Night Train to Venice (1996)

Venedig ist keine gewöhnliche Kulisse für einen Film. Gerade was die dunklen Seiten der Menschen angeht, scheint die Stadt mehr als geeignet, diese offenzulegen. Vielleicht liegt es an der verwirrenden Infrastruktur oder an dem ganzen Wasser, aber Filme wie „Don’t look now“ oder „The Comfort of Strangers“ suggerieren das Bild einer Traumstadt, die niemals wirklich ist, niemals greifbar. Menschen verschwinden im Nebel. Menschen tauchen unter in der Postkartenidylle, der sie ja doch nicht trauen. Tauchen unter in den historischen Stätten, die ihre eigenen Geheimnisse verschlingen.
Die meisten Venedig-Filme haben die Gemeinsamkeit, das Irreale und den Wahnsinn spürbar zu machen. Und der Wahnsinn hallt nach. Vor allem bei „Night Train to Venice“, ein Film wie ein schlechter Traum. Weiterlesen “Night Train to Venice (1996)” »

100 Deutsche Lieblingsfilme #44: Großstadtmelodie (1943)

Am Anfang sind wir gleich in Bayern, mitten auf dem Land, in einer Kleinstadt. Trachten, Feste, Volksmusik, und ein Familienessen, wie es im Heimatfilm der 50er Jahre hundertfach zu sehen sein wird. Großstadtmelodie ist ein Heimatfilm. Doch die Heimat liegt in der Fremde. Dem Zuhause, dem Ort wo man geboren, wo man aufgewachsen ist, wollen viele entfliehen. Er kann einengen, verhindern etwas zu sein, das zu sein, was man ist, oder das man werden möchte, werden könnte. Jeder kennt einen, jeder beobachtet einen, jeder kommentiert einen. Und bevor man sich versieht, glaubt man vielleicht selbst an das Bild das die Anderen von einem haben. Man passt sich an, man fügt sich ein. Weiterlesen “100 Deutsche Lieblingsfilme #44: Großstadtmelodie (1943)” »

Filmvorschau #6

Goodbye Again
Anatole Litvak  Frankreich, USA  1961

Requiescat in pace, manifestatore dell’anima

Cesare Canevari, regista
† 25. 10. 2012


Dovrei scrivere tutto questo nella mia madrelingue, in tedesco. Se volessi riuscire ad esprimere quello che sento, questo sarebbe il modo giusto. Ciò nonostante fare altrimenti mi sembra un dovere sentimentale in questo caso perché la mia ammirazione dei film di Cesare Canevari sarà sempre legata al desiderio di imparare la sua lingua, un desiderio che naque nel 2010. A quel tempo trovavo questi film e sognavo di fare una intervista a Canevari, ma non sapevo se viveva ancora né parlavo l’italiano o come avrei potuto contattarlo. „Scusami… perdonami… per quello che ho fatto… oggi.“ Erika Blanc dice all’inizio di IO, EMMANUELLE e il modo in cui pronuncia questa frase, especiale „oggi“, mi è rimasto nelle orecchie.

Ormai Cesare Canevari è morto da alcuni giorni. L’avevo letto stanotte, dopo aver visto un film americano che chiamerei una vera „febbre cinematografica“, FALCONHEAD PART II di Michael Zen. „Febbre cinematografica“. Una malattia eterea che Cesare Canevari mi ha dato sempre e sempre di nuovo, così intensamente, così stimolante e travolgente. Nel 2007, il mio amico Andreas mi aveva fatto vedere il trailer – e niente di più – di MATALO (1970), il quale poi non ho mai potuto dimenticare, nonché i pensieri che ci avevo in mente allora. Poi venivano davvero quei miracoli dello schermo che si chiamano UNA IENA IN CASSAFORTE (1968), DELITTO CARNALE (1983), L’ULTIMA ORGIA DEL TERZO REICH (1977), IO, EMMANUELLE (1969) e finalmente anche MATALO. Non potevo trattenermi da stupire però anche da sentirmi confuso. Nei film di Canevari, si presenzia una liberazione del cinema dalla terrena costrizione che si chiama narrazione, dallo strumento che si chiama struttura ed alla fine, dalla idea che si può recepire l’essere umano nella arte in modo psicologico. Anche se i suoi protagonisti cercano quasi sempre di liberarsi dalle forze terrene in un modo o l’altro, sono sempre condannati a soffrire in una banale avidità a cui non c’è una fine al di fuori della ironia e dell’assurdo.
In modo strano che nemmeno io capisco completamente, questo mi commuove, come la messa in scena di Canevari mi da una fame inestinguibile per il cinema stesso, una curiosità per un cinema puro che si apre massimamente al spettatore che altrettanto deve aprirsi al film senza voler tenerlo di forza sotto il suo controllo ricettivo. Frequentemente, si parlano di suoi film usando l’aggettivo „psichedelico“. La parola „Psychedelia“ deriva dal greco antico e in fondo significa „manifestare la anima“. Il cinema di Canevari per fortuna non è un cinema di psicologia. Se si potesse immaginare che la psiche si manifesterebbe in una rappresentazione artistica della anima, Canevari effetivamente ha fatto nascere un cinema „psichedelico“.
Dal mio punto di vista, Cesare Caneveri, malgrado le sue „spinose“ scelte di genere, riusciva a rivelare la caotica grandezza e la profonda malinconia della anima come pochi altri registi italiani. Io ne sarò sempre riconoscente e affascinato. Ogni volta che mi viene la vaga voglia di girare un film me stesso, so che Canevari è uno dei registi a cui devo questa voglia. Addio, Signore Canevari – le parole non mi bastano per ringraziarla. È stato un raptus straordinario.


