Nachfolgend eine etwas umfassendere Vorschau auf zwei kommende, überregional bedeutende deutsche Filmfestivals: die im Februar stattfindende Berlinale und die an drei März-Wochenenden durch sieben deutsche Städten tourenden Fantasy Filmfest Nights.
Zu letzterem Festival sind auf der Homepage von den insgesamt acht (an zwei Abenden gezeigten) Filmen bereits die ersten vier bekannt gegeben worden (wobei die bisherigen Titel überwiegend den Anschein von eher konventioneller Thriller/Horror-Kost machen und mich einzig THE GOOD, THE BAD, THE WEIRD wirklich anspricht, den ich mir, obwohl ich bei den letztjährigen Nights von SUKIYAKI WESTERN DJANGO ziemlich enttäuscht wurde, wohl nicht entgehen lassen werde, denn letztlich gilt halt dann im Zweifelsfall doch, dass ich alles, was irgendwie nach Western aussieht, nach Möglichkeit gerne im Kino sehe, weil man dazu im Allgemeinen mittlerweile sowieso nur noch viel zu selten Gelegenheit hat), die überraschend hinzugefügte Kartenpreisangabe für 3-D bei einigen der Städte lässt darüber hinaus eine Aufführung von MY BLOODY VALENTINE 3D als indirekt bestätigt erscheinen, was allein wegen des Formats durchaus eine spannende Sache wäre (ich bin vor allem neugierig, wie Real D im Vergleich zur Doppelprojektion alter 3D-Filme wirkt). Immer unwahrscheinlicher wird dagegen wohl leider, dass EMBODIMENT OF EVIL (ein neuer Coffin-Joe-Film!) und BLACK DYNAMITE (der Trailer verspricht eine stilechte Blaxploitation-Hommage) im Programm auftauchen, auf die ich gehofft hatte und die ich mir in vieler Hinsicht auf den FFF-Nights gut hätte vorstellen können. Aber vielleicht gibt es unter den noch nicht bekannten Titeln ja noch Überraschungen. Für aktuelle Informationen zu den Nights ist die inoffizielle Fan-Seite f3a, das von einem Festival-Mitarbeiter betreute FFF-Unterforum der Plattform Cinefacts sowie der News-Bereich der Horrorpage Blairwitch zu empfehlen. (Nachtrag: während des Schreibens dieser Zeilen ist auf der FFF-Homepage mit LONG WEEKEND bereits ein fünfter Film offiziell angekündigt worden. Rechnet man die sehr wahrscheinliche 3D-Vermutung noch dazu, fehlen nur noch zwei Filme.)
Die Berlinale wiederum wird ihren genauen Spielplan mit den Aufführungszeiten sämtlicher Filme am kommenden Dienstag (27.1.) vorstellen, allerdings sind die Filme der einzelnen Kategorien in den vergangenen Wochen bereits nahezu komplett bekannt gegeben worden. Der Wettbewerb bietet ein paar interessante Namen, ist in seiner Gesamtheit unter filmischen Gesichtspunkten aber erfahrungsgemäß eher durchwachsen (gelegentlich lässt sich zwar Großes dort finden, aber weil bei der Auswahl vermutlich häufig eher Prestige und Themen zählen, ist gepflegtes Mittelmaß oder weitaus schlimmeres allzu häufig die Folge) und ist aus meiner persönlichen Sicht dann doch eher Lückenfüller als Zentralanlaufstelle, schon allein durch den Umstand, dass vergleichsweise viele der dort gezeigten Filme im Verlauf des Jahres auch einen regulären deutschen Kinostart erhalten werden. Das ist wiederum bei den Filmen des Forums deutlich seltener der Fall (und wenn, dann meistens nur mit einer langsam durchs Land tourenden Kopie im Verleih der Freunde der Deutschen Kinemathek), wobei im diesjährigen Programm besonders der südkoreanische Schwerpunkt und die US-Indies (Stichwort: Mumblecore; zu einigen Titeln des Forum-Programms findet sich übrigens eine sehenswerte und neugierig machende Zusammenstellung von Trailern und Interviews auf dem Blog von Thomas Groh) aufmerksam