorwürfen, wie ich sie mir bei umgekehrter Konstellation vielleicht anhören hätte dürfen ;) – wegen der U-BAHN-123-Euphorie, so toll hätte ich den Film auch gerne gefunden, hat mich aber leider weder als Kinoerlebnis, noch als US-Genrefilm der 70ern (da gibt’s in der Tat tolle Sachen, die mir teilweise dann auch deutlich mehr geben) vergleichbar vom Hocker gerissen.

  5. Christoph on Januar 11th, 2011 at 04:48

    @ Sano:

    Würde Andi auch zustimmen, kann zum einen überhaupt nicht erkennen, was an RAGING SUN “gezwungen gegenwärtig” sein soll und zum anderen ist mir auch spanisch, was genau für ein Problem du mit dem Gegenwartskino hast. Ist es dir also einfach nicht “genuin” genug? Das könnte ich noch verstehen, da es mir durchaus oft ähnlich geht. Ich beschwere mich ja auch des Öfteren, aber nicht so massiv intentionalistisch. Und ich erinnere mich, dass wir uns vor etwa drei Jahren einmal über dieses Thema unterhielten und du auf eine zweifelende Bemerkung (a là “früher war alles besser”) von mir hin meintest, dass deinem Empfinden nach noch nie soviele tolle und interessante Filme gedreht wurden wie in den letzten Jahren.
    Hat sich dein diesbezügliches Empfinden also im Verlauf der letzten drei Jahre gravierend verändert??

    @ Materialschangel-Andi:

    Doch doch, mir ist schon klar, warum die drei Bourne-Filme nicht digital gedreht wurden – aber vielleicht will ich ja genau das: Digitale Zooms, digitales Kameragewackel, NOCH MEHR Entkörperlichung im kantigen Zerfließen und Vermatschen der Pixel, die bei dieser Geschwindigkeit nicht mehr mitkommen. Verstehe deinen Kommentar nicht ganz, du weißt doch, dass du mich prinzipiell auf deiner Seite hast in diesen Dingen und über die Defizite des digitalen Kinos im Bilde bin – erinnerst du dich noch, wie ich nach ENTER THE VOID meinte, dass es ein Glück sei, diesen Film von 35mm und nicht digital gesehen zu haben, da man sonst unter akuten Kopfschmerzen gelitten hätte?

    Zu THE FOG: Wenn es jemals einen Horrorfilm gegeben hat, der das in der Tat leider stark abgegriffene Prädikat “atmospärisch dicht” verdient hat, dann diesen. Obwohl ich wieder kurz vor den Freudentränen war angesichts der filmischen Reize, haben mich allerdings dieses Mal vor allem die Charaktere fasziniert und Carpenters geradezu unheimliche Fähigkeit, für diese Charaktere eine Vergangenheit visuell, bzw. atmosphärisch zu implizieren, auf die nicht einmal im Dialog Hinweise zu finden sind. Total sublim und eine Facette, die mir bei Carpenter bisher sonst nur bei THE THING aufgefallen ist – bezeichnenderweise der letzte Carpenter, den ich davor gesehen habe. Muss mir jetzt alles erneut zu Gemüte führen und die Lücken schließen, die ich noch habe (bin natürlich nach euren Schwärmereien sehr scharf auf MÄCHTE DES WAHNSINNS). Was übrigens die Raum-Inszenierung angeht: Mein Vergleich zwischen Dean Cundey und Freddie Young kam natürlich nicht von ungefähr. Suuper! ;-)

    Das Glas ist bei mir fast immer halbvoll (meiner Selbstwahrnehmung nach zumindest) und doch, man kann mich mitunter auch vermeintlich von Filmen “schwärmen” hören, die ich eigentlich nur mäßig fand. Wenn sich allerdings die Ultra-Gurke offenbart, ist es damit in der Tat meist vorbei, aber wie du ja weißt, offenbaren sich mir nur vergleichsweise selten Ultra-Gurken.
    An EIN KOMISCHER HEILIGER fand ich vieles ziemlich faszinierend, alleine schon Lemkes Gespür dafür, das Abseitige eines Zeitgeistes einzufangen (welches er bis heute nicht verloren hat, siehe SCHMUTZIGER SÜDEN) und wie dieser Zeitgeist im Falle des HEILIGEN seinen Weg ranzig-rustikal auf die Leinwand findet. Aber die Kretschmer sticht einfach alles aus und fegt teilweise das sporadische Desinteresse der Regie und die Schimmelstellen im Drehbuch einfach hinweg. Der obige Kommentar verleiht eher meiner generellen Unzufriedenheit mit meiner Lemke-Erfahrung Ausdruck und bezieht sich nicht direkt auf den Film an sich.

    Vielleicht ist das daher wirklich alles irreführend und ich sollte eventuell eine “Einführung” in meine STB-Welt verfassen, in der ich gleich offenbare, wie das bei mir läuft. Es kommt nicht eben selten vor, dass ich über einen Film lästere, der mir eigentlich sehr gemundet hat – vielleicht hake ich in Gedanken die Qualitäten einfach mit “gebongt” ab und stürze mich sofort auf die Ecken und Kanten, auf denen ich doch eigentlich immer so bestehe und deren Fehlen – wenn sie einem Film denn mal fehlen – ich auch sofort und mit, auf lange Sicht, großer Nachhaltigkeit kritisiere. Im Falle des “komischen Heiligen” schreibe ich aber doch, wie Cleo Kretschmer den Film unter ihrer Fuchtel hat und wie sehr mir das gefallen hat – oder nicht?

    Wie schon anderorts von anderen geschrieben: Das sind ja auch wirklich nur Sehtagebuch-Kurzkommentare und keine Rezensionen.;-) Wir sollten uns bei Gelegenheit nochmal persönlich darüber austauschen – vor allem das mit den Perfektions-Ansprüchen und so. Grundsätzlich passiert es mir aber beinahe nie, dass ein Film bei mir an einer Erwartungshaltung, die ich im Vorfeld hatte, scheitert (zuletzt bei MATALO – und sieh mal an, wie ich mit dem dann doch umgesprungen bin^^). Wohl aber, dass ein Film die Erwartungen, die er in mir noch *während* der Sichtung konkret geweckt hat, nicht erfüllen kann. THE BOURNE SUPREMACY war so ein Fall. Allerdings geschieht auch das inzwischen seltener, da ich ja nicht nur für stilistische Heterogenität, sondern auch für dramaturgische / strukturelle zu haben bin.

    Kein Kommentar zur 123-Rezeption. Da war ich wohl besonders esoterisch und schwurbelig – obwohl ich ehrlich gesagt aufgrund unserer häufigen Geschmacks-Telepathie in Sachen 70iger-Genrekino doch damit gerechnet hatte, dass sich dir auch die Ultrakunst offenbart.

  6. Sano on Januar 11th, 2011 at 12:31

    Das genuine fehlt mir in der Tat immer wieder, da alles irgendwie als Zitat erscheint, aber als Zitat auf etwas was ja selbst einmal Zitat war. Vielleicht meine ich mit “gezwungen gegenwärtig” genau das: keiner traut sich seine eigene (Film)Welt aufzubauen, sondern will zeigen, was er nicht alles kennt (an Stilistiken, Techniken, etc.) nur ohne ein wirkliches filmhistorisches Bewusstsein das für mich heißt: Tarr, Tsai, oder wen ich gerade toll finde, haben auch nur weiterentwickelt was andere Leute zuvor ihnen beigebracht haben. Die sind nicht aus dem Nichts gekommen, genauso wie man selbst das auch nicht tut. “Raging Sun, Raging Sky” fand ich dabei wie z.B. Tarantinos “Inglorious Basterd” nicht ernsthaft genug. Sind für mich heutzutage oft recycelte Bilder, die sich ihres recyclings nichtmal wirklich bewusst sind (Tarantino recycelt sich für mich inzwischen fast schon selbst…). Mir fehlt das Bewusstsein für die Ursprünge. Kino gibt es nicht erst seit 30 Jahren! Und Hernandez Film will für mich mehr als er erreichen kann (daher vieles Behauptung, und das p-Wort). Der Film ist für mich einfach überambitioniert, und zerfällt dadurch in seine Bestandteile. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass ich die Thematik und Stilistik prinzipiell großartig fand, also von der Idee ausgehend Feuer und Flamme für diesen Film bin. Aber das Resultat ist mir einfach zu billig. Ist ungefähr wie Tom Tykwers “Drei” den ich gestern im Kino gesehen habe (ja, bisher sein schlechtester Film): zu unpersönlich, abstrakt, eher eine Versuchsanordnung als ein Geständnis. Und von RAGING SUN RAGING SKY hätte ich mir bei der Herangehensweise eine Ausbreitung der Seele des Regisseurs gewünscht, und nicht lediglich eine Spiegelung. Der Film und die Leute und die Ästhetik und alles war mir zum Beispiel auch nicht dreckig genug!! Alles wie in einem Hochglanzmagazin mit perfekten Männerkörpern. Bäh! Dann lieber Michael Bay.

    Wie gesagt fand ich den Film als Ganzes aber in Ordnung: 50% für die Verheisungen und 10% für die Art ihrer Erfüllung. ;-)

    PS: Das mit den vielen tollen gegenwärtigen Filmen war dann ja auch vor 3 Jahren, und nicht jetzt. ;-) Aber wahrscheinlich wollte ich einfach deinem (damals?) ewigen Gestänker über das miese Hollywoodkino was entgegensetzen, was sich dann mit Robert Ford und Co. ja gelegt hat. Im Grunde sind wir uns aber denke ich meist immer noch einig, wenn es heißt früher war alles besser! :-)

  7. Mr. Vincent Vega on Januar 18th, 2011 at 00:57

    Re: Karmakar

    Sehr schöne, sinnliche, innehaltende Momentaufnahme zwischen Ruhe und Bewegung.

    Kann dir nur (nochmal) wärmstens die brillanten Dokumentarfilme von Harun Farocki ans Herz legen, die dürften dir gefallen.

    PS: Wieso steht sowas nicht in der imdb/ofdb?

  8. Christoph on Januar 18th, 2011 at 02:00

    Ja, an Farocki muss ich mich auch endlich mal heranwagen. Ich futtere mich durch diese deutschen Grenzerfahrungen eben nur langsam, aber mit Genuss. Außer bei Straub und Huillet. Da ist der Ofen wirklich ganz kalt und aus und die Hose leer, auch wenn Sano noch so oft meint, dass bei den beiden “die Leinwand glüht”.

    Ich nehme an, dass Karmakars Meiiiisteeeerweeerk nicht in der OFDB oder der IMDB steht, weil keiner sich darum kümmert, es einzutragen. In die OFDB werde ich ihn vielleicht mal eintragen, da ist das ja kurz und schmerzlos machbar – Filme in die IMDB einzutragen ist hingegen die Ultra-Folter, unfassbar zeitaufwendig, nervig und daher nichts, worauf ich sonderlich scharf bin. Habe das bisher drei mal getan (gestern zum letzten Mal, mit Marran Gosovs SABINE 18, nachdem ich feststellen musste, das nicht einer von Gosovs brillanten Kurzfilmen in der IMDB vertreten ist) und keinerlei Lust, es noch wesentlich öfter zu tun. Habe der IMDB und der OFDB ohnehin schon so unendlich viele essentielle Updates fehlerhafter und Einträge nicht vorhandener Informationen beschert… Wenn das vergütet würde…

  9. Mr. Vincent Vega on Januar 18th, 2011 at 02:09

    Ja, ich weiß was du meinst, finde das in der Regel auch lästig (am Schlimmsten bei Moviepilot). Verzichte auf sowas mittlerweile auch (außer bei der ofdb, die wirklich sehr benutzerfreundlich, aber dadurch auch fehleranfällig ist).

    Straub und Huillet klang und klingt für mich seit jeher ultra abschreckend.

    Guckst du eigentlich Dschungelcamp? DAS ist die Ultrakunst aller Ultrakünste. Seit das wieder ausgestrahlt wird läuft mein Hosenschlitz Amok.

  10. Sano on Januar 21st, 2011 at 18:23

    Hehe, jetzt gibt es wohl auch bei dir keine Ausreden mehr. Shyamalan ist eben die Ultrakunst! :-)

    Dank an dieser Stelle auch nochmal an Alex P., dessen Shyamalaninfizierung mich endlich zum (weider)sehen weiterer Filme des Herrn S. geführt hat (und auch an meine Freundin, die sich 2 Shyamalanfilme mit mir angesehen hat, und sie ebenfalls toll fand).

    Bei Shyamalan fühle ich mich im gegenwärtigen Hollywoodblockbusterkino verstanden, wie sonst nur bei Michael Mann . :-D

  11. Christoph on Januar 22nd, 2011 at 05:38

    Ausreden? Wieso das denn? Erinnerst du dich nicht mehr an THE HAPPENING? *zwinkerzwinker*
    Ob Shyamalan an sich die Ultrakunst ist, wird sich auch noch herausstellen. Meine Erinnerungen an THE SIXTH SENSE bewegen sich nach wie vor auf dem schlammigen Grund des Schlocks und vor SIGNS graut mir irgendwie etwas.

    Dass du dich bei Shyamalan intellektuell verstanden fühlst, ist ja klar – sind ja auch keine Blockbuster, wenn wir mal ganz ehrlich sind, gell? UNBREAKABLE könnte ja eigentlich formal fast schon ein französischer Arthouse-Thriller sein (darunter kannst du dir ja vielleicht etwas vorstellen), wenn man die uramerikanischen Themen einmal außen vor lässt. Ich war relativ fassungslos darüber, wie elliptisch, p. und sperrig der Film eigentlich ist – dass das vor gerade mal 10 Jahren eine große und erfolgreiche Studioproduktion war… unfassbar. Und auch beunruhigend. Damals war Shymalan ja der totale Hype, so wie heute eben Christopher Nolan. Es wird böse enden…

    Und Michael Mann… Na ja. Mal sehen. Bisher sehe ich da vor allem tendenziell trashige Männerverstehungen mit Hang zum mythischen Eso-Schlonz – also fast das gleiche wie in UNBREAKABLE, nur in plakativ. Vielleicht wird mich bei Mann ja wenigstens der visuelle Schangel begeistern…

  12. Mr. Vincent Vega on Januar 22nd, 2011 at 18:31

    Michael Mann ist schon sehr plakativ, ja. Aber das gilt auch uneingeschränkt für die indisch-amerikanische Lightversion von Hitchcock. UNBREAKABLE zählt zwar noch zu seinen verhältnismäßg interessanteren Filmen, aber gerade diese sich unendlich geil vorkommende sperrig-mysteriöse-total-unmainstreamige Haltung, die natürlich reinster Prätention entspringt, fand ich in Kombination mit dem letztlich doch sehr banal aufgelösten Comicdekonstruktivismus überaus unangenehm und wichtigtuerisch. In Relation zu den möchtegernsubversiven Arthaus-Mainstream-Ellipsen-Vorführfilmchen für selbstbesoffene Studenten Marke THE VILLAGE oder dem weitreichend von intellektuellen Filmmonstern zurechtgeschwurbelten THE HAPPENING – und nicht zu vergessen das hochnotpeinliche Meta-Märchen LADY IN THE WATER – ist UNBREAKABLE aber noch relativ erträglich, ja. Einen sehr guten gradlinigen Genrefilm hat Shyamalan mit SIGNS sogar tatsächlich auch hinbekommen, da standen die Sterne wohl mal zufällig ganz gut. Aber selbst der ist nicht frei von himmelschreiend plumpen Ansprachen vor der Filmgeschichte und einem Hochhinauswollen-Gestus, der mittelschwere Gesichtspickel verursacht. Nun ja, ich will euch euer Wunderkind gern für euch lassen, aber bitte passt auf: M. Night muss pünktlich um 8 Uhr schlafen gehen und darf das Zähneputzen nicht vergessen!

  13. Christoph on Januar 22nd, 2011 at 21:01

    Ach, du. Hab mich schon gewundert, wo dein obligatorischer Shyamalan- und Shyamalanisten-Diss bleibt. Und da ist er auch schon. Na ja – kenn ich ja alles schon von dir. Nichts neues an der Rajko-Front. Ich verstehe gar nicht, warum du dich ausgerechnet auf Shyamalan so eingeschossen hast – der ist doch total harmlos und nur weil er mit Erzähltechniken und Stilistiken arbeitet, die aus dem Zeitgeistfenster fallen, ist er auch noch nicht gleich prätentiös.

  14. Mr. Vincent Vega on Januar 23rd, 2011 at 05:08

    Er fällt ja gerade eben nicht aus dem “Zeitgeistfenster”, er ist genauso – Achtung, McK-Terminus – neo-p. wie Aronofsky und all die anderen postmodernen Filmfreaks mit ihrer Mikrometadialektik. Wäre ja schon, wenn’s anders wäre. Und genau deshalb prophezeie ich auch, dass Shyamalan die Zeit nicht überdauern, man sich nicht an ihn erinnern und er auch nie als verkanntes Genie gefeiert werden wird. So.

  15. Mr. Vincent Vega on Januar 23rd, 2011 at 05:17

    1. PS. – Martin Scorsese hat mit SHUTTER ISLAND gezeigt, wie man Erzähltechniken auf einem hohen reflexiven, anmutigen und trotzdem stringenten, also doppelbödigen, Niveau bricht, mit ihnen spielt, sie auswechselt und katalysiert. Das in Kombination mit einem hohen filmgeschichtlichen Wissen und VERSTÄNDNIS, eigener Handschrift, spielerischem Können und formaler Komplexität ist Ultrakunst – nicht der ostentative Shyamalan-Kindergarten.

    2. PS. – Schöne Worte zu BLACK SWAN, bin erleichtert, dass du den Film durchschaut und entsprechend unaufgeregt bissig abgewatscht hast.

  16. Sano on Januar 23rd, 2011 at 10:51

    @ Rajko

    Sorry, aber Scorsese ist mir mit dem verschwurbelten Shutter Island im Endeffekt doch zu plump und durchschaubar . Da ziehe ich den geradlinigen Nolan oder Shyamalan schon vor.

    @ Christoph

    Lustiger Text für den Arronofsky. Und am Ende noch mal kurz verlinken wo er alles klaut. Bei diesem Film scheint er ja wirklich alles aus anderen Filmen zu übernehmen, ohne viel Verständnis für Eigenes das man daraus entwickeln könnte.
    Hab den Film auch gestern im Kino mit meinen Eltern geguckt. DIe beiden fanden ihn so lala, und ich auch. In den ersten eineinhalb Stunden hab ich mich meist gelangweilt. Die letzten 20 Minuten fand ich vergleichsweise toll. Da passiert ja dann tatsächlich mal was. Prätentiös oder gewollt würde ich den Film aber nicht nennen. Wo da jemand was gewollt hat, ist mir nicht wirklich klar. Im Film ist ja meistens nix los. An der Oberfläche nicht viel, und im nichtvorhandenen Subtext auch nicht. Ist ja ein ganz nettes mit der Kamera begleiten eines verklemmten Mädchens mit Psychose, also eher so in Richtung Dokumentarfilmstudie mit Schauspielerin, aber außer über diese eine Person, hat der Film nicht viel zu erzählen. Und die Hauptfigur ist ja recht simpel gestrickt. Hat halt lange Zeit viel unterdrückt, und bekommt schizoide Zustände. Das mit dem Gesichtsnahen Kameragewackel hab ich übrigens letztes Jahr mit Andi auf dem FFF auch wesentlich besser gesehen: Apan von Jesper Ganslandt.

    Also für mich war das ein leicht zugänglicher relativ unangestrengter Hollywoodfilm, der so in etwa ne 5/10 verdient hätte. Kann man sich ruhig anschauen, wenn man nichts besseres zu tun hat. Natalie Portman fand ich übrigens auch ok. Was sie aus der nichtvorhandenentiefe des Charakters rausholt ist eben nicht viel. Sie ist halt nicht Mickey Rourke, aber wer ist das schon?

    Und ich muss echt sagen, wenn alle US-Mainstreamfilme so wären wie Black Swan, oder Inception, oder so Zeug eben, würde ich öfters für einen angenehmen und entspannten Abend ins Multiplex gehen. Die Regie war da schon besser als bei Austin Powers, Agent Cody Banks, oder Cats and Dogs, und dem restlichen gelangweile, was man formal sonst so zu sehen bekommt. Bei Arronofsky und auch Nolan habe ich das Gefühl, da interessiert sich jemand für Filme und Kino und auch (teilweise) für Filmgeschichte. Und wenn sie auch nicht immer viel damit anzufangen wissen, ist das doch immerhin etwas.

