Lina

Man sagt, ich sei exhibitionisch. Jeder Schauspieler ist das – ich nehme das gerne an. Ich bin keine Heuchlerin.


Lina Romay ist tot. Rosa María Almirall Martínez ist tot. Candice und Candy Coster, Lulú Laverne und Jean Collins sind tot. Schon vor einer Woche gestorben. Am Fünfzehnten. Mit nur 57 Jahren. Was ist das für ein verqueres, für ein ungerechtes und ungeheuerliches Schicksal? Wir können nicht fassen, dass sie nicht mehr da ist. Dass sie nie wieder für ihren genialen Mann spielen wird. Dass sie uns nie wieder mit ihrer Furchtlosigkeit imponieren wird. Nie wieder verwirren wird mit ihrer unverwechselbaren, unbescheiblichen Mischung auf Schüchtern- und Verwegenheit. Dass jetzt schon Schluss ist. Mit melancholischen Vampir-Ladies, listigen Gangstermädchen, damsels in distress, entrückten Einzelgängerinnen und burschikosen Detektivinnen. Dass sie wirklich weg ist. Dass Jesus Franco, 81 Jahre alt, nun ganz allein ist. Dass er die Liebe seines Lebens verloren hat. Und den Engel, die Kurtisane, die Gattin, die Melodie, den Wind, das Fleisch, die Tochter, den Geist und das Lebenselixier seines Kinos, seit 40 Jahren. Wir fühlen auch mit ihm. Du warst immer eine richtige, propere Frau und doch auch ein kleines Mädchen, das mit großen Augen auf die fremden Städte und die bösen Männer guckte. Lina, wir haben auch oft über deine Tollpatschigkeit gespottet. Oder deinen Babyspeck. Aber du hast dich damit vor die Kamera gewagt, no matter what. Ich bewundere und beneide dich dafür. Exhibitionismus als Lebensauffassung, in Würde. Freiheit im Kino, durch das Kino, jenseits des Kinos. Du bist im Kino aufgegangen, hast dich ihm völlig hingegeben, warst die Flamme, die in einem rastlosen Kinoauge brannte. Das Vertrauen und die Leidenschaft, die du und Jesus in einander gefunden habt, hat euer einzigartiges Kino transzendiert. Du wirst uns für immer und ewig präsent sein, in über hundert Filmen, für die wir dir und Jess nie genug danken werden können. Du bist zu einer Frau geworden, ohne die wir nicht mehr sein könnten. Deine Filme füllen unser Herz. Danke, Lina.
Alles Gute da oben,
Christoph



Lina Romay. Danke für deine Filme. Danke dass du mit Franco gedreht hast. Danke dass du ihn inspiriert hast. Danke für 40 Jahre Kino. Ich muss gestehen ich war nie ein großer Fan von dir. Oder das, was man allgemein darunter versteht. Du hast nie zu meinen liebsten Schauspielern gehört, und warst nie ein Grund für mich einen Film zu sehen. All das hat sich jetzt schlagartig geändert. Denn ich erkenne nun: es stimmt nicht. Deine Auftritte bei Franco sind hypnotisch, bezaubernd, verspielt, stoisch, verletzlich, verschroben, unnahbar, direkt. Du hast, was man allgemein bei jedem wirklichen Kinostar entdecken kann: Ausstrahlung und Charisma, Leinwandpräsenz im Überschuß. Und du bist eine Ikone. Für eine Art von Kino, das es inzwischen kaum mehr gibt, und dass es zu jeder Zeit schwer hatte: das Kino der Hingabe. Hingabe an die Figur, Hingabe an die Szene, Hingabe an die Kamera. Ich denke an Schauspielerinnen wie Gena Rowlands bei John Cassavetes, Anna Thomson bei Amos Kollek, Arletty bei Marcel Carné. Denn das Mysterium des Ich, das Selbst das immer zurückbleibt, unaufgelöst, nicht im Film, nicht in der Rolle, nicht unterdrückt, sondern akzeptiert als Teil des Spiels, als etwas Paralleles das sich findet, das sich bestätigt, behauptet und auffüllt mit dem Moment der Entstehung. Dieses gleichzeitige Nebeneinander, das gilt für dein Schauspiel, für deine Existenz auf der Leinwand. Danke für diesen Kunstgriff den man nicht erlernen kann. Den man spüren muss, um ihn intuitiv als Beiprodukt dem Kino zuzuführen. Das ist die Magie. Und das ist vielleicht das wichtigste, als Schauspieler, alles was man geben kann. (Sano)


Ich öffne den Mund – das Meer voll Freude schwillt
Und holt meine Worte – in seine dunklen Tiefen
Und gibt sie weiter – an die kleinen Robben
In den Nächten, da sich quälen – der Menschen Qualen.