machen und ungewöhnlich viele deutsche Filmemacher vertreten sind (Schmid, Ottinger, Farocki, Heise, Schipper), während einige Projekte von „Forum expanded“ eine spannende Beschäftigung mit filmischer Materialität und den filmischen Grenzbereichen in Richtung Installation und Videokunst versprechen. Etwas schade einzig, dass die Forum-Specials in Sachen ältere Filme und Hommagen (letztes Jahr sehr toll: Kôji Wakamatsu) dieses Jahr offenbar vergleichsweise dünn aufgestellt sind. Liegt vielleicht auch ein bisschen daran, dass dieses Jahr das Panorama zum dreißigjährigen Jubiläum der Kategorie umso stärker mit zahlreichen Specials wirbt. Noch nicht genauer beschäftigt habe ich mich bislang mit dem Programm von Generation, wo die Orientierung aufgrund des manchmal (gerade in den Beschreibungen) etwas irreführenden Zuschnitts aufs junge Zielpublikum nicht immer einfach fällt. Eine feste Bank in diesem Jahr und zweifelsohne persönliche Pflichtveranstaltung Nummer Eins ist indes die 70mm-Retrospektive, die obendrein den Vorteil bietet, dass sich hier schon aufgrund des Formats praktisch jede Vorführung lohnen dürfte (dass man sich indes über Kinoausstattungen, Vorführprämissen und Kopienqualitäten gerade bei diesem Thema ausgiebig streiten kann, beweisen die seitenlangen und leider auch häufig etwas unübersichtlichen Diskussionen und Auseinandersetzungen im entsprechenden Bereich des Filmvorführer-Forums). Die ausgewählten Filme der Hommage an Maurice Jarre sind bislang noch nicht bekannt gegeben worden, neben den großen Leinwandepen von David Lean befinden sich hoffentlich auch einige selten gezeigte Raritäten darunter. Die Sonderreihe „Winter adé – Filmische Vorboten der Wende“ werde ich, obwohl sie einige rare Entdeckungen verspricht, vermutlich weitgehend auslassen und auf das in Aussicht gestellte Nachspiel in kommunalen Kinos hoffen. Im Berlinale Special sind neben einigen aus meiner Sicht verzichtbaren Premieren von ohnehin bereits im regulären Startplan terminierten Großprojekten auch einige interessante neue Spätwerke alter Kino-Heroen wie Rudolf Thome, Manoel De Oliveira oder Ermanno Olmi vertreten. Fehlt bei der Kategorien-Rundschau im Wesentlichen nur noch „Perspektive Deutsches Kino“ und die „Berlinale Shorts“, die aber aus diversen Gründen wohl beide auch 2009 eher außerhalb meines Radars laufen werden. Es scheint, so ist wohl bereits deutlich geworden, dieses Jahr ohnehin eher ein Über- als ein Unterangebot an reizvollen bis unerlässlichen Filmen zu geben (jedenfalls unter der Voraussetzung, dass man ältere Filme und Aufführungsbesonderheiten miteinbezieht).
Noch ein Festival-Hinweis von zwangsläufig nur regionaler Bedeutung: die alljährlichen StummFilmMusikTage Erlangen zeigen kommenden Samstag (24.1.) in einem vorübergehend eigens dafür ausgestatteten Theatersaal drei Stummfilme mit erfahrungsgemäß meist aufwendiger Musikbegleitung (alle zwei Jahre sind es sogar deutlich mehr Filme über vier Tage verteilt, dieser Fall tritt aber erst 2010 wieder ein).
Als ich letzens ein vorbestelltes Buch in der Universitätsbibliothek abholen wollte, musste ich zu meinem Ärgernis feststellen, dass mir mal wieder das falsche geliefert worden war. Autor und Titel stimmten zwar, doch ich hatte extra um die Erstausgabe gebeten. Auf dem Umschlag stand jedoch „Band 2: 1946-1955“, und die Innenseite beteuerte mir nochmal „München 1981“. Da hatte ich mich schon gefreut an Alfred Bauers Erstauflage des Deutschen Spielfilm Almanachs zu kommen, und dann so was.