    Diese ganzen Enttäuschungen und Bashings kann ich nur im Kontext des ganzen Hypes nachvollziehen – und klar ist man dann enttäuscht, wenn man feststellt, dass Arronofsky und Nolan und Fincher und Anderson, und etc. eben keine Visionäre oder sonstwas super-ultra-megatolles sind, sondern gute Regisseure, die die oft interessante Dinge machen. War in etwa so wie Enter the Void. der war ja auch ganz ok, so ein guter Film eben. Nicht besonders originell oder so – das muss aber auch gar nicht sein. Da ist man (ich sicher auch) oft von einer Erwartungshaltung geprägt.

    Und im Endeffekt hat da jeder andere Geschmäcker. Wenn für mich Michael Mann und Shyamalan großartig sind, sinds für jemand anderen halt Arronofsky und Fincher, und für den dritten Bay und Emmerich. Hab mir zuletzt 10000 B.C. von Emmerich angeschaut, und da war die deutsche Synchro auch nicht schlechter als in Black Swan, und den Film fand ich vielleicht sogar einen Tick besser. Sind ja alles ganz kompetente Leute, im Endeffekt. :-)

  17. Alexander P. on Januar 28th, 2011 at 00:41

    Wo ihr bei BLACK SWAN abgesehen vom “Kameragewackel” Realismus oder gar “so etwas wie eine Dokumentarfilmstudie” wahrgenommen haben wollt, musst ihr mir bei Gelegenheit mal erklären. ^^

  18. Sano on Januar 28th, 2011 at 01:22

    Naja, Aronofsky zeigt und begleitet ja von Anfang bis Ende eine Frau mit Psychose. Dass sie zumindest unter einem enormen psychischen Druck steht, ist dann für mich eben schon nach den ersten Minuten durch die Kameraführung lesbar, die auch bis zum Schluss (meines Erinnerns nach) nie den “Blickwinkel” von Portmans Charakter verlässt, und diese ja in allen möglichen Situationen immer “eingesperrt” zeigt. Es gibt keine ENtspannung für die Figur, keine Flucht aus ihr heraus.

    Wie das visuell inszeniert wird, (Stichwort Kameragewackel) ist dann für mich dokumentarisch im Sinne eines direct cinema. Bei der Figur sein, und bei/in ihrer Psyche. Der zweite Ansatz ist im klassischen Dokumentarfilm nicht möglich, bei neueren Entwicklungen jedoch schon. Ich finde Aronofsky interpretiert nicht viel, sondern beobachtet. Daher wirkt der Film für mich auch eher platt, da er (für mich!) ja einer Schauspielerin beim erarbeiten und nachfühlen ihrer Figur zusieht. Und diese Schauspielerin holt aus der Figur nicht viel raus (oder jedenfalls für mich nichts besonderes). Und Realismus im FIlm ist ja immer auch Stilisierung. Hier eben die Stilisierung die einer “normalen” Darstellung einer psychischen Störung meiner Empfindung nach nahe kommt.

    Das ist für mich der Hauptgrund, warum der Film nur guter Durchschnitt ist. Er ist eben kein Dokumentarfilm, und es gelingt ihm mit seinen Mitteln bei mir nicht, dass mich das dargestellte interessiert, fasziniert, schockiert, oder was auch immer. Und ich hatte nicht das Gefühl, dass Aronofsky mehr als das wollte. Und bei mir entstand auch wenig eigenes.

    War dann also für mich ein ganz okayer normaler Film. Als normal eben bezogen auf die Darstellung seines Themas. So ne Art Pendant zum “Wrestler”, nur eben ohne wirkliches soziales Milieu (da wir ja bei Portman bleiben, die eben stark gestört ist), und ohne einen Schauspieler vom Kaliber eines Mickey Rourke. Was dann bleibt ist eben etwas dürftig, da mich z.B. die Regie von Aronofsky in seinen letzten Drei Filmen nicht von Hocker gerissen hat. Ein guter Handwerker ohne Visionen klingt abgeschmackt, also sage ich mal (vielleicht präziser): jemand der für eine Vision Arbeitet, und bei gutem handwerk als Ergebnis ankommt. Gutes Handwerk sollte aber die grundlage für Visionäres sein (siehe z.b. Frankenheimer), und eben nicht anders herum. Fincher z.B. bewegt sich bei “Sieben” m.Meinung nach auch Resultatmäßig im guten Handwerk, dass dann 10 Jahre später bei “Zodiac” schon zu etwas “visionärem” wird, – etwas dass ich ganz profan auch als singulären Ausdruck bezeichnen würde. Also das Potential zu “besseren” Filmen hat Aronofsky für mich schon zur Genüge unter Beweis gestellt. Wird halt Zeit, dass er was damit macht.

    Wie fandst du den Film eigentlich. Ich fand z.B. auch zusätzlich das Zitat von Christoph an anderer Stelle sehr nachvollziehbar, als er in etwa schrieb, Aronofsky beschäftigt das “Mysterium” Frau, das er nicht zu fassen kriegt. Also ne Frauenverstehung aus Patriarchalischer Sicht. Aber zur Verteidigung Aronofskys ist das ja auch das thema des Films: Portman ist ja total verklemmt, und wird von allen Personen um sie herum beherrscht. Emanzipierte Figuren gibt es im ganzen Film nicht, nur Mila Kunis als halbwegs ausgeglichenes “Dummchen”. Spiegelt also auch ganz gut unsere (reaktionäre) Umwelt wieder. Kann mir also auch total vorstellen, dass sich viele Frauen mit ähnlichem sozialen Hintergrund wie Portmans Figur von diesem Film angesprochen fühlen, da sie in ihrem Alltag ja genügend ähnlich “gefordert” werden oder in dem Alter wurden.

  19. Lukas on Januar 28th, 2011 at 11:04

    ist der Aronofsky-Text direkt aus Zitaten zusammengesetzt oder lediglich anderen Texten frei nachempfunden? Gefällt mir gut, so oder so (der Text, den Film habe ich noch nicht gesehen, ich fürchte ja, dass ich den ähnlich bewerten werde…)

  20. Christoph on Januar 28th, 2011 at 16:43

    Anderen Texten zu anderen Filmen frei nachempfunden. Ich habe davor fast überhaupt nichts zu dem Film gelesen sondern einfach gemutmaßt, dass ich auf solche Texte stoßen würde. Was sich dann beim Lesen quer durchs deutschsprachige Netz leider auch bewahrheitet hat.
    Ich glaube, man kann sich einen Gefallen tun, indem man BLACK SWAN einfach von vornherein als Trashfilm wahrnimmt (den er zweifellos hergibt). Habe ich leider nicht, aber einige Texte deuten an, dass man damit nicht schlecht beraten ist, wie z. B. Simon Rothöhlers oder einige OFDB-Reviews. Vielleicht reicht aber auch schon ein Blick in den Filmthread bei Cinefacts, um sofort in die richtige “Stimmung” zu kommen…

    @ Alex P:

    Also ich habe in dem Film keine Dokumentarfilmstudie und keinen Realismus gesehen und doch auch nichts dergleichen geschrieben, oder? Das war Sano. ;-)

  21. Mr. Vincent Vega on Januar 28th, 2011 at 19:57

    Es ist eingetreten, was ich, auch dir gegenüber, schon mehrfach prophezeite: Du knickst früher oder später auch bei Godard ein. Hihi.

    Aber auch schade.

    Bei der nächsten Sichtung von LE MEPRIS offenbart sich dir bestimmt auch da die Ultrakunst.

  22. Christoph on Januar 29th, 2011 at 03:10

    Da du anscheinend schreiben kannst und dich auf meinen Kommentar beziehst, wirst du ja sicher auch lesen können. Da oben steht keine Lobeshymne sondern ein durchaus *auch* reservierter Kommentar mit deutlichen Zugeständnissen.
    Wie üblich bei dir hast du das natürlich in deiner chronischen Abneigung gegen alles Ambivalente, Unentschlossene und generell Zwiespältige aber natürlich hinwegplakativiert, du schwarzweiße Zicke.
    NOTRE MUSIQUE hat mich auch dieses Mal unfassbar genervt und aufgeregt aus den altbekannten Gründen, aber ich müsste lügen, wenn ich nicht eingestehen würde, dass mich der Film inspiriert hat, ich einiges an ihm ausgesprochen faszinierend und stimulierend empfunden habe und von seinem Konzept angetan war. Manchmal reicht auch schon eine Idee oder ein Konzept. Mehr finde ich bei Godard, neben seinen fast grundsätzlich schangelaffinen visuellen Ideen, auch meist nicht, für mich. Aber du erinnerst dich vielleicht auch noch daran (offenbar nicht?), dass ich schon vor drei Jahren NUMERO DEUX suuuupeeeer fand und schon immer eine Schwäche (ja, wirklich genau das: Eine *Schwäche*) für die Prätentionsatombombe WEEK END hatte. Ich wäre dann also damals schon eingeknickt. Und aus LE MEPRIS, diesem hochgradig verabscheuungswürdigen, dickflüssigen Spermafaden der totalen Cinewichserei, wird sich mir bestimmt nie die Ultrakunst offenbaren, alleine schon aufgrund der Übelkeit verursachenden, abstrakten Misogynie und der egozentrischen Frigidität, die der Film ausstrahlt und die NOTRE MUSIQUE so nicht mehr hat. Meine Sichtung von LE MEPRIS liegt bei weitem nicht so lang zurück wie meine Erstsichtung von NOTRE MUSIQUE. Soll heißen: Ich vertraue meinem Urteil über den Film wesentlich mehr.
    Und schade ist da nichts dran, wenn man genug Stärke hat, seinem Hassregisseur auch gegenüber solchen Trutschen wie dir Qualitäten anzuerkennen, die man früher nicht sehen wollte. Wenn ich von meinem gewohnten Weg abweiche, offenbare ich also Schwäche – das Prinzip der Hackordnung, glaube ich. Als ob ich, cineastisch gesehen, so schrecklich unstet wäre.
    Ach Gaysha, manchmal möchte ich dich wirklich mit dem Kopf in eine volle Teekanne tunken.

  23. korken on Januar 29th, 2011 at 13:29

    Beim “BLACK SWAN”-Text rollte ich lachend auf dem Boden. Danke!

  24. Björni on Januar 29th, 2011 at 13:47

    Abstrakte Misogynie!!!

  25. Mr. Vincent Vega on Januar 29th, 2011 at 19:03

    “Ach Gaysha, manchmal möchte ich dich wirklich mit dem Kopf in eine volle Teekanne tunken.”

    Weil du dich ewig zum missverstandenen Cinekind, das im Sandkasten außen links sitzen muss, hochstilisieren und jede noch so kleine Spatzenspitze mit Elefantenkanonen kontern wirst. Relax, take it easy. Wer austeilt, muss auch einstecken, mein kleiner Rain Man. Küsschen.

    Wann folgen eigentlich weitere Shyamalan-(Wieder)Sichtungen? Bin schon ganz heiß drauf. :D

  26. Christoph on Januar 30th, 2011 at 07:59

    @ korken:

    Wunderbar, dann hatte er ja sogar den gewünschten Effekt. Ich hatte schon befürchtet, es wäre nicht plakativ genug. ;-)

    @ Plani:

    Ja, manchmal offenbart sich Misogynie in Filmen auch unverhofft abstrakt, wenn der Regisseur in oneironautischer Selbstsicherheit glaubt, mit der Kraft seiner Gedanken alles Böse bannen zu können. So wie z. B. Godard, der leider schon ein ziemlich eigennütziger Moralist ist. Wobei du das als Ultra-Godardist sicherlich anders siehst.
    Und WTF – DU liest MEIN Sehtagebuch?! :shock:

    @ VV, the neuter:

    Ich sollte deinen Kindergarten wirklich nicht so ernstnehmen, du hast recht. Das ist mein grundsätzlicher Fehler. Ich verschwende zuviel Energie auf Äußerungen, die du einfach mal so eben lapidar hinknallst, am Ende auch oft nur, um den zartfühlenden Bären zu reizen. Animal cruelty nennt man das in England.
    Weitere Shyamalan-Sichtungen sind angedacht, demnächst gebe ich mir wahrscheinlich endlich THE VILLAGE und dann, je nach Lust oder Frust, u. U. vielleicht auch noch SIGNS und LADY IN THE WATER. Allerdings befürchte ich, dass die ausfüllende Offenbarung von UNBREAKABLE nicht wiederkehren wird.

    Weil du dich ewig zum missverstandenen Cinekind, das im Sandkasten außen links sitzen muss, hochstilisieren [...] wirst.

    Ist das jetzt dein neues Endlos-Loop, oder was? Jüngster Neuzugang im Kanon von duften Repertoire-Sprüchen, die Rajkosche Werkimmanenz erlangt haben?
    Aber schön, dass du es so gründlich durchverstanden hast. Du bist eben die Ultrakunst und immer noch die empathischste und offenste Hammerfühlerschnecke, die in Gottes Kräuterbeet die Kieselsteine klopft.

  27. Mr. Vincent Vega on Januar 30th, 2011 at 18:19

    :D

    Ich loope dich so lange durch meine eigens für dich errichtete schangelig-haarige Schublade, bis du endlich aufhörst, mit deinen Tatzen nach meinen angeblichen Misogyniefühlern zu greifen, denn ICH zum Beispiel fand BLACK SWAN überhaupt nicht m., höchstens p. und sowieos völlig belanglos.

    Misogyn ist UNE FEMME EST UNE FEMME. :P

  28. Mr. Vincent Vega on Januar 30th, 2011 at 18:25

    Ach so:

    und schon immer eine Schwäche (ja, wirklich genau das: Eine *Schwäche*) für die Prätentionsatombombe WEEK END hatte.

    Den finde ich ja auch toll.

    Aber der ist halt auch wichtig. :D

  29. Alexander S. on Januar 30th, 2011 at 21:47

    WAS?? Die Gaysha lässt ein gutes Haar an einem Godard??? Unfassbar! Aber WEEKEND ist halt auch einfach der beste Godard, dicht gefolgt von PIERROT LE FOU, der auch ganz dufte ist. VIVRE SA VIE wäre eventuell eine Nummer drei.

    Ansonsten finde ich viele Filme seiner frühen Jahre gut oder zumindest interessant, bis auf A BOUT DE SOUFFLE, der noch so “wichtig” sein mag, aber mich einfach völlig kalt lässt. Was den Godard ab ONE PLUS ONE (fand ich furchtbar) angeht bin ich sehr ambivalent bis ablehnend. DETECTIVE war noch interessant, PASSION eine reine Zumutung…

    Während ich bei anderen Regisseuren, auch solchen die ich nicht in jeder Hinsicht super finde, eigentlich auch nach noch so vielen Filmen Interesse an mehr habe, verspüre ich bei Godard allerdings kaum das Verlangen danach.

  30. Mr. Vincent Vega on Januar 31st, 2011 at 00:18

    Liegt vielleicht daran, dass Godard sich ja selbst in seiner jetzigen Spät-Spätphase noch ständig zu wiederholen scheint, obwohl die Variation des ewig Gleichen bei einem “auteur” seines Schlages wahrscheinlich eine Qualität bildet. Jedenfalls haben mich persönlich bisher alle seine Filme kalt gelassen, obgleich ich das ja eigentlich doch eher negativ konnotierte “interessant” auch jedem davon zugestehen würde. Auch wenn’s einen langen Bart haben mag, aber die Misogynie, oder von mir aus, was wahrscheinlich treffender ist, der Chauvinismus seiner Filme, geht mir einfach gegen den Strich (jetzt muss eigentlich Sano kommen: “Aber, aber, der Godard versteht die Frauen!”), ein subjektiv empfunden grundsätzliches Problem diverser Nouvelle-Vague-Größen (es gibt so ein Bild der französischen burschikosen Frau, das ich per se bedenklich bis unsexy finde und das absolut männlich ist, und Godard bedient es meines Erachtens mit hohem Nachdruck). Das trifft auch auf A BOUT DE SOUFFLE zu, der ja eigentlich eher seicht ist, was ihn wohl zu durchschlagendem Kanonerfolg verhalf.

  31. Christoph on Januar 31st, 2011 at 04:19

    Keine Sorge, Rajko – was du da zu Godard schreibst, teile ich nach wie vor, insbesondere in Bezug auf die Frauenverstehung. Tatsächlich dachte ich auch, dass sich Godard stark verändert hätte zwischen WEEK END und FILM SOCIALISME. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto wenig Veränderung sehe ich. Man könnte auch behaupten: Godard ist einfach formlos. Aber das wäre Unsinn – Godard ist ein totaler Formalist und das stellt für mich auch einen seiner wesentlichsten Anreize dar – rein filmisch sind sowohl NOTRE MUSIQUE als auch FILM SOCIALISME totaler Genuss. Schade nur, dass die Form bei Godard eher peripher ist.
    Schade auch, dass ich keinen auf die zwölf bekommen habe von Plani. Aber auf diesem Niveau möchte er wohl nicht über seine Religordadion diskutieren. :-(

    @ Alex:

    Stimmt, ONE PLUS ONE ist wirklich der pure Hass. Ehrlich gesagt wüsste ich keinen Godard, den ich inniger verabscheue als diesen. Ich würde sogar soweit gehen, anzumerken, dass mir ONE PLUS ONE überhaupt erst gezeigt hat, mit welcher Intensität ich mich über Filme aufregen kann. Eine ekelerregende Anmaßung von vorne bis hinten ist das. Wenn Godard sich wenigstens als Provokateur sehen würde. Aber dann wäre er auch nicht mehr so eklig.

  32. Sano on Februar 1st, 2011 at 16:45

    Um an dieser Stelle von Godard abzulenken (obwohl ich euch als ausgemachter Godardfan dennoch in den meisten Sachen zustimmen würde), und wieder zu wirklich WICHTIGEM zu kommen: noch eine Auseinandersetzung zu BLACK SWAN: http://www.abendblatt.de/kultur-live/article1762460/Primaballerina-Natalie-Portman-Der-Schwan-im-Wahn.html Suuuuuuper!

    Und endlich spricht mal jemand auch meinen Verwunderungspunkt No.1 während der Filmsichtung an. Wenn sich doch so viel um Ballett dreht, warum sieht man nie jemanden richtig tanzen. Bei Portman klar (wäre ja peinlich, da man sowas halt nicht so schnell lernt), aber ansonsten…

    PS: Bei “ONE PLUS ONE” hat sich bei mir der totale Genuss erst bei der Zweitsichtung im Kino eingestellt. Wie hatte ich das damals noch formuliert? Der Film hat viel von “Zabriskie Point”… oder so.

  33. Alexander P. on Februar 1st, 2011 at 22:20

    “Die Schönheit des Tanzes. Seine Qualität.” – Genau an solchen kitschigen Kulturbegriffen wie in dem Interview versucht BLACK SWAN sich doch abzuarbeiten und sie teilweise auch zu zerlegen. Insofern ist es für mich ein Hinweis, dass der Film so missglückt gar nicht sein kann. Und in einem Film, dem es um die Mechanismen der Kulturproduktion geht, die fanatische Disziplinierung des Körpers, den planerischen Perfektionismus, dem dann doch so etwas wie Intuition, Originalität oder Aura eingeprügelt werden soll (einem Film der die Idee von so etwas überhaupt schon als Lüge betrachtet), in dem kann gar nicht richtig getanzt werden, was immer man unter “richtig tanzen” verstehen mag. Aber ich denke es ist auch einfach ein Missverständnis, dass es in dem Film um Ballet geht – in THE WRESTLER geht es ja auch nicht um Wrestling an sich (da wird übrigens auch nicht richtig gewrestlet – wurden damals eigentlich auch Hulk Hogan oder The Undertaker interviewt, ob sie ihren Beruf missverstanden fühlen?). Zumindest geht es weder in einem realistisch-beobachtenden noch in einem sinnlich-erfühlenden Sinn darum zu verstehen, was genuin Ballet ausmacht, sondern es ist nur ein sich anbietender Vorwand, um ein paar grundlegende Dämonen in dem, was wir als “Kunst” verstehen, freizulegen. Wie schon an anderer Stelle bemerkt wurde, schließt der Film nicht zuletzt über seine Besetzung ja auch von den Produktionsmechanismen des Ballet auf die der Arthouseindustrie (und innerfilmisch mit Cassel als Regisseur…). Und dass da dann ausgerechnet ein kalkulierender Planer wie Arronofsky Regie führt, setzt dem ganzen eine wie ich finde sehr reizvolle Krone auf.

    Demenstprechend weit hergeholt erscheinen mir aber die direct cinema-Bezüge. Konnte da nichts von entdecken, abgesehen von der Handkamera, aber die würde ich nicht automatisch als Chiffre für “Realismus” sehen. Auch ist es für mich eben keine Studie über eine schizophrene Schauspielerin, sondern über ein schizophrenes Schauspiel. Und darin ist er gerade durch seine perspektivische Beschränkung auf die Produzentenseite subtil, weil es Arronofsky ja eigentlich eher um die Rezipienten geht. Wie ich den Film fand? Als ich aus dem Kino kam war ich nicht besonders begeistert, aber auch nicht enttäuscht, mittlerweile wächst der Film, was aber auch ein Verteidungsreflex angesichts der in meinen Augen ziemlich ungerechten Argumente hier sein kann.

