STB Robert 2026 I

„Die Zahlen des Kommerzes waren rational – Verhältnisse von Gewinn und Verlust, Tauschraten –, doch in der Menge der reellen Zahlen waren die, welche die Zwischenräume einnahmen – die irrationalen – gegenüber diesen schlichten Quotienten bei weitem in der Mehrheit. So etwas Ähnliches spielte sich auch hier ab – das zeigte sich schon an der seltsamen, keinem Muster folgenden Teilmenge der venezianischen Adresszahlen, die schon mehr als einmal dazu geführt hatte, dass er sich verlief. Er kam sich vor wie jemand, der nur reelle Zahlen kennt und zusieht, wie eine komplexe Variable dem Grenzwert zustrebt …“
(Gegen den Tag)


Wertung: Ich kann nichts mit Zahlen zur Bewertung anfangen. Deshalb gibt es hier ein prosaisches System. Eine Skala ist mit der Qual verbunden, Filme in eine lineare Ordnung zu quetschen. Deshalb hat die Wertung zumindest eine Y-Struktur für freieres Atmen. Die Einstufungen radioaktiv und verstrahlt reflektieren, dass ein Film in seiner eigenwilligen Qualität es einem nicht einfach macht, ihn einfach zu genießen. Wertungen in Klammern verweisen auf das ein oder andere Nickerchen beim Schauen.

Legende: Ist im Grunde selbsterklärend. Wenn hinter der eckigen Klammer eine Zahl steht, dann gibt sie die Anzahl der Sichtungen wieder. Je höher die Zahl, desto mehr ist sie geschätzt. Da ich mit Fernsehen und Kino aufgewachsen bin, wo nur gekennzeichnet wurde, wenn ein Film nicht in deutscher Sprache lief, tue ich das schändlicherweise auch. (OmU=Originalfassung mit Untertiteln, OmeU=Originalfassung mit englischen Untertiteln, OF=Originalfassung, EF= englischsynchronisierte Fassung, OZmeU=Originalzwischentitel mit englischen Untertitel) Hinzu kommen die Zeichen ł, wenn der Film gekürzt war, und ≠, wenn ich mitbekommen haben sollte, dass das Format nicht hinhaute. Ein kleines K hinter einem Titel bezeichnet einen Kurzfilm (bis 15 Minuten), während ein kleines M einen mittellangen Film (16 bis 60 Minuten) kennzeichnet.


Vorangegangene Sehtagebücher:
2012/II | 2013/I | 2013/II | 2014/I | 2014/II | 2015/I | 2015/II | 2016/I | 2016/II | 2017/I | 2017/II | 2018/I | 2018/II | 2019/I | 2019/II | 2020/I | 2020/II | 2021/I | 2021/II | 2022/I | 2022/II | 2023/I | 2023/II | 2024/I | 2024/II | 2025/I | 2025/II

Mai
Montag 18.05.

Der Kommissar (Folge 41) Kellner Windeck
(Erik Ode, BRD 1971) [DVD]

ok

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Sonntag 17.05.

Der Kommissar (Folge 40) Der Tod des Herrn Kurusch
(Theodor Grädler, BRD 1971) [DVD]

ok

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The Store / Das Kaufhaus
(Frederick Wiseman, USA 1983) [stream, OmeU]

großartig

Die missmutigen Clowns und die alten Männer in Elfenkostümen, die durch das vorweihnachtliche Neiman-Marcus-Kaufhaus in Dallas schlurfen, das Fröhlichkeits- und Lockerheitstraining oder der glücklose Zobelpelzmantelverkäufer, der immer und immer wiederkommt innerhalb des Films auftaucht, lassen die Verachtung Wisemans durchaus deutlich mit bitterem Witz spüren. Er porträtiert eine Konsum- und Verkäuferkultur, die sich sektenartig organisiert und sich in immer neuen Meetings einschwört und Strategien für Verkäufe ausgibt. Und es ist treffend, amüsant, traurig und auch düster, die endlosen Meeting sind jedoch auch etwas arg lustfeindlich.

暴行本番 / Lustmord
(Satō Hisayasu, J 1987) [blu-ray, OmeU]

fantastisch

Ein Sadist infiziert drei Frau mit einer Krankheit, die sie Schmerz als Lust empfinden lässt. Frauen wälzen sich also in Rosen und kuscheln mit Teppichcuttern – aber da wir bei Satō sind, geht es nicht um perverse Wunscherfüllung, sondern um einen gräulichen Traum, der zum Albtraum totalem Kontrollverlusts wird. Ein Albtraum virtueller Welten (Videospiele) und technisch-medizinischen Fortschritts, die im Endeffekt auch zerstörerische Entfremdung hinauslaufen. Vor allem aber ein Fetischfilm, der seinen Kink ausnahmsweise nicht nur an Digitalem, Magnetbandrauschen und scharfen oder spitzen Dingen findet, sondern auch am Wälzen in Wurst und Spaghetti.

Sonnabend 16.05.

Der Kommissar (Folge 38) Grau-roter Morgen
(Theodor Grädler, BRD 1971) [DVD]

tba.

München, geflutet von Heroin-Hippie-Zombies, die Eltern verrückt werden lassen: Eigentlich eine bedrückende Folge, nur ist der tendenziöse Weltblick einer Bildschlagzeile harter Tobak.

Donnerstag 14.05.

Der Kommissar (Folge 37) Die andere Seite der Straße
(Theodor Grädler, BRD 1971) [DVD]

großartig

Surrealismus holt die Folge immer wieder ein. Wenn die Leute auf der anderen Seite der Straße wohnen, aber auch im selben Haus. Wenn im Keller der Bar eine Rockband wilden Beat für eine ekstatischen Masse schmettert, es sich oben aber immer nach den Rolling Stones anhört – wobei SHE’S A RAINBOW wie die traurige Hymne verlorener Realität wirkt. Wenn Schlägerrotten auch in Gegenwart der Polizei seelenruhig unter den Fenstern warten und die Zeugen verfolgen, die ihre Wohnung verlassen – um ihnen nahezulegen, besser zu schweigen. Wenn dieses Sozialdrama, in dem Leute, die nicht schlau genug fürs Geldmachen sind, die im Alter von schlechten Suppen und in Buden leben müssen, in dem Armut eine Einkesselung durch Gewalt, Angst und Schweigen ist, wenn dieses Drama am Ende eine Liebes- und Eifersuchtsgeschichte gewesen sein soll.

Sechse kommen durch die Welt
(Rainer Simon, DDR 1972) [DVD] 6

fantastisch

Ich muss mal mehr Filme von Rainer Simon gucken. Die Schönheit dieses Märchenfilms abseits der parabelförmigen Gesellschaftskritik kann doch kein Zufall sein…

アブノーマル 陰虐 / Re-Wind
(Satō Hisayasu, J 1988) [blu-ray, OmeU]

großartig +

Ein wenig VIDEODROME, ein bisschen PEEPING TOM: Ein Serienmörder bringt Frauen mit dem Messer an seiner Videokamera um und verteilt die Videos seines libidinösen Höhepunkts in Pornovideokabinen. Aber geht es Cronenberg um den Einfluss der Bilder, geht es Powell um die Psychologie des Fetischs, benutzt Satō diese Motive lediglich als ganz passenden Teil seines apokalyptischen Horrors einer gegenwärtigen, technisierten, großstädtischen Anonymität. Hochhausschluchten, Wichskabinen, Apartments und Gänge, in denen Körper und Seelen kaputt gehen. Dies ist vll. ein ein wenig generischer Satō-Film, seiner hypnotischen Schönheit könnte ich aber doch ewig zuschauen.

Dienstag 12.05.

Was an Empfindsamkeit bleibt
(Daniela Magnani Hüller, D 2026) [stream]

großartig

Seit dem Film höre ich wieder sehr viel Os Mutantes, Tom Zé, Gilberto Gil, Caetano Veloso und Quarteto em Cy. Ein schöner Effekt. Mehr zum Film findet sich beim Perlentaucher.

Montag 11.05.

Der Kommissar (Folge 36) Tod eines Ladenbesitzers
(Wolfgang Staudte, BRD 1971) [DVD]

großartig

Ein Altenheim, eins von Reineckers immer wieder aufgegriffenen Schreckensmotiven, ist hier ein kafkaesker Albtraum. An der Tür müssen die eigenen Möbel zurückgelassen werden und enden in einer Abstellkammer. Mit der eigenen Identität sollte es bestenfalls ebenso geschehen. Die dort Abgelieferten werden jedenfalls Insassen einer Art Kaserne, in der sie wie Kleinkinder und Sträflinge behandelt werden. Höchstens das am Leben Sein ist ihnen noch erlaubt, alles andere wäre zu teuer und zu viel Arbeit. Und Staudte übersetzt es in eine makabre Komödie, in der die Menschentriezer des Heims und seines Umfelds (vor allem: Werner Kreindl!) von ihrem schlechten Gewissen in Form von aufmüpfigen, halbstarken Rentnerrotten (vor allem und allein durch seine Anwesenheit: Fritz Rasp!) verfolgt werden. In seinen besten Momenten ist dies DIE VÖGEL nur eben mit alten Männern an Stelle des Geflügels.

Sonntag 10.05.

The Sheep Detectives / Glennkill: Ein Schafskrimi
(Kyle Balda, UK/USA 2026) [DCP]

großartig

Etwas zu diesem existentiellen Drama, das sich als Komödie versteht, gibt es bei critic.de. Nebenbemerkung: die Synchro ist schon gut, aber der englische Sprachkolorit, den der Trailer versprach, hat mir doch gefehlt.

Sonnabend 09.05.

降霊 / Séance
(Kurosawa Kiyoshi, J 1999) [DVD, OmU] 2

fantastisch

Ein Ehepaar (Yakusho Koji & Fubuki Jun) entscheidet sich für die Selbstverwirklichung und gegen ein Kind – so die Grundidee. Den gesellschaftlichen Druck zur Fortpflanzung, der auf das kinderlose Paar wirkt, geht Kurosawa aber nicht gesittet an, sondern übersetzt ihn in Horror und Irrwitz. In einen Albtraum auch für den Zuschauer, der hilflos den Entscheidungen des Ehepaars zuschauen muss. Er ist ein grundentspannter Toningenieur, der Geräusche auf Magnetband sammelt. Sie eine parapsychologisch begabte Hausfrau, die unerfüllt darauf wartet, etwas damit anstellen zu können. Das Leben der beiden ist Routine, umgeben von einem übersinnlichen, untoten Sumpf, der sich in Form von Geistern und Stimmen im Wind bemerkbar macht. Das Leben, in dem etwas fehlt, ergibt für geraume Zeit eine surreale, latent bedrohliche Komödie. Aber das Kleinkind, dass vor seinem pädophilen(?), serienmordenden(?) Entführer flieht und ins Leben der beiden tritt, macht daraus eine hitchcocksche Suspensemaschine. Aus egoistischen Gründen setzen sie das Leben des Kinds auf Spiel – sie will die Auffindung des Kindes neuinszenieren, um als Medium berühmt zu werden, weshalb das Kind nicht ins Krankenhaus oder zur Polizei kommen darf, sondern erstmal ruhiggestellt werden muss – und alles daran, nicht ertappt zu werden. Auch beim zweiten Mal konnte ich nicht sitzenbleiben und bin beim Durchleben dieses sehr eigenen Folterkellers ruhlos durch den Raum getigert.

The Hound of the Baskervilles / Der Hund von Baskerville
(Terence Fisher, UK 1959) [stream, OF] 2

gut

Der Legende nach hat der dekadente, vergewaltigende Machtmissbrauch eines adligen Tunichtguts dazu geführt, dass ein Höllenhund her gehext wurde, der die Familie Baskerville über Generationen verfolgte. In der den Film eröffnenden Rückblende, die diese Herkunftsgeschichte erzählt, die in Magie und Schicksal verankert ist, fühlt sich Fisher sichtlich wohler. Die Ermittlungen eines deduzierenden Detektivs, der die Welt um sich präzise analysiert, liegen ihm nicht so. Auch wenn er die Welt mit Nebel und Gespensterglaube vollstopft, und auch wenn Peter Cushing Sherlock Holmes mit dem Hochmut seines Victor Frankenstein versieht, so findet Fisher in der materialistischen, mechanistischen Welt von Holmes doch nur bedingt Aufregendes.

Donnerstag 07.05.

Model
(Frederick Wiseman, USA 1981) [stream, OmeU]

großartig +

Image und Erscheinung. Werden nicht gerade vereinzelt verkrachte Existenzen gezeigt, die ihre Verschrobenheit in New Yorker Fußgängerzonen zur Aufführung bringen, geht es um Models, die von Fotografen, Regisseuren und Agenten erzählt bekommen, wie sie auszusehen haben. Unter 1,69 Meter wird es nichts mit der Karriere. Energiereicher muss das Portfolio sein. Die Anweisungen werden mal entnervt gebellt, in ein nettes Gespräch eingebunden, sie sind mal onkelig, mal väterlich – meist gilt die Faustregel noch: die Frauen sind vor, die Männer hinter der Kamera –, manchmal grenzen sie an ein Oxymoron: Sei unschuldig … und sexy! Über zwei Stunden wird den Models also gesagt, wer und wie sie am besten sein sollten, und sollen doch eine eigene Marke werden. Es ist ein Film über Disziplin, Selbst- und Fremdregimenter, Ausdauer, und am meisten über eine undankbare Aufgabe – Richtung Ende sehen wir den aufopferungsvollen, sich lange ziehenden Dreh eines Werbespots, der vll. eine halbe Minute penibel und aufzehrungsreich erarbeiteten Film ergibt, der nach seiner Ausstrahlung ohne Wiseman wohl nach wenigen Wochen aus der Welt wieder verschwunden wäre, obwohl mindestens das Pfauenrad aus Beinen am Ende des Spots ganz große Kunst ist. Es ist also ein unfassbar aktuell gebliebener Film. Und wie zum Hohn oder als Tüpfelchen auf dem I wirkt die augenfällige Schönheit dieses Films über diesen Krampf der Inszenierung von Schönheit ganz einfach aus dem Ärmel geschüttelt.

The Devil Wears Prada 2 / Der Teufel trägt Prada 2
(David Frankel, USA 2026) [DCP, OF]

gut

Zu gleichen Teilen ein ziemlich toller Film darüber, dass die Welt nicht den Dudes überlassen werden sollte, dass diese im Untergang begriffene Welt Werte und vor allem Schönheit hinterlassen sollte, dass alle Frauen Brüder werden, und eben der ideenlose Film einer irrlichternden, leider auch stilfreien Fortsetzung, der dauernd auf seine Vorgänger rekurriert, aber sichtlich nicht weiß, was damit anzustellen sei.

Mittwoch 06.05.

Rose
(Markus Schleinzer, D/A 2026) [DCP]

gut

LE RETOUR DE MARTIN GUERRE bzw. SOMMERSBY mit einem zusätzlichen Clou. Der Soldat, der aus dem Krieg wiederkehrt und ein Erbe antritt, das in Wirklichkeit nicht seins ist, lügt nicht nur über seine generelle Identität, sondern auch über sein/ihr Geschlecht. Er (Sandra Hüller) ist unter seiner dicken Kleidung und seiner distanzierten Unbestimmtheit eine Frau, Rose. Wie in den anderen Filmen führt sein Betrug zu einer besseren Welt. Ein leerstehendes Gut erstrahlt aufs Neue. Ein Knecht wird vom Bärenangriff gerettet. Knechte und Mägde finden einen guten Herrn. Ein Großgrundbesitzer findet einen Ehemann für seine schwer vermittelbare Tochter, den er so dringend braucht. Eine verschacherte Ehefrau (Caro Braun!) bekommt eine Chance auf Selbstbestimmung. Rose erblüht. Die strengen Bilder einer unwirtlichen Welt werden ausdauernde, genüssliche Blicke in eine sonnige Natur. Die Frage ist also wieder, ob die Leute sich für die Lüge entscheiden, von der alle profitieren, oder die Wahrheit, die allen schadet. Aber weniger um ein großes Drama, geht es Schleinzer um eine Art Nichts im Raum zwischen Öffnung und Gefängnis. Eine Frau, die ihr Leben unter einem stetigen Zwang der Verstellung lebt, erlebt ein minimales Aufschmelzen – und mit ihr auch Roses Ehefrau –, und doch werden beide die düstere, immer spürbare (Geschlechts-)Ideologie auf brutalste Art zu spüren bekommen. Mit Ausnahmen geht es aber nicht um Gewalt, Ausbrüche oder Expressives, sondern ums Aushalten einer schwer ertragbaren Welt. Große Zwischentöne werden nicht angestimmt und es ist auch überdeutlich, aber darum geht es ja auch gar nicht.

Tystnaden / Das Schweigen
(Ingmar Bergman, S 1963) [35mm] 4

gut

Im letzten Drittel endet das Schweigen kurzzeitig. Vorwürfe werden sich verzweifelt an die Köpfe geworfen, nicht mehr hinter dem Berg gehalten. Anna (Gunnel Lindblom) schreit ihrer Schwester Ester (Ingrid Thulin) entgegen, dass sie immer schwerwiegende Bedeutsamkeit bräuche und alles um sie ersticke. Kaum ist zu überhören, dass sich Bergmann hier mittels seiner Figuren selbst angeht – so wie Fellini kurzzuvor in ACHTEINHALB. Immer muss es so bedeutsam sein! Warum kann ich nur nicht anders? Also versucht er sich mit diesem Film an einer surrealen Komödie mit absurden Etagenkellnern, kleinwüchsigen Schaustellern und frivolen Sexabenteuern. Aber er kann nicht aus seiner Haut. Panzer stehen schwerwiegend herum, ein Krieg liegt in der Luft, die Unmöglichkeit der Kommunikation miteinander wird zum bedeutungsschwangeren Drama mit Theaterdialogen, die Masturbation endet (wohl) nicht im Orgasmus, sondern in Scham oder Schmerz, und während des sexuellen Abenteuers lauscht natürlich der kleine Sohn an der Tür, damit auch ja traumatische Dimensionen herrschen. Ich mag Bergmans neurotischen Film, in dem niemand mit sich im Reinen ist und jeder an sich leidet – gerade wegen des erstarrten Kellners im Kabuff beim tristen Wurstessen, wegen der prunkvollen, anonymen Hotelgänge, den Betten, in denen die Leute verschwinden und der niederschmetternden Ingrid Thulin –, aber die Szenen und Momente, in denen er mehr aus seinen verbiesterten Trauerklößen in der Twilight Zone herausholt als ottonormale Selbstgeißelung, sind etwas rar gesät.

Dienstag 05.05.

The Drama
(Kristoffer Borgli, USA 2026) [DCP, OmU]

ok

Freud meine, dass Dinge, über die nicht gesprochen wird, in entstellter Form wiederkommen würden. Sagt Charlie (Robert Pattinson) ungefähr. Leider konzentriert sich Borgli auf die Momente des nicht Darüberredens und nicht auf entstellte Formen. Kurz vor der Hochzeit mit Emma (Zendaya) erfährt Charlie jedenfalls etwas, was ihn zutiefst verunsichert. Es folgt eine Komödie sozialen Unbehagens und Fremdscham, der Chaos, sexuellen Wahnwitz und ein Sumpf erotischen Waffentragens innewohnt. Borgli lässt diesen Vulkan aber nicht ausbrechen, sondern gibt sich mit einem Mindestmaß Fünkchen zufrieden. Wie Pattinson mechanisch Zendayas Brust grapscht, um so vll. doch noch Erfolg beim Hochwichsen zu haben, ist schon witzig, aber leider die Ausnahme. Er erstickt die behauptete Ambivalenz in einem abgekarteten Spiel – sichtlich setzten sich alle außer Emma auf ein hohes Ross, von dem sie herunterfallen müssen, nur eben ohne viel Fallhöhe. Es bleibt vll. lau, damit er am Ende doch bei einer RomCom rauskommt, deren Gefühle er aber für den anderen Kram vernachlässigte. Wegen des tollen Casts ist es schon ein nettes Vergnügen, aber ein gehemmtes.

Aspen
(Frederick Wiseman, USA 1991) [stream, OmeU]

großartig

Statt die Kinder von Marx und Coca-Cola zeigt Wiseman die Kinder von Jesus (Leid und Tristesse) und unbelasteter Freizeit (Luxus). Er zeigt das Skigebiet als Luxusressort, aber auch als bescheidene Stadt der Anwohner. Fahren die Leute Ski sind die erdigen Landstriche ohne Schnee meist im Hintergrund zu sehen, wie auch der Schnee in den erdigen Landschaften zu sehen ist. Die Trennung ist in die Landschaftsaufnahmen deutlich eingeschrieben. Aber selten wird klar, wer die Leute in den Gottesdiensten, Bibelkreisen, Buchklubs, christlichen Wirtschaftsseminaren, Schönheitschirurgievorträgen oder bei den Quacksalbern sind, ob es die Touristen oder die Bewohner Aspens sind. Nicht ganz klar ist, ob die Leute gegen das luxuriöse Lust-und-Laune-Treiben vor der Tür nach Sinn suchen oder nach dem Skifahren noch einen höheren Sinn in ihren Leben brauchen. Irgendwie dringt Wiseman durch dieses nie vermischte Gegenüberstellen mit bestenfalls assoziativen Zusammenhängen ins Herz seines Landes vor, das er einer latent bleibenden Bestandsaufnahme unterzieht.

Montag 04.05.

Dr. Mabuse, der Spieler
(Fritz Lang, D 1922) [blu-ray] 2

großartig

Mit ca. zehn Jahren erfuhr ich von der Existenz des Spiels SCOTLAND YARD. Wer es nicht kennt: ein Spieler, der nur ab und zu seine Position verraten muss, wird von den anderen in London gejagt. Ein sensationelles Konzept, wie ich fand. Ich malte mir vorm inneren Auge aus, wie ich den nichts ahnenden Mitspielern Schnippchen schlage, wie ich unbemerkt unter ihrem Radar durch London cruise. Irgendwie wollte es aber nie jemand mit mir spielen – auch weil immer alle selbst Mister X sein wollten und nicht die schnöden Polizisten, die im Dunkeln tappen. Als ich das Spiel Denise, Finnlay und Ben schenkte, erfüllte ich mir also auch sowas wie ein Kindheitstraum. Wenn ich schon Spiele spielen musste, dann doch dieses. Zwar wollten auch jetzt meist alle immer nur mitspielen, wenn sie selbst Mister X sein durften, aber mit den dreien und vor allem jetzt mit Lotti sind doch ein paar Runden zusammengekommen. Das Erstaunliche ist nun für mich, dass der übermächtig scheinende Mister X trotz all seiner Vorteile (meist unbekannter Standort, doppelte und verschleierte Züge) kaum eine Chance hat. Statt frech zu cruisen, ist er alsbald in die Ecke getrieben und musss sich winden. Das Spiel entmystifizierte die Vorstellungen meiner Kindheit.
Bei aller optischen Opulenz und aller aberwitzigen Einfälle, bei aller Dekadenz und Verspieltheit, bei allen stierenden Augen, die Menschen zu Marionetten machen, geht es mir mit dem Spieler Dr. Mabuse gleich. In der ersten Stunde des ersten Teils (DER GROSSE SPIELER – EIN BILD DER ZEIT) wird er als übermächtiger Geist eingeführt, dessen Netz sich über das ganze Land erstreckt. Die Stadt ist die Bühne, in der jeder Bürger einer seiner Handlanger oder gar Mabuse selbst sein kann. Nichts ist sicher, außer seine Allgegenwart und Omnipotenz. Setzt dann aber die Handlung ein, ist er nur ein arroganter Knilch, der mit den immer gleichen drei Schergen abhängt und den nur die Leichtgläubigkeit der Staatsmacht schützt. Mit dem zweiten Teil (INFERNO, EIN SPIEL VON MENSCHEN UNSERER ZEIT) ist aus einem machtvollen Schreckgespenst ein obsessiver Mensch geworden, der daran zugrunde geht, dass die Welt nicht so einfach zu unterjochen ist, dass er selbst nicht der Dr. Mabuse ist, der er gerne wäre. Diese Entmystifizierung eines Phantoms ist schon schön, aber ich würde lieber den Kampf gegen den Terror sehen.

Sonntag 03.05.

Danger on Dartmoor m
(David Eady, UK 1980) [blu-ray, OF]

gut

Ein Kind belehrt einen rüpeligen Gefängnisausbrecher (FRENZYs Barry Foster) mittels eines Taschenrechners und rechnet ihm die Konsequenzen seines Handels vor. Ratio (ein kleiner, harter, in die Rippen drückender Kasten) und Empathie (kindliche Aufgeschlossenheit) bahnen hier den Weg durch ein tückisches Moor mit Nebel, diabolischen Hunden und unwägbarem Untergrund und führen in eine aufgeräumte Welt mit Schoßhündchen. Der pädagogische Ansatz ist klar, und doch schickt dieser britische Kinderfernsehfilm seine Kleinen erstmal durch einen Gothic-Horror-Film, dessen klamme, matschige Kälte geradezu greifbar ist.

Frankenstein Created Woman / Frankenstein schuf ein Weib
(Terence Fisher, UK 1967) [blu-ray, OF] 2

fantastisch

Schraubt Frankenstein sonst Schädel auf und bastelt an Körpern herum, ist er hier technisch avantgardistischer Metaphysiker. Um die Seele aus einem gerade verstorbenen Körper zu extrahieren, schiebt er Brennstäbe in ein nicht näher definiertes Gestein und spaltet so nicht Atomkerne, sondern Körper und Geist. Womit er wiederum Mann und Frau in einem Körper vereint. Hie rist er ganz stilvoll gekleideter Prometheus, der unter Menschen leben muss. Er ist auf sie angewiesen, er steckt in ihrer perversen Klassengesellschaft. Aus kleinsten Mitteln macht Fisher den traurigen Film eines Virtuosen, der zur tragischen Figur wird, weil er seine Limitierungen einfach nicht wahrnehmen oder zu akzeptieren weiß.

Sonnabend 02.05.

斷腸劍 / The Trail of the Broken Blade
(Chang Cheh, HK 1967) [blu-ray] 2

großartig

Li (Jimmy Wang Yu) gibt vor zu leiden. Wegen eines gerechten Rachemords lebt er vom Staat gesucht im Untergrund und nicht mit der geliebten Liu Xian (Chin Ping). Mit ihm könne sie nicht glücklich werden. Als Stallbursche lässt er sich beschimpfen und erniedrigen, kann er doch nichts sagen, sich nicht wehren, ohne sich verdächtig zu machen. So sagt er. Chang Chehs zeigt diesen Leidensfetisch als Akt der Lust, den er mit den letzten Bildern komödiantisch umformt. Liu Xian hatte Li aufgestöbert, er war in einen Kampf gezogen, bei dem er sterben musste – für sie, für Jun-zhao (Kiu Chong), der sie glücklich machen soll.* Als er in den Himmel fliegt, schwebt neben ihn aber Liu Xian, die für ihn in den Freitod ging. Den Film lang war er vor ihr geflohen und selbst der Tod rettet ihn nicht vor der Liebe/der Frau. So sagt sein verdrießliches Gesicht. Ein Gesicht, das eines der größten Pointen des 20. Jahrhunderts ist.
*****
Latent wird von einem Liebesdreieck erzählt. Liu Xian liebt Li, Li liebt Jun-zhao, Jun-zhao liebt Liu Xian.

Une vraie jeune fille / Ein wirklich junges Mädchen
(Catherine Breillat, F 1976) [DVD, OmU] 2

großartig +

In einer Traumsequenz versucht der begehrte Holzarbeiter dem wirklich jungen Mädchen vergeblich einen Regenwurm in die Muschi zu schieben. Breibeinig liegt sie da, und das flutschige, ua. auch angelutschte Tier will einfach nicht rein. Wir sehen zwar alles aus der Perspektive des Mädchens und auch durchweg ihre Phantasien bzgl. des Unbehagens mit ihrem Körper. Als Albtraum qualifiziert sich das aber für beide. Eine empathische Komödie. Und ich frage mich, wie ich diese Szene vergessen konnte. Ging es in einem Meer aus Überreizung unter oder habe ich es verdrängt?

Freitag 01.05.

Das Testament des Dr. Mabuse
(Fritz Lang, D 1933) [DVD] 3

fantastisch

Selbst die Infodumps werden durch Dinge geadelt, wie Theo Lingen, der versucht seine Wiener im Wasserbad zu erhitzen, aber von seinem Wissen erhitzt, es immer wieder für sich und uns ansprechen muss. Ob seine Würste wohl je warm werden?

鷹王 / King Eagle
(Chang Cheh, HK 1971) [blu-ray, OmeU] 2

großartig

Vll. der trunstvolle Höhepunkt von Chang Chehs Masochismusgeilheit. Ein Mann (Ti Lung) möchte nichts mit der Welt zu tun haben, diese stürmt aber auf ihn ein. Sie quält ihn mit Gangstern, die ihn sinnlos bedrängen, Handlangern, die den Film wie eine Tapete zieren und die ihn als leicht zerquetschbare, aber endlose Insektenschar belagern, moralischen Konflikten, über die er nicht nachdenken möchte, mit Liebe, die ihn mit Schwäche und Weichheit konfrontieren. Kurz: Er ist ein Grinch, der ertragen muss, dass er nicht alleine in der Welt ist. Chang Chehs Filme sind am besten, wenn die Kampfkunst nicht nur leere Konflikte ausdrückt, sondern wenn in ihnen wirkliches Leid steckt, wenn sie zur Oper streben. Hier nun zur Abwechslung die komische Operette eines absurden Leids. Auch schön.

April
Donnerstag 30.04.

Wunderschön
(Karoline Herfurth, D 2022) [stream]

gut

Letztens war Karoline Herfurth auf dem Cover der TV Spielfilm. Diese lag bei meinen Eltern auf dem Tisch, und ich musste nachlesen, ob sie es wirklich ist/sein soll, so sehr wurden ihre Sommersprossen (und was weiß ich was sonst noch) wegretuschiert. Damit die Zeitung ansprechender aussehe, wurde sie enggefassten Schönheitsidealen angepasst und optisch zu jemanden gemacht, der sie nicht ist. Das Anliegen ihres Films ist also mehr als unterstützenswert, und wie sie ihre Zellulite zelebriert und ihren Bauch rumbommeln lässt, ist eben doch noch ein mutiger Schritt. Nichtsdestotrotz ist ihr Film zu oft Diskursmaschine und nur phasenweise der gefühlvolle Film, der seine Figuren nicht als Werkzeug begreift.

Der Kommissar (Folge 35) Lisa Bassenges Mörder
(Wolfgang Staudte, BRD 1971) [DVD]

ok +

Abermals scheitern Männer an einer freien Frau, d.i. einer sexuell befreiten. Reinecker fasziniert sich sichtlich für das Thema und sorgt sich um die Überforderung/die Überforderten – die Eifersüchtigen, die Enttäuschten, die Spanner, Vergewaltiger und Verschüchterten, die allesamt durch diese Freiheit zu Mördern geworden sein können. Nur für die Frauen interessiert er sich irgendwie nie. Und Staudte ist kein Regisseur, der das irgendwie goutierbar machen würde. Zumindest die Symbolik der Episode macht Spaß: einen einfahrenden Zug (und dessen Lokführer [Klausjürgen Wussow]) empfängt das baldige Mordopfer fröhlich winkend und nackt; der Mann, der auf Reinheit steht und nicht einfach nur geil findet, dass die Frau lieber Sex als Ehe möchte, ist auf Krücken angewiesen.

Mittwoch 29.04.

Vaghe stelle dell’Orsa… / Sandra – Die Triebhafte
(Luchino Visconti, I 1965) [DCP, OmeU]

gut

Die Tabus der Vergangenheit – Nazi-Kollaboration und Inzest stehen im Raum – sind hier ein schwarzes Loch, das alles und jeden in sich einzusaugen droht, wird sich ihm zu sehr genähert. Statt das eine Heimkehr unmöglich ist, weil sich der Ort und der Heimkehrende geändert haben, besteht hier der Horror also darin, dass die Dinge wieder so werden könnten, wie sie waren. Teilweise ist es eines von Viscontis Krankheit-und-Verfall-Meisterwerken. Vor allem die Villa, ihr Garten, der heruntergekommene Wasserspeicher, die latente Dracula-Atmosphäre, wenn die Dorfkneipe besucht wird, der Wind in den Baumwipfeln, sobald die Gefühle wallen, hauchen dem Film prunkvollen Verfall und verfallenen Prunk ein. Den Gothic-Horror macht das Gefühl aus, dass etwas Wirkmächtiges, Unausgesprochenes die Villa durchgeistert, das aber nicht greifbar ist – die sexuelle Leidenschaft zwischen Bruder und Schwester vor allem. Visconti, Kameramann Armando Nannuzzi (IO LA CONOSCEVO BENE!) und Bava-Vertrauter Mario Serandrei (Schnitt) lassen es wunderschön aussehen. Leider lässt Visconti seine an sich Leidenden über ihre Qual reden, reden, reden. Immer mehr ersticken die Worte die Bilder. Aber vll. ist es ganz richtig so, als je ich-bezogener die Figuren sich offenbaren, desto weniger schön ist der Film anzusehen.
Claudia Cardinale schwankt übrigens zwischen Racheengel, verwöhntem Balg und beglotzem Objekt, zwischen Diva, Schultheater und Pin-up-Girl. Sie steht vll. sinnbildlich für einen widrigen Film.