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Filmvorschau #5

C.S.K. – Cyborg für Sonder-Kommandos
Gerry Schuster  Deutschland  2000

Andrzej Zulawski # 1: Ein Drittel der Nacht (1971)

Und der vierte Engel posaunte: und es ward geschlagen der dritte Teil der Sonne und der dritte Teil des Mondes und der dritte Teil der Sterne, dass ihr dritter Teil verfinstert ward und der Tag den dritten Teil nicht schien und die Nacht desgleichen.
Offenbarung 8,12

Die frühesten Erinnerungen, die Zulawski an seine Kindheit hat sind, so hat er mehr als einmal in Interviews bekannt, Erinnerungen an den Krieg. Nichts habe ihn stärker geprägt als der Krieg, diese Urkatastrophe der Menschheit in der sie nichts anderes tut als sich selbst in Frage zu stellen, sich mit aller Wucht in die Waagschale zu werfen und sei es, dass die Waage selbst daran zerbricht. Im polnischen Kino ist Zulawski nicht zuletzt deshalb eine singuläre Erscheinung, weil seine Filme keine Erlösungsversprechen religiöser oder politischer Machart kennen, wie sie all die großen Wajdas, Zanussis und Kieslowskis trotz ihrer Unterschiede und jeweiligen Vielschichtigkeiten zwischen oder zuweilen explizit in den Zeilen ihrer Bilder geben. Bei Zulawski gibt es keinen metaphysischen Halt, kein Halten mehr, alles stürzt, alles rennt, alles brennt – rette sich, wer doch nicht kann! Zulawski ist einer der großen Apokalyptiker des Kinos, ein Chronist des zivilisatorischen wie des persönlichen Niedergangs. Erlösung gibt es bei ihm einzig und allein im großen verzweifelten „Trotzdem“ der Liebe. Kaum ein anderer Autorenfilmer der Nachkriegszeit hat sich noch getraut mit solcher Vehemenz und pathosgesättigter Inbrunst der romantischen, der über alles erhabenen heiligen Liebe zu huldigen wie Zulawski. „Deine Haut wird verbrennen“ sagen seine Filme, „Dein Fleisch wird Dir als zähe Masse aus dem Leib tropfen und Dein Blut in den Adern verdampfen. Du wirst qualvoll sterben und die Welt mit Dir, doch Dein Herz wird, bevor auch es den Flammen anheim fällt, zwei oder drei Takte Liebe schlagen. Das ist alles.Weiterlesen “Andrzej Zulawski # 1: Ein Drittel der Nacht (1971)” »

Viennale: Rückblick 2011 & Vorschau 2012



Rückblick 2011

Ein Bild von einem Cinemenschen, wenn es jemals eines gab, steht im Zentrum von Amir Naderis CUT. Um die Schulden abbezahlen zu können, die sein verstorbener Bruder für seine Filme aufnahm und die nun innerhalb von 14 Tagen von den Yakuza-Mitgliedern zurück gefordert werden, lässt sich der Protagonist gegen Geld verdreschen. Jeden Tag aufs Neue prügeln seine „Kunden“ stundenlang auf ihn ein und reagieren sich an ihm ab. In den Pausen dazwischen lässt er von dem mobilen 16mm-Projektor, mit dem er nachts geradewegs konspirative Vorstellungen auf Hochhausdächern zur Vermittlung von Filmgeschichte durchführt (diese Art der mobilen Kinemathek scheint es in Japan dem Vernehmen nach tatsächlich häufiger zu geben), seinen geschundenen Leib bestrahlen, mal mit durchlaufendem Film, mal einfach nur vom Licht der Projektorlampe. Fast scheint es, als würde die Wärme des Projektorlichts seine Wunden lecken und heilen, den versehrten Körper zärtlich umschmeicheln und ihm wieder Energie zuführen. Ein bizarres, wiederkehrendes Bild ist das in diesem Film der Stunde zu den Umbrüchen der Kinotechnik, der Filmleidenschaft und der Bedingungen unabhängigen Filmemachens. Weiterlesen “Viennale: Rückblick 2011 & Vorschau 2012” »