    @christoph
    Genau genommen hast du geschrieben: “Visuell wird das hervorragend getroffen von Ausnahme-Kameramann Matthew Libatique, der mit seiner unruhigen Handkamera hautnahen Realismus erzeugt, ohne dabei auf schöne Bilder zu verzichten.”
    Also nicht, dass du ihn als realistisch empfindest, sondern dass er es gerne wäre oder es vorgibt zu sein. So habe ich es verstanden, aber für mich war da eben überhaupt kein Streben (ob geglückt oder missglückt) nach irgendeinem Realismus ob mit oder ohne schöne Bilder erkennbar. Vielleicht ist der Satz ja aber auch nur Parodie auf die Rezeption des Films und gar keine eigene Meinung (ich habe den ganzen Text als beides gelesen).

  34. Christoph on Februar 3rd, 2011 at 06:45

    Genau an solchen kitschigen Kulturbegriffen wie in dem Interview versucht (???) sich doch abzuarbeiten und sie teilweise auch zu zerlegen. Insofern ist es für mich ein Hinweis, dass der Film so missglückt gar nicht sein kann. Und in einem Film, dem es um die Mechanismen der Kulturproduktion geht, die fanatische Disziplinierung des Körpers, den planerischen Perfektionismus, dem dann doch so etwas wie Intuition, Originalität oder Aura eingeprügelt werden soll (einem Film der die Idee von so etwas überhaupt schon als Lüge betrachtet), in dem kann gar nicht richtig getanzt werden, was immer man unter “richtig tanzen” verstehen mag. Aber ich denke es ist auch einfach ein Missverständnis, dass es in dem Film um (???) geht – in (???) geht es ja auch nicht um (???) an sich (da wird übrigens auch nicht richtig (???) – wurden damals eigentlich auch (???) oder (???) interviewt, ob sie ihren Beruf missverstanden fühlen?). Zumindest geht es weder in einem realistisch-beobachtenden noch in einem sinnlich-erfühlenden Sinn darum zu verstehen, was genuin (???) ausmacht, sondern es ist nur ein sich anbietender Vorwand, um ein paar grundlegende Dämonen in dem, was wir als “Kunst” verstehen, freizulegen. Wie schon an anderer Stelle bemerkt wurde, schließt der Film nicht zuletzt über seine Besetzung ja auch von den Produktionsmechanismen des (???) auf die der Arthouseindustrie (und innerfilmisch mit (???) als Regisseur…). Und dass da dann ausgerechnet ein kalkulierender Planer wie (???) Regie führt, setzt dem ganzen eine wie ich finde sehr reizvolle Krone auf.

    Demenstprechend weit hergeholt erscheinen mir aber die direct cinema-Bezüge. Konnte da nichts von entdecken, abgesehen von der Handkamera, aber die würde ich nicht automatisch als Chiffre für “Realismus” sehen. Auch ist es für mich eben keine Studie über eine schizophrene Schauspielerin, sondern über ein schizophrenes Schauspiel. Und darin ist er gerade durch seine perspektivische Beschränkung auf die Produzentenseite subtil, weil es (???) ja eigentlich eher um die Rezipienten geht. Wie ich den Film fand? Als ich aus dem Kino kam war ich nicht besonders begeistert, aber auch nicht enttäuscht, mittlerweile wächst der Film, was aber auch ein Verteidungsreflex angesichts der in meinen Augen ziemlich ungerechten Argumente hier sein kann.

    Klingt wirklich nach einem interessanten, überall unverhältnismäßig verrissenen und schwer unterschätzten Film. Wie aber heißt der denn jetzt und wo kann ich ihn sehen?

    Ich interessiere mich nämlich auch sonst privat für reizvolle Darstellungen assimilativ crossmedialer Kulturproduktion im scheinrealistischen Kontext grundlegender, interkulturell verteidigungsreflexiver Dämonisierungen des allgemeinen Kunstbegriffes aus der westeuropäischen Perspektive unter partieller Berücksichtigung des postmodernen Realismusbegriffes nach Definition der Trailer-Ästhetik.

    Jaja, schon gut, ich weiß. Du hast das ganz aufrichtig geschrieben, an Sano gerichtet und wolltest mich gar nicht provozieren, ich bin daneben usw. usw.

    Verstehe aber sehr gut, worauf du hinauswillst, trotz der Formulierungen. Es ist nachvollziehbar.

    (ich habe den ganzen Text als beides gelesen).

    Was er auch ist. Mitunter kommt sowas bei mir schon auch mal vor. Und das sogar im Sehtagebuch, fast wie bei dir! Zeit, unsere Debatte über die Moral von Argumenten neu aufzufächern?

    Aber natürlich ist der “Text” eine Parodie, genauso wie auch dieser Post. Alles ist Konzept und nur aus dem Konzeptualismus kann sich fleischlich erfahrbare Ultrakunst offenbaren.

    @ Sano:

    Deine Argumentation entbehrt leider jeglicher Grundlage, da muss ich mit Alex d’accord gehen. Warum BLACK SWAN sich ums Ballett drehen sollte oder gar müsste, erschließt sich mir auch nicht. Bei mir hapert es ja manchmal etwas mit Logik, das weißt du doch.

  35. Mr. Vincent Vega on Februar 5th, 2011 at 20:00

    MY SOUL TO TAKE – Tja, da sind wir uns ja wirklich mal komplett einig, wunderbar. Hab deine Zeilen gern gelesen.

  36. Christoph on Februar 7th, 2011 at 06:49

    Schon ziemlich unglaublich, dass wir uns ausgerechnet durch eine so cinemenschliche (= nerdige) Rezeption eines solchen Films mal treffen. Aber auch schön. Der Film hat ja jede Fürsprache mehr als nötig.

  37. Sano on Februar 7th, 2011 at 11:57

    Deinen tollen Kommentaren zum Rollin und Glen nach zu urteilen, haben wir wohl endlich einmal wieder bei einer Filmsichtung genau das Gleiche erlebt. Hätte ich beides gerne genau so für mein STB verfasst. ;-)

    EDIT:
    @Alex
    Zu “Black Swan” schreib ich an dieser Stelle nichts mehr – dazu ist mir meine Zeit einfach zu kostbar, und wir haben ja noch ein wenig darüber gesprochen. Können wir auch gerne weiter diskutieren, nur ist mir jede weitere Zeile auf unserem heiligen Blog dazu ein herber Schlag ins Gesicht, wenn ich bedenke, über was wir hier viel eher diskutieren könnten. Sprich: die Diskussion an sich und die angesprochenen Punkte finde ich äußerst Reizvoll (deinen letzten kommentar übrigens nach nochmaligem lesen super!), nur dass so ein durchschnittlicher Film dabei im Fokus steht, geht mir gegen den cineastischen Strich. ;-)

  38. Sano on Februar 9th, 2011 at 13:12

    Nun ist es wie prophezeit also wohl zum endgültigen Durchbruch gekommen. Willkommen im Club. :-) Das hier gefällt mir übrigens sehr gut, und als alter Klavier-Spezi wäre es vielleicht auch was für deine Öhrchen.

    Red Eye klingt sehr spannend. Werde wohl damit meine Craven-Erforschung beginnen, wenn du mir den Film morgen übergeben würdest. Und den originalen Tron muss ich vor dem 3D-Spektakel natürlich auch noch besichtigen.

    Übrigens super, dass du so regelmäßig über deine Filmerlebnisse schreibst. Habe vor ein paar Tagen nochmal fast alle bisherigen STB-Einträge 2011 gelesen, und es ist der pure Genuss – natürlich mit Bonusvorteil wenn man dich kennt. ;-) Bin schon wahnsinnig gespannt auf die kommenden Berlinaleeinträge an dieser Stelle!!

  39. Mr. Vincent Vega on Februar 9th, 2011 at 16:39

    ieser Film wird bleiben, weil er tatsächlich zeitlos ist und entgegen der Behauptungen eines gewissen Rajko B. nicht durch Schnickschnack, sondern durch Filmemachen als Empfindung fesselt.

    Wer immer das sein sollte – an der Behauptung ist was dran.

    Schöne Worte zu RED EYE, i am so happy you and me joining the Wes Craven fan club.

  40. Plankton on Februar 9th, 2011 at 16:50

    Was hat es eigentlich mit diesem inflationären Einsatz von “Ultra” auf sich?

  41. Sano on Februar 10th, 2011 at 02:00

    Lol. :-) Tja, da hat wohl jeder so seine Macken bzw. Ausdruckseigenheiten. ;-)

    Oder, oder, oder… verbirgt sich doch MEHR dahinter? …

  42. Mr. Vincent Vega on Februar 10th, 2011 at 04:38

    Mit Sicherheit: Nein.

  43. Alexander S. on Februar 16th, 2011 at 12:50

    Christoph und ich arbeiten noch an dem ultimativen ET-Duden, äh korrigiere ET-Ultraduden, der eine erläuternde Übersicht über die wichtigsten idiomatischen Auswüchse unseres lokalen Cinemenschen-Soziolekts bieten wird. Long live the new speech!

  44. Alexander S. on Februar 16th, 2011 at 12:51

    @VV: und natürlich verbirgt sich mehr dahinter, nämlich die Ultrawortkunst!

  45. Sano on Februar 16th, 2011 at 16:57

    @Alex S. und Vincent Vega

    Ja, mein MEHR war eben so gemeint, als mögliches MEEEEEHR eben. Im Sinne, von Ultra-über-super, und so. ;-)

    Der DUDEN. Juchu!

    Denn: ET-Sprache, schwere Sprache.

    Habe übrigens in der letzten (glaube ich) deadline ein sehr ähnliches Review zu “My Soul to Take” gelesen, wonach ich jetzt 3 überaus positive Besprechungen kenne, und ansonsten nichts. Und das über einen wohl allgemein verrissenen Film (schreiben ebenfalls alle 3 positiven Rezis :-) ). Nachdem Christoph mir nun auch Scréam, Red Eye, und Nightmare on Elm Street ungekürzt zur Verfügung gestellt hat, werde ich demnächst auch einmal in den Kosmos von Mr. Craven abtauchen. Bisher kenne ich nur 3 verstümmelte (Fernseh)fassungen seiner Filme, und den letzten davon vor 8 Jahren gesehen… Damit Mr. Craven nicht mehr nur ein Wort für mich bleibt. ;-)

  46. Christoph on Februar 23rd, 2011 at 08:56

    Ultra ist das Ultrawort seit sich einst, in grauer Vorzeit, einem anderen eskalierenden Träumer bei Tarkowskijs OPFER “nach der Hälfte des Films plötzlich die Ultrakunst offenbarte”. ;-)

    @ Sano:

    Der Konsens, der über MY SOUL TO TAKE herrscht, ist schon ein reichlich negativer. Du hast eben durch Zufall bisher nur Positives gelesen, aber wenn man sich nur ein wenig durch die Weiten des Internets klickt, stößt man auf Unmengen ablehnender bis spöttischer Stimmen und die “zuverlässigen” IMDB-Foren sprechen ebenfalls für sich. Im Zweifelsfall repräsentiert die “Variety”-Rezension die Mehrheit wohl ganz treffend: http://www.variety.com/review/VE1117943810?refcatid=31
    Die seriöse Filmkritik hat sich ja leider ohnehin nie sonderlich für Craven interessiert (unglaublich eigentlich – wenn ich einen Moment lang darüber nachdenke, ist eigentlich thematisch so manches an Cravens Filmen wie gemacht fürs Feuilleton) und die Horror-Fanboys gehen mit dem Film auch eher hart zu Gericht. Aber MSTT fordert das auch geradezu heraus, von daher ist er sicherlich kein “Opferfilm”. Im Kino saßen vor mir einige Personen meines Alters, die stellenweise ihrem Unmut darüber, was für ein “Scheiß” und wie “lächerlich” das alles sei, deutlich Luft gemacht haben. Sehr zu meinem Amüsement natürlich, welches allerdings von dem Film selbst bereits in ätherische Höhen geschraubt wurde.

    Ich meine ja nach wie vor, dass du dich zum Einstieg eher erstmal an Cravens frühere Filme halten solltest (du hast doch THE HILLS HAVE EYES auf DVD, oder?), da mir persönlich erst die Kenntnis selbiger das volle Ausmaß offenbarten, in dem er seine späteren Filme für sich vereinnahmt hat – aber ich weiß ja, dass dich so etwas meist weniger reizt. Trotzdem wäre es vielleicht etwas bizarr, wenn du ohne eine gesteigerte Affinität zum Genre UND ohne wenigstens einige frühere Craven-Filme zu kennen, einen neuen Versuch mit SCREAM starten würdest, der dir, wenn ich mich richtig erinnere, ja beim ersten Mal nicht sonderlich viel gegeben hat.

    Wie du siehst, hat sich mir nun auch die UltraBBkunst (Ultra-BurtonBatman-Kunst) offenbart. Jetzt erscheint mir deine frühere Aussage, dass sich die Eingriffe von Warner beim ersten Film als glücklicher für das Endresultat erwiesen hätten denn Burtons carte blanche beim zweiten Film, als relativ unfassbar und ich (Rajko bestimmt auch) wüsste gerne, wie du auf diesen Schabernack kommst?!

  47. Mr. Vincent Vega on Februar 23rd, 2011 at 14:00

    Bette möchte gern einwerfen, dass ihr Zitat aber wie folgt lauten müsste:

    “You shouldn’t say bad things about the dead, only good. Bernd Eichinger is dead. Good.”

    :D

  48. Sam Spade on Februar 27th, 2011 at 19:39

    Bei den Berlinale-Filmen muß sich wohl ein Zahlendreher eingeschlichen haben: 2/10 für “Vampire” und 8/10 für “LIcht im Winter” – so würde ein Schuh draus… Jedenfalls käme das meinen Einschätzungen deutlich näher, denn “Vampire” war für mich wirklich der schlechteste von 16 gesehen Filmen, während “Licht im Winter” zu den Höhepunkten gehörte – wenngleich er nicht die Kraft des überragenden “Schande” (ebenfalls in der bergman-Retrospektive) besaß, der mein Festival-Highlight schlechthin darstellte.

    “Der Name der Rose”, um auch dies noch anzumerken, ist für mich übrigens ein ausgesprochen abschreckendes Beispiel dafür, wie man aus einem literarischen Meisterwerk (eines der besten Bücher des vorigen Jahrhunderts, finde ich) gefällige Mainstream-Soße macht, der soviel Belanglosigkeit beigemengt wurde, daß darüber jeder Eigengeschmack verloren gegangen ist. Insofern wohl ein durchaus repräsentativer Eichinger-Film.

  49. Christoph on März 2nd, 2011 at 06:06

    Das ist aber doch eine sehr konservative Sichtweise. Es gehört nach herkömmlichen Maßstäben wirklich nicht viel dazu, VAMPIRE mies und einen Bergman toll zu finden.
    Ich habe zu VAMPIRE bisher kaum Texte finden können, aber den von Björn Lahrmann finde ich eine schöne Skizze der sehr eigenen Qualitäten des Films (Lukas Foerster hat den Film charmant als “Autorenfilm-Absonderlichkeit” bezeichnet).

    Ich mochte Bergman sehr bis vor ca. 2 Jahren, als eine Sichtung von SCHREIE UND FLÜSTERN mit Schwung mein Bild von ihm zerschmetterte und seither ein enormes Unbehagen hinsichtlich ihm und seiner Filme in mir wachsen ließ – welches sich dann in Berlin bei der Sichtung von LICHT IM WINTER ebenso schwungvoll entlud. Das war einer der wenigen Bergman-Filme, die ungeachtet der angewiderten Reaktion auf SCHREIE UND FLÜSTERN noch auf meiner “To see”-Liste standen und da ich am 16. erst sehr spät in die Gänge gekommen bin, war der Film um 18:00 meine einzige echte Option. Meine üblen Vorahnung bestätigten sich schon in den ersten 10 Minuten, der Rest war ein selten qualvoller Alptraum (ich überlegte nach ca. 30 Minuten, den Saal zu verlassen – etwas, was ich in meinem Leben bisher erst ein einziges Mal getan habe). Bergmans ewig währende, sich nie verändernde oder biegende Vorliebe (Hey – das ist schon fast so konsequent wie bei Woody Allen, über mehr als 50 Jahre hinweg!) für sakrale Leidensseligkeit, aseptische Spiritualkrämpfe, neurotischen Chauvinismus, selbstbesoffene Geschwätzigkeit, platte Symbolik, überhebliche Drehbuchsklaverei, provinzielle Weltuntergangsstimmung und formales Eigenlob sind schier unerträglich und LICHT IM WINTER “besticht” dabei als ein ganz besonders halsstarriges und frigides Werk, dass mich ganz schnell beschließen hat lassen, mich auf unbestimmte Zeit (hoffentlich für immer) von Bergman fern zu halten. Mindestens genauso ärgerlich wie die keinen Widerspruch mehr duldende Apotheose für einen so biederen Egozentriker und arroganten Manipulator wie Bergman ist die Tatsache, dass zeitgleich in Schweden interessante(re) Filmemacher wie der großartige Bo Widerberg (der sich völlig zurecht über die Reduzierung des schwedischen Kinos auf Bergman ausgelassen hat. Hätte ich an diesem Berlinale-Tag einen Widerberg gesehen, wäre das restliche Festival danach wahrscheinlich für mich gestorben gewesen), Vilgot Sjöman oder Jan Troell Filme gedreht haben, die Bergmans wässrige, enervierende Bürgerorgasmen mit dem kleinen Finger an die Wand spielen könnten – würden sie überhaupt gesehen, denn neben Bergmans gefühlten 500 immer gleichen Filmen, ihren gefühlten 5000 DVD-Veröffentlichungen und Retrospektiven und ihren gefühlten 50000 Analysen, Rezensionen, Kanonplätzen und Verwissenschaftlichungen ist leider kein Raum für mehr geblieben. Wer weiß, welche anderen Schätze des schwedischen Kinos uns dieses Phänomen noch vorenthalten hat.
    Aber keine Sorge, dieser letztere Aspekt ist in meine Bewertung von STICH IM WINTER nicht miteingeflossen sondern mir erst danach in den Sinn gekommen. Ich hoffe, ich habe dich nicht in deinen Glücksgefühlen verletzt, aber du hast mit deiner Bemerkung den “trigger” bei mir gezogen – nach einem so frustrierenden Filmerlebnis muss man sich eigentlich so richtig auskotzen und das ist bisher eben noch nicht geschehen.

    @ Rose: Ich glaube gerne, dass Eichinger aus Ecos mir leider noch nicht bekannten Roman das für ihn günstigste extrahiert und dabei vermutlich alles Wesentliche auf der Strecke gelassen hat (wie auch bei DAS PARFUM, der eigentlich für jeden Kenner des Romans einen Alptraum darstellen müsste und bei dem die Mainstream-Soße ja dann auch NOCH sämiger geraten ist). Trotzdem macht der Film (also “Der Name der Rose”) doch irgendwie noch irgendwo Spaß, selbst dann, wenn man ihn (wie ich bei dieser jüngsten Sichtung auch) sorgfältig auf den üblichen Eichinger-Schlock hin abklopft.

  50. Mr. Vincent Vega on März 3rd, 2011 at 03:40

    Wunderbar und erstaunlich (im ausnahmslos positiven Sinne) wohlfein formulierte NIGHTMARE-Kommentare, die ich nur unterschreiben kann. Inhaltlich kann ich dazu gar nicht viel sagen, ich habe die Freddy-Filme allesamt mein ganzes Leben lang so ungesund viel geschaut, dass ich nahezu keine richtige Haltung mehr zu ihnen habe – ich liebe sie einfach ALLE. You are all my children now.

    PS: Something is trying to get inside my body. :lol: :lol: :lol:

  51. Sam Spade on März 3rd, 2011 at 14:57

    In “Glücksgefühlen” bin ich ohnehin nicht verletzt, da “Licht im Winter” solche bei mir nicht direkt ausgelöst hat – ich fand den eindrucksvoll, quälend intensiv, verdammt gut – aber nicht beglückend. (Da schon eher den am Folgetag gesehenen “Lektion in Liebe”, der mich wirklich sehr amüsiert hat.)

    Aber in ein Wespennest hast Du schon gestochen, da Bergman zu meinen unangefochtenen Lieblingsregisseuren (wohl einer der fünf liebsten) gehört – nach dieser Berlinale eher noch mehr als vorher. Interessant übrigens, daß der Bruch bei Dir gerade mit “Schreie und Flüstern” eingesetzt hat, den ich schon dreimal gesehen habe und für Bergmans besten (wenn auch nicht mir persönlich liebsten, da mag ich “Fanny und Alexander” wohl noch lieber) Film halte, der für mich zu den zehn besten Filmen überhaupt gehört (was ich andernorts auch schon näher begründet habe).