Wie auch immer, auf den ersten Seiten fand ich eine gleichfalls interessante wie gewagte Einteilung des abendfüllenden Spielfilms in 14 Kategorien. Die 14 Kategorien, sowie Einleitung und Schlußbemerkung habe ich im folgenden (fast) vollständig abgetippt. Die Erläuterungen zu den einzelnen Kategorien schienen mir aber doch zu lang (und meine Zeit zu knapp) um mit ihnen genau so zu verfahren – falls Interesse besteht kann ich aber natürlich jederzeit noch ein paar Erläuterungen von Herrn Bauer hinzufügen (jedenfalls solange ich das Buch noch habe). Das Diskussinswürdige sind ja zunächst einmal auch die Auswahl und die Benennung der Kategorien, und ich wollte herausfinden, was ihr dazu meint. Ich frage mich einerseits, ob die Westdeutsche Filmkritik damals wirklich so naiv war (Dr. Alfred Bauer war u.a. auch der erste Festivalleiter der Berlinale), oder ob es einfach nur eine größere Vielfalt an Filmen gab. So absurd diese spezifische Einteilung auf den ersten Blick erscheinen mag, bin ich doch der Meinung, dass sie aus der Zeit heraus verständlich und leicht anwendbar gewesen sein muss. Für mich dennoch ein Kuriosum.
„Der Film ist eine Kunst, die, wie andere Kunstarten auch, darauf bedacht ist, Menschenschicksale wiederzugeben, und das Leben sinnblidlich darzustellen. Als die jüngste unter den Künsten ringt der Film immer wieder mit dem Problem der Form und erprobt, um seine eigenen Gesetze zu entdecken und weiter zu entwickeln, alle Gestaltungsmöglichkeiten die sich ihm bieten. Die Erscheinungsarten des Films sind sehr mannigfaltig und können in ihrer Fülle nicht festgelegt werden. Aus der Vielzahl der Spielarten lassen sich jedoch folgende 14 nach stofflich-inhaltlichen Kriterien gegliederten Hauptgruppen des abendfüllenden Films herauskristallisieren
1. Der dramatische Film
2. Der zeitnahe Film
3. Das Lustspiel
4. Das Volksstück
5. Der ernste Musikfilm
6. Der heitere Musikfilm
7. Der historische Film
8. Der Kriminalfilm
9. Der Abenteuerfilm
10. Der Science-Fiction-Film
11. Der Märchenfilm
12. Der Experimentalfilm
13. Der Trickfilm
14. Der Dokumentarfilm
Die genannten 14 Erscheinungsformen des Films könnn auch als Mischform auftreten, z.B. als Kriminalkomödie, musikalisches Abenteuerlustspiel, märchenhaftes Volksstück. Maßgebend für die Einordnung eines Films in eine der 14 Gruppen bleibt immer das überwiegende Charaktermerkmal des Films.“
Januar 23, 2009 | Veröffentlicht in
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Sano |
4 CommentsÜber Zitate im Film, in Cinephilenkreisen grassierendes verbales Intellektuellenbashing und einen verkannten britischen Regisseur
„Ihr Menschen! Ihr Ungeheuer!“
…um gleich mit einem Zitat zu beginnen, hach ihr Leser werdet nie darauf kommen von welcher semifeministischen österreichischen Dichterin (Jelinek: falsch! Ätsch!) das ist *evil laughter*! Ihr seid ja auch größtenteils so minderwertig ungebildet, bä, bä, bä *ausspuck*!
Achja, immer diese Zitate, furchtbar. Diese Anmaßung, dieser Pomp, diese p-p-p-p-p-problematische Ausweitung des Bedeutungsspielraums eines Films durch Fremdanleihen, die auch noch als bekannt vorrausgesetzt werden. Puh, dieser Burton zum Beispiel mit seinen widerlich-arroganten Romantikanleihen, wie der alle Unbelesenen vom vollen Verstädnis seiner Filme ausschließt… Und dann erst dieser Argento, der seine Sets mit Escherbildern tapeziert und auch noch geschmackloserweise die Handlung in Straßen wie der Escher- oder der Fritz-Lang-Strasse spielen lässt, widerlich!