Dienstag 28.04.

Funny Face / Ein süßer Fratz
(Stanley Donen, USA 1957) [blu-ray, OF]

großartig

Eine junge Frau (Audrey Hepburn) gefällt sich in einer leeren intellektuellen Pose – sie denkt nur, dass sie denkt – und landet in einer abgrundtief oberflächlichen Modewelt. Es kommt, was kommen muss, in einer Karikatur von Paris wird sie von ihren Idolen – Beatnik-Postexistentialisten – enttäuscht und rettet sich von einem oberflächlichen Extrem ins nächste. Fred Astaire und Hepburn sind dabei nicht das natürlichste Paar, aber passen zu einem Film, der nur lebendig ist, wenn Farben und Bewegungen freien Lauf bekommen, wenn vom süßen Nektar extravaganter Oberflächen genascht und keine Handlung geboten werden soll.

Montag 27.04.

Der Kommissar (Folge 34) Der Tote von Zimmer 17
(Wolfgang Becker, BRD 1971) [DVD]

großartig

Das erste Album von Santana ist mit drei-vier Songs sehr präsent. Gerade JIN-GO-LA-BA wird prominent eingesetzt. Immer mehr nimmt Jugendkultur Platz in der Serie ein. Sicherlich auch um eine jüngere Zielgruppe zu gewinnen. Vor allem rücken so aber die Gegensätze innerhalb der Bundesrepublik, zwischen Jung und Alt deutlicher ins Bild … wenn nicht gleich irrwitzige Brücken zwischen den Generationen gebaut werden. So hatte der zunehmend jung gebliebene Kommissar letztens schon ein aufgeschlossenes Verhältnis zu Eric Burdon & War, deren Platte im Zimmer eines Verdächtigen lief. Hier klopft er nun fröhlich den Rhythmus Santanas mit und kann die Augen kaum von der fast nackten Tänzerin auf der Bühne lassen. Ein Bild, hoffnungsfroh und creepy zugleich.
Ansonsten schwitzt hier ein in Decken und Handtüchern vergrabener Hotelgast für die Gesundheit/das Alibi sehr expressiv, während die Kellner eines Hotels in einem kafkaesken Schlafsaal unterm Dach unterbracht sind. Es ist vll. keine durchgehend erstaunliche Folge, aber immer wieder blitzen Miniaturmeisterwerke auf.

Sonntag 26.04.

Don’t Be Like Brenda k
(W. Hugh Baddeley, UK 1973) [blu-ray, OF]

tba.

Eine junge Frau und ein junger Mann rennen in Zeitlupe und lassen sich ins Gras fallen. Wie nicht anders zu erwarten, ist sie danach schwanger. Die beiden gehen, nachdem beide um das kommende Baby wissen, langsam mit dem Rücken zur Kamera in eine nun grauere Welt. Der soziale Horror der Cautionary-Tale setzt ein und wird durch Baby- und Kleinkind-im-Waisenhaus-Dokumaterial aufgelockert – wird sich doch nicht entschieden, ob Waisenhäuser nun ein Graus fürs Kind oder eine tolle staatliche Einrichtung sind. Es ist jedenfalls ein Musterbeispiel, wie sich alle falsch verhalten und die Schuld beim schwächsten Glied in der Kette, der schwangeren jungen Frau, abgeladen wird.

I Start Counting / Die Schritte des Mörders
(David Greene, UK 1970) [blu-ray, OF]

fantastisch

Die Klamotten, die Wände, die Wolken: Der zentrale Eindruck des Films ist weiß. Ein Weiß, das nur darauf wartet, rot befleckt zu werden. Als der Film langsam zu seinem Höhepunkt aufbricht, wälzt sich eine komplett weiß bekleidete Jugendliche auf einer Wiese. Unter ihrem Rock lunzt kurz ihr knallroter Slip hervor. Bisher schien das Weiß des Films eher durch gewalttätig hervorgerufenes Blut bedroht – ein Serienmörder treibt sein Unwesen –, mit dieser modisch dargestellten (ersten) Regelblutung verfestigt sich aber der latente Eindruck, dass die Reinheit der Kindheit hier mit dem Auftauchen von Sex gemeuchelt wird.
Die Jugendliche Wynne (Jenny Agutter) ist irgendwo noch ein Kind. Der Welt nähert sie sich spielerisch, aufschneiderisch, stromernd. Ihre Kuscheltiere, vor allem ein Hase, sehen aber psychopatisch aus – länger Kind bleiben wäre gruselig. Also: Die ungeheuren Gefühle erwachen. Sie ist in ihren älteren Adoptivbruder (Bryan Marshall), die Vaterfigur der Familie, verliebt. Hinter ihr liegt eine Ruine, das Haus ihrer Kindheit, zu dem sie immer wieder zurückkehrt. Vor ihr liegen Tod und Gewalt, die allgegenwärtige Zerstörung des Vergangenen. Die Exposition besteht entsprechend darin, dass sie mehrere Indizien findet, dass ihr begehrter Bruder der gerade um das Haus der Kindheit aktive Serienmörder sein muss.
Coming-of-Age ist hier kein Schritt zum Erwachsenwerden, sondern das Feststecken im Fegefeuer, aus dem nicht unbefleckt zu entkommen ist. Das Familiendrama, das die Disposition seiner Hauptfigur als Thriller erzählt, sucht einen dezidiert sachlichen, ruhigen Ton. Die Symbolik ist aber dreist, aberwitzige Einfälle werden sorglos umgesetzt, das Seifenoperfinale von Wynnes Liebesgeschichte ist herb-verkatert. Greenes Film ist dementsprechend ein Balanceakt zwischen leichtem Ton und grimmigen Genrekino. Ein Film, der keinen abgeklärten Blick zurückwirft, sondern im jugendlichen Fegefeuer, in der Zerrissenheit zwischen verspielter Kindheit und ernüchtertem Erwachsensein aufgeht.

Dracula: Prince of Darkness / Blut für Dracula
(Terence Fisher, UK 1965) [blu-ray, OF]

gut

Dracula hat erst nach ca. der Hälfte der Laufzeit seinen ersten großen Auftritt. Dabei schnellt er mit rotunterlaufenen Augen an eine Balustrade, sieht (s)eine untergebene Vampirin sich – wie im ersten Teil – an einem anderen Mann vergreifen. Er geifert und zischt und … statt über das Geländer direkt zu seinen Opfern eine Etage hinabzufliegen, rennt er nach links zu einer Treppe, diese hinunter und an ihrem Fuß nach rechts zu denen, denen er das Blut aussaugen möchte. Er überwältigt sie aber nicht, stattdessen entspinnt sich eine Rauferei zwischen ebenbürtigen Gegnern. Und ich war perplex. Der größte Terror für mich als Kind waren die Vorschauen im Fernsehen für Filme mit Christopher Lee als Dracula. In mir erstarrte alles. Leute, die sowas gucken, waren mir das größte Rätsel. Später schaute ich sie nicht, weil ich sie für Humbug hielt, dann weil ich nie richtiger Hammerfan war. Und jetzt? War dieser weltliche Unmensch, der wie jeder auch Treppen nehmen muss und dessen Bedrohung dabei verpufft, der Terror, vor dem ich mich immer fürchtete? Klar, die Filme werden sich nie mit meiner damaligen Angst vor ihnen messen können, aber etwas mehr Macht und Unmenschlichkeit darf es doch schon sein. Oder?
Die erste Hälfte vor Draculas Auftreten gleicht einem Baukasten. Die Dinge, die mit einem DRACULA-Film verbunden werden, werden hier lang und ausführlich ausgebreitet: Dorfschenken mit freundlichen Leuten, die einem die kalte Schulter zeigen, sobald die falschen Dinge angesprochen werden, rasende Kutschen ohne Führer, prunkvolle Paläste, in denen (nichts) ahnenden Opfer bewirtet werden, Leute im Bann des Vampirs. Überhaupt ist der Film wie eine Blaupause für den Mythos, der immer wieder gezeigt und erklärt wird, an dem sich abgearbeitet wird – einzig: seit wann ist Dracula für fließendes Wasser anfällig? Klar gibt es diverse Highlights – das Ritual, mit dem Dracula wiederbelebt wird, oder der Fliegen essende Irre im Bann Draculas, der bei Coppola als Renfield zur festen Größe wird –, aber der gemächliche Aufbau und das Zuwenig an Dracula Omnipotenz ist doch etwas trüb – und dass die unsympathischste Figur des Films zu dessen Hauptfigur wird, hätte auch nicht unbedingt sein müssen.

Sonnabend 25.04.

The Brides of Dracula / Dracula und seine Bräute
(Terence Fisher, UK 1960) [DVD, OF] 2

fantastisch

Ein Vampir wird von der Kette gelassen, d.i. aus dem freudschen Gefängnis seiner Mutter befreit, und zieht von Frauenhals zu Frauenhals, während er doch nur einer die Liebe erklärt hat. Im Grunde sehen wir also eine Romanze, die zum Bigamistendrama wird … nur dass der Sex als Vampirismus verklausuliert ist.
Die Musik ist aber die eines Bibelfilms. Er geht eben auch in seinem Katholizismus auf. Immer und immer wieder werden den Vampiren silberne Kreuze unter die Nase gehalten – und uns in die Kamera –, auf dass die Magie des Symbols den Teufel vertreibt. Was eben auch stets imposant funktioniert. Allein die Ansicht des Konzepts Gotts lässt ihnen das Blut in den Adern gefrieren. Am Ende brennen dann die Flügel einer Windmühle, ein Kreuz, das dem Bösen in den Garten gestellt wird.

Zootopia / Zoomania
(Byron Howard, Rich Moore, USA 2016) [blu-ray] 2

gut

Den regnerischen Noir-Krimi mag ich schon sehr, die coolen Referenzen und das gestreamlinete gesellschaftliche Engagement nicht so.

Freitag 24.04.

L’oro del mondo / All the Gold in the World
(Aldo Grimaldi, I 1968) [stream, OmU]

gut

Eine Franco-&-Ciccio-Klamotte und eine Al-Bano-&-Romina-Power-Schlageromanze stehen ohne große Verbindung nebeneinander. Auf der einen Seite herrschen lange Medium Shots, in denen meist alle Anwesenden gleichzeitig dabei zu sehen sind, wie sie überspannt miteinander diskutieren. Statt auf filmische Sperenzchen wird sich auf die beiden Komiker verlassen, die erstaunlich zurückgenommen agieren. Aber Ciccios Schlafanzug, in dem er wie Vincent Price im veraltete Damendrag aussieht, und wie er Nudelstangen mit seinem Po quadratisch macht, machen schon die ein oder andere Strecke wett. Auf der anderen Seite eine melodramatische Romanze, die zu Montagen und zur Musik choreographierten Gefühlen strebt. Al Bano spielt dabei einen gefühlvollen Sunny Boy, mit kraftvoller Stimme und toten Augen. Romina Powers Aufgabe beschränkt sich darauf ein süßes Gesicht zu haben. Dazu gibt es einen diabolischen Nebenbuhler (Carlo Giordana!) und einen ultratristen, sentimentalen Besuch bei Al Banos Mutter. Auch hier läuft nicht alles rund, aber der Geigerzähler schlägt beim Schmalz doch immer wieder erfreulich aus.

Dracula
(Terence Fisher, UK 1958) [blu-ray, OF] 2

großartig

Das viktorianische England ist hier weniger Hort unterdrückter Sexualität, sondern perverser Geschlechterideologien. Bezeichnend ist die Erleichterung in den Augen eines Bruders, wenn seine Schwester, nach dem sie ins Herz gepflockt wurde, wieder ein reines Mädchen sieht und nicht mehr das Monster vorehelichen Sexes, wenn sie von ihrer Triebhaftigkeit befreit ist. Überhaupt ist Dracula hier weniger Geißel der Menschheit als eine Furie der Eifersucht, dessen Augen blutunterlaufen, als seine Frau einen anderen Mann beißt, und der nicht durch Liebe angezogen Transsylvanien verlässt, sondern um sich an den Frauen derjenigen zu rächen, die seine Frau töteten.

Donnerstag 23.04.

Der Kommissar (Folge 33) Lagankes Verwandte
(Wolfgang Becker, BRD 1971) [DVD]

großartig

Als Leitmotiv einer Verführung durch Reichtum und gehobene Lebensverhältnisse läuft in der Folge wiederholt Iron Butterflys IN-A-GADDA-DA-VIDA. Aber nicht der Hauptteil, den jeder kennt, sondern ein beschauliches Orgelsolo in der Mitte des 17-minütigen Songs, das auf ein beschauliches Drumsolo folgt. Nicht der flashy Teil, sondern ein obskurer, der aber eben punktgenau passt. Meine Achtung vor dem deutschen Fernsehen wächst stetig.
Neben dem Post-APO-Idealisten, der nach dem Mord an seinem Vater langsam in dessen Schuhe schlüpft, geht es im Augenwinkel der Episode um eine Frau, die wie ein Blatt im Wind von Mann zu Mann schwebt, bis der vll. auch wieder seine Ideale verrät, sich in die Gesellschaft einreiht und lieber eine schöne bürgerliche Fassade wählt. Bei aller Aufgekratzheit durchzieht ein tieftrauriger Hauch die Folge.

Mittwoch 22.04.

Michael
(Antoine Fuqua, USA 2026) [DCP]

nichtssagend

Sehr viel Interessantes steckt in dem Film, aber es wird mir zu sehr in Nichtigkeiten erstickt. Mehr dazu bei critic.de.

Dienstag 21.04.

O Sangue / Das Blut
(Pedro Costa, P 1989) [DVD, OmeU]

großartig

Ein Jarmusch- oder Kaurismäki-Film ohne Ulk und lockere Unlockerheit, dafür mit einem Hang zum nicht ganz klassischen Hollywood Nicholas Rays und Kryptik. Ein Vater verschwindet/stirb/wird ermordet, und seine beiden Söhne müssen nun allein zurechtkommen. Aber eigentlich ändert sich für sie nichts, da der Vater eh kaum da war. Durch seine Abwesenheit entsteht eine neue Familie, in der der ältere Sohn mit seiner Freundin die neuen Eltern sind. Eine Familie, die immer am Rand zur Ex- oder Implosion steht. Die Kontraste der dunklen schwarzweißen Bilder sind hochgefahren, sodass sich weiße Konturen aus der Dunkelheit wie aus einem verdreckten See erheben bis grell aus diesem herausleuchten. Vor allem verschwindet Entscheidendes in den erzählerischen Ellipsen, die auch Dunkelheit in die Szenerie schlagen. Erwachsenwerden als Mysterium, bei dem irgendwie noch alles langsam und genau beobachtet geschieht, aber wo die Zeit trotzdem unaufhaltsam vorbeigegangen ist, ohne dass wir es realisiert haben.

Montag 20.04.

Der Kommissar (Folge 32) Die Anhalterin
(Wolfgang Staudte, BRD 1971) [DVD]

gut

Staudte lässt die Folge im Stakkatoschnitt mit treibenden Drums auf uns los. Es folgt eine weit weniger aufregende Milieustudie bei Kraftfahrern – mit schmierigen Typen und traurigen jungen Männern, die sich alle nach Nähe sehnen, aber unfähig sind, an diese zu gelangen. Sie werden Vergewaltiger und Aufschneider. Vom expressiven eingesetzten groovigen Jazzscore und den Ermittlern, deren Wintermode extrem fly ist, bietet die Folge über die Gefahren für Anhalterinnen aber vor allem reineckersches Horrortheater, in dem der Kommissar fragt und Antwort erhält, fragt und Antwort erhält…

Sonntag 19.04.

Die 1000 Augen des Dr. Mabuse
(Fritz Lang, BRD/F/I 1960) [blu-ray] 3

großartig

Hier, in diesem Postnazideutschlandparanoiathriller mit Laune – B steht für Bauch –, allgemeiner Überwachung und Hypnose ist Mabuse eigentlich schon zur Idee geworden, der von Kopf zu Kopf springt. Leider wird Wolfgang Preiss in den folgenden Teilen das Gesicht Mabuses, als ob es darum ginge, dass er identifizierbar wäre. Feste Identitäten, der Feind der Paranoia – und nur bei Lang und Reinl entfaltet er seine Potentiale etwas.

The Black Cat / Die schwarze Katze
(Harold Hoffman, USA 1966) [blu-ray]

ok +

In den letzten Minuten wird doch noch Poes Vorlage aufgegriffen. Davor: Tierfolter, Suff, Beat und weiße Seiten in der Schreibmaschine, die wie in THE SHINING einen Autor in den Wahnsinn treiben, bzw. ein Autor, der sich zur Niedertracht hypnotisiert. Vll. ist es auch seine treudoofe Frau mit ihrer Liebe und Zuneigung, die ihm wie ein Splitter unterm Fingernagel steckt, während er keinen gesunden Weg findet, ihn zu entfernen. Im Grunde also eine Studie: Wieso sucht sich ein Psycho eine heile Ehewelt, wenn diese ihn offensichtlich fertig macht? Gesellschaftliche Vorgaben. Vor allem sehen wir aber 70 Minuten einem Arschloch zu, während die ihn quälende Zeit seines Lebens verfliegt.

Sonnabend 18.04.

Die Todesstrahlen des Dr. Mabuse
(Hugo Fregonese, BRD/F 1964) [blu-ray, ≠]

ok

Eine deutsche Antwort auf THUNDERBALL, ein Bondfilm, in dem nicht um die Welt gereist wird, sondern wo alles an einem Ort konzentriert zu finden ist, die Labore, die mondäne Villa, die Luxushotels, die kalten Räume, die exotische Landschaft, die Militäroperationen (unter Wasser). Am Ende ergibt das aber keine runtergebrochene Reinform, sondern eine Austrocknung. Es fängt super an und Fregonese scheint die perfekte Wahl zu sein, es versiegt schnell.
Was zuvorderst an Peter van Eyck liegt, der ohne seine Mutti jeden Charme verliert. Zuweilen wirkt er wie ein schwuler Bond, der Frauen verachtet, der sie genervt ignoriert, wenn sie sich ihm an den Hals werfen, der sich zum Sex mit ihnen durchringt, wenn es Informationen oder Vorteile verspricht. Leider ist er aber nur ein Arroganzbolzen ohne sexy zu sein.

Dienstag 14.04.

Pappa ante Portas
(Vicco von Bülow, D 1991) [DVD] 3

gut +

Ich glaube, dass, je mehr ich mich selbst zu einer Loriot-Figur entwickle, das Gefühl immer deutlicher in mir wird, dass die Figuren des Films und ihre Neurosen noch viel zu zahm gezeichnet sind. Mein Name ist Wagner, ich schaue hier Film.

Freitag 10.04.

From Beyond / From Beyond – Aliens des Grauens
(Stuart Gordon, USA/I 1986) [stream, OF]

fantastisch

Zwei Pole streiten unauflösbar miteinander. Auf der einen Seite finden sich die motzenden Nachbarn, die Polizisten, Ärzte und andere Autoritäten, die in der Lebenswelt des Films für Ordnung sorgen (wollen). Die aber, weil jeder von uns irgendwie irgendwann nicht in die Ordnung passt, Agenten von Scham und Komplexen sind. Auf der anderen Seite eben die Geilheit, die Deformation, das Zerfließen. Penisartige Fühler wachsen aus Köpfen, Körper werden völlig derangiert, die Lust versklavte unbedarfte Leute. Am schönsten ist der Widerstreit der beiden Prinzipien vll., als Polizist Bubba (Ken Foree) Dr. McMichaels (Barbara Crampton) ertappt, die gerade willenlos ihrem/einem Lederfetisch nachgibt. Sie schmeißt sich an ihn ran, aber völlig humorlos ruft er sie zur Räson, zeigt ihr ihr Spiegelbild und sorgt für den Sieg des Zwangsverzichts. Eine tiefe Furcht vor sich selbst und der eigenen Lust durchzieht so den Film, aber die Ordnung ist keine Alternative – wir sind nur auf ewig zwischen den Polen gefangen.
Der Film selbst steht aber klar auf der Seite der Geilheit und der Deformation, die ihm seine Form geben. Vom Labor verrückter Wissenschaftler geht es weiter zu HELLRAISER-Parallelwelten. Es folgt eine Sitcom dreier Zwangsmitbewohnern, eine Irrenanstaltsflucht, ein Zwischenstopp im Sexfolterkeller und schließlich die Sexfolterkammerparallelwelt perverser, zerfließender Mutanten. Der Widerstreit der beiden Prinzipien sorgt für ein ordnungsloses Winden. Vor allem lässt sich so aber viel mehr Spaß haben. Bezeichnend ist die Szene, in der direkt vor der Kamera die Finger eines Sexdämons auf enorme Länge wachsen, die Hand dann in den Schritt von Dr. McMichaels wandert und dort etwas machen, was er mit einem: Früher hätte ich dich anders genossen!, kommentiert. Hier ist das Lustprinzip des Films auf kleinsten Raum komprimiert. Es ist abscheulich, ein unsagbarer Gräuel, und gleichzeitig ist es unendlich witzig.

Der Kommissar (Folge 31) Ende eines Tanzvergnügens
(Wolfgang Staudte, BRD 1971) [DVD]

großartig +

Ilo Kusche (Alexandra Paszkowska), eine Frau, die den Männern nur mit ihrer Anwesenheit den Kopf verdreht und die Mord und Totschlag bedingt, ist eine völlig außerirdische Entität, die emotionslos an allem und jedem vorbeilebt. Sie sagt so gut wie nichts, sie schaut so gut wie niemanden an. Ätherisch wabert sie durch die Folge und ist dabei nie ein durchtriebenes Weib, sondern nur etwas, das diese ganzen Männer besitzen wollen, ohne auch nur zu merken, dass sie lediglich eine Oberfläche ist. Mit ihr wird die Folge auf gewisse Weise ein Vorläufer von UNDER THE SKIN.
Dirk Dautzenberg spielt ihren Vater mit schwarzgefärbter Tolle als ihren Zuhälter. Ein Ehepaar aus der Modebranche bietet diverse KIR ROYAL-Momente – und hat ein Buch über Eisenstein im Regal stehen, übrigens. Aus dem deutschen Expressionismus schlurft ein Vermieter in die Folge, der glotzt, mit sich selbst tanzt und redet. Überall drängt die Jugendkultur ins Bild – Harry steht vor Hendrix- und EASY RIDER-Postern. Gen Aufklärung wird es naturgemäß etwas trüber, aber weitestgehend ist die Theatralik, das Außerirdische voll aufgedreht. Es endet mit einem Freeze Frame von Robert (Reinhard Glemnitz), dessen Gesicht den Wahnsinn der Folge passgenau einfängt.

Donnerstag 09.04.

Anonimo Veneziano / Des Lebens Herrlichkeit
(Enrico Maria Salerno, I 1970) [stream, OmU, ≠]

gut

Einer dieser Filme, in denen ein Paar läuft und über seine Beziehung redet. SZENEN EINER EHE mit etwas mehr Kalorienverbrennung. Aber es spielt auch in Venedig, einer Stadt, die hier wieder wie einem Sagenreich entsprungen wirkt. Im Endeffekt ist es ganz nettes Schauspielkino, in dem sich eine Frau langsam öffnet, in dem sie nach und nach Brille abnimmt und ihre strenge Frisur löst, und das am Ende austrübt, statt wenigstens noch etwas auf die Tränendrüse zu drücken.

Mittwoch 08.04.

Make Way for Tomorrow / Kein Platz für Eltern
(Leo McCarey, USA 1937) [blu-ray, OF]

großartig

Eine alte Frau wippt in der Wohnung von Sohn und Schwiegertochter im Schaukelstuhl. Das Knarzen verhindert, dass sie sich in der Szenerie einfügt, dass sie ignoriert werden könnte. Mit kleinen expressiven Mitteln entsteht eine aberwitzige Miniatur von Generationen, die nicht in den Alltag des anderen passen wollen, die einander Sand im Getriebe sind. Die erste Stunde ist seltsam. Der Ton einer versöhnlichen Familienkomödie durchzieht alles. Die Tragödie – Oma und Opa sind nach der Privatpleite bei ihren Kindern nur als kurze Zwischenmieter erwünscht – wird so wegbügelt. Und zusätzlich ist es weniger witzig als auf diesen süßlichen Tonfall bedacht. Etwas Bitteres bis Unerträgliches wird in einem krampfhaften Ton erzählt, der alle unübersehbaren Probleme zu leugnen scheint. Wahrscheinlich ist es ein Meisterwerk nicht ausbrechender Konflikte, von Verzicht und Akzeptanz, bei dem alle auf ihre Art leiden und dazu lächeln.
In der letzten halben Stunde wird es zum Liebesfilm eines Rentnerehepaars, das sich kurzzeitig seinen Platz nimmt und ihn in einem nostalgischen Traum früherer Tage findet – sie besuchen den Ballsaal des Hotels ihrer Hochzeitsreise und verbringen einen herzlichen Nachmittag. Wiederholt droht es zu scheitern – die Band spielt kurzzeitig zu schnelle Musik für ihre Knochen –, aber stets lösen sich die Probleme in sentimentale Luft auf. Das Perfide ist aber, dass dies alles nur geschieht, um die finale Guillotine nur umso brutaler wirken zu lassen. Der Humanismus, die Liebe zu den Menschen ist überdeutlich, aber irgendwo konnte ich das Gefühl nicht abschütteln, dass da auch eine zynische Mechanik am Werk war.

Dienstag 07.04.

Der Kommissar (Folge 30) Besuch bei Alberti
(Wolfgang Staudte, BRD 1971) [DVD]

großartig

Rolf Kästel ist wie in fast allen Episoden der Kameramann. Nur wirkt es plötzlich, als wäre er Stammkameramann bei Antonioni gewesen. Nicht wegen leeren Orten, sondern weil er mit kleinen Schwenks und Kamerabewegungen, mit Schärfeverschiebungen und Leute, die in die Einstellungen oder wieder aus ihnen hinaustrüben, ein Netz aus Beziehungen vor unseren Augen entstehen lässt. Der Theatralik der Dialoge stellt er Offenheit und Flair entgegen.
Die Schauspieler sind auch toll. Klaus Schwarzkopf macht deutsche Tüchtigkeit zur Farce, wenn er, der sich ewig bückende Untertan, wieselig Profit ergaunern möchte. Am besten ist aber das Antlitz Herbert Menschings. Seine glasklaren Augen, in deren Melancholie des Verlierers sich verloren werden kann, stecken in einem Teig mit Furchen, einem vom Leben geknetet Gesicht.
Es gibt auch einen Krimi. In dessen finalen Offenbarung drohen die Menschen und die sie einfangenden Bilder etwas in den Hintergrund zu rücken, alles trübt etwas ein. Aber es ist alles nur Anlauf für eine herzzerreißende Kamerafahrt, die Intimität in absolute Distanz und Einsamkeit verwandelt. Eine Frau suchte etwas anderes als das biedere Leben an Seite ihres Macher Ehemanns und findet nur die gleiche Rücksichtslosigkeit.

Montag 06.04.

魔女の宅急便 / Kikis kleiner Lieferservice
(Miyazaki Hayao, J 1989) [DVD] 4

fantastisch +

Ich bin mir nicht sicher, ob mir die Heringspastete der Oma schmecken würde. Der Film versichert mir aber, dass ich mir für diese Oma nichts anmerken lassen würde, wenn es nicht schmeckt. Die Macht dieses Films ist schon beängstigend.

Le Diable probablement / Der Teufel möglicherweise
(Robert Bresson, F 1977) [DVD, OmeU]

großartig

Bei einer politischen Kundgebung wird vorbeigeschaut, ein Psychologe besucht, Drogen genommen, zur Predigt gegangen: Schritt für Schritt führt der Film einige Weisen auf, wie wir der Moderne aktiv begegnen können. Schon durch diese Struktur bleibt es ein wenig schematisch – gerade in der Mitte, wo der Film ein paar Buspassanten zeigt, die gemeinsam überlegen/schnippisch kommentieren, was die Menschen gleichgültig und die Welt so schlecht macht. Die finale Antwort ist der Titel des Films.
Mehr noch ist es aber ein moderner Film über Leute in einer apokalyptischen Welt, deren Umwelt zerstört wird und in der es schwer ist, einen Sinn zu finden. Statt aber eine Lösung zu präsentieren oder die Apokalypse auszumalen, zeigt er kleine Handgriffe, von Körpern deren Kopf in diesen Fällen selten im Bild sind – als gehe es darum, Halt in den materialistischen Gegebenheiten der Welt zu finden. Er zeigt ein Hin und Her ohne Ziel, Versuche Bedeutung zu erkennen. Auch Körper und Liebe, die zentralen Träger des Films, sind dabei keine Erfüllung, sondern nur weitere Unsicherheitsstifter. Die Welt ist Bresson nicht mal mehr ein Gefängnis, sondern Freiheit … von allem.
Wodurch es scheint, als werde Bresson mit jedem Film jünger. Wie die Filme davor ist dies ein Film über Jugendliche, die sich ausprobieren und in existenzieller Leere zerrissen werden. Eigentlich hat sich seit den Landpfarrerzeiten nicht viel geändert, selbst die Selbstmordgedanken sind weiterhin äußerst potent. Nur sein Blick auf die Welt wird immer frischer.

Sonntag 05.04.

3:10 to Yuma / Zähl bis drei und bete
(Delmer Daves, USA 1957) [DVD, OF]

fantastisch

Ein Farmer bringt einen Banditen zum Zug Richtung Gefängnis, koste es, was wolle. Wie in ZWÖLF UHR MITTAGS steht er allein gegen die über die Welt herrschenden Männer des Unrechts. Wie in RIO BRAVO geht es nicht um die Feigheit der Leute, sondern um den Mut sich zu wehren. Dabei kämpft der Agent der Realität mit dem Agenten der Fiktion. Dan Evans (Van Heflin) steht mit Familie und harter Arbeit mit beiden Füßen im Leben und kann sich keine Träumerei leisten. Sonst würde sein Besitz an die Bank fallen. Ben Wade (Glenn Ford!) hingegen erzählt den Frauen säuselnde Geschichte von Traumschlössern und malt mit eloquenter Nonchalance den Normalos aus, dass sie nichts gegen ihn machen können. Es könnte eine einfache Dualität sein, wäre die Figur des Ben Wade für den Film nicht lediglich ein Katalysator. Im Zentrum steht nämlich die Rechtschaffenheit des anderen, und diese lässt ihn stetig seinen Weg durch die Westernwelt nehmen, diese macht ihn zur Hauptfigur eines expressiven Schwarzweiß-Bibelfilms, in dem Mann nur durch den Glauben an seine Ideale die Aufgabe, die Gott ihm stellte bewältigt, diese ist vor allem aber nichts anderes als Wahn. Nicht das simple Gute, da nur Irrsinn und der Verlust des gesunden Menschenverstands hier zu Gott führen. Die Musik ist melancholisch, die Bilderwunderschön, die Landschaft ist aber eine ausgetrocknete Lebensfeindlichkeit. Die Figur des Realismus schafft seine eigene Fiktion, in dem er den für seine Familie so wichtigen Regen mittels seiner Unbeirrbarkeit erzwingt.

Sonnabend 04.04.

Scotland Yard jagt Dr. Mabuse
(Paul May, BRD 1963) [blu-ray, ≠]

ok +

Bryan Edgar Wallace vs. Dr. Mabuse: Statt Eddi Arent gibt es die Mama eines schwulen Ermittlers, die immer alles besser weiß und die den Film tatsächlich humoristisch bereichert. Dr. Mabuse ist währenddessen kein Schreckgespenst mehr, sondern ein Mann mit futuristischer Brille. Aus einer Geschichte von Bryan Edgar Wallace wird eine Gedankenkontrollvorrichtung entnommen, die aber nur selten die Potentiale des inhärenten Schreckens nutzt. Stattdessen wird durch einen wendungsreichen, letztendlich aber flachen Plot geschippert. Beim Versuch Dr. Mabuse letztendlich an das Edgar-Wallace-Phänomen anzudocken, kommt etwas heraus, das nichts von beiden ist und lediglich Gimmick an Gimmick aufeinander folgen lässt.

