
Ein paar Betrachtungen und Hinweise zu den Filmen von Rudolf Thome
Rudolf Thome ist für mich der vielleicht größte deutsche Filmemacher. Nicht weil er große Filme im üblichen Sinne macht, das heißt mit viel Geld, in großen Studios mit großen Bauten, mit viel Tam Tam und überdimensioniertem Werbeaufwand. Seine Filme sind eher still, in sich gekehrt – kleine Gesten, statt viel Gerede. Präzise. Das widerspricht sich eben nicht, das Große und das Kleine, oder besser gesagt: im Unscheinbaren steckt manchmal das ganz Große, wie vielleicht Helmut Käutner es ausgedrückt hätte.

Beim letzten Film den ich von Thome gesehen habe, Pink (2008) – übrigens im Kino auf der großen Leinwand – habe ich geweint. Daher u.a. der Titel meines Beitrags. Denn entgegen der landläufigen Meinung unter Thome-Fans (von denen es übrigens viele gibt – allein in meinem Freundeskreis sind es mindestens drei), sind seine Filme nicht vorwiegend heiter und lebensbejahend, sondern oft zutiefst traurig. Lebensbejahend vielleicht im Nachhinein, im Trotzdem, in der Tatsache, dass Thome nicht aufhört, regelmäßig weiter Filme zu drehen. Doch wenn ich an Rote Sonne (1970) denke, an Detektive (1968), an System ohne Schatten (1983), Just Married (1997), oder Pink (2008), ist es tiefe Melancholie die diese Filme durchdringt. Eine Verzweiflung am Zustand der Welt, an sich, an seiner Umgebung. Existenziell könnte man das nennen. Aber diese Verzweiflung ist viel zu direkt, viel zu stark, viel zu ehrlich, um sie mit solch einem bedeutungsschwangeren Adjektiv zu beladen. Thomes Filme sind nämlich auch Märchen. Und wie im Märchen, das voller Klischees, voller Stereotypen, voller altbekannter Tricks und Wendungen steckt, geht es noch um etwas ganz anderes als die Realität. Der Schrecken des Traumes gibt Kraft für das Leben. Die Hoffnung, das ist bei Thome vielleicht das Kino, also das was die Protagonisten zu erschaffen versuchen, und das was Thome ständig erschafft. Auf der Leinwand. In der Dunkelheit. Zaubern mit Licht.

Er hat inzwischen auch einen eigenen Blog. Eigentlich nichts Neues, denn er äußert sich schon lange über das Internet: seine alte Webseite stammt noch aus den 90ern. Nur die letzten Jahre, wird es immer mehr und immer regelmäßiger. Seine Filme schreibt er zwar auch schon seit längerem selbst, aber die Leidenschaft fürs Schreiben gabs vielleicht schon vor dem Filmemachen. Früher war er ja Filmkritiker. Und ebenso leidenschaftlich wie als Filmemacher. Ein Überzeugungstäter also. Neben seiner Website, hat er aber auch einen Youtube-Kanal. Man kann also einerseits über den Entstehungsprozess seiner Filme lesen, andererseits Auschnitte, Werbematerialien und Interviews aus, für und zu seinen Filmen ansehen.

Wie man an den vielen bisherigen Links erkennen kann, war einer der Hauptgründe für diesen Text, auf Rudolf Thomes vielfältige Präsenz im Internet aufmerksam zu machen. Einen Liebesbrief gibt es später einmal. Dies soll einfach nur ein bescheidener Beitrag in Richtung größerer Wertschätzung und Wahrnehmung sein. Werbung sozusagen. Aus Überzeugung. Wer nämlich nicht das Glück hat, mehrere Filme auf DVD (inzwischen hier, hier, und hier erschienen), oder aufgenommen aus dem Fernsehen (bei mir noch auf VHS) zu besitzen, der kann sich einen Einblick über das Internet verschaffen. Und zwar einen vergleichbar umfangreichen.

Den Trailer zu meinem bisherigen Lieblingsfilm von Thome, Frau fährt, Mann schläft (2003) kann man z.B. hier betrachten. Ich liebe diesen Film, und halte ihn sogar für besser als sein Vorbild. Wie Hanellore Elsner hier spielt, wie sie sich bewegt, wie sie spricht und schreit, ist wahre Kinomagie. Thome inszeniert seine Schauspielerinnen meistens großartig, aber hier wird es fast zu enem kleinen Wunder. Des weiteren empfehle ich über seinen Kanal auch Auszüge aus seinen frühen Kurzfilmen, z.B. (was für ein großartiger Titel:) Jane erschießt John, weil er sie mit Ann betrügt. Eigentlich sollte man ihn auf großer Leinwand in der ganzen Pracht des Cinemascopebildes genießen, aber wo bekommt man heutzutage im Kino noch Kurzfilme zu Gesicht? Dennoch mekt man auch am Bild vor dem Monitor, was Thome meint, wenn er über seinen Darsteller Marquard Bohm schreibt: „Wie Marquard Bohm den Pelzmantel bezahlt, hat mir so gefallen, dass er in meinem ersten Spielfilm die Hauptrolle spielen musste.“ Aus seinen seltener und schwieriger zu sehenden Filmen aus den 70er Jahren gibt es ebenfalls Ausschnitte: Supergirl (1971), Fremde Stadt (1972), Made in Germany und USA (1974), Tagebuch (1975), Beschreibung einer Insel (1978). Diese Schaffensphase (für mich vom Gefühl her durch seine Zusammenarbeit mit seiner damaligen Ehefrau Karin Thome geprägt), die auch essayistisch-Dokumentarisches umfasst, ist mir noch unerschlossen. Daher bin ich umso dankbarer für die Clips. Karin Thome hat übrigens auch selbst Filme gemacht, und war vor Thome (das nur nebenbei) mit einem inzwischen in Vergessenheit geratenen Regisseur verheiratet. Wie die Werke der meisten Filmemacher weiblichen Geschlechts, sind ihre Arbeiten äußerst unbekannt.