Doch halt! Nein!!! So ist es ja gar nicht, Burton, Argento und andere gutgeheißene Zitatschleudern spielen ja „unprätentiöse“, versteckte und subtile Art auf ihre Vorbilder und Referenztexte an, während Mr. P. G. aus UK, scheinbar der bescheidenste von allen, der von sich selbst sagt ein Zwerg auf den Schultern von Riesen zu sein, es wagt ein Gemälde (!!! *keuch*), zudem ein barockes (ogott! gehts schlimmer?) mehr oder weniger auffällig in die Mise en Scéne zu integrieren und dann auch noch einige Figuren so zu kostümieren wie die Leute, die darauf abgebildet sind: IIIIIIIIIIIIHHHHHHHHHHHHHHHHHH!!!!! Wie furchtbar!!! Dabei darf man sich doch nicht auf sowas derart elitäres, gossen- und kneipenfernes wie bildende Kunst, und schon gar nicht auf solche die in Museen hängt beziehen!!! Das DARF man halt nicht. Warum? Weil die halt nunmal prätentiös ist, nur was für arrogante eitle Bildungsbürger, die sich daran ergötzen wie gut sie selbst daneben im Museum oder wenn sie reich sind im eigenen Wohnzimmer aussehen. Und das geht natürlich keineswegs auf so etwas wie eine den Geist der Kunst vergewaltigende Aneignung von Malerei als Prestigesymbol zurück, sondern es ist eben einfach so, dass vor der Entstehung des Bildmediums Films, alle bildenden Künstler und unter ihnen vor allem die kanonisierten (Merke: Kanon=böse!), realitätsferne, menschenverachtende Arschlöcher waren und ihre Kunst dementsprechend die furchtbare Duftmarke des Dünkels trägt, gelle?
Und wer dann noch einen Schritt weitergeht wie dieser britische Schnösel und das Bildmedium Film mit dem Jahrhunderte lang dominanten Bildmedium Malerei und dessen Sprache vergleicht und sich gar demutsvoll in dessen Schatten stellt, der ist natürlich endgültig zum Dr. Mengele des Bildererzeugens geworden, der mit widerlichen, abstoßenden Formexperimenten am Zuschauer nichts anderes im Sinn hat, als dem armen, bescheiden auf leichtgemachte emotionale Involvierung hoffenden Durchschnittsrezepienten vorzuführen wie unvollkommen er doch ist, weil er nicht über den erlauchten Geheimcode der selbsternannten und -verliebten Bildungselite verfügt, die sich an ihrer Exklusivität und vermeintlichen menschlichen Überlegenheit gar köstlich berauscht und sich mit hochgezogegen Augen und zur Rosette gespitzten Lippen selbst auf die Schulter klopft, wenn sie ein Zitat aus dem Schatz des Bildungskanons erkannt hat und sich als Teil der Elite begreifen kann. Ja, so haben wir sie gern unsere geliebte Intellektuellen- und Bildungsbürgerabziehfolie, die ja so rein gar nichts gemeinsam hat mit den Judenkarikaturen im „Stürmer“ und gewissen Abhandlungen über „Neger und andere Tiere“ aus dem 19. Jahrhundert, nein, im Gegenteil, DIE sind ja die Faschisten, die Intellektuellen, weil die sich ja einbilden, sie wüssten wie und was man zu denken hat und es vorschreiben und vordenken, als selbstherrliche Vordenker, gelle?
Achjeh, zu schlimm dieser P. G., den vollen Namen wollen wir gar nicht ausschreiben um nicht unnötig Prätentionsdämonen zu invozieren. Künstlichkeit? Ja! Aber dann doch bitte bonbonfarben und alle sollen singen, das ist volksnah, bodenständig und gut und wahr und schön. Bitte ja nichts was nach Theater oder klassischer Malerei riecht und aussieht, das ist nur was für Snobs und hatte noch nie was mit dem wirklich wahren echten Leben zu tun. Dann auch noch Sex & Cannibalism? Jetzt hörts aber auf, is‘ ja widerlich, jedenfalls in diesem eitlen Gewand, fast schon eine Ästhetisierung…oh gott…gewalt…ästhetisiert??? FASCHISMUS!!!!! Können wir das Böse denn nicht bitte anstandshalber auch hässlich zeigen. Oder doch bonbonfarben, wenn’s denn unbedingt bunt sein muss.