Twins of Evil / Draculas Hexenjagd
(John Hough, UK 1971) [blu-ray, OF]

großartig

Drei Filme werden zu einem vermischt:
1. Der Satanistenfilm: Ein gelangweilter Fürst will nicht mehr nur so tun, als ob er Menschenopfer vollziehe. In klassischen Vampirfilmen ist der Adel ein Parasit, der vom normalen Leben enthoben in einem Schloss lebt, das über den Köpfen des Volks thront, und der sich vom Blut der Armen und ihren sexy Töchtern ernährt. Hier kommt nun noch die Dekadenz hinzu. Statt einer Albtraumgestalt verfolgt ein verwöhnter Bengel das Blut der Normalsterblichen. Er ist kein Dracula, sondern eine klägliche Figur, die zwanghaft ihre Potenz beweisen muss.
2. Der Hexenfilm: Peter Cushing spielt einen Hexenjäger, der mit seinen puritanischen Kumpanen Jagd auf die Schwachen der Gesellschaft macht. Ganz explizit weiß er um die Schuld des Fürsten im Schloss, aber an ihn traut er sich nicht heran. Also sind die Frauen im Wald das Ziel seiner perversen Keuschheit. Dass junge Frauen im Dorf an Blutverlust sterben, lässt ihn nur irrer durch den Wald reiten, um an jemanden sein Gefühl von Hilflosigkeit abzureagieren. Und Cushing ist dabei noch besser als sonst. Aus den Augen seines zerfallenen Gesichts strömt sein Wahn tosend.
3. Der komplementärmoralische Coming-Of-Age-Film: Gut und Böse kämpfen mittels eines Zwillingspaars (Madeleine & Mary Collinson) miteinander. Die eine will tugendhaft sein, die andere rebelliert und wird Vampirin. Die eine will keinen Ärger, die andere möchte alles brennen sehen.
Um sich die Zuschauer für die intendierte Wirkung zurechtzulegen, nimmt der Film einen angestrengten Weg Richtung Finale. Das Geschehen hier ist arg hölzern. Davor und danach wird sich aber auf lustvoll auf die Dinge des Horrorfilmgeschäfts konzentriert – mit fulminanten Enthauptungen, den ständigen Bestrebungen die einzige gerechte Figur zu korrumpieren und einer sensationellen Musik zwischen Western und Poledouris‘ CONAN, DER BARBAR. Vor allem zu Beginn entsteht so ein fluffiger Fiebertraum aus Sex und der Unfähigkeit sich seinen Problemen zu stellen. Egal wohin sich die Blicke wenden, es findet sich unentspannter Wahn.

Freitag 03.04.

Der Kommissar (Folge 29) Der Moormörder
(Wolfgang Becker, BRD 1971) [DVD]

großartig

Wie wir erfahren, haben sich Täter und Mordopfer in einer Bar kennengelernt, in der die Frauen die Männer zum Tanz auffordern. Den Ermittler ist ein solches Etablissement suspekt, in der Episode wirkt es auch wie einer der traurigsten Orte der Welt. Als gäben dort Frauen, die nichts mehr von sich halten, ihre Würde auf. Aber es liegt nicht daran, dass sie die Initiative ergreifen. Eine der schönsten Szenen der Folge zeigt die Wirtin einer Moorschenke, wie sie Harry mit ihren Blicken fesselt und zu triefiger Musik quasi in ihre Unterwäsche zieht – bis die Oma aus der Küche die Stimmung killt. Vielmehr ist die BRD das Problem. Diese ist hier nämlich ein Moor für Frauen.
Das Moor der Episode ist ein unergründliches Ding aus Matsch und Nebel, aus dem Schreie dringen. Wer dort einen falschen Schritt tut, findet den Tod … oder einen entsorgten Frauenkörper. Zu Beginn laufen Spaziergänger durch es, aber sie verkennen die Idylle bis sie zufällig auf eine Leiche stoßen. Die Wirtin sitzt in diesem Moor in ihrer Ehe fest. Eine alte Dame verhöckert dort ihr letztes bisschen Arbeitskraft als Mädchen für alles, weil: Was soll sie – ledig, keine Rücklagen – sonst tun? Eine Frau in besagter Bar hält eine tieftraurige Rede, nach der sie sich zu alt fühlt, um geliebt zu werden – ohne wirklich alt zu sein. Jede Frau steckt hier in der Lebenswelt arschiger Typen fest … oder wurden aus dieser eliminiert.

Das Testament des Dr. Mabuse
(Werner Klingler, BRD 1962) [blu-ray]

ok +

Die Überblendung des Psychologen (Walter Rilla) mit Dr. Mabuse (Wolfgang Preiss), der den Geist des anderen unter Kontrolle gebracht hat, ist eine interessante Neuinterpretation einer der ikonischen Momente des Kinos, nur ist die Ausführung halbarschig. Einmal probiert und passt schon irgendwie – so sieht es jedenfalls aus. Auch der Rest des Films mogelt sich lediglich durch. Gert Fröbe, Harald Juhnke und Helmut Schmid spielen grobe Skizzen auf den Fersen von Dr. Mabuse in groben Skizzen eines Paranoiathrillers, auf deren Ausarbeitung niemand Lust hatte. Alles Gute ist eine Kopie des Originals.
Inhärent ist zumindest spannend, dass dieses Remake zeitlich nach Fritz Langs Original angesiedelt ist. Dass dies keine Alternative der damaligen Geschehnisse ist, sondern eine Wiederholung. Der Mann, der Dr. Mabuse geworden ist, schleicht sich wie sein Vorgänger in einen anderen Geist und hinterlässt dort sein Testament. Mabuse ist hier schlicht nurmehr ein Virus. Ist Fantômas ein Mann ohne eigenes Aussehen, der wie jeder x-beliebige aussehen kann, ist er ein Geist, der in jedem stecken kann.

Lust for a Vampire / Nur Vampire küssen blutig
(Jimmy Sangster, UK 1971) [blu-ray, OF]

gut +

Anders als im ersten Teil der Karnstein-Trilogie steht nicht mehr die weibliche Lust im Zentrum, sondern ein Mann, der nur wegen seines Geschlechts Protagonist zu sein scheint. Eigenschaften außer dem selbstverständlichen Sinn für seine Privilegierung hat er jedenfalls nicht. Für eine trübe Tasse werden die zentralen Frauen des Films unnötig an den Rand gedrängt bis verlacht. Die Internatsdirektorin ist eine jammernde, hilflose Witzfigur. Carmilla (Yutte Stensgaard) verliert durch die Liebe ohne Not ihre Potenz, wird zur Frau, die breaks like a little girl. Und Janet (Suzanna Leigh), die sich als eine Hauptfigur anbietet, die langsam bemerkt, dass die Männer und Frauen unter dem Bann eines Vampires stehen, bildet nur das Gewissen des Mannes. Dabei könnte dies ein wunderbar psychedelischer Mädcheninternatsfilm mit Vampiren sein, ein sommerlich naiver Rollin, der durch seine Geschlechterpolitik ausgebremst wird und sich so nur nachhaltig andeutet.

Donnerstag 02.04.

モダンラブ・東京 第5話「彼を信じていた13日間」 / Modern Love Tokyo (Folge 5) For 13 Days, I Believed Him
(Kiyoshi Kurosawa, J 2022) [stream, OmU]

großartig

Diese Folge einer Anthologiekurzfilmserie beginnt mit einer offensichtlichen Lüge. In Kombination mit dem Titel vermuten wir entsprechend, dass sich die Liebe in Horror verwandelt, sobald dreizehn Tage vorbei sind. Kurosawa unterwandert diese Erwartung und im Grunde jede Erwartung an geschlossene Erzählungen, die uns etwas klar kommunizieren sollen – in diesem Fall, was moderne Liebe in Tokio ist. Vll. ist diese für ihn das kleine Glück, wenn man dieses einfach zulässt, wenn man gerade nicht mit korrupten Politikern, Obdachlosigkeit, Arbeitsstress, anonymen Massen zu tun hat, wenn man zu viel erwartet, nicht irreal und verdächtig ist.

Chime m
(Kiyoshi Kurosawa, J 2024) [stream, OmeU]

fantastisch

Kurosawas Rezept für einen J-Horror-Film. Eine Ansammlung nötiger Zutaten, die nicht vermengt wurden – selbst das Läuten des Titels steht nur vereinzelt und ohne Anbindung im Film. Die 40 Minuten ergeben so auf gewisse Weise nur die Ahnung eines fertigen abendfüllenden Films, dem fehlt noch beendet werden müsste. Als jemand, der vorkurzem ein Rahmenkochbuch geschenkt bekam und der den schmerzhaften Unterschied zwischen dem vorher Imaginierten und dem finalen Produkt kennt, finde ich diesen Film wunderbar. Ein Koch versucht hier Schüler einzuweisen und seinen Traum als Chefkoch eines Restaurants zu verwirklichen, aber am Ende kommt bei jeglichen Versuchen nicht das Richtige raus. Der Horror und absurde Miniaturen menschlicher Gesellschaft folgen. Die Figuren stecken in urbaner Anonymität, Leere und Verlorenheit und agieren wie Sims-Figuren, die – von gelangweilten Spielern gesteuert – einfach nur Mist machen, weil das alles nicht so aufregend war, wie gedacht. Statt seinen Film auszuarbeiten und in eine finale Form zu bringen, lässt Kurosawa ihn einfach in einer unfertigen Form vor der Verhunzung. Einerseits ist diese Flüchtigkeit, die das dampfende Mahl erahnen lässt, befriedigender als eine finalisierte Version, andererseits ist dies der Film einer tiefsitzenden Enttäuschung, durch Realitäten, die immer wieder an den von Werbung trainierten Vorstellungen zerschellten. Die Moderne, destilliert auf wenigen Minuten wunderschöner Leere.

The Vampire Lovers / Gruft der Vampire
(Roy Ward Baker, UK 1970) [blu-ray, OF] 2

großartig

Dieser Gothic-Soft-Erotikthriller befindet sich im Kampf mit weiblicher Lust und weiblichen Körpern. Die Männer widerstehen den weiblichen Reizen, mit denen der Film geflutet wird, mit letzter Kraft, während die Frauen ihnen erliegen. Eine seltsame Mischung aus geilem Betrachten/ins Bild setzen von weiblicher Macht und lesbischen Sexes und einer ablehnenden Vorsicht demgegenüber entsteht. Es verdeutlicht sich vll. am besten durch den immer wieder in den Film flirrenden stummen Reiter, der Carmilla (Ingrid Pitt), den weiblichen Vampir, der alles in Atem hält, zu kontrollieren scheint. Mit seiner ansonsten sinnlosen Anwesenheit zeigt er aber nur, wie bedrohlich sich diese sich auslebenden Frauen trotz aller exploitativer Präsentation angefühlt haben müssen.

Mittwoch 01.04.

The Crying Game / The Crying Game – Die Frau des Soldaten
(Neil Jordan, UK/J 1992) [35mm]

gut

Ich bin ein wenig ratlos. Auf gewisse Weise ist es ein sokratischer Film, der Leute, denen sehr klar ist, was sie (über sich) wissen, ausdrücklich aufzeigt, wie wenig das ist. Was sich sehr überspitzt so zusammenfassen lässt: Harter Mann (Stephen Rea), ein IRA-Terrorist, muss erkennen, dass er Gefühle hat, und als er ihnen folgt, stellt er fest, dass er schwul ist. Aber auch wenn dieser Mann durch den ersten Penis in einer sexuellen Situation kotzen muss, ist dies vor allem eine säuselnde Romanze unklarer Gefühle, die lieber die IRA-Terroristen wie Karikaturen behandelt, nicht aber die Protagonisten. Der Film sieht mit seinen Vorhängen, der Bar und seinen 1990er-Indie-&-Slacker-Vibes auch meist sehr toll aus und die Songs sind mega – gerade Boy Georges Version von THE CRYING GAME, die die Pet Shop Boys produzierten –, aber irgendwie war er mir wohl nicht schnulzig genug, war zu geschmackvoll. Anne Dudleys Score und die Exposition mit dem entführten Forest Whitaker sind vll. exemplarisch. Zu schnell machten beiden klar, wohin es geht, zu wenig Ecken und Kanten ließen sie zu, zu wenig neben zaghafter Sentimentalität. Vll. fremdelte ich auch mit den Hauptfiguren, weil Stephen Rea seine tolle Frisur gegen eine schlimme eintauscht, während Jaye Davidson nicht so verführerisch aussieht wie in STARGATE. Mehr als alles fand ich aber die Synchro fürchterlich. Vll. bin ich solche aber auch einfach nicht mehr gewohnt.

März
Dienstag 31.03.

アカルイミライ / Bright Future Kinofassung
(Kurosawa Kiyoshi, J 2002) [DVD, OmeU]

großartig

Stets bleibt schwer zu sagen, wohin der Film als nächstes aufbricht. Ein Chef will sich mit zwei seiner jungen Wäschereiangestellten anfreunden, sichtlich um sich nochmal etwas jünger zu fühlen. Einer der beiden bringt ihn um. Auf die recht klare Exposition folgt aber eine Aneinanderreihung lose verbundener Codas. In diesem ungerichteten Abhängfilm einer existentiellen Angst vor der Zeit geht es um die Angst davor Alte zu werden und den Kontakt zum Leben zu verlieren, um die Angst sein Leben zu verschwenden und nicht mitzubekommen, dass es schon vorbei ist, um ein sich Retten in eine Phantasie, in der giftige Qualen symbolisch für die Fragilität der Jugend stehen und die Zerstörung, wenn sich von dieser nicht gelöst wird, oder um das sich Retten ins Rowdytum. Vor allem lässt Kurosawa alsbald seine Spannungskurve fahren und uns das Vergehen der Zeit nachdrücklich erleben – nur noch halbzufällige Dinge geschehen ohne großartige dramatische Immersion. Seine Figuren fürchten die rasende Zeit, sein Film macht ihr Schleichen plastisch erlebbar. Langweile wird zum Acquired taste, den er mit Schüben von Euphorie schmackhaft macht – wenn kurz doch alles Sinn zu ergeben scheint.
In der Kinoversion wird gerade das Ende sichtlich etwas löchriger als in der Langfassung, aber es tut dem Film vll. sogar gut. So gibt es eben noch weniger Definitionen, mehr ruhiges, schönes Irgendwas und Melancholie bzgl. der Ungreifbarkeit von Leben und Zeit.

Montag 30.03.

Der Kommissar (Folge 28) Drei Tote reisen nach Wien
(Dietrich Haugk, BRD 1970) [DVD]

großartig

Bis zum zweiten Mord handelt es sich um ein Meisterwerk aus Schmier, Heuchelei und scheiternder Verdrängung. Drei Männer – zwei Ehemänner und einer, der nicht im Joch steht, wie er sagt – reisen regelmäßig in europäische Großstädte, um die Sau rauszulassen. Nun sterben sie nacheinander, vll. weil eine Frau nicht ganz freiwillig mit ihnen im Hotelzimmer landete. Nach und nach nähern sich Kommissar und Co. der Wahrheit, und die Vergangenheit wird dabei von Fotos dargestellt, die aussehen, als hätte sie ein Paparazzo auf der Jagd nach Enthüllungen geschossen. Diesen Schlaglichtern der Realität steht ein sensationelles Mauern der Männer entgegen, die niemand sehen lassen wollen, wer sie wirklich sind, sowie zwei Ehefrauen, denen entweder in sensationellen Blicken eine Ahnung aufsteigt oder die sensationell unüberrascht von den Machenschaften ihrer Reisenden sind, die das Winden ihrer Männer noch potenzieren. Ehe und das eigene Bild in der Öffentlichkeit sind hier schambesetzte Versteckspiele unter einem Mantel des Schweigens, den die Folge lange lustvoll wegzieht – das ins Licht Gezerrte ist ein riesiger Spaß, die Schatten unter dem Mantel voller Grauen.
Nach dem zweiten Mord wird aber klar, was los ist und wohin die Folge steuert. Die Twists setzen ein, der Crossover mit einer österreichischen Krimiserie (OBERINSPEKTOR MAREK) führt in ein Wien voller Schmäh, Urlaubsstimmung und Sehenswürdigkeiten. Nach dem fulminanten Vorspiel scheint hier die Sonne und das zu Lösende ist ganz nett.

Sonntag 29.03.

Der Frosch mit der Maske
(Harald Reinl, BRD/DK 1959) [blu-ray] 2

großartig

Film noir als Absurdität und als Ansammlung bizarrer Schauergestalten – gerade Fritz Rasp sieht aus, als ist er einem Horrorstummfilm des deutschen Expressionismus entsprungen –, die unendlich Atmosphäre schaffen, als Ansammlung Verdächtiger eine Geschichte aber lediglich vortäuschen. Aber wer benötigt dann auch noch sowas wie eine Geschichte, wenn bspweise Rasp als Über-Ich des Grauens seinen krallengleichen Blick in uns schlägt.

Sonnabend 28.03.

Der Schatz im Silbersee
(Harald Reinl, BRD/F/Y 1962) [blu-ray] 3

großartig

Der Dichter an Sam Hawkins Seite wird schon im Laufe des Films gecancelt und taucht zum Glück nie wieder auf, und Götz George hüpft und geräteturnt durch den Film, dass es nur so eine Freude ist. Weiteres zu diesem Film und Dr. Harald Reinl findet sich bei critic.de.

Die unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse
(Harald Reinl, BRD 1962) [blu-ray]

großartig

Wiederholt eine Theateraufführung. Wiederholt fliegt in einer Loge ein mysteriöses Opernglas – es wird von einem Unsichtbaren gehalten. Wiederholt wird eine der Hauptfiguren des Films und der Aufführung (Karin Dor) zur Guillotine geführt, wiederholt liegt in der Luft, dass diese real zum Einsatz gebracht wird. Der Unsichtbare ist aber nicht Mabuse, seine unsichtbaren Krallen bleiben vorerst metaphorisch, und auch die Guillotine bleibt ganz unschuldig. Nicht nur ist in Reinls zweitem Mabuse-Film abermals nichts so, wie es scheint, noch dazu haben sich die Schatten erhellt. Paranoia ist Normalität geworden, mit der sich arrangiert wurde. Die Unsichtbarkeit ist nur ein weiterer Zusatz im Verkleidungslustspiel, in dem Schatten erheitern. Reinl war also selten so verspielt wie hier. (Wie vergnügt dieser Film ist, zeigt sich übrigens schon darin, mit welchem Code hier eine weltbedrohende Erfindung in einen Safe gesperrt wird.)

Freitag 27.03.

Winnetou und Shatterhand im Tal der Toten
(Harald Reinl, BRD/I/Y 1968) [DVD] 13

großartig

Immer wieder die Aufnahmen vom Grand Canyon und dem Monument Valley – in denen natürlich nur am Rand Statisten reiten, die wie unsere Helden angezogen sind. Immer wieder geschehen generische Dinge vor einer atemberaubenden Landschaft, die viel wichtiger zu sein scheint, als die Handlung. Immer wieder wird die Schönheit der Natur ins Bild gerückt … die sich in den entscheidenden Momenten expressiv gegen die gierigen Menschen darin richtet. Im Tal der Schlangen – als Kind war dies für mich das Tal der Toten, dessen Durchschreiten den halben Film ausmachte –, das durch Traumlogik nicht umgehbar ist, obwohl die Landschaft daneben flach und gangbar scheint, und dass mit irrwitzig vielen Schlangen aufgefüllt wurde, und im schwefeligen Tal der Toten. Denn dort wo die Menschen auf Spannung treffen, dort kommt der Sadist und Fetischist Reinl völlig zu sich und geißelt sich und die seinen gierig. Fesseln, Vierteilen, nackte Männerkörper: es ist eine einzige Geilheit. So sehr geht es hier um Natur und Folter, dass selbst Winnetou, Old Shatterhand und am meisten Sam Hawkins zu Nebendarstellern werden, abstrakte Überbleibsel einer Reihe, die hier auf Schönheit und Verderben, auf ihre Essenz heruntergebrochen wird.

Im Stahlnetz des Dr. Mabuse
(Harald Reinl, BRD/I/F 1961) [blu-ray]

verstrahlt

Einhundert Prozent Paranoia. Alles und jeder ist verdächtig. Niemand ist, was er zu sein scheint. Fern vom Wallace-England und Winnetou-Westen herrscht einfach blanke Unsicherheit – statt mittels einer Geschichte erhält der Film seine Struktur durch eine Abfolge von Situationen, in denen niemandem getraut werden kann und wo in Schatten und Hintergründen jemand/etwas lauert. Nur eines ist sicher: Jeder, den wir aus einem deutschen Straßenbild in den 1960ern herausfischen, wird schuldig sein.

Donnerstag 26.03.

Der Schut
(Robert Siodmak, BRD/I/F/Y 1964) [DVD] 14

gut +

1. Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah (Ralf Wolter) ist als Comic-Relief-Figur durchweg das Opfer des Films. Er wird als Tölpel gezeichnet, als tumb und abergläubisch, als infantiler Hallodri, der unterm Pantoffel steht. Immer wieder muss er als Zielscheibe der Späße herhalten, und ist anders als Sir Lindsay (Dieter Borsche) nicht einfach nur verschroben, sondern schlicht dumm. Doch genau damit ist er der Sympathieträger des Films. Mit ihm wird dem Abenteuer des Helden in schimmernder Rüstung, dem alles gelingt, Kara Ben Nemsi (Lex Barker), etwas Menschlichkeit verliehen – sind wir doch alle eher die Hadschi Halef Omars in unserem Leben. Was mich aber fasziniert, ist wie selbstgerecht und genervt Kara seinem Helfer immer wieder beschimpft. DER SCHUT schließt bei Karl May zwar den Orientzyklus ab, doch es ist die erste Verfilmung aus diesem. Ohne die Vorgeschichte bekommen wir einfach gleich eine Beziehung, die für Kara viel zu lange aufrechterhalten scheint und einer toxischen Ehe gleicht – nur dass es spaßig erscheinen soll.
2. Ist der Wilde Westen bei Winnetou eine vormoderne Unschuld, der beim Vergehen zugeschaut wird, ist die vormoderne Welt des osmanischen Reichs – der Film spielt in Bosnien, wir befinden uns also sogar in Europa – das Gegenteil dazu. Hier muss die Barbarei zur Zivilisation erhoben werden. Aber genau damit vergeht auch wieder die Weite, in denen noch Abenteuer erlebt werden können. Vll. ist der berauscht-dekadente, nachsichtige Blick Sir Lindsays also dem stählernen Blick des deutschen Abenteurers vorzuziehen.
3. Die zwei Enden: Der Schut (Rik Battaglia) fällt nach einer wilden Verfolgungsjagd einfach in eine Schlucht und Schluss ist. Das Ende des Bösewichts und damit des Abenteuers verpufft einfach. Im Gegensatz dazu stirbt Karas schwarzer Hengst Rih – auch hier: eine Bindung zwischen Publikum und Pferd ist kaum aufgebaut – stirbt mit großer Melodramatik. Es ist seltsam.

Die Schlangengrube und das Pendel
(Harald Reinl, BRD 1967) [blu-ray, EF]

großartig

Vorweg: Der Scan der beiden rotstichigen 16mm-Kopien, der auf Severins blu-ray Verwendung fand, wurde so gut wie nicht nachbearbeitet. Was einfach heißt, dass ich den Film mortadellafarben gesehen habe. So erinnert es schon stark an die Poe-Verfilmungen Roger Cormans oder den Hammerhorror Terence Fishers, farbecht wäre der Eindruck wahrscheinlich erdrückend. Und tatsächlich öffnet sich hier eine mögliche Parallelgeschichte, in der Edgar Wallace und Winnetou durch psychedelischen, nicht durch Tugend und Albernheit aufgeweichten Gothic-Horror zur Seite gestellt bekommen hätten – wäre der Film nur etwas erfolgreicher gewesen. Reinl greift nämlich zwar auch wie seine englischsprachigen Kollegen auf schummrige Realität, auf Nebel und pro Forma durchschimmernde Klassikermotive zurück, er macht daraus aber etwas dezidiert deutsches. Mit seinen Augen und seiner Perücke verfolgt Christopher Lee zwei schöne Menschen, Lex Barker und Karin Dor, die ihre Vergangenheit so weit von sich weg verdrängt haben, dass sie sich für Nachkommen ihrer selbst halten, die von nichts wissen. Vll. werden sie auch vom Schicksal ihrer Herkunft verfolgt. Mit anderen Worten: sehr leicht ist es in diesem gorigen, sadistischen, dämmerigen Film eine poppige Folterkammer für Leute zu sehen, die sich unschuldig fühlen – aber nur solange sie nicht zurückblicken müssen. Und vll. konnte das Projekt genau deshalb nicht die Erfolge feiern.

Mittwoch 25.03.

Der Kommissar (Folge 26) Die kleine Schubelik
(Georg Tressler, BRD 1970) [DVD]

gut

Alkoholiker, sexuelle Gewalt, mit Immigranten vollgestupfte Behelfswohnungen: Tressler bekommt viel mehr als Haugk in der Episode zuvor, um damit zu arbeiten. Seine Mordopfer liegen aber einfach nur rum, seine Verdächtigen tun einfach nur alles, um verdächtig zu sein. Seine Welt bleibt flach und bekannt. Ohne Peter Kuipers Show als keimige Männlichkeit wäre wirklich nicht viel los.

Dienstag 24.03.

Der Kommissar (Folge 25) Der Mord an Frau Klett
(Dietrich Haugk, BRD 1970) [DVD]

großartig +

Alfred Balthoffs traurige Augen, die klamm mitgeschleppte Möglichkeit von Altersprostitution, eine im Müll entsorgte Frau und ein Mann, der vor dem Zoo wie ein Pinguin läuft, um von überdrüssigen Eltern mit etwas Geld vertrieben zu werden: Alter – ganz im Gegensatz zu den jugendlichen Kriminellen – wird hier als kleines Panoptikum des Elends und der Verzweiflung in kargen, verlebten Wohnzimmern gezeigt. Verschwiegen wird die Existenz erduldet, Blicken wird versucht zu entgehen. Eine sensationell trostlose Episode, in der so viel mehr transportiert wird, als zu sehen ist, in der niemand – außer den Vertretern des Gesetzes – in diese Welt passt.

Montag 23.03.

Summer Night Fever
(Sigi Rothemund, BRD 1978) [35mm/stream]

großartig +

Zwei junge Männer bekommen während ihrer Reise nach Ibiza nicht das, was wir und sie erwarten. Der eine will sein Meterband abarbeiten – pro Sexpartner wird ein Zentimeter abgeschnitten, bis es nicht mehr da sei –, während der andere mit seiner Brille und seinen Hemmungen wirkt, als warte auf ihn verlorenes Indereckestehen. Doch der eine findet gegen seinen Willen die Liebe, und beim anderen kostet der Film aus, dass er ihm ein sexuelles Abenteuer nach dem anderen zuschustert. Mit im Schlepptau ist ein Mauerblümchen, dass sich schmollend durchsetzt, jede Menge sonniger Musik und Blödelei mit dem Herz meist am rechten Fleck.
Die erste Stunde hatte ich noch in Nürnberg im KommKino gesehen, dann fuhr aber mein Zug mit mir in die Nacht, und ich holte den Rest per Stream am Nachmittag nach. Aber irgendwie war es nicht mehr das Gleiche. Sei es, weil vor und neben mir nicht mehr im Rhythmus der Musik im Kinosessel sitzend getanzt wurde, sei es weil die Farben im Stream auch nach diversen Einstellungswechseln am Fernseher fahl blieben und das Licht verkümmert aussah – der Himmel in Ibiza sah meist aus, als würde nun am Horizont der Sturm aufziehen, von dem in TRIEBHAFT WIE DIE NACKTE LUST immer nur im Radio berichtet wurde. Ein cineastischer Coitus interruptus also.

19.03. – 22.03.
23. außerordentlicher Filmkongress des Hofbauer-Kommandos

Sonntag 22.03.

Sex-Report blutjunger Mädchen
(Frits Fronz, BRD/A 1972) [35mm]

verstrahlt +

Eine Satire auf Reportfilme: Frauen erzählen beim Klassentreffen (oder so) aus dem Nähkästchen, rücken ihre Existenzen ins rechte Licht, und wir sehen in den begleitenden Episoden, was wirklich los ist. Frits Fronz steht als Kellner bei und macht sich zum Komplizen des Zuschauers, in dem er nach den Episoden wissend in die Kamera nickt. Durchweg beherrscht muffiger Entertainmentwille das Ganze. Enge, Krampf und hemdsärmelige Lockerheit bestimmen den Film, und doch erhebt er sich aus diesem Mief in der Vögelepisode und bei einem Filmdreh radioaktive Miniaturen deutsch-österreichischer Geisteswelten und Scherze am Rande für die Ewigkeit.

二匹の牝犬 / Night Ladies
(Watanabe Yūsuke, J 1964) [35mm]

gut +

Nur langsam und nach gekanntem Muster baut sich das Melodrama seinen finalen Sturm auf. Ist es aber soweit, peitscht der Wahn brutal und Blicke fliegen wie Dolche. Die dabei überbrachte Botschaft: Sich als Frau einen Mann auszusuchen ist Glückspiel, bei dem nur verloren werden kann, weshalb es vll. doch nicht die schlechteste Idee ist, auf den Ruf zu scheißen und das männliche Geschlecht einfach auszubeuten. Darin wird Watanabes Film ganz Frauenfilm: Mayumi Ogawa als Furie wider Willen und Mako Midori als skrupelloses Luder tragen den Film ganz allein.

La cigarra no es un bicho / Vierzig Nächte voll Tücke und Sex
(Daniel Tinayre, ARG 1963) [35mm]

großartig

Space Madness im Rotlichtmilieu: Aus der Prämisse, dass ein Gesellschaftsquerschnitt im Stundenhotel unter Quarantäne steht, wird eigentlich nichts gemacht. Stattdessen wird abgehangen – mit Liebe, Hass und Bauchrednerpuppe. Nur marginale Versuchen werden unternommen, Kontakt zueinander aufzunehmen. Kleine Banden humanistischer Zuneigung keimen, Grenzen bleiben aber gleichwohl bestehen. Ganz zwanglos kommt dabei heraus, dass sensationsgeile Schlagzeilen nichts wert sind. So manche Selbsterkenntnis wird auch gemacht. Aber vor allem geht es um Leute, die nichts zu tun haben, die in kleinen Schlaglichtern ihre Zeit füllen, die nicht mit Plot angegangen werden.
Schönes Detail des Kongresses: Der Bauchredner wärmt seine Puppe mit einer Sprachübung auf, die Leroy in HERBSTROMANZE ebenso gekünstelt aufsagt.

Halleluja k
(Bernhard Marsch, D 1995) [35mm]

großartig

Sommer, Sonne, Freizügigkeit, Rechenschaft an religiösen Heuchlern: Eine lockere Meditation über Fahrten mit Anhaltern.

Sonnabend 21.03.

Sie heirateten in Gretna Green k
(Fritz Illing, BRD 1965) [35mm]

großartig

Eine kurze Doku über ein junges Paar, dass in Gretna Green minderjährig geheiratet hatte.* Aus dem Portrait von Exzellenz in Armut – mitten in der Nacht tragen beiden perfekt getimt die Zeitung aus, was damals hieß, dass durch die Häuser gegangen und die Briefkästen an den Wohnungstüren aufgesucht werden mussten – wird eine Utopie seiner Zeit – der Mann schmeißt den Haushalt und kümmert sich ums Baby, während die Frau im Fotolabor arbeitet, weil es für beiden so besser passt. Es scheint, als würde die Heirat gegen die Regeln auch neue gesellschaftliche Modelle leichter zulassen. Vor allem ist es aber unaufgeregt, lakonisch, beglückend einfach und doch so reich dargebracht.
*****
* Gretna Green ist ein schottischer Ort kurz vor der Grenze zu England. Als im 18. Jahrhundert in England strengere Heiratsregeln eingeführt wurden, während in Schottland weiterhin sehr laxe galten, wurde das Dorf zum Wallfahrtsort durchgebrannter Jugendlicher, im 20. Jahrhundert scheinbar auch europaweit.