    Ob das nun eine “konservative” Sichtweise ist, interessiert mich übrigens nicht die Bohne. Ich kann ja nun nicht etwas ganz anderes als meine Auffassung hinschreiben, nur um gegen den Strom zu schwimmen, “progressiv” zu sein oder weiß der Teufel was. Wer solcherlei erwartet, findet in mir nicht den richtigen Gesprächspartner.

    Daß ich den weiteren Ausführungen zu Bergman selbstverständlich überhaupt nicht zustimmen kann (s.o., Stichwort “Lieblingsregisseure”), versteht sich eigentlich von selbst. Natürlich kreist sein Werk um im Prinzip drei Grundthemen: Beziehungs- und insbesondere Eheprobleme (und da hat er immer wieder einen Nerv getroffen), die Künstlerthematik (und dort auch, wie egoistisch Künstler oft sind und wie sie mit ihrer Umwelt umspringen, der Schriftsteller im während des Festivals zuletzt von mir gesehenen “Wie in einem Spiegel” ist da ein großartiges Beispiel) und die Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Gott/Religion/Glauben, wobei er erfreulich oft die Position des Zweifelnden oder Ablehnenden einnimmt. Das sind die drei Grundthemen (immerhin dreimal so viele wie bei Chabrol…). Aber auf wie vielfältige Weise er sich immer wieder diesen Themen nähert, sie mitunter auch in einem Film miteinander verbindet, finde ich phänomenal: mal in einer großartigen Komödie wie “Das Lächeln einer Sommernacht”, dann ganz ernsthaft in Dramen wie “Szenen einer Ehe” etwa, oft eher traditionell erzählt, aber mitunter auch formal mit Mut zum Experiment. Nun gut, so könnte ich noch lange weiter schreiben, aber ich habe das Gefühl, daß ich damit doch nur meine Zeit verschwenden würde, weshalb ich mich mit der Anmerkung begnügen möchte, daß uns hier Abgründe trennen (wobei ich aber noch eine Anmerkung einfügen möchte: alles von Bergman lobe ich nun auch nicht in den Himmel, besonders “Das Schlangenei” halte ich für einen ziemlich furchtbaren Film). Jedenfalls befasse ich mich seit 15 Jahren mit Bergman und habe noch lange nicht genug.

    Was das Thema der Literaturverfilmungen allgemein betrifft, so neige ich ohnehin zur Vermutung, daß literarische Meisterwerke keine guten Vorlagen für Filme abgeben – grandiose Buchverfilmungen beruhen sehr oft auf eher mittelmäßigen Vorlagen (wenn auch nicht immer: “Tod in Venedig” wäre eines der seltenen Beispiele für eine wirklich kongeniale Verfilmung einer meisterhaften Novelle, doch das ist die ganz große Ausnahme), und umgekehrt sind die Verfilmungen gerade der besten Bücher oft ziemlich fürchterlich. Ich kann mich noch an eine unerträgliche Edelktischverfilmung von “Effi Briest” aus den 50ern (mit Ruth Leuwerik) erinnern – fand ich grauenhaft, aber damit hatte Eichinger natürlich noch nichts zu tun, das ist ein umfassenderes Phänomen.

  52. Andreas on März 13th, 2011 at 04:36

    Die Spannung steigt: wo bleibt der zunächst unterschlagene Enz-Film? Nicht, dass gerade ich mit meinen jämmerlicherweise noch nicht mal existenten 2011-STB in der Position wäre, mich zu beschweren, aber angesichts der bewunderswerten Regelmäßigkeit, mit der nun schon seit Monaten immer wieder sehr gern gelesene, pointierte, schwungvolle Kommentare servierst, ist man dann mitunter halt doch erwartungsfroh und neugierig – gerade, wenn es sich um einen Film handelt, der das Hofbauer-Kommando trotz mancher Berühungspunkte letztlich wohl gespalten hat, wie es bisher höchstens Otto Retzer schaffte…

    Bei der Gelegenheit mit zwei Monaten Verspätung (für ET-Verhältnisse also noch im Rahmen ;) ) kurz zwei liegengebliebene Sachen aufgegriffen:

    @Sano
    Hier abschließend noch eine Lobrede auf Hernández: http://www.reverseshot.com/article/raging_sun_raging_sky
    Kann übrigens absolut nachvollziehen, wenn du hier das P-Wort (im eigentlichen Sinn, versteht sich) ins Spiel bringst, weil der Film dahingehend in der Tat auf Messers Schneide balanciert. Das kann man wohl durchaus leer, behauptet und aufgebläht finden. In der wahnwitzigen Unbeirrtheit, mit der er sein Ding durchzieht, finde ich aber gerade das Überhöhte und irrwitzig überstilisiert-”aufgeblähte” daran extrem faszinierend. Im Zusammenhang mit (dem mir unbekannten) Olivier Marchal hat es Ekkehard Knörer mal sehr schön ausgedrückt: “Dass ich dann wohl gerade das Falsche, das Verkorkste daran so gemocht habe, ohne es als solches zu begreifen. Bzw. mochte ich gewiss nicht das Falsche selbst. (Und ich will es gar nicht abstreiten, das Falsche daran.) Eher imponiert mir an dem Film dann wohl der Wille, das konsequent, ja, mit aller Gewalt, so durchzuziehen, egal, wie falsch es ist. Und dadurch wird es richtig.” Was er da beschreibt, geht mir mit Hernández glaube ich in mancher Hinsicht durchaus ähnlich. Verstehe daher aber auch, wenn man da eher abwinkt.

    @Christoph
    Deine längeres Antwortposting (die Nummer 5) war so rund, schlüssig und selbsterklärend, dass ich da gar nicht mehr viel zu entgegnen hatte und habe. Nur die Schwärmereien über MÄCHTE DES WAHNSINNS wundern mich etwas, von mir kamen die jedenfalls eher nicht. Finde den etwas zwiespältig, wenn auch durchaus nicht uninteressant und mit einigen faszinierenden Ansätzen. Ähnliches gilt noch mehr für FÜRSTEN DER DUNKELHEIT, den ich über weite Strecken eher weniger und nach dem tollen Ende dann doch recht gerne mochte.

  53. Sam Spade on März 13th, 2011 at 18:47

    “Die Mächte des Wahnsinns” etwas zwiespältig? Aber Andi, wie kannst Du nur – das ist mein mit Abstand liebster Film von Carpenter, wohl nicht so bekannt wie etwa “Assault” oder “Halloween”, spricht mich aber trotzdem wesentlich mehr an…

  54. Andreas on März 14th, 2011 at 18:55

    Fand den früher auch toll, aber bei einer Carpenter-Reihe vor knapp anderthalb Jahren im Kino hat sich das doch etwas relativiert. Die spannende Prämisse und dichte Atmosphäre der ersten Hälfte zerfasert sich dann irgendwann, und so mancher 90s-Cheese bekommt ihm auch nicht so gut. So jedenfalls mein letzter Eindruck, da mag sich aber auch die recht lausige Synchro zusätzlich negativ ausgewirkt haben, von daher schaue ich ihn mir irgendwann gern nochmal im O-Ton an. “Assault”, “Halloween” und eben “The Fog” (mein Favoriten-Trio) geben mir aber auf jeden Fall deutlich mehr.

    @Christoph
    Da hatte ich mir ja wahrlich nicht zu viel versprochen – super Text zum “gräulichen” Enz! Dein blumiges Auskotzen führt dann im Umkehrschluss auch recht anschaulich vor Augen, was man an diesem wahrhaftig unverblümt räudigen Schundprodukt eben auch sehr faszinierend finden kann. Und irgendwie bekomme ich beim Lesen der Zeilen schon wieder perverse Schlockgelüste nach weiteren Enz-Filmen. Herrlich Marians Ausspruch auf dem Heimweg, er fühle sich nach dem Film “irgendwie doch recht beschwingt”, was in so einem wunderbar grotesken Widerspruch zu deinem schier körperlichen Leiden stand. Wobei er ja stellenweise auch gelitten hat, und ich in dem Fall wohl insgesamt den größten Geschluzz raus gezuzelt habe. Die Degeneration schreitet zügig voran… 8-O

  55. Mr. Vincent Vega on April 30th, 2011 at 14:01

    Also hat SCREAM doch nicht massiv abgebaut, wie Du letztens angedeutet hattest. Das freut mich. Ich habe ihn bei der letzten Sichtung sogar noch hochgestuft, weil er für mich doch irgendwie das Zentrum von Cravens Schaffen bildet und ich ja wenigstens einen Film von ihm maximal benoten muss. :D

    SCREAM 2 wkiederum fiel für mich bei der letzten Sichtung ein wenig ab, weil er der Trilogie keine wirklich nennenswerten neune Impulse verleiht und mehr noch die Prämisse des ersten Teils lediglich wiederholt. Das aber freilich auf hohem Niveau.

    Bin gespannt, ob sich Dir nun bei SCREAM 3 die Ultrametakunst offenbaren wird und Du nicht in den unsäglichen Kanon einstimmst, es sei der schlechteste Teil der Reihe. :)

  56. Mr. Vincent Vega on Mai 1st, 2011 at 18:36

    (Dominik Graf, Deutschland 2001) – 11/10 (28), Kino (35mm)

    Was kommt als nächstes, Plus- und Minuswertungen?

    Und n/b heißt so viel wie “nicht bewertbar” oder was?

  57. Christoph on Mai 2nd, 2011 at 00:54

    Nein, das ist eine absolute Mega-Über-Ultra-Ausnahmewertung für eine absolute Mega-Über-Ausnahme-Ultrakunst, die mich völlig sprachlos, zerschmettert, in tiefer Trance, erschöpft, verzaubert, überfordert, erregt, fassungslos vor Glück und zu Tränen gerührt im dunklen Kinosaal zurückgelassen hat. Mein großartigstes, vollkommenstes und erfüllendstes Kinoerlebnis seit mindestens einem Jahr. I’m not kidding. Lieblingsfilm-Galore.

    Wenn du Graf, den du bislang ja schändlich verkennst, noch eine Chance geben möchtest, dann sollte es dieser Film sein. Die DVD ist OOP aber in irgendeiner Bücherei oder Arthouse-Videothek in Berlin findest du sie bestimmt.

  58. Mr. Vincent Vega on Mai 2nd, 2011 at 01:34

    Ok, ich schaue ihn mir an!

  59. Christoph on Mai 2nd, 2011 at 05:46

    Dann tu das mal. ;-)
    “n/b” steht übrigens, natürlich, für “nicht bewertet”.

  60. Happy Harry mit dem Harten on Mai 2nd, 2011 at 15:57

    Und warum steht das “n.B.” bei dem Gelübde? Den liebst du doch auch oder hat sich da was verändert?

  61. Christoph on Mai 2nd, 2011 at 17:02

    An meiner Begeisterung für den Film hat sich nichts geändert, eher ist sie noch gestiegen, da viele Ansätze des Films im Kino plötzlich noch tiefer ineinander griffen – allerdings hatte ich während der ersten 10 Minuten den Eindruck, das Bild sei nicht ausreichend scharf gestellt (und wenn man schon einmal die seltene Gelegenheit hat, diesen Film überhaupt von 35mm zu sehen) und habe mich in den Vorführraum begeben, um meine Schärfeeinstellungskünste walten zu lassen. Da ich aber, um die Schärfe anständig einzustellen, eine passende, kontrastreiche Einstellung bei ausreichend Licht benötige, habe ich letztlich 10 Minuten am Projektor verbracht, da sich bei Brentanos nächtlichem Besuch in Katharinas Zimmer nicht viel ausrichten ließ. Eine so unliebsame und lange Unterbrechung reißt einen dann doch etwas aus dem Film und verursacht einen gewissen Stress. Daher keine Bewertung. Sonst würde da oben vermutlich 9/10 (23) stehen. ;-) Wie ja unschwer an meinen letzten Wertungen zu erkennen ist, bin ich Graf völlig verfallen.

  62. Mr. Vincent Vega on Mai 4th, 2011 at 14:16

    Mit Dir rede ich jetzt nicht mehr!

  63. Christoph on Mai 4th, 2011 at 16:50

    I’m so sorry, my dear.
    Leider war die Enttäuschung über SCREAM 3 sehr rabiat und ungnädig zu mir – obwohl ich abermals einen duften Spaß hatte (wie immer mit dem Film), ist der nun wirklich nicht besonders clever (oft eher doof und klamottig) und ganz klar ein eher betrübliches Beispiel von auteurroristischem Horror, der sich in aufgetusstes Produzentenkino mit ganz viel Lipgloss verwandelt hat – total sellout! Craven wirkt auch relativ teilnahmslos und auf Autopilot bei der Sache, so als würde er sich “für die gute Sache” nochmal vor die Kamera schubsen lassen. Die Camp-Aspekte und Parker Poseys Unfassbarkeiten sind natürlich schon sehr lecker (du kennst mich ja), aber der zweite Teil hat gerade hier eine angenehm grobe Balance gehalten zwischen postmodernem Camp-Unernst und seiner Verwurzelung im Genre. Ich habe den dritten nicht als eine Steigerung sondern eine amphibische Rückbildung empfunden, die – Achtung, Polemik – besonders streng besonders miefigen Unterhaltungsfilmregeln folgt und daher eben gerade nicht die totale Anarchie ist, als die du sie regelmäßig preist.Er interessiert sich auch nicht mehr sonderlich für die geschätzten Figuren, was natürlich in der Natur eines dritten Teils liegt, mir aber andererseits schon immer gegen den Strich ging, weswegen ich bei dritten Teilen auffallend oft den exzellenten Ausstattungsschangel bewundere, auf der anderen aber den Drehbuchschlock bedauere (siehe NIGHTMARE 3). Na ja. Craven wollte eben unbedingt MUSIC OF THE HEART machen und für so eine Herzensangelegenheit lässt man sich schon einmal zu einer Pflichtübung wie SCREAM 3 verdonnern.

    Ich glaube, du hast dir da einen ganz schönen Brocken zurechtprätentiert. Aber das ist schon okay, wir haben ja alle unsere kleinen, Mainstreamkanonabtrünnigen Spleens – ich mag ja auch den dritten GODFATHER lieber als den zweiten.;-)

    PS: Allerdings hat der dritte Teil die beste Schlusssequenz von allen – die Verandatür, die im Wind aufschwingt…

    PPS: Und danach habe ich mich dann ja noch mit einem Stück *genuiner* Wes Craven-Ultrakunst getröstet. Dass mich THE SERPENT AND THE RAINBOW bei erneuter Sichtung so kitzeln würde, hätte ich nicht erwartet.

  64. Mr. Vincent Vega on Mai 4th, 2011 at 18:21

    Wie soll sich ein Film noch für seine Figuren interessieren, wenn er sich und die ganze Trilogie komplett aufhebt. SCREAM 3 ist fabulierende Metaultrakunst der allerallerstimulierendsten Sorte und eben gerade ein Hollywoodfilmregeln negierendes Ungestüm von einem wilden Antimainstreamer – sein schlechter Ruf belegt das ja nur. Trotzdem finde ich überhaupt nicht, dass er die Figuren vernachlässige. Allein das wunderbare Ende, dessen grandiose Schlusseinstellung Du immerhin hervorhebst, ist doch Charakteremotion pur (die Verlobung von Dewey und Gale *schmacht*) und überhaupt: Was Sidney hier für eine tolle Entwicklung durchmacht (die in mancher Hinsicht an Premingers LAURA erinnert, besonders im Zusammenspiel mit dem Detective – man beachte den Decknamen Sidneys im Exil!), das ist alles mustergültig. Groß, GROSS!

    SERPENT ist natürlich auch sehr, sehr gut. Einer der interessantesten Quasi-Zombiefilme (bzw. überhaupt “echten” Zombiefilme, wenn man an Tourneur denkt) und sehr dicht, stimmungsvoll und spannend inszeniert.

    Du machst mich fertig. 7/10 heißt bei Dir ja “geht so”, und das für die beste Horrorfortsetzung aller Zeiten, nee nee nee. :D

  65. Happy Harry mit dem Harten on Mai 5th, 2011 at 15:22

    @Christoph:
    Hätte mich auch schwer gewundert, wenn das Gelüdbe plötzlich abgefallen wäre. Du Glücklicher, würde auch gerne die Retro besuchen da man ja ganz schön zusammensammeln muss, wenn man viel von Graf sehen will. Eine Handvoll Filme hab ich bereits hier liegen, unter anderem die ühblichen Verdächtigen, die Tatorte, die Katze und die Sieger. Gesehen hab ich bisher lediglich IM ANGESICHT DES VERBRECHENS und DER ROTE KAKADU. Ausgrechnet die beiden hab ich in deinen Bewertungen noch vermisst… ;)

    Übrigens: Hab heute Nacht PEOPLE UNDER THE STAIRS angeschaut und anschließend erfreut deine 1-Punkt-Wertung entdeckt. Ist die noch aktuell? Fand den Film btw auch grob misslungen, aber die Tiefstwertung von dir – da muss ja schon richtiger Hass schäumen.

  66. Sano on Mai 5th, 2011 at 18:56

    JAAAAA! Christoph, ich glaube es nicht! Den prätentiösesten Graf am Besten bewertet! Das ist ja mal ne Überraschung! :-D Ist auch immer noch mein liebster Graf, und hat auch bei der zweiten Sichtung vor ein paar jahren nichts von seiner unglaublichen Intensität für mich verloren. Darf ich annehmen, dass ich ihn jetzt nicht mehr für die deutsche Reihe besprechen musst, weil du das übernimmst? Bei mir hätte er auch nur so ne 24/25 bekommen. ;-)

    PS: War übrigens vor 7,8 Jahren mein Graf-Einstieg – und was für einer. Zum Glück sind wir inzwischen alle zu Graf-Jüngern mutiert. Und noch etwas Polemik: Wenn “Der Felsen” nicht von Graf wäre, glaube ich kaum, dass er dich so umfassend begeistert hätte. :-P Danke übrigens für den Satie-Link. Da kommen die ganzen Gänsehaut-Bilder aus dem Film wieder hoch. Übrigens lief der 2002 glaub ich auf der Berlinale im Wettbewerb und hat natürlich nicht den goldenen Bären gewonnen. Was wäre aus Graf wohl geworden, wenn er so eine internationale Auszeichnung errungen hätte… Macht Lust zu spekulieren – ob er wohl wie für ein paar Projekte wie Haneke nach Frankreich gegangen wäre? Lol

    Hab gerade nachgeschaut, und zumindest der nicht minder großartige Miyazaki wurde berücksichtigt. Es liefen übrigens mit Heaven, Baader, Bridget, 8 femmes, laisser-passer, Monster’s Ball und The Royal Tenenbaums ja auch ein paar andere Filme die mir sehr gefallen haben. Da stellt sich ja glatt die Frage: hatte Dieter Kosslick da seine Finger noch nicht voll im Spiel, und durfte am Anfang eventuell noch nicht so ran? Aber nein, “Amen”, “Monster’s Ball”, “Shipping News” und “Iris” sprechen wohl die Kosslicksche Sprache, und da konnt er wohl auch ein paar “Stars” ins olle Berlin locken.

  67. Sano on Mai 5th, 2011 at 18:59

    Und ich hätte gerne noch mehr Worte zum Petzold von dir. :-D

  68. Christoph on Mai 6th, 2011 at 21:38

    @ Harter Harry:

    Ich habe leider weder IM ANGESICHT DES VERBRECHENS noch DER ROTE KAKADU gesehen. Mein Interesse an Letzterem hielt sich bisher eher in Grenzen während ich mir für ersteren einen Hardcore-Marathon mit allen 10 Folgen wünsche, weswegen sich eine Sichtung bisher schon aus Zeit- und Energiegründen nicht ergeben hat (außerdem hat mein lieber Mitblogger Sano meine DVDs auf wohl unbestimmte Zeit konfisziert). Bin aber nach den ganzen hymnischen Besprechungen schon ganz feucht, auch wenn ich gestehen muss, dass Rolf Basedow bisher mein “least favourite” unter Grafs fünf Stammautoren ist, trotz des Meisterwerks EINE STADT WIRD ERPRESST.
    Dieses Zusammensammeln weniger bekannter Graf-Fernseharbeiten habe ich auch schon hinter mir – einen Großteil findet man glücklicherweise ja doch auf dem ein oder anderen umständlichen Weg und vieles ist inzwischen glücklicherweise auch auf DVD erschienen. Ich hoffe, du hast die ungekürzte “Frankfurter Allgemeine”-Ausgabe von DIE KATZE im richtigen Bildformat? Alles andere würde dem Film sehr schlecht bekommen, ich spreche aus Erfahrung.;-) Viel tragischer erscheint mir die völlige Elusivität seines fantastischen Debüts DAS ZWEITE GESICHT das Graf aus mir unverständlichen Gründen am Liebsten unter den Tisch schweigen würde.