Tja, leider bin ich ihm völlig verfallen, auf ihn rein gefallen, den großen Hochstapler Peter G. Ich dummer, unmündiger Rezeptionsdiletant habe mich einwickeln lassen in die Leichentücher der menschlichkeitsabtötenden Intellektualität, und mir jahrelang eingebildet beim Anschauen seiner Filme in einzigartige, rauschhafte Welten einzutauchen, die meine tiefsten Bewusstseinskeller zu durchdringen und ja, noch zu erweitern schienen. Oh glückliche Zeit der Sünde! Vorbei, vorbei! Nun muss ich schmerzhaft Buße tun, denn ich habe gefehlt. Nun muss ich von berufener Seite des Chewbacca und der Prinzessin Leia erfahren, dass ich all die Jahre in Selbsttäuschung verbrachte und das alle Tränen, die ich in Mr. Grünforts Cineversum geweint und gelacht habe vergeudet waren, dass ich gar nichts hätte fühlen dürfen, da die Filme gefühllos und kalt sind. Wie Josef K. im „Prozess“ werde ich von meinen gerechten Richtern in den Steinbruch der Reue geführt. Noch reichen sie einander immer wieder das lange Messer, unschlüssig wer die Strafe und zugleich Befreiung nun vollziehen soll, wartend, dass ich es mir, ihnen die Last nehmend, es selbst ins Herz stoße, meinem Abgott abschwöre, und mich endlich hingebe der einfachen, bescheidenen und liebevollen Umarmung von E. T.
Tulse Luper (*11.06.1985 +20.01.2009) R.I.P.
So, nun kommt sie endlich, meine langversprochene Kritik zu „Otto; or, up with Dead People“ des kanadischen Undergroundregisseurs Bruce LaBruce. Wie ihr meinem letzten Post entnehmen konntet hat dieser Film sogar seinen Weg in meine 100 Lieblingsfilme gefunden… So soll dieser Post eigentlich auch weniger eine Kritik im klassischen Sinne einer (sei es noch so illusorisch) um Objektivität bemühten Bewertung des Films sein, sondern eher meine persönlichen Assoziationen zu dem Film schildern (die natürlich sehr, sehr „p“ sind 😉 ).
Spätestens seit sich Zombies in „Dawn of the Dead“, dem zweiten Teil der legendären Zombiefilmreihe von Altmeister George A. Romero, in einem Einkaufszentrum auf die Wühltische stürzten, musste auch dem Letzten aufgehen, dass die Wiederkehr der Toten ins Leben, dass das Phänomen des „Untotsein“ auch im Sinne einer Gesellschaftskritik verstanden werden konnte. In „Otto…“ klärt uns gleich am Anfang des Films die Stimme der Regisseurin Medea Yarn (Katharina Klewinghaus) darüber auf, dass die Geschichte des Zombies Otto in eine Zeit (unsere?) fällt, in der Zombies nichts Außergewöhnliches mehr darstellen und die Begegnung mit Untoten in ihrer Alltäglichkeit jeglichen Schrecken verloren hat. Obwohl sich Zombies ja bekanntlich nicht auf biologischem Wege fortpflanzen gibt es scheinbar auch eine eigenen Gesetzen folgende Evolution der Zomies, von denen immer mehr rudimentäre Sprech- und Denkfähigkeit aufweisen. Eine neue Welle schwuler Zombies überschwemme zur Zeit Berlin, erfahren wir, während wir zu herrlich schaurig-poppiger Musik den jungen und auch als Zombie noch hübschen Otto (Jey Crisfar) aus seinem Grab emporsteigen und über den Friedhof wanken sehen. Im Laufe des Films wird uns immer wieder die Diskriminierung der Zombies durch die „Menschen“ vor Augen geführt, bis hin zum „Zombie Bashing“, dessen Opfer auch Otto einmal wird.
Der Film könnte nun in eine relativ plumpe Analogie abdriften, zwischen den (noch immer) gesellschaftlich außenvorstehenden Homosexuellen, deren Existenz von manch Einem ja bekanntermaßen ebenso gründlich verdrängt wird, wie die des Todes, bzw. der an den Tod erinnernden Verstorbenen. Die Wiederkehr der Begrabenen, dem Vergessen Anheimgegebenen wäre dann als sarkastisches Zerrbild der öffentlichen (heteronormativen, wenn man so sagen will 😉 ) Wahrnehmung der Schwulen und Lesben (oder der Gay Pride) im Sinne einer allzu lehrstückhaften Gesellschaftskritik zu verstehen.