Zu jung für die Liebe?!
(Erica Balqué, BRD 1961) [35mm]

großartig

Mit aufrichtigem Verlangen, das Richtige tun zu wollen, schließen sich Jugendliche und charismatische Unterstützer zusammen und trotzen dem Widerstand des Vaters (des Gesetzes), der die Welt nach seiner Vorstellung gestaltet sehen möchte, bis dieser Zerstörer völlig zerstört zusammenbricht, nicht mehr aus dem Bett kommt und für den Film völlig obsolet geworden ist. Das Sittendrama voller toller Figuren ist eben auch das Portrait einer psychedelischen freudschen Menschwerdung.

Women of the Night
(Zalman King, USA 2001) [35mm, OF]

fantastisch +

Dass dies seinerzeit nicht den Oscar für Kamera, Schnitt und Tonschnitt bekam, zeigt nochmal kompakt, wie sinnlos diese Veranstaltung im Grunde ist. Aber vll. bin ich auch nur seltsam, weil ich es als pure Schönheit, pure Atmosphäre, pure ASMR-Wonne empfand. Das Drehbuch ist im Grunde überflüssig, werden doch nur anderthalb Stunden Stimmung aufgebaut. Eine Collage aus aufflackernden Momenten, traumatischen, schönen, seltsamen, die repetitiv wie in Traumlogik alternieren. Stimmen und gehauchte Worte lullen uns ein. Es ist wie der übernächtigte Moment in einer Jugendnacht, wenn plötzlich alles Sinn ergibt. Oder: Es ist wie wenn wir uns als Psychoanalytiker erträumen, der neben der Couch einnickt und der in seinem Kopf den Teig aus Lebensbeichten und Traumerzählungen, die unaufhörlich in sein Ohr fließen, fleißig immer wieder durchknetet. Wird sich dem Ganzen aber mit Vernunft und Logik genähert, zerfällt es zu Staub – genauso wie ich zu Staub zerfallen wäre, hätte ich innerhalb einer Stunde nach dem Film mit jemandem (der Realität) interagieren müssen. Darauf wird der Kater der Wirklichkeit sicherlich folgen, aber für Anderthalbstunden ist alles wunderbar.

Der verlogene Akt / Born Black
(Rolf von Sydow, BRD/I 1969) [35mm]

gut

Günther Schramm darf endlich den ekligen Schleimball ohne Rückgrat und Selbstreflexion herauslassen, als der er in DER KOMMISSAR auch immer irgendwie durchschimmert. Nur dass er da einen Sympathieträger darstellen soll. Mehr zum Rest bei critic.de.

L’Homme qui voulait violer le monde / Black Love
(José Bénazéraf, F 1973) [35mm, ł] 2

gut

Durch die herausgeschnittenen politischen Diskussionen wird es schon ein etwas anderer Film. Weiterhin ist dieser aber vom Gegensatz zwischen drückender Musik/massiven Stilbewusstsein und dem elegisch-trüben Rubbeln von Körpern bestimmt.

Der Kommissar (Folge 39) Als die Blumen Trauer trugen
(Dietrich Haugk, BRD 1971) [DVD]

großartig

Schwangeres Jungvolk vs. unverständige Eltern, es wird in den Hot Club gegangen, Günther Schramm: Einige Fäden der vorangegangenen Filme werden erneute aufgegriffen, es war also der perfekte Abschluss für den Tag. Hier darf die Jugend der Elterngeneration aber patzig ins Gesicht sagen, wie scheiße sie ist. Und wie zur Anklage hängen überall die Poster einer in den Tod getriebenen Unschuld.

Freitag 20.03.

Sex… 13 Μποφόρ / Triebhaft wie die nackte Lust
(Chrysostomos Liambos, GR/I 1971) [35mm]

großartig

Es erscheint wie die Verfilmung eines unbekannten Theaterstücks Samuel Becketts. Vier sexhungrige Frauen und zwei Männer finden sich auf einer Insel in der Ägäis wieder. Auf dem Meer soll ein Sturm herrschen, der sie im Idyll gefangen hält. Zu sehen ist davon nichts. Stattdessen: Sonne, blauer Himmel und eine schmierige Natur, die als Algen und Kies den schwitzigen Körpern am Rücken klebt. Die Utopie ist, dass die sechs (plus einige wenige Zwischenstopper) einfach nur repetitiv über die Insel ziehen und Bäumchen wechsele dich spielen, dass sie miteinander schlafen und es eigentlich kein Drama gibt. Im engeren Sinne also auch keine Geschichte. Der ökonomische Schnitt entfernt alles Überflüssige und begrenzt alles auf eine ewige Wiederkehr des sich Anbahnen von Sex und des rolligen Kopulierens. Ewig könnte es vor sich gehen, wäre da nicht die Vater-Tochter-Dyade, die für Eifersucht sorgt, für Missgunst, Streit und Gewalt. Die Ansässigen eben, der Leuchtturmwärter und seine erwachsene Tochter, kommen mit der Freiheit der Leute von den Schiffen am Ende doch nicht zurecht. Sie sorgen auf den letzten Metern für einen pflichtschuldigen Sturm, der das Nichtwarten auf Godot beendet.

Heimat, deine Lieder
(Paul May, BRD 1959) [35mm] 2

radioaktiv

Der Film eines beklemmenden, surrealen innerdeutschen Weltbürgertums. Schwarze Kinder singen Zehn kleine Negerlein in der Heide, um die neu gewonnene Weltoffenheit zu signalisieren – ihre Lippenbewegungen passen so wenig zum Gesang, dass sie wie Geiseln des Films wirken. Bayrische Bauern laden Kinder, die wie ein Pferd arbeiten können, weil Arbeitskraft das Wichtigste ist, in einem norddeutschen SOS-Kinderdorf ab, um Verantwortung und Kosten an neue Institutionen abzutreten. Bei einem gesamtdeutschen Kulturfestival werden mehr Zuschauer angelockt als bei Woodstock – hügelweise füllen adrett gekleidete junge und alte Menschen die Landschaft, und selbst der frenetischste Applaus geht – zumindest in den Bildern – kaum über höfliches Desinteresse hinaus. Und überhaupt zeigt der Film immer wieder kontextlos zwei kleine nackte Mädchen in der Heide, die mit Marienkäfern spielen oder einfach so unschuldige Kindheit darstellen, weil hier eben ein Paradies zu finden ist, dass aus rücksichtslosen Rasern Kämpfer für menschliche Gemeinschaft machen.
Die Leute brauchen dieses Paradies aber auch dringend. Blind sind sie aus dem Kireg heimgekehrt oder bedauern, dass sie nicht in ihre alte Heimat Schlesien zurück können – mit Tränen in den Augen schauen sie sich einen Diafilm an, der lediglich Straßenzüge der Städte zeigt, und weinen wohl darüber, dass sie vor knapp 20-30 Jahren falsche politische Entscheidungen getroffen haben. Letzteres wird aber selbstredend nicht kontextualisiert und bleibt verdrängt, weil die Vergangenheit unter einem tabuisierenden Schleier liegt. Auf jeden Fall versucht der Film sie mit einer steifen Lässigkeit mit dem Hier und Jetzt auszusöhnen, das ja eigentlich auch viel besser ist – paradiesisch, weltoffen.
Die schönste Szene gehört zu einem Freundschaftsnebenplot, der mit erstaunlich romantischem Furor erzählt ist. Der Graben zwischen Generationen, zwischen Natur und Technik, zwischen zwei unterschiedlichen Herkünften wird überbrückt, zwischen zwei Männer, deren Heterosexualität Behauptung bleibt – es gäbe eine ferne Verlobte aus einer anderen Zeit. Jedenfalls möchte der eine seinen LKW neben dem heißgeliebten Blumenbeet des anderen parken. Dieser einfache Umstand wird zur melodramatischen Spannungsminiatur. Tatsächlich ist es das größte, furios inszenierte Drama eines Films, in dem Kinder zwischenzeitlich verschwinden, Verlobungen zerbrechen und eine Liebe auf der Kippe steht. Eine Blume könnte unter die Räder kommen, das Paradies steht auf dem Spiel. Das sich langsam nähernde riesige Rad, die zärtlich vorstehende Blume, die sich aus dem Beet Richtung Straße senkt, die akribische Vorsicht des Fahrers, das Bangen des Gärtners, die absurde Katastrophe: Es ist sicherlich vor allem ein aberwitziges Zwischenspiel, aber eben auch das Herz des Ganzen.

La maldición de Frankenstein / Eine Jungfrau in den Krallen von Frankenstein
(Jesús Franco, F/E 1973) [35mm, OmU]

großartig +

Wie eine surreale Überlagerung Rollin-Breitseite von Franjus JUDEX mit den Frankenstein-Filmen Terence Fishers, aber alles unter den klaren Vorzeichen eines Jess-Franco-Films. Vier Ausprägungen des verrückten Wissenschaftlers halten die Welt im Atem: Dr. Frankenstein, seine Tochter, seine Kreatur und Cagliostro (Howard Vernon), und ergeben einen Schmelztiegel popkultureller und surrealer Bilder und Texturen. Gerade die Musik und das Sound Design – eine Frau mit Vogelgefieder zirpt immer wieder – sowie die Orte – sonnendurchschienene schicke Balkons und Paläste inmitten von exotischem Grün sowie karge Keller und Labors – machen aus diesem Pappmachépulp doch etwas Sagenhaftes.

Make You Mine: Maya und der kleine Tod m
(Andreas Beilharz, D 2026) [digital]

großartig

Die simple Gegenüberstellung des Musikvideos zu Madison Beers MAKE YOU MINE mit einer etwas speziellen Cumshot-Kompilation. Hier die Inszenierung von Lust, Begierde und unheimlichen Gefühlen. Da eine abstrakte Reduzierung auf die Handlung ohne Gefühl – höchstens mit der kindlich wissenschaftlichen Neugier reibt die Frau, ob die Penisse der nur daliegenden/-stehenden Männer immer so zucken und was ausspuken, wenn an ihnen gerieben wird.

Herbstromanze
(Jürgen Enz, BRD 1981) [35mm] 7

fantastisch +

Vor 14-15 Jahren war ich arbeitslos und wurde für ein Jahr bei einer Fortbildung geparkt. Eine der eher weniger lehrreichen Wochen sollte uns den Umgang mit Microsoft Office lehren, richtete sich aber eher an die von uns, die damit noch kaum Kontakt hatten. Abschluss sollte z.B. eine PowerPoint-Präsentation sein, zu egal welchem Thema, mit der nur zu beweisen sei, dass wir das Programm beherrschten. Nachdem ich im September bei einem außerordentlichen Kongress des Hofbauer-Kommandos gewesen war, hatten sich meine filmischen Vorlieben herumgesprochen, was dazu führte, dass mir mehr oder weniger die Mutprobe gestellt wurde, dass ich einen Vortrag über Jürgen Enz halten sollte. Was ich liebend gerne tat. In diesem Vortrag zeigte ich u.a. auch ein Ausschnitt aus dem tristen Frühstück aus HERBSTROMANZE, die so gut ankam, dass eine Handvoll der Mitfortgebildeten diesen Film sehen wollte. Am Ende des dann tatsächlich stattgefundenhabenden Filmabends fragte eine der Teilnehmerinnen, ob sie dableiben könnte – es wäre spät, der Heimweg so weit. Klar, durfte sie … und tatsächlich ist sie nie wieder gegangen. Anderthalb Jahre später zog sie bei mir ein und bis heute kann ich mein Glück kaum fassen. Es war im November 2012 als meine Herbstromanze mit Sabrina Z. begann.
Ansonsten ein wunderbares Wiedersehen, bei dem ich mal wieder feststellen musste, wie düster und abgründig die Romanze im Film tatsächlich ist.

Vibrations
(Michael Paseornek, USA/CA 1996) [VHS]

gut

James Marshall (TWIN PEAKS), Christina Applegate (sichtlich als Kelly Bundy mit einem Bisschen mehr Grips gecastet) und Alex Christensen (U96) in einem Film vereint: Mehr Mitte der 90er kann es kaum werden. Aber während ich bei den anderen beiden die zeitliche Limitierung ihres Erfolgs doch erklärbar finde, ist es mir bei Marshall ein Rätsel. Wahrscheinlich hat sich einfach niemand gefunden, der etwas mit dieser verschüchterten Männlichkeit, dieser fliehenden Persönlichkeit anfangen konnte. Allein sein Lächeln ist ein Phänomen. Es ist existentiell scheu und wirkt wie eine vorweggenommene Entschuldigung, trotzdem ist es grenzenlos sympathisch und ganz natürlich der Mittelpunkt des Rampenlichts, der nichts neben sich duldet. Vll. lässt es sich die kurze Halbwertszeit seiner Karriere aber ganz gut mit diesem Film hier erklären. Ein Rockerangriff beraubt einem angehenden Musiker (Marshall) seiner Hände. Er landet als Alkoholiker auf der Straße, reißt sich alsbald wieder zusammen, bekommt Roboterhände gebaut und wird mit diesen Technostar. Immer wieder ist dies ein Hingucker, mit größter Selbstverständlichkeit kaum fassbar. Gleichzeitig ist er aber viel zu nett und sympathisch, eine Ansammlung von Tropen, die sich vor der Hingabe an den Wahnwitz scheut. Irgendwie fehlt etwas, dass hier mehr herauskitzelt.

Donnerstag 19.03.

Sperrbezirk
(Will Tremper, BRD 1966) [35mm]

großartig

Es ist nicht mehr sicher zu eruieren, weil die eigentlich von Tremper erstelle Version verloren ist, aber er hat sicherlich ein überspanntes, überdrehtes Sittendrama gedreht. Dieses wird in der erhaltenen Version aber verwässert, weil Produzent und Autor Ernst Neubach vermutlich mehr Fakten unterbringen wollte. Jedenfalls sind manche Szenen – wie der Infodump bei Kommissar Wagner (Karel Štěpánek) bspweise – sichtlich steifer inszeniert als der Rest.
So oder so werden die Methoden von Zuhältern an einem Beispiel nachgezeichnet, wie sie junge Frauen aussuchen, sie in ein ausgearbeitetes System locken und sie sich selbst für ihre Ausbeutung entscheiden lassen. Was einerseits minutiös und ernst nachgezeichnet wird, aber immer wieder ins Absurde kippt. Wenn die Prostituierten ihrem Zuhälter immer wieder fröhlich in der Hoffnung zuwinken, dass er ihnen noch einmal einen Hauch der liebevollen Aufmerksamkeit zukommen lässt wie zu Beginn ihres Kennenlernens. Wenn die Mafia wie eine Ansammlung von Comic-Relief-Gestalten erscheint, die seit Jahrhunderten im Schrank darauf warteten, mal wieder entstaubt und benutzt zu werden. Wenn der Zuhälter eine scheidungswillige Frau vor den Augen seiner johlenden Kumpane verführt und so die Grundsituation des Films und seiner Zuschauer – des Hofbauer-Kongresses insgesamt – metatextuell spiegelt. Im Finale im Autokino, bei dem die Schlacht zwischen Indianern und Cowboys die Polizisten und Gangster aussehen lässt, als wollen diese auch nur die Fiktion imitieren. Wenn der Film hinter der Leinwand des Autokinos endet, wo Ann (Suzanne Roquette) hinter den Phantasiegespinsten verloren und verkatert herumstolpert.
Der Zuhälter wird übrigens von einem Harald Leipnitz gespielt, der im charmanten Arschlochsein vollkommen aufgeht und die Performance seiner Karriere abliefert. Der in Bruchteilen von Sekunden von niederträchtiger Arroganz auf schmierige Romantik umschaltet. Dazu haben die jungen Hans Clarin und Dieter Hallervorden kleine Rollen, und fertig ist der stimmungsschwankungsreiche, seltsame, tolle Film.

Die Liebesquelle
(Ernst Hofbauer, A 1966) [35mm] 2

gut +

Es gibt viele Absprungstellen für Zuspitzung, Eskalation, Exzesse und lässige Entspannung. In einem fiktiven schwedischen(?) sind alle Frauen blond und tragen ein üppiges Dekolleté, während die Männer – bis auf den kernigen Bürgermeister (Sieghardt Rupp) – ottonormale Trüblinge sind, die den offenbaren Sexappeal ihrer Frauen nicht mehr sehen, aber bei jeder sich bietenden stelzböckischen Gelegenheit zum Fernglas greifen. Eine Quelle soll die darin Nacktbadenden schön und die aus ihr Trickenden potent machen. Sie soll für den Fremdenverkehr erschlossen und vor den Sittenwächtern versteckt werden. Die entstehenden Konflikte könnten bspweise ohne Probleme in eine Version von Aristophanes LYSISTRATA umschlagen, in dem Frauen ihren Männern den Sex entziehen, bis der Frieden siegt, aber keine der sich bietenden Gelegenheiten werden wahrgenommen. Es herrscht eine ständige Betriebsamkeit, die Konflikte aufbaut und in der Leute als lustvolle Wesen gnadenlos scheitern, aber irgendwie bleibt es doch unfokussiert und entspannt. Es ist also ein schöner Lust-und-Laune-Film – von 35mm durchaus viel schöner als in der Videoknüppelpräsentation einige Kongresse früher –, der sehr gern pointiert schneidet – vom Wort Manneskraft zu Sieghardt Rupp, der diese mit nackten Oberkörper in der Quelle liegend und aus dieser potent saufend als Karikatur darstellt –, der aber nicht pointiert ist. Am besten: die aufgeregt quakenden Gänse, mit denen immer wieder die sexuelle Hysterie der Menschen gespiegelt wird.

LSD: Insight or Insanity? m
(Max Miller, USA 1967) [16mm]

gut

Arbeitskraft ist stets das Erste, weshalb Leute aus den Klauen der Drogen gerettet werden müssen. Kaum auszudenken scheint den interviewten Wissenschaftlern, dass jemand nicht arbeiten kann und will. Diese auf Leistung fixierten Gelehrten stammeln sich aber erstaunlich unsortiert durch den Film, brauchen teilweise mehrere Sekunden, um ihren Faden wiederzufinden … und dieser triste, psychedelische Aufklärungsfilm, der ein Fließband an durch mütterlichen LSD-Konsum mutierte Hamsterembryos auffährt, macht sich nicht die Mühe, das zu bereinigen, sondern lässt es ganz salopp drinstehen.

Nights in Black Leather
(Richard Abel, USA 1973) [16mm. OF] 2

gut

Ein Fetischfilm, der das Aussehen von Peter Berlins Körper genießt. Der vll. am ehesten noch als aufeinander folgende Fotografien Sinn ergibt. Seine Sexszenen sind zu lang, zu unattraktiv, suchen sie doch im Grunde nur nach Posen, in denen Berlin vorteilhaft festgehalten werden kann. Sobald es also um Bewegung geht, folgt am ehesten noch ausgedehnte Fugenkunst, mit denen der Film auf seine Spielzeit gebracht wird. Woraus aber auch wieder folgt, dass Abel noch nicht aus dem Wissen heraus agiert, wie ein Porno auszusehen hat. Es folgen nicht die erforderlichen Stellungen aufeinander, sondern eine weitere Suche nach eigener, gemeinsamer und gefilmter Lust.
Wahrscheinlich bin ich dem ganzen auch positiv gegenüber eingestellt, weil Berlin einfach faszinierend anzusehen ist. Das kantige Gesicht und der ausdefinierte, statuenhafte Körper wollen einfach nicht zu diesem süßen, petit Miniarsch passen. Der sieht nämlich am Rest des Körpers aus, als ob er durch Spezialeffekte geschrumpft wurde. Dieser Körper ist quasi ein optisches Oxymoron. (Und dass dieser Astralkörper so schmerzhaft nichtssagend mit deutschem Akzent vor sich hin labert, ist ein zusätzlicher spannender Widerhaken.)

Mittwoch 18.03.

Der Kommissar (Folge 24) Eine Kugel für den Kommissar
(Erik Ode, BRD 1970) [DVD]

nichtssagend

Harald Juhnke als Limo saufender Spitzel und Klaus Löwitsch als Hufeisenbart tragender Schläger sind leider eher verschwendet. Was für zwei Präsenzen für so eine eher ziel- und interessenlose Folge. Selbst dieses Frauen-die-den-Fall-selbst-lösen-wollen-müssen-gerettet-werden-weil-Feminismus-nur-Quatsch-sei-Motiv ist arg verschenkt und bietet außer dem Moment, in dem Kommissar Kellers Frau im Hinterhof eines Bordells Muffensausen bekommt, nichts.

Dienstag 17.03.

There Is Another Sun
(Lewis Gilbert, UK 1951) [stream, OmeU]

gut

Einige wunderbare Momente – die Jahrmarktsmitarbeiter warnen einander vor dem schnüffelnden Polizisten, als solle eine Gegenversion zum Gaba Gaba, we accept her, one of us aus FREAKS entworfen werden; die glühende, alles beiseiteschiebende Todessehnsucht von Racer (Maxwell Reed), die Motorradrennen – stecken hier drinnen. Ein Boxer (Laurence Harvey) riskiert seinen Erfolg und die Erfüllung der heterosexuellen Liebe, weil er einem egoistischen Rennfahrer hörig ist. Das Drama um Verantwortung und (nicht wahrgenommene homosexuelle) Begierden ist aber zu umständlich, zu sehr hin und her, als ziere es sich, auf den Punkt zu kommen.

Sonntag 15.03.

カルメン純情す / Carmens reine Liebe
(Kinoshita Keisuke, J 1952) [DVD, OmU]

verstrahlt +

In der Fortsetzung von CARMEN KEHRT HEIM ist alles anders … bis auf Carmen (Takamine Hideko), und auch sie ist nur vorerst dieselbe. Aus dem farbigen Heimatfilm ist eine schwarzweiße Sozialdramagroteske geworden. Nachkriegstokio: das Geld ist knapp, zwielichtige Politiker propagieren aus zwielichtigen Gründen die Wiederbewaffnung und die Rückkehr zu alten Werten, nur die Reichen können ein dekadentes Leben in grotesker Verwestlichung führen. Dass ist alles an sich schon ein wirrer Mix aus penetrant schiefen Kameraeinstellungen, überzeichnete musikalische Formen der klassischen Moderne, wirre Karikaturen abstrakter Kunst, von Verwirrungen und Verlorenheit in einer Welt, die keinen Sinn mehr ergibt. Dann verliebt sich die abgeklärte Carmen aber auch noch, wodurch letztlich auch die letzte Figur ihre Selbstbestimmung verliert und zum tragischen Automaten ihrer Begierden und Ideologien wird. Wahrscheinlich der vollendteste Dada-Film der Menschheitsgeschichte, der gleichzeitig doch sein Herz nicht aufgibt und die Irrungen und Wirrungen dieser Menschen doch liebevoll betrachtet.

ズームアップ 聖子の太股 / Zoom Up: Seiko’s Thigh
(Ohara Kōyū, J 1982) [DVD, OmeU] 2

gut

Spanner Toshiro (Ueno Jun) entwickelt ein tatsächliches Sexleben. Jahrelang hatte er das Objekt seiner Begierde (Terashima Mayumi als Seiko) nur fotografiert, so dass er jetzt nur noch eine Erektion bekommt, wenn er die Frauen vor ihm fotografiert. Aus Toshiros Sicht ist der Film die Geschichte eines Perversen, der mit sich ins Reine kommt. Aus Seikos die Geschichte einer objektivierten Frau, die die Distanz des Fotografen zu schätzen lernt – im Vergleich zu den übergriffigen Männern in ihrem direkten Umfeld. Meist zieht es so entspannt dahin, wie ein Film über sexuelle Übergriffe sein kann, und versucht erst gar nicht groß Sinn oder einen erzählerischen Bogen zu ergeben. Die Produktion von Unter-den-Rock-Fotografien wird in seiner Konsequenz als traurigen dargestellt, im Moment aber als ulkigen Spaß. Am besten: drei Spanner sitzen im Busch und betatschen gleichzeitig ein Paar, das heimlich im Park kopuliert und das in ihrer Ekstase nicht mitbekommt, dass ihr Partner plötzlich etwas viele Hände an ihrem Körper zu haben scheint.

Sonnabend 14.03.

Project Hail Mary / Der Astronaut
(Phil Lord, Christopher Miller, USA 2026) [DCP]

großartig

Statt dem bedeutungsschwangeren Ernst von Kubricks 2001 bekommen wir verspieltes Nerdtum. Mehr dazu auf critic.de.

Freitag 13.03.

Driver dagg faller regn / Das Mädchen von Germundshof
(Gustaf Edgren, S 1946) [stream, OmU]

gut +

Schweden auf dem Land zwischen Vormoderne und Moderne, zwischen Wassergeistern und Rationalität, zwischen verbitterten Familienfehden und zärtlicher Liebe, zwischen Räuschen (Hass & Tanz) und sachlich-sentimentaler Einwilligung ins Happy End. Eine Familiengeschichte wiederholt sich und es muss aus dem Teufelskreis, der sich wieder flammend zuzieht, ausgestiegen werden, aus der ewigen Wiederholung des Gleichen. Vor allem in der ersten Stunde ist es niederschmetternd, wie geplante Ehen als gesellschaftlich sanktionierte Vergewaltigungen dargestellt werden und wie niemand etwas daran auszusetzen hat – außer unserem Helden. Wie der Film Lebenslust, tragische Romantik und erdrückendes Melodrama verzwirbelt ist eigentlich toll und wahrscheinlich sieht er eigentlich auch toll aus. Auf Netflix ist davon nichts zu erblicken. Das dort zu Streamende hat null Atmosphäre. Die glattgewienerten, zu hellen Bilder machten keine Lust zu verweilen. Dann doch lieber verwaschene VHS-Scans.

Ready or Not / Ready or Not – Auf die Plätze, fertig, tot
(Matt Bettinelli-Olpin, Tyler Gillett, USA 2019) [stream, OmeU]

ok

Die Idee – die reichen Schwiegerverwandten stellen sich in der Hochzeitnacht als Satanisten heraus, die Jagd auf einen machen, weil sie nur reich und lebendig bleiben, wenn sie einen dem Teufel opfern – ist eigentlich sehr vielversprechend. Die Umsetzung krankt daran, dass nie ein Zweifel besteht, dass es die Braut (Samara Weaving) mit Deppen zu tun hat, die sich im Zweifel selbst dezimieren. Weder gelingt es ansatzweise das Potential aus der In-Law- oder Reiche-sind-ahnungslose-Teufelsanbeter-Groteske herauszuholen, noch werden die Daumenschrauben in der Menschenjagd angezogen. Es macht schon Spaß, aber außer Samara Weaving bleibt nichts hängen.

Donnerstag 12.03.

The Devil Rides Out / Die Braut des Teufels
(Terence Fisher, UK 1968) [blu-ray, OF]

großartig +

Zwei junge Erwachsene müssen aus den Klauen von Satanisten gerettet werden. Doch die paganen Freuden haben sie im Griff wie eine Sucht. Zu astrologischen Treffen gehen sie, zu gehobenen Abendgesellschaften, rauschhaften Riten im Wald, sie durchleben vom Tod durchrittene Nächte und bringen Unheil und traumhaften Irrwitz in ein idyllisches Heim. Mit Schweiß auf der Haut irren sie unstet durch den Irrgarten einer magischen, unsicheren, verzehrenden Welt unterhalb der offiziellen, nie wirklich anwesenden Gesellschaft. England ist hier noch ein Land von Feen, in dem nicht mal die Kämpfer gegen den Satanismus dessen Kraft anzweifeln. Die Moderne tritt höchstens als futuristischer Wahn auf, als rasante Autoverfolgungsjagd. Und das Faszinierendste ist, dass es im Grunde ein Duell zweier Augenpaare ist. Christopher Lee steht auf der Seite des Guten, und doch verkörpert er eine dunkle Autorität, die keine Fragen beantwortet, sondern Gehorsam einfordert. Während Charles Gray als Kopf der Teufelsanbeter seinen charismatischen Verführer als umgänglichen Dandy spielt. Seiten wählen ist also überflüssig, es gilt einfach die rationelle Ausbeutung und Entfremdung der Moderne für anderthalb Stunden gegen den ephemeren Glanz eines vormodernen Horrors einzutauschen.

Mittwoch 11.03.

Der Kommissar (Folge 23) Tödlicher Irrtum
(Wolfgang Becker, BRD 1970) [DVD]

großartig

Das bekannte Motiv vom Priester, dem der Mörder die Tat gestand und der nichts sagen darf, führt nur in die Episode und wird bald fallengelassen, mehr oder weniger. Es führt uns zu einer reichen Frau (Agnes Fink), die diverse nichtsnutzige, trostlose, trunstvolle Männer – Liebhaber (Anton Diffring!), Söhne, Schwager, Schulfreunde – in ihrer Villa wohnen lässt. Sie ist von Nattern umringt. Und Becker genießt es sichtlich, die undurchsichtigen Männer in den Schatten und Winkeln des barocken Wohnschlosses, des wunderschönen Käfigs des Reichtums, rumstehen und die Frau vor ihnen berechtigterweise zurückschrecken zu lassen. Eine abgründige #metoo-Komödie.

Dienstag 10.03.

殺絕 / Soul of the Sword
(Hua Shan, HK 1978) [blu-ray, OmeU]

großartig +

Ein Namenloser (Ti Lung) hat es sich zur Aufgabe gemacht, den König des Schwerts (Ku Feng) zu besiegen und damit der beste aller Schwertkämpfer zu werden. Alsbald wird der Film in diverse Nebenstraßen abdriften, und doch ruft sich das Kerngeschäft, der Actionfilm, unablässig in Erinnerung. Kaum vergeht Zeit bis neue Schwertkämpfer auftauchen, der Mann ohne Namen aus dem Weg räumen muss. Diese haben zwar alle ihre ganz eigenen Techniken, aber anders als in Kung-Fu-Filmen, wo auf Stile, Schulen und Lehrmeister wertgelegt wird, ist es hier zuvorderst – auch inszenatorisch – Rauferei. Es gewinnt, wer fokussierter ist und so am meisten aus sich herausholt – soweit der Film es uns wissen lässt, ist Ti Lungs Figur ein Autodidakt mit lasergebündeltem Willen.
Aber wie gesagt: Nebenstraßen. In der komödiantischen Cautionary Tale verkleidet sich der König der Schwerter und freundet sich mit dem Namenlosen an. Vll. um den Konkurrenten aus dem Konzept zu bringen, vll. um ihn vor seinem Schicksal zu schützen, zeigt er ihm die Schönheit des Lebens. Sein Humanismus umfasst Mitgefühl mit Menschen, Essen, Trinken und Sex. Und neben Ku Fengs genussvollem Grinsen und seinen Pausbäckchen sehen Ti Lungs zusammengekniffenen Augen* aus, als ob sie im Leben schon verloren haben.
In der tragischen Romanze muss die Liebe ihre menschliche Gestalt ablegen, um den Panzer des Namenslosen zu durchdringen, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. He Lian (Lin Chen-Chi) ist Geist und Reinkarnation einer Geliebten eines vorherigen Herausforderers des Königs des Schwerts. Sie ist das ewig wiederkehrende Hindernis der männlichen Vollendung, die Zärtlichkeit, die sie aus dem Tritt bringt. Sichtlich fehlt Hua Shan ein wenig Gespür für diesen Teil des Films, und trotzdem: Dies hätte bereits eine herzschmerzige chinesische Geistergeschichte sein können, so ist es eine wunderschöne Vorstudie.
Kurz: Unübersehbar ist dies ein Film der Shaw Brothers, ein Film seiner Zeit, und doch kündigt sich bereits das Lospreschen des Hongkongkinos an, das alles will und für knapp zwei Jahrzehnte zum Mekka unbändigen Kinogenusses wird.
*****
* Klar, er lächelt sein unvergleichlich weiches, verzauberndes Lächeln, aber es lässt ihn nur umso virtuoser erscheinen. Seine Figur ist total fokussiert und kann doch gelöst schmunzeln. Wow.

Montag 09.03.

Der Kommissar (Folge 22) Tod eines Klavierspielers
(Michael Kehlmann, BRD 1970) [DVD]

nichtssagend

Ein Mord führt zu einem bald durchgeführt werdenden Bankraub, vor allem aber zu einem mit allen Wassern gewaschenen Gangsterboss, der beweist, dass er ein Herz hat. Günther Ungeheuer spielt diesen punktgenau. Die restlichen Figuren und ihre Darsteller sind gleich wieder im Nebel der Erinnerung verschwunden. Und Michael Kehlmann (Vater von Daniel) hat eher ein Gespür für das trostlose Ambiente einer leeren Kneipe am Nachmittag, als für das Abhängen in dieser, er hat eher ein Gespür für den Bankraub, als die Leute, die ihn durchführen oder verhindern wollen. Und das Reinecker-Sprech braucht sichtlich eine Überzeichnung und nicht diese Versuche, sie natürlich wirken zu lassen. Alles im allen keine Folge, die Gründe liefert, sie länger im Kopf zu behalten.