    @ Sano:

    Rajko würde bestimmt sagen, dass ich natürlich gerade den “prätentiösesten” Graf am Besten bewertet habe. Stimmt aber so nicht, weil ich persönlich DAS ZWEITE GESICHT, DIE FREUNDE DER FREUNDE und DAS GELÜBDE als mindestens ebenso “prätentiös” (wenn man denn so will – ich will nicht;-) empfinde. Besonders ersterer geht in Sachen Prätention ziemlich durch die Decke und übertrumpft die Naturgewalt des Felsens um Längen in Sachen Verschwurbelung, Verständnis, Eso-Mystik und Form- / Symbolschangel. DER FELSEN ist ja ein so roher und unmittelbarer Film, dass mir nie das böse “p”-Adjektiv nie in den Sinn gekommen wäre. Leider kennst du bis auf DAS GELÜBDE die anderen erwähnten Filme ja noch nicht, sonst könntest du vielleicht eher nachvollziehen, worauf ich hinaus will.
    Aber: Ich und ein Text zu DER FELSEN? Du beliebst zu Scherzen, mein Lieber.

    Ich habe mir auch schon ausgemalt, wie es Graf wohl ergangen wäre, wenn er sich einen ähnlichen Autorenfilmer-Ultrastatus wie Petzold ergattert hätte. Ehrlich gesagt bezweifle ich, dass das funktioniert hätte und am Ende hätten wir heute nur halb soviele Graf-Filme zum Genießen, weil er, wie alle anderen auch, immer brav zwei Jahre absitzen hätte müssen bis zur nächsten Filmförderungs-Spritze.

    Was den Petzold angeht: Puh… Der ist eigentlich in der Tat ziemlich bräsiger Autorenfilmer-Schlock, beSTACH das Hofbauer-Kommando allerdings durch ein gerüttelt Maß an ergötzlich miefig-deutschtümeliger Tristesse à la Jürgen Enz und vor allem ordentlich Sleaze (genau der Marke “Young love, hot love”) wie ich ihn so von Petzold nicht erwartet hätte. Das macht dann die Verfehlungen des pedantischen Drehbuches und den Stock im Arsch wieder etwas wett, da mir und auch Andi während der Vorstellung einige Male die Hose zu platzen drohte. Ungut wirkte sich vielleicht ein Stück weit auch die Tatsache aus, dass man es geschafft hat, den Film in Vollbild, also von 1:1,78 beschnitten, zu zeigen – das geht natürlich gar nicht, auch wenn auf diesem Wege offenbar wurde, wie konsequent mittig Petzold dauernd kadriert.
    Er hatte allerdings schon einige wunderbar Momente, die durchaus an seine letzten beiden Kinofilme heranreichen, auch wenn er insgesamt deutlich dahinter zurückbleibt und häufig ins Trash-Fettnäpfchen tappt.

    @ Mr. Vincent Vega:

    Demnächst, entweder hier oder am Telefon in der Fanboy-Hotline.:-)

  69. Sano on Mai 17th, 2011 at 22:20

    @ Christoph

    Kann deine gedanken zum Felsen und anderen Grafs schon nachvollziehen, wollte meinen überspitzten Ansichten aber dennoch mal Luft machen, da du den Film ja unfassbar großartig fandest, und er deine Wertungsskala gesprengt hat. Aber wieso denn kein text zum Felsen? Ich bin mir sicher du bekämst da schon was wunderbares hin. :-)

    PS: Und wie war/ist der Hochhäusler?

  70. Mr. Vincent Vega on Mai 18th, 2011 at 14:13

    “letztlich irgendwo das, was ich mir nach dem zu Tode produzierten, verdooften und merchandisierten dritten Teil erhofft hatte.”

    War schön Dich gekannt zu haben!

  71. Alexander S. on Mai 18th, 2011 at 19:04

    Ich bin unendlich glücklich, dass es dir der FELSEN so ordentlich besorgt hat!!! Andererseits hätte es mich auch völlig gewundert, wenn du ihn schlechter als 9/10 bewertet hättest. Definitv einer der besten Grafs, hab jetzt auch wieder lust, den wieder zu sehen. Da Sano, du und ich ja alle drei so begeistert davon sind, wäre das doch ein guter Kandidat für einen Gemeinschaftstext, was meint ihr? Achja, ich vergass, geplante Gemeinschaftstexte verschwinden ja auf nimmerwiedersehen in deiner Bärenhöhle… :( Apropos Satie, du müsstest noch meine Noten von dem Ultra-Elusivitäts-Stück haben oder??

  72. Sano on Mai 18th, 2011 at 19:29

    Alex, das ist eine wunderbare Idee! Als glühender Verfechter des sporadischen textlichen Zusammenwachsens zweier oder mehrerer Eskalierender Träumer springe ich jetzt gleich mal auf den Zug auf. Ich kann mir einen Text von mir, dir und Christoph zu Grafs Felsen schwerlich vorstellen, aber genau das macht die Idee so reizvoll. :-) Und keine Sorge, nicht alle Gemeinschaftsarbeiten verschwinden (und ich muss Christoph in Schutz nehmen: auch nicht meistens bei ihm). Alsbald wird sich hier auf dem Blog nämlich wieder eine weitere offenbaren. ;-)

    Was hat dich eigentlich bisher von Graf begeistert Alex?

  73. Christoph on Mai 18th, 2011 at 21:25

    @ Sano:

    Wenn ich zum FELSEN etwas schriebe, würde sich der Ultraschlock offenbaren, mit Sicherheit. Wenn hingegen Alex, du und ich zusammenfinden könnten, das stelle ich mir doch sehr ergiebig und prätentionszendent vor…;-)
    Den Hochhäusler hat suboptimalerweise von uns noch keiner geguckt (wir mussten doch stattdessen Graf interviewen!), aber das wird schnellstmöglich nachgeholt, solange die Impressionen aus den anderen beiden Filmen noch präsent sind.

    @ Mr. Vincent Vega:
    Dito. Schade, dass es wegen eines so mittelmäßigen Films zu Ende gehen musste! But I forgot the number one rule about mainstream horror franchises: don’t mess with the fanboys!

    @ Alexander S.:

    So sind wir denn wieder einmal ganz und gar in einer schleimig-haarigen, thrombotischen Mutation als Fleischklops mit- und ineinander vereint, in der absoluten Elusivitäts-Ultrakunst! Ich schlage vor, wir verschieben den “Deutsche Lieblingsfilme”-Text zum Film zugunsten eines gemeinsamen Textes, der sicherlich irgendwann einmal passieren kann und wird (wenn wir es uns vornehmen). Es wird hart werden, Blut, Schweiß und Tränen werden fließen aber irgendwann, am Ende der Nacht, werden wir mit zittrigen Fingern die letzten Buchstaben tippen und dann in hysterisches Gelächter ausbrechen.
    Du hast mir Noten für das Satie-Stück gegeben?! Oje – wenn das der Wahrheit entspricht, dann habe ich keinen blassen Schimmer, in welchen Winkel meiner Bärenhöhle ich sie veruntreut habe…

  74. Alexander S. on Mai 21st, 2011 at 19:32

    @Sano: Ich hätte sehr große Lust auf einen gemeinsamen Text zu DER FELSEN, am Liebsten in form eines Dialogs, ganz in der sokratisch-platonischen Tradition ;)

    Was ich von Graf mag? Ein Blick in die imdb offenbart, dass ich “nur” 7 oder 8 Graf-Filme kenne, bei den drei Fernsehmelodramen (BITTERE UNSCHULD, DEINE BESTEN JAHRE und KALTER FRÜHLING) bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich wirklich alle drei gesehen habe, ist schon länger her. Insofern hat Christoph, der Graf ja erst nach uns entdeckt hat, jetzt in seinem Rausch wohl schon viel mehr gesehen…

    Mein Favorit war und ist DER FELSEN, aber DIE FREUNDE DER FREUNDE kommt dicht danach, dann wahrscheinlich DAS GELÜBDE und DAS ZWEITE GESICHT auf etwa gleicher Stufe. HOTTE IM PARADIES ist auch sehr gut, aber vom Thema her eben weniger mystisch und ephemer (aka elusiv) … ;)
    Von den drei oben genannten Filmen hab ich mindestens zwei gesehen, aber leider keine klaren Erinnerungen, weil ich die glaub ich damals als Erstausstrahlungen gesehen habe. Hab jetzt wieder Lust auf Neusichtung und natürlich alle anderen Grafs, die ich noch nicht kenne!

  75. Sano on Mai 21st, 2011 at 23:57

    Lol. Das trifft sich gut – lese zur Zeit nämlich gerade Platon. ;-)
    Schreib dir jetzt gleich ne Mail, damit das in Gang kommt.

    Ja, Christoph hat uns mal wieder alle übertroffen und sich Graf gewissermaßen einverleibt. Kann ich aber verstehen, und bin wie immer ein bisschen neidisch auf seine Ausdauer. :-) Meine Graf-Favoritenliste sieht übrigens ähnlich aus wie deine: “Der Felsen”, und dann gleich “Die Sieger”, “Das zweite Gesicht” und “Das Gelübde”. Wenn man diesen Begriff denn verwenden will: alles Meisterwerke! Habe aber auch schon 3 Filme von ihm gesehen, die mich mit Ausnahme einiger Momente und Ideen nicht überzeugt haben: “Frau Bu lacht”, “Drei gegen Drei” und “Kommissar Süden und der Luftgitarrist”. “Der Skorpion” und “Der Scharlachrote Engel” sind aber wiederum großartig. Bei mir sinds so um die 10 Graf-Arbeiten, was aber rein zahlenmäßig schon mehr ist als ich von 95% aller anderen Regisseure kenne. Kinoretrospektive sei dank verwandeln wir uns also alle langsam in angehende Graf-Kenner. ;-)

  76. Lukas on Mai 29th, 2011 at 16:37

    so richtig jung war ich ja leider schon 2005 nicht mehr, insofern ist die penetrante ideologiekritische Schlagseite nicht nur dieses Texts auch nicht als Jugendsünde zu entschuldigen. Da springen mir selber manchmal einige Sonderbarkeiten entgegen, wenn ich mich durch meine eigenen etwas älteren Texte lese. Nicht, dass mir The Unforgiven inzwischen gefallen würde. Ich habe ihn nicht mehr gesehen seit 2005, aber in meiner Erinnerung bleibt das ein unangenehmes Ding, ich würde heute allerdings sicher versuchen, dieses Unangenehme mit etwas mehr Sinn für Bildlichkeit und Textur des Films (und deren Abklang in der unmittelbaren Erfahrung) zu formulieren.
    btw: mir gefällt diese Art der halbprivaten, versteckten Textproduktion sehr.

  77. Christoph on Mai 30th, 2011 at 20:21

    Ausgehend von diesen in deinem Geiste vielleicht ergreisten, aber vor meinen Augen schwelenden Texten in deinem Blog würde ich sagen: Jung genug!
    Und selbstverständlich entschuldbar. Mir ist selbst bewusst, mehr als bewusst, dass man auf solche Kellerleichen nicht gerne angesprochen wird und fünf Jahre eine schrecklich lange Zeit sind, daher tut es mir leid, wenn dich das unangenehm berührt haben sollte – ich habe unter anderem deshalb vor einiger Zeit einen ganzen Schwung meiner alten OFDB-Verbrechen löschen lassen, da ich mir keine zukünftigen Konfrontationen mit diesem Dummgeschwätz wünschte. Andererseits ist es schade, dass sie verschwunden sind – sie liegen zwar noch in den Schluchten meiner Festplatte, aber dort laufe ich nie Gefahr, sie gelegentlich zu lesen, auf “Sonderbarkeiten”, wie du es sehr schön beschreibst, und über mich zu staunen oder zu schimpfen.
    Ich habe selbst in meinem richtig jungen Leben tatsächlich schon ein gottloses Maß an unehrlichen Plattitüden verbrochen und fühle mich daher in keinster Weise berechtigt, dich für etwas Ahnliches zu kritisieren.

    Allerdings war das Zitieren deines Textes weder als konkrete Kritik, noch als Trash gemeint – amüsiert war ich sehr, aber in erster Linie entspannt.
    Ich empfinde sowohl deine aktuellen Texte als auch diese “Jugendsünden” als überwiegend ziemlich brutal (“penetrant” erschiene mir nicht angemessen), fast gewalttätig, mit klirrendem Gestänge einen enormen Frustausstoß (?) bewerkstelligend.
    Was nun allerdings, als reine “Empfindung” ebenfalls nicht negativ zu verstehen ist. Sie faszinieren mich (im Guten, nicht im Schrecklichen), sie ziehen mich an (ich lese dich mindestens einmal pro Woche), ebenso wie sie mich abstoßen, aufregen und belustigen. Mit den Texten deines Freundes Ekkehard Knörer geht mir das übrigens sehr ähnlich.

    Letztlich hätte ich auch irgendeinen anderen deiner 2005er-Texte wählen oder eine Sammlung besonders kalorienreicher Zitate kompilieren können (letzteres hätte mich gereizt, aber es wäre wohl auch unter die Gürtellinie gegangen). Allerdings erschien es mir angemessener, deinen Verriss eines meiner persönlichen Lieblingsfilme zu wählen, auch wenn mich dieser Verriss in keinster Weise zu Verteidigungsreden hinreißen oder mich sonstwie tangieren könnte. Ich habe den Film selbst nur noch nebulös, fragmentarisch und auch durchaus fragwürdig vor Augen – er ist in seiner unkontrollierten Ausfransung von Western-Topoi aus auteurroristischer Sicht (ich verehre John Huston) wohl das, was andere “künstlerisch gescheitert” nennen würden – und das schließt bei mir ich auch den von dir beschriebenen Rassismus mit ein. Trotzdem: Ich finde ihn toll, den Film. Da ich bereits eine Huston-Biographie hinter mir habe, kann ich im Übrigen leider auch nicht anders, als mein da herausabstrahiertes Bild von Huston irgendwo miteinzubeziehen.

    Aber wie gesagt, es ging mir gar nicht um den Film sondern vielmehr um deine Texte. Vieles von dem, was ich in deinen jüngeren Texten gelegentlich als pure Attitüde empfinde (was nicht meint, dass ich das auch glaube), ist mir hier so ungebremst offenbar geworden, dass ich in Zukunft sehr viel ruhiger und im Bestfall wohl auch sehr viel weniger spöttisch deine neuen Texte lesen werde. Du bist jetzt sozusagen “echt” für mich. In Berlin warst du beinahe ein Geist. ;-) Mir ist zwar dennoch unklar, wie man sich als urbanes, sicherlich bürgerlich geprägtes, eindeutig weißes, kulturell im eigenen Umfang unversehrtes und von diversen akademischen Theorien durchströmtes, deutsches Geschöpf derart hineinsteigern kann in derartige ideologische Konfrontationen – aber das darf mir auch unklar sein, genauso, wie dir meine Erklärungsversuche, die vermutlich beleidigend oder wieder einmal halbstark wirken müssen, unklar bleiben dürfen (ich gehe davon aus, dass du hierauf nicht antworten wirst). In diesem Sehtagebuch, meiner letzten, aus dem Konzept heraus von überpenibler eigener Qualitätskontrolle befreiten Oase der “versteckten, halbprivaten Textproduktion”, handele ich noch unüberlegter als sonst und der Fund deiner frühen Texte hat mich emotional so begeistert, dass ich ihn – vielleicht auch etwas polemisch – dokumentieren musste.

  78. Alexander S. on Juni 10th, 2011 at 13:56

    Interessant, dass du du bei ‘TIS A PITY SHE’S A WHORE auf Greenaway kommst, denn das ist eines seiner Lieblingstheaterstücke, dass ihn erklärtermaßen bei THE COOK, THE THIEF… sehr beeinflusst hat. Der Film hört sich aber wirklich toll an, zumal ich ja auch ein großer Verehrer von Charlotte Rampling bin.

    Aber apropos “Oneironautik”: ich glaube, ich sollte dir dringend mal wieder ein neues Fremdwort zum Spielen schenken, dieses ist jetzt schon wieder ganz verkratzt un zerribelt vom Dauergebrauch deiner Tatzen…

  79. Christoph on Juni 10th, 2011 at 19:40

    In der Tat sehr interessant. Du siehst, ein gewisses Mindestmaß an Greenaway-Verständnis ist bei mir durchaus vorhanden, wenn ich, ohne zu wissen, dass es sich um eines seiner Lieblingstheaterstücke handelt, diesen Bogen schlage. An THE COOK, THE THIEF, HIS WIFE AND HER LOVER musste ich auch denken (vor allem im blutrünstigen Finale), allerdings ist ADDIO, FRATELLO CRUDELE soviel toller und elusiver als alle vier mir bekannten Greenaway-Filme zusammen.

    Ja, die Oneironautik ist doch zum sehr exzessiven Einsatz gekommen in letzter Zeit. Ich beherrsche mich schon, aber bei ADDIO, FRATELLO CRUDELE passt es einfach wie der Deckel auf den Topf, ich konnte es mir nicht verkneifen.
    Giuseppe Patroni Griffi ist ein Regisseur, den wir Schangologen uns wohl ohnehin noch erschließen müssen – er hat nur sieben Filme gemacht, aber offenbar hat er über seine gesamte Karriere das Glück im Ultraschangel gesucht und anscheinend auch gefunden. Als nächsten Film von ihm habe ich IDENTIKIT anvisiert, eine augenscheinlich enorm schangelige und durchgedrehte Frauen-in-der-Menopause-Verstehung mit Elizabeth Taylor. *Quiek*

  80. Mr. Vincent Vega on Juli 4th, 2011 at 11:28

    Mit Interesse in Deine Filmfest-Wertungen geblinzelt. Freue mich jetzt noch mehr als ohnehin schon auf MEEK’S CUTOFF, Reichardt ist sowieso großartig. Geschockt bin ich aber von Deiner Abstrafung des neuen Hong Sang-soo, von dem bekommt doch die ganze gehobene Cinewelt schon feuchte Vorfreudehöschen. :D

    Und dann wieder diese inflationären 10er-Wertungen, sogar für den letzten Polizeiruf von Graf. Sehr interessant. :D

    Respekt jedenfalls, dass Du dann doch SO VIEL geschaut hast. Ich vertraue darauf, dass Du mich bis Jahresende hinreichend nötigen wirst, die ganz besonders tollen Filme unter ihnen auch noch zu schauen und danke Dir schon jetzt dafür.

    <3

  81. Mr. Vincent Vega on Juli 4th, 2011 at 11:31

    PS: Hast Du von GUILTY OF ROMANCE die Lang- oder internationale Fassung gesehen?

  82. Christoph on Juli 4th, 2011 at 14:47

    Pssst! Von den Wertungen soll noch niemand was wissen!
    Die kommen hier im STB nochmal, etwas präziser – und eine Art Rückblick mit Kommentaren ist auch in Arbeit. Also Stillschweigen bewahren!

    @ Hong:
    Bilderbuch-Prätentions-Laberfilme für Portweintrinker wie Plani & Co, extrem repetetiv, voll von unsagbar unsympathischen, asozialen Charakteren, die Meister in der Disziplin “Falschheit der Gefühle” sind und sich daher gegenseitig ständig manipulieren und exploiten. Die Protagonisten sind offenbar immer (ich kenne bisher nur zwei Filme) versteinert-passiv vor sich her lebende, junge Regisseure (…), die keine Filme mehr zustande bringen (…), dafür aber mit Ausdauer saufen, fressen, labern und grazilen, rehgleichen Frauen nachsteigen (…), die sich verlegen lächelnd als Beute anbieten. Und das alles auch noch in, wie ich es zumindest empfinde, manierierter filmischer Ultra-Askese. Auf jeden Fall sind das so richtig schlimme “Frauen und Männer”-Heteroverstehungsfilme, ganz schlimm und völlig unqueer.:-)

    @ Graf…
    …ist zusammen mit dem wahnsinnigen Günter Schütter definitiv im sog. “meisterhaften Spätwerk” angekommen und hat uns einen der unfassbarsten und vor rastloser, kinetischer Suche nach filmischer Schwerelosigkeit aus allen Nähten platzendsten Filme des Festivals beschert. Der erste echte deutsche Giallo, tatsächlich. Zum niederknien. Ich konnte nicht anders, es mussten 10/10 sein.
    Lieblingszitate: “Jaja, damals in Schweden. Angefangen hat’s mit Holzschuhen und irgendwann waren wir dann bei Tittenspecht und Ständereule!” und “Heute sitzt am Isarufer Jungvolk mit Kinderwägen, dass Mitgebrachtes aus ökologischem Anbau isst. Können Sie mir verraten, was daran erhaltenswert ist? Ganz München versinkt in der Babykacke.”