Fast noch erfreulicher als die Ausschnitte aus seinen Filmen sind für mich jedoch die inzwischen ebenso zahlreich hochgeladenen Drehberichte zu seinem Schaffen. Ja, es gibt und gab sie wirklich. Ausführliche Dokumentationen, zum Teil in Spielfilmlänge, zu lebenden deutschen Filmkünstlern. Kaum zu glauben, oder? Ich denke, wenn heutzutage jemand versuchte etwas Vergleichbares über sagen wir mal Dominik Graf oder Angela Schanelec bei den Öffentlich-Rechtlichen finanziert zu bekommen, er würde wahrscheinlich ausgelacht… Zu sehen gibt es über Thome mehrere Reportagen und Filmsendungen sowie in vollständiger Länge ein Porträt von Stefan Dutt und Peter Hornung aus den frühen 80ern, und vor allem den großartigen Film is a Battleground (1998) von Petra Seeger über die Dreharbeiten zu Just Married und Tigerstreifenbaby sucht Tarzan (1997). Das letzte, gerade einmal vorige Woche eingestellte Video, zeigt Thome Mitte der 90er bei einem wunderbar entspannten Fernsehinterview anlässlich des 25jährigen Jubiläums von Rote Sonne.

Der Glücksfall, dass ein Filmemacher auch die Rechte an seinen Filmen besitzt, ist bei Thome durch seine Produzententätigkeit gegeben. Man kann daher wohl bei ihm persönlich anfragen, wenn es um die Verfügbarkeit der meisten Kopien geht, und könnte dadurch wohl ziemlich einfach eine Retrospektive oder zumindest eine Werkschau seiner Filme auf die Beine stellen. Wann dies in Deutschland zuletzt passiert ist weiß ich leider nicht. Ich hoffe aber sehr, dass es schon des öfteren versucht wurde. Nichtsdestotrotz wird es langsam wieder einmal Zeit dafür. Im Notfall muss man sich selbst darum kümmern. Also schreibt alle eure Kommunalen Kinos und Kinematheken an, und fordert: mehr Thome!

Im Grunde warte ich zur Zeit aber immer noch auf das erste Buch über Thome, vom Schüren Verlag schon seit einer halben Ewigkeit angekündigt, aber immer noch nicht erschienen. Wenn Klaus Lemke und Eckhart Schmidt entsprechende Würdigungen bekommen haben, sollte so ein Unterfangen ja auch bei Thome gelingen. Bis es endlich soweit ist, kann man sich zumindest mit Heft Nr.66 der Freunde der deutschen Kinemathek über Wasser halten, oder darüber sinnieren, wie eine Studie zum Münchner Filmschaffen der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts aussehen könnte. Oder einfach weiterhin Thomes Filme schauen – und natürlich seinen Blog lesen. Da erfährt man nämlich bereits alles über seinen neuesten Film.

Probable chat of two Disney producers around three years ago:
A: Hey Bob, we should really bring out a totally new version of „Alice in Wonderland“, don’t ye think so? All in 3D, everyone will love it!!!
B: Well, Alan… only thing is..ye know…this book.. „Alice“…it aint got no proper story..
A: Uhah..
B: …and it’s pretty weird…much too weird for the big audience!
A: But…
B: I know what you’re gonna say, but what worked fifty years ago aint gonna work nowadays… People want the straightforward fight of good against evil, they wanna see another „Lord of the Rings“, another „Chronicles of Narnia“, another „Harry Potter“ with a niiiice li’l piece of moral advice wrapped into it…
A: I’m afraid you’re right. This Lewis Carroll surely had something, but his ideas are just to strange, to crazy…the whole book does have this… Burton-touch, doesn’t it?
B: Yeah, yeah, you’re right!!! It’s got the Burton-touch,so why not let Burton make a totally crazy version of Alice and…
Weiterlesen “Die neuen Phantome des verrückten Hutmachers Timmy B.” »

SYLVIE von Klaus Lemke ist eine Liebeskomödie voll verschmitzter Ironie und sanfter Melancholie. Eine ziemlich waghalsige Mischung aus direct cinema-Doku über den Alltag des Fotomodells Sylvie Winter und fiktiver Liebesgeschichte zwischen Sylvie und ihrem Taxifahrer Paul. Heimlich und leise ist es auch ein Film über das Nord-Süd-Gefälle in Deutschland, und über den großen Sehnsuchtsort Amerika, an dem man doch nie bleiben kann. Und vielleicht ist SYLVIE auch die Verfilmung des Liedes „Backstreet Girl“ von den Rolling Stones, dessen wehmütiges Akkordeon-Solo den Soundtrack liefert.
Paul ist Sylvies Taxifahrer, aber eigentlich ein Seemann und lebt in München bei seiner Mutter. „Er ist ein bisschen schwer von Begriff“, meint sie einmal über ihn und wirklich etwas anfangen kann er mit ihrer Zuneigung dann auch nicht. Obwohl er sie zuerst geküsst und in einem wahren Redeschwall von seinen Seemannsabenteuern in New York erzählt hat. Er will lieber wieder aufs Meer fahren und als sie ihn abends mit zu sich nehmen will, fährt er heim zu Mama. Für ihn ist sie das, was er an Land erlebt hat, das Pin-Up-Girl für einsame Nächte auf See. Eine Sehnsucht, der man besser nicht zu nah kommt. Eine kurze Liebe, ein großes Missverständnis.
