STB Robert 2026 I

„Die Zahlen des Kommerzes waren rational – Verhältnisse von Gewinn und Verlust, Tauschraten –, doch in der Menge der reellen Zahlen waren die, welche die Zwischenräume einnahmen – die irrationalen – gegenüber diesen schlichten Quotienten bei weitem in der Mehrheit. So etwas Ähnliches spielte sich auch hier ab – das zeigte sich schon an der seltsamen, keinem Muster folgenden Teilmenge der venezianischen Adresszahlen, die schon mehr als einmal dazu geführt hatte, dass er sich verlief. Er kam sich vor wie jemand, der nur reelle Zahlen kennt und zusieht, wie eine komplexe Variable dem Grenzwert zustrebt …“
(Gegen den Tag)


Wertung: Ich kann nichts mit Zahlen zur Bewertung anfangen. Deshalb gibt es hier ein prosaisches System. Eine Skala ist mit der Qual verbunden, Filme in eine lineare Ordnung zu quetschen. Deshalb hat die Wertung zumindest eine Y-Struktur für freieres Atmen. Die Einstufungen radioaktiv und verstrahlt reflektieren, dass ein Film in seiner eigenwilligen Qualität es einem nicht einfach macht, ihn einfach zu genießen. Wertungen in Klammern verweisen auf das ein oder andere Nickerchen beim Schauen.

Legende: Ist im Grunde selbsterklärend. Wenn hinter der eckigen Klammer eine Zahl steht, dann gibt sie die Anzahl der Sichtungen wieder. Je höher die Zahl, desto mehr ist sie geschätzt. Da ich mit Fernsehen und Kino aufgewachsen bin, wo nur gekennzeichnet wurde, wenn ein Film nicht in deutscher Sprache lief, tue ich das schändlicherweise auch. (OmU=Originalfassung mit Untertiteln, OmeU=Originalfassung mit englischen Untertiteln, OF=Originalfassung, EF= englischsynchronisierte Fassung, OZmeU=Originalzwischentitel mit englischen Untertitel) Hinzu kommen die Zeichen ł, wenn der Film gekürzt war, und ≠, wenn ich mitbekommen haben sollte, dass das Format nicht hinhaute. Ein kleines K hinter einem Titel bezeichnet einen Kurzfilm (bis 15 Minuten), während ein kleines M einen mittellangen Film (16 bis 60 Minuten) kennzeichnet.


Vorangegangene Sehtagebücher:
2012/II | 2013/I | 2013/II | 2014/I | 2014/II | 2015/I | 2015/II | 2016/I | 2016/II | 2017/I | 2017/II | 2018/I | 2018/II | 2019/I | 2019/II | 2020/I | 2020/II | 2021/I | 2021/II | 2022/I | 2022/II | 2023/I | 2023/II | 2024/I | 2024/II | 2025/I | 2025/II

April
Donnerstag 02.04.

モダンラブ・東京 第5話「彼を信じていた13日間」 / Modern Love Tokyo (Folge 5) For 13 Days, I Believed Him
(Kiyoshi Kurosawa, J 2022) [stream, OmU]

großartig

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Chime m
(Kiyoshi Kurosawa, J 2024) [stream, OmeU]

fantastisch

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The Vampire Lovers / Gruft der Vampire
(Roy Ward Baker, UK 1970) [blu-ray, OF] 2

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Mittwoch 01.04.

The Crying Game / The Crying Game – Die Frau des Soldaten
(Neil Jordan, UK/J 1992) [35mm]

gut

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März
Dienstag 31.03.

アカルイミライ / Bright Future Kinofassung
(Kurosawa Kiyoshi, J 2002) [DVD, OmeU]

großartig

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Montag 30.03.

Der Kommissar (Folge 28) Drei Tote reisen nach Wien
(Dietrich Haugk, BRD 1970) [DVD]

großartig

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Sonntag 29.03.

Der Frosch mit der Maske
(Harald Reinl, BRD/DK 1959) [blu-ray] 2

großartig

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Sonnabend 28.03.

Der Schatz im Silbersee
(Harald Reinl, BRD/F/Y 1962) [blu-ray] 3

großartig

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Die unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse
(Harald Reinl, BRD 1962) [blu-ray]

großartig

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Freitag 27.03.

Winnetou und Shatterhand im Tal der Toten
(Harald Reinl, BRD/I/Y 1968) [DVD] 13

großartig

Immer wieder die Aufnahmen vom Grand Canyon und dem Monument Valley – in denen natürlich nur am Rand Statisten reiten, die wie unsere Helden angezogen sind. Immer wieder geschehen generische Dinge vor einer atemberaubenden Landschaft, die viel wichtiger zu sein scheint, als die Handlung. Immer wieder wird die Schönheit der Natur ins Bild gerückt … die sich in den entscheidenden Momenten expressiv gegen die gierigen Menschen darin richtet. Im Tal der Schlangen – als Kind war dies für mich das Tal der Toten, dessen Durchschreiten den halben Film ausmachte –, das durch Traumlogik nicht umgehbar ist, obwohl die Landschaft daneben flach und gangbar scheint, und dass mit irrwitzig vielen Schlangen aufgefüllt wurde, und im schwefeligen Tal der Toten. Denn dort wo die Menschen auf Spannung treffen, dort kommt der Sadist und Fetischist Reinl völlig zu sich und geißelt sich und die seinen gierig. Fesseln, Vierteilen, nackte Männerkörper: es ist eine einzige Geilheit. So sehr geht es hier um Natur und Folter, dass selbst Winnetou, Old Shatterhand und am meisten Sam Hawkins zu Nebendarstellern werden, abstrakte Überbleibsel einer Reihe, die hier auf Schönheit und Verderben, auf ihre Essenz heruntergebrochen wird.

Im Stahlnetz des Dr. Mabuse
(Harald Reinl, BRD/I/F 1961) [blu-ray]

verstrahlt

Einhundert Prozent Paranoia. Alles und jeder ist verdächtig. Niemand ist, was er zu sein scheint. Fern vom Wallace-England und Winnetou-Westen herrscht einfach blanke Unsicherheit – statt mittels einer Geschichte erhält der Film seine Struktur durch eine Abfolge von Situationen, in denen niemandem getraut werden kann und wo in Schatten und Hintergründen jemand/etwas lauert. Nur eines ist sicher: Jeder, den wir aus einem deutschen Straßenbild in den 1960ern herausfischen, wird schuldig sein.

Donnerstag 26.03.

Der Schut
(Robert Siodmak, BRD/I/F/Y 1964) [DVD] 14

gut +

1. Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah (Ralf Wolter) ist als Comic-Relief-Figur durchweg das Opfer des Films. Er wird als Tölpel gezeichnet, als tumb und abergläubisch, als infantiler Hallodri, der unterm Pantoffel steht. Immer wieder muss er als Zielscheibe der Späße herhalten, und ist anders als Sir Lindsay (Dieter Borsche) nicht einfach nur verschroben, sondern schlicht dumm. Doch genau damit ist er der Sympathieträger des Films. Mit ihm wird dem Abenteuer des Helden in schimmernder Rüstung, dem alles gelingt, Kara Ben Nemsi (Lex Barker), etwas Menschlichkeit verliehen – sind wir doch alle eher die Hadschi Halef Omars in unserem Leben. Was mich aber fasziniert, ist wie selbstgerecht und genervt Kara seinem Helfer immer wieder beschimpft. DER SCHUT schließt bei Karl May zwar den Orientzyklus ab, doch es ist die erste Verfilmung aus diesem. Ohne die Vorgeschichte bekommen wir einfach gleich eine Beziehung, die für Kara viel zu lange aufrechterhalten scheint und einer toxischen Ehe gleicht – nur dass es spaßig erscheinen soll.
2. Ist der Wilde Westen bei Winnetou eine vormoderne Unschuld, der beim Vergehen zugeschaut wird, ist die vormoderne Welt des osmanischen Reichs – der Film spielt in Bosnien, wir befinden uns also sogar in Europa – das Gegenteil dazu. Hier muss die Barbarei zur Zivilisation erhoben werden. Aber genau damit vergeht auch wieder die Weite, in denen noch Abenteuer erlebt werden können. Vll. ist der berauscht-dekadente, nachsichtige Blick Sir Lindsays also dem stählernen Blick des deutschen Abenteurers vorzuziehen.
3. Die zwei Enden: Der Schut (Rik Battaglia) fällt nach einer wilden Verfolgungsjagd einfach in eine Schlucht und Schluss ist. Das Ende des Bösewichts und damit des Abenteuers verpufft einfach. Im Gegensatz dazu stirbt Karas schwarzer Hengst Rih – auch hier: eine Bindung zwischen Publikum und Pferd ist kaum aufgebaut – stirbt mit großer Melodramatik. Es ist seltsam.

Die Schlangengrube und das Pendel
(Harald Reinl, BRD 1967) [blu-ray, EF]

großartig

Vorweg: Der Scan der beiden rotstichigen 16mm-Kopien, der auf Severins blu-ray Verwendung fand, wurde so gut wie nicht nachbearbeitet. Was einfach heißt, dass ich den Film mortadellafarben gesehen habe. So erinnert es schon stark an die Poe-Verfilmungen Roger Cormans oder den Hammerhorror Terence Fishers, farbecht wäre der Eindruck wahrscheinlich erdrückend. Und tatsächlich öffnet sich hier eine mögliche Parallelgeschichte, in der Edgar Wallace und Winnetou durch psychedelischen, nicht durch Tugend und Albernheit aufgeweichten Gothic-Horror zur Seite gestellt bekommen hätten – wäre der Film nur etwas erfolgreicher gewesen. Reinl greift nämlich zwar auch wie seine englischsprachigen Kollegen auf schummrige Realität, auf Nebel und pro Forma durchschimmernde Klassikermotive zurück, er macht daraus aber etwas dezidiert deutsches. Mit seinen Augen und seiner Perücke verfolgt Christopher Lee zwei schöne Menschen, Lex Barker und Karin Dor, die ihre Vergangenheit so weit von sich weg verdrängt haben, dass sie sich für Nachkommen ihrer selbst halten, die von nichts wissen. Vll. werden sie auch vom Schicksal ihrer Herkunft verfolgt. Mit anderen Worten: sehr leicht ist es in diesem gorigen, sadistischen, dämmerigen Film eine poppige Folterkammer für Leute zu sehen, die sich unschuldig fühlen – aber nur solange sie nicht zurückblicken müssen. Und vll. konnte das Projekt genau deshalb nicht die Erfolge feiern.

Mittwoch 25.03.

Der Kommissar (Folge 26) Die kleine Schubelik
(Georg Tressler, BRD 1970) [DVD]

gut

Alkoholiker, sexuelle Gewalt, mit Immigranten vollgestupfte Behelfswohnungen: Tressler bekommt viel mehr als Haugk in der Episode zuvor, um damit zu arbeiten. Seine Mordopfer liegen aber einfach nur rum, seine Verdächtigen tun einfach nur alles, um verdächtig zu sein. Seine Welt bleibt flach und bekannt. Ohne Peter Kuipers Show als keimige Männlichkeit wäre wirklich nicht viel los.

Dienstag 24.03.

Der Kommissar (Folge 25) Der Mord an Frau Klett
(Dietrich Haugk, BRD 1970) [DVD]

großartig +

Alfred Balthoffs traurige Augen, die klamm mitgeschleppte Möglichkeit von Altersprostitution, eine im Müll entsorgte Frau und ein Mann, der vor dem Zoo wie ein Pinguin läuft, um von überdrüssigen Eltern mit etwas Geld vertrieben zu werden: Alter – ganz im Gegensatz zu den jugendlichen Kriminellen – wird hier als kleines Panoptikum des Elends und der Verzweiflung in kargen, verlebten Wohnzimmern gezeigt. Verschwiegen wird die Existenz erduldet, Blicken wird versucht zu entgehen. Eine sensationell trostlose Episode, in der so viel mehr transportiert wird, als zu sehen ist, in der niemand – außer den Vertretern des Gesetzes – in diese Welt passt.