    @ Guilty of Romance:
    Gottseidank die 143minütige Langfassung. Ich hätte nicht eine Minute dieses außerirdischen Sleaze-Infernos, Schangel-Exzesses, Frauenverstehungs-Schürfgang und Perversitäten-Sammelsuriums missen mögen. Uuuultrakunst!

    @ Reichardt:
    Bei MEEK’S CUTOFF wird *dir* bestimmt die Hose platzen.
    Tatsächlich steigt der Film gerade dadurch in unermessliche Höhen auf, dass er die Perspektive der Erzählung mit größtmöglicher Selbstverständlichkeit inszeniert, ohne ständig darauf zu verweisen, dass wir alles “aus der Perspektive der Frauen” betrachten. Man hat das eigenartige Gefühl, als hätte man schon vor MEEK’S CUTOFF viele andere feminine Western gesehen. Und das ist natürlich ein Riesenkompliment.
    In jedem Fall der beste Western seit THE ASSASSINATION OF JESSE JAMES BY THE COWARD ROBERT FORD mit dessen Ansatz er viel gemein hat.

  83. Mr. Vincent Vega on Juli 4th, 2011 at 15:31

    Der Hong-Text hat mir gerade mindestens drei Nähte gesprengt (musste das jetzt mal so sagen, fühle mich auch etwas schmutzug dabei), mega. Und sehr konkret in der Wiedergabe des Nichtgefallens (begrüße ich!). Ich denke aber mal, hier verspricht sich der gehobene Cinephile eher einen formalen Orgasmus. Mich interessiert der ja auch irgendwie, ehrlich gesagt.

    Und zur Reichardt: *sabber*

    Besser als FORTY GUNS und JOHNNY GUITAR? :D

  84. Christoph on Juli 4th, 2011 at 16:23

    JOHNNY GUITAR kenne ich tragischerweise immer noch nicht (verspreche mir aber eine ansehnliche Anzahl geplatzter Hosen), besser als FORTY GUNS ist er dann aber doch nicht. Denn besser als FORTY GUNS kann ein Western eigentlich kaum noch werden und so tollkühn wie Sam Fuller ist Kelly Reichardt dann doch nicht. Aber das soll MEEK’S CUTOFF auf keinen Fall schmälern. Er ist sicherlich einer der wenigen amerikanischen Independent-Filme der letzten Jahre, der zurecht bleiben wird.

    Den Hong-Kommentar habe ich auch extra für dich so geschrieben, um dich abzuschrecken.:-) Sieh dir vielleicht lieber LIKE YOU KNOW IT ALL an, davon hättest du wahrscheinlich mehr (ich hatte auf jeden Fall viiiel mehr davon), auch wenn THE DAY HE ARRIVES mit einer sehr grenzwertigen VERTIGO-Verschwurbelung und autorenfilmerisch zerkneteten Sexismus aufwartet (und damit also mindestens zwei gute Gründe für dich anbietet).

  85. Mr. Vincent Vega on Juli 5th, 2011 at 04:31

    Klar, “VERTIGO-Verschwurbelung” ist mir immer herzlich willkommen, aber “autorenfilmerisch zerkneteter Sexismus” gehört jetzt nicht zu meinen bevorzugten Filmfetischen. Woran machst Du denn bitte fest? Verwechselst Du mich mit Andi?

    (der den Film doch bestimmt dufte fand, oder?^^)

  86. Andreas on Juli 5th, 2011 at 04:58

    (Ja.)

    (Auch wenn die allgemeine Hong-Rezeption bzw. genauer gesagt die sich darin vollziehende Fronten-Bildung irgendwie zunehmend extrem nervt und einem fast die Lust rauben kann, sich die Filme anzusehen. Was gerade in diesem Fall umso bedauerlicher wäre und diesen eigentlich sehr angenehm zurück genommenen, melancholischen, großartig beobachteten Film unangenehm zu überlagern droht.)

  87. Mr. Vincent Vega on Juli 5th, 2011 at 05:24

    Ist das so? Dass dies der “allgemeinen” Beurteilung seiner Filme entspricht?

    Ich finde ja (nach wie vor), dass es vollkommen egal ist, wie ein Film oder Regisseur oder was auch immer “allgemein” (empirisch fragwürdig, logisch) – angeblich – wahrgenommen wird, weshalb mir ja auch der Kanon eigentlich total am Arsch geht (was eben auch bedeutet, dass ich mich nie über ihn echauffieren, geschweige denn gegen ihn “rebellieren” könnte). Was zählt, ist die eigene Haltung, die ja als Reaktion auf mutmaßliche Einordungen geformt stark an Bedeutung zu verlieren droht – wenn nicht sogar hinfällig wird, weil es sie erst abzugrenzen und damit zu verschönern gilt. Nur mal so generell, nicht als bewusste Anspielung (wirklich nicht). Demnach sollte Dir, Andi, das dann auch umgekehrt nicht die “Lust” rauben – vertraue Deinem Werturteil. Es gibt schließlich nichts besseres als eine schöne saftige Meinung. :D

  88. Christoph on Juli 5th, 2011 at 07:16

    “…diesen eigentlich sehr angenehm zurück genommenen, melancholischen, großartig beobachteten Film unangenehm zu überlagern droht.”

    Oh.

    Ich glaube, wir haben tatsächlich zwei völlig unterschiedliche Filme gesehen, Andi. Angenehm zurückgenommen? Melancholisch?
    Für mich war da nichts zurückgenommen sondern alles völlig im reißenden Gefälle aufgelöst, nichts melancholisch sondern alles sardonisch und hämisch, psychologischer Splatter, ganz brutal, ganz gnadenlos, auf die maximale Zerstörung der Gefühlswahrnehmung und -kommunikation abzielend, die Menschheit im tristen Schaffensvakuum aufgebend, das Zepter dem Kino als der Menschheit überlegene Projektion der Menschheit übergebend…

    Ich habe als Festivalkino-Unerfahrener im Gegensatz zu dir keinerlei Einblick in die big fat Hong discussion (?), aber wie seine Anhänger so beharrlich (zumindest ist das mein bisheriger Eindruck) behaupten können, seine Filme seien angenehm, schön, poetisch, zärtlich, verspielt, melancholisch oder was auch immer sonst schönes – das will mir nicht in den Kopf. Auch LIKE YOU KNOW IT ALL habe ich als extrem hart und stur empfunden, nicht so grimmig wie THE DAY HE ARRIVES aber definitiv als sehr menschenunfreundlich. Überhaupt: Zwei Filme, die im Wesentlichen ausschließlich von passiven, stagnierenden Menschenpuppen handeln, die sich gegenseitig pausenlos anlügen, weil sie zu faul und / oder zu feige sind, um sich miteinander zu konfrontieren. Ich kann das nicht ertragen. Die Figuren sind alle megaeklig, ihr kleinen Geschichtchen mit schleimenden Schauspielerinnen und tumben Filmstudenten sind megauninteressant und ihr egoistisch konstruiertes Sexualleben, dass erst unter Aufbietung ihrer größten Eulenspiegel-Künste in die Gänge kommt, ist megaabtörnend. Ganz zu schweigen davon, dass man auch brillant beobachten kann, ohne den filmischen Bildkader wie einen an die Wand gepinnten Bogen Papier und das Licht wie Toner zu verwenden. Stellt sich weiterhin auch die Frage, ob man bei Hong überhaupt von “beobachten” sprechen kann, so unfassbar artifiziell wie er ja ist.
    Und wenn man ständig Filme über Filmemacher in der Schaffenskrise dreht, katapultiert man sich bei mir ohnehin schon ins Aus. Was soll das?! Kino muss auch Licht zurückwerfen, nicht nur einsaugen und warm wieder ausblasen.
    Ach, das nervt mich alles kolossal sobald ich nur daran denke. Total Banane, total prätentiös, total öde und vor allem total egal. Ich bin mir sicher, dass das südkoreanische Kino momentan ausreichend stoßkräftige Ultrakunst-Alternativen aufbieten kann – letztes Jahr etwa mit PAJU und POETRY.

    PS: Besonders unerträglich an Hong scheint mir außerdem, dass er sich sehr offensichtlich an “klassischen” französischen Verständnis-Laberfilmen à la “Frauen und Männer fahren redend Boot / pflücken redend Erdbeeren / bewundern ihre Nacken und Hände / schneiden redend Gemüse / gehen redend im Garten spazieren / liegend redend im Bett / trinken redend Wein etc.” der üblichen Verdächtigen (“Altmeister”) anlehnt, was natürlich, gelinde gesagt, eher unerquicklich ist.

    @ VV:

    1:0
    Allerdings wirst du noch einige Jahre brauchen, um mich von deiner Konvertierung zur guten Seite der Cinewelt zu überzeugen. So plötzlich kann ich dir so große Worte einfach nicht abnehmen, sorry. Ansonsten hast du natürlich vollkommen recht.^^

  89. Paul on Juli 5th, 2011 at 08:41

    “Ein Glas Rotwein bitte!” ;)

  90. Mr. Vincent Vega on Juli 5th, 2011 at 13:26

    PS: Besonders unerträglich an Hong scheint mir außerdem, dass er sich sehr offensichtlich an “klassischen” französischen Verständnis-Laberfilmen à la “Frauen und Männer fahren redend Boot / pflücken redend Erdbeeren / bewundern ihre Nacken und Hände / schneiden redend Gemüse / gehen redend im Garten spazieren / liegend redend im Bett / trinken redend Wein etc.” der üblichen Verdächtigen (“Altmeister”) anlehnt, was natürlich, gelinde gesagt, eher unerquicklich ist.

    :D :D :D

  91. Andreas on Juli 6th, 2011 at 04:58

    @Rajko
    Das war ein Missverständnis. Was du schreibst, sehe ich natürlich genauso (weshalb man mich z.B. auch eher selten gegen einen tatsächlichen oder vermuteten Kanon wettern sieht, wie das Christoph wiederum ja häufiger und mitunter natürlich auch aus gutem Grund tut – mir ist das aber tatsächlich zu egal, um da ständig eine Notwendigkeit zu sehen, mich dagegen in Stellung zu bringen). Und eigentlich fühle ich mich als Zuschauer grundsätzlich schon durchaus emanzipiert genug. ;) Ich meinte hier mit „allgemeiner Rezeption“ tatsächlich gar keine mehrheitliche Tendenz, über die ich mir bei Hong sowieso gar nicht im Klaren bin (auch wenn die Filmfest-Vorschau womöglich anderes vermuten lassen würde, lese ich nicht übermäßig viele Kritiken, vollständig schon gar nicht, oft lasse ich mich da eher von einem beim Überfliegen erwischten interessanten Absatz oder sogar nur von einem neugierig machenden Twitter-Halbsatz triggern und auf Filme aufmerksam machen, informiere mich dann aber gar nicht groß weiter, um trotzdem noch möglichst unvorbelastet die Sichtungserfahrung wirken lassen zu können; und hinterher bin ich oft schlichtweg zu träge, noch umfassender irgendwelche Meinungsbilder und Analysen einzuholen, auch wenn man dabei fraglos die ein oder andere Reflexionsanregung verpasst; ich bleibe wohl doch immer ein weitgehend autodidaktischer Learning-by-Watching-Cineast), sondern mit „Fronten-Bildung“ ein anderes, vertracktes Phänomen: den Beigeschmack eines Insider-Witzes, den die einen kapieren und die anderen nicht. Auf abstrakte und um ein paar Ecken gedachte Weise mag das ja womöglich irgendwie auf jede halbwegs aufrechte und dabei eigenwillige filmische oder überhaupt künstlerische Schöpfung zutreffen. Unangenehm finde ich aber die hier nach meiner (vagen) Beobachtung auffällig konkrete Ausformung (beim Hollywood Reporter wird es sogar wörtlich so benannt), einerseits weil es die Rezeption verengt (und mir obendrein jede Art der Frage danach, „einen Film verstanden zu haben“, höchst suspekt ist – Kunst ist oder sollte kein Puzzlerätsel sein, das man „auflöst“ und sich beruhigt zurück lehnt, oder gar Botschaftenüberbringung mit belehrendem Sender-Empfänger-Verhältnis zwischen Machern und Zuschauern; daher kann es letztlich auch kein “richtiges oder falsches Verstehen” geben, was trotzdem nicht heißt, deswegen alles im Ungefähren und Schwammigen belassen zu müssen), andererseits weil beide Seiten sich auffällig in Verweisen auf die jeweilige Gegenseite ergehen: die Anhänger zeigen auf die angebliche Ignoranz der Verächter, die ihrerseits wiederum auf die angebliche Selbstbestätigung der Anhänger zeigen. Christoph reiht sich da ja nahtlos ein mit seinen Mutmaßungen, für wen nun warum dieser Film gemacht sei. Das Nervige an so einer Frontenbildung, gerade im konkreten Kontext: man wird sofort in das oder das Lager einsortiert, vermeintliche Gründe inklusive. Dem kann man sich nur entziehen, wenn man die Filme entweder gar nicht erst sieht oder zumindest keinerlei Stellung zu ihnen nimmt, oder versucht, ausführlicher eigenständige Positionen jenseits der „vorsortierten Lager“ zu formulieren. Zu letzterem fühle ich mich leider weder berufen noch bemüßigt, insofern bleibt dann – unter der Berücksichtigung, dass das natürlich ohnehin alles etwas paranoid überspitzt formuliert ist und von mir jetzt auch nicht als bierernste Bedenkenträgerei gemeint ist, mir geht’s da eher um natürlich auch zum Teil nur gemutmaßte Tedenzen – halt eine gewisse Genervtheit. Das entscheidende Wort meines letzten Kommentars war aber in gedachten Großbuchstaben natürlich trotzdem ganz klar „fast“ – und die Anmerkung insofern schon in erster Linie als schnell hingeworfenes Plädoyer dafür gedacht, sich statt langem Gewese lieber selbst ein Bild zu machen. Denn, keine Sorge, wirklich die Lust rauben lasse ich mir von solchen Dingen natürlich letztlich nicht ;)

    @Christoph
    Irgendwie erinnert mich das gerade sehr an Sanos Worte über Rohmers „Die Frau des Fliegers“, um dir hier gleich mal leichtfertig in die Karten zu spielen ;) Diese Probleme mit Figuren und insbesondere ihrer Passivität verstehe ich wirklich nicht recht. Zumal du umgekehrt bei anderen Gelegenheiten ja durchaus auch mal gegen das Kleben an Figurenidentifikation wetterst. Mit „angenehm zurück genommen“ meinte ich übrigens eher, dass hier die strukturelle Konstruktion m.E. noch stärker als Folie in den Hintergrund rückt, während sich mit geduldigem und präzisen Blick innerhalb von Situationen und Konstellationen dann die Dinge entfalten und gerade im Mittelteil mitunter eine sublime Qualität erreichen, die einige entsprechende Momente in „Oki’s Movie“ nochmal übertrifft. Dass das jetzt alles nur schön, zärtlich etc. sei, habe ich nicht geschrieben und finde ich auch nicht. Hong arbeitet ja schon sehr dezidiert mit recht erbärmlichen Antihelden, deren Hybris er durchaus sehr scharf und gewitzt seziert, aber er führt sie eben nicht einfach nur vor, sondern wirft paradoxerweise zugleich einen sehr liebevollen Blick auf sie, der ihnen eine Würde zurück gibt, nach der andere hinter ihrer Oberfläche gar nicht erst suchen würden. Das ist eine Gratwanderung, an der man sich freilich reiben kann. Gerade diese Ambivalenz ist es aber, die mich fasziniert und bei „The Day He Arrives“ ziemlich umgehauen hat.

  92. Andreas on Juli 6th, 2011 at 18:17

    @Christoph
    Kurzer Nachtrag zu ein paar Punkten, auf die ich gestern nicht eingegangen bin:

    Die persönliche Aversion gegen die Tradition “französischer Verständnis-Laberfilme” ist ja okay, aber sie in dem Fall dem Film zum Vorwurf zu machen, finde ich ähnlich müßig, wie einem Western vorzuwerfen, dass da ständig Leute durch die Gegend reiten und irgendwelche komischen Rivalitäten und Männerprobleme austragen. Was womöglich ein interessanter Punkt ist: vielleicht sollte man sich Hong einfach als (Meta-)Genrefilmer denken. Die Parallelen in der Systematik sind eigentlich schon augenfällig: ein wiederkehrendes Aufgebot von Codes, Chiffren, Wendepunkten, die gerade in ihrer Anordnung, Verschiebung, Wiederholung und Variation (präziser womöglich: Varianz) den prinzipiell vertrauten Situationen immer wieder neue Reize abgewinnt und beim ins Offene gerichteten Ausspielen der Konstellationen eigenes Leben entwickelt.

    Und in diesem Blickwinkel wird dann auch der Punkt mit den „Filmemachern in der Schaffenskrise“ eher hinfällig (wobei mir ohnehin nicht ganz einleuchtet, was an „Selbstbespiegelung“ so grundsätzlich schlimm sein sollte, oft ist das glaube ich nur eine unverblümtere und direkte Form dessen, was zumindest beim ausdrücklich sich als solchem generierendem Autorenfilm sowieso meistens unterschwellig irgendwie passiert – nerven kann das freilich so oder so), denn darum geht es in diesem und anderen Filmen von ihm ja letztlich nicht wirklich oder nur sehr nachrangig. Auch das ist eher eine Art Chiffre, ein Sprungbrett, vermutlich einfach nur gewählt, weil es naheliegend ist und Hong das Milieu vertraut ist. Die Aneignung eines fremden Milieus wäre da wohl eher problematisch, zumal das Milieu m.E. eben weniger Thema, sondern eher Folie ist.

  93. Mr. Vincent Vega on Juli 13th, 2011 at 16:20

    http://www.youtube.com/watch?v=9Wkryybxl6A

    Hoffentlich schafft es die druntergelegte Musik auch in den fertigen Film.^^

  94. Sano Cestnik on August 20th, 2011 at 16:24

    Zwar habe ich von dir zu dem Film, zu dem ich mir am meisten einen Kurzkommentar ersehnt hätte (mal wieder) keinen bekommen (A WINTER TAN!!!), aber ich harre geduldig in Erwartung von Blog-Beiträgen zu AQUAPLANING unf BEATRICE CENCI. :-) Und schön zu sehen, dass auch du immer noch (oder wieder?) lustvoll in der deutschen Filmhistorie stöberst. Ich habe zuletzt mit Erich Waschnecks REGINE (1934) und Wolfgang Liebeneiners GROßSTADTMELODIE (1943) ebenfalls zwei großartige Filmentdeckungen der verschmähten und verkannten NS-Zeit gemacht, und zu einem der beiden wird auch nächsten oder übernächsten Monat ein bereits fertiger Text für die deutsche Reihe folgen. ;-)

    Die von Andi erwähnten Ausführungen zu persönlichen Aversionen einem bestimmten Typus Film gegenüber, und den Filmen Hong Sang-soos im besonderen, stellen für mich momentan übrigens die einzig vorstellbare Möglichkeit dar, dass ich mit seinem Werk irgendwie warm werden könnte. Ansonsten graust es mich persönlich auch vor der erschließenderen Begegnung dieses inzwischen allseits umjubelten Filmemachers. Aber vielleicht sollte man bei Einstiegsproblemen grundsätzlich erst einmal am Anfang beginnen. Mich ärgert da im Nachhinein immer mehr, dass ich die Anfang des Jahrtausends im damals noch existenten Stuttgarter Kommunalen Kino angelegte kleine Hong Werkschau (er hatte bis dato, wenn ich mich richtig erinnere ja gerade mal 4 Spielfilme gedreht) leichtsinnig verpeilt habe.

    Ansonsten ist der von Rajko verfasste Kommentar Nr. 87 (der WordPress-inhärenten Nummerierung sei Dank!) wohl das wichtigste und entspannendste was ich die letzten Monate auf unserem Blog gelesen habe. Bei aller Positionierungswut, sollten wir die langfristigen Gefahren nicht unterschätzen, und auch mal der persönlichen Meinung ohne sonstigen Cineastischen Ballast wieder vermehrt unser aller Aufmerksamkeit widmen. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal zu Mr. Vincent Vega in Bezug auf filmnerdiges Gedankengut sagen würde, aber: danke Rajko!!

    Das am 13. Juli verlinkte Dracula Video ist aber natürlich längst nicht mehr verfügbar. :-( Spätes Kommentare-Lesen hat bei allem Überblick leider auch seine Schattenseiten.