Lemke hat wunderbar trockene Dialoge geschrieben, aber es ist vor allem eine Geschichte der Blicke. Die professionellen Blicke, die Sylvie in die Fotokameras und von den Magazincovern wirft, und die zärtlichen, herausfordernden Blicke, mit denen sie Paul anschaut. Die begehrlichen Blicke der älteren Herren und der neugierige, distanzierte Blick von Paul. Vermutlich ist es gerade seine Begriffsstutzigkeit, die Sylvie so an ihm mag, denn ihre Welt ist eine ganz andere: Reiche Männer. Exzentrische Photographen (einer davon gespielt von Werner Bokelberg, dem Society-Fotograf der Sechziger). Champagner. New York.
Bei Lemke in den Siebzigern schreiben immer alle über den Schnitt von Peter Przygodda, zu Recht, aber ich will die knappen Zeilen lieber nutzen um von Lothar Stickelbrucks Kamera zu schwärmen. Als Sylvie in New York ist, gibt es eine unglaubliche Hubschrauberfahrt, um das World Trade Center schwingt die Kamera sich herum bis hoch zum Dach, auf dem gerade die Fotosession stattfindet. Wie er in der Stadt ihre Sehnsucht filmt, wenn sie mit dem groben Fotografen auf die U-Bahn wartet, er unscharf im Vordergrund und sie hinten in die Ferne blickend. Und dann gibt es auch eine Szene in einem New Yorker U-Bahn-Waggon, die damals noch richtig heruntergekommen waren, die Kamera schaut sich neugierig um, den anderen Fahrgästen direkt ins Gesicht. Es ist an diesem Ort, als Sylvie entdeckt, dass sie in Paul verliebt ist, und seinen Namen zu den anderen Graffitis an die Wand schreibt.
Später, wenn er zurück nach Hamburg muss, läuft sie seinem Zug hinterher, aber er besäuft sich lieber als Zeit mit ihr zu verbringen. Er liegt dann betrunken brabbelnd da und sie schaut ihn verliebt an und wirft ihm Schlaftabletten in die Bierdose, in der Hoffnung, er würde die Endstation verschlafen. Das sind vielleicht die schönsten und traurigsten Momente des ganzen Films, denn so schauen wie Sylvie Winter konnte keine Zweite.
Sylvie – Deutschland 1973 – Regie & Drehbuch: Klaus Lemke – Produktion: Harald Müller, Willi Segler – Schnitt: Peter Przygodda – Kamera: Lothar Elias Stickelbrucks – Darsteller: Sylvie Winter, Paul Lys, Ivan Desny, Guido Mangold, Werner Bokelberg, Peter Böhlke, Heinz Badewitz
– SYLVIE ist als selbst gemachte DVD in großartiger Bildqualität bei Hanseplatte erschienen. –
Unser Leben währet 70, und wenn’s hoch kommt, so sind’s 80 Jahre; und was daran köstlich scheint: IST CHUCK NORRIS!
In der Tat, mit 70 Jahren Chuck Norris begeht unsere altgewordene, industrialisierte Konsumgesellschaft nicht irgendein Jubiläum, sondern zelebriert den Tag, an dem sie das traditionelle Ideal integrieren konnte, das im Zeitalter unendlicher Reproduzierbarkeit und Homogenisierung längst obsolet und uneinholbar vergangen erschien: das Ideal absoluter Einfachheit und Schlichtheit.
Lange bevor bis ins kleinste Detail identische Puppen und Spielzeuge über das Fließband liefen, lange bevor Massenmedien unsere Gesellschaft zu einer zwar nicht unmittelbar überschaubaren, aber insgesamt doch abzuzählenden Menge unterschiedlicher Absatzmärkte homogenisierten, drohte man im alten Griechenland im herakliteischen Flusse der ewigen Veränderung, des niemals gleichbleibenden und der absoluten Nichtidentität zu versinken. In diesem großen Meer der Unähnlichkeit träumte man den Traum absoluter Identität, Einfachheit oder mindestens Kommensurabilität und rettete sich auf der Planke der in der wahrnehmbaren Welt niemals exakt zu verwirklichenden, dennoch aber wirksamen mathematischen Strukturen, die die Harmonie des Ganzen sowie dessen Rückführung auf einen einheitlichen, symmetriestiftenden Grund garantierten. Die individuellen Abweichungen schienen dabei schlicht als Makel, als Abfall von der reinen, einfachen, ewig mit sich identisch bleibenden Struktur, die „hinter“ den Dingen steht insofern sie deren wahres Wesen ausmacht. Die positive Würdigung solcher Individualität, im großen Stil erreicht wohl erst in der Romantik, wurde durch die industrielle Revolution und deren Folgen jedoch gleich wieder zunichte gemacht, da sie ein Gespenst hervorbrachte, das allen Romantikern damals wie heute die elementare Existenzangst bis in die letzten Knochen fahren ließ: das ewig reproduzierbare, sich immer gleichbleibende und niemals verändernde Individuum, welches sowohl die Individualität als auch die Einfachheit und Identität als ästhetische Leitvorstellungen zu banalisieren und letztlich komplett zu desavouieren drohte.