Japanischer Sexfilmregisseur verstorben

So oder so ähnlich könnten die vielen Nachrufe, über die ich seit Mittwoch stolpere, auch lauten. Im Bösen wie im Guten. Denn die Tatsache, dass Wakamatsu bis vor kurzem noch hauptsächlich als Sexfilmer verschrien war, ist eigentlich sehr schön. Genau das war er nämlich. Wie auch der überwiegende Teil der japanischen Filmemacher über fast zwei Jahrzehnte. Von Mitte der 60er bis in die 80er hinein dominierte in der japanischen Filmindustrie der sogenannte „pinke Film“ mit all seinen Abwandlungen und Verformungen. Die Regeln waren in diesen anfangs unabhängig produzierten, dann aber auch von den Studios im jährlich dreistelligen Ziffernbereich wie am Fließband entstehenden Filmen recht einfach: Solange etwa alle 10 Minuten eine Sexszene (oder was man früher dafür hielt) vorkam, war der Rest egal. Das Gleiche gilt im Grunde noch heute. Auch wenn der japanische Sexfilm mit dem Aufkommen des Videomarktes seine prominente Position allmählich verlor. Weiterlesen “Japanischer Sexfilmregisseur verstorben” »

Filmvorschau #4

Ginga-tetsudo no yoru
Gisaburo Sugii  Japan  1985

Das kaputte Lächeln der Schafe

Filme, an denen ich schriftlich scheitere, Teil 1: THE APPALOOSA (1966)


Wo beginnen, wie beginnen, was herausstellen, wie die Gedanken so ordnen, dass zumindest einige der weniger interessanten übrig bleiben? Rhetorische Fragen. Es bleibt übrig, was den harten, steinigen und gefährlichen Weg vom Kopf zur Hand überlebt. Ich werde nicht gefragt, was überleben soll und sehe mich gegen meinen Willen zur Naivität verdonnert, meinem letzten Asyl. Was bleibt ist der Versuch, das Strandgut so zu arrangieren, dass es gut aussieht, mit schönen Worten und schönen Bildern. Bedeutung hat es da längst keine mehr.

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Nach THE IPCRESS FILE, diesem erstaunlicherweise so erfolgreichen Fiebergesang aus wie erkalteter Rauch schwebenden Ellipsen, nach Hollywood importiert, arbeitet Furie hier mit unendlicher, bis zum Äußersten gespannter Ruhe an seinem eigenen Versuch einer Western-Auflösung. Wie eine Brausetablette in den letzten Zügen verdunsten hier Schemen und Texturen, lassen nur noch die letzte mögliche Form von Ambient-Existanzialismus zu. In einem einladend leeren Niemandsland an der Grenze zwischen den USA und Mexiko will sich der verlorene und ergraute Gringo-Junge Marlon Brando bei seinem mexikanischen Bruder zur Ruhe setzen.

„I’ve done a lot of killin‘. I’ve killed a lot of men and sinned with a lot of women. But the men I killed needed killin‘ and the women wanted sinnin‘ and I never was one much to argue.“

Das Gefühl der Benommenheit, die einer Rückkehr nach langer Zeit innewohnt, ist übermächtig und beschwichtigend, wie die schläfrige Lust eines Spätsommerabends. Ein zerbrochenes Lächeln huscht dem schratig zerzausten Mann über das Gesicht, als er aus der Ferne die Kinder seines Bruders beobachtet, wie sie sich über seine Ankündigung, bei ihnen zu bleiben, freuen. Er ist scheinbar gereinigt für diese Bilder. Denkt er und denken für einen Moment auch wir. Man sieht und hört und spürt, dass sich dieses Lächeln in seiner Ehrlichkeit nicht noch einmal wiederholen lassen wird.
Ein mexikanischer Viehzüchter stiehlt ihm seinen Schimmel mit dem braunen Kopf, seinen Appaloosa. Er will ihn zurückholen, notfalls mit Gewalt. Das Pferd allerdings, wie auch seine Ehre sind, glaube ich, nicht wichtig. Der Titel des Films ist, indirekt, seine Tragödie. Weiterlesen “Das kaputte Lächeln der Schafe” »