Montag 23.03.

Summer Night Fever
(Sigi Rothemund, BRD 1978) [35mm/stream]

großartig +

Zwei junge Männer bekommen während ihrer Reise nach Ibiza nicht das, was wir und sie erwarten. Der eine will sein Meterband abarbeiten – pro Sexpartner wird ein Zentimeter abgeschnitten, bis es nicht mehr da sei –, während der andere mit seiner Brille und seinen Hemmungen wirkt, als warte auf ihn verlorenes Indereckestehen. Doch der eine findet gegen seinen Willen die Liebe, und beim anderen kostet der Film aus, dass er ihm ein sexuelles Abenteuer nach dem anderen zuschustert. Mit im Schlepptau ist ein Mauerblümchen, dass sich schmollend durchsetzt, jede Menge sonniger Musik und Blödelei mit dem Herz meist am rechten Fleck.
Die erste Stunde hatte ich noch in Nürnberg im KommKino gesehen, dann fuhr aber mein Zug mit mir in die Nacht, und ich holte den Rest per Stream am Nachmittag nach. Aber irgendwie war es nicht mehr das Gleiche. Sei es, weil vor und neben mir nicht mehr im Rhythmus der Musik im Kinosessel sitzend getanzt wurde, sei es weil die Farben im Stream auch nach diversen Einstellungswechseln am Fernseher fahl blieben und das Licht verkümmert aussah – der Himmel in Ibiza sah meist aus, als würde nun am Horizont der Sturm aufziehen, von dem in TRIEBHAFT WIE DIE NACKTE LUST immer nur im Radio berichtet wurde. Ein cineastischer Coitus interruptus also.

19.03. – 22.03.
23. außerordentlicher Filmkongress des Hofbauer-Kommandos

Sonntag 22.03.

Sex-Report blutjunger Mädchen
(Frits Fronz, BRD/A 1972) [35mm]

verstrahlt +

Eine Satire auf Reportfilme: Frauen erzählen beim Klassentreffen (oder so) aus dem Nähkästchen, rücken ihre Existenzen ins rechte Licht, und wir sehen in den begleitenden Episoden, was wirklich los ist. Frits Fronz steht als Kellner bei und macht sich zum Komplizen des Zuschauers, in dem er nach den Episoden wissend in die Kamera nickt. Durchweg beherrscht muffiger Entertainmentwille das Ganze. Enge, Krampf und hemdsärmelige Lockerheit bestimmen den Film, und doch erhebt er sich aus diesem Mief in der Vögelepisode und bei einem Filmdreh radioaktive Miniaturen deutsch-österreichischer Geisteswelten und Scherze am Rande für die Ewigkeit.

二匹の牝犬 / Night Ladies
(Watanabe Yūsuke, J 1964) [35mm]

gut +

Nur langsam und nach gekanntem Muster baut sich das Melodrama seinen finalen Sturm auf. Ist es aber soweit, peitscht der Wahn brutal und Blicke fliegen wie Dolche. Die dabei überbrachte Botschaft: Sich als Frau einen Mann auszusuchen ist Glückspiel, bei dem nur verloren werden kann, weshalb es vll. doch nicht die schlechteste Idee ist, auf den Ruf zu scheißen und das männliche Geschlecht einfach auszubeuten. Darin wird Watanabes Film ganz Frauenfilm: Mayumi Ogawa als Furie wider Willen und Mako Midori als skrupelloses Luder tragen den Film ganz allein.

La cigarra no es un bicho / Vierzig Nächte voll Tücke und Sex
(Daniel Tinayre, ARG 1963) [35mm]

großartig

Space Madness im Rotlichtmilieu: Aus der Prämisse, dass ein Gesellschaftsquerschnitt im Stundenhotel unter Quarantäne steht, wird eigentlich nichts gemacht. Stattdessen wird abgehangen – mit Liebe, Hass und Bauchrednerpuppe. Nur marginale Versuchen werden unternommen, Kontakt zueinander aufzunehmen. Kleine Banden humanistischer Zuneigung keimen, Grenzen bleiben aber gleichwohl bestehen. Ganz zwanglos kommt dabei heraus, dass sensationsgeile Schlagzeilen nichts wert sind. So manche Selbsterkenntnis wird auch gemacht. Aber vor allem geht es um Leute, die nichts zu tun haben, die in kleinen Schlaglichtern ihre Zeit füllen, die nicht mit Plot angegangen werden.
Schönes Detail des Kongresses: Der Bauchredner wärmt seine Puppe mit einer Sprachübung auf, die Leroy in HERBSTROMANZE ebenso gekünstelt aufsagt.

Halleluja k
(Bernhard Marsch, D 1995) [35mm]

großartig

Sommer, Sonne, Freizügigkeit, Rechenschaft an religiösen Heuchlern: Eine lockere Meditation über Fahrten mit Anhaltern.

Sonnabend 21.03.

Sie heirateten in Gretna Green k
(Fritz Illing, BRD 1965) [35mm]

großartig

Eine kurze Doku über ein junges Paar, dass in Gretna Green minderjährig geheiratet hatte.* Aus dem Portrait von Exzellenz in Armut – mitten in der Nacht tragen beiden perfekt getimt die Zeitung aus, was damals hieß, dass durch die Häuser gegangen und die Briefkästen an den Wohnungstüren aufgesucht werden mussten – wird eine Utopie seiner Zeit – der Mann schmeißt den Haushalt und kümmert sich ums Baby, während die Frau im Fotolabor arbeitet, weil es für beiden so besser passt. Es scheint, als würde die Heirat gegen die Regeln auch neue gesellschaftliche Modelle leichter zulassen. Vor allem ist es aber unaufgeregt, lakonisch, beglückend einfach und doch so reich dargebracht.
*****
* Gretna Green ist ein schottischer Ort kurz vor der Grenze zu England. Als im 18. Jahrhundert in England strengere Heiratsregeln eingeführt wurden, während in Schottland weiterhin sehr laxe galten, wurde das Dorf zum Wallfahrtsort durchgebrannter Jugendlicher, im 20. Jahrhundert scheinbar auch europaweit.

Zu jung für die Liebe?!
(Erica Balqué, BRD 1961) [35mm]

großartig

Mit aufrichtigem Verlangen, das Richtige tun zu wollen, schließen sich Jugendliche und charismatische Unterstützer zusammen und trotzen dem Widerstand des Vaters (des Gesetzes), der die Welt nach seiner Vorstellung gestaltet sehen möchte, bis dieser Zerstörer völlig zerstört zusammenbricht, nicht mehr aus dem Bett kommt und für den Film völlig obsolet geworden ist. Das Sittendrama voller toller Figuren ist eben auch das Portrait einer psychedelischen freudschen Menschwerdung.

Women of the Night
(Zalman King, USA 2001) [35mm, OF]

fantastisch +

Dass dies seinerzeit nicht den Oscar für Kamera, Schnitt und Tonschnitt bekam, zeigt nochmal kompakt, wie sinnlos diese Veranstaltung im Grunde ist. Aber vll. bin ich auch nur seltsam, weil ich es als pure Schönheit, pure Atmosphäre, pure ASMR-Wonne empfand. Das Drehbuch ist im Grunde überflüssig, werden doch nur anderthalb Stunden Stimmung aufgebaut. Eine Collage aus aufflackernden Momenten, traumatischen, schönen, seltsamen, die repetitiv wie in Traumlogik alternieren. Stimmen und gehauchte Worte lullen uns ein. Es ist wie der übernächtigte Moment in einer Jugendnacht, wenn plötzlich alles Sinn ergibt. Oder: Es ist wie wenn wir uns als Psychoanalytiker erträumen, der neben der Couch einnickt und der in seinem Kopf den Teig aus Lebensbeichten und Traumerzählungen, die unaufhörlich in sein Ohr fließen, fleißig immer wieder durchknetet. Wird sich dem Ganzen aber mit Vernunft und Logik genähert, zerfällt es zu Staub – genauso wie ich zu Staub zerfallen wäre, hätte ich innerhalb einer Stunde nach dem Film mit jemandem (der Realität) interagieren müssen. Darauf wird der Kater der Wirklichkeit sicherlich folgen, aber für Anderthalbstunden ist alles wunderbar.

Der verlogene Akt / Born Black
(Rolf von Sydow, BRD/I 1969) [35mm]

gut

Günther Schramm darf endlich den ekligen Schleimball ohne Rückgrat und Selbstreflexion herauslassen, als der er in DER KOMMISSAR auch immer irgendwie durchschimmert. Nur dass er da einen Sympathieträger darstellen soll. Mehr zum Rest bei critic.de.

L’Homme qui voulait violer le monde / Black Love
(José Bénazéraf, F 1973) [35mm, ł] 2

gut

Durch die herausgeschnittenen politischen Diskussionen wird es schon ein etwas anderer Film. Weiterhin ist dieser aber vom Gegensatz zwischen drückender Musik/massiven Stilbewusstsein und dem elegisch-trüben Rubbeln von Körpern bestimmt.

Der Kommissar (Folge 39) Als die Blumen Trauer trugen
(Dietrich Haugk, BRD 1971) [DVD]

großartig

Schwangeres Jungvolk vs. unverständige Eltern, es wird in den Hot Club gegangen, Günther Schramm: Einige Fäden der vorangegangenen Filme werden erneute aufgegriffen, es war also der perfekte Abschluss für den Tag. Hier darf die Jugend der Elterngeneration aber patzig ins Gesicht sagen, wie scheiße sie ist. Und wie zur Anklage hängen überall die Poster einer in den Tod getriebenen Unschuld.

Freitag 20.03.

Sex… 13 Μποφόρ / Triebhaft wie die nackte Lust
(Chrysostomos Liambos, GR/I 1971) [35mm]

großartig

Es erscheint wie die Verfilmung eines unbekannten Theaterstücks Samuel Becketts. Vier sexhungrige Frauen und zwei Männer finden sich auf einer Insel in der Ägäis wieder. Auf dem Meer soll ein Sturm herrschen, der sie im Idyll gefangen hält. Zu sehen ist davon nichts. Stattdessen: Sonne, blauer Himmel und eine schmierige Natur, die als Algen und Kies den schwitzigen Körpern am Rücken klebt. Die Utopie ist, dass die sechs (plus einige wenige Zwischenstopper) einfach nur repetitiv über die Insel ziehen und Bäumchen wechsele dich spielen, dass sie miteinander schlafen und es eigentlich kein Drama gibt. Im engeren Sinne also auch keine Geschichte. Der ökonomische Schnitt entfernt alles Überflüssige und begrenzt alles auf eine ewige Wiederkehr des sich Anbahnen von Sex und des rolligen Kopulierens. Ewig könnte es vor sich gehen, wäre da nicht die Vater-Tochter-Dyade, die für Eifersucht sorgt, für Missgunst, Streit und Gewalt. Die Ansässigen eben, der Leuchtturmwärter und seine erwachsene Tochter, kommen mit der Freiheit der Leute von den Schiffen am Ende doch nicht zurecht. Sie sorgen auf den letzten Metern für einen pflichtschuldigen Sturm, der das Nichtwarten auf Godot beendet.