Sonntag 08.03.

La Mort viendra / Der Tod wird kommen
(Christoph Hochhäusler, F/B/L 2024) [stream, OmU]

großartig

Die Suche nach Wärme in einer unterkühlten Noirwelt. Mehr dazu bei critic.de.

カルメン故郷に帰る / Carmen kehrt heim
(Kinoshita Keisuke, J 1951) [DVD, OmU]

fantastisch

Kinoshita lässt es aussehen, als hätte George Cukor einen Heimatfilm in Japan gedreht. Carmen (Takamine Hideko), Revuestar aus Tokio, macht Urlaub zu Hause auf dem Dorf – was hier nicht Berg und Wald heißt, sondern die weiten Wiesen am Fuß eines Bergs. Genderkonform trifft mit der Frau aus der Großstadt in der Heimat aber Moderne auf Tradition – was im Nachkriegsjapan auch heißt: Westen auf Tradition sowie Individualismus auf Patriotismus. Die Vorzeichen sind jedoch nicht so eindeutig. Die Heimat ist hier einfach nur Ort und nicht zum Ideal strebendes Idyll. Klar, die Dorfbewohner sehen in der grell- und leichtbekleideten Carmen vor allem den Sittenverfall – für den Schuldirektor (Ryū Chishū*) versinnbildlicht sie den Untergang des Morgenlands, Carmens Vater ist sie peinlich, und die meisten Männer feiern einfach nur, wieviel Bein sie zeigt. Unbestreitbar ist sie aber auch selbstbestimmt, eine Heldin nicht nur für die Frauen, und der Katalysator, dass ein blind aus dem Krieg heimgekehrter Soldat seine Orgel wiederbekommt, dass der Muff im Dorf durch eine frische Brise aufgewirbelt wird.
Vor allem ist der Heimatfilm hier ein lockeres Lustspiel, das seinen Culture Clash als Aufeinandertreffen von Verklemmung auf Frivolität versteht, als liebevollen Blick auf allerlei Menschen mit ihren Unzulänglichkeiten. Die Figuren sind Karikaturen, die immer wieder wie auf einer Bühne stehen – mehrmals befinden sie sich auf dem Kamm eines Hügels und hinter ihnen ist lediglich blauer Himmel und weiße Wolken. Im besten Sinne ist dies also Protositcom, in der Darsteller und Drehbuchautoren jede Menge Platz bekommen, um den Unsinn aus den klar umrissenen Figuren ausbrechen zu lassen.
Aber der Film gibt einem noch mehr. Den Rausch der Farben – es handelt sich um den ersten japanischen Farbfilm –, mit dem sich der Einbruch der Moderne metatextuell und am deutlichsten ausdrückt. Die ruhige, aber doch pointierte Montage, die die Figuren und Ideologien immer wieder aufeinanderprallen lässt. Und die Weigerung klare Positionen zu vertreten – lieber wird genossen, was sich entspinnt. Die gebotene Bühne ist also kein Da, sondern immer Einladung zur Teilhabe.
*****
* Welch ein begnadeter Komödiant in ihm steckt, ist im Westen leider weiterhin Geheimtipp.

Sonnabend 07.03.

洪拳與詠春 / Shaolin Martial Arts
(Chang Cheh, HK/TW 1974) [blu-ray, OmeU]

großartig

Die Schergen der Qing-Dynastie zerstören eine Kampfschule der Shaolin. Eigentlich ist ihre Kampfkunst unterlegen, wären da nicht zwei unbesiegbare Kampfvirtuosen auf ihrer Seite. Vier Schüler der Shaolin können sich retten und ziehen aus, um bei zurückgezogen lebenden Meistern die Kampfkünste zu erlernen, die es zum Sieg über Unbesiegbare braucht. Diese einfache wie bekannte Geschichte wird aber aufgebrochen und quasi zweimal erzählt. Um die Formel zu variieren, um noch mehr Kampfkunstlehrmethodenirrsinn auf den Zuschauer loszulassen, um – für Chang Cheh eher unerwartet – nahezulegen, dass Entschlossenheit und Können nicht reichen, sondern dass Liebe im Leben vll. auch hilfreich sein könnte, und um immer noch einen Scherz mehr damit zu machen, dass einer der Unbesiegbaren seine Genitalien einziehen kann und deshalb für Tritte, Schläge und Erotik unangreifbar ist – was wiederum klar in Chang Chehs Männlichkeitsideologie passt, denn: Wer keinen Schmerz fühlt, kann nur eine trübe Tasse sein.

カリスマ / Charisma
(Kurosawa Kiyoshi, J 1999) [blu-ray, OmeU] 2

fantastisch

Der Wald, der Wind in den Ären, die zerfallene und die moderne Architektur mitten in der Natur: Dieser Film sieht sagenhaft schön aus. Ihn einmal von 35mm zu sehen, wäre bestimmt ein Traum.
Es ist aber auch jede Menge los in dieser bedeutungsschwangeren Parabel. Ein deprimierter Polizist (Yakusho Koji) flieht vor seinem Leben und geht in den Wald. Dort kämpfen verschiedene Parteien um einen seltenen Baum, um einen Charisma. Für die einen ist der Baum, der mglweise das Land um sich vergiftet, ein zu verehrendes Symbol des (Sozial-)Darwinismus, für die anderen etwas, das gleich mit dem ganzen Wald zerstört werden muss, damit ein neues, gesundes Ökosystem entstehen kann, während sich wieder andere an dieser Seltenheit bereichern wollen. Es wird sich auf Geistes- und Naturwissenschaften berufen, auf Moral und esoterische Spinnereien. Seelen werden geraubt, so wird behauptet, Autos angezündet, das Grundwasser vergiftet und wirtschaftswissenschaftliche Wertschöpfungsgesetze walten gelassen. Zuweilen befinden wir uns in einem Horrorfilm, in einem Ökothriller, vor allem sehen wir aber den Polizisten hin und her wandern und Leute treffen, die sich vollkommen (absurd) an ihre eine Welterklärungen klammern.
Repetitiv kommt er an dieselben Punkte und erlebt immer neue, immer bizarrere Konstellationen des Bekannten. Während der Film so tut, als zeige er uns ein meditatives, sich in seiner Schönheit verlierendes Psychodramagleichnis, befinden wir uns tatsächlich aber in einem absurden Theaterstück wie von Samuel Beckett. Die zuweilen auftretenden großen Gesten und bedeutenden Monologe sind sicherlich auch ernstzunehmende philosophische Brosamen, vor allem sind sie aber Teil der allgemeinen Albernheit. Die vorherrschende Art von Witz: Als Running Gag fällt immer wieder hinter den Protagonisten ein junger Baum, wie vom Blitz geschlagen, tot um – vll. wegen des Charismas. Das hört sich nicht nach viel an, aber nachdem das zum sonst wievielten Mal geschieht, während vor ihm großspurig und verpeilt über Leben und Tod philosophiert wird, dann ist es nicht weniger als einer der besten Gags der Welt.

Unter dir die Stadt
(Christoph Hochhäusler, D/F 2010) [DVD]

gut

Unterkühltes Liebesdrama, in dem Bankgeschäfte, sexuelle Obsessionen und bereinigte Selbstbilder übereinandergelegt werden. Ich bin mir nicht sicher, aber vll. lag meine Distanz zum Film einfach an der Musik, die mir zu sehr darauf aus war, die Wertigkeit zu unterstreichen.

Freitag 06.03.

Quatre nuits d’un rêveur / Vier Nächte eines Träumers
(Robert Bresson, F 1971) [stream, OmeU]

großartig

Bresson ist in der 1970ern angekommen. Junge Menschen suchen in einem verspielten, farbigen Ambiente, in einer allgemeinen Aufbruchstimmung nach der Liebe. Vll. war Bresson nie näher an einem luftigen Film über Jugend, über sommerliche Nächte, in denen nach sich selbst gesucht wird: Popmusik, Farben, ein ungebundenes Lebensgefühl. Am besten ist gleich der Beginn: Der Träumer des Titels fährt aufs Land, nur um dort auf Blumenwiesen Purzelbäume zu schlagen und dann abends wieder heimzukehren. Und doch ist es sichtlich ein Film Bressons. Die Welt und die Körper sind Gefängnisse, Liebe ist fatal, das Individuum albern. Als es beim Träumer, einem Maler, klingelt, räumt er erst allen Essenreste aus dem Wohnzimmer und dreht seine Gemälde um. Umsichtig ist er wie Norman Bates in PSYCHO, umsichtig werden seine Handgriffe verfolgt. Er ist unfähig sich zu offenbaren, und der Film ist ebenso nur kaschierende Oberfläche. Glück ist so nicht möglich … und doch ist es dieses Mal offener, versöhnlicher, statt bitterer existentieller Erfahrung.

Frankenstein and the Monster from Hell / Frankensteins Höllenmonster
(Terence Fisher, UK 1974) [blu-ray, OF]

großartig

Aus Gründen ist Frankenstein (Peter Cushing) doch nicht tot, und wir finden ihn in einer Irrenanstalt wieder, wo er sich als Arzt versteckt hält. Um ihn herum bringt die Exposition diverse Potentiale in Anschlag – eine von seinen Insassen kaum zu unterscheidender, sexuell übergriffiger Direktor, sadistische Wärter, einen übereifrigen Fan, der den Wahnsinn seines Idols erkennen muss, ein stummer Engel und diverse überzeichnete Patienten. Für Frankenstein bilden diese Figuren aber bestenfalls ein Baukasten für eine neue Kreatur, schlimmsten Falls Hindernisse, die schnell unterdrückt sind. Das Geschöpf, dass er dieses Mal baut, soll ein Genie mit einem übernatürlich starken Körper werden, eine Eier legende Wollmilchsau für das 19. Jahrhundert. Tatsächlich ist es aber mehr als je zuvor ein Freak, ein muskelbepackter Werwolf, dessen Hormonbehandlung schief gegangen ist. Mit anderen Worten: Frankenstein kann abermals nicht aus seiner Haut, und er darf einfach walten. Die Irrenanstalt und all ihre Potentiale verlieren sich mit der Laufzeit fast völlig, der Film folgt Frankenstein in seinem Tunnelblick auf eine Schöpfung, die scheitern muss. Es ist schade, weil wieder eine neue, höchst verquere Iteration des Bekannten möglich gewesen wäre, es aber nur eine untote Wiederbelebung des Bisherigen geworden ist. Vll. der passende bittere Endpunkt für den von Peter Cushing gespielten Frankenstein, der von Film eins nie etwas kannte außer seinen unumstößlich Willen, Gott die Macht zu entreißen.

Donnerstag 05.03.

Der Kommissar (Folge 21) … wie die Wölfe
(Wolfgang Staudte, BRD 1970) [DVD]

ok

Grete Mosheim als Else Kling auf Speed – wer sich nicht mehr erinnert, das war die Schnüffel- und Tratsch-Nachbarin aus der LINDENSTRASSE – und Horst Tappert als alkoholkranker Fotograf – wobei Alkoholiker bei Reinecker stets so wirken, als wären sie nur zu sensibel für den allgegenwärtigen Trostspender – sind ebenso die Highlights, wie Peter Thomas‘ seltsam am Geschehen vorbeilaufende Musik. Dass Staudte immer wieder Gesichter oder Gegenstände direkt vor der Kamera platziert, wirkt dagegen irgendwann unnötig affektiert, und dass der Fall per zwanzigminütigem Nachstellen der Tat gelöst wird, führt zu ein, zwei gespenstigen Momenten, ist größtenteils aber einschläfernd.

Mittwoch 04.03.

The Bride! / The Bride! – Es lebe die Braut
(Maggie Gyllenhaal, USA 2026) [DCP]

verstrahlt

Der Titel zeigt schon das Hauptanliegen. Dieses Remake, diese Richtigstellung von BRIDE OF FRANKENSTEIN ist angetreten, um das of Frankenstein zu streichen. Führte ein schwülstig daherredender Pseudo-Lord-Byron in Whales Film, der Mary Shelley eine Fortsetzung ihrer Geschichte entlockt, übernimmt hier gleich Shelley das Heft, deren Seele nicht zur Ruhe zu kommen scheint, solange sie ihre Erzählung nicht zu ihrem logischen Schlusspunkt führte – solange sie den neunzig Jahre alten Film nicht feministisch umgearbeitet hat. Wie zuvor spielt dann auch die gleiche Schauspielerin die Braut, die auch Mary Shelley spielt – hier: Jessie Buckley –, nur ist sie nicht mehr nur ein weiteres identitätsloses Folterwerkzeug für Frankenstein – hier: Christian Bale –, sondern der Mittelpunkt des Geschehens.
Zwei Identitäten prallen nun also in einer leicht parallelweltlichen USA der 1930er aufeinander. Frankenstein, der größte Incel aller Zeiten, der als Freak Geborene, der in einer Tour Hollywoodmusicals schaut und in Tagträumen in ihnen tanzt, dessen größter Wunsch es ist Teil der offiziellen Gesellschaft zu sein, aber nie Teil von ihr sein kann, trifft auf die für ihn wiederbelebte Braut, die Teil der offiziellen Gesellschaft war, soweit dies als Frau möglich ist, bis sie es nicht mehr aushielt, rebellierte und ermordet wurde, die in den Gassen Chicagos mit den Ausgestoßenen der Gesellschaft bei einem Konzert von Fever Ray tanzt, also mit den Godbeings von Goblincore, bei dem das gerade traditionell unschön Empfundene noch herausgeputzt wird, die eben nicht mehr Teil der Gesellschaft sein möchte.
Diese Träger dieser diametral entgegengesetzten Bedürfnisse erleben eine fragile, unebene Liebesgeschichte, diese Widersprüchlichkeit wird aber dramaturgisch geradezu links liegen gelassen. Auch dass sich auf den Fersen dieses Paars ein weiteres befindet, dass die beiden spiegelt – ein korrupter Polizist (Peter Sarsgaard) und eine Frau (Penélope Cruz), die als Polizistin ernstgenommen werden möchte – führt nur zu Einschüben eines Noirkrimis, der bestenfalls gut gemeinte Skizze bleibt. Das richtigstellende Remake, die Bilder einer alten, so nie existiert habenden USA, in der die 1930er und die 1950er zusammenfallen, die Reminiszenzen an das klassische Hollywood, die Moderne, die damals im Untergrund lebte, die verrückten Wissenschaftler (Annette Bening), die hier nicht überlegen, was sie machen könnten, sondern worauf im Vorfeld zu achten sei, der Clash von Schönheit und Ekel: Nichts findet erzählerisch, inszenatorisch, atmosphärisch eine ansatzweise funktionierende Form. Es wirkt wie luxuriös budgetierter Schutthaufen verschiedener Ideen und vager Ansprüche.
Und doch gibt es einen zentralen roten Faden. Als wir die Braut erstmals sehen ist sie ein, sagen wir, Escort Girl in einem luxuriösen Ambiente. Sie geht in der Szenerie auf … bis Mary Shelley in ihren Geist eindringt, sie besetzt und prätentiöse Wortsalven abfeuern lässt. Ihre Sprache wird zum hysterischen Mix aus Romantik, Beat und Tourette. Und genau diese Form nimmt auch der Film an. Er ist prätentiös, vulgär, krumm und schief … und lässt einfach nicht zu, dass er ignoriert wird. Und damit findet er doch die perfekte Form, als krude, kompromisslos, unförmig vorgelebte Forderung, so akzeptiert zu werden, wie man ist, egal wie miserabel das wirkt.
Wobei, so ganz stimmt es nicht mit der totalen Abwegigkeit. Das Makeup der Braut ist nicht weniger als sensationell. Der verschmierte schwarze Lippenstift die Wange entlang, sieht aus, als wäre er per Pistolenschuss aufgetragen. Ich würde sofort glaube, wenn mir jemand erzählt, dass der Film nur durch dieses Design sein finanzielles Mittel gefunden hat. Um Val Garland, eine der Judges bei Glow Up: Britain’s Next Make-Up Star zu zitieren, was Lotti Z. (10 Jahre) gerade guckt: Ding Dong!

Dienstag 03.03.

Bride of Frankenstein / Frankensteins Braut
(James Whale, USA 1935) [blu-ray, OF] 2

großartig +

Eine Foltermaschine für Frankensteins Kreatur (Boris Karloff). Statt einer Geschichte zu erzählen, wird der Kreatur einfach nur dreimal Hoffnung gemacht, die mitleidlos und umgehend wieder zerstört wird: er überlebt das Ende des ersten Teils – er wird eingesperrt – er findet einen Gefährten, der ihm Schmausen lehrt – das gemeinsame Eremitenhaus im Wald geht in Flammen auf – er bekommt eine Braut – sie ist wie alle anderen Frauen. Und zwischendrin gibt es Spielereien mit Spezialeffekten. Eigentlich ist es nicht viel mehr – und tatsächlich hat der Film durch die Zensur sichtlich ein paar Federn gelassen –, aber Whale und Co. lassen wirklich alles ikonisch aussehen. Ein kleiner Spaß im purpurnen Gewand eines Kaisers. Einzig, dass Frankenstein (Colin Clive) plötzlich ein Gewissen hat und sein Wahnsinn auf Lehrmeister Petronius (Ernest Thesiger) ausgelagert wird, dass Frankenstein vom Film geschont wird, stößt gerade nach den ganzen Cushing-Fisher-Frankensteinen übel auf.

Montag 02.03.

Der Kommissar (Folge 20) Messer im Rücken
(Wolfgang Staudte, BRD 1970) [DVD]

ok +

Die Sozialstudie von PARKPLATZ-HYÄNEN mischt Reinecker umgehend mit dem Klassen- und Generationenclash von DR. MEINHARDT’S TRAURIGES ENDE. Bei Staudte fehlt aber die Hysterie und das Parallelweltliche, weshalb das Beste der Folge wohl Werner Kreindl (DIE EINSTEIGER) als Barmann ist, der einsilbig wie stoisch die Ermittlungen erträgt und das Ende der Folge abwartet.

Sonntag 01.03.

Hoppers
(Daniel Chong, USA 2026) [DCP]

ok +

Ich habe bei critic.de darüber nachgedacht, was Lotti Z. über den Trailer von Hoppers gedacht haben könnte und es zum real erlebten Film ins Verhältnis gesetzt.

Frankenstein Must Be Destroyed / Frankenstein muß sterben
(Terence Fisher, UK 1969) [blu-ray, OF]

fantastisch

Drink up, shoot in
Let the beatings begin
Distributor of pain
Your loss becomes my gain
Anger, misery
You’ll suffer unto me
Harvester of sorrow

Nachdem Frankenstein (Peter Cushing), als er im Film zuvor eine Frau erschuf, ein ziemlich lockerer Psychopath war, ist er hier ein niederträchtiger, mitleidloser Parasit, der sich in fremden Leben einnistet, sie nach eigenem Wohldünken umgestaltet, der vergewaltigt, mordet und entstellt, der eine Art König Midas ist, nur dass alles, was er berührt, zu Schmerz und Pein wird, auf deren Wellen er durch seine Existenz surft. Nur ein Ziel hat er vor Augen: (brillante) Hirne für spätere Verpflanzungen zu konservieren. Sein Hirnverpflanzungen reißen die Betroffenen nämlich bisher nur aus ihrem Leben, um ihnen zu Bewusstsein kommen zu lassen, in welcher Hölle sie leben. Beschauliche Häuser stopft er mit Leichen voll, Irrenanstalten sind die Banken, bei denen sich für ihn ein Einbruch lohnt, majestätische Anwesen gehen durch seine Anwesenheit in Flammen auf, Menschen schändet er in einer Tour und auf diverse Weisen. Und doch, in Fishers Film ist Frankenstein der Held, ein verwerflicher zwar, aber doch der, dem wir folgen, nicht der, den wir loswerden wollen. Es ist vll. die Meisterleistung Peter Cushings, dass er niemanden neben sich Platz lässt, weswegen ich am Ende weniger mit den diversen Rache- und Vergeltungsparteien mitfieberte, sondern mit Frankenstein, der bis zum Ende die Schiene seines Lebens nicht verlässt. Das große reinigende Feuer, auf das der Film zusteuert, ist so keine Erlösung, sondern eine ungemeine Tragik.

Februar
Sonnabend 28.02.

クラウド / Cloud
(Kurosawa Kiyoshi, J 2024) [blu-ray, OmeU]

fantastisch

Das Konzept ist klar und simpel: Einzelhändler Ratel (Suda Masaki als Mensch gewordener scheuer, Emotionen deckelnder Blick ins Leben) sitzt am Computer und übervorteilt Kunden und Produzenten seiner Ware, um weiterhin von seinen legalen, aber schäbigen Geschäften leben zu können. Sein Gewisse ist lange nur ein Schatten im Augenwinkel, der in Kurosawas Drama – vll. eher das Procedural eines um Kontrolle ringenden, aber scheiternden Lebens – als schnell verscheuchter Horror eindringt. Aber natürlich wird Ratel ernten müssen, was er säht. Nur folgt auf den ruhigen, meditativen Aufbau der ersten Stunde nicht der dazu passende ruhige Sturm, sondern eine knochentrockene Absurdität. Auf die introvertierten Standoffs mit dem Computerbildschirm folgen wilde Schießereien und Verfolgungsjagden. Horror ist nicht mehr eine subtile Kamerabewegung und eine Veränderung im Klangbild, sondern durchgedrehte Folterknechte, die einen durch Wald und eine verlassene Industrielandschaft jagen. Und vll. ist es auch so einfach: Kurosawa ist zwar ein stilvollendeter Meister der Atmosphäre, aber er kann auch los- und Quatsch geschehen lassen, ohne ihn zwanghaft zu forcieren.

Weapons
(Zach Cregger, USA 2025) [stream, OmeU]

gut

Altersdemente Hexen und entführte Kinder: HÄNSEL & GRETEL als Komödie, die immer wieder ein dunkles Horrorseelendrama antäuscht, einen Film, der wirklich am Nervenkostüm nagen könnte, aber sich lieber ums Groteske bemüht. Oft ist dies sehr gut, aber die arg kontrollierte, eitle Skurrilität hält mich doch auf Distanz.

Freitag 27.02.

Frankenstein Created Woman / Frankenstein schuf ein Weib
(Terence Fisher, UK 1967) [DVD, OF, ≠]

großartig +

Das proletarisch-romantische PSYCHO. Frankenstein (Peter Cushing) sperrt den Geist eines geköpften Mannes in den Körper einer wiederbelebten Frau, und die Vereinigung der Geschlechter lässt sie zur tödlichen Bedrohung für die schikanierenden Kinder der Reichen werden, die auf alles treten und spucken, was sich gesellschaftlich unter ihnen befindet. Vererbung, sozialer Trotz, Rache, Klassenkampf, irremachender Schmerz und der Wille, die Welt nicht so zu akzeptieren, wie sie ist, werden zu einem komplexen Text verbunden, der doch ganz entspannt dahinschippert. Eine Schauergeschichte als romantisches Schlendern durch eine angenehm herbstlaubbraune Welt – selbst Frankenstein ist hier so lebenslustig wie nie zuvor –, in der nur die Eltern, die Mächtigen und der Mob stören.
*****
Die Hemden und Westen Peter Cushings sind übrigens der Wahnsinn. Ständig trägt er neue Kombinationen und jedes Mal sieht er wie die Inkarnation von Stil aus.

Feuer unter Deck
(Herrmann Zschoche, DDR 1979) [DVD]

großartig

Die Frau (Renate Krößner) will den langen, im feuchten Nass dahinziehenden Kahn domestizieren und zum Restaurant machen. Der Mann (Manfred Krug) will kernig und frei damit herumfahren, will sich nicht aufs alte Eisen legen lassen (d.i., er will nicht heiraten), will mit Muskeln, Entscheidungskraft und anderen Kerlen, die Kähne der Welt in der Fahrtbahn halten. Der Kampf zwischen Mann und Frau, zwischen Verantwortung und Freiheit als Katastrophenfilm. Als materialistischer: Ein Schlepper muss von einer Sandbank gezogen werden, das Material, die Kessel, die Menschen kommen an ihre Grenzen. Als zwischenmenschlicher: Mann und Frau lieben sich bis ans Ende der Tage, aber sie sind von Anfang bis Ende unfähig, miteinander zu kommunizieren; zwischen frostigem Schweigen und totaler Erregung gibt es nichts.

Donnerstag 26.02.

Der Kommissar (Folge 19) In letzter Minute
(Wolfgang Becker, BRD 1970) [DVD]

gut

Ein Mann (Heinz Reincke) kommt unschuldig verurteilt, von seiner Frau und seinem besten Freund verraten aus dem Knast, er hat Rache geschworen. In der Echokammer seines Kopfs eingesperrt, läuft er hin und her, wird von Kommissar Keller verfolgt, er trinkt – der Alkoholpegel der bisherigen Episoden – allesamt waren hochpromillig – wird locker abgehängt. Sobald die Leute schweigen, ist dies ein harter, existenzieller französischer Thriller, sobald sie den Mund aufmachen, wird es durch das gestelzte Geschwafel zur Groteske, zu Veranschaulichung der Echokammern, die Reinecker allen seinen Figuren in den Kopf steckt.

Mittwoch 25.02.

Scream 7
(Kevin Williamson, USA 2026) [DCP]

ok

Seit Teil zwei geht es darum, dass Fortsetzungen seltenst das Flair des Originals erreichen. Ein paar neue Ideen hätten dem Film von SCREAM-Erfinder Williamson also gutgetan. Mehr dazu beim Perlentaucher.

Dienstag 24.02.

果てしなきスカーレット / Scarlet
(Hosoda Mamoru, J 2025) [DCP, OmU]

gut

Eine Version von HAMLET, die versucht einen Ausweg aus dem Wahnsinn gegenseitigen Hasses zu finden, die aber vor allem in ihrem optischen Wahnsinn aufgeht. Mehr dazu bei critic.de.

Montag 23.02.

Der Kommissar (Folge 18) Dr. Meinhardt’s trauriges Ende
(Michael Verhoeven, BRD 1970) [DVD]

gut

Der Generationenkonflikt als unwahrscheinliches Miteinander und Aufeinanderprallen von alten bürgerlichen Rechthabern und Heuchlern auf jugendliche Gecken, die ständig hervorheben, dass sie mit allen Wassern gewaschen seien und mit ihrer Unmoral keine Probleme hätten. Von Leuten, die Sex verstecken, kontrollieren und unterdrücken, auf solche, die ihre Freizügigkeit ständig betonen. Vor allem eine gute Folge, die daran krankt, dass sie auf vier zunehmend jenseitige Episoden folgte, und diesen nur bedingt etwas entgegenzusetzen hat.

Sonntag 22.02.

Die drei ??? – Toteninsel
(Tim Dünschede, D 2026) [DCP]

uff

Bob (Levi Brandl ) hat eine neue Freundin, die im Rollstuhl sitzende Hackerin Jelena (Momo Beier), die für das Vorankommen und die Lösung des Falls bald unersetzlich ist. Es steht sogar im Raum, dass sie das vierte Fragenzeichen wird, doch nicht nur Just (Julius Weckauf) hat neidischer Weise etwas dagegen, auch der Film selbst lässt sie Mitten im Film, wenn es auf die Toteninsel geht, zurück. Und es ist die schrecklichste Entscheidung in einem Film mit nicht vielen gelungenen. Denn, statt die Chance zu ergreifen und die unsäglichen Fragezeichen langsam an den Rand zu drängen – ich kann leider weiterhin rein gar nichts an ihnen leiden –, verschwindet einer der wenigen Lichtblicke – sowohl Jelena ist als Figur viel interessanter als der Rest, auch ist Momo Beier (vll. noch mit Filip Schnack, dem Darsteller von Skinny) mit Abstand das Charismatischste im Film.

Vampyr – Der Traum des Allan Grey
(Carl Theodor Dreyer, D/F 1932) [blu-ray] 3

fantastisch

Sichtlich ist Dreyers erster Tonfilm noch ein Stummfilm. Viel muss eben noch aus einem Buch über Vampire gelesen werden, und der Ton dringt in den Film ein, als schwappe er aus einer anderen Dimension hinüber. Vor allem die gehauchten Stimmen wirken einfach nicht, als kommen sie aus den Mündern der Schauspieler. Es ist, als erschienen sie nur zufällig parallel zu dessen Auf und Ab. Die Bewegungen von Hauptdarsteller Nicolas de Gunzburg sehen zudem auch ohne Tricktechnik aus, als ob sie rückwärts aufgenommen worden, um dann beim vorwärts abspielen eine seltsame Aura zu haben – ein Trick, den Dreyer mehrmals in seinem vor expressiven Einfällen gefüllten Film anwendet. Und auch die Geschwindigkeit der Erzählung gleicht eher einem somnambulen Schlurfen. Alles an Dreyers Film wirkt unwirklich und fängt damit tatsächlich einen Tagalbtraum ein. Das Furchterregende: moderne Medizin, alte Frauen und das Vergehen der Zeit, die junge Frauen bedroht.

Sonnabend 21.02.

神通術與小霸王 / The Weird Man
(Chang Cheh, HK 1983) [blu-ray, OmeU]

gut

Tatsächlich wird es weird … nur müssen wir bis zu den ersten Ansätzen eine halbe Stunde Ränke schmiedende Dialoge ertragen. Und selbst wenn die extravaganten Farben übernommen haben und Ricky Chengs Geistertunichtgut ein psychedelisch-unsinniges Tohuwabohu entfacht, bleibt das Rückgrat von Changs Film ein steifer Besen aus Überdeutlichkeit, gnadenlosem Auserzählen und völlig egalen Verschwörungen. Ein Film wie ein Wochenende, an dem die Seele durchbaumeln soll, aber die Steuererklärung gemacht werden muss.

怪談雪女郎 / The Snow Woman
(Tanaka Tokuzō, J 1968) [blu-ray, OmeU]

fantastisch

Es beginnt mit zwei Männern, die endlich gefunden haben, was sie schon lange suchten: einen Baum – sie stehen bewundernd vor einem mammutösen, unbiegsamen Phallus –, aus dem sie eine Frauenstatue schnitzen wollen. Sie bekommen also nur einen hoch, wenn die Frau verdinglicht ist. Die lebendige Frau erscheint ihnen hingegen als tödlicher Dämon. Und so sehr sich die Schneefrau – die besagte Dämonin, die alles einfrieren lassen kann, die sich aus Liebe für einen der Statuenschnitzer als normale Frau ausgibt und diesen heiratete – so sehr sie sich also auch für das Leben anderer aufopfert, so sehr ihre Opfer (fast) nur Vergewaltiger sind, irgendwie fehlt ihrem Ehemann doch der barmherzige Blick eines Buddhas an ihr. Tanakas Film ist also weniger Geistergeschichte, die von einem unwissenden Ehemann handelt, der nicht weiß, welches Grauen er da geheiratet hat, sondern ein übernatürliches Melodrama, in dem sich eine Frau endlos verbiegt, nur um doch mit Feuer malträtiert zu werden, nur um doch vertrieben zu werden. Die Stille des Ehemanns, der ihr am Ende nicht mal pro forma in die Eiswüste nachruft, dass sie doch bleiben könnte, ist das Herzzerreißendste, was ich seit langem erlebte.

Freitag 20.02.

Shirley Valentine / Shirley Valentine – Auf Wiedersehen, mein lieber Mann
(Lewis Gilbert, UK 1989) [stream, OmeU]

gut

In der ersten Hälfte spricht Shirley (Pauline Collins), eine Frau, die in ihrer Ehe nur noch als kochendes Accessoire wahrgenommen wird, mit der Wand in ihrer Küche – uns Zuschauern – und erzählt von kurzen, tristen Momenten ihres Lebens. Der Film ist dabei der sentimentale Seufzer von jemanden, der aufgegeben hat, uns und sich aber vormacht, dass alles doch ganz ok und irgendwie vergnügt sei. Die melancholische Ironie beraubt dem Ganzen zwar seiner Zähne – die Szenen sind fürchterlich geschrieben und ringen damit, dem Trostlosen einen leichten Ton aufzuzwingen –, und doch ist es wohl die beste Version seiner selbst, weil das Scheitern des klammen Lachens, mit dem das Ausmaß der Abgründe überspielt werden soll, alles noch trostloser macht.
In der zweiten Hälfte ist Shirley nach Korfu geflohen, wo sie eine unbeschwerte Urlaubsromanze erlebt. Das Drama ist von ihr und ihren Gefühlen abgefallen. Trist sind nur noch die anderen, die britischen Miturlauber. So erlaubt sie sich also – umzingelt von Engstirnigkeit und Angst – groß zu träumen, von innerer und äußerer Freiheit, von einem genügsamen Leben, in dem sie sich wichtig ist. Und Gilberts Film wird plötzlich leicht, vergnügt … und nur die Trägheit lässt ihn nicht noch schlussendlich das ironische Erzählens Shirleys mit dem Zuschauer abschütteln.