Glücklicherweise schlägt der Film eine völlig andere Richtung ein, wobei es ihm gelingt die angesprochene Thematik dennoch, allerdings auf ungleich subtilere Weise mit einzubringen. Medea Yarn ist eben nicht die Erzählerin des ganzen Films, den bald schon erkennen wir, dass sie eine in scharzem Gewand auf Friedhöfen lustwandelnde, politisch engagierte Regisseurin ist, die gerade einen ebenso politisch engagierten Zombiefilm namens „Up with Dead People“ dreht. Obwohl sie durchaus als sympathische Person gezeigt wird, ist ihr Film (im Film) quasi als Parodie auf oben dargestellte Platitüden zu verstehen. Durch diese ständige Ironisierung und Selbstreflexion des übertrieben Gesellschaftskritischen, bleibt es im Film zwar als Perspektive erhalten, wird jedoch zugleich in den Kontext einer wahrhaftigen und äußerst gefühlvollen Darstellung allgemein menschlicher existenzieller Problematik eingebettet.
Für ihren Film castet Medea eine ganze Reihe von Zombiedarstellern, denn ihre Ausführung über die Alltäglichkeit von Zombies bezogen sich anscheinend auf die Welt ihres Films…oder doch nicht? Auf ihre Anzeige hin meldet sich auch Otto, der…nun, anders ist als die „Darsteller“. Otto scheint ein echter Zombie zu sein, ein schwuler noch dazu, der zwar (da er vor seinem Tod Vegetarier war) keine Menschen aber immerhin rohes Fleisch (von überfahrenen Hasen zum Beispiel) verspeist, nach Leiche riecht und aussieht, durch die Gegend torkelt und nur mit ausdrucksloser Stimme kurze Sätze hervorbringt…
Manchmal schießen Erinnerungen an die Zeit als Lebender wie Blitze durch Ottos untoten Geist, an glückliche Momente, an seinen Ex-Freund… Nun ist Otto längst nicht mehr Angehöriger der Gemeinschaft der Lebenden, die aus seiner untoten Perspektive zu einer einzigen Person verschmelzen „…and I don’t like that person very much.“ Walter Benjamin schrieb einmal über die Melancholie: „Produkton einer Leiche ist das Leben, vom Tode her betrachtet.“ Produktion eines Zombies sind Leben und Tod, vom Wiedergängertum her gedacht, könnte man antworten. Diese Zeit, dieser Ort (oder vielleicht jede Zeit, jeder Ort?) produzieren Wesen, die schon gestorben sind und dennoch weiterlaufen und sprechen und denen nichts anderes übrigbleibt als wie Otto am Ende des Films einen „new way of death“ zu suchen. So liegt über dem ganzen Film eine (trotz Hardcoreszenen) ungeheuer sanfte, durch den augenzwinkernden Humor fast heitere Stimmung der Melancholie, die nicht weiter zu beschreiben, sondern nur zu erleben ist.
Die Virtuosität und spielerische Leichtigkeit des Films geht nicht zuletzt auch darauf zurück, dass hier gekonnt mit Perspektivwechseln gespielt wird. Einige Szenen, die wir zunächst für die (filmische) Realität halten, entpuppen sich später als film(im film)ische der Medea Yarnschen Vision. Viele Szenen scheinen wir durch die Augen von Otto zu sehen, in unnatürlichen Farben und aus schiefen Blickwinkeln. Das Geniale dabei ist allerdings, dass der Film keine letzgültige Aussage über die jeweilige Ebene der „Wirklichkeit“ des Gezeigten trifft. Selbst ob Otto nun ein „echter“ Zombie ist bleibt ungeklärt, deutet doch einiges darauf hin, dass dies nur eine Wahnvorstellung Ottos sein könnte. Auch Medea Yarns bezaubernde Lebenspartnerin Hella Bent (Susanne Sachße), die von klimpernder Musik umhüllt, schwarz-weiß und nur in hübschgerahmten Untertiteln redend, wie sie ist, direkt einem Stummfilm entstiegen zu sein scheint, könnte letzlich eine Phantasie ihrer melancholisch-nostalgischen Freundin sein.