  95. Settembrini on August 20th, 2011 at 17:26

    Oho, welch haßerfüllter Text zu “A Clockwork Orange” läuft mir da über den Weg… Erinnert mich an meine eigenen giftigen Attacken auf den Film, die ich jahrelang geritten habe. Daß ich inzwischen gelassener über den Film sprechen kann, liegt vermutlich daran, daß meine zweite (und letzte) Sichtung schon wieder sieben Jahre her ist. Trotzdem bin ich auch heute noch der Auffassung, daß der Film auf Zelluloid gebannter Menschenhaß ist, der angeblich Manipulation und Konditionierung mit medialen und insbesondere visuellen Mitteln kritisiert, mit eben diesen Mitteln aber selbst manipuliert und konditioniert, was ihn als Kritik unglaubwürdig werden läßt, und der obendrein mit einem Gestus präsentiert wird, der in jedem Moment das Überlegenheitsgefühl spürbar werden läßt, mit dem ein narzißtisch angehauchter Regisseur verächtlich auf sein Publikum herabsieht.

  96. Sano Cestnik on August 20th, 2011 at 18:36

    Vielleicht hilft es ein wenig, wenn ich sage, dass Uhrwerk Orange meiner Meinung nach vor allem eine Satire ist. Zur Satire bei Kubrick würde ich die Reihenfolge Dr. Strangelove, Uhrwerk und Full Metal Jacket vorschlagen. Daher auch der extrem manipulative und menschenverachtende Gestus. Muss man aber natürlich nicht mögen. Ich kann mit diesen drei Filmen auch tendenziell weniger anfangen als mit vielen Anderen Kubricks. Was ich aber irgendwie nicht verstehe, ist dass der oft zynische Humor in Kubricks Filmen einem so aufstoßen kann. Naja.

  97. Settembrini on August 21st, 2011 at 14:14

    So wahnsinnig viel will ich ja eigentlich zu “Uhrwerk Orange” sagen, weil ich in der Vergangenheit schon so sehr viel zu diesem furchtbaren Film gesagt habe, übrigens auch hier mal (Liste mit Lieblingsregisseuren, damals noch als Sam Spade). Daß ich mich überhaupt zu einem Kommentar habe hinreißen lassen, ist in erster Linie auf das glückliche, weil nur sehr selten vorkommende, Gefühl zurückzuführen, beim Lesen eines Kommentars zu diesem Film mal auf eine Meinung zu stoßen, die der eigenen zumindest nahe kommt. Für gewöhnlich begegnen mir nämlich nur Jubelarien.
    Ansonsten ermüdet es mich ein wenig, wenn bei manchen Filmen wie eben auch “A Clockwork Orange” praktisch jeder kritischer Einwand mit dem Hinweis, es sei ja eine Satire, abgebügelt wird, wobei zumindest indirekt immer die Unterstellung, der Gegner des Films habe die Satire nicht verstanden, mitschwingt.
    Ich möchte dagegen behaupten, daß ich Kubrick insgesamt vielleicht besser verstehe als manche derjenigen, die ihm gebirgshohe Sockel errichten wollen. Aber dazu gehört auch, daß man die Entwicklungslinie sieht vom pessimistischen (was er immer war und blieb) Moralisten früher Werke wie “Wege zum Ruhm” (dessen wunderbare Schlußszene die einzige in seinem Werk ist, in der Kubrick jemals Mitleid zeigt) bis hin zum zynischen Misanthropen, der schon in “Dr. Seltsam” sichtbar wird und sich am deutlichsten eben in “Uhrwerk Orange” zeigt. Wenn zu Beginn des Films von einer “stinkenden Welt” gesprochen wird, dann paßt das zu Jokers Schlußkommentar in “Full Metal Jacket”: “In lebe in einer Welt voll Scheiße”. Das ist wohl Kubricks ureigenste Weltsicht, aber er hinterfragt nie die tieferen Ursachen, warum die Welt so entsetzlich ist (wie Arthur Schopenhauer das sehr tiefgründig getan hat), noch läßt er irgendwelches Mitleid erkennen (ebenfalls im Unterschied zu Schopenhauer, wobei man zugeben muß, daß Schopenhauers Mitleid eher theoretischer Natur war, in der Praxis war davon leider wohl nur wenig zu sehen). Kurz gesagt: Kubricks Weltsicht ist eine pessimistische, wogegen ich gar nichts habe, aber es ist ein alles andere als tiefgründiger Pessimismus, statt unter die Oberfläche zu gehen, begnügt er sich damit, sich in seinem Zynismus zu suhlen. Zugegebenermaßen nicht in allen Filmen gleichermaßen. “2001″ ist bei aller Skepsis doch noch ein vieldeutiger Film, “Barry Lyndon” hat einen mehr resignativen Grundton, udn “Eyes Wide Shut” wirkt fast altersmilde.
    Um aber noch mal auf das Stichwort Satire zurückzukommen: sicher ist “Uhrwerk Orange” auch eien Satire. Macht das den Film besser. NEIN, denn es ist eine schlechte Satire. Was eine gute Satire ist, hat dagegen Voltaire schon im 18. Jahrhundert mit seinem “Candide” gezeigt, der sich gegen Leibniz’ alberne Behauptung, unsere Welt wäre die beste aller möglichen, richtete. Wenn man dieses Meisterwerk gelesen hat, kann man Kubricks Satire getrost vergessen.

  98. Der Außenseiter on September 1st, 2011 at 20:00

    @ NARROW MARGIN

    Peter Hyams ist ein ähnlicher “Professional” wie Richard Fleischer. So wie Robert Altman kommt er von der Dokumentation, nur entschleunigt er nicht wie dieser, sondern trimmt auf Hochgeschwindigkeit. Sein Spielfilmdebut gehört zu meinen liebsten Kindheits- und Jugendfilmen. DIE SPUR DER GEWALT mit dem diametral besetzten Paar Elliot Gould (1,93m) und Robert Blake (1,65m). Ein Traum von einem Cop-Film, mit einer der tollsten Kameradollyfahrten, die ich kenne. Mit Hyams kann man eigentlich nie viel falsch machen.

  99. Mr. Vincent Vega on September 2nd, 2011 at 06:12

    Oh, ich brauche dann ja gar nix mehr zu THE INNKEEPERS schreiben, weil Du das für mich mit diesem sehr schönen und persönlichen Text bereits getan hast – aus dem genau die Leidenschaft spricht, die auch ich für den momentan besten 31jährigen Regisseur der Welt empfinde. :)

    PS: Die Müllsackszene ist wahrlich ein Highlight. In meiner Vorführung gab es dafür sogar Szenenapplaus.

  100. Christoph on September 3rd, 2011 at 06:07

    @ Der Außenseiter:

    Ich kenne offenbar tatsächlich nur diesen einen Film von Hyams aber davon ausgehend würde ich sagen, dass er sehr viel besessener ist von dem, was er tut, als Richard Fleischer. Und Hochgeschwindigkeit gibt es in NARROW MARGIN zwar auch ordentlich (vor allem die Flucht im Auto, den Berg runter – eine der besten Actionszenen, die mir dieses Jahr bisher unter die Augen gekommen sind), aber in erster Linie hat mich die unbesiegbare Ruhe und der fantasievolle Rhythmus beeindruckt, mit der hier Erzählokonomisches heimgehämmert wird. Im Kino, einer Kunstform die vielleicht mehr als alle anderen von dem Zeitgeist beherrscht wird, innerhalb dessen sie sich jeweils offenbaren muss, ist es schwer zu umreißen, wann ein Film “klassisch”, also zeitlos ist. NARROW MARGIN ist für mich aber ein solcher Film, man könnte ihn problemlos ins Jahr 2011 oder in die 50iger verpflanzen (irgendwie interessiert mich das Original gar nicht, wenn ich ehrlich bin).
    Auf jeden Fall werde ich nicht umhin kommen, mir mehr von ihm anzusehen – glücklicherweise sind die DVDs seiner Filme oft sehr günstig (weniger gefragte Major-DVDs eben) und Sano hat mir umsichtigerweise schon OUTLAND geliehen.;-) Am meisten würde mich eigentlich sein jüngster Film BEYOND A REASONABLE DOUBT reizen, einfach um zu sehen, um noch Ultrakunst-Rückstände darin zu finden sind, auch in den modernen Produktionsmühlen. Zumindest hat er dort immer noch selbst die Kamera geführt, wie auch bei NARROW MARGIN. Ansonsten gehört THE RELIC zu den 90iger-Mainstream-Hits, die ich aus “Bildungsgründen” wohl ohnehin irgendwann noch sehen hätte müssen.
    (Oder auch nicht. Jetzt aber bestimmt.;-) )

    @ Mr. Vincent Vega:

    Kannst du dir nicht mal angewöhnen, dir einen einheitlichen Nick für Kommentare auf anderen Blogs anzugewöhnen, du Schlamper?
    Na ja. Ich würde jedenfalls trotzdem gerne einen Text von dir zu THE INNKEEPERS lesen, um deine “in cinemenschlicher Restgeilheit befreit hingewichste Fanboy-Onanie”, wie Alex S. es kürzlich so unvergleichlich ausdrückte. Außerdem komme ich mir schon ganz seltsam vor, so formalistisch wie mein Kommentar zum Film sich liest. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass das die ausgeprägte Emotionalität meines persönlichen Erlebnisses mit dem Film nicht wirklich einfasst sondern auf eine vielleicht doch zu mittelbare Ebene hievt. Ist ja auch kein Text, nur ein STB-Kommentar.;-) Das betrifft jetzt aber, bevor die anti-meinungsfaschistische Paranoia-Polizei S.A.N.O. wieder daher kommt, viel mehr meine Unzufriedenheit mit dem Kommentar als mit deiner Reaktion. Denn selbstverständlich hätte ich dem Film lieber einen “richtigen” Text beschert.;-)
    Aber es freut mich, dass wir schon wieder zärtlich am Schmusen sind. Nach Jahren erbitterter Grabenkämpfe nimmt sich die ganze jüngstge Konsens-Knutscherei zwischen uns beiden schon sehr surreal und dekadent aus. Wo sind sie nur hin, die mit Hammerköpfen bewehrten Fühler der Regenbogenschnecke? Ich kann es nicht mehr hören, ihr “Kling-kling, kling-kling!“.

  101. Der Außenseiter on September 3rd, 2011 at 10:38

    @ Christoph

    Da unterschätzt Du Fleischer. Er war vom Filme machen genauso besessen wie jeder gute Regisseur seines Kalibers. Sonst hätte er sich nie gegen die unmöglichen Produktionsumstände unter Howard Hughes bei der RKO durchsetzen können. Für NARROW MARGIN (1952) wollte man ihm nicht nur keinen Waggon oder ein Modell o.ä. zur Verfügung stellen, sondern nicht mal stock footage von Zügen. Er hat den Film trotzdem gemacht und was für einen. Als die Produzenten forderten, dass bei der Spielfilmbiographie CHE GUEVARA keine politischen Implikationen vorkommen sollen (absurd) drehte er den Film trotzdem. Auch einen Film auf der literarischen Grundlage von Polizeiberichten zu inszenieren, POLIZEIREVIER LOS ANGELES-OST, zeugt davon. Fleischer steht in der Tradition eines erzählökonomischen Prinzips eines Howard Hawks und Raoul Walsh. Direkt beeinflusst von Hitchcock und Zinnemann. Mein “Hochgeschwindigkeitsargument” bezog sich darauf, dass Hyams sehr gut aus seiner erzählerischen Ruhe ausbrechen kann. Siehe auch UNTERNEHMEN CAPRICORN. Mit OUTLAND hat Hyams ja dann ein Weltraum-Remake von Zinnemanns 12 UHR MITTAGS gemacht, womit der Kreis zu Fleischer wieder geschlossen wäre. Hyams ist jedoch spontanes, trotzdem plausibles Dynamisieren aus der Erzählung heraus wichtiger.

  102. Der Außenseiter on September 3rd, 2011 at 13:21

    Nachtrag:

    Inwiefern sich meine letzte Aussage auf der technischen Ebene wiederfinden lässt, erwähnst Du ja schon. Hyams führt gerne selbst die Kamera. Zuletzt bei UNIVERSAL SOLDIER: REGENERATION, bei dem sein Sohn Regie geführt hat. Eines der interessanteren B-Movies aus dem Actionbereich der letzten Jahre.

  103. Mr. Vincent Vega on September 3rd, 2011 at 13:51

    Kannst du dir nicht mal angewöhnen, dir einen einheitlichen Nick für Kommentare auf anderen Blogs anzugewöhnen, du Schlamper?

    ?

    Bin doch immer Vega. So kennt man mich, so liebt man mich.

  104. Christoph on September 6th, 2011 at 08:39

    @ Der Außenseiter:

    Vielleicht nehme ich mir bzgl. Fleischer tatsächlich zuviel heraus, da ich noch nicht allzu viel von ihm kenne, ihm allerdings einerseits einen Lieblingsfilm meiner Kindheit (20000 LEAGUES UNDER THE SEA – oder verwechsle ich den gerade mit JOURNEY TO THE CENTER OF THE EARTH? Oje. Alles Kindheit, alles Schwarzweiß. Welcher war der mit den Riesenpilzen?) und andererseits eines meiner irritierendsten Erlebnisse mit einem “alten” Studiofilm überhaupt beschert hat (mit THE BOSTON STRANGLER). Wenn ich Letzteren einmal im Kino sehen könnte (und alles andere geht eigentlich bei diesen “Reisfeld-Bildern” – dafür gibt es inzwischen, im Zeitalter von Peter Greenaway, einen eigenen Begriff, aber ich habe ihn vergessen), wäre es vielleicht um mich geschehen.
    Bezüglich Hyams gebe ich dir Recht – würde beinahe noch ein Stück weiter gehen und behaupten, dass “Erzählen” bei ihm etwas beinahe Organisches hat.

    EDIT: Schade, ich sehe gerade Bilder von Riesenpilzen aus JOURNEY TO THE CENTER OF THE EARTH. Also doch keine Fleischer-Kindheitserinnerungen.

    @ Mr. VV:

    Nein, bist du nicht. Manchmal Rajko Burchardt, manchmal VV. Aber ich verstehe schon – Schizophrenie ist sexy.;-)

  105. Sano Cestnik on September 6th, 2011 at 13:05

    Zu Fleischer gibt es auf Oliver Nödings Blog zur Zeit eine wunderbare Besprechungsreiche. Kenne selbst auch nur 3 Filme, von denen ich mich nur mit RED SONJA ausgiebiger beschäftigt habe. Mea culpa.

    @Christoph

    Wird es zu WHITE OF THE EYE noch in absehbarer Zeit ein paar Worte von dir geben? Wollte mich dem Cammellschen Schmal-Werk ja schon seit Eeeeeeewigkeiten nähern, bin aber über eine zufallsbegegnung mit PERFORMANCE ja bisher leider nicht hinausgekommen. Bist du auf den Film übrigens über Grafs Text gekommen? CAMMELL hat übrigens mit Brando einen (Schund/Groschen?)-Roman verfasst, der erst nach beider Tod veröffentlicht werden sollte, und seit einiger Zeit die Regale deutscher Buchhandlungen schmückt. Da lohnt es sich vielleicht auch, einen näheren Blick hinein zu werfen. ;-)

  106. Alexander S. on September 6th, 2011 at 19:30

    Wow, das so eine Reaktion noch aus dir herausgekitzelt werden kann! Muss WHITE OF THE EYE dringendst sehen, zumal ich schon Cammels mit dem Bildervirtuosen Nicolas Roeg entstandenen PERFORMANCE, sowie auch den minimal trashigen – aber das positiv – DEMON SEED sehr schätze. Bitte schreib nichts mehr dazu Christoph, das ist so Aussage genug, suuuper!

    Bei CALIGULA hätte ich ja eigentlich eine höhere Wertung von dir erwartet, zumal du die gleichen Qualitäten wie ich darin siehst. Das ist wirklich DER Schangel-Blockbuster und als solcher hat er mich viel zu sehr in Bann gezogen, als dass ich überhaupt auf den Drehbuchschlock geachtet hätte, den ich vermutlich als narratives Hintergrundrauschen hinter dem ganzen schönen Porno-Pomp wegrezipiert habe. ;)
    Zu den besten Szenen gehört natürlich auch die von dir hier nicht aufgelistete, mir gegenüber aber schon am Telefon erwähnte “Hochzeitsnacht”-Szene, die wir hier allerdings nicht durch Explikation verderben wollen… ^^

  107. Simon Frauendorfer on September 7th, 2011 at 17:09

    Ich ergreife hier mal die Gelegenheit, um auf Richard Fleischers fast vergessenen Film MANDINGO aufmerksam zu machen. Die Schwierigkeiten mit den Produzenten im Rahmen von CHE GUEVARA waren mir nicht bekannt, aber es passt perfekt zu dem Bild, das ich von Richard Fleischer habe. Auch MANDINGO wurde von einer ganzen Reihe namhafter Regisseure abgelehnt bevor Dino De Laurentiis doch noch Fleischer verpflichten konnte. Es erforderte schon eine ganze Menge Mut, Kyle Onstotts vor Sleaze triefendes Buch für die Leinwand zu adaptieren. Das Ergebnis ist mehr als beachtlich: Ein überdimensionales Südstaaten-Drama, das trotz seiner breiten Palette an spektakulären menschlichen Grausamkeiten nicht vergisst, die Mechanismen dieser Epoche und dieser Sklavenhalter-Gesellschaft schonungslos offenzulegen, um somit – entgegen seinem Ruf als reines Schreckenskabinett – eine niederschlagende Wirkung zu entfalten.

    Für mich wird es in nächster Zeit wohl mehr Fleisch(er) geben. Sorry, aber der musste sein :-)

  108. Christoph on September 8th, 2011 at 22:02

    Liebe, verehrte, hochgeschätzte Kommentatoren meines Sehtagebuches,
    da ich an einem finsteren Ort verweile, wo Internet ein Luxusgut darstellt, wird eine Antwort noch etwas auf sich warten lassen.
    Mit nebligen Grüßen,
    C. R. Savoy

  109. Mr. Vincent Vega on September 13th, 2011 at 00:27

    Jetzt zitiert er sich auch schon selbst. The Wahnsinn is coming.

  110. Mr. Vincent Vega on September 13th, 2011 at 14:50

    Na ja, mal abgesehen, dass Du LES AMOURS IMAGINAIRES hier offenbar als Projektionsfläche für eine akute Misanthropie missbrauchst, hat der Film ganz klar den Bonus verdient, dass Xavier Dolan zur Zeit der heißeste Typ der Welt ist. :D

    Ansonsten Zustimmung, hatte mich ja auch über den Film ausgekotzt bei mir. Dass die meisten sowas auf den Leim gehen – geschenkt. Und ist ja auch nix neues.

  111. Silvia Szymanski on September 14th, 2011 at 13:16

    Das hört sich nicht gut an für den Film. Da sehe ich lieber dieses Bild vor mir von einem Mann allein im dunklen Kino, Orangensaft am Ohr, der leidet, weil er „Was du nicht siehst“ nicht sehen kann.

  112. Mr. Vincent Vega on Oktober 6th, 2011 at 15:09

    Wann kommen denn endlich Deine unabdingbaren 9 Punkte für Carpenters THE WARD?

  113. Christoph on Oktober 6th, 2011 at 20:38

    Unabdingbar, bei Carpenter? Du musst da (wieder mal) irgendetwas durcheinander bringen, ich bin (noch) kein Carpenter-Fanboy. Meinst du vielleicht den ehrenwerten ET-Kollegen und Carpenter-Fanboy extraordinaire Alex P.?

    Abgesehen davon habe ich den Film noch nicht gesehen. Und habe irgendwie auch keine Lust auf die deutsche Synchro und eine Digitalprojektion (anders läuft er hier nicht – doppeltes Leid). Und verspreche mir davon auch nicht viel, ungeachtet des Tim Lucas-Zitats, von dem ich mich in erster Linie “allgemein” in meiner Rezeption von “Meisterregisseuren” und weniger im Bezug auf Carpenter verstanden fühlte. :-)

  114. Mr. Vincent Vega on Oktober 7th, 2011 at 01:37

    Na gut. :D

  115. Silvia Szymanski on Oktober 18th, 2011 at 20:35

    Ja, Harald Leipnitz (“Ich schlafe mit meinem Mörder”)… Ich kann dich verstehen, Christoph. Hier ist zum Beispiel ein Lied von Uschi Glas mit Ausschnitten von ihm und ihr – die deutsche Version von „Love grows where my Rosemary goes“ von Edison Lighthouse. Der Clip ist nix besonderes, aber Leipnitz hat in diesen blitzartigen Ausschnitten einen hm, lässig selbstbewussten, aber auch etwas schmierigen? Machocharme (alles falsche Wörter, irgendwann durch richtige ersetzen), der auch mir aus dunklen Gründen gefällt. Aber der Song ist heavy zu hören für mich, denn etwas an dieser Melodie (schlimmer aber bei der Originalversion) lässt regelmäßig mein Herz übergehen und erinnert mich an einen sehr jungen Mädchentraum vom Leben, den ich nie aufgeben und nur höchst selten leben konnte. Ach, will nicht jammern. So geht`s allen. http://www.youtube.com/watch?v=58aO2r9Q0Ww

  116. Mr. Vincent Vega on Oktober 22nd, 2011 at 00:49

    Wie kann man sich bitte LAST HOUSE ON THE LEFT auf Deutsch anschauen? Sakrileg.