東海道四谷怪談 / The Ghost of Yotsuya
(Nakagawa Nobuo, J 1959) [digital, OmeU] 2

fantastisch

Im Gegensatz zu Misumis Version der evergreenen Geistergeschichte tritt Nakagawa nicht stilvollendet auf der Stelle. Er lässt sich keine Zeit. Er jagt durch viel mehr Plotpunkte, um uns Niedertracht am laufenden Band zu bieten. Statt eine gravitätische Persönlichkeit als Hauptdarsteller aufzufahren, nimmt er einen wenig beschriebenen Schauspieler (Amachi Shigeru), der sich als Iemon einfach nimmt, was er will, und aus dem Weg räumt, wer im Weg steht. Am Ende wird er auch nicht von seinem Gewissen des Verstandes beraubt, sondern von dem Sumpf eingeholt, den er mordend, missbrauchend und hereinlegend um sich baut. Vor allem sind Expressivität und entstellte Fratzen nicht das, was wir uns am Ende eines ausladenden Aufbaus verdient haben, sondern eine Lawine, die immer noch mehr Farben, Schönheit und Wahnsinn unterwegs auflesen, um sie auf uns niedergehen zu lassen.

Donnerstag 19.02.

Der schweigende Engel
(Harald Reinl, BRD 1954) [DVD, ≠]

verstrahlt

Die moderne Geschichte: Eine Ballettlehrerin erlangt das Bewusstsein, dass die gesellschaftlich sanktionierten Versuche ihres Verlobten, sie auf Heim und Herd zu begrenzen, brutale Unterwerfungsversuche sind, gegen die es sich zu wehren gilt. Die archaischen Passionsgeschichten: Ein stummes Mädchen und ihr vorbestrafter Bruder werden fortlaufend Hindernisse in den Weg gestellt, sie werden von Teufeln und Dämonen umstellt, die sie zu verführen, verraten und hereinzulegen suchen, deren Zigarettenrauch sie umgibt, als solle er sie benebeln – Unschuld ist hier nur da, um sie leiden zu lassen, und je unschuldiger und kleiner jemand, desto mehr muss sie leiden. Ein Film, der die Bibel auf die Straßen der Großstadt imaginiert.

Mittwoch 18.02.

Der Kommissar (Folge 17) Parkplatz-Hyänen
(Zbyněk Brynych, BRD 1970) [DVD] 2

radioaktiv

Brynych hat nur vier Folgen für diese ringelmannsche Kriminalserie gedreht. Drei davon folgten direkt aufeinander. Und zum Abschluss kommt nun der große Rausch. Ein Mann wurde an einer Raststätte umgebracht. Die Spur führt an den Rand der Gesellschaft. Logischerweise muss also ein Fall gelöst werden, vor allem wird aber ein höchst expressives Bild dieses Randes entworfen. Sobald wir die Wohngemeinschaft der mutmaßlichen Täter betreten, befinden wir uns in der Twilight Zone. Dort findet sich ein passiver klassenbewusster Protest gegen die Zustände – ein lateinamerikanischer Sänger mit Che-Poster im Zimmer, der die Gesellschaft/uns mit melancholischer Musik herausfordert –, ungerichtetes Aufbegehren – Kriminalität und diverse nölende, meckernde Sprechweisen, denen anzuhören ist, wie sie sich unter Druck von Herablassung, Ausgrenzung und Schuldzuweisungen gebildet haben mag –, eine tollwütige Mutter, die mit gezogenem Messer in Augen und Stimme für ihre Kinder kämpft, und Jopi Heesters als Graf Dracula ähnlicher Patriarch, der zwar optisch jede Einstellung an sich reißt und doch nur ohnmächtig und fasziniert zuschaut, was die Jugend, die Autorität und seine Frau an Ausnahmezustand an ihn herantragen. Seilspringende Kinder, Ramsch, interessierte Mietparteien, Armut, Enge, Schreie, Gezeter und Schweigen, ein Kloganggong, siffige Dreitagebärte, brennende Glühbirnen auf Kopfhöhe. Und außerhalb der Wohnung, vornehmlich in einer Kneipe, umschwebt die vier Ermittler, die wie anklagende Anthropologen dieses Habitat begutachten und den Leuten auflauern, Tom Jones‘ Version von GHOST RIDERS IN THE SKY, als wären sie die zärtlichsten möglichen Reiter der Apokalypse.

Dienstag 17.02.

Marty Supreme
(Josh Safdie, USA 2025) [digital, OF]

großartig

Egotripping at the gates of hell – um das Silvia S. perfekt eingesetzte Flaming-Lips-Zitat aus dem Teaser bei critic.de zu übernehmen, wo ich über dieses Scheißkerlcharakterportrait schrub.

Montag 16.02.

Der Kommissar (Folge 16) Tod einer Zeugin
(Zbyněk Brynych, BRD 1970) [DVD]

großartig

Zwei Dinge fordern die bundesdeutsche Normalität heraus. Einmal Götz George, der einen Zuhälter und Kleinkriminellen als jungen Horst Schimanski spielt, der per Fahrrad und als blumiger Mittelfinger für die Gesellschaft lebensfroh in die Folge fährt. Ein Joker, der mit der gesellschaftlichen Macht in Form der Polizei Spiele spielt. Nicht weniger fröhlich ist Herb Alperts Version von Chico Buarques A BANDA, dass immer und immer wieder als Sirenenlied läuft, mit dem die Männer zur Prostituierten gerufen/gelockt werden. Irgendwann steht das Bad der ermordeten Edelprostituierten voll, weil es immer wieder klingelt und unser Walter so viel Triebverhalten nicht untersuchend abwickeln kann. Die bundesdeutsche Normalität: impotent am Fenster hocken und die Nachbarn ausspionieren. Brynychs Außenseiterblick auf die BRD war vll. selten so gutgelaunt.

Sonntag 15.02.

Screen Two – Contact
(Alan Clarke, UK 1985) [blu-ray, OF]

fantastisch

Clarkes abstraktesten Filme sind gleichzeitig seine klaustrophobischsten. Hier zeigt er eine Gruppe britischer Soldaten, die an der Grenze zwischen Irland und Nordirland patrouillieren. Diese wirft er aber gnadenlos auf sich zurück, auf einen sich wiederholenden Alltag, auf Abläufe und Vorsichtsmaßnahmen. Wer da vereinzelt auf sie schießt, wer Bomben und Mienen legt, wird nie gezeigt, nie geklärt, ob es IRA- oder CIRA-Kämpfer sind oder was auch immer. Bis auf eine Ortsnennung bleibt der patrouillierte Landstrich anonym, einfach eine wunderschöne, unbeeindruckte Mischwaldlandschaft mit saftigen Wiesen. Auch wird die Gruppe nicht als Teil von etwas größerem gezeigt. Von ein paar Hubschraubern abgesehen, fehlt die Anbindung zur restlichen britischen Armee, zu offiziellen Anweisungen und Institutionen. Auch beginnt der Film mit einem angehaltenen Auto und der ansatzlosen Erschießung eines Beifahrers, aber die Gewalt hält sich in Grenzen. Wie Hobbyparamilitärs zieht die Gruppe durchs Land, wie verblendete Geister, die die Gegner in ihrem Kopf bekämpfen und die Anwohner terrorisieren – selbst, wenn doch hier und da Waffenlieferungen abfangen werden oder Mienen in die Luft gehen. In der eindringlichsten Szene steht der Vorgesetzte der Gruppe – ganz theweleitscher Mann einer Männergruppe – vor einem verlassenen Auto am ländlichen Straßenrand und macht sich bereit die Tür des Gefährts zu öffnen. Für ihn ist es quasi russisch Roulette, geht er sein Vorhaben doch an, als wäre das Auto mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Bombe, die nur darauf wartet, Leute zu zerreißen. Clarke klagt dabei weder an, noch kontextualisiert er. Er macht mit seinem Procedural lediglich das Bleierne greifbar, mit dem der Konflikt in den Köpfen liegt, und die Todessehnsucht und die Männerspielen, die in diesen reinspielen.

The Revenge of Frankenstein / Frankensteins Rache
(Terence Fisher, UK 1958) [blu-ray, OF]

fantastisch

Am Rande geht es um Klassenidentitäten, um großbürgerliche/adlige Snobs sowie das Lumpenproletariat. Oberflächlich könnten die Unterschiede zwischen beiden Gruppen kaum größer sein. Hier die geräumigen, prachtvollen Besprechungsräume, dort das überfüllte, siffige Armenkrankenhaus. Hier die sachlich formulierten Intrigen, dort die hingerotzten, direkten Anfeindungen in gebrochenem Englisch. Hier die Impotenz, da die effektive Gewalt. Und doch ist Fischers zweiter Frankenstein kein schizophrener Film, sondern einer, in dem Dinge miteinander identitär sind. Denn unter dem Mantel der Klasse stecken die gleichen Menschen. Menschen, die das Fremde ablehnen, die zuvorderst an sich denken, wankelmütige Wölfe, die einander Wolf sind.
Im Kern ist dieser Film, in dem alles mit sich identisch ist, aber ein phrenologischer und damit ein kruder, schwarzhumoriger, fatalistischer. Denn egal in welche Astralkörper wir unsere Hirne auch packen, am Ende formt sich der Körper nach unseren geistigen(?), seelischen(?), DNA-bestimmten(?) Identitäten. Wir können uns nicht entkommen, so der Grusel des Films. Egal wie bunt und fantastisch die Wissenschaft auch leuchtet, wie sehr die Natur in Maschinenform gepresst werden soll, das Verformte, Modrige, Abstoßende unserer Persönlichkeit kann nur für geraume Zeit hinter falschen Namen, Körpern, Identitäten versteckt werden.
Die gute Nachricht ist aber, dass es nicht schlimm sein muss. Dr. Frankenstein nämlich wird zu einer seiner Kreaturen und als erster und einziger dadurch nicht verrückt … ist er doch bereits irre. Es ändert sich also nichts, wenn er zu sich selbst wird. Die Lösung ist so einfach wie naheliegend: Umarmen wir uns so, wie Dr. Frankenstein sich selbst in die Arme schließt.

Sonnabend 14.02.

Stargate
(Roland Emmerich, USA 1994) [stream, OF] 5

gut

In meiner Jugend war dies für mich das Nonplusultra des SciFi-Blockbusters. Solange James Spader einen missverstandenen Nerd im Hier und Jetzt spielt, der alles besser weiß – hanebüchen geschrieben und von einem Meister des Groben inszeniert –, und wenn schließlich Jaye Davidson als androgyne ägyptische Superbitchgottheit in absoluter Dekadenz mit seinem Tempel über den Köpfen der Normalsterblichen schwebt, war mir, als hätte ich jedes Bild erst vor wenigen Wochen das letzte Mal gesehen und nicht irgendwann in der zweiten Hälfte der 1990er. An die Dinge dazwischen konnte ich mich kaum bis gar nicht erinnern, weil nach dem ersten Staunen über die außerirdische Ägyptenwelt nicht viel folgt – außer, dass Kurt Russells traumatisierter Soldat lernt, dass es doch ok ist, wenn Kinder Gewehre nutzen. Kurz: Anfang und Ende mochte ich weiterhin, das dazwischen brauchte ich wahrscheinlich nie.

Intruder
(Scott Spiegel, USA 1989) [digital, OF]

großartig

Leute hängen eine Nacht im Supermarkt ab. Es ist ab und zu skurril, aber eigentlich ergibt es nicht viel Sinn, und es versucht auch gar nicht erst, dem Zuschauer viel bieten – außer halt die Morde, bedingt durch einen psychopathischen Mörder der sich durch die Reihen der Angestellten metzelt und Mord in Filmen gesunderweise nur als saftig und kreativ choreographierte Absurdität begreift. Das kommende coole Indiekino der 1990er zeigt sich also noch von seiner eher angenehmen Seite.

Freitag 13.02.

Rico, Oskar und der Diebstahlstein
(Neele Vollmar, D 2016) [stream]

großartig

Wie schon DAS PARFÜM habe ich dies eigentlich wegen Karoline Herfurth geschaut. Hier stirbt sie zwar nicht umgehend, dafür fliegt sie zum Auftakt in den Knutschurlaub mit Ronald Zehrfeld – dessen Anwesenheit nun auch nicht unbedingt gegen den Film gesprochen hätte. Ohne sie folgt dann die Suche nach einem Edelstein, den niemand erkennt, weil er unverarbeitet wie irgendein x-beliebiger Stein aussieht. Und die Figuren der Geschichte müssen dessen auch erstmal sehen lernen, was sich hinter den Oberflächen ihrer Gegenüber versteckt – und dass ist in diesem lockerleichten Roadmovie nicht mal am FKK-Strand so einfach möglich.

The Curse of Frankenstein / Frankensteins Fluch
(Terence Fisher, UK 1957) [blu-ray, OF]

großartig +

Ausnahmsweise handelt ein Frankensteinfilm einmal nicht von der Kreatur, sondern tatsächlich von Dr. Frankenstein selbst. In der Klammer des Films sitzt dieser (Peter Cushing) im Gefängnis und beichtet seine Lebensgeschichte. Was eben keine Geschichte vom menschlichen Prometheus ergibt, auch wird nicht über Leben, Entwicklungspsychologie und Moral philosophiert, sondern die Offenlegung eines Creeps vollführt. Es beginnt mit Frankenstein als Jugendlichen und endet mit ihm als grauhaarigen Mann. Dazwischen steckt jedoch keine Entwicklung, Szene für Szene wird einfach nur sein unschuldiger Anschein abgeschält, bis wir beim von Beginn an vorhandenen, verkommenen Kern seiner Persönlichkeit ankommen – vll. ist ja auch einfach der sein Fluch. Klar, erst die Kreatur (Christopher Lee) lässt in ihren kurzen Auftritten Gewalt und Mord offen ausbrechen, aber sie ist halt auch nur das Produkt Frankensteins und bringt als solche den psychosexuellen Wahn ihres Schöpfers zum Ausdruck, die von Beginn weg in ihm verankert war. Eines Schöpfers, für den Frauen entweder zu benutzende, wertlose Huren sind oder von sich fern zu haltende Engel, für den Freunde nur als Handlanger Bedeutung haben, der als Wissenschaftler nicht die Natur erforscht, sondern sie unterwerfen möchte. Was vll. keinen sehr dynamischen Film ergibt, aber eben einen, in den das Grauen ganz unbemerkt eindringt – in die artifizielle Gothic-Labor-Welt, in der sich die Attraktion der vergilbten, verformten Seele Frankensteins ausdrückt.

Donnerstag 12.02.

Wuthering Heights
(Emerald Fennell, USA/UK 2026) [DCP, OF]

ok +

Durch den Trailer erwartete ich nicht weniger als den Film des Jahres, ich wurde enttäuscht. Vll. sehe ich beim nächsten Mal mehr Gutes, wenn ich versöhnlicher blicke. Was mich stört bei critic.de.
*****
Nachteilig für den Film waren vll. auch die Sichtungsbedingungen. Das Bild im Saal 5 des Cinestars hier ist schon länger nicht ganz scharf, an diesem Abend war es wirklich grauselig. Wahrscheinlich halten die Leute dort mich für einen Spinner, der sich einfach nur ständig beschwert. Geschehen tut aber nichts.

Mittwoch 11.02.

Der Kommissar (Folge 15) Der Papierblumenmörder
(Zbyněk Brynych, BRD 1970) [DVD]

großartig +

Am Ende des Tages ist dies ein Krimi, in dem es um einen aufzuklärenden Fall geht, um das Geheimnis eines Hippies mit Teekanne, um Fleiß und Arbeit, die im Umfeld von Gammlern und erziehungsbedürftigen Jugendlichen triumphieren. Aber relativ früh liegt Harry mit dem Kopf auf einem Tresen und schaut ins Leere. Die Einstellung platziert ihn halb hinter ein Glas und neben Verlorene, Vorlaute, Leute, die für sich nichts finden, in diesem Land einer reichen, aufstrebenden Zukunft, des noch ungezügelten Wirtschaftswunders. Und auch wenn Brynych mit aller Macht die Episode ins Exzentrische bugsiert, ins Zwielichtige und Unklare, steckt in diesem eher einfachen Bild soviel Traurigkeit, Poesie und die Ahnung, dass andere Zustände möglich sind, die ich nie und nimmer im deutschen Fernsehen erwartet hätte.

Dienstag 10.02.

四谷怪談 / The Ghost of Yotsuya
(Misumi Kenji, J 1959) [blu-ray, OmeU]

großartig

Tausendfach verfilmt übernimmt hier Megastar Hasegawa Kazuo die Hauptrolle – weshalb der von ihm gespielte Iemon in ein etwas besseres Licht gerückt wird. Mehrmals darf er als Schwertkampfvirtuose auftreten, der seine Feinde scharenweise besiegt, und außerdem tötet nicht er seine Frau, um reich heiraten zu können, sondern seine korrupten Freunde, die von der neuen Braut und ihrem Vater gedungen wurden, damit eine neue Ehe zustande kommen kann. Was im Endeffekt bedeutet, dass wir nicht die Edgar-Allen-Poe-artige Geschichte bekommen, in dem jemand von seinem Gewissen heimgesucht wird und die knapp zwanzig Jahre vor THE TELL-TALE HEART und THE BLACK CAT geschrieben wurde, sondern das Portrait einer blinden Korruption.
Auf der einen Seite erhalten wir einen wunderschön fotografierten, elegischen Film, in dem Iemon immer wieder seine hohen moralischen Standards beweisen darf – wenn er Frauen vor übergriffigen Männern rettet, wenn er lieber hungert und Schirme bastelt, weil er sein Geld nicht amoralisch verdienen möchte. Immer wieder geht es darum, was für ein edler Mensch er sei. Auf der anderen Seite ist dieser ruhige, prachtvolle Film aber bevölkert von niederträchtigen Menschen, die die Schönheit in den Dreck ziehen, bevölkert von Reichen und denjenigen, die sich mit diesen auf Kosten anderer bereichern wollen – Iemons Freunde. Iemon verschließt vor dieser Niedertracht seine Augen. Selbstgerecht verweilt er in unmittelbarer Nähe der Korruption und lässt einfach andere seine Drecksarbeit erledigen, um sich – bewusst oder unbewusst – nicht selbst die Hände schmutzig machen zu müssen. Was natürlich nicht so schnell geht, und uns eine Schönheit bietet, die bis ins Mark verfault ist. Statt einer klaren moralischen Geschichte bietet diese Version also eine trübe, in der jemand meint auf einem hohen Ross zu sitzen und blind dafür ist, dass er bis zum Hals in dem Sumpf steckt, mit dem er vorgibt nichts zu tun zu haben.

Montag 09.02.

Der Kommissar (Folge 14) Das Ungeheuer
(Dietrich Haugk, BRD 1969) [DVD]

großartig

Gleichzeitig sind alle Männer in einer Siedlung verdächtig, der Mörder der jungen Frau im nahen Wald zu sein, und Teil des Lynchmobs, der sich zu formieren scheint. Während also die Ermittler von Haus zu Haus ziehen und Untiefe auf Untiefe aufwerfen, werden sie auf der Straße von immer mehr Schaulustigen verfolgt, die wirken, als fehle nur ein kleiner Funke, das sie die Justiz in die eigene Hand nehmen. Und die Frauen versuchen konsterniert oder energisch ihre Söhne und Männer zu retten, die sie trotzdem lieben. Ein Abgesang auf die rechtschaffenen Bürger dieser unseren Demokratie.

Sonntag 08.02.

借りぐらしのアリエッティ / Arrietty – Die wundersame Welt der Borger
(Yonebayashi Hiromasa, J 2010) [DCP] 5

großartig +

Lotti Z. wollte ihren Lieblingsfilm mal mit ihren Freunden im Kino schauen, also haben wir ihr ohne besonderen Grund den Wunsch erfüllt. Die erste Reihe war voll besetzt – ich ging in die dritte –, die Lautstärke von vorne war interessant, das Mitfiebern groß, und am besten fand ich, als jemand lautstark realisierte, dass die minikleine Arrietty und der normalgroße Shou wohl verliebt sind.

Johnny on the Run
(Lewis Gilbert, UK 1953) [blu-ray, OF]

gut

Am Ende wehen verstärkt die Fahnen, weil es sich doch um ein Propagandawerk handelt: im Nachkriegsgroßbritannien ist kein Platz für Ausgrenzung und Schmarotzer, für die Ausnutzung der Kinder, unsere Zukunft. Größtenteils handelt es sich aber um ein unauffälliges Roadmovie, das Charles-Dickens-Kinderromane in einer light Variante in die damalige UK versetzt und das leider zu wenig mit seinen zwei Stooges anstellt.

Stranger in the City m
(Robert Hartford-Davis, UK 1961) [blu-ray, OF]

ok +

Kurze SINFONIE EINER GROSSSTADT mit Jazz-Score, in der auf eine verwarnende Polizisten ein paar Straßenschwalben folgen – es wird also an einer Stelle unverschämt und unklar gesellschaftskritisch assoziiert.

Sonnabend 07.02.

Perfume: The Story of a Murderer / Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders
(Tom Tykwer, D/F/S 2006) [stream, teilweise OF]

verstrahlt

Einen Film, in dem es um diffizile Wirkungen geht und das Zusammenspiel kleinster Nuancen, inszeniert Tykwer mit brachialer Überstimulierung. Eindrucksvolle Bilder und pointierte Schnitte überschlagen sich förmlich. Dieses Fehlen jeden Hauchs von Dezenz ist aber nicht das Problem, sondern die Struktur: Für einen bzw. zwei Twists wird uns lange vorgegaukelt, einen anderen Film zu schauen, als wir tatsächlich tun. Und ich bin mir nicht sicher, ob der romantische Serienmörderthriller und die ausschweifende Romanverfilmung Tykwer so sehr liegt wie das völlig außerirdische, sexualisierte Gleichnis von Schönheit und deren Zerstörung bei ihrem Genuss.
In den letzten vll. vierzig Minuten hat sich Lotti Z. (10 Jahre) übrigens zu mir gesetzt und mitgeschaut. Nichts von dem, was ich bis dahin gesehen hatte, riet mir zu größerer Vorsicht. Später am Tag erzählte ich Sabrina Z. dann aber, was plötzlich vor meinen und Lottis Augen geschehen war. Ich: Plötzlich haben einfach alle miteinander geschlafen. Lotti, mit Euphemismen in der Richtung noch nicht so gewandt, sprang in diesem Moment hinzu und unterstrich eindringlich: Und vorher haben alle Sex miteinander gemacht! In solchen Augenblicken ist das Leben nur schön.

Incompreso (Vita col figlio) / Der Unverstandene
(Luigi Comencini, I 1966) [blu-ray, OmeU]

radioaktiv

Dies ist ein Lacrima-Film, also per Definition ein Tearjerker – lacrima ist Italienisch für Träne und überhaupt sterben in diesem Filmgenre Mütter und Kinder wie die Fliegen. Und wie in DIE LETZTEN GLÜHWÜRMCHEN, dem ultimativen Tränendrüsenfolterwerkzeug, ist hier alles auf Tragik hin orchestriert, auf unser Weinen und das der Figuren. Eine Mutter ist gestorben. Der trauernde Ehemann verkennt in Folge seine beiden Söhne völlig, macht alles falsch und muss es gegen Ende auch noch erkennen – als es bebezu spät ist. Der eine Sohn geht an seiner Trauer langsam kaputt, und die grenzhinterhältige Unbedachtheit und das lediglich oberflächliche Dauerjammern seines Bruders bringt ihn ständig in die Bredouille. Kurz: Ständig ist zu spüren, dass die Karten gezinkt sind, dass hemmungslos mit unseren Emotionen gespielt wird. Wo DIE LETZTEN GLÜHWÜRMCHEN das Tränenausquetschen aber stilsicher und elegant angeht, ist hier der Wahnsinn Methode. Nicht, dass Comencini in irgendeiner Form durchdrehen würde. Nur sind die ständigen Umbrüche irrsinnig. Auf der einen Seite sehen wir immer und immer wieder eine Kindheit in idyllischer Sonne, mit liebevollen Mitmenschen und kleinen Abenteuern, einer Kindheit, die doch wieder, trotz des Tods der Mutter, ideal sein könnte, wären da nicht die verdrängten, einen auffressenden Emotionen, oder die von geliebten Personen getretenen Gefühle, die wiederkehrende und immer intensivere Brandstiftung an der fragilen Schönheit. Zuweilen hatte ich das Gefühl nicht weinen, sondern laut lachen zu müssen, weil ich sonst durchdrehe würde.

Freitag 06.02.

Sommersby
(Jon Amiel, USA 1993) [stream, OF]

großartig

Auf den allerletzten Metern wird es doch noch ein großes Melodrama, in dem sich das Glück der Menschheit zwischen eine erfüllende Liebe schiebt. Davor trollt der Film, auch wenn das Drama als Fluchtpunkt stets spürbar ist, einfach nur selig den Ku-Klux-Klan. Ein Mann (Richard Gere) kehrt nach dem Sezessionskrieg zum Großgrundbesitz seiner Familie im Süden heim, und ist nach dem Sieg der egalitären Marktwirtschaft der Yankees, nach der Sklavenbefreiung, ein anderer. Endlich ist er jemand, der sich um seine Mitmenschen kümmert – Farmern und ehemaligen Sklaven bietet er Anteil an seinem Grundbesitz, um mit gemeinsamer Arbeit zu Reichtum zu kommen; seinem Sohn ist er plötzlich ein Vater; statt seine Frau zu schlagen und zu ignorieren, ist er der perfekte Liebhaber, der einem Hochglanzerotikfilm entstiegen scheint; mit schmierigem Furor ist Letzteres sichtlich Mittelpunkt dieser Menschwerdung. Nur der Klan und seine Mitglieder – religiöse Fanatiker, pragmatische Liebhaber, Abgehängte, die Verlierer der neuen Gleichheit – sind gegen ihn. Sie sind die Einzigen, die in diesem Liebesfilm zwischen einem Mann und einer Gemeinde nicht teilhaben wollen. Im absurden Gerichtsdrama der zweiten Hälfte wählen alle anderen offensiv die Lüge eines absoluten Glücks und lassen sich eben nicht mehr von der Wahrheit stören. Wenn die Südstaaten ihr Erbe einfach abschütteln dürfen, ist das zwar immer ein bisschen zweifelhaft, hier ist dieser Griff nach dem Glück, die Entscheidung für die Liebe und menschliches Miteinander eben so offensiv eine Abwahl der Wirklichkeit, von Machtstrukturen und Niedertracht, und vor allem ist das eben eine erotisch aufgeladene Wahl, dass es zum Wunderhorn wird, zum Traum einer besseren, lustvolleren Welt. Liebe ist ein Feuer. Aber ob es Dein Herz wärmen oder Dein Haus abfackeln wird, weiß man nie, schrieb Joan Crawford in ihrer Autobiografie. Hier muss die Wahrheit am Galgen sterben, damit die Liebe uns auf ewig das Herz – und die erogenen Zonen – wärmen kann.

Baal
(Alan Clarke, UK 1982) [blu-ray, OF]

ok +

Anscheinend hält es Clarke für eine gute Idee, dass er ein Theaterstück Bertholt Brechts episch theatral verfilmt. Die Kamera bleibt in den Spielszenen jedenfalls auf Distanz. Es gibt zwar Schnitte und so, trotzdem wirkt es, als schauten wir in Richtung einer Bühne. Und damit ist der Film schon einer seiner schönsten Qualitäten beraubt. Zu keinem Zeitpunkt ist nämlich zu genießen, wie wunderbar siffig die meisten Schauspieler aussehen und vor allem David Bowie als Baal. Die Zähne des Hauptdarstellers sehen bspweise aus, als beständigen sie nurmehr aus Plaque und Fäulnis. Es aber mit unseren Augen aufzusaugen, ist quasi unmöglich. Die Verfremdungseffekte, wie Bowie/Baal, der mit Banjo die Kapitelübergänge mit kratzigen Songs begleitet, überbrücken die Distanz nicht und erhöhen sie ebenso wenig produktiv. Das Brechts Stück einer epochalen Selbstzerstörung, die alles mit sich in den Dreck zieht, ist schon toll, aber Clarkes Inszenierung folgt irgendwie nur einer Idee … und die ist nicht sonderlich interessant.

Donnerstag 05.02.

Ella McCay
(James L. Brooks, USA 2025) [stream, OmeU]

großartig

Schon etwas plump in seinen Anliegen, aber nicht nachdrücklich darin, sondern entspannt. Also gut plump. Mehr dazu auf critic.de.

Mittwoch 04.02.

Der Kommissar (Folge 13) Auf dem Stundenplan: Mord
(Theodor Grädler, BRD 1969) [DVD]

verstrahlt

Im Grunde ist die Folge äußerst faszinierend. Sie funktioniert wie der Schrei in eine Gesellschaft, die sich die Ohren zuhält. Vor allem die Generationen scheinen inkompatibel. Während die Schüler immer und immer energischer darauf hinweisen, dass ihr Lehrer ein Stelzbock ist, der einem Mädchen nach dem anderen hinterhersteigt, erklärt die Elterngeneration denselben Mann zum wehrlosen Opfer der Mädchen, die für gute Noten alles tun, und mehr noch zur guten Partie, der für die eigene Tochter besser ist als ihre dahergelaufenen Gleichaltrigen. Der Fall ist klar, und doch wird nie Sicherheit geschaffen – auch nicht, wer gruseliger, unangenehmer ist: die Forderung nach (Lynch-)Justiz der Jugend oder die Erwachsenen, die einfach nichts Böses sehen wollen.
Tatsächlich hat die Folge auch das Potential eines THE SCARLET LETTER, geht es doch um geheim gehaltene Schuld, die in den Leuten nagt, oder einfach gar nicht wahrgenommene. Aber Grädler scheint in seiner Inszenierung nicht mitzubekommen, was alles los ist. Er lässt unseren Kommissar und seine Hilfskräfte apathisch durch die aufgeladene Stimmung stapfen. Sie fragen hier, sie fragen da, sie denken laut und stellen unsinnige Vermutungen über Schuhe an, die dem Opfer eines Würgers doch nicht mehr an den Füßen sein dürften. Zu Beginn kommt Harry aus dem Kommissariat und fängt Assistentin Helga (Emely Reuer) ab, die gerade auf Arbeit ankommt. Sie meint, sie brauche noch ihre Utensilien, worauf er meint: Unsinn, der Mord geschah in einer Schule, da wird es schon Stifte geben. Für sowas wie diesen Schenkelklopfer wird sich ausgiebig Zeit genommen, der riesige Haufen skandalöser Zustände wird dagegen fast in den Augenwinkel gedrängt. Und das ist massiv unbefriedigend, aber vll. doch die beste Form für das alles.

Dienstag 03.02.