Es gäbe sicherlich noch viel mehr über diesen Ausnahmefilm zu sagen, aber ich hoffe allen Lust gemacht zu haben, die den Film noch nicht sehen konnten. Bei meiner im Prinzip uneingeschränkten Empfehlung wäre vielleicht noch anzufügen, dass dieser Film einige Szenen enthält, die die Ekelschwelle von allzu empfindsamen Menschen im wahrsten Sinne des Wortes durchstoßen könnten. (Sorry, das konnt ich mir jetzt nicht verkneifen 🙂 )
So…nun ist mir Sano also doch mit dem Posten zuvor gekommen. Und da er mit dem Listenwahn wohl mich mitgemeint hat werde ich hier auch meine „Top 100“-Liste präsentieren, die ich mittlerweile bereits mehrfach überabeitet habe und die trotzdem als vorläufig anzusehen ist, nicht nur, weil wir ja alle unentwegt Filme in uns aufsaugen, sondern auch weil ich einige der Filme, ide jetzt auf der Liste sind, wie auch einige der, die knapp nicht drauf gekommen sind dringend wiedersehen müsste.
In der Form habe ich die Liste dem, wie ich finde, sinnvollen Konzept Christophs angepasst: grundsätzlich chronologisch geordnet aber in zwei Teillisten aufgeteilt, also quasi die Top 50 (A) und dann die Ergänzung zur Top 100 (B).
Viel Spaß beim drauf Rumhacken ;-)!
A)
1. Friedrich Wilhelm Murnau: „Nosferatu“, 1922
2. Billy Wilder: „Sunset Boulevard“, 1950
3. Alfred Hitchcock: „Vertigo“, 1958
4. Federico Fellini: „8 ½“,1963
5. Vera Chytilova: „Sedmikrasky“ / „Tausendschönchen“, 1966
6. Stanley Kubrick: „2001 – A Space Odyssey“, 1968
7. Pier Paolo Pasolini: „Teorema“, 1968
8. Sergio Leone: „C’era una volta il West“ / „Spiel mir das Lied vom Tod“, 1968
9. Federico Fellini: „Satyricon“, 1969
10. Michelangelo Antonioni: „Zabriskie Point“, 1970
11. Werner Herzog: „Auch Zwerge haben klein angefangen“, 1970
12. Ken Russell: „The Devils“, 1971
13. Stanley Kubrick: „ A Clockwork Orange“, 1971
14. Roman Polanski: „Che?“ / „Was?“, 1972
15. Alejandro Jodorowsky: „The Holy Mountain“, 1973
16. Shunya Ito: „Joshuu sasori: Kemono-beya“ / „Sasori : Den of the Beast“, 1973
17. Nicolas Roeg: „Don’t Look Now“ / „Wenn die Gondeln Trauer tragen“,1973
18. Roman Polanski: „Le Locataire“ / „Der Mieter“, 1976
19. Rainer Werner Fassbinder: „Chinesisches Roulette“, 1976
20. Alain Resnais: „Providence“, 1977
21. Dario Argento: „Suspiria“, 1977
22. Luis Bunuel: „Cet obscur objet du désir“ / „Dieses obskure Objekt der Begierde“, 1977
23. Nobuhiko Obayashi: „Hausu“, 1977
24. David Lynch: „Eraserhead“, 1978
25. Francis Ford Coppola: „Apocalypse Now“, 1979
26. Andrej Tarkowskij: „Stalker“, 1979
27. Stanley Kubrick: „The Shining“, 1980
28. Andrzej Zulawski: „Possession“, 1981
29. Ridley Scott: „Blade Runner“, 1982
30. David Cronenberg: „Videodrome“, 1983
31. Lars von Trier: „The Element of Crime“, 1984
32. Mamoru Oshii: „Tenshi no tamago“ / „Angel’s Egg“, 1985
33. Peter Greenaway: „A Zed and Two Noughts“, 1985
34. David Lynch: „Blue Velvet“, 1986
35. Christoph Schlingensief: „Egomania – Insel ohne Hoffnung“, 1986
36. Stephen and Timothy Quay: „Street of Crocodiles“, 1986
37. Andrzej Zulawski: „Na srebniem globje“ / „Der silberne Planet“ 1987
38. Peter Greenaway: „Drowning by Numbers“, 1988