Ich schneide mir die Adern durch – die Träume färben sich rot
Und werden zu Äxten – in der Kinder eigenem Reich
Und zu Laken den Mädchen – die wach blieben
Heimlich zu lauschen – der Liebe Geflüster.

Ein Drehbuchseminar mit Charlie Kaufman

Dank eines Beitrags auf dem Blog von Revolver, habe ich mir soeben eine Rede Charlie Kaufmans angehört, in der er sich als Philosoph outet, die mich mich deshalb sehr berührt hat, und die ich auf Eskalierende Träume gerne weiterempfehlen würde. Denn seine Ansichten über Sinn und Zweck des Drehbuchschreibens, die auch Ansichten über Sinn und Zweck des Schreibens an sich sind, des Vorgangs dieser spezifischen Art der Kommunikation mit sich selbst und der Welt, sind grundsätzlich auch meine Ansichten. Wie alle bisherigen Überlegungen Kaufmans die mir aus seinen Drehbüchern und deren Verfilmungen bekannt sind, dreht sich auch hier alles um die Frage der Selbsterkenntnis. Das Drehbuchschreiben ist laut Kaufman, wie jede Art der kreativen Leistung, ein Prozess auf dem Weg dazu. Warum das für andere Leute relevant sein sollte? Weil Kunst Kommunikation ist, und man laut Kaufman sowieso nichts anderes anzubieten hat als sich selbst. Den Zweifel und die Angst als Grundlage und Ausgangspunkt von Kaufmans Überlegungen könnte man zum Wertvollen des persönlichen Ausdrucks transformiert vielleicht mit den Worten von Kierkegaard benennen: Das wahre ethische Individuum ruht mit Sicherheit in sich selbst, weil es keine Pflichten hat, sondern nur eine Pflicht, und weil die Pflicht sich ihm nicht von außen aufdrängt als bloßes Gebot, sondern von innen als der Ausdruck seines innersten Wesens. Das Wort Pflicht zeigt in diesem Kontext wie wichtig und auch schwierig es sein kann, ehrlich zu sein, aber auch wie lohnend es dafür immer wieder ist jemandem zuzuhören, der das versucht. Falls das zu pathetitsch oder monolithisch klingt, kann man die Essenz von Kaufmans Rede aber sicher auch mit Krishnamurti paraphrasieren: Die Suche an sich ist Hingabe, sie selbst ist die Inspiration. In diesem Sinne: http://guru.bafta.org/charlie-kaufman-screenwriters-lecture-video

Aktion deutscher Film #4: Strandgut aus DÖS



Kurz vor Ablauf der ersten Phase der Aktion deutscher Film (auch „DÖS“ für „Deutschland-Österreich-Schweiz“ genannt, weil es nicht im engen Sinne um den deutschen, sondern den deutschsprachigen Filme geht) kommt also auch von mir endlich noch ein Eingangsposting. Erst der unmittelbar bevorstehende Fristablauf forcierte dann endlich das lange aufgeschobene Vorhaben, wenn auch nun ungünstigerweise während des ohnehin im allgemeinen Listen-Overkill und Weihnachtsstress versinkenden Dezember. Immerhin konnte die Liste durch die ewige Verzögerung andererseits noch mit einem guten Schwung besonderer Titel angereichert werden, die ich vor einem halben Jahr noch nicht kannte. Von ET-Seite haben sich bisher (und es wird leider auch niemand mehr hinzu kommen) Sano, das Hofbauer-Kommando und Christoph an dieser unterstützenswerten Aktion beteiligt. Und sie haben dabei zu weiten Teilen in ihren Einleitungen schon viel grundsätzliches erwähnt, das ich im Großen und Ganzen ähnlich sehe.
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Jean-Luc Godard in „The Dick Cavett Show“

Ein Besuch von Jean-Luc Godard im US-Fernsehen Anfang der 80er. Er und Dick Cavett sitzen sich gegenüber, und versuchen so lange innerhalb der Fernsehkonventionen zu reden, wie es ihnen die Sendezeit erlaubt. Oder zumindest Cavett versucht es, während Godard sich manchmal darauf einlässt und sich manchmal entzieht. Aus heutiger Sicht erscheint es mir faszinierend zu sehen, wie ruhig und konzentriert diese Unterhaltung scheint, wie wenig inszeniert, wobei Godard an einem Punkt erwähnt, dass das Fernsehen auch größer und komplizierter geworden ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten, und dass der Aufwand, der um sie in diesem Moment betrieben wird wesentlich komplexer ist als früher. Das rückt unsere momentane Aufmerksamkeitsproduktion im Fernsehen noch einmal in eine andere Perspektive, und zeigt auf, wieviel sich in den letzten 30 Jahren in unserem Verständnis vom Umgang mit Zeit und unserer Bereitschaft sich auf ihr Verstreichen einzulassen wirklich geändert hat. Ungläubig reibe ich mir daher auch die Augen, als Cavett Godard fragt, ob er noch einmal in seine Sendung kommen möchte (bzw. sie noch einmal eine Sendung aufnhemen könnten – ich habe den zeitlichen Zusammenhang in diesen Youtube-Ausschnitten nicht ganz verstanden), damit sie sich noch weiter unterhalten können, da er noch weitere Fragen hätte. Hier also die gestückelten Youtublinks der zwei Sendungen, wobei Teil 2/6 leider fehlt, da er aufgrund eines darin verwendeten Filmausschnitts von Youtube gesperrt worden ist.


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Ist das Ernst Hofbauer?

Ja, wenn man arcor.de Glauben schenken darf. Es würde sich hierbei um die derzeit einzige im Netz kursierende Aufnahme unseres großen „Ernst des Lebens“ (1925 – 1984) handeln, dem Patron des Hofbauer-Kommandos, dem österreichischen Russ Meyer, dem türkischen Blake Edwards und dem Edgar G. Ulmer des deutschen Erotikfilms, auch bekannt als Herb Al Bauer und Ernest Hofbauer:

Ist er es?


Es bleibt zu befürchten, dass sich auch in absehbarer Zeit die mysteriösen Nebelschwaden um die Person unseres Ernst nicht lichten werden – und ewig schwebten die Mythen…

© Bild: Jauch und Scheikowski

Requiescat in pace – Ken Russell

Nachruf und mehr.

Filmemacher in Deutschland

Ein Magischer Moment: Gerade eben in Rudolf Thomes Online-Tagebuch einen Ausschnitt aus dem Making-Of seines neuen Films Ins Blaue gesehen, der bei Youtube hochgeladen wurde. Es geht um Film als Lebensenergie. Ich bin ganz elektrisiert, und freue mich nicht nur erneut auf Ins Blaue sondern auch auf das Making-Of. Wenn es nur halb so intensiv wie dieser kurze Einblick wird, gibt es 2012 vielleicht sogar 2 Filme um Thome zu entdecken.

Black Angel (1946)

Eine der besten Szenen von Black Angel gibt es gleich zu Beginn. Nachdem wir mit Mavis Marlowe die Femme Fatale des Films in einer verblüffend pointierten und ökonomischen Szenenfolge kennenlernen, und zwei männliche Personen eingeführt werden die mit ihr in Verbindung stehen, kommen wir mit dem dritten Mann zum Tatort der nun bereits ermordeten Dame. Die Tür ist angelehnt, und Kirk Bennett, der kurz darauf wegen des Mordes verurteilt werden wird, tritt ins Zimmer. Es läuft Musik, ein Stück namens „Heartbreak“, welches Marlowes von ihr verlassener Ehemann vor längerer Zeit für sie geschrieben hat, und das ihr den Durchbruch zu einer Karriere als Sängerin ermöglichte. Während Kirk im Vorzimmer wartet und das Musikstück zu Ende läuft, um im Plattenspieler gleich noch einmal von vorne zu beginnen (eine hypnotische Großaufnahme, von denen es im Film noch mehrere geben wird) Weiterlesen “Black Angel (1946)” »

The Good, the Bad and the Ugly – Ode an die Vergessenen

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