Als diese Zeit erfüllt war, das Unternehmen Menschheit bereits in akrophobischem Schwindel am Rande des kompletten kulturellen Bankrottes taumelte, tauchte eine Lichtgestalt auf, die es vermochte, ohne Heer oder Kraft, allein mit dem Roundhousekick bewaffnet, die homogenisierte, gleichgeschaltete, sich fast nur noch durch die Strichcodes auf den Industrieprodukten, die ihren aufoktroyierten Schönheitsidealen angepaßten Körper notdürftig bedeckten, unterscheidende Menschheit gleichzeitig in ein neues Zeitalter und zu ihren Wurzeln zurückzuführen: Vor genau siebzig Jahren erstand sie neu, die Einfachheit und Unmittelbarkeit des Troglodyten, aber – incredibile dictu – in einer postindustriellen und massenmedientauglichen Form, die bald all das homogenisierte Elend um sich versammeln und zu einer neuen Wertschätzung der eigenen, reduzierten, dem titanistischen Originalitäts- und Individualitätswahn der Moderne entsagenden Persönlichkeit führen konnte. Was hier auf den Plan trat, war genau derjenige nach Gestik, Mimik und Charakter in jeder Hinsicht stilisierte Prototyp von Menschheit, der dem postmodernen Elend die Befreiung davon bringen konnte, woran der Mensch seit Jahrhunderten vergeblich laborierte: dem titanistischen Wahn, sich von allen anderen, dem Tier, der Welt, oder auch nur einer Gummipuppe qualitativ unterscheiden und damit selbst immer wieder neu schaffen zu müssen. Die beiden Naturen, Mensch und Mattel, in einer Person – dies ist es, was wir heute feiern, dies ist es, was uns heute und immerdar selig macht.
Merry Christmas and Happy Birthday Chucky!!

Marie und David. Zwei Außenseiter. Berlin. Er trifft sie auf der Straße. Zufall. Beide sind Anfang 20. Beide haben nen scheiß Job. Sie kommen zusammen, irgendwie, und machen sich auf die Reise. Raus aus Berlin. Raus aus der Welt, aus dem Leben, oder auch rein in die Welt, in eine neue Welt, in ein neues Leben. Versuche, Neuanfänge, Abbrüche. Die Suche.
Der Titel fasst es zusammen: Es geht um Liebe, es geht um Geld. Wie finanziert man den Ausbruch aus dem Jetzt? Sie ist Prostituierte, er Bauarbeiter. Die Arbeiterklasse verdient ihr Geld durch körperliche Arbeit, und dieser ist schwer zu entkommen. Macht man sich selbständig, wird man Unternehmer, ändert sich das Selbstverständnis. Geld ist Fetisch, Geld macht unabhängig, Geld macht frei. Was machen da Gefühle?
Der Film gehört Philip Gröning. Wie er ihn gedreht hat, wie er es geschafft hat, Menschen, Gesichter, Landschaft, die Luft, Bewegung, den Atem, die Stadt, den Zwang, die Freiheit, die Liebe sogar – dies alles in Zusammenhänge zu betten. Wie beiläufig eingefangen und doch präzise. Der Film gehört aber auch Sophie Maintigneux, Florian Stetter und Sabine Timoteo. Vielleicht ist es diese Intimität, oder das Gefühl davon, mit kleiner Crew quer durch Deutschland, das den Film so einzigartig macht. Die Reduktion auf zwei Charaktere im Road Movie ist häufig und immer wieder effektiv. Als Spiegelung, Bespiegelung. Depardieu und Dewaere, Bridges und Eastwood – die 70er Jahre leben in diesem Film etwas auf. Aber die 70er sind längst vorbei, und so toll waren sie auch nicht. Zumindest wissen wir aus all den Filmen und Figuren die damals unterwegs waren, dass die Träume von Freiheit eben oft nur Träume waren. Denn Ankommen wollten die Meisten ja nicht so wirklich. Es ging eher um das Wegkommen, die Flucht. Sich dem Alltäglichen, dem Festgefahrenen zu entreißen. Und meist mit dem Auto.
Das Interessante an Grönings Film ist, dass er der oberflächlichen Sorglosigkeit vieler früherer Filme die oberflächliche Last der Sorgen gegenüberstellt, und dem außergewöhnlichen der Bewegung ihre Gewöhnlichkeit. Routine stellt sich überall ein. Gefühle nutzen sich ab wenn man nichts mit ihnen anzufangen weiß.
Es ist ein Märchen, ein Dokument, ein Film über das Filmemachen geworden. Und ein Geschenk an den Zuschauer, der vor allem das Zusehen genießen kann, wie damals in deutschen Filmen schon lange nicht mehr. Die Bewegungen der beiden Hauptdarsteller, ihre Manierismen, ihr Sprachduktus, ihr Lebensrhythmus, ihre Formulierung der Figuren. Ein Film den man bewohnen kann, episch in seinem DA SEIN. Ein Vielleicht auf den Lippen, in den Gesichtern, im Film. Und das Trotzdem. Ein Versuch, immer und immer wieder.
Was Gröning zeigt und erkennt, den Zuschauer erkennen lässt, ist die Gleichzeitigkeit von Banalem und Sublimem. Diese Einsicht durchströmt den ganzen Film, bildet seinen eigentlichen Reichtum. Der Augenblick, in all seiner Beiläufigkeit und Fülle. Eine Gabe. Ein Versprechen.