Une Femme douce / Die Sanfte
(Robert Bresson, F 1969) [blu-ray, OmeU]

fantastisch

Ein Ehemann (Guy Frangin) sinniert über das Leben mit seiner Frau (Dominique Sanda). Sie liegt tot vor ihm – der Film beginnt damit, dass sie vom Balkon springt – und in Rückblenden sehen wir chronologisch, wie sich ihr gemeinsames Leben bis zu diesem Sprung abspielte. Und auch wenn sein sachlicher Ton vorgaukelt, dass seine Worte einfach nur doppeln, was sich in den Bildern abspielt, ist doch eine (enorme) Diskrepanz spürbar. Vor allem wenn er sie immer wieder douce – sanftmütig, zart, süß – nennt, ohne dass sie es wäre. Sie wirft die von ihm geschenkten Blumen vor sein Auto. Schweigend verschwindet sie und betrügt ihn. Könnten ihre Blicke töten, würde er vor ihr auf dem Bett liegen. Als junge Frau lässt sie sich von ihm erwerben – d.i. was er unter Ehe versteht –, um ihrer Armut zu entkommen. Was wir sehen, ist aber keine sanfte, süße Ehefrau, sondern eine feurige, impotente Rebellion gegen die ständig erfahrene Demütigung durch ihn, durch seine (meist) stille Forderungen, ihr Leben dem seinen unterzuordnen. Ihr gemeinsames Leben besteht aus Schweigen und brennender Dysfunktionalität. Und sein Gedächtnisprotokoll ist eben nicht von Reue gekennzeichnet, nicht vom Versuch etwas aufzuarbeiten, es soll lediglich die Realität mit seinen Wahrnehmungen überschreiben.
Die Bilder bergen aber auch nicht die Realität, die er auszulöschen versucht, sondern gehen bei aller Stille des Films leidenschaftlich gegen ihn vor – bezeichnender Weise nennt er uns nie ihren Namen. Vor allem verwischt Bresson ein ums andere Mal die Grenze zwischen den Zeitebenen. Zwischen Gegenwart und Erinnerung/Rückschau gibt es nicht einfach nur keine Marker. Oft ist das, was wie ein simpler Gegenschnitt wirkt, tückisch. Uns wird zeitlichen Konsistenz suggeriert, nur müssen wir alsbald realisieren, dass es zu einem Bruch kam. Heißt: immer wieder lebt die Frau nach einem Schnitt, obwohl wir uns an ihrem Totenbett wähnen – oder sie ist eben plötzlich tot. Der Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart wird von den Bildern eingeebnet. Weil: Lebend oder Tot ist für den Mann nur bedingt von Belang. Nie war sie für ihn etwas Lebendiges, auf das eingegangen werden müsste.
Und Bresson? Der macht keinen stillen, meditativen Film, sondern eine ätzende Komödie. Immer wieder sehen wir Rennsport im Fernsehen, Schallplatten werden abgespielt, Popkultur und Aktualität. Er lässt den Zeitgeist punktuell – als kleine Brocken – in seinen Film hüpfen, was den Hohn dieser bitteren Ehe zweier Leute, die sich nicht verstehen, von Bild und Ton, die von anderen Dingen erzählen, nur noch bizarrer macht. Leben und Lebendigkeit durchziehen die Steife der Erzählung und den todesstarren Kampf der Ehe und verlachen die beiden und ihr absurd dysfunktionales Leben noch. Ein wenig scheint darin auch das (eigenartig mitfühlende) Amüsements eines Gottes zu lauern, der die Menschen in ein Leben wirft, von dem sie gnadenlos überfordert sind.

Montag 02.02.

Der Kommissar (Folge 12) Die Waggonspringer
(Theodor Grädler, BRD 1969) [DVD]

gut

Grädler emuliert, so wirkt es zumindest, die aufgekratzte Stimmung der beiden Folgen vor der langen Sommerpause – die Episode folgt im November auf Haugks Juni- und Brynychs Juli-Episode. Ein paar Zugräuber schreien sich, sobald es stressig wird, hemmungslos an. Die Pole sind Gangsterboss Erik Schumann, der explodiert, weil sich niemand zusammenreißt, und der jugendliche Hallodri Werner Pochath, der ohne Zurückhaltung zerfließt und seinen Schmerz in die Welt hinausruft. Solange in der Nacht auf Züge gesprungen wird und oder zu viele aufkratze Leute in einem Auto durch die Gegend rasen – Ziel: unbekannt –, ist das schon ein erstaunlicher Thriller. Zu oft dürfen wir aber auch den Ermittlern des Krimis beim Denken zuhören.

Sonntag 01.02.

127 Hours
(Danny Boyle, USA/UK/F 2010) [stream, OF]

ok

Den Film, den das Poster verspricht, hätte ich wohl lieber gesehen. Weiter blauer Himmel, sonnenerleuchtete Felsspalte, in der ein Mann über einen Abgrund eingesperrt ist. Stattdessen ein Dude, der in einer nichtssagenden, wenigstens ewig langen Felsspalte seine Zeit abhockt. Am Ende greift er zu drastischen Mitteln, davor gleicht es eher dem Feststecken in der Ödnis des eigenen Verstands, der einen etwas über Sozialsein lehren möchte.

Harmony Lane m
(Lewis Gilbert, UK 1954) [blu-ray, OF]

gut

Tatsächlich in 3D gedreht, läuft ein Polizist von Schaufenster zu Schaufenster der Harmony Lane und schaut sich die Tänzer, Jongleure und Sänger an, die dort jeweils eine Nummer auffahren. Abgesehen vom Polizisten, der wie ein junger Ricky Gervais aussieht, wird einfach nur auf die Performance gehalten. In den besten Fällen ist es atemberaubend – die Rollschuhfahrer, die Stepptänzer, der Hund –, andere verdeutlichen mir, dass sie wie die Peking Oper in Chang Chehs THE FANTASTIC MAGIC BABY aus einem Zeichensystemen stammen und ihrem eigenen Zeitgeist angehören, wenn denen ich nicht viel weiß – Schwanensee ist sicherlich ganz schön, nur verstehe ich nichts von Ballett, und die Gesangsnummer bieten mir außer Nostalgie an vergangene Zeiten auch eher wenig. Heißt: ein Potpourri.

Teddy Boys k
(???, UK 1956) [blu-ray, OF]

tba.

Kurze Reportage, die mit einer nachgestellten Szene beginnt, in der Teddy Boys nicht in einen Club gelassen werden, weil sie so gefährlich seien. Worauf das Interview mit einem von ihnen folgt, der einfach nur wie ein netter Typ erscheint, der halt drei Pfund dafür bezahlt, sich eine Dauerwelle machen zu lassen, und der sich jetzt nicht ganz strikt an alle Gesetze halten würde. Dafür, wie reißerisch es beginnt, folgt irgendwie nur betonte Normalität.

Januar
Sonnabend 31.01.

追捕 / Manhunt
(John Woo, CHN/HK 2017) [DVD, OmeU]

gut

Sprachlich geht es ständig hin und her zwischen Mandarin, Japanisch und Englisch. Die Hauptfiguren können sich sich gegenseitig auch nur im Englischen verständlich machen, einer Sprache, die sichtlich nicht ihre Muttersprache ist. Immer wieder bekommen wir dementsprechend auch einen John Woo zu sehen, der ganz in seinem Element zu sein scheint, der aufwendige Set Pieces und audiovisuellen Pracht auffährt, nur spricht das alles kaum noch mit dem lauen LETHAL WEAPON-Aufguss mit ungleichen Partnern, die gegen Korruption und mutierte Superkiller kämpfen, mit dem Hauch aus Nichts, Tauben und zwanghafter Coolness, in dem das alles eingelassen und in dem nichts von Belang ist.

紅孩兒 / The Fantastic Magic Baby
(Chang Cheh, HK 1975) [blu-ray, OmeU]

ok +

Chang Chehs An evening with the arts. Erst eine Stunde Peking Oper, in dem der Gesang durch noch mehr Salti und Speerzustechtechniken ersetzt wurde – es gibt quasi ein potentielles JOURNEY TO THE WEST-Kapitel, in dem das Magic Baby Red Boy (Ting Wa-Chung), Sohn der Prinzessin mit dem Eisenfächer und dem König der Dämonen den buddhistischen Mönch Xuanzang gefangen nimmt, und in dem dessen Schüler, vor allem der Affenkönig (Lau Chung-Chun), ihn zu befreien versuchen. Darauf folgen noch vierzig Minuten Ausschnitte aus der Aufzeichnung einer richtigen Peking Opera, mit mehr Gesang und weniger Salti. Alles in allem fehlt aber ein erzählerischer Überbau. Zuerst wird eben ein erzählerisches Motiv unendlich und ohne Sinn dafür, vorankommen zu wollen, ausgedehnt, dann kommen Fragmente eines Ganzen. Aber es geht Chang Cheh eben nicht nur um ein Mehr kultureller Hochwertigkeit, wenn er hier die Peking Oper so ausgiebig präsentiert. Vor allem geht es um Kostüme – gerade im zweiten Abschnitt sagenhaft schön –, Set Designs – die artifiziellen Bühnenbilder des ersten Teils sind ein Genuss – und das ewige Beckenschlagen der Musik. Auf hundert Minuten ist es vll. etwas viel dieses Schönen, aber eben auch nicht nichts.

Freitag 30.01.

SMS für Dich
(Karoline Herfurth, D 2016) [stream]

großartig

Die Liebe zwischen Clara (Karoline Herfurth) und Mark (Friedrich Mücke) ist Schicksal. Die erste SMS, die Clara ausversehen an Marc schickt, geht mit einem kurzen Stromausfall daher. Wenn sie sich sehen, dann verlieren sie sich in ihren Blicken. Ihre Aufgabe ist also nie sich zu verlieben, sondern einen Status quo zu finden, an dem sie einander nicht nur Blödsinn entgegenstammeln. Das erste funktionierende Date stellt den Ton vor Ort dann auch einfach aus und zeigt uns nur lachende, miteinander selige Körper. Und das ist bei aller Labrigkeit das Entscheidende, dass es dem Film nur bedingt auf die Worte ankommt – sie sind eher perkussive Untermalung statt Sinnträger.
Vll. fällt deshalb auch kaum ins Gewicht, dass sich personell meist eher ungünstig entschieden wird. Mücke bleibt als Love Interest bieder, und dass sein cooler Fussballredakteur die Aufrichtigkeit des Schlagers kennenlernt, ist kaum herausgestellter Nebenschauplatz – wodurch Katja Riemanns verstrahlte Performance als esoterische Schlagersängerin zu kurz kommt. Und überhaupt, Mark wird zwischen zwei Kollegen gesteckt, der eine abgeklärter Dude (Frederick Lau), die andere gefühlig-überdrehte Tussi (Enissa Amani). Statt ihn aber ständig mit Amani zu konfrontieren und dem Zuschauer Spaß zu bieten, muss er vermehrt mit dem abzuschüttelnden Mackertum von Lau abhängen, mit der Tristesse seiner Figur.

牡丹燈籠 / The Bride from Hades
(Yamamoto Satsuo, J 1968) [blu-ray, OmeU]

großartig

Ein Film nach dem Motto: Wer schön und stilvoll sein will, muss (heroisch) leiden. Ein Samurai möchte lieber den Armen Schreiben, Lesen und Konfuzius beibringen, als reich zu heiraten. Zuviel gelebte Demokratie und Gemeinnützigkeit sagt seine auf Geld und Ansehen fixierte Familie und enterbt ihn. Auf die Verstoßung folgen dezente Selbstmordgedanken, die in Form des Geists einer Frau auftreten, die von ihrer Familie in die Prostitution verkauft wurde. Stilvoll to the max umkreisen sie, die Suizidgedanken, die Geister, ihn, legen sich ihm sexy in die Arme und nur Außenstehende sehen die mit Verwesung bespannten Knochen, mit denen er sich auf der Tatami-Matte wälzt. Das Leiden für das Richtige ist ein Ausbund an elegischer Schönheit: die Prozession der mit Bedeutung aufgeladenen Bilder, die Musik, das an Eleganz kaum zu überbietende Gleiten der Untoten um und durch die Häuser.
Schließlich knickt er aber ein – wenn auch nur durch einen Vertreter. Sein Assistent gibt sich der Gier und dem Verrat (der Ideale) hin, während unsere bisherige Hauptfigur zum eigenen Schutz von Priestern in seinem Haus und damit aus dem Film weggesperrt ist. Der Film lässt dem Samurai einen schönen, lustvollen Tod im Ideal, während die Erzählung in seiner großflächigen Abwesenheit, in der in Stellvertretung erlebten Niederlage zum huckligen und buckligen Klamauk wird. Nur die Geister verlieren ihren Stilsicherheit nicht. Wer dem Niederen also nachgibt, hat ganz offensichtlich nach Yamamoto auch keinen eleganten Film verdient.

Donnerstag 29.01.

Send Help
(Sam Raimi, USA 2026) [DCP, OF]

gut

Immer wieder scheint der Sam Raimi der THE EVIL DEAD-Filme durch – wenn Leute und Dämonen wild in die Kamera lachen sowie wenn Gore und Cartoons fröhlich verbunden werden, wie beim irritiert dahinrollenden Auge, das gerade von einem Daumen in den Kopf gedrückt wird. Und mein Problem ist einerseits, dass ich den Rest des Films als angezogene Handbremse erlebte, die viel zu lange auf die Eskalation wartet und diese zu schnell wieder zurückfährt, als nette Komödie, in der ein Chef (Dylan O’Brien) und eine Mitarbeiterin (Rachel McAdams) auf einer einsamen Insel landen, wo nicht Ansehen, sondern tatsächliches Können zu Macht und Erfolg führen, wo alles eben auf den Kopf gestellt ist. Gerade Rachel McAdams Wandlung vom socialawkwarden Sonderling zum sexy Vamp, der in der Situation voll aufgeht, ist schon schön, aber auch nur das, was die Prämisse eben verspricht. Andererseits stimmt es mich ein wenig traurig, wie sehr es mich freute, wenn der THE EVIL DEAD-Sam-Raimi durchkam, weil es mir das Gefühl gab, dass das bestenfalls eine Erinnerung an ehemalige Großtaten ist. Nichtsdesto trotz vor allem doch ein Vergnügen.

Mittwoch 28.01.

Der Kommissar (Folge 11) Die Schrecklichen
(Zbyněk Brynych, BRD 1969) [DVD]

verstrahlt +

Nach Haugks Debüt wollte sich Kommissar-Regiedebütant Brynych nicht lumpen lassen und legt noch eine Schippe drauf. Die Leute sind entweder total blasiert, vergilbte Alkoholiker (Karl Walter Diess), verschüchterte Teenager (Helga Anders) oder motzen im Angesicht ihrer zerfließenden Nerven in einer Tour (Dirk Dautzenberg). Die Expressivität des Schauspiels wird also bis zum Anschlag aufgedreht. Der Polizeibeamte Harry verführt schnell mal die von Helga Anders gespielte Schülerin und nimmt sie auf verstrahlt-romantische Spritztour mit, um ihr Informationen zu entlocken. Die Polizisten trinken wieder zu jeder sich bietenden Gelegenheit im Dienst. Und vor allem wird aber das, was Monty Python wenige Wochen später als Sketch ins britische Fernsehen brachten – HELL’S GRANNIES – hier mit absurdem Ernst präsentiert: eine Gruppe Rentner-Rowdies schikanieren und drangsalieren ihr Umfeld. Kurz: Der ganze Irrsinn in Reineckers Drehbuch/Weltsicht wird nicht seriös abgefilmt, sondern ohne Scham überzogen und als zum Portrait einer BRD im Fieberwahn übersetzt, in dem die Menschen nur am Ende sein können.

Dienstag 27.01.

修道女 濡れ縄ざんげ / Nun’s Diary: Confession
(Ohara Kōyū, J 1979) [DVD, OmeU]

verstrahlt

Eine meiner liebsten Anekdoten aus zweiter Hand stammt von Ozzy Osbourne, der in einem Interview einst erzählte, dass er bei einer Japantournee in den frühen 1980ern in einem Schaufenster einen gekreuzigten Santa gesehen habe. Es ist ein schönes Symbol für mgl. Übersetzungsprobleme zwischen Kulturen. Hier nun ein Nun-Sploitation-Film aus Japan, der schon viele der Tropen des Genres trifft, der sie aber auch entstellt und zur sehr eigenen Absurdität macht. Heißt: eine Frau geht, nachdem sie vergewaltigt und von ihrem Mann enttäuscht wurde, ins Kloster. Dort haust im Keller der Exgeliebte der Äbtissin, der sich entmannte, und nun die Leute peitscht und foltert, die ihn erregen – was die Nonnen liebend gerne machen, um per Peitsche und an groben Metallfesseln Von-der-Decke-Hängung etwas Nervenkitzel zu erleben. Nonnen werden in Discos tanzen. Oder eine in ein Lammkostüm gequetscht, um meistbietet zur Vergewaltigung auf einem Altar verkauft zu werden. Alles endet natürlich im gottgesandten Sonnenschein der Erlösung. Es braucht sicherlich ein wenig, bis es sich in seiner ganzen Pracht erhebt, gegen Ende aber ist das alles dann doch kaum mehr zu glauben.

Montag 26.01.

Der Kommissar (Folge 10) Schrei vor dem Fenster
(Dietrich Haugk, BRD 1969) [DVD]

großartig +

Kaum nimmt Haugk im Regiestuhl platz, schaltet die Serie in einen ganz anderen Gang. Die Kamera ist lebendiger – gleich zu Beginn betritt Harry per Plansequenz ein Haus, bei der die Kamera ihm stets im Rücken bleibt – oder erlaubt sich Sperenzchen – bei seiner ersten Unterredung ist Kommissar Keller nur verzerrt über einen Spiegel zu sehen, im selben Spiegel, dessen Rahmen der Mutter (Maria Schell) des Mordverdächtigen per Kameraperspektive wenig später eine Tiara oder einen metallenen Heiligenschein aufsetzen wird. Oder es wird der Sesseldreher, der Donald Pleasence‘ Blofeld in YOU ONLY LIVE TWICE erstmals offenbarte, nachgestellt, nur dass er großkotzige Verwandte einführt. Vor allem aber bietet Maria Schell als Theaterschauspielerin und Mutter, die mit endlosen Wortkaskaden und schriller Stimme an Gewissen appelliert und ihren Sohn mit jedem ihr zur Verfügung stehenden Mittel schützen möchte, eine Tour de Force nervlicher Auflösung, die schlichtweg sensationell ist.

Sonntag 25.01.

Date Night / Date Night – Gangster für eine Nacht
(Shawn Levy, USA 2010) [stream, OF]

ok

Diese komödiantische Folterkammer für ein routiniertes Ehepaar (Tina Fey & Steve Carell) hält diesem einen absurden Spiegel vor – die beiden werden mit der Leidenschaft junger, sexhungriger Paare konfrontiert, die sie schon lange nicht mehr besitzen, und ihr Wunsch nach mehr Lebhaftigkeit wird in einer Nacht mit Verwechslungen und lebensbedrohlichem Paranoiathriller übererfüllt. Nur ist ihre nächtliche Odyssee zu sehr stop-and-go, zu sehr Parkour, der die beiden einfach nur zum nächsten prominenten Nebendarsteller – ua.: Bill Burr, JB Smooth, Mark Wahlberg, James Franco, Ray Liotta – führt, deren Haltpunkte mal mehr, mal weniger schnell ihren Witz totgeritten haben. Vll. ist mein Problem aber auch, dass Fey und Carell im Alltag als erschöpftes Paar deutlich mehr Chemie besitzen als im Spießrutenlauf zwischen Mafiagangstern, korrupten Cops und Politikern und anderen Unwägbarkeiten.

Sonnabend 24.01.

L’Homme voilé / Der Mann mit Geheimnis
(Maroun Bagdadi, F 1987) [stream, OmU]

gut

Verlust führt zu Hass, Gewalt zu Reue, ungelöste Konflikte führen zu Sex. So lauten ungefähr die Formeln, denen Bagdadis Film folgt. Pierre (Bernard Giraudeau), ein französischer Arzt, hat im Krieg im Libanon so viel Schlimmes gesehen, dass er selbst zur Waffe griff, um die Feinde der Menschheit auszulöschen. Kamal (Michel Albertini), ein libanesischer Kämpfer, der federführend an einem Massaker beteiligt war, hat der Gewalt abgeschworen und versucht nun in Paris mit den Konsequenzen zu leben – ua. mit Pornoproduktionen. Claire (Laure Marsac), Pierre Töchter, die den endlich wiederkehrenden Vater für einen Heiligen hält, findet sich zwischen den Fronten libanesischen Faktionen – in diesem Paris allgegenwärtig – wieder, die mit ihrem Vater zu schaffen haben. In dieser Gemengelage werden Kamal und Claire zu Geliebten, Kamal philosophiert unter der Dusche gegenüber einem ehemaligen Waffengefährten, dass Claires alabasterne Haut unvergleichlich sei, sowas kenne niemand aus dem Libanon. Und Pierre streift einer von Claire Freundinnen bei seiner Lebensbeichte ihre Kleidung vom Körper, als gehöre es zu jeder normalen Diskussion – und sackt zusammen. Aber dieser Sex, der am Ende aller Traumata in diesem Pariser Märchenreich von Gewalt, Zweifeln und Beklemmung ob der eigenen Identität wartet, am Ende dieses Paris, das fernab von Montmartre verfallen und nach Krieg im Libanon aussieht, ist nur eine zaghaft gesuchte Pointe. Auch Waffen, Konsequenzen, harte Tatsache werden umschifft. Stattdessen ist dieser Film mit Watte gefüllt, die all den Männern mit ihren traurigen Blicken etwas Geborgenheit im seelischen Purgatorium bietet.

A Bad Moms Christmas / Bad Moms 2
(Scott Moore, Jon Lucas, USA/CHN 2017) [stream, OmeU]

nichtssagend

Sowohl die Neuerungen – die Mütter bekommen Besuch von ihren Müttern, die auch einen Mittelweg aus übererfüllter Pflicht und Ignorieren derselben erlernen müssen – als auch die Wiederkehr des Bekannten ist halbarschig erdacht und umgesetzt. Ein übereilter Schnellschuss nach dem Erfolg des Vorgängers, mehr ist es nicht. Kathryn Hahn hat dieses Mal auch kaum etwas zu tun, nur Kristen Bell ist als menschgewordene neurotische Verklemmung weiterhin super.

Freitag 23.01.

Friends
(Lewis Gilbert, UK 1971) [stream, OmeU]

verstrahlt

Lewis Gilbert als diesen ab und zu Bond-Regisseur abzutun, scheint ein Fehler zu sein. Nach zwei Filmen ohne den Geheimagenten warte ich jedenfalls weiterhin auf einen Film von ihm, der mich nicht konsterniert zurücklässt. Hier nun das diametrale Gegenstück zu COSH BOY. Statt dem irren sozialen Problemjugendthriller nun der irre verträumte Ausreißerfilm. Zwei Jugendlich haben genug von nervenden Eltern und anderen Verwandten, die sie nur als anstrengende Verpflichtung sehen, und fliehen in die Camargue. Es fängt als sommerliches Road Movie an, in den Konsequenzen von den Protagonisten und dem Film hintangestellt werden und wandelt sich trotz aller Probleme, auf die die beiden stoßen – Hunger, Schwangerschaft, Fehlen einer praktikablen Zukunft –, zunehmend zur völlig realitätsvergessenen Postkarte schöner Landschaften und unbedarften Handelns. Die Geburt des Kindes wird passend zur Stimmung zur romantisierten Kurzanstrengung, die eine heile, glückliche Kleinfamilie nach sich zieht. Realität und Konsequenzen fahren zwar immer wieder per martialischem schwarzen Auto in den Film – darin sitzen Privatdetektive auf der Suche nach den beiden –, aber näher als am Horizont kommen sie nicht. Wartete COSH BOY sehnsüchtig auf den Gürtel, mit dem die Jugend zur Räson gerufen wird, wird hier alles unternommen, um den Träumern eines selbstgenügsamen Lebens fern von Eltern und beengenden sozialen Käfigen ihren Traum nicht wegzunehmen. …und damit es nicht einfach nur ein schöner, verträumter Jugendfilm ist, inszeniert die Kamera den Körper Anicée Alvinas – während des Drehs wohl 17 Jahre – zuweilen als Erfüllung allen Sehnens und kommt ihr damit auch schon wieder mit übergriffigen Erwachsenenblicken.

Tiger, Löwe, Panther
(Dominik Graf, BRD 1989) [DVD]

gut +

Während der ein Jahr später veröffentlichte SPIELER quasi Grafs Truffaut/Früher-Godard-Film ist, ist dies sein Versuch eines Rohmer-Films. Drei Paare erleben Turbulenzen mit plötzlichem und geregeltem Fremdgehen, sich nicht verscheuchen lassenden Exfreunden und esoterische Eltern. Die Zeit ist fragmentiert, die Probleme werden nicht direkt angegangen, sondern verschleppt. Sprich, es gibt viele Worte um nichts. Sichtlich soll es eine lockerleichte Liebeskomödie sein, trotz guter Laune und einem leichten Hauch von magischem Realismus – oder so, jedenfalls führt das unausgesprochene Ausweichen innerhalb dieser großen emotionalen Momente dazu, dass dies ein wenig wie ein schräger Wunschtraum wirkt –wird es diesen Hang zur Bitternis nicht los. Und irgendwie ist es gleichzeitig die nervigste, wie auch die interessanteste Version seiner selbst.
Vor allem stimmt es traurig, dass Natja Brunckhorst wegen Christiane-F.-Rummel, Krebs und so so wenige Filme in den 1980ern und 1990ern gemacht hat. Hier ist sie jedenfalls eine erstaunliche Präsenz, die ohne Anstrengung jede Szene an sich reißt, ohne im Mittelpunkt stehen zu müssen.

Donnerstag 22.01.

La frusta e il corpo / Der Dämon und die Jungfrau
(Mario Bava, I/F 1963) [blu-ray, EF]

fantastisch

Im Grunde geht es um (scheiternde) Traumabewältigung. Der Tod des peitschenden Schufts (steingesichtig: Christopher Lee) hat keine Relevanz, hat sich seine Tat doch in Körper und Geist gefressen. Statt Erlösung zu bringen, verlegt sein Tod die Heimsuchung nur in den Bereich der Geister und der Albdrücke. Der italienische Titel – genau wie der korrekt übersetzte englische: THE WHIP AND THE BODY – schlägt genau in diese sachliche Kerbe. Die Peitsche hat den Körper so tief in seinem Fleisch markiert, dass beide folglich untertrennbar mit einander verbunden sind.
Der deutsche Titel mit seinen christlich-moralischen Begrifflichkeiten verkennt dies und bereit nur auf die romantische, mit Leidenschaft aufgeladene und doch staubig-vergilbte Welt des Films vor. Aus den Lautsprechern trieft die erotische Passionsmusik. Grell-rote Rosen strahlen von der Leinwand/aus dem Bildschirm. Geheimgänge, kalte, schroffe Kellergewölbe, konfuse Gänge umgeben die warmen, halbwegs einfachen Räume des Ichs – heißt: die Subjekte sind umschlungen von endloser Unwägbarkeit und durch diese zerspaltet und zerklüftet. Mit Leuchtern stapfen die Figuren durch eine stickig-nostalgische Kostümwelt, in der alle benebelt scheinen – bis, ja bis Peitschen griffbereit sind, spitze, die körperliche Unversehrtheit bedrohende Dolche, bis Hände und Augen aus der Dunkelheit über uns herfallen. Der deutsche Titel gibt nur wieder, dass die sachliche Verhandlung eines sachlichen Umstandes eine affektüberlaufende, kaum greifbare Matschigkeit betrifft, die zum niederknien schön ist.

Mittwoch 21.01.

Der Kommissar (Folge 9) Geld von toten Kassierern
(Georg Tressler, BRD 1969) [DVD]

gut

Der spätere DER ALTE-Darsteller Siegfried Lowitz zieht als halbseidener Einbrecherproll, der spielt, als wäre er sich keiner Schuld bewusst, der rammdösig und saufend durchs Leben schwadroniert und trotzdem seinen jungerwachsenen Kindern moralische Vorschriften z.B. über deren Miniröcke macht, eine Wahnsinnsshow ab. Die Stichflamme mit der Walter (Günther Schramm) Kommissar Keller (Erik Ode) Feuer reicht, ist völlig irrsinnig in dieser Folge platziert. Und das Keller Assistentin Helga (Emely Reuer – nachdem ihre Rolle 1970 einfach gestrichen wurde, spielte sie u.a. in EROTIK IM BERUF!) mit der Kündigung droht, wenn sie bei einer Beschattung in einer Kneipe noch ein was trinkt, während der Kommissar und seine Inspektoren zu keinem Drink nein sagen und ständig einen Cognac brauchen, ist ziemlich empörend. Ansonsten Business as usual.

Dienstag 20.01.

Cosh Boy
(Lewis Gilbert, UK 1953) [blu-ray, OF]

wtf

Sichtlich soll Gilberts Problemfilm (Jugendkriminalität) ein Raoul-Walsh-Gangsterfilm sein, gerade da Roy Walsh (James Kenney) sich für eine James-Cagney-Gangsterfigur hält. Roy unterdrückt Freunde und Familie, fängt an zu zittern, wenn er nur daran denkt, dass seine Mutter Zuneigung für andere Männer empfindet. Mit sexueller Gewalt pustet er aufrichtigen jungen Frauen (Joan Collins mit 19 Jahren) das staubige Laub aus der Unterwäsche und macht sie zu Flittchen, zu verlorenen Existenzen. Gilbert versucht erst gar nicht, aufregende Szene dieser heruntergekommenen Kriminalität zu entwerfen, sondern stützt sich – zurecht – ganz auf das Haifischgebiss seines Hauptdarstellers, auf dessen Krampfkörper, der entweder völlig kontrolliert ist oder unkontrolliert bebt.
Aber wie die dem Film vorangestellte Texttafel mit nur einem Wort – Disziplin – deutlich macht, ist all der Jugendkriminalitätskram nur die Vorarbeit für das Finish, auf das alles hinarbeitet. Die ganze Zeit schwingt der Tenor mit, dass der Krieg alleinerziehende Mütter bedingte, die nun von ihren rotzfrechen Gören überfordert sind. Dass es endlich wieder einen Mann im Haus braucht, der mal den Gürtel auspackt und die Kinder maßregelt und blutig schlägt. Geil wird genossen, wenn sich Roy in die Sackgasse manövriert hat. Grinsend genießen die Eltern, der zu Schaden gekommenen, die Nachbarn und die Polizei, wenn Roy, inzwischen nur noch ein stammelndes Bündel, endlich den Wanst vollbekommt und damit das, was er sich verdient hat. Das radioaktive Fetischkino geht nicht soweit, die Gewalt an sich zu zeigen, es hat sich doch noch Skrupel bewahrt, und trotzdem ist die gesetzt daherkommende räudige Asozialität dieses Films kaum zu glauben.

The Ten Year Plan m
(Lewis Gilbert, UK 1945) [blu-ray, OF]

ok

Es endet mit einer Kamerafahrt einen Schornstein hinauf, über den Himmel, der zuerst rauchig, dann fluffig weiß bewölkt ist, und zurück hinunter zu einem Stahlhaus. Es ist geschnitten, aber es ist klar, dass Gilbert lieber eine einzige Einstellung gehabt hätte. Auf jeden Fall soll es zusammenfassen, wie aus den Stahlwerken der Kriegsindustrie nun die Häuser der Nachkriegsjahre entstehen. Der Krieg soll mit Stolz in Frieden übergehen. Aber ich kann mir nicht helfen. Alles, was ich sah, war: erigierter Penis –> Jizz –> ein Ort der Ruhe.

Montag 19.01.

Der Kommissar (Folge 8) Der Tod fährt 1. Klasse
(Wolfgang Becker, BRD 1969) [DVD]

gut

Gerade wenn unsere Ermittler im fahrenden Nachtzug einem Serienmörder auflauern, ringt Becker dem Drehbuch stimmungsvolle Momente aus Bedrohung und Absurdität ab. Im Vorfeld werden drei Verdächtigte verfolgt, die für unterschiedliche gesellschaftliche Schlaglichter sorgen, während ein Unverdächtiger, der verhaftet werden möchte, um seinen rechthaberischen Vater zu trollen, den Humor, den er in die Folge bringen soll, einen Tick zu sehr totreitet – vll. wäre es super geworden, wenn sich Reinecker auf Letzteren konzentriert hätte. Wiederholt ein paar netten Ideen, die mehr hätten sein können.

Sonntag 18.01.

Checker Tobi 3 – Die heimliche Herrscherin der Erde
(Antonia Simm, D 2026) [DCP]

gut

Lotti Z. und ich sind uns einig, dass es endlich den Checker-Marina-Film geben muss. Aber meine Vorbehalte gegen die aufdringliche Empathiemaschine Checker Tobi haben soweit abgenommen, dass ich hier doch den lehrreichen Abenteuerfilm wertschätzen konnte.