39. Peter Greenaway: „The Cook, the Thief, His Wife and Her Lover“, 1989
40. Peter Greenaway: „Prospero’s Books“, 1991
41. Derek Jarman: „Edward II“, 1991
42. Jim Jarmusch: „Dead Man“, 1995
43. Stephen & Timothy Quay: „Institute Benjamenta“, 1995
44. David Lynch: „Lost Highway“, 1997
45. Lars von Trier: „Idioterne“ / „Idioten“, 1998
46. Roy Andersson: „Sanger fran andra vaningen“ / „Songs from the Second Floor“, 2000
47. Guy Maddin: „The Heart of the World“, 2000
48. David Lynch: „Mulholland Drive“, 2001
49. Oskar Roehler: „Der alte Affe Angst“, 2003
50. Takashi Miike: „46-okunen no koi“ / „Big Bang Love – Juvenile A“, 2006
B)
1. Luis Bunuel: „L’Age d’Or“, 1930
2. Fritz Lang: „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“, 1931
3. Tod Browning: „Freaks“, 1932
4. Orson Welles: „Citizen Kane“, 1941
5. Alain Resnais: „L’Année dernière à Marienbad“ / „Letztes Jahr in Marienbad“, 1961
6. Roman Polanski: „Repulsion“ / „Ekel“, 1965
7. Ingmar Bergman: „Persona“, 1966
8. Jan Švankmajer: „Rakvickarna“ / „Punch and Judy in the Coffin Factory“, 1966
9. Jean-Luc Godard: „Week-End“, 1967
10. Sergej Paradschanow: „Sayat Nova“ / „Die Farbe des Granatapfels“, 1968
11. Ingmar Bergman: „Vargtimmen“ / „Die Stunde des Wolfes“, 1968
12. Roman Polanski: „Rosemary’s Baby“, 1968
13. Antony Balch: „The Secrets of Sex“, 1970
14. Alejandro Jodorowsky: „El Topo“, 1970
15. John Waters: „Pink Flamingos“, 1972
16. Werner Herzog: „Aguirre – Der Zorn Gottes“, 1972
17. Toshiya Fujita: „Lady Snowblood“, 1973
18. Fernando Arrabal: „J’irai comme un cheval fou“, 1973
19. Stanley Kubrick: „Barry Lyndon“, 1975
20. Pier Paolo Pasolini: „Salò o le 120 giornate di Sodoma“, 1975
21. Robert Moore: „Murder by Death“ / „Eine Leiche zum Dessert“ 1976
22. Federico Fellini: „Casanova“, 1976
23. Sergio Leone: „Once upon a Time in America“, 1984
24. Christoph Schlingensief: „Menu Total“, 1985
25. Terry Gilliam: „Brazil“, 1985
26. Leos Carax: „Mauvais Sang“ / „Die Nacht ist jung“, 1986
27. Wim Wenders: „Der Himmel über Berlin“, 1987
28. Derek Jarman: „The Last of England“, 1988
29. Andrzej Zulawski: „Mes nuits sont plus belles que vos jours“, 1989
30. Alejandro Jodorowsky: „Santa Sangre“, 1989
31. Loriot: „Pappa Ante Portas“, 1991
32. Werner Herzog: „Lektionen in Finsternis“, 1992
33. Sally Potter: „Orlando“, 1992
34. Krzystof Kieslowski: „Drei Farben – Blau, 1993
35. Jean-Pierre Jeunet: „La cité des enfants perdus“ / „Stadt der verlorenen Kinder“, 1995
36. Ulrich Seidl: „Tierische Liebe“, 1995
37. Peter Greenaway: „The Pillow Book“, 1996
38. Emir Kusturica: „Schwarze Katze, Weißer Kater“, 1998
39. Todd Solondz: „Happiness“, 1998
40. Tom Tykwer: „Lola rennt“, 1998
41. David Cronenberg: „eXistenZ“, 1999
42. François Ozon: „Sous le Sable“ / „Unter dem Sand“, 2000
43. Darren Aronofsky: „Requiem for a Dream“, 2000
44. Michael Haneke: „Die Klavierspielerin“, 2001
45. Takashi Miike: „Bijtâ Q“ / „Visitor Q“ 2001
46. Fernando Meirelles: „Cidade de Deus“ / „City of God“, 2002
47. July Taymor: „Frida“, 2003
48. Todd Solondz: „Palindromes“, 2004
49. Wong Kar-Wai: „2046“, 2004
50. Bruce LaBruce: „Otto; or, up with Dead People“, 2008