  117. Christoph on Oktober 22nd, 2011 at 07:46

    Das kann man, innerlich lauthals murrend und blutenden Herzens tun wenn man nach 15 Minuten zu dem Schluss kommt, von dem einigermaßen blechernen Originalton (das 16mm-Syndrom) ohne Untertitel nicht ausreichend viel verstehen zu können, gerade von dem, was man besonders gerne verstehen würde (die Nebensächlichkeiten und den Sleaze und so). Es war mir ein Graus, aber ich neige leider dazu, mich total aufzuregen, wenn ich nicht mindestens 95 % verstehe (SUSPICION habe ich z. B. diese Woche ohne Untertitel gesehen, ein Klacks) – immerhin ist die deutsche Synchro dankenswerterweise irritierend hochkarätig und glänzt u. a. mit Christian Brückner auf David Hess und, wie ich gerade in der Synchronkartei sehe, die Stimme von John Malkovich und Mickey Rourke auf “Junior” Marc Sheffler o__O. Trotzdem ätzend, ich hatte ständig das Gefühl, etwas ganz Falsches zu tun, gerade bei diesem Film, dessen Sinnlichkeit und krude Musikalität unter einer Synchronisation unweigerlich leiden muss. Ich kann dich aber dahingehend beruhigen, dass der Film trotzdem erheblich in meiner Gunst gestiegen ist.

    @ Silvia:

    Es ist nun nicht so, dass ich Leipnitz außerordentlich sexy finde, aber als Typ fasziniert er mich enorm und als Schauspieler ist er von einer, hm, “interessanten Flüchtigkeit”. Seine Filmographie in den 60igern ist unglaublich, da sie immerhin von Extremen wie Edgar Wallace und Karl May bis zu Will Tremper und eben Marran Gosov reicht, letzterer der großartige Regisseur des mir leider noch unbekannten DER KERL LIEBT MICH – UND DAS SOLL ICH GLAUBEN, aus dem die Filmszenen in dem von dir verlinkten Clip stammen. Auf mich wirkt er immer ein wenig wie jemand, der einmal aus tiefer Überzeugung ein Rowdy gewesen ist, dem man dann irgendwann einen Anzug angezogen hat und der deshalb ständig eine Aura der gehemmten Aggressivität und kryptischen Manie um sich hat, die das spießige Outfit nicht so recht verdecken kann, wie ein Hund, der ein Halsband abzustreifen versucht – ein erfrischender und in gewisser Weise auch zeitloser Kontrapunkt zu den meisten anderen, miefigeren (und kaum je so widersprüchlichen, sperrigen) männlichen Stars dieser Zeit – sowohl in seinen zahlreichen (und fast immer imposanten) Auftritten als Bösewicht oder Unsympath wie auch in seinen wenigen Hauptrollen als charmanter “leading man”. Und seine Stimme…Weil du lässig schreibst – das hat er meinen bisherigen Kenntnissen nach nur bei Gosov so gezeigt, der Leipnitz mehr oder minder für eine kurze Zeit noch einmal zum Topstar gemacht hat, als dessen Karriere eigentlich schon am Schrumpfen war. Harald Leipnitz als unverschämter und unersättlicher Schürzenjäger in BENGELCHEN LIEBT KREUZ UND QUER dürfte jedenfalls viele sehr erstaunt haben.
    Dir würde bestimmt DIE ENDLOSE NACHT gefallen – nicht nur wegen Leipnitz, der dort eher eine seiner “charakteristischen”, fiesen Rollen spielt, sondern insgesamt, als einsamer Film über einsame Menschen in einem einsamen Flughafen, in einer einsamen Nacht.

  118. Mr. Vincent Vega on Oktober 22nd, 2011 at 13:33

    Wie, stand der vorher tiefer bei Dir? Dachte Du hättest ihn jetzt eher runtergestuft, da mir 8/10, gerade bei Deinem Bewertungssystem, viel zu niedrig vorkommen. Aber gut, wusste nicht, dass Du den Film vorher offenbar nicht mochtest (noch mal Sakrileg :D ).

  119. Christoph on Oktober 24th, 2011 at 08:16

    Obwohl ich es dir zwischenzeitlich am Telefon zum gefühlt 10 000. Mal erklärt habe, noch einmal auch für alle stillen Mitleser: 8/10 vergebe ich an einen Film, den ich “sehr gut” finde, allerdings mit kleinen, jedoch mitunter sehr prägnanten Einwänden. Oder aber, was auch oft zur 8 führt: Ich konnte mein Urteil nicht vollständig abschließen, habe es aber auch nicht weit genug unvollendet belassen, um es nicht zu “vollziehen”. LAST HOUSE ON THE LEFT ist ein sehr guter und sehr politischer Film (lol), dem Letzteres zuteil geworden ist. Davor stand er übrigens bei 7/10, sprich: Es gab *noch* konkretere Einwände oder *noch mehr* Unentschlossenheit. Wie Sie sehen, sehen Sie nichts, wenn sie derartige “Erklärungen” provozieren. :-)

  120. Mr. Vincent Vega on Oktober 25th, 2011 at 03:14

    Besonders politisch sind die beiden Dorfpolizisten, die in Zeitraffer zu lustiger Musik auf der Landstraße umher hoppeln.

    Klares Meisterwerk. R.I.P., Krug.

  121. Silvia Szymanski on November 3rd, 2011 at 19:58

    @Bijou: Ich hab ihn bei Hard Sensations zu verhalten besprochen, obwohl ich schon ahnte, dass dieser Film im Kopf noch weiter wachsen würde. Ist inzwischen mein liebster Film mit nackten Männern. IST aber auch schwer zu beschreiben, was, außer seiner schönen und ausdrucksvollen Physis, dieses sehr Besondere an Bill Harrison ausmacht. Ich finde diesen Film so, hm, erwachsen, aber was meine ich damit? Vielleicht, dass er sich nicht verbiegt und Sexualität nicht kleiner oder künstlicher macht als auch ich sie sehe. Und der Film findet nur ein Minimum an Konstruktion und Rolle nötig, keine Witze, keine Spiele, nicht mal Schmerz und Abgrund, nur diese spezielle Atmosphäre um einen Mann, der allein und etwas traurig mit sich im Reinen ist. Er bleibt so schön ein Rätsel. Die undramatische Sehnsucht, die Harrison ausdrückt, wenn er wichst, hat nichts Gemachtes und Gespieltes. Ich glaub, es ist das Menschenbild, das ich an diesem Film sehr mag. Aber ich muss jetzt schon wieder aufgeben; es lässt sich von mir immer noch nicht in Worte fassen.
    @Heiße Ernte: Der Filmdienst ist echt ein treuer Jagdgenosse;-) Lustig, wie er jeden Film mit seinen knappen, harten, trockenen Schwarzbrotworten schon ganz richtig umreißt und dann sein unerbittliches Urteil fällt und warnt. Hat irgendwie auf strenge Weise Sex.
    @Vor Sonnenuntergang: Wie die Worte wieder aus dir herausbrechen, Christoph :-) – großartig, und so wahr, was Hans Albers betrifft, und also vielleicht auch den ganzen Film, den ich nicht kenne, mir aber nun ziemlich phantastisch vorstellen kann. Scheiße, ich will dir huldigen und weiß nicht wie.

  122. Sieben Berge on November 4th, 2011 at 23:26

    James Cagney “quasimodisch”? Ist das wirklich so? Gut, Edward G. Robinson war seit “Der kleine Cäser” eben EGR und meinetwegen Quasimodo-Genie, aber trügt mich meine Erinnerung den so sehr, wenn sie den jungen Cagney ganz anders in Erinnerung hat, durchaus auch als Mann der leichten Muse?

  123. Christoph on November 6th, 2011 at 18:17

    @ Silvia:

    Du hast mir letztes Wochenende ja nun wirklich ausreichend gehuldigt, mehr oder elaborater wäre nur beschämend für mich.;-)
    Die richtigen Worte zu finden, das fällt ja auch mir immer sehr schwer, bzw. eigentlich sogar zunehmend schwerer. Zu BIJOU hätte ich vielleicht einen eher sachlichen Text unter den Gesichtspunkten “queerer Popkultur” und “interaktivem Pornogucken” schreiben können, aber meinen Gefühlen und Gedanken, auch meiner Erregung, während der Sichtung hätte das nicht entsprochen. Interessant, dass du die Masturbationsszene so besonders hervorhebst – auch für mich der heimliche Höhepunkt des Films, ohne dass ich wirklich herausschälen könnte, was genau ich daran so großartig finde. Ihre Stimmung, das Charisma der Figur…. Obwohl ich “Baby, I’m gonna leave you” und “Dazed and confused” von Led Zeppelin abgöttisch liebe, glaube ich nicht, dass es nur daran liegt. Es fühlt sich in diesem Moment einfach absolut richtig an, dass Bill Harrison nach Hause in seine ranzige, kleine Wohnung kommt, sich in seinen Jeans und seinem karierten Hemd aufs Bett lümmelt und dann etwas gelangweilt anfängt, sich einen runterzuholen. Nicht wie das “unvermeidliche Schicksal” einer Porno-Figur.
    “Er bleibt so schön ein Rätsel. Die undramatische Sehnsucht…” – Das drückt doch eigentlich schon Vieles aus. Ich mochte übrigens auch die zweite Hälfte des Films sehr, auch wenn ich mir einige Male dachte: “Das müsste jetzt noch stilisierter sein, noch mehr auf Monument getrimmt, noch mehr dem Fragilen dieser Situation mit Bildern entgegenkämpfend”. Und diese kurze, kleine, flüchtige Schlusssequenz…
    Im Endeffekt mein bisher reichstes Erlebnis mit einem “golden age”-Schwulenporno, auch wenn ich dieser bisher noch nicht viele gesehen habe – in dieser Hinsicht bist du mir vermutlich schon meilenweit voraus.;-) Beklagenswert ist das – ich habe sicherlich schon mehr als doppelt soviele Hetero-Pornos aus dieser Zeit gesehen. Wirklich schade, dass Wakefield Poole offenbar nur einen derart versessenen Film gedreht hat.

    RE: Filmdienst: Die unterschwellige Missliebigkeit über “Unschicklichkeiten” und “vorgetäuschtes Verständnis” in den Filmdienst-Kommentaren zu Hans H. Königs Filmen lässt erahnen, dass HEISSE ERNTE vielleicht nur eines von mehreren herausragenden Erzeugnissen dieses Regisseurs sein könnte. Ich hoffe, dass sich, woher auch immer, noch einige seiner anderen Filme offenbaren.
    Der Filmdienst schrieb über VOR SONNENUNTERGANG (den ich zugunsten von HEISSE ERNTE etwas heruntergestuft habe – im Endeffekt aber völlig egal) übrigens, der Film sei “ein Beispiel des bildungsbürgerlichen deutschen Nachkriegskinos” und “bedeutungsschwanger”. Ich kann all das zwar nachvollziehen, letztlich siegt in dem Film aber für mich ein über die Grenzen theatralischer Biederkeit hinausgehender Exzess, sogenannter “Camp”, allerdings im Guten (ach, was heißt im Guten? Ich liebe “echten” Camp) – nicht so, dass er den emotionalen Kern des Ganzen angreifen würde. Oder, vielmehr: Erstaunlicherweise ist dieser Kern zu mir durchgedrungen, obwohl mich das etwas verzweifelte Chargieren von dem steindeutschen Albers, den ich sonst nie allzu sehr mochte, auch belustigte.

    @ Sieben Berge:
    Wie jung?;-) Zuletzt habe ich Cagney in Henry Hathaways ziemlich ätzender Propaganda-Spätlese (bzw. revisionistischem Nachkriegsfilm?) 13 RUE MADELEINE von 1948 gesehen und dort erschien er mir bereits außerordentlich quasimodisch. Vermutlich schon eine seiner späten Rollen, ich bin über seine Karriere nicht ausreichend unterrichtet. Seinem Gesicht würde ich, hm, sensiblere Nuancen durchaus zutrauen, aber zumindest in den Rollen, in denen ich ihn bisher gesehen habe, musste er immer den feisten Scotchman mit gedrungener Mächtigkeit geben.

    “EGR”… “The Duke”… Oh Mann. Aschenbecher und Whiskeyflaschen… Da hört wirklich alles auf… %-)

    (PS: Wie Sie sehen, hat sich Ihnen die Bedeutung des Adjektivs “quasimodisch” aus dem Stand heraus erschlossen. Soviel zum Thema “esoterische Privatsprache”!)

  124. Andreas on November 11th, 2011 at 00:36

    Um JAPON beneide ich dich ein bisschen, hätte sehr gerne die Kinogelegenheit genutzt, um ihn endlich zu sehen (ebenso bei den weiteren Assayas-Filmen, wobei bei dir Zeit, Anwesenheit und/oder Lust wohl auch nur noch die sentimentalen Schicksale zugelassen haben?!), er scheint dir ja auch deutlich besser als BATTLE IN HEAVEN gefallen zu haben. Aber da kam ich nicht umhin, noch für Lav Diaz in Wien zu bleiben. In dessen neuem Film gibt es übrigens einen Dialog, bei dem ich aus naheliegenden Gründen fast vom Stuhl gekippt wäre, denn der beginnt mit “Pretentious is the most abused word in art and film.” und geht dann mit minutenlangen Aufzählungen, für welche Haltungen und Ansichten man sofort als prätentiös abgestempelt werde, weiter. Heute, wo dieses von gewissen Personen einst zweifellos “most abused word” nun in unseren Kreisen zum Glück längst völlig ausgezuzelt und gewissermaßen zu einer entleerten und gleichfalls beliebig aufladbaren Hülle und zum (manchmal fast sympathischen) Allerweltssynonym geworden ist, kann man darüber entspannt schmunzeln. Vor ein paar Jahren wäre dieser Dialog aber zweifellos mit offenen Armen empfangenes, verständnisvolles, wohltuendes Balsam gewesen. :)

  125. Mr. Vincent Vega on November 11th, 2011 at 21:59

    Bist Du eigentlich in der Zeit gereist, Christoph? :D

  126. Christoph on November 11th, 2011 at 22:20

    Nicht mehr als sonst, denke ich. Wieso?

    @ Andi:

    Solche Dialoge gäbe es in einem Film von mir wohl auch, irgendwie. Die erste Cinemenschen-Screwball-Comedy steht noch aus.

  127. Mr. Vincent Vega on November 12th, 2011 at 02:05

    November /= Oktober. Unravel the mystery!

  128. Silvia Szymanski on November 12th, 2011 at 12:45

    Du meinst in der Zeit GEREIST, nicht in der ZEIT gereist, Mr. Vincent Vega?

  129. Christoph on November 12th, 2011 at 17:28

    Passiert. Ich kopiere immer das Datum des vorherigen Eintrags, weil ich zu faul bin, die ganzen Tags zu tippen.

  130. Chet on November 13th, 2011 at 01:10

    Hach, das freut mich aber, dass du auf die D’Amatos aus den 80ern auch so abfährst! Beweist auch irgendwie schön, dass diese “Erotik”-Streifen weit mehr als nur nackte Tatsachen zu bieten haben – schließlich kann man dich vermutlich nicht so einfach mit einer lasziv agierenden Jessica Moore ködern.

  131. Andreas on November 17th, 2011 at 02:47

    McKenzie goes Ivo Ritzer?! :D

  132. Christoph on November 19th, 2011 at 08:16

    @ Chet:

    Schön, dass du dich auch mal hierher verirrt hast!
    Ja, ich genieße es in vollen Zügen – DIRTY LOVE, AFTERNOON, ELF TAGE, ELF NÄCHTE… sie haben mich, bzw. uns alle in Ekstase versetzt, insbesondere ersterer. Dass ich noch einmal so sehr auf D’Amato abfahren würde, hätte ich nie für möglich gehalten. Vor der Entdeckung dieses reifen, altersschmierigen Spätwerkes konnte ich mit ihm ja nicht wirklich viel anfangen. Der Begriff “Seifenoper” gewinnt hinsichtlich dieser Filme einen ganz neuen, ungeahnten Reiz.

    @ Andreas:

    Hm, ja, Mist, jetzt wo du es sagst… Da Ivo Ritzer über Filme wie DRACULA IM SCHLOSS DES SCHRECKENS nicht zu schreiben pflegt, ist mir das nicht in den Sinn gekommen. Erschreckend.

  133. Sano on Dezember 7th, 2011 at 06:08

    Schön, dass dich ANGEL EXPRESS so beeindruckt hat! Ich habe mir ja schon gedacht, dass er dir von uns allen am Besten gefallen könnte.

    Der bessere LOLA RENNT? Kann sein. Auf jeden Fall der obsessivere, und aus heutiger Sicht auch teilweise interessantere Film. Und wie Kahl seine weiblichen Darsteller filmt und inszeniert zeugt meiner Meinung nach definitiv von großem Enthusiasmus für seine Schauspielerinnen. :-)

  134. Christoph on Dezember 7th, 2011 at 22:25

    Beeindruckt ist das falsche Wort – da steckt schon so eine Ehrfurcht drin, die von mir wirklich nur sehr wenigen Filme aus nicht wirklich nachvollziehbaren (auch für mich nicht) Gründen zuteil wird. ANGEL EXPRESS zu sehen war für mich ein bischen so, wie es sich meinem Empfinden nach meist anfühlt, wenn man jemanden trifft, dessen Welt man eigentlich überhaupt nicht spüren kann oder will, von diesem Jemand überschüttet wird mit Beschreibungen dieser Welt und dann irgendwann merken muss, dass die Persönlichkeit dieses Jemand einen doch irgendwie auf unwiderstehliche Weise für sich eingenommen hat (ein Effekt, der sich beispielsweise bei einem uns bekannten Herrn A. S. bedauerlicherweise nie einstellt, private Anmerkung d. A.), obwohl sie auch Ergebnis seiner Welt ist. Oder so ähnlich. In jedem Fall fließt in dem Film ein Fluss, der auch einige etwas misslungene Momente (zu denen für mich leider irgendwie auch die letzten 5 – 10 Minuten gehören) wegspült oder als Geschmackskomponente ins Gesamtbild saugt. Ich fühlte mich auch eingesogen, auf etwas unangenehm angenehme Weise.

    Enthusiasmus?! Die ET-Sprache bietet glücklicherweise für diese Art von Begeisterung einen adäquateren Term: “Slenthusigasmus”.

  135. Rajko Burchardt on Dezember 23rd, 2011 at 22:09

    Interim

    Oh, Jan hat einen Film mit Stan-Brakhage-Gedächtnistitel gedreht. Wie/wo hast Du den gesehen? Wäre mir übrigens neu, ihn mit Berliner Schule zu assoziieren.

  136. Rajko Burchardt on Dezember 23rd, 2011 at 22:12

    Hobo With a Shotgun
    (Jason Eisener, Kanada 2011) – n/b, DVD

    In der ofdb hast Du ihm 8 gegeben!?

  137. Christoph on Dezember 24th, 2011 at 16:35

    RE: Interim
    War für mich absolut Berliner Schule-esk, aber im Guten. Wo ich den gesehen habe? Ich bin doch offiziell Autor bei Hard Sensations! ;-)

    RE: Hobo With a Shotgun
    Jaja, in der OFDB bewerte ich auch nicht so akribisch und auch manchmal auch etwas weniger ehrlich als hier. Bin mir immer noch nicht sicher, ob ich mir erlauben kann, den Film so zu bewerten, wie es mir mein Bauch befiehlt (das wären dann wohl eher 9/10, welche Schande). Unfassbar, das Ding.

  138. Paul on Dezember 25th, 2011 at 13:15

    Haha, Trash Humpers am Heiligabend, das ist geil. :) Hätte ich eigentlich auch 9/10 geben können, aber naja…scheissegal: KULTFILM. :)

  139. Lukas on Dezember 30th, 2011 at 12:18

    was ich hier schon lange mal reinschreiben wollte und was jetzt, wo der entsprechende eintrag verschwunden ist, noch sinnloser ist, aber egal: zu deinem schönen brocka-text, besonders zu dessen letztem satz passt sehr gut ein serge-daney-zitat, das mir so wichtig ist, dass sein erster teil das motto meines blogs geworden ist: “die form ist begehren, der inhalt nur das tuch, in das man uns hüllt, wenn wir nicht mehr sind.”