L’amour, l’argent, l’amour – Deutschland, Schweiz, Frankreich 2000 – 134 Minuten – Regie: Philip Gröning – Produktion: Philip Gröning, Dieter Fahrer, Res Balzli, Françoise Gazid – Drehbuch: Philip Gröning, Michael A. Busch – Kamera: Philip Gröning, Sophie Maintigneux, Max Jonathan Silberstein, André Bonzel – Schnitt: Philip Gröning, Valdís Óskarsdóttir, Max Jonathan Silberstein – Darsteller: Sabine Timoteo, Florian Stetter, Michael Schech, Dierk Prawdzik, Gerhard Fries, Marquard Bohm, Thomas Gimbel, Julia Lindig, Heiner Stadelmann, Helmut Rühl, Meral Perin, Lothar Kompenhans, Mia Moser …und „Akumyo: shima arashi“ (1974) im Speziellen.

Die sich schleichend entwickelnde Tragödie des wandernden Hahnenkämpfers Asakichi, der völlig ohne Absichten durch seine Liebe zu der Geisha Kotoito in den Machtkreis der Yakuza gerät, beschreibt Yasuzo Masumura über weite Strecken nüchtern ohne die expressive Schwerblütigkeit seiner frühen Melodramen. Die Welt, von der Asakichi und der sich ihm anfangs noch enthusiastisch anschließende junge Ex-Yakuza Sada absorbiert werden, wird von starren männlichen Verhaltenskodizes beherrscht, von ehrenhaften Selbstopfern und einem undurchdringlichen Zyklus formell-traditioneller Gesten, deren Macht Asakichi widerstandslos die unerwünschte Position als Yakuza-Hauptmann akzeptieren lassen und an der die Frauen um ihn und Sada zugrunde gehen, da sie nicht in der Lage sind, sich diesem ewigen Spiel aus Abhängigkeiten und maskulinen Ritualen weit genug anzupassen, in dem die Kette fallender Dominosteine nie zuende geht. Gewaltsam zu Ende gebracht wird sie schließlich, wie so oft bei Masumura, durch die mit japanischer Konsequenz und Determiniertheit ohne Selbstzweifel gewählte letzte Option des Suizids, der hier, anders als in seinen Melodramen, nicht einmal mehr aktiv verübt wird. Das System, welchem sich Asakichi und Sada unterworfen haben, will sie vernichten – und vernichten lassen sich beide willenlos, Sada von den Yakuza und Asakichi von einer Gesellschaft, deren Werte sich so eindeutig in ihrer Unterwelt widerspiegeln, dass für ihn keine Hoffnung mehr besteht, den Rest an Liebe, der ihm geblieben ist, in das befreiende Ideal zurückzuverwandeln, als das er ihm, dem von seiner Familie vor Jahren Geächteten, zu Beginn des Films stillschweigend und ohne Erwartungen erschienen ist. Masumuras Figuren sehnen sich bis zur völligen Selbstaufgabe danach zu leben, doch sie schreien erst dann mit einer alles verzehrenden Verzweiflung danach, steigern sich erst dann in den ihnen zustehenden emotionalen und sinnlichen Exzess, wenn sie sich in einem rituellen Todeskampf noch einmal ekstatisch aufbäumen. Das hat dieser, in seinen intimen Momenten mit observierender Distanz und in seinen zahlreichen Kampfszenen betont physisch, trocken brutal aber auch bewusst undynamisch inszenierte, stählerne Film mit den düsteren, erdrückenden und leidenschaftlichen Melodramen gemein, die Masumura in den 60iger Jahren mit seiner Muse Ayako Wakao in der Hauptrolle drehte. Ein Gangster-Film, der keiner ist, weil die Gangster zwar zentrales Motiv sind, allerdings ihrer verqueren Moral enteignet werden. Vielleicht hätte sich Francis Ford Coppola mit seinem THE GODFATHER PART II unangenehm berührt gefühlt, wenn er diesen Film gesehen hätte. Ihm wäre dann vielleicht bewusst geworden, dass man die Hölle eines Systems nur dann wirklich als solche in Szene setzen kann, wenn man sie selbst mit voller Intensität fühlt.
Es hat auf mich langsam den Anschein, als würde im kommerziellen japanischen Kino (respektive Mainstream) wesentlich unmittelbarer auf die Enge und die Kompromisslosigkeit, die emotionale wie sexuelle Repression und perfide Konsequenz des eigenen Kulturkreises reagiert als im Amerikanischen, wo eine konkrete Reaktion oft erst mit einer Distanz in der Perspektive einhergeht – zumindest ist das ein Gedanke, der mir bei meinen jüngsten Begnungen mit den Filmen Yasujiro Ozus (den ich nicht sonderlich schätze, obwohl er das Übel mit seinen eigenen Waffen zu schlagen versucht), Nagisa Oshimas (bei dem der intellektuelle Verarbeitungsprozess sofort auf den Impuls folgt) und eben Masumuras gekommen ist. Masumura allerdings lässt den Impuls einfach schwingen, solange, bis aus den kleinen Wellen eine schaumgekrönte, wogende Wasserwand erwachsen ist, die tosend in sich zusammenfällt und den Versuch des Begreifens ertränkt. Masumuras Filme erlangen Transzendenz durch Exzess. Das teilen sie mit anderen aggressiv existenzialistischen Regisseuren wie Andrzej Zulawski, Douglas Sirk oder Paul Verhoeven, die zu meinen engsten Lieblingsregisseuren gehören, deren Kreis Yasuzo Masumura nun, nach nur sechs Filmen, mit AKUMYO: SHIMA ARASHI offiziell beigetreten ist. Seit langem hat mich kein Filmemacher mehr so nachhaltend und umfassend inspiriert, stimuliert, berührt und vor allem zutiefst verstört. Diese Filme sind ein Geschenk, für das man sich nicht oft genug bedanken kann. Ich wünschte, ich wäre in der Lage, mehr und schlüssiger über sie zu schreiben. Doch Filme wie diese kann zumindest ich unmöglich adäquat in Worte fassen. Man muss sie in erster Linie spüren.