Heimat, deine Lieder
(Paul May, BRD 1959) [35mm] 2

radioaktiv

Der Film eines beklemmenden, surrealen innerdeutschen Weltbürgertums. Schwarze Kinder singen Zehn kleine Negerlein in der Heide, um die neu gewonnene Weltoffenheit zu signalisieren – ihre Lippenbewegungen passen so wenig zum Gesang, dass sie wie Geiseln des Films wirken. Bayrische Bauern laden Kinder, die wie ein Pferd arbeiten können, weil Arbeitskraft das Wichtigste ist, in einem norddeutschen SOS-Kinderdorf ab, um Verantwortung und Kosten an neue Institutionen abzutreten. Bei einem gesamtdeutschen Kulturfestival werden mehr Zuschauer angelockt als bei Woodstock – hügelweise füllen adrett gekleidete junge und alte Menschen die Landschaft, und selbst der frenetischste Applaus geht – zumindest in den Bildern – kaum über höfliches Desinteresse hinaus. Und überhaupt zeigt der Film immer wieder kontextlos zwei kleine nackte Mädchen in der Heide, die mit Marienkäfern spielen oder einfach so unschuldige Kindheit darstellen, weil hier eben ein Paradies zu finden ist, dass aus rücksichtslosen Rasern Kämpfer für menschliche Gemeinschaft machen.
Die Leute brauchen dieses Paradies aber auch dringend. Blind sind sie aus dem Kireg heimgekehrt oder bedauern, dass sie nicht in ihre alte Heimat Schlesien zurück können – mit Tränen in den Augen schauen sie sich einen Diafilm an, der lediglich Straßenzüge der Städte zeigt, und weinen wohl darüber, dass sie vor knapp 20-30 Jahren falsche politische Entscheidungen getroffen haben. Letzteres wird aber selbstredend nicht kontextualisiert und bleibt verdrängt, weil die Vergangenheit unter einem tabuisierenden Schleier liegt. Auf jeden Fall versucht der Film sie mit einer steifen Lässigkeit mit dem Hier und Jetzt auszusöhnen, das ja eigentlich auch viel besser ist – paradiesisch, weltoffen.
Die schönste Szene gehört zu einem Freundschaftsnebenplot, der mit erstaunlich romantischem Furor erzählt ist. Der Graben zwischen Generationen, zwischen Natur und Technik, zwischen zwei unterschiedlichen Herkünften wird überbrückt, zwischen zwei Männer, deren Heterosexualität Behauptung bleibt – es gäbe eine ferne Verlobte aus einer anderen Zeit. Jedenfalls möchte der eine seinen LKW neben dem heißgeliebten Blumenbeet des anderen parken. Dieser einfache Umstand wird zur melodramatischen Spannungsminiatur. Tatsächlich ist es das größte, furios inszenierte Drama eines Films, in dem Kinder zwischenzeitlich verschwinden, Verlobungen zerbrechen und eine Liebe auf der Kippe steht. Eine Blume könnte unter die Räder kommen, das Paradies steht auf dem Spiel. Das sich langsam nähernde riesige Rad, die zärtlich vorstehende Blume, die sich aus dem Beet Richtung Straße senkt, die akribische Vorsicht des Fahrers, das Bangen des Gärtners, die absurde Katastrophe: Es ist sicherlich vor allem ein aberwitziges Zwischenspiel, aber eben auch das Herz des Ganzen.

La maldición de Frankenstein / Eine Jungfrau in den Krallen von Frankenstein
(Jesús Franco, F/E 1973) [35mm, OmU]

großartig +

Wie eine surreale Überlagerung Rollin-Breitseite von Franjus JUDEX mit den Frankenstein-Filmen Terence Fishers, aber alles unter den klaren Vorzeichen eines Jess-Franco-Films. Vier Ausprägungen des verrückten Wissenschaftlers halten die Welt im Atem: Dr. Frankenstein, seine Tochter, seine Kreatur und Cagliostro (Howard Vernon), und ergeben einen Schmelztiegel popkultureller und surrealer Bilder und Texturen. Gerade die Musik und das Sound Design – eine Frau mit Vogelgefieder zirpt immer wieder – sowie die Orte – sonnendurchschienene schicke Balkons und Paläste inmitten von exotischem Grün sowie karge Keller und Labors – machen aus diesem Pappmachépulp doch etwas Sagenhaftes.

Make You Mine: Maya und der kleine Tod m
(Andreas Beilharz, D 2026) [digital]

großartig

Die simple Gegenüberstellung des Musikvideos zu Madison Beers MAKE YOU MINE mit einer etwas speziellen Cumshot-Kompilation. Hier die Inszenierung von Lust, Begierde und unheimlichen Gefühlen. Da eine abstrakte Reduzierung auf die Handlung ohne Gefühl – höchstens mit der kindlich wissenschaftlichen Neugier reibt die Frau, ob die Penisse der nur daliegenden/-stehenden Männer immer so zucken und was ausspuken, wenn an ihnen gerieben wird.

Herbstromanze
(Jürgen Enz, BRD 1981) [35mm] 7

fantastisch +

Vor 14-15 Jahren war ich arbeitslos und wurde für ein Jahr bei einer Fortbildung geparkt. Eine der eher weniger lehrreichen Wochen sollte uns den Umgang mit Microsoft Office lehren, richtete sich aber eher an die von uns, die damit noch kaum Kontakt hatten. Abschluss sollte z.B. eine PowerPoint-Präsentation sein, zu egal welchem Thema, mit der nur zu beweisen sei, dass wir das Programm beherrschten. Nachdem ich im September bei einem außerordentlichen Kongress des Hofbauer-Kommandos gewesen war, hatten sich meine filmischen Vorlieben herumgesprochen, was dazu führte, dass mir mehr oder weniger die Mutprobe gestellt wurde, dass ich einen Vortrag über Jürgen Enz halten sollte. Was ich liebend gerne tat. In diesem Vortrag zeigte ich u.a. auch ein Ausschnitt aus dem tristen Frühstück aus HERBSTROMANZE, die so gut ankam, dass eine Handvoll der Mitfortgebildeten diesen Film sehen wollte. Am Ende des dann tatsächlich stattgefundenhabenden Filmabends fragte eine der Teilnehmerinnen, ob sie dableiben könnte – es wäre spät, der Heimweg so weit. Klar, durfte sie … und tatsächlich ist sie nie wieder gegangen. Anderthalb Jahre später zog sie bei mir ein und bis heute kann ich mein Glück kaum fassen. Es war im November 2012 als meine Herbstromanze mit Sabrina Z. begann.
Ansonsten ein wunderbares Wiedersehen, bei dem ich mal wieder feststellen musste, wie düster und abgründig die Romanze im Film tatsächlich ist.

Vibrations
(Michael Paseornek, USA/CA 1996) [VHS]

gut

James Marshall (TWIN PEAKS), Christina Applegate (sichtlich als Kelly Bundy mit einem Bisschen mehr Grips gecastet) und Alex Christensen (U96) in einem Film vereint: Mehr Mitte der 90er kann es kaum werden. Aber während ich bei den anderen beiden die zeitliche Limitierung ihres Erfolgs doch erklärbar finde, ist es mir bei Marshall ein Rätsel. Wahrscheinlich hat sich einfach niemand gefunden, der etwas mit dieser verschüchterten Männlichkeit, dieser fliehenden Persönlichkeit anfangen konnte. Allein sein Lächeln ist ein Phänomen. Es ist existentiell scheu und wirkt wie eine vorweggenommene Entschuldigung, trotzdem ist es grenzenlos sympathisch und ganz natürlich der Mittelpunkt des Rampenlichts, der nichts neben sich duldet. Vll. lässt es sich die kurze Halbwertszeit seiner Karriere aber ganz gut mit diesem Film hier erklären. Ein Rockerangriff beraubt einem angehenden Musiker (Marshall) seiner Hände. Er landet als Alkoholiker auf der Straße, reißt sich alsbald wieder zusammen, bekommt Roboterhände gebaut und wird mit diesen Technostar. Immer wieder ist dies ein Hingucker, mit größter Selbstverständlichkeit kaum fassbar. Gleichzeitig ist er aber viel zu nett und sympathisch, eine Ansammlung von Tropen, die sich vor der Hingabe an den Wahnwitz scheut. Irgendwie fehlt etwas, dass hier mehr herauskitzelt.

Donnerstag 19.03.

Sperrbezirk
(Will Tremper, BRD 1966) [35mm]

großartig

Es ist nicht mehr sicher zu eruieren, weil die eigentlich von Tremper erstelle Version verloren ist, aber er hat sicherlich ein überspanntes, überdrehtes Sittendrama gedreht. Dieses wird in der erhaltenen Version aber verwässert, weil Produzent und Autor Ernst Neubach vermutlich mehr Fakten unterbringen wollte. Jedenfalls sind manche Szenen – wie der Infodump bei Kommissar Wagner (Karel Štěpánek) bspweise – sichtlich steifer inszeniert als der Rest.
So oder so werden die Methoden von Zuhältern an einem Beispiel nachgezeichnet, wie sie junge Frauen aussuchen, sie in ein ausgearbeitetes System locken und sie sich selbst für ihre Ausbeutung entscheiden lassen. Was einerseits minutiös und ernst nachgezeichnet wird, aber immer wieder ins Absurde kippt. Wenn die Prostituierten ihrem Zuhälter immer wieder fröhlich in der Hoffnung zuwinken, dass er ihnen noch einmal einen Hauch der liebevollen Aufmerksamkeit zukommen lässt wie zu Beginn ihres Kennenlernens. Wenn die Mafia wie eine Ansammlung von Comic-Relief-Gestalten erscheint, die seit Jahrhunderten im Schrank darauf warteten, mal wieder entstaubt und benutzt zu werden. Wenn der Zuhälter eine scheidungswillige Frau vor den Augen seiner johlenden Kumpane verführt und so die Grundsituation des Films und seiner Zuschauer – des Hofbauer-Kongresses insgesamt – metatextuell spiegelt. Im Finale im Autokino, bei dem die Schlacht zwischen Indianern und Cowboys die Polizisten und Gangster aussehen lässt, als wollen diese auch nur die Fiktion imitieren. Wenn der Film hinter der Leinwand des Autokinos endet, wo Ann (Suzanne Roquette) hinter den Phantasiegespinsten verloren und verkatert herumstolpert.
Der Zuhälter wird übrigens von einem Harald Leipnitz gespielt, der im charmanten Arschlochsein vollkommen aufgeht und die Performance seiner Karriere abliefert. Der in Bruchteilen von Sekunden von niederträchtiger Arroganz auf schmierige Romantik umschaltet. Dazu haben die jungen Hans Clarin und Dieter Hallervorden kleine Rollen, und fertig ist der stimmungsschwankungsreiche, seltsame, tolle Film.

Die Liebesquelle
(Ernst Hofbauer, A 1966) [35mm] 2

gut +

Es gibt viele Absprungstellen für Zuspitzung, Eskalation, Exzesse und lässige Entspannung. In einem fiktiven schwedischen(?) sind alle Frauen blond und tragen ein üppiges Dekolleté, während die Männer – bis auf den kernigen Bürgermeister (Sieghardt Rupp) – ottonormale Trüblinge sind, die den offenbaren Sexappeal ihrer Frauen nicht mehr sehen, aber bei jeder sich bietenden stelzböckischen Gelegenheit zum Fernglas greifen. Eine Quelle soll die darin Nacktbadenden schön und die aus ihr Trickenden potent machen. Sie soll für den Fremdenverkehr erschlossen und vor den Sittenwächtern versteckt werden. Die entstehenden Konflikte könnten bspweise ohne Probleme in eine Version von Aristophanes LYSISTRATA umschlagen, in dem Frauen ihren Männern den Sex entziehen, bis der Frieden siegt, aber keine der sich bietenden Gelegenheiten werden wahrgenommen. Es herrscht eine ständige Betriebsamkeit, die Konflikte aufbaut und in der Leute als lustvolle Wesen gnadenlos scheitern, aber irgendwie bleibt es doch unfokussiert und entspannt. Es ist also ein schöner Lust-und-Laune-Film – von 35mm durchaus viel schöner als in der Videoknüppelpräsentation einige Kongresse früher –, der sehr gern pointiert schneidet – vom Wort Manneskraft zu Sieghardt Rupp, der diese mit nackten Oberkörper in der Quelle liegend und aus dieser potent saufend als Karikatur darstellt –, der aber nicht pointiert ist. Am besten: die aufgeregt quakenden Gänse, mit denen immer wieder die sexuelle Hysterie der Menschen gespiegelt wird.