பராசக்தி / Parasakthi
(Sudha Kongara Prasad, IND 2026) [DCP, OmeU]

ok

Die Bösewichte sind niederträchtig, verbissen, skrupellos. Entweder sind sie besessen davon, den Machthabern um jeden Preis zu beweisen, dass sie keine Abweichler sind (Ravi Mohan als Thiru), oder eben gefühlskalt daran interessiert, dass sich ihnen das ganze Land unterordnet (Sandhya Mridul als Indira Ghandi). Nichts hält sie zurück. Die Guten lassen sich von ihren überschäumenden Gefühlen leiten, sind mal leidenschaftliche Rebellen oder so emotional, dass sie weinend zusammenbrechen, wenn jemand beim kämpferischen Widerstand stirbt, der ihnen nahe ist. Nichts hält sie zurück. Alles ist auf die Eskalationsspirale ausgelegt, auf einen Sieg gegen jede Chance, dem sich einige Mitstreiter opfern. Sein durchgängig genutztes Bild ist Feuer, mit dem sich Leute anstecken – metaphorisch und buchstäblich –, das in ihnen brennt, sie und ihre Körper verzehrt. Und doch ist der Film, der den Kampf indischer Studenten aus dem Bundesstaat Madras gegen die Einführung von Hindi als einziger offizieller Amtssprache in den 1960ern, die tatsächlich zu eskalierenden Unruhen führten, zum Actionfilm macht, blutarm, weder bissig oder feurig. Zu selten werden Haupt- und Nebenschauplätze mit mehr als den Basics der Eskalation ausgestattet. Sinnbildlich für dieses Problem, ist der nur dahin plätschernde Liebesplot, in dem selten Gefühle zu spüren sind.

Sonnabend 17.01.

Exodus
(Otto Preminger, USA 1960) [blu-ray, OF]

ok

Wir werden von Punkt zu Punkt geschleppt, an denen uns jeweils Perspektiven und Argumente vorgekaut werden, die zur Staatsgründung Israels führten. Im Großen und Ganzen ist es ein einziger Infodump, der nur minimal versucht mitreißendes Kino zu bieten. Das gesagt, sind die dreieinhalb Stunden zumindest überraschend zügig vorbei, der Hungerstreik hat seine Momente und die Befreiung von Gefangenen aus dem Knast ist ganz schönes Spannungskino. Am besten ist aber, dass eine US-amerikanische Krankenschwester (Eva Marie Saint als Kitty Fremont) als Stand-in für den Zuschauer eingebaut wurde, die zu Beginn nichts über die Konflikte weiß und lernt und erlebt, bis sie am Ende in Uniform und mit Schnellfeuergewehr zur Front aufbricht, dass es eben auch wie ein Film über Patty Hearst wirkt.

L’anticristo / Der Antichrist
(Alberto De Martino, I 1974) [blu-ray]

großartig

Wie bei THE EXORZIST geht es um die Sexualität einer jungen Frau, die beunruhigt und christlich eingefangen werden muss. Aber hier geht es nicht um Pubertät, sondern um inzestuöse Gefühle einer Tochter zu ihrem Vater, die krankhafte Aufrechterhaltung des perfekten, bewunderungswürdigen Bildes des Vaters, der den Tod seiner Frau verursachte, die kindliche Eifersucht einer erwachsenen Frau gegenüber der neuen Geliebten des Vaters – überhaupt: wie lange der Film sich Zeit lässt, dass die beiden Protagonisten Vater und Kind sind und nicht Mann und Frau… Es geht um moderne Wissenschaft, Psychologie, die gar nicht weiß, welche Schrecken sie aus den Menschen hervorholt. Um Religion als inadäquates Pflaster, die Grauen per Vogel-Strauß-Technik wieder verschwinden lassen soll.
Wahrscheinlich bleibt der daraus erwachsende Film auch nicht so gesittet wie Friedkins. Statt bedacht eingesetzt Ekeleffekte und Drastik ist dieser Film ein einziger Rausch aus zerhäckselten Realitäten (der Schnitt!), psychosexuellen Traumlandschaften, auf Effekt, nicht Realitätseindruck bedachten Spezialeffekten, Wahn, Sabber und impotenten Versuchen den Wahnsinn um sich einfach zu ignorieren. Allein der Flur mit den Büsten, die sich aus der Wand beugen und schauen, was den Gang in der Herrschaftsvilla entlangkommt. Alles ist wild, nichts bewegt sich. In der Villa des mit doppelter Schallgeschwindigkeit beschleunigten rasenden Stillstands.

港の日本娘 / Japanese Girls at the Harbor
(Shimizu Hiroshi, J 1933) [DVD, OZmeU] 2

fantastisch

Es ist eine einfache Aufspaltungsbewegung, die immer wieder wiederholt wird. Zwei Schulmädchen gehen eine Promenade entlang. Doch die Einigkeit zerplatzt. Eine bleibt zurück. Eine von beiden steht immer wieder in Bildern einer weiten, flachen Landschaft, um sie nur Himmel, während der Gegenschnitt die andere von Bäumen, Sträuchern und wehendem Laub umringt zeigt. Oder sie stehen im selben Bild: links leerer Himmel, rechts von oben bis unten Bäume. Überhaupt ist es immer stimmungsabhängig, ob die Bäume Laub tragen und kahl sind. Die Kamera bewegt sich von links nach rechts, dann wieder von rechts nach links. Die eine mordet in Leidenschaft die Geliebte des Mannes, den sie liebt. Die andere heiratet ihn. Die eine taucht unter und wird Prostituierte, die andere lebt ein stabiles bürgerliches Leben. In der einen kocht es, sie kann sich nicht kontrollieren, während die andere ihre Gefühle wegschluckt und aussitzt. Die eine trägt Wahnsinn in den Augen, die andere schaut nach unten. Wie zu Beginn aber, als die eine zurückblieb, kam die andere zurück. Und so laufen sie sich wieder über den Weg und Leben werden zerstört. Sie trennen sich nicht, sie sind wie zwei gegenpolige Magneten, die sich doch durch Gravitation wieder anziehen. Immer geht es vor und zurück zwischen den beiden. Ein Melodrama.

Freitag 16.01.

Loups-Garous / Die Werwölfe von Düsterwald
(François Uzan, F 2024) [stream]

ok

Fatalerweise liest Lotti Z. (9 Jahre) gern und ignoriert meine ausgedruckten Sehtagebücher nicht mehr. Als die Exemplare von 2025 ankamen, nahm sie es sich eins, suchte hinten im Index nach Filmen, die wir gemeinsam geschaut hatten, und musste nun feststellen, dass ich nicht allzu oft ihrer Meinung war. Mehrmals wurde ich empört angebufft. Gleich zu Beginn des Buchs im letzten Januar fand sie auch noch, dass ich LOUPS-GAROUS nichtssagend fand. Nichtssagend?!?!?! rief sie und verdonnerte mich zur Reevaluierung. Schon ein netter Film, aber wieder blieb bei mir eigentlich nur die Johnny-Hallyday-Sequenz in Erinnerung, wo ein zeitgereister Musiklehrer einen mittelalterlichen Markt mit ALLUMER LE FEU und elektrisch verstärkter Laute verzaubert.

Bad Moms
(Scott Moore, Jon Lucas, USA/CHN 2016) [stream, OmeU]

gut

Der Film ist optisch sicherlich hässlich wie die Nacht – Was ist das eigentlich für ein Sprichwort? Nächte sind doch wunderschön… –, aber Kathryn Hahns Rampensauperformance und Kristen Bells komplett awkwarde Verklemmung fangen die extremen Reaktionen auf eigene und fremde Ansprüche doch sehr schön ein und sorgen quasi am Rand für die besten Momente. Sicherlich aber auch ein Film, der erst richtig goutiert werden kann, wenn schonmal ein Elternabend erlebt wurde.

Donnerstag 15.01.

The Greatest Showman
(Michael Gracey, USA 2017) [DCP]

ok +

Zac Efron ist schon faszinierend. Ein Halbgott – endloser Charme und ein Aussehen wie in Marmor gemeißelt –, der in sich ruht und sichtlich alles meistern wird. Er ist wie geschaffen für die Kamera und doch ein undankbarer Schauspieler für jeden Film, da Drama und Komik an ihm abperlen. Zudem wirkt es, als sei seine Karriere seit gut 15 Jahren im Grunde vorbei, als habe er mit HIGH SCHOOL MUSICAL und 17 AGAIN alles erreicht, was ihn ausmacht, und dass er seitdem einfach nur noch in Hollywood abhängt und seine Zeit genießt. Ansonsten ein Film über Freaks, der zwar tolle Tanznummern hat und die Choreographie des Auftakts ist ganz wundervoll, aber meist ist er doch ein wenig arg stromlinienförmig.

Mittwoch 14.01.

The Housemaid / The Housemaid – Wenn sie wüsste
(Paul Feig, USA 2025) [DCP]

ok +

Den Erklärbärmittelteil streichen und jemand schmuddligeren auf den Regiestuhl, schon wäre der Film sehr, sehr gut. Mehr dazu bei critic.de.

Dienstag 13.01.

사마리아 / Samaria
(Kim Ki-duk, ROK 2004) [DVD, OmU] 2

großartig

Vom damaligen Kinobesuch war mir nur der Auftakt in Erinnerung geblieben. Ein Märchen, in dem Reziprozität alles wieder ins Lot bringt. Eine Jugendliche (Han Yeo-reum) hat Sex mit Freiern, weil es ihr nichts weiter bereitet. Ihre beste Freundin (Kwak Ji-min) – vll. ist auch mehr zwischen den beiden, dass für sie noch weniger eine mögliche Realität ist wie jugendliche Prostitution – findet es eklig, steht trotzdem für sie Schmiere und wäscht sie danach stets wieder mit Wasser und Seife rein. Als die eine auf der Flucht vor der Polizei stirbt, beginnt die andere sich selbst und ihre Gefühle reinzuwaschen. Sie schläft mit allen Freiern ihrer Freundin und gibt ihnen dafür deren Geld zurück. Eine brüchige, widerspruchsvolle Realität wird mit Sex, Passivität und Hingabe gekittet.
Den größeren Teil des Films hatte ich aber vergessen. Ein Vater (Lee Eol) versteht nicht. Er, ein Polizist, ein Ordnungshüter, kommt der umgekehrten Prostitution seiner Tochter auf die Schliche, er folgt ihr und mit feurigem Schwert zieht er die, die sich aus seiner Perspektive an seiner Tochter vergehen, zur Rechenschaft. Dem christlichen Märchen setzt er eine blutige, grimmige, unangenehme Realität entgegen. Bis der Film zumindest zur Meditation wird. Vater und Tochter finden keinen Weg zu kommunizieren, der Vater zerstört seine Tochter, zerstört sich … und doch geht es Kim Ki-duk eben nicht um Drastik, die seinen Ruf begründete, sondern um den Abgrund zwischen den Generationen, zwischen zwei Weltverständnissen und sucht nach Verständigung – im sicheren Glauben, dass sie möglich ist, gegen jede Chance.

Montag 12.01.

Der Kommissar (Folge 7) Keiner hörte den Schuss
(Wolfgang Becker, BRD 1969) [DVD]

großartig

Während der Folge war ich mir nicht mehr so ganz sicher, ob Zbyněk Brynychs Regiedebüt für die Ringelmann-Serie weiterhin noch ein paar Folgen auf sich warten lässt. Gerade der Einsatz von Canned Heats ON THE ROAD AGAIN: Auf einen Schnitt tanzen plötzlich Hippiegirls zu den Sitarklängen des Intros vor und vor allem zur Kamera – in einem glitzernden Umfeld. Auch wenn das Lied in seinen poppigen Blues umbricht, hat es die Folge alles andere als eilig, wieder zur Handlung zurückzukommen. Mit einem Mal – als knappe Zweistufenrakete – ist aus einer beschaulichen Krimiserie etwas anderes geworden. Jugend und andere Realitäten drängen plötzlich in sie. Mehr noch gewahrt aber an Brynych, dass das Intro und der pumpende Beat-Klassiker, dass der Umbruch von einem zu anderen als wiederkehrendes Leitmotiv für eine Frau (Erika Pluhar) eingesetzt wird, die vom Drehbuch sichtlich als Femme fatale, als Sirene gedacht ist, die die Männer in ihrem Umfeld zu Mördern, Dieben und zerstörten Existenzen macht. Eine Frau, hinter der ein lauter Chor aus verstimmten Eltern und Nachbarn zu hören ist. Mit dem Brynych-typischen Leitmotiveinsatz wird aber etwas Anderes daraus. Die Implikationen des Drehbuchs lassen sich vll. nicht abschütteln, aber da ist eben auch noch die Perspektive, wie sie stoisch die Schikane der spießigen Gesellschaft über sich ergehen lässt, aber schon wieder woandershin unterwegs ist und bereit ist den Mief abzuschütteln, egal was es koste.

Sonntag 11.01.

Bibi Blocksberg – Das große Hexentreffen
(Gregor Schnitzler, D/A 2025) [DCP]

ok

Das Problem ist wohl, dass es die Pflichtaufgabe des Films scheint, Erwachsene mit dem Geist eines ungehemmten Kindes und protofaschistische Internate zu zeigen, statt in diesen Widersprüchen die Kür zu verstehen. Heißt: etwas mehr Lust an Chaos und (sozialem) Horror, statt an (Re-)Installierung eines hemdsärmlichen-fröhlichen Mittelwegs wäre sehr schön gewesen.

First Reformed
(Paul Schrader, USA 2017) [blu-ray, OF]

fantastisch

Pastor Toller (Ethan Hawke) besucht Michael (Philip Ettinger) zur allgemeinen Seelsorge. Während sie reden befindet sich hinter dem einen eine Wand aus Zeitungsausschnitten, Internetausdrucken und Bildschirmen, die einem tonlos entgegenplärren: Umweltverschmutzung, Klimawandel, der Weltuntergang ist nicht mehr abzuwenden. Hinter dem anderen ist eine weiße Wand mit zwei zugezogenen Fenstern – die Religion bietet Sicherheit, weil sie hilft die Augen vor der Realität zu verschließen … oder wenigstens vor wahrscheinlich auf uns zukommenden Unannehmlichkeiten. Es folgt ein filmisches Gären: Die Katastrophe, auf die es hinausläuft ist kaum zu übersehen – Toller kämpft in leeren, asketischen Räumen, in ruhig geschnittenen konfrontativen Einstellungen gegen seine Glaubenskrise, weil er die Augen nicht mehr verschließen möchte/kann; mit Alkohol versucht er den Krebs, der wahrscheinlich seinen Körper zerfrisst, zu ignorieren; eine Liebesgeschichte/eine starken sexuelle Anziehung, die zu ihrem Höhepunkt ins Psychedelische umschlägt, die nicht sein kann, bläst eine nicht akzeptierte frische Brise in Tod und Untergang –, aber das große Desaster lässt lange auf sich warten. Der Widerstreit aus maximaler Anstrengung, offene Konflikt und Eingeständnisse wegzusperren, und dem unaufhörlichen Dringen des Verwesungsgestank aus den Ritzen der sich hermetisch gebenden Bilder und der weichen, alles aufsaugenden weichen Gesichter ist schon so ein Erlebnis. Am Ende lässt sich Schrader aber auch nicht lumpen. Innen und außen implodieren. Das Fleisch wird gegeißelt, die Gedärme – die Stellvertreter der Seele – weggeätzt. Dieses dumpfe Prasseln, das mit einem Hieb endet, diese psychotronische, vulgäre Version von TAGEBUCH EINES LANDPFARRERS ist in ihrem Wahn aber so ernst, dass es zwar an die Nieren geht, gleichzeitig aber auch eine makabre Komödie ist. Vll. sind die Lacher aber auch einfach nur Selbstschutz, während Schrader ungeniert und fröhlich mit seinem dreckigen Finger in den Wunden der Gegenwart und vor allem seinen eigenen rührt.

Sonnabend 10.01.

KPop Demon Hunters
(Chris Appelhans, Maggie Kang, USA 2025) [stream] 2

gut

Weiterhin erstaunlich, wie sehr der Film so ziemlich in der Mitte seinen Humor verliert. Dafür hat die Dauerbeschallung mit dem Soundtrack durch Sabrina und Lotti Z. Spuren hinterlassen: Er gefiel mir besser denn je.

Der Klosterjäger
(Max Obal, D 1935) [DVD]

großartig

Schon erinnernswert, weil: als Paul Richter als Klosterjäger seine Geliebte Gitti (Charlotte Radspieler) erstmals trifft, schaut er ihr maximal lüstern nach, worauf dazu geschnitten wird, wie Gitti in einem Wald aus riesigen, dunklen Phallen verschwindet.

Der Klosterjäger
(Harald Reinl, BRD 1953) [DVD]

gut

Ein fast menschengroßes Kruzifix spielt in Ganghofers Roman eine zentrale Rolle. Sieht es bei Obal aber gotisch verzerrt aus, ist es hier bunt, glatt, fröhlich, fast abstrakt. Es steht für den ganzen Film. Reinls Version ist wie die Cartoonvariante von Obals. Klar, es gibt kleinere Umstellungen, aber Unmengen der Situationen und Dialoge gleichen sich, nur dass hier ihre Künstlichkeit umso mehr ins Auge springt, dass es Dialoge und Szenen aus einem cleveren Drehbuch sind.

Freitag 09.01.

Der Wilderer vom Silberwald
(Otto Meyer, BRD 1957) [DVD, ≠] 2

großartig

Zu Beginn fährt ein berlinernder Jugendlicher (Wolfgang Jansen) mit Calypso-Singles für die Jukebox ins bajuwarische Dorf, in die Heimat, und stürzt sich auf einen Krimi, ein Familiengeheimnis, dass er lösen möchte. Unterdessen genießt der Oberförster Bilder knapp bekleidete Frauen in der Illustrierten. Am Ende ist die hippe Jugendlichkeit, das Moderne und Schmierige verschwunden und unabhängig davon der Vorfall aus dem Schatten der Vergangenheit gelöst, damit das Melodrama um die Liebe des Försters Pachegg (Rudolf Lenz). Die Auflösung in die idyllische Seligkeit ist aber klamm. Pachegg hat sich für die simple Liebe zur jungen Ullio (Anita Gutwell) entschieden, statt zur Liebe mit der Witwe Josefa (Traute Wassler). Statt für die Leichen im Keller, die dunklen Nächte, durch die Wilderer schleichen, dem problematischen Verhältnis zum abseitigen Kind, entschied er sich für frische Unschuld, für den Tag, die Natur, die niedlichen Tiere. Vergangenheit wie Gegenwart Deutschlands werden für einen Wunschtraum ausgetauscht. Ein vergnügtes, trunstvolles Metameisterwerk.

Donnerstag 08.01.

Le Prix du danger / Kopfjagd – Preis der Angst
(Yves Boisset, F/Y 1983) [stream, OmU]

großartig +

Ein Film ohne Mitte und außen. Wie in DAS MILLIONENSPIEL und den RUNNING MAN-Verfilmungen erzählt die Kurzgeschichtenverfilmung (Autor: Robert Sheckley) von einer Fernsehsendung, in der ein Kandidat eine Millionen Dollar bekommt, wenn er sich nicht von einer Handvoll Jägern töten lässt. Aber weder der Kandidat Jacquemard (Gérard Lanvin) ist das Gesicht des Ganzen – wird sind nur die Zeugen, wie er nach und nach die Nerven verliert, wissen aber am Ende so wenig über ihn wie vorher; er ist lediglich ein gesichtsloser Kandidat mit charismatischem Aussehen –, noch die Strippenzieher der Sendung – auch Piccoli ist trotz sensationeller Rampensauperformance lediglich ein Moderator ohne weitere Eigenschaften und Agendas, außer Werbeeinnahmen zu genieren, wie auch Produzentin Laurence (Marie-France Pisier) nur pro Forma mit Skrupeln zu kämpfen hat. Das Ganze insgesamt steht noch am ehesten im Zentrum, und alle Figuren sind darin nur eng gefasste Rädchen.
Auch ein Außerhalb des Ganzen gibt es nicht. Nie sehen wir Zuschauer vor den heimischen Fernsehern. Paris scheint nur die Bühne der Jagd zu sein, in der jeder Teil derselben ist. Dass Jacquemard den Verstand über eine Nichtigkeit verliert, dass nämlich die Mitarbeiter der Sendung ihm geholfen haben zu überleben, damit die Sendezeit nicht zu kurz ist und ausreichend Werbeschaltungen möglich sind, ist sprechend. Er wird wahnsinnig, weil es keine Fluchtmöglichkeit gibt, dass alles Show ist, alles Teil dieser Gesellschaft, in der er ohne Fluchtmöglichkeit eingeschlossen ist. Am Ende ergibt das straighte, nihilistische Thrillerunterhaltung, in der die moderne Gesellschaft keinen Ausweg bietet.

Mittwoch 07.01.

Der Kommissar (Folge 6) Die Pistole im Park
(Wolfgang Becker, BRD 1969) [DVD]

gut +

Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz) ermittelt in der Villa eines Unternehmers (Peter van Eyck), und jede der dort anwesenden Personen kommt aus der Twilight Zone. Ein Chef, die mit Fernrohren alles im Augen behalten. Ein altes Hausmädchen, dass nach Jahren der Unterdrückung Aufwind spürt und es sichtlich nicht fassen kann. Freunde, die rumhängen und passiv ihre Zeit abwarten, um dabei sicher zu gehen, dass nichts ans Licht kommt. Eine Sekretärin, die hinter jeder Ecke lauert. Diamantene Glastüren, mit denen die Leute in zwei Gruppen geteilt werden. Manchmal überspannte Einstellungen, die die zwischenmenschlichen Unwägbarkeiten noch potenzieren. Mit Becker steht der Wahnsinn endlich nicht mehr so am Rand.

Dienstag 06.01.

Die Prinzessin von St. Wolfgang
(Harald Reinl, BRD 1957) [DVD]

großartig

Während eine Prinzessin (Marianne Hold), eine Nachfahrin Franz Josephs, und ein Automechaniker (Gerhard Riedmann) um ihre Liebe gegen die Adelsetikette kämpfen, auch gegen die Schranken in sich, erleben wir wie ein bajuwarisches Urvieh (Joe Stöckel) seine Kleinlichkeit und sein Territorialverhalten aufgibt und zum Amor wird. Passend dazu schwenkt die Kamera immer wieder nach links und rechts und weitet unseren Blick, zeigt die Schönheit jenseits der Scheuklappen der eigenen Perspektive.

Montag 05.01.

Der Kommissar (Folge 5) Ein Mädchen meldet sich nicht mehr
(Theodor Grädler, BRD 1969) [DVD]

ok +

Alleine wie ungelenk deutsche Fernsehermittlern Wörter wie Marihuana und Reefer aus dem Mund pressen und dass die Suchtwirkung von THC so dargestellt wird, als sei es ein Opiat ist schon sehr außerirdisch. Günther Ungeheuer gibt als Drogenbaron auch einen wunderbaren Unsympathen und Rudolf Schündler hat einen kleinen Auftritt als dealender Klomann. Einiges ist schön, aber die Dominanz der Ermittlungen verstellt den Blick auf den Wahnsinn der imaginierten Welt von Hippies und Drogen.

Fabula
(Michiel ten Horn, NL/B/D 2025) [stream, OmU]

nichtssagend

Das hat schon alles sein Potential, aber mit dieser übermächtige skurrile 1990er Gangsterfilmripoff ist gerade nicht so meins. Mehr dazu beim Perlentaucher.

Sonntag 04.01.

Der Kommissar (Folge 4) Die Tote im Dornbusch
(Georg Tressler, BRD 1969) [DVD]

ok

Die Faustregel von Derrick, dass die Episoden meist besser sind, je länger das Auftauchen der Ermittler auf sich warten lässt, greift nicht. Der Kommissar beginnt bisher immer mit der Leiche. Und erst bei den Ermittlungen entspinnt sich die Hintergrundgeschichte. Im Mittelpunkt stehen die Frotzeleien zwischen den Ermittlern und nicht die melodramatischen Welten, die in Mord gipfeln oder die durch diesen zerrissen werden. Auch wenn Paul Albert Krumm als eifersüchtiger, leidender Ehemann eine wunderbare Performance eines sich auflösen Wollens gibt, bleiben Betrug, Hinterlist, der Schmerz nur Schatten der Suche nach dem Täter. Die Charaktere und Reineckers pseudoprogressiven Weltsicht sind schon ganz faszinierende Hirnsprenger, aber irgendwie bleibt alles auf Sparflamme. Das triste Final mit dem Kind ist schön, aber zu wenig zu spät.

Sonnabend 03.01.

Sissi – Die junge Kaiserin
(Ernst Marischka, A 1956) [stream]

gut

Der erste Teil nochmal, nur in einem etwas anderen Gewand. Erst ein Lustspiel über eine lebhafte junge Frau, die in einen Kerker der Benimmregeln gesteckt werden soll, dann eine prachtvolle, ausladende Zeremonie, in der ihre Niederlage für das Wohl von Österreich und Ungarn in beklemmenden Prunk gesteckt wird. Nur: Oberst Böckl (Josef Meinrad) kommt dieses Mal viel zu kurz.

Il Casanova di Federico Fellini / Fellinis Casanova
(Federico Fellini, I 1976) [DVD, OmU] 2

großartig +

Im Booklet der DVD konnte ich bei Georg Seeßlen nachlesen, dass Fellini bei der Recherche zum Film bemerkte, dass er Casanova nicht leiden konnte. Sein Film ist folglich eine Abrechnung mit sexueller Protzerei, die nie erotisch ist, sondern nur mühseliger, alberner Ausdauersport, und mit der antiaufklärerischen Aufklärung eines selbsternannten Universalgenies, der es trotz alles prahlerisch behaupteten Buchwissens nie schafft seiner Realität Rechnung zu tragen. Mehr noch ist es aber das bessere ACHTEINHALB. Ein selbsternannter musischer Geist, erzählt allen, was er ach für Kenntnisse hat, doch sie wollen von ihm nur Schmier, für den sein katholischer Geist nur verklemmte Annäherungen bereithält.
Besser ist es nicht, weil es treffender wäre, sondern weil die Episoden irrlichternde Garstigkeiten sind und damit schmerzhafter ins eigene Fleisch schneiden als die Schönheit seines anderen Selbstportraits. Mehr noch aber, wegen der Künstlichkeit des Films. Die Künstlichkeit der mal feurigen, mal fahlen Farben eines Überlebtseins. Der Künstlichkeit einer epischen Realität, die als Göttin zu Beginn untergeht und durch siechende Karikaturen von Wirklichkeit und Belebtheit ersetzt wird. Der Künstlichkeit von Donald Sutherlands Aufmachung, die alle Schönheitsstandards unterläuft. Die Renaissance wird zur fauligen Clownerie. Mehr Punk war Fellini nie.

Freitag 02.01.

Oz the Great and Powerful / Die fantastische Welt von Oz
(Sam Raimi, USA 2013) [stream]

ok

AMRY OF DARKNESS nur mit elaborierterem Auftakt, fliegenden Affen statt Untoten und in Oz statt im Mittelalter. Seltsamerweise scheint Raimi aber nur zu Beginn in Kansas ganz zu sich zu kommen, beim Portrait eines windigen Aufschneiders (James Franco als kommender Zauberer von Oz) mit dutzend Einfällen. Mit Oz selbst wird er erst gegen Ende richtig warm, wenn sein Aufschneider wieder Oberhand gewinnt und nicht der Spielball der ihn überfordernden, bunten Umstände ist. Die einfache Antwort, warum Großteile des Films trotz Zauberwelt eher bieder sind, wäre, dass Raimi zu ehrfürchtig war und sich am Prequelschaffen fruchtlos abmüht. Vll. hat er sich einfach versagt – oder es wurde ihm –, die Hexen richtig von der Leine zu lassen. Mutmaßungen, die ich bei einem interessanteren Film vll. mal überprüfen würde.

Lancelot du Lac / Ritter der Königin
(Robert Bresson, F/I 1974) [DVD, OmeU]

fantastisch

Bressons Film lief in England erst im August 1975 an. MONTY PYTHON AND THE HOLY GRAIL (Premiere: März 1975) war also keine Reaktion, sondern ein Bruder im Geiste. Gerade der Auftakt hier – Leute in Ritterkostümen schlachten sich ab und entfachen Gore eines epischen Theaters, d.i. Kunstblut spritzt bspweise rhythmisch per Strahl aus einem Hals eines kopflosen Puppentorsos – passt haargenau zur Szene mit dem Schwarzen Ritter dort. Klar, bei Bresson gibt es keine metatextuelle, offensichtliche Absurdität, und doch ergibt sein Ernst eine veritable Tongue-in-cheek-Komödie.
Seine Ritter legen ihre Rüstungen so gut wie nie ab, weshalb es den ganzen Film hindurch durch ihre Bewegungen blechern klingt und klongt. Ihre Männlichkeit ist deutlich eine theweleitsche. Sie tragen Ganzkörperpanzer, mit denen sie sich gegen Zärtlichkeit und Sex, gegen das Einknicken gegen ihre allgegenwärtige Lust auf Arthurs Königin Guinevere (Laura Duke Condominas), deren Fenster (zwei Bögen mit jeweils einem Punkt oben drauf … Wink wink! Do you know what I mean?) sie tags und nachts angaffen, gegen die Auflösung ihrer Identität zur Wehr setzen. Und diese theweleitsche Männlichkeit, die für das Drama sorgt und dafür, dass sich die Geschichte nicht in Ruhe und Liebe auflösen kann, ist eben absurd. Durch die Geräuschkulisse und durch die langen Unterhosen, die die unberüstete Rückseite der ritterlichen Beine schmückt.
Bresson bietet aber trotzdem weniger spaßige Absurdität als ein asketisch-absurdes Melodrama. Statt Sinnzusammenhänge aufzulösen, wird Guineveres Zwangsverzicht nachgezeichnet. Unendlich wartet sie auf ihren Lancelot (Luc Simon), der sich in ritterliche Abenteuer oder strammes Ausharren stürzt, statt mit ihr zu kuscheln. Dafür müsste er seine Rüstung ja ablegen. Asketisch sind die Mittel, grau und antiklimaktisch das Geschehen. Die Ritter kommen von der Suche nach dem Heiligen Gral zurück, und der Traum von einer Welt der Gleichberechtigten und Einigen ist ausgeträumt. Zurück bleibt die Kläglichkeit eines zwieträchtigen, unglamurösen Jetzt, dass sich nicht traut zu lieben.

Donnerstag 01.01.

Der Kommissar (Folge 1) Toter Herr im Regen
(Wolfgang Becker, BRD 1969) [DVD]

gut

Die Folge dümpelt so ein bisschen dahin, bis Kommissar Keller (Erik Ode) plötzlich vor dem Portrait eines Mannes in Wehrmachtsuniform steht, das einfach in einer Villa rumhängt. Kurz zuckt er zusammen, und die Folge wird unmittelbar zur halbdeliranten Aufarbeitungsarbeit. Die Reichen sind plötzlich nicht mehr einfach nur pervers und verkommen, sondern haben auch noch eine Geschichte und ungebrochene Wertvorstellungen in der Familie.

Der Kommissar (Folge 2) Das Messer im Geldschrank
(Wolfgang Becker, BRD 1969) [DVD]

großartig

Nachtclubbesitzer Mirco Brandic (Lukas Ammann) zückt seine Ausweispapiere und Schankdokumente schneller als sein Schatten und lässt nicht ab zu betonen, dass sie korrekt sind. Allein durch ihn durchzieht die Folge die Beklemmung, als Ausländer von der Polizei kontrolliert zu werden. Die Polizei bechert derweilen, und Keller (Erik Ode) verbringt wohl die Nacht mit einem käuflichen Mädchen – ein vielsagender Schnitt legt es mehr als nahe –, erklärt seiner Frau aber, dass er im Büro geschlafen habe. Und jeder Satz aus der Feder von Herbert Reinecker lässt mich erfahren, dass sich sein Stil nach all den Derrick-Folgen tief in meinen Knochen sitzt.

Astérix et le Coup du menhir / Asterix – Operation Hinkelstein
(Philippe Grimond, F/BRD 1989) [blu-ray] 6

ok +

Michel Colombiers Soundtrack und vor allem sein Song Zonked, der in einer schönen surrealen Traumsequenz bebildert wurde, sind schon das größte Vergnügen dieser überspannten Comicverfilmung.

Der Kommissar (Folge 3) Ratten der Großstadt
(Theodor Grädler, BRD 1969) [DVD]

ok

Horst Frank hängt mit vier Kumpanen ab, auf der Straße, an der Isar, in der Sonne. Der angebotenen Arbeit wird sich verwehrt, Mitmenschen werden schikaniert. Sie sind Gammler, Halbstarke, Rebellen ohne Grund, Ratten der Großstadt. Sie sind Alkoholiker, geistig Beeinträchtigte, Mitläufer, Verirrte, Machtmenschen, Arschlöcher. Grädler beschränkt sich aber darauf, dass Werner Pochath ständig überdreht lacht und rumspringt, und reichert Franks Präsenz kaum mit etwas an. Größtenteils bietet die Folge also biedere Ermittlungen und Rowdy-Malen-nach-Zahlen. Erst als Pochath am Ende wie ein ausgesetzter Hund seinem Herrchen nachrennt, wird seine Figur und die Folge so wild, wie sie sich gibt.