5 Masumura-Filme, 5 neue Lieblingsfilme: MANJI – DIE LIEBENDEN* (1964), SEISAKU’S WIFE ** (1965), RED ANGEL* (1966) , DIE BLINDE BESTIE * (1969) , AKUMYO: NOTORIOUS DRAGON (1974)
* Auf DVD in England von Yume Pictures und den USA von Fantoma erhältlich. In Deutschland sind bei Rapid Eye Movies „Die blinde Bestie“ und „Irezumi“ (1966) erschienen.
** In Frankreich auf DVD erhältlich von Ciné Malta, leider nur mit französischen Untertiteln und in mäßiger Bildqualität.
Anmerkung: Offenbar handelt es sich bei AKUMYO: SHIMA ARASHI um den letzten Teil einer ganzen Serie von Filmen um den von Shintaro „Zatoichi“ Katsu gespielten Hahnenkämpfer Asakichi. Davon habe zumindest ich beim Ansehen nichts bemerkt; der Film wirkt in sich abgeschlossen, auch wenn Kenner der übrigen Filme den Protagonisten vielleicht weniger enigmatisch empfinden dürften als ich.
Abschließend noch ein Zitat von Masumura, auf dass ich in der IMDb gestoßen bin:
„My goal is to create an exaggerated depiction featuring only the ideas and passions of living human beings. In Japanese society, which is essentially regimented, freedom and the individual do not exist. The theme of Japanese film is the emotions of the Japanese people, who have no choice but to live according to the norms of that society . . . After experiencing Europe for two years *, I wanted to portray the type of beautifully vital, strong people I came to know there.”
* Masumura studierte Anfang der 50iger Jahre Film am “Centro Sperimentale Cinematografico“ in Rom.
Links:
http://www.chicagoreader.com/chicago/tales-of-ordinary-madness/Content?oid=896201
http://somedirtylaundry.blogspot.com/search/label/Masumura
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/0401/feuilleton/0036/index.html
http://www.independentcinemaoffice.org.uk/masumura.htm
http://en.wikipedia.org/wiki/Yasuzo_Masumura
http://www.dvd-forum.at/5/special.htm
Und als negatives Fundstück ein in meinen Augen zumindest äußerlich (es handelt sich allerdings nur um einen Hinweis auf eine Masumura-Reihe im Arsenal-Kino Berlin) ausgesprochen engstirniger Kurztext, der eindimensional am Geist von Masumuras Werk vorbeischreibt, da er nicht der durchaus fließenden Entwicklung des Regisseurs nachspürt sondern sein Schaffen in handelsübliche Kategorien handelsüblichen Kritiker-Jargons einbettet und ihm im Vergleich mit Nagisa Oshima (der selbst zu Masumuras Anhängern zählte) auch flugs noch unterstellt, weniger radikal gewesen zu sein:
http://www.critic.de/aktuelles/kalendarium/detail/artikel/filme-von-yasuzo-masumura-im-kino-arsenal-1900.html

Entfremdetes „upper class“-Pärchen fährt ans Meer, um das Wochenende im eigenen Strandhaus zu verbringen. Er (Riccardo Salvino) ein luschiger, pedantischer und dumpfer Spießer wie er im Buche steht, Sie (Mara Maryl) frustriert und apathisch nach Jahren trister bürgerliche Ehe-Routine, die offensichtlich nicht in ihrem Sinne war. Doch just nach einer besonders unromantischen, mechanischen „Liebesnacht“ naht eine Brise, die frischen Wind ins Eheleben bringen wird: Ein Quartett von grimmig dreinschauenden Rockern bzw. Bikern (…) steht vor der Tür und verliert keine Zeit: Noch vor dem Frühstück bekommt der brave Hubby eine Faust in die nüchterne Magengrube und die kratzbürstige Ehefrau einen ganz und gar unerwünschten Besucher in ihr Bett. Doch das Blatt wendet sich schnell, denn Sie entdeckt in Fred (Robert Hoffmann), dem Anführer der Gang, all ihre seit Jahren ungestillten Sehnsüchte nach Freiheit und einem Leben ohne betäubende Gleichmäßigkeit. Das passt ihrem Gatten, der sich bisher ängstlich winselnd in die Ecke hat drängen lassen, natürlich gar nicht und er beginnt nach allen Regeln der Kunst zu intrigieren, um die haltlosen Rauhbeine gegeneinander auszuspielen… Weiterlesen “Rocker sterben nicht so leicht (1971)” »

Angesichts der eher trostlosen Meldungen aus Berlin kommt diese Nachricht doch gerade recht: Es gibt ein neues Filmfestival und dann auch noch ein Retrospektivenfestival, das sich ganz dem phantastischen Film widmet und die Lücke füllen möchte, die der Wegfall der Klassikersektion beim Fantasy Filmfest hinterlassen hat. Ralph Lorenz von monstercon.de und Andreas Schiefler von vintagemovieposters.de sind die Organisatoren dieser so vielversprechend klingenden Veranstaltung, die Anfang Mai 2010 im Metropolis Kino in Hamburg stattfinden wird. Einen wirklichen Themenschwerpunkt gibt es nicht, das Programm ist angenehm bunt gemischt. Und ESKALIERENDE TRÄUME würde nicht auf dieses Festival hinweisen, wenn die Veranstalter nicht versichern würden, das alle folgenden Filme in 35mm gezeigt werden:
Freitag, 7. Mai 2010
– CONAN – DER BARBAR (Conan the Barbarian, Regie: John Milius, USA 1982)
– FRANKENSTEINS HÖLLENBRUT (Chikyu kogeki meirei: Gojira tai Gaigan, Regie: Jun Fukuda, Japan 1972)
– DER TOTE KEHRT ZURÜCK (Misterios de ultratumba, Regie: Fernando Méndez, Mexiko 1959)
Samstag, 8. Mai 2010
– DAS PENDEL DES TODES (The Pit and the Pendulum, Regie: Roger Corman, USA 1961)
– MONSTER AUS DEM ALL (The Green Slime, Regie: Kinji Fukasaku, Japan/USA 1968)
– ANDY WARHOL’S DRACULA (Regie: Paul Morrissey, Frankreich/Italien 1974)
– DRACULA JAGT FRANKENSTEIN (Los monstruos del terror, Regie: Hugo Fregonese, D/IT/ESP 1969)
Sonntag, 9. Mai 2010
– WIE SCHMECKT DAS BLUT VON DRACULA? (Taste the blood of Dracula, Regie: Peter Sasdy, GB 1970)
– PLANET DER VAMPIRE (Terrore nello spazio, Regie: Mario Bava, IT/ESP 1965)
Andreas
Die Tendenz meiner diesjährigen Berlinale-Auswahl geht eindeutig in Richtung alter Filme. Nachdem ich letztes Jahr fast nur auf der 70mm-Retro rumhing, hatte ich mir für diese Berlinale eigentlich vorgenommen, vor allem neue Filme zu sehen. Beim genaueren Blick auf das Programm erübrigte sich dieses Vorhaben dann aber schnell. Auch wenn man der Retro, der Hommage und auch dem Forum-Special mit gutem Recht vorwerfen kann, eine nicht allzu originelle und auch nicht allzu entdeckungsreiche Auswahl aus der Festival-Historie anzubieten, sondern sich zu weiten Teilen eher auf Kanonisches zu konzentrieren, so findet sich angesichts der schieren Quantität an alten Filmen darunter dennoch so manche seltener gezeigte Perle und es ist nebenbei auch eine gute Gelegenheit, den ein oder anderen noch nicht gesehenen Klassiker nachzuholen. Zumal, wenn sich das Angebot an neuen Filmen mal wieder sehr durchwachsen präsentiert und zu weiten Teilen eher wie ein Minenfeld erscheint, bei dem das Risiko eines üblen Fehltritts wohl deutlich höher als die Chance einer unerwarteten Entdeckung ist. So zumindest der zunächst nur oberflächliche Eindruck, der sich beim Gespräch mit anderen Festivalbesuchern und beim gelegentlichen kurzen Blick ins Netz allerdings zu bestätigen scheint, denn unter den Leuten, die vor allem (oder sogar ausschließlich) neue Filme sehen, scheint kaum jemand dabei zu sein, der mit seiner Ausbeute auch nur halbwegs zufrieden ist (Extrembeispiel: Neil Young im Notebook von The Auteurs, der sich bislang offenbar regelrecht durchs Festival quält). Insofern ist es wohl nicht die schlechteste Idee, sich dann im Zweifelsfall lieber für einen eher selten (zumal im Kino) zu sehenden alten Film statt für einen abschreckend klingenden neuen Film zu entscheiden. Natürlich ist man auch bei den alten Filmen nicht vor Fehlentritten gefeit, aber insgesamt doch bei weitem sicherer und vor allem zufriedener unterwegs, auch wenn es ein bisschen bedauerlich ist, dass man sich mit einer solchen Vorgehensweise dann doch etwas um die Möglichkeit bringt, unverhoffte neue Entdeckungen zu machen. Aber der Preis dafür (in Form von ärgerlichen Fehltritten) erscheint mir dieses Jahr einfach zu hoch, vor allem das Programm der Sektion Panorama präsentiert sich 2010 zumindest auf dem Papier durchwachsener denn je (vom Wettbewerb mal ganz zu schweigen, zumal dort einiges auch schon bald regulär im Kino zu sehen ist), und auch weite Teile des Forums lassen echte Vielfalt und Überraschungen vermissen. Insofern beschränkt sich meine Ausbeute an neuen Filmen dieses Mal wohl auf nur eine Handvoll ausgewählter Sachen (und einige Filme, die ich eigentlich sehr gerne gesehen hätte, habe ich dann kurzfristig doch aussortiert, im Falle von Schanelec, Arslan oder Scheffner wegen des ohnehin baldigen Kinostarts, wodurch zumindest eine Sichtungsmöglichkeit im kommunalen Kino des Vertrauens garantiert ist, oder im Falle von Graf, auf den ich mich eigentlich sehr freue, aber keine Lust auf eine dann doch eher Kino-unwürdige DigiBeta-Projektion habe und mir den Zehnteiler dann lieber bei der baldigen TV-Ausstrahlung ansehe), wobei sich durch die Dominanz der alten Filme dann auch ein bisschen erübrigt, hier irgendwelche zeitnahen „Live“-Berichte zu posten, zumal das durch eingeschränkten Internetzugang sowie Zeit- und Motivationsmangel sowieso mal wieder schwierig geworden wären. Zumindest ein kurzer Zwischenstand der bislang – eben auch dank der vielen und überwiegend sehr guten alten Filme – sehr zufriedenstellenden Ausbeute mit den vorläufigen Höhe- und Tiefpunkten in knapp gehaltener Listenform bietet sich jedoch an. Der sieht dann nach 6 von 10 Tagen (den ersten Donnerstag, wo außer den Eröffnungsfilmen nichts zu sehen ist, zähle ich nicht wirklich dazu) ungefähr so aus:
Gesehene Filme: 29 (in 27 Screenings)
davon: 20 alte Filme, 9 neue Filme
Alte Filme
Favoriten (Auswahl): Dust in the Wind, Rio das Mortes, Il Cristo Proibito
Enttäuschung: The Tales of Hoffmann
Gurken: Central Station, Genealogies d’un crime
Neue Filme
Favoriten: Double Tide, Caterpillar, La Pivellina
Enttäuschung: Eastern Drift
Gurken: Waste Land, Vihir – The Well
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Sano
Dieses Jahr wollte ich nach langer Zeit wieder die Angewohnheit, aktuell von einem Festival zu berichten, aufnehmen. Das letzte Mal ist inzwischen schon 4 Jahre her – passenderweise die Berlinale 2006. Filmtagebuch, jeden Abend ein kurzer Fließtext zu (allen) Erlebnissen. Da ich es aber mal wieder nicht auf die Reihe bekommen habe mein Programm rechtzeitig zum Festivalbeginn fertigzustellen, musste ich bis vorgestern (da ist es mir dann doch gelungen) Abends noch stundenlang daran werkeln. Filmtagebuch gibts also rückblickend nach der Berlinale (erster Tag ist schon geschrieben, die Hälfte einer Filmkritik ebenso). An dieser Stelle aber zumindest eine kleine Rückschau der besherigen 7 Festivaltage. Da in den ersten zwei Tagen wesentlich weniger Filme liefen, ist diese Zwischenbilanz vielleicht auch eine Art Halbzeit. Endstand gibts am Ende natürlich auch. Kurz anzumerken wäre aber an dieser Stelle auf jeden Fall noch, dass die Zwischenbilanz bisher äußerst positiv ausfällt. Fast nur tolle Filme nach 6 Tagen Filmmarathon hatte ich bisher nur selten (und bei der Berlinale schon mal gar nicht), und das Erfreulichste dabei ist, dass ich nach einigen leidvollen Jahren wohl endlich meinen schmerzlich vermissten Riecher für neue Filme wiedererlangt habe. Wenn es bei mir nach dem Ausspruch einer Besucherin ginge, deren nüchternes Fazit lautete, dass es wohl im Schnitt bei acht gesehenen Filmen einen sehenswerten gäbe, hätte ich das Filmeschauen auf der Berlinale schon längst aufgegeben.
Gesehene Filme: 29 (in 25 Screenings)
Neues: 11
Sehenswert: 11
Uninteressant: 0
Bester Film: Der Räuber
Benjamin Heisenberg Österreich, Deutschland 2009
Altes: 18
Sehenswert: 16
Uninteressant: 2
Bester Film: Lian lian feng chen „Dust in the Wind“
Hou Hsiao-hsien Taiwan 1986
Februar 18, 2010 | Veröffentlicht in
Andreas,
Festivals,
Sano |
2 Comments
Ein Hinweis für alle Berliner und alle die aufgrund der Berlinale in Berlin weilen: Sollte einen der wie schon die letzten Jahre eher fad wirkende Kosslick-Wettbewerb all zu sehr langweilen, empfiehlt es sich einen Abstecher ins fsk-Kino am Oranienplatz zu machen: Dort erlebt einer der besten Filme des letzten Jahres endlich seine deutsche Kinopremiere: TWO LOVERS von James Gray. Gezeigt wird der Film in der Woche vom 11. bis 17. Februar täglich um 20.30 und um 22.45 Uhr und – wichtig! – in OmU. Und wenn alle ganz fleißig ein Ticket lösen, besteht ja vielleicht sogar die Chance, dass das fsk ihn über seinen eigenen Verleih Peripher auch in die Kinos anderer deutscher Städte bringen wird. Verdient hätte es TWO LOVERS und sein Regisseur in jedem Fall. Während Gray in Frankreich bekannt, beliebt, aber auch umstritten ist wie kaum ein anderer zeitgenössischer amerikanischen Regisseur, beschäftigt man sich in Deutschland leider kaum mit ihm.
Wer mehr über TWO LOVERS erfahren will, dem empfehle ich folgendes Essay über den Film von Ryland Walker Night bei The Auteurs (die deutsche Übersetzung erschien in der zweiten Ausgabe der Filmzeitschrift CARGO) und denjenigen, die sich näher mit der Kritik an Grays Werk (und an TWO LOVERS) beschäftigen wollen, vielelicht als Einstieg Notes pour une étude en Gray (Notes for a study in Gray) von Emmanuel Burdeau bei den Cahiers du Cinéma. Letzterer Artikel lässt sich leider nicht direkt verlinken, ist aber über die Suchfunktion der Homepage des Magazins in französischer und englischer Fassung leicht zu finden. Nach der Berlinale wird sich auch ESKALIERENDE TRÄUME ausführlich mit TWO LOVERS und Grays Gesamtwerk beschäftigen, so viel sei schon mal versprochen.
Februar 9, 2010 | Veröffentlicht in
Alexander P.,
Blog,
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