LSD: Insight or Insanity? m
(Max Miller, USA 1967) [16mm]

gut

Arbeitskraft ist stets das Erste, weshalb Leute aus den Klauen der Drogen gerettet werden müssen. Kaum auszudenken scheint den interviewten Wissenschaftlern, dass jemand nicht arbeiten kann und will. Diese auf Leistung fixierten Gelehrten stammeln sich aber erstaunlich unsortiert durch den Film, brauchen teilweise mehrere Sekunden, um ihren Faden wiederzufinden … und dieser triste, psychedelische Aufklärungsfilm, der ein Fließband an durch mütterlichen LSD-Konsum mutierte Hamsterembryos auffährt, macht sich nicht die Mühe, das zu bereinigen, sondern lässt es ganz salopp drinstehen.

Nights in Black Leather
(Richard Abel, USA 1973) [16mm. OF] 2

gut

Ein Fetischfilm, der das Aussehen von Peter Berlins Körper genießt. Der vll. am ehesten noch als aufeinander folgende Fotografien Sinn ergibt. Seine Sexszenen sind zu lang, zu unattraktiv, suchen sie doch im Grunde nur nach Posen, in denen Berlin vorteilhaft festgehalten werden kann. Sobald es also um Bewegung geht, folgt am ehesten noch ausgedehnte Fugenkunst, mit denen der Film auf seine Spielzeit gebracht wird. Woraus aber auch wieder folgt, dass Abel noch nicht aus dem Wissen heraus agiert, wie ein Porno auszusehen hat. Es folgen nicht die erforderlichen Stellungen aufeinander, sondern eine weitere Suche nach eigener, gemeinsamer und gefilmter Lust.
Wahrscheinlich bin ich dem ganzen auch positiv gegenüber eingestellt, weil Berlin einfach faszinierend anzusehen ist. Das kantige Gesicht und der ausdefinierte, statuenhafte Körper wollen einfach nicht zu diesem süßen, petit Miniarsch passen. Der sieht nämlich am Rest des Körpers aus, als ob er durch Spezialeffekte geschrumpft wurde. Dieser Körper ist quasi ein optisches Oxymoron. (Und dass dieser Astralkörper so schmerzhaft nichtssagend mit deutschem Akzent vor sich hin labert, ist ein zusätzlicher spannender Widerhaken.)

Mittwoch 18.03.

Der Kommissar (Folge 24) Eine Kugel für den Kommissar
(Erik Ode, BRD 1970) [DVD]

nichtssagend

Harald Juhnke als Limo saufender Spitzel und Klaus Löwitsch als Hufeisenbart tragender Schläger sind leider eher verschwendet. Was für zwei Präsenzen für so eine eher ziel- und interessenlose Folge. Selbst dieses Frauen-die-den-Fall-selbst-lösen-wollen-müssen-gerettet-werden-weil-Feminismus-nur-Quatsch-sei-Motiv ist arg verschenkt und bietet außer dem Moment, in dem Kommissar Kellers Frau im Hinterhof eines Bordells Muffensausen bekommt, nichts.

Dienstag 17.03.

There Is Another Sun
(Lewis Gilbert, UK 1951) [stream, OmeU]

gut

Einige wunderbare Momente – die Jahrmarktsmitarbeiter warnen einander vor dem schnüffelnden Polizisten, als solle eine Gegenversion zum Gaba Gaba, we accept her, one of us aus FREAKS entworfen werden; die glühende, alles beiseiteschiebende Todessehnsucht von Racer (Maxwell Reed), die Motorradrennen – stecken hier drinnen. Ein Boxer (Laurence Harvey) riskiert seinen Erfolg und die Erfüllung der heterosexuellen Liebe, weil er einem egoistischen Rennfahrer hörig ist. Das Drama um Verantwortung und (nicht wahrgenommene homosexuelle) Begierden ist aber zu umständlich, zu sehr hin und her, als ziere es sich, auf den Punkt zu kommen.

Sonntag 15.03.

カルメン純情す / Carmens reine Liebe
(Kinoshita Keisuke, J 1952) [DVD, OmU]

verstrahlt +

In der Fortsetzung von CARMEN KEHRT HEIM ist alles anders … bis auf Carmen (Takamine Hideko), und auch sie ist nur vorerst dieselbe. Aus dem farbigen Heimatfilm ist eine schwarzweiße Sozialdramagroteske geworden. Nachkriegstokio: das Geld ist knapp, zwielichtige Politiker propagieren aus zwielichtigen Gründen die Wiederbewaffnung und die Rückkehr zu alten Werten, nur die Reichen können ein dekadentes Leben in grotesker Verwestlichung führen. Dass ist alles an sich schon ein wirrer Mix aus penetrant schiefen Kameraeinstellungen, überzeichnete musikalische Formen der klassischen Moderne, wirre Karikaturen abstrakter Kunst, von Verwirrungen und Verlorenheit in einer Welt, die keinen Sinn mehr ergibt. Dann verliebt sich die abgeklärte Carmen aber auch noch, wodurch letztlich auch die letzte Figur ihre Selbstbestimmung verliert und zum tragischen Automaten ihrer Begierden und Ideologien wird. Wahrscheinlich der vollendteste Dada-Film der Menschheitsgeschichte, der gleichzeitig doch sein Herz nicht aufgibt und die Irrungen und Wirrungen dieser Menschen doch liebevoll betrachtet.

ズームアップ 聖子の太股 / Zoom Up: Seiko’s Thigh
(Ohara Kōyū, J 1982) [DVD, OmeU] 2

gut

Spanner Toshiro (Ueno Jun) entwickelt ein tatsächliches Sexleben. Jahrelang hatte er das Objekt seiner Begierde (Terashima Mayumi als Seiko) nur fotografiert, so dass er jetzt nur noch eine Erektion bekommt, wenn er die Frauen vor ihm fotografiert. Aus Toshiros Sicht ist der Film die Geschichte eines Perversen, der mit sich ins Reine kommt. Aus Seikos die Geschichte einer objektivierten Frau, die die Distanz des Fotografen zu schätzen lernt – im Vergleich zu den übergriffigen Männern in ihrem direkten Umfeld. Meist zieht es so entspannt dahin, wie ein Film über sexuelle Übergriffe sein kann, und versucht erst gar nicht groß Sinn oder einen erzählerischen Bogen zu ergeben. Die Produktion von Unter-den-Rock-Fotografien wird in seiner Konsequenz als traurigen dargestellt, im Moment aber als ulkigen Spaß. Am besten: drei Spanner sitzen im Busch und betatschen gleichzeitig ein Paar, das heimlich im Park kopuliert und das in ihrer Ekstase nicht mitbekommt, dass ihr Partner plötzlich etwas viele Hände an ihrem Körper zu haben scheint.

Sonnabend 14.03.

Project Hail Mary / Der Astronaut
(Phil Lord, Christopher Miller, USA 2026) [DCP]

großartig

Statt dem bedeutungsschwangeren Ernst von Kubricks 2001 bekommen wir verspieltes Nerdtum. Mehr dazu auf critic.de.

Freitag 13.03.

Driver dagg faller regn / Das Mädchen von Germundshof
(Gustaf Edgren, S 1946) [stream, OmU]

gut +

Schweden auf dem Land zwischen Vormoderne und Moderne, zwischen Wassergeistern und Rationalität, zwischen verbitterten Familienfehden und zärtlicher Liebe, zwischen Räuschen (Hass & Tanz) und sachlich-sentimentaler Einwilligung ins Happy End. Eine Familiengeschichte wiederholt sich und es muss aus dem Teufelskreis, der sich wieder flammend zuzieht, ausgestiegen werden, aus der ewigen Wiederholung des Gleichen. Vor allem in der ersten Stunde ist es niederschmetternd, wie geplante Ehen als gesellschaftlich sanktionierte Vergewaltigungen dargestellt werden und wie niemand etwas daran auszusetzen hat – außer unserem Helden. Wie der Film Lebenslust, tragische Romantik und erdrückendes Melodrama verzwirbelt ist eigentlich toll und wahrscheinlich sieht er eigentlich auch toll aus. Auf Netflix ist davon nichts zu erblicken. Das dort zu Streamende hat null Atmosphäre. Die glattgewienerten, zu hellen Bilder machten keine Lust zu verweilen. Dann doch lieber verwaschene VHS-Scans.

Ready or Not / Ready or Not – Auf die Plätze, fertig, tot
(Matt Bettinelli-Olpin, Tyler Gillett, USA 2019) [stream, OmeU]

ok

Die Idee – die reichen Schwiegerverwandten stellen sich in der Hochzeitnacht als Satanisten heraus, die Jagd auf einen machen, weil sie nur reich und lebendig bleiben, wenn sie einen dem Teufel opfern – ist eigentlich sehr vielversprechend. Die Umsetzung krankt daran, dass nie ein Zweifel besteht, dass es die Braut (Samara Weaving) mit Deppen zu tun hat, die sich im Zweifel selbst dezimieren. Weder gelingt es ansatzweise das Potential aus der In-Law- oder Reiche-sind-ahnungslose-Teufelsanbeter-Groteske herauszuholen, noch werden die Daumenschrauben in der Menschenjagd angezogen. Es macht schon Spaß, aber außer Samara Weaving bleibt nichts hängen.

Donnerstag 12.03.

The Devil Rides Out / Die Braut des Teufels
(Terence Fisher, UK 1968) [blu-ray, OF]

großartig +

Zwei junge Erwachsene müssen aus den Klauen von Satanisten gerettet werden. Doch die paganen Freuden haben sie im Griff wie eine Sucht. Zu astrologischen Treffen gehen sie, zu gehobenen Abendgesellschaften, rauschhaften Riten im Wald, sie durchleben vom Tod durchrittene Nächte und bringen Unheil und traumhaften Irrwitz in ein idyllisches Heim. Mit Schweiß auf der Haut irren sie unstet durch den Irrgarten einer magischen, unsicheren, verzehrenden Welt unterhalb der offiziellen, nie wirklich anwesenden Gesellschaft. England ist hier noch ein Land von Feen, in dem nicht mal die Kämpfer gegen den Satanismus dessen Kraft anzweifeln. Die Moderne tritt höchstens als futuristischer Wahn auf, als rasante Autoverfolgungsjagd. Und das Faszinierendste ist, dass es im Grunde ein Duell zweier Augenpaare ist. Christopher Lee steht auf der Seite des Guten, und doch verkörpert er eine dunkle Autorität, die keine Fragen beantwortet, sondern Gehorsam einfordert. Während Charles Gray als Kopf der Teufelsanbeter seinen charismatischen Verführer als umgänglichen Dandy spielt. Seiten wählen ist also überflüssig, es gilt einfach die rationelle Ausbeutung und Entfremdung der Moderne für anderthalb Stunden gegen den ephemeren Glanz eines vormodernen Horrors einzutauschen.

Mittwoch 11.03.

Der Kommissar (Folge 23) Tödlicher Irrtum
(Wolfgang Becker, BRD 1970) [DVD]

großartig

Das bekannte Motiv vom Priester, dem der Mörder die Tat gestand und der nichts sagen darf, führt nur in die Episode und wird bald fallengelassen, mehr oder weniger. Es führt uns zu einer reichen Frau (Agnes Fink), die diverse nichtsnutzige, trostlose, trunstvolle Männer – Liebhaber (Anton Diffring!), Söhne, Schwager, Schulfreunde – in ihrer Villa wohnen lässt. Sie ist von Nattern umringt. Und Becker genießt es sichtlich, die undurchsichtigen Männer in den Schatten und Winkeln des barocken Wohnschlosses, des wunderschönen Käfigs des Reichtums, rumstehen und die Frau vor ihnen berechtigterweise zurückschrecken zu lassen. Eine abgründige #metoo-Komödie.

Dienstag 10.03.

殺絕 / Soul of the Sword
(Hua Shan, HK 1978) [blu-ray, OmeU]

großartig +

Ein Namenloser (Ti Lung) hat es sich zur Aufgabe gemacht, den König des Schwerts (Ku Feng) zu besiegen und damit der beste aller Schwertkämpfer zu werden. Alsbald wird der Film in diverse Nebenstraßen abdriften, und doch ruft sich das Kerngeschäft, der Actionfilm, unablässig in Erinnerung. Kaum vergeht Zeit bis neue Schwertkämpfer auftauchen, der Mann ohne Namen aus dem Weg räumen muss. Diese haben zwar alle ihre ganz eigenen Techniken, aber anders als in Kung-Fu-Filmen, wo auf Stile, Schulen und Lehrmeister wertgelegt wird, ist es hier zuvorderst – auch inszenatorisch – Rauferei. Es gewinnt, wer fokussierter ist und so am meisten aus sich herausholt – soweit der Film es uns wissen lässt, ist Ti Lungs Figur ein Autodidakt mit lasergebündeltem Willen.
Aber wie gesagt: Nebenstraßen. In der komödiantischen Cautionary Tale verkleidet sich der König der Schwerter und freundet sich mit dem Namenlosen an. Vll. um den Konkurrenten aus dem Konzept zu bringen, vll. um ihn vor seinem Schicksal zu schützen, zeigt er ihm die Schönheit des Lebens. Sein Humanismus umfasst Mitgefühl mit Menschen, Essen, Trinken und Sex. Und neben Ku Fengs genussvollem Grinsen und seinen Pausbäckchen sehen Ti Lungs zusammengekniffenen Augen* aus, als ob sie im Leben schon verloren haben.
In der tragischen Romanze muss die Liebe ihre menschliche Gestalt ablegen, um den Panzer des Namenslosen zu durchdringen, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. He Lian (Lin Chen-Chi) ist Geist und Reinkarnation einer Geliebten eines vorherigen Herausforderers des Königs des Schwerts. Sie ist das ewig wiederkehrende Hindernis der männlichen Vollendung, die Zärtlichkeit, die sie aus dem Tritt bringt. Sichtlich fehlt Hua Shan ein wenig Gespür für diesen Teil des Films, und trotzdem: Dies hätte bereits eine herzschmerzige chinesische Geistergeschichte sein können, so ist es eine wunderschöne Vorstudie.
Kurz: Unübersehbar ist dies ein Film der Shaw Brothers, ein Film seiner Zeit, und doch kündigt sich bereits das Lospreschen des Hongkongkinos an, das alles will und für knapp zwei Jahrzehnte zum Mekka unbändigen Kinogenusses wird.
*****
* Klar, er lächelt sein unvergleichlich weiches, verzauberndes Lächeln, aber es lässt ihn nur umso virtuoser erscheinen. Seine Figur ist total fokussiert und kann doch gelöst schmunzeln. Wow.

Montag 09.03.

Der Kommissar (Folge 22) Tod eines Klavierspielers
(Michael Kehlmann, BRD 1970) [DVD]

nichtssagend

Ein Mord führt zu einem bald durchgeführt werdenden Bankraub, vor allem aber zu einem mit allen Wassern gewaschenen Gangsterboss, der beweist, dass er ein Herz hat. Günther Ungeheuer spielt diesen punktgenau. Die restlichen Figuren und ihre Darsteller sind gleich wieder im Nebel der Erinnerung verschwunden. Und Michael Kehlmann (Vater von Daniel) hat eher ein Gespür für das trostlose Ambiente einer leeren Kneipe am Nachmittag, als für das Abhängen in dieser, er hat eher ein Gespür für den Bankraub, als die Leute, die ihn durchführen oder verhindern wollen. Und das Reinecker-Sprech braucht sichtlich eine Überzeichnung und nicht diese Versuche, sie natürlich wirken zu lassen. Alles im allen keine Folge, die Gründe liefert, sie länger im Kopf zu behalten.

Sonntag 08.03.

La Mort viendra / Der Tod wird kommen
(Christoph Hochhäusler, F/B/L 2024) [stream, OmU]

großartig

Die Suche nach Wärme in einer unterkühlten Noirwelt. Mehr dazu bei critic.de.

カルメン故郷に帰る / Carmen kehrt heim
(Kinoshita Keisuke, J 1951) [DVD, OmU]

fantastisch

Kinoshita lässt es aussehen, als hätte George Cukor einen Heimatfilm in Japan gedreht. Carmen (Takamine Hideko), Revuestar aus Tokio, macht Urlaub zu Hause auf dem Dorf – was hier nicht Berg und Wald heißt, sondern die weiten Wiesen am Fuß eines Bergs. Genderkonform trifft mit der Frau aus der Großstadt in der Heimat aber Moderne auf Tradition – was im Nachkriegsjapan auch heißt: Westen auf Tradition sowie Individualismus auf Patriotismus. Die Vorzeichen sind jedoch nicht so eindeutig. Die Heimat ist hier einfach nur Ort und nicht zum Ideal strebendes Idyll. Klar, die Dorfbewohner sehen in der grell- und leichtbekleideten Carmen vor allem den Sittenverfall – für den Schuldirektor (Ryū Chishū*) versinnbildlicht sie den Untergang des Morgenlands, Carmens Vater ist sie peinlich, und die meisten Männer feiern einfach nur, wieviel Bein sie zeigt. Unbestreitbar ist sie aber auch selbstbestimmt, eine Heldin nicht nur für die Frauen, und der Katalysator, dass ein blind aus dem Krieg heimgekehrter Soldat seine Orgel wiederbekommt, dass der Muff im Dorf durch eine frische Brise aufgewirbelt wird.
Vor allem ist der Heimatfilm hier ein lockeres Lustspiel, das seinen Culture Clash als Aufeinandertreffen von Verklemmung auf Frivolität versteht, als liebevollen Blick auf allerlei Menschen mit ihren Unzulänglichkeiten. Die Figuren sind Karikaturen, die immer wieder wie auf einer Bühne stehen – mehrmals befinden sie sich auf dem Kamm eines Hügels und hinter ihnen ist lediglich blauer Himmel und weiße Wolken. Im besten Sinne ist dies also Protositcom, in der Darsteller und Drehbuchautoren jede Menge Platz bekommen, um den Unsinn aus den klar umrissenen Figuren ausbrechen zu lassen.
Aber der Film gibt einem noch mehr. Den Rausch der Farben – es handelt sich um den ersten japanischen Farbfilm –, mit dem sich der Einbruch der Moderne metatextuell und am deutlichsten ausdrückt. Die ruhige, aber doch pointierte Montage, die die Figuren und Ideologien immer wieder aufeinanderprallen lässt. Und die Weigerung klare Positionen zu vertreten – lieber wird genossen, was sich entspinnt. Die gebotene Bühne ist also kein Da, sondern immer Einladung zur Teilhabe.
*****
* Welch ein begnadeter Komödiant in ihm steckt, ist im Westen leider weiterhin Geheimtipp.

Sonnabend 07.03.

洪拳與詠春 / Shaolin Martial Arts
(Chang Cheh, HK/TW 1974) [blu-ray, OmeU]

großartig

Die Schergen der Qing-Dynastie zerstören eine Kampfschule der Shaolin. Eigentlich ist ihre Kampfkunst unterlegen, wären da nicht zwei unbesiegbare Kampfvirtuosen auf ihrer Seite. Vier Schüler der Shaolin können sich retten und ziehen aus, um bei zurückgezogen lebenden Meistern die Kampfkünste zu erlernen, die es zum Sieg über Unbesiegbare braucht. Diese einfache wie bekannte Geschichte wird aber aufgebrochen und quasi zweimal erzählt. Um die Formel zu variieren, um noch mehr Kampfkunstlehrmethodenirrsinn auf den Zuschauer loszulassen, um – für Chang Cheh eher unerwartet – nahezulegen, dass Entschlossenheit und Können nicht reichen, sondern dass Liebe im Leben vll. auch hilfreich sein könnte, und um immer noch einen Scherz mehr damit zu machen, dass einer der Unbesiegbaren seine Genitalien einziehen kann und deshalb für Tritte, Schläge und Erotik unangreifbar ist – was wiederum klar in Chang Chehs Männlichkeitsideologie passt, denn: Wer keinen Schmerz fühlt, kann nur eine trübe Tasse sein.

カリスマ / Charisma
(Kurosawa Kiyoshi, J 1999) [blu-ray, OmeU] 2

fantastisch

Der Wald, der Wind in den Ären, die zerfallene und die moderne Architektur mitten in der Natur: Dieser Film sieht sagenhaft schön aus. Ihn einmal von 35mm zu sehen, wäre bestimmt ein Traum.
Es ist aber auch jede Menge los in dieser bedeutungsschwangeren Parabel. Ein deprimierter Polizist (Yakusho Koji) flieht vor seinem Leben und geht in den Wald. Dort kämpfen verschiedene Parteien um einen seltenen Baum, um einen Charisma. Für die einen ist der Baum, der mglweise das Land um sich vergiftet, ein zu verehrendes Symbol des (Sozial-)Darwinismus, für die anderen etwas, das gleich mit dem ganzen Wald zerstört werden muss, damit ein neues, gesundes Ökosystem entstehen kann, während sich wieder andere an dieser Seltenheit bereichern wollen. Es wird sich auf Geistes- und Naturwissenschaften berufen, auf Moral und esoterische Spinnereien. Seelen werden geraubt, so wird behauptet, Autos angezündet, das Grundwasser vergiftet und wirtschaftswissenschaftliche Wertschöpfungsgesetze walten gelassen. Zuweilen befinden wir uns in einem Horrorfilm, in einem Ökothriller, vor allem sehen wir aber den Polizisten hin und her wandern und Leute treffen, die sich vollkommen (absurd) an ihre eine Welterklärungen klammern.
Repetitiv kommt er an dieselben Punkte und erlebt immer neue, immer bizarrere Konstellationen des Bekannten. Während der Film so tut, als zeige er uns ein meditatives, sich in seiner Schönheit verlierendes Psychodramagleichnis, befinden wir uns tatsächlich aber in einem absurden Theaterstück wie von Samuel Beckett. Die zuweilen auftretenden großen Gesten und bedeutenden Monologe sind sicherlich auch ernstzunehmende philosophische Brosamen, vor allem sind sie aber Teil der allgemeinen Albernheit. Die vorherrschende Art von Witz: Als Running Gag fällt immer wieder hinter den Protagonisten ein junger Baum, wie vom Blitz geschlagen, tot um – vll. wegen des Charismas. Das hört sich nicht nach viel an, aber nachdem das zum sonst wievielten Mal geschieht, während vor ihm großspurig und verpeilt über Leben und Tod philosophiert wird, dann ist es nicht weniger als einer der besten Gags der Welt.

Unter dir die Stadt
(Christoph Hochhäusler, D/F 2010) [DVD]

gut

Unterkühltes Liebesdrama, in dem Bankgeschäfte, sexuelle Obsessionen und bereinigte Selbstbilder übereinandergelegt werden. Ich bin mir nicht sicher, aber vll. lag meine Distanz zum Film einfach an der Musik, die mir zu sehr darauf aus war, die Wertigkeit zu unterstreichen.

Freitag 06.03.

Quatre nuits d’un rêveur / Vier Nächte eines Träumers
(Robert Bresson, F 1971) [stream, OmeU]

großartig

Bresson ist in der 1970ern angekommen. Junge Menschen suchen in einem verspielten, farbigen Ambiente, in einer allgemeinen Aufbruchstimmung nach der Liebe. Vll. war Bresson nie näher an einem luftigen Film über Jugend, über sommerliche Nächte, in denen nach sich selbst gesucht wird: Popmusik, Farben, ein ungebundenes Lebensgefühl. Am besten ist gleich der Beginn: Der Träumer des Titels fährt aufs Land, nur um dort auf Blumenwiesen Purzelbäume zu schlagen und dann abends wieder heimzukehren. Und doch ist es sichtlich ein Film Bressons. Die Welt und die Körper sind Gefängnisse, Liebe ist fatal, das Individuum albern. Als es beim Träumer, einem Maler, klingelt, räumt er erst allen Essenreste aus dem Wohnzimmer und dreht seine Gemälde um. Umsichtig ist er wie Norman Bates in PSYCHO, umsichtig werden seine Handgriffe verfolgt. Er ist unfähig sich zu offenbaren, und der Film ist ebenso nur kaschierende Oberfläche. Glück ist so nicht möglich … und doch ist es dieses Mal offener, versöhnlicher, statt bitterer existentieller Erfahrung.

Frankenstein and the Monster from Hell / Frankensteins Höllenmonster
(Terence Fisher, UK 1974) [blu-ray, OF]

großartig

Aus Gründen ist Frankenstein (Peter Cushing) doch nicht tot, und wir finden ihn in einer Irrenanstalt wieder, wo er sich als Arzt versteckt hält. Um ihn herum bringt die Exposition diverse Potentiale in Anschlag – eine von seinen Insassen kaum zu unterscheidender, sexuell übergriffiger Direktor, sadistische Wärter, einen übereifrigen Fan, der den Wahnsinn seines Idols erkennen muss, ein stummer Engel und diverse überzeichnete Patienten. Für Frankenstein bilden diese Figuren aber bestenfalls ein Baukasten für eine neue Kreatur, schlimmsten Falls Hindernisse, die schnell unterdrückt sind. Das Geschöpf, dass er dieses Mal baut, soll ein Genie mit einem übernatürlich starken Körper werden, eine Eier legende Wollmilchsau für das 19. Jahrhundert. Tatsächlich ist es aber mehr als je zuvor ein Freak, ein muskelbepackter Werwolf, dessen Hormonbehandlung schief gegangen ist. Mit anderen Worten: Frankenstein kann abermals nicht aus seiner Haut, und er darf einfach walten. Die Irrenanstalt und all ihre Potentiale verlieren sich mit der Laufzeit fast völlig, der Film folgt Frankenstein in seinem Tunnelblick auf eine Schöpfung, die scheitern muss. Es ist schade, weil wieder eine neue, höchst verquere Iteration des Bekannten möglich gewesen wäre, es aber nur eine untote Wiederbelebung des Bisherigen geworden ist. Vll. der passende bittere Endpunkt für den von Peter Cushing gespielten Frankenstein, der von Film eins nie etwas kannte außer seinen unumstößlich Willen, Gott die Macht zu entreißen.

Donnerstag 05.03.

Der Kommissar (Folge 21) … wie die Wölfe
(Wolfgang Staudte, BRD 1970) [DVD]

ok

Grete Mosheim als Else Kling auf Speed – wer sich nicht mehr erinnert, das war die Schnüffel- und Tratsch-Nachbarin aus der LINDENSTRASSE – und Horst Tappert als alkoholkranker Fotograf – wobei Alkoholiker bei Reinecker stets so wirken, als wären sie nur zu sensibel für den allgegenwärtigen Trostspender – sind ebenso die Highlights, wie Peter Thomas‘ seltsam am Geschehen vorbeilaufende Musik. Dass Staudte immer wieder Gesichter oder Gegenstände direkt vor der Kamera platziert, wirkt dagegen irgendwann unnötig affektiert, und dass der Fall per zwanzigminütigem Nachstellen der Tat gelöst wird, führt zu ein, zwei gespenstigen Momenten, ist größtenteils aber einschläfernd.

Mittwoch 04.03.

The Bride! / The Bride! – Es lebe die Braut
(Maggie Gyllenhaal, USA 2026) [DCP]

verstrahlt

Der Titel zeigt schon das Hauptanliegen. Dieses Remake, diese Richtigstellung von BRIDE OF FRANKENSTEIN ist angetreten, um das of Frankenstein zu streichen. Führte ein schwülstig daherredender Pseudo-Lord-Byron in Whales Film, der Mary Shelley eine Fortsetzung ihrer Geschichte entlockt, übernimmt hier gleich Shelley das Heft, deren Seele nicht zur Ruhe zu kommen scheint, solange sie ihre Erzählung nicht zu ihrem logischen Schlusspunkt führte – solange sie den neunzig Jahre alten Film nicht feministisch umgearbeitet hat. Wie zuvor spielt dann auch die gleiche Schauspielerin die Braut, die auch Mary Shelley spielt – hier: Jessie Buckley –, nur ist sie nicht mehr nur ein weiteres identitätsloses Folterwerkzeug für Frankenstein – hier: Christian Bale –, sondern der Mittelpunkt des Geschehens.
Zwei Identitäten prallen nun also in einer leicht parallelweltlichen USA der 1930er aufeinander. Frankenstein, der größte Incel aller Zeiten, der als Freak Geborene, der in einer Tour Hollywoodmusicals schaut und in Tagträumen in ihnen tanzt, dessen größter Wunsch es ist Teil der offiziellen Gesellschaft zu sein, aber nie Teil von ihr sein kann, trifft auf die für ihn wiederbelebte Braut, die Teil der offiziellen Gesellschaft war, soweit dies als Frau möglich ist, bis sie es nicht mehr aushielt, rebellierte und ermordet wurde, die in den Gassen Chicagos mit den Ausgestoßenen der Gesellschaft bei einem Konzert von Fever Ray tanzt, also mit den Godbeings von Goblincore, bei dem das gerade traditionell unschön Empfundene noch herausgeputzt wird, die eben nicht mehr Teil der Gesellschaft sein möchte.
Diese Träger dieser diametral entgegengesetzten Bedürfnisse erleben eine fragile, unebene Liebesgeschichte, diese Widersprüchlichkeit wird aber dramaturgisch geradezu links liegen gelassen. Auch dass sich auf den Fersen dieses Paars ein weiteres befindet, dass die beiden spiegelt – ein korrupter Polizist (Peter Sarsgaard) und eine Frau (Penélope Cruz), die als Polizistin ernstgenommen werden möchte – führt nur zu Einschüben eines Noirkrimis, der bestenfalls gut gemeinte Skizze bleibt. Das richtigstellende Remake, die Bilder einer alten, so nie existiert habenden USA, in der die 1930er und die 1950er zusammenfallen, die Reminiszenzen an das klassische Hollywood, die Moderne, die damals im Untergrund lebte, die verrückten Wissenschaftler (Annette Bening), die hier nicht überlegen, was sie machen könnten, sondern worauf im Vorfeld zu achten sei, der Clash von Schönheit und Ekel: Nichts findet erzählerisch, inszenatorisch, atmosphärisch eine ansatzweise funktionierende Form. Es wirkt wie luxuriös budgetierter Schutthaufen verschiedener Ideen und vager Ansprüche.
Und doch gibt es einen zentralen roten Faden. Als wir die Braut erstmals sehen ist sie ein, sagen wir, Escort Girl in einem luxuriösen Ambiente. Sie geht in der Szenerie auf … bis Mary Shelley in ihren Geist eindringt, sie besetzt und prätentiöse Wortsalven abfeuern lässt. Ihre Sprache wird zum hysterischen Mix aus Romantik, Beat und Tourette. Und genau diese Form nimmt auch der Film an. Er ist prätentiös, vulgär, krumm und schief … und lässt einfach nicht zu, dass er ignoriert wird. Und damit findet er doch die perfekte Form, als krude, kompromisslos, unförmig vorgelebte Forderung, so akzeptiert zu werden, wie man ist, egal wie miserabel das wirkt.
Wobei, so ganz stimmt es nicht mit der totalen Abwegigkeit. Das Makeup der Braut ist nicht weniger als sensationell. Der verschmierte schwarze Lippenstift die Wange entlang, sieht aus, als wäre er per Pistolenschuss aufgetragen. Ich würde sofort glaube, wenn mir jemand erzählt, dass der Film nur durch dieses Design sein finanzielles Mittel gefunden hat. Um Val Garland, eine der Judges bei Glow Up: Britain’s Next Make-Up Star zu zitieren, was Lotti Z. (10 Jahre) gerade guckt: Ding Dong!

Dienstag 03.03.

Bride of Frankenstein / Frankensteins Braut
(James Whale, USA 1935) [blu-ray, OF] 2

großartig +

Eine Foltermaschine für Frankensteins Kreatur (Boris Karloff). Statt einer Geschichte zu erzählen, wird der Kreatur einfach nur dreimal Hoffnung gemacht, die mitleidlos und umgehend wieder zerstört wird: er überlebt das Ende des ersten Teils – er wird eingesperrt – er findet einen Gefährten, der ihm Schmausen lehrt – das gemeinsame Eremitenhaus im Wald geht in Flammen auf – er bekommt eine Braut – sie ist wie alle anderen Frauen. Und zwischendrin gibt es Spielereien mit Spezialeffekten. Eigentlich ist es nicht viel mehr – und tatsächlich hat der Film durch die Zensur sichtlich ein paar Federn gelassen –, aber Whale und Co. lassen wirklich alles ikonisch aussehen. Ein kleiner Spaß im purpurnen Gewand eines Kaisers. Einzig, dass Frankenstein (Colin Clive) plötzlich ein Gewissen hat und sein Wahnsinn auf Lehrmeister Petronius (Ernest Thesiger) ausgelagert wird, dass Frankenstein vom Film geschont wird, stößt gerade nach den ganzen Cushing-Fisher-Frankensteinen übel auf.

Montag 02.03.

Der Kommissar (Folge 20) Messer im Rücken
(Wolfgang Staudte, BRD 1970) [DVD]

ok +

Die Sozialstudie von PARKPLATZ-HYÄNEN mischt Reinecker umgehend mit dem Klassen- und Generationenclash von DR. MEINHARDT’S TRAURIGES ENDE. Bei Staudte fehlt aber die Hysterie und das Parallelweltliche, weshalb das Beste der Folge wohl Werner Kreindl (DIE EINSTEIGER) als Barmann ist, der einsilbig wie stoisch die Ermittlungen erträgt und das Ende der Folge abwartet.

Sonntag 01.03.

Hoppers
(Daniel Chong, USA 2026) [DCP]

ok +

Ich habe bei critic.de darüber nachgedacht, was Lotti Z. über den Trailer von Hoppers gedacht haben könnte und es zum real erlebten Film ins Verhältnis gesetzt.

Frankenstein Must Be Destroyed / Frankenstein muß sterben
(Terence Fisher, UK 1969) [blu-ray, OF]

fantastisch

Drink up, shoot in
Let the beatings begin
Distributor of pain
Your loss becomes my gain
Anger, misery
You’ll suffer unto me
Harvester of sorrow

Nachdem Frankenstein (Peter Cushing), als er im Film zuvor eine Frau erschuf, ein ziemlich lockerer Psychopath war, ist er hier ein niederträchtiger, mitleidloser Parasit, der sich in fremden Leben einnistet, sie nach eigenem Wohldünken umgestaltet, der vergewaltigt, mordet und entstellt, der eine Art König Midas ist, nur dass alles, was er berührt, zu Schmerz und Pein wird, auf deren Wellen er durch seine Existenz surft. Nur ein Ziel hat er vor Augen: (brillante) Hirne für spätere Verpflanzungen zu konservieren. Sein Hirnverpflanzungen reißen die Betroffenen nämlich bisher nur aus ihrem Leben, um ihnen zu Bewusstsein kommen zu lassen, in welcher Hölle sie leben. Beschauliche Häuser stopft er mit Leichen voll, Irrenanstalten sind die Banken, bei denen sich für ihn ein Einbruch lohnt, majestätische Anwesen gehen durch seine Anwesenheit in Flammen auf, Menschen schändet er in einer Tour und auf diverse Weisen. Und doch, in Fishers Film ist Frankenstein der Held, ein verwerflicher zwar, aber doch der, dem wir folgen, nicht der, den wir loswerden wollen. Es ist vll. die Meisterleistung Peter Cushings, dass er niemanden neben sich Platz lässt, weswegen ich am Ende weniger mit den diversen Rache- und Vergeltungsparteien mitfieberte, sondern mit Frankenstein, der bis zum Ende die Schiene seines Lebens nicht verlässt. Das große reinigende Feuer, auf das der Film zusteuert, ist so keine Erlösung, sondern eine ungemeine Tragik.

Februar
Sonnabend 28.02.

クラウド / Cloud
(Kurosawa Kiyoshi, J 2024) [blu-ray, OmeU]

fantastisch

Das Konzept ist klar und simpel: Einzelhändler Ratel (Suda Masaki als Mensch gewordener scheuer, Emotionen deckelnder Blick ins Leben) sitzt am Computer und übervorteilt Kunden und Produzenten seiner Ware, um weiterhin von seinen legalen, aber schäbigen Geschäften leben zu können. Sein Gewisse ist lange nur ein Schatten im Augenwinkel, der in Kurosawas Drama – vll. eher das Procedural eines um Kontrolle ringenden, aber scheiternden Lebens – als schnell verscheuchter Horror eindringt. Aber natürlich wird Ratel ernten müssen, was er säht. Nur folgt auf den ruhigen, meditativen Aufbau der ersten Stunde nicht der dazu passende ruhige Sturm, sondern eine knochentrockene Absurdität. Auf die introvertierten Standoffs mit dem Computerbildschirm folgen wilde Schießereien und Verfolgungsjagden. Horror ist nicht mehr eine subtile Kamerabewegung und eine Veränderung im Klangbild, sondern durchgedrehte Folterknechte, die einen durch Wald und eine verlassene Industrielandschaft jagen. Und vll. ist es auch so einfach: Kurosawa ist zwar ein stilvollendeter Meister der Atmosphäre, aber er kann auch los- und Quatsch geschehen lassen, ohne ihn zwanghaft zu forcieren.

Weapons
(Zach Cregger, USA 2025) [stream, OmeU]

gut

Altersdemente Hexen und entführte Kinder: HÄNSEL & GRETEL als Komödie, die immer wieder ein dunkles Horrorseelendrama antäuscht, einen Film, der wirklich am Nervenkostüm nagen könnte, aber sich lieber ums Groteske bemüht. Oft ist dies sehr gut, aber die arg kontrollierte, eitle Skurrilität hält mich doch auf Distanz.

Freitag 27.02.

Frankenstein Created Woman / Frankenstein schuf ein Weib
(Terence Fisher, UK 1967) [DVD, OF, ≠]

großartig +

Das proletarisch-romantische PSYCHO. Frankenstein (Peter Cushing) sperrt den Geist eines geköpften Mannes in den Körper einer wiederbelebten Frau, und die Vereinigung der Geschlechter lässt sie zur tödlichen Bedrohung für die schikanierenden Kinder der Reichen werden, die auf alles treten und spucken, was sich gesellschaftlich unter ihnen befindet. Vererbung, sozialer Trotz, Rache, Klassenkampf, irremachender Schmerz und der Wille, die Welt nicht so zu akzeptieren, wie sie ist, werden zu einem komplexen Text verbunden, der doch ganz entspannt dahinschippert. Eine Schauergeschichte als romantisches Schlendern durch eine angenehm herbstlaubbraune Welt – selbst Frankenstein ist hier so lebenslustig wie nie zuvor –, in der nur die Eltern, die Mächtigen und der Mob stören.
*****
Die Hemden und Westen Peter Cushings sind übrigens der Wahnsinn. Ständig trägt er neue Kombinationen und jedes Mal sieht er wie die Inkarnation von Stil aus.

Feuer unter Deck
(Herrmann Zschoche, DDR 1979) [DVD]

großartig

Die Frau (Renate Krößner) will den langen, im feuchten Nass dahinziehenden Kahn domestizieren und zum Restaurant machen. Der Mann (Manfred Krug) will kernig und frei damit herumfahren, will sich nicht aufs alte Eisen legen lassen (d.i., er will nicht heiraten), will mit Muskeln, Entscheidungskraft und anderen Kerlen, die Kähne der Welt in der Fahrtbahn halten. Der Kampf zwischen Mann und Frau, zwischen Verantwortung und Freiheit als Katastrophenfilm. Als materialistischer: Ein Schlepper muss von einer Sandbank gezogen werden, das Material, die Kessel, die Menschen kommen an ihre Grenzen. Als zwischenmenschlicher: Mann und Frau lieben sich bis ans Ende der Tage, aber sie sind von Anfang bis Ende unfähig, miteinander zu kommunizieren; zwischen frostigem Schweigen und totaler Erregung gibt es nichts.

Donnerstag 26.02.

Der Kommissar (Folge 19) In letzter Minute
(Wolfgang Becker, BRD 1970) [DVD]

gut

Ein Mann (Heinz Reincke) kommt unschuldig verurteilt, von seiner Frau und seinem besten Freund verraten aus dem Knast, er hat Rache geschworen. In der Echokammer seines Kopfs eingesperrt, läuft er hin und her, wird von Kommissar Keller verfolgt, er trinkt – der Alkoholpegel der bisherigen Episoden – allesamt waren hochpromillig – wird locker abgehängt. Sobald die Leute schweigen, ist dies ein harter, existenzieller französischer Thriller, sobald sie den Mund aufmachen, wird es durch das gestelzte Geschwafel zur Groteske, zu Veranschaulichung der Echokammern, die Reinecker allen seinen Figuren in den Kopf steckt.

Mittwoch 25.02.

Scream 7
(Kevin Williamson, USA 2026) [DCP]

ok

Seit Teil zwei geht es darum, dass Fortsetzungen seltenst das Flair des Originals erreichen. Ein paar neue Ideen hätten dem Film von SCREAM-Erfinder Williamson also gutgetan. Mehr dazu beim Perlentaucher.

Dienstag 24.02.

果てしなきスカーレット / Scarlet
(Hosoda Mamoru, J 2025) [DCP, OmU]

gut

Eine Version von HAMLET, die versucht einen Ausweg aus dem Wahnsinn gegenseitigen Hasses zu finden, die aber vor allem in ihrem optischen Wahnsinn aufgeht. Mehr dazu bei critic.de.

Montag 23.02.

Der Kommissar (Folge 18) Dr. Meinhardt’s trauriges Ende
(Michael Verhoeven, BRD 1970) [DVD]

gut

Der Generationenkonflikt als unwahrscheinliches Miteinander und Aufeinanderprallen von alten bürgerlichen Rechthabern und Heuchlern auf jugendliche Gecken, die ständig hervorheben, dass sie mit allen Wassern gewaschen seien und mit ihrer Unmoral keine Probleme hätten. Von Leuten, die Sex verstecken, kontrollieren und unterdrücken, auf solche, die ihre Freizügigkeit ständig betonen. Vor allem eine gute Folge, die daran krankt, dass sie auf vier zunehmend jenseitige Episoden folgte, und diesen nur bedingt etwas entgegenzusetzen hat.

Sonntag 22.02.

Die drei ??? – Toteninsel
(Tim Dünschede, D 2026) [DCP]

uff

Bob (Levi Brandl ) hat eine neue Freundin, die im Rollstuhl sitzende Hackerin Jelena (Momo Beier), die für das Vorankommen und die Lösung des Falls bald unersetzlich ist. Es steht sogar im Raum, dass sie das vierte Fragenzeichen wird, doch nicht nur Just (Julius Weckauf) hat neidischer Weise etwas dagegen, auch der Film selbst lässt sie Mitten im Film, wenn es auf die Toteninsel geht, zurück. Und es ist die schrecklichste Entscheidung in einem Film mit nicht vielen gelungenen. Denn, statt die Chance zu ergreifen und die unsäglichen Fragezeichen langsam an den Rand zu drängen – ich kann leider weiterhin rein gar nichts an ihnen leiden –, verschwindet einer der wenigen Lichtblicke – sowohl Jelena ist als Figur viel interessanter als der Rest, auch ist Momo Beier (vll. noch mit Filip Schnack, dem Darsteller von Skinny) mit Abstand das Charismatischste im Film.

Vampyr – Der Traum des Allan Grey
(Carl Theodor Dreyer, D/F 1932) [blu-ray] 3

fantastisch

Sichtlich ist Dreyers erster Tonfilm noch ein Stummfilm. Viel muss eben noch aus einem Buch über Vampire gelesen werden, und der Ton dringt in den Film ein, als schwappe er aus einer anderen Dimension hinüber. Vor allem die gehauchten Stimmen wirken einfach nicht, als kommen sie aus den Mündern der Schauspieler. Es ist, als erschienen sie nur zufällig parallel zu dessen Auf und Ab. Die Bewegungen von Hauptdarsteller Nicolas de Gunzburg sehen zudem auch ohne Tricktechnik aus, als ob sie rückwärts aufgenommen worden, um dann beim vorwärts abspielen eine seltsame Aura zu haben – ein Trick, den Dreyer mehrmals in seinem vor expressiven Einfällen gefüllten Film anwendet. Und auch die Geschwindigkeit der Erzählung gleicht eher einem somnambulen Schlurfen. Alles an Dreyers Film wirkt unwirklich und fängt damit tatsächlich einen Tagalbtraum ein. Das Furchterregende: moderne Medizin, alte Frauen und das Vergehen der Zeit, die junge Frauen bedroht.

Sonnabend 21.02.

神通術與小霸王 / The Weird Man
(Chang Cheh, HK 1983) [blu-ray, OmeU]

gut

Tatsächlich wird es weird … nur müssen wir bis zu den ersten Ansätzen eine halbe Stunde Ränke schmiedende Dialoge ertragen. Und selbst wenn die extravaganten Farben übernommen haben und Ricky Chengs Geistertunichtgut ein psychedelisch-unsinniges Tohuwabohu entfacht, bleibt das Rückgrat von Changs Film ein steifer Besen aus Überdeutlichkeit, gnadenlosem Auserzählen und völlig egalen Verschwörungen. Ein Film wie ein Wochenende, an dem die Seele durchbaumeln soll, aber die Steuererklärung gemacht werden muss.

怪談雪女郎 / The Snow Woman
(Tanaka Tokuzō, J 1968) [blu-ray, OmeU]

fantastisch

Es beginnt mit zwei Männern, die endlich gefunden haben, was sie schon lange suchten: einen Baum – sie stehen bewundernd vor einem mammutösen, unbiegsamen Phallus –, aus dem sie eine Frauenstatue schnitzen wollen. Sie bekommen also nur einen hoch, wenn die Frau verdinglicht ist. Die lebendige Frau erscheint ihnen hingegen als tödlicher Dämon. Und so sehr sich die Schneefrau – die besagte Dämonin, die alles einfrieren lassen kann, die sich aus Liebe für einen der Statuenschnitzer als normale Frau ausgibt und diesen heiratete – so sehr sie sich also auch für das Leben anderer aufopfert, so sehr ihre Opfer (fast) nur Vergewaltiger sind, irgendwie fehlt ihrem Ehemann doch der barmherzige Blick eines Buddhas an ihr. Tanakas Film ist also weniger Geistergeschichte, die von einem unwissenden Ehemann handelt, der nicht weiß, welches Grauen er da geheiratet hat, sondern ein übernatürliches Melodrama, in dem sich eine Frau endlos verbiegt, nur um doch mit Feuer malträtiert zu werden, nur um doch vertrieben zu werden. Die Stille des Ehemanns, der ihr am Ende nicht mal pro forma in die Eiswüste nachruft, dass sie doch bleiben könnte, ist das Herzzerreißendste, was ich seit langem erlebte.

Freitag 20.02.

Shirley Valentine / Shirley Valentine – Auf Wiedersehen, mein lieber Mann
(Lewis Gilbert, UK 1989) [stream, OmeU]

gut

In der ersten Hälfte spricht Shirley (Pauline Collins), eine Frau, die in ihrer Ehe nur noch als kochendes Accessoire wahrgenommen wird, mit der Wand in ihrer Küche – uns Zuschauern – und erzählt von kurzen, tristen Momenten ihres Lebens. Der Film ist dabei der sentimentale Seufzer von jemanden, der aufgegeben hat, uns und sich aber vormacht, dass alles doch ganz ok und irgendwie vergnügt sei. Die melancholische Ironie beraubt dem Ganzen zwar seiner Zähne – die Szenen sind fürchterlich geschrieben und ringen damit, dem Trostlosen einen leichten Ton aufzuzwingen –, und doch ist es wohl die beste Version seiner selbst, weil das Scheitern des klammen Lachens, mit dem das Ausmaß der Abgründe überspielt werden soll, alles noch trostloser macht.
In der zweiten Hälfte ist Shirley nach Korfu geflohen, wo sie eine unbeschwerte Urlaubsromanze erlebt. Das Drama ist von ihr und ihren Gefühlen abgefallen. Trist sind nur noch die anderen, die britischen Miturlauber. So erlaubt sie sich also – umzingelt von Engstirnigkeit und Angst – groß zu träumen, von innerer und äußerer Freiheit, von einem genügsamen Leben, in dem sie sich wichtig ist. Und Gilberts Film wird plötzlich leicht, vergnügt … und nur die Trägheit lässt ihn nicht noch schlussendlich das ironische Erzählens Shirleys mit dem Zuschauer abschütteln.

東海道四谷怪談 / The Ghost of Yotsuya
(Nakagawa Nobuo, J 1959) [digital, OmeU] 2

fantastisch

Im Gegensatz zu Misumis Version der evergreenen Geistergeschichte tritt Nakagawa nicht stilvollendet auf der Stelle. Er lässt sich keine Zeit. Er jagt durch viel mehr Plotpunkte, um uns Niedertracht am laufenden Band zu bieten. Statt eine gravitätische Persönlichkeit als Hauptdarsteller aufzufahren, nimmt er einen wenig beschriebenen Schauspieler (Amachi Shigeru), der sich als Iemon einfach nimmt, was er will, und aus dem Weg räumt, wer im Weg steht. Am Ende wird er auch nicht von seinem Gewissen des Verstandes beraubt, sondern von dem Sumpf eingeholt, den er mordend, missbrauchend und hereinlegend um sich baut. Vor allem sind Expressivität und entstellte Fratzen nicht das, was wir uns am Ende eines ausladenden Aufbaus verdient haben, sondern eine Lawine, die immer noch mehr Farben, Schönheit und Wahnsinn unterwegs auflesen, um sie auf uns niedergehen zu lassen.

Donnerstag 19.02.

Der schweigende Engel
(Harald Reinl, BRD 1954) [DVD, ≠]

verstrahlt

Die moderne Geschichte: Eine Ballettlehrerin erlangt das Bewusstsein, dass die gesellschaftlich sanktionierten Versuche ihres Verlobten, sie auf Heim und Herd zu begrenzen, brutale Unterwerfungsversuche sind, gegen die es sich zu wehren gilt. Die archaischen Passionsgeschichten: Ein stummes Mädchen und ihr vorbestrafter Bruder werden fortlaufend Hindernisse in den Weg gestellt, sie werden von Teufeln und Dämonen umstellt, die sie zu verführen, verraten und hereinzulegen suchen, deren Zigarettenrauch sie umgibt, als solle er sie benebeln – Unschuld ist hier nur da, um sie leiden zu lassen, und je unschuldiger und kleiner jemand, desto mehr muss sie leiden. Ein Film, der die Bibel auf die Straßen der Großstadt imaginiert.

Mittwoch 18.02.

Der Kommissar (Folge 17) Parkplatz-Hyänen
(Zbyněk Brynych, BRD 1970) [DVD] 2

radioaktiv

Brynych hat nur vier Folgen für diese ringelmannsche Kriminalserie gedreht. Drei davon folgten direkt aufeinander. Und zum Abschluss kommt nun der große Rausch. Ein Mann wurde an einer Raststätte umgebracht. Die Spur führt an den Rand der Gesellschaft. Logischerweise muss also ein Fall gelöst werden, vor allem wird aber ein höchst expressives Bild dieses Randes entworfen. Sobald wir die Wohngemeinschaft der mutmaßlichen Täter betreten, befinden wir uns in der Twilight Zone. Dort findet sich ein passiver klassenbewusster Protest gegen die Zustände – ein lateinamerikanischer Sänger mit Che-Poster im Zimmer, der die Gesellschaft/uns mit melancholischer Musik herausfordert –, ungerichtetes Aufbegehren – Kriminalität und diverse nölende, meckernde Sprechweisen, denen anzuhören ist, wie sie sich unter Druck von Herablassung, Ausgrenzung und Schuldzuweisungen gebildet haben mag –, eine tollwütige Mutter, die mit gezogenem Messer in Augen und Stimme für ihre Kinder kämpft, und Jopi Heesters als Graf Dracula ähnlicher Patriarch, der zwar optisch jede Einstellung an sich reißt und doch nur ohnmächtig und fasziniert zuschaut, was die Jugend, die Autorität und seine Frau an Ausnahmezustand an ihn herantragen. Seilspringende Kinder, Ramsch, interessierte Mietparteien, Armut, Enge, Schreie, Gezeter und Schweigen, ein Kloganggong, siffige Dreitagebärte, brennende Glühbirnen auf Kopfhöhe. Und außerhalb der Wohnung, vornehmlich in einer Kneipe, umschwebt die vier Ermittler, die wie anklagende Anthropologen dieses Habitat begutachten und den Leuten auflauern, Tom Jones‘ Version von GHOST RIDERS IN THE SKY, als wären sie die zärtlichsten möglichen Reiter der Apokalypse.

Dienstag 17.02.

Marty Supreme
(Josh Safdie, USA 2025) [digital, OF]

großartig

Egotripping at the gates of hell – um das Silvia S. perfekt eingesetzte Flaming-Lips-Zitat aus dem Teaser bei critic.de zu übernehmen, wo ich über dieses Scheißkerlcharakterportrait schrub.

Montag 16.02.

Der Kommissar (Folge 16) Tod einer Zeugin
(Zbyněk Brynych, BRD 1970) [DVD]

großartig

Zwei Dinge fordern die bundesdeutsche Normalität heraus. Einmal Götz George, der einen Zuhälter und Kleinkriminellen als jungen Horst Schimanski spielt, der per Fahrrad und als blumiger Mittelfinger für die Gesellschaft lebensfroh in die Folge fährt. Ein Joker, der mit der gesellschaftlichen Macht in Form der Polizei Spiele spielt. Nicht weniger fröhlich ist Herb Alperts Version von Chico Buarques A BANDA, dass immer und immer wieder als Sirenenlied läuft, mit dem die Männer zur Prostituierten gerufen/gelockt werden. Irgendwann steht das Bad der ermordeten Edelprostituierten voll, weil es immer wieder klingelt und unser Walter so viel Triebverhalten nicht untersuchend abwickeln kann. Die bundesdeutsche Normalität: impotent am Fenster hocken und die Nachbarn ausspionieren. Brynychs Außenseiterblick auf die BRD war vll. selten so gutgelaunt.

Sonntag 15.02.

Screen Two – Contact
(Alan Clarke, UK 1985) [blu-ray, OF]

fantastisch

Clarkes abstraktesten Filme sind gleichzeitig seine klaustrophobischsten. Hier zeigt er eine Gruppe britischer Soldaten, die an der Grenze zwischen Irland und Nordirland patrouillieren. Diese wirft er aber gnadenlos auf sich zurück, auf einen sich wiederholenden Alltag, auf Abläufe und Vorsichtsmaßnahmen. Wer da vereinzelt auf sie schießt, wer Bomben und Mienen legt, wird nie gezeigt, nie geklärt, ob es IRA- oder CIRA-Kämpfer sind oder was auch immer. Bis auf eine Ortsnennung bleibt der patrouillierte Landstrich anonym, einfach eine wunderschöne, unbeeindruckte Mischwaldlandschaft mit saftigen Wiesen. Auch wird die Gruppe nicht als Teil von etwas größerem gezeigt. Von ein paar Hubschraubern abgesehen, fehlt die Anbindung zur restlichen britischen Armee, zu offiziellen Anweisungen und Institutionen. Auch beginnt der Film mit einem angehaltenen Auto und der ansatzlosen Erschießung eines Beifahrers, aber die Gewalt hält sich in Grenzen. Wie Hobbyparamilitärs zieht die Gruppe durchs Land, wie verblendete Geister, die die Gegner in ihrem Kopf bekämpfen und die Anwohner terrorisieren – selbst, wenn doch hier und da Waffenlieferungen abfangen werden oder Mienen in die Luft gehen. In der eindringlichsten Szene steht der Vorgesetzte der Gruppe – ganz theweleitscher Mann einer Männergruppe – vor einem verlassenen Auto am ländlichen Straßenrand und macht sich bereit die Tür des Gefährts zu öffnen. Für ihn ist es quasi russisch Roulette, geht er sein Vorhaben doch an, als wäre das Auto mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Bombe, die nur darauf wartet, Leute zu zerreißen. Clarke klagt dabei weder an, noch kontextualisiert er. Er macht mit seinem Procedural lediglich das Bleierne greifbar, mit dem der Konflikt in den Köpfen liegt, und die Todessehnsucht und die Männerspielen, die in diesen reinspielen.

The Revenge of Frankenstein / Frankensteins Rache
(Terence Fisher, UK 1958) [blu-ray, OF]

fantastisch

Am Rande geht es um Klassenidentitäten, um großbürgerliche/adlige Snobs sowie das Lumpenproletariat. Oberflächlich könnten die Unterschiede zwischen beiden Gruppen kaum größer sein. Hier die geräumigen, prachtvollen Besprechungsräume, dort das überfüllte, siffige Armenkrankenhaus. Hier die sachlich formulierten Intrigen, dort die hingerotzten, direkten Anfeindungen in gebrochenem Englisch. Hier die Impotenz, da die effektive Gewalt. Und doch ist Fischers zweiter Frankenstein kein schizophrener Film, sondern einer, in dem Dinge miteinander identitär sind. Denn unter dem Mantel der Klasse stecken die gleichen Menschen. Menschen, die das Fremde ablehnen, die zuvorderst an sich denken, wankelmütige Wölfe, die einander Wolf sind.
Im Kern ist dieser Film, in dem alles mit sich identisch ist, aber ein phrenologischer und damit ein kruder, schwarzhumoriger, fatalistischer. Denn egal in welche Astralkörper wir unsere Hirne auch packen, am Ende formt sich der Körper nach unseren geistigen(?), seelischen(?), DNA-bestimmten(?) Identitäten. Wir können uns nicht entkommen, so der Grusel des Films. Egal wie bunt und fantastisch die Wissenschaft auch leuchtet, wie sehr die Natur in Maschinenform gepresst werden soll, das Verformte, Modrige, Abstoßende unserer Persönlichkeit kann nur für geraume Zeit hinter falschen Namen, Körpern, Identitäten versteckt werden.
Die gute Nachricht ist aber, dass es nicht schlimm sein muss. Dr. Frankenstein nämlich wird zu einer seiner Kreaturen und als erster und einziger dadurch nicht verrückt … ist er doch bereits irre. Es ändert sich also nichts, wenn er zu sich selbst wird. Die Lösung ist so einfach wie naheliegend: Umarmen wir uns so, wie Dr. Frankenstein sich selbst in die Arme schließt.

Sonnabend 14.02.

Stargate
(Roland Emmerich, USA 1994) [stream, OF] 5

gut

In meiner Jugend war dies für mich das Nonplusultra des SciFi-Blockbusters. Solange James Spader einen missverstandenen Nerd im Hier und Jetzt spielt, der alles besser weiß – hanebüchen geschrieben und von einem Meister des Groben inszeniert –, und wenn schließlich Jaye Davidson als androgyne ägyptische Superbitchgottheit in absoluter Dekadenz mit seinem Tempel über den Köpfen der Normalsterblichen schwebt, war mir, als hätte ich jedes Bild erst vor wenigen Wochen das letzte Mal gesehen und nicht irgendwann in der zweiten Hälfte der 1990er. An die Dinge dazwischen konnte ich mich kaum bis gar nicht erinnern, weil nach dem ersten Staunen über die außerirdische Ägyptenwelt nicht viel folgt – außer, dass Kurt Russells traumatisierter Soldat lernt, dass es doch ok ist, wenn Kinder Gewehre nutzen. Kurz: Anfang und Ende mochte ich weiterhin, das dazwischen brauchte ich wahrscheinlich nie.

Intruder
(Scott Spiegel, USