The Good, the Bad and the Ugly – Ode an die Vergessenen





Keiner kennt euch mehr. Nicht, dass ihr damals viel bekannter wart, als ihr noch im Geschäft wart. Aber damals wart ihr wenigstens noch im Geschäft.
Ihr wart nie Celebritys. Auch wenn ihr in Filmen neben Leuten wie Adriano Celentano oder Lucio Fulci zu sehen wart (die im Grunde auch keiner mehr kennt), so hattet ihr nie deren Fame. Ihr seid die großen Unbekannten. Ihr seid in weiten Teilen lebensgroße Fragezeichen, dazu da, übersehen zu werden.
Ihr seid Schauspieler – vielleicht wart ihr auch bloß in obskuren Filmen zu sehen. Ihr hattet Großes vor – vielleicht wolltet ihr aber auch bloß eure Miete bezahlen. Ihr hattet Charisma. Vielleicht hatte das mal jemand zu euch gesagt – und euch unwissentlich in euren Job getrieben.

Wer kennt dich heute, Fernando Arcangeli? Ich habe dich in Joe D’Amatos Sesso nero gesehen, und dich nie vergessen. Du hast Mark Shanon Kopfschmerzen bereitet. Du hast mit einer Frau getanzt, so wie Gott dich schuf, nur mit goldenen Stiefeln bekleidet. Du hast auch versucht, Sex mit zwei Frauen zu haben in Mario Sicilianos Orgasmo Esotico, und man hat dir angesehen, dass das nicht dein Ding war. Das Ding des Zuschauers ist es auch nicht, aber Siciliano ist, ebenso wie D’Amato, ein Schelm. Und du torkelst durch die Filme wie eine grazile Katastrophe in goldenen Discoboots. Arcangeli, du bist genauso himmlisch wie dein Name.

Wer kennt dich heute, Gianni Magni? Die italienische Wikipedia-Page sagt, du bist ein Komiker und Musiker. Nun, ich kenne dich als „Jack the Ripper“ in Mario Bianchis „Schneefittchen und die 7 Sex-Zwerge“, ich habe dich nie vergessen. Deine Mimik ist phänomenal, dein Gesicht eine Kreuzung aus Donald Sutherland und Joe Spinell, und dein überzogenes Spiel spottet jeder Beschreibung. In Asso hast du den italienischen Macho schlechthin erschossen- du ließest dich nicht davon abbringen, denn du warst ein „ehrlicher Killer“. Magni, du hast mein Herz gerippt.

Wer kennt dich heute, David L. Thompson? Du hast einen einzigen Filmcredit aufzuweisen, aber was für einen! Du warst der Psychiater Egon Schwarz, der Lucio Fulci höchstpersönlich in den Wahnsinn treiben wollte. Wie könnte ich dich jemals vergessen? Du siehst aus wie ein physischer Doppelgänger Freuds, aber, welch Ironie, du bist derjenige, der auf die Couch gehört. In Nightmare Concert hypnotisierst du Fulci, und redest ihm ein, schlimme Morde begangen zu haben, die alle auf dein Konto gehen. Dein Regencape steht dir unheimlich gut.
Wenn man dich googelt, kommt man zu keinem Ergebnis, obwohl man auf einen Professor der Philosophie namens David L. Thompson stößt, der dir verdächtig ähnlich sieht. Bist du tatsächlich ein Professor, der ein einziges Mal aus dem akademischen Alltag ausbrechen wollte, um sich mal so richtig auszutoben? So oder so, du bist Egon Schwarz, der wahnsinnigste Psychiater der Filmgeschichte. Thompson, du bist irre.

Eure Filme verstauben in den Archiven. Und ihr selbst seid wohl auch nicht mehr am Leben. Aber ich habe euch nicht vergessen. Das kann ich auch nicht mehr. Denn ihr habt mein Herz berührt. Ihr habt mich zum Lachen gebracht. Ihr habt mich zum Weinen gebracht. Manchmal beides gleichzeitig. Wer immer einmal zu euch gesagt hat, ihr solltet zum Film, ist sehr weise gewesen. Denn ihr gehört nicht nur zum Film- ihr seid Film.

Dieser Beitrag wurde am Sonntag, Oktober 2nd, 2011 in den Kategorien Ältere Texte, Blog, Essays, Filmschaffende, Sven Safarow veröffentlicht. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können diesen Beitrag kommentieren, oder einen Trackback von ihrer eigenen Seite setzen.

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