
Lise!
Trockne deine Tränen
Und weine nicht
“L’ultimo orgia del III Reich”, der einzige Nazisploitationfilm des nicht bloß im Bezug auf seine präferierten Genres schwer festnagelbaren Cesare Canevari eröffnet mit einem Titelsong, dem, man merkt es im Laufe des sich anschließenden Films recht schnell, eine Aufgabe zufällt, der sich die verrätselten Bildeindrücke schlicht verweigern. Fremdbestimmend, immerzu im Imperativ oder Tone auktorialer Einsicht gehalten, pflanzt er bereits spekulative Empfindungen fremden Geistes in eine Frau, bevor wir diese überhaupt kennenlernen dürfen. Einzig an Lise Cohen (Daniela Poggi) gerichtet gewinnt der insistierende Klang der deutschen Erzählstimme vor mit eisernen Kreuzen verzierten Credits retroaktiv in Relation zu den folgenden Barbareien deutscher Nazischergen einen fast hämischen Unterton. Als Alpha und Omega des Filmes wirkt dieser Rahmen wie eine Aufforderung zum Vergessen des gerade Gesehenen, nicht von Canevari angestimmt, sondern schlicht im Stile einer 1977 zumindest unter Deutschen weit verbreiteten Haltung im ungut paternalistischen Ton (“Lise! Kleine Lise!”) – ein Monolog ohne Raum für Antwort. Doch was gilt es überhaupt zu vergessen? Der Inhalt zwischen dieser Klammer verweigert eine druckreife, in schnöde Worte übersetzte Antwort. Weiterlesen “Rotationen verwundeter Seelen: L’ultima orgia del III Reich (1977)” »

Ein bisschen der neorealistische „Grosse Freiheit Nr. 7“. Helles, natürliches Licht, Schatten, die niemandem einen Schrecken einjagen, die geheimnislosen Kontraste der Wirklichkeit in ungewohnt schmucklosem Schwarz-Weiß. Die geschäftige Ruhe der 1950er Jahre dehnt sich aus auf Märkten, den Mündern der Schausteller, in Kneipen, einem Zeitenbild, dessen Lokalkolorit wie unsimuliert erscheint. Wenn Käutners Ode auf die Individualität Wunschbild aus dunklen Zeiten ist, drängt sich hier das Wort Abbild auf. Eine von oben herab den Pfad statt den Rhythmus des Gehetzwerdens zwischen Fischbuden nachmessende – eben nüchtern abbildende – Verfolgungsjagd wirft Ausschmückung dazu. Filmische Bewegung, Kranfahrten, die glanzvolle Raffinesse alter Meister. „Freddy, die Gitarre und das Meer“ ist ein Film der Gegensätze. Des Titelhelden gedrungener Körperbau und seine sanftmütigen Züge vor dem fürsorglichen Seelenleben – schon ganz für sich ein wunderbarer Kontrast. Alle löst Wolfgang Schleif sie gleich auf, Minus mal Plus ergibt bei ihm doch immer nur Plus – nicht Naivität, schiere Warmherzigkeit. Die ist eine Bulette auf die Faust und bloß maskiert hinter Peter Carstens schnoddrigem Seemannsgebell, der distinguierten Schmierigkeit Harry Meyens. Wirklich jedem zaubert sie früher oder später ein Lächeln ins Gesicht, die Musik, biegt sie die Minen alarmierter Nachtwächter und Kommissare kraft ihrer animierenden Wirkung ins Gegenteil. Weiterlesen “100 deutsche Lieblingsfilme #67: Freddy, die Gitarre und das Meer (1959)” »

„Köln-Ehrenfeld, Hüttenstraße“, proklamiert Dietrich Schubert, das künstlich verlängerte Auge auf den Tunnel unterhalb einer Bahnbrücke gewandt. Ein Auto durchfährt das Schwarz inmitten des hellen Tageslichtes – nun setzt sich auch die Kamera in Bewegung, während auf der Tonspur die ersten Takte Víctor Jaras „Cai Cai Vilú“ aufklingen, aus der Gitarre eines Toten Leben in die wohl mittägliche Ruhe der Großstadt tragen. Vorbei an stillstehenden PKWs, Werkstätten außerhalb jeder Betriebsamkeit und einer Ampel, die keinen Verkehr zu kennen scheint, folgen wir dem Verlauf dieser prägnanten baulichen Erhöhung. Der Rhythmus Lateinamerikas wird infektiöser, überbordender, bis ihn ein rascher Schnitt vorzeitig zum Erliegen bringt. Stille über einer rahmenlos eingebetteten, vermehrt ihrer eigenwilligen Textur wegen erkennbaren Fotografie. Nationalsozialistische Uniformträger hochoben hinter dem Geländer ebenjener just erkundeten Brücke, das filmische Auge vermisst auch sie betulich weiter rechtswärts wandernd – ganz als hätte es diesen jähen Bruch der Zeitebenen nie gegeben. Dann setzt sie wieder ein und wieder aus, die Musik. Menschentrauben, das berühmt gewordene und später doch als gar nicht zu derer der Ehrenfelder Gruppe gehörig erkannte Portrait einer Massenhinrichtung. Aus, an, immer schneller, einer ureigenen Taktung der Bilder folgend – bis Jaras Komposition nur mehr in Form zahlreicher, zunehmend zusammenhangloser Fragmente zwischen Bildeinheiten exsitiert, die Trommel für längst verhallte, auf dem Fotopapier jedoch auf ewig im Marsche begriffene Stiefel einspringt, ihnen so zu neuem Leben verhilft wie die ihre Schneise nachziehende Kamera. Weiterlesen “Dietrich Schubert – Die Stilistik des Erinnerns: Nachforschungen über die Edelweißpiraten (1980)” »

Weiterlesen “‚The pain of being a woman is too severe!‘ – The films of Roberta Findlay: Mascara (1983)” »
Juli 23, 2019 | Veröffentlicht in
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Ein sonderbarer Film, so möchte man über den Verlauf seiner gefühlt ersten Hälfte hinweg fast durchweg meinen – so proppevoll mit Referenzen an die große Zeit messerbetriebener Genreentwürfe, ein wenig überfällt von ihnen fast. Der, pardon the pun, fesselnde Auftaktmord aus William Friedkins ohnehin unübersehbar Pate gestanden habendem „Cruising“ (1980), die selbst ausgewiesenen Fußfetischisten das Fürchten lehrenden Zehenübergriffe aus „Lo squartatore di New York“ (Lucio Fulci, 1982), des Mörders Seelenreise, die an eine bösartig verfremdete Version von Jacques Scandelaris „New York City Inferno“ (1978) gemahnt, Zauberweltenschwulenpornos à la Wakefield Poole, Schnapsexzesse hinterm Steuer wie man sie bereits ausgiebigst von Franco Nero kennt – dies alles und noch viel mehr taucht in Yann Gonzalez so hitzig schwülem wie unerschrocken schwulem Neo-Giallo-Entwurf in Form penibelst studierter Pastiches erneut aus den schlammigen Untiefen der filmischen Vergangenheit auf. Weiterlesen “Zeitnah gesehen: Un couteau dans le cœur (2018)” »

Weiterlesen “‚The pain of being a woman is too severe!‘ – The films of Roberta Findlay: Fantasex (1976)” »
Juli 16, 2019 | Veröffentlicht in
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Ein letztes Aufbäumen des deutschen Expressionismus – wie prächtig aufblitzende, allzu bald jedoch schon wieder zu verglimmende Sternschnuppen segeln Stewart Grangers Männer in totenstiller Wüstennacht am Fallschirm dem weichen Boden entgegen. Aufgereiht wie die Glieder einer Kette, einer rigiden Richtschnur vielmehr, gleich einer Übertragung des Wasserballettes in die Lüfte. Fausto Tozzi, der getroffen in Richtung Kamera tänzelt, fällt, sich aufrappelt, den Schmerz aus seinem Gesicht wischt, wieder und wieder von vorn, bis ihm eine letzte Salve unbekannter Hand endlich den Garaus macht. Dem Kampf geht in Frank Wisbars vorletztem Kinofilm jegliche Satisfaktion ab, seine wie in den Kriegsfilmen Sam Fullers zumeist unsichtbaren Feinde sind nie Anlass heroischer Körperverschmelzung im Ringen Mann gegen Mann, stets eine außerhalb der Kadrage wütende, die Menschengeschicke darin indes lenkende Urkraft. Für den die zeitlebens miterlebten Kriege offenkundig müden Wisbar ist der Konflikt nichts als ein Reigen determinierter Ereignisse. Peter Carsten, dem der Enthusiasmus für die Zunkunft die Vorsicht raubt, Riccardo Garrone, der große zweifelnde Gaukler, dem in der Fürsorge für seine ihn im Sterben umringenden Kameraden endlich wieder sein Gott erscheint, bevor die Kugeln ihm den Rücken zerfetzen. Weiterlesen “100 deutsche Lieblingsfilme #66: Marschier oder krepier (1962)” »

„Buddies“ – the cinematic swan song of noted gay pornographer Arthur J. Bressan Jr. – is a highly unusual film, less as a result of the obvious expectations evoked by a small scale and utterly devoid of explicit sex chamber piece between just two characters of importance, more because of its striking insistence to structure a visual narrative entirely around its main character’s chosen profession. David Bennett (David Schachter) is a timid young typesetter through a voluntary programme assigned as buddy to formerly outspoken gay rights activist Robert Willow (Geoff Edholm), a man inescapably and quite miserably dying from AIDS in the dull confines of his hospital bed. Both men slowly grow accustomed to each other, share sometimes heated, sometimes aperitive discourses on coming out, the pitfalls of publishing ardently anti-gay voices‘ epistles first, then a good laugh watching old holiday videos and lastly the scant intimate moments their surroundings and Robert’s illness permit. Hardly a minute of film is lacking either man’s presence and yet almost everything we see stems directly from the eyes of David, or rather his hands – for they create what we absorb. Stories of last breaths sighed in the shadows, of individuals turned into mere numbers by the frightening grip of a cold, non-selective pandemic defying any try at emotional apprehension. Weiterlesen “The typography of bidding farewell: Buddies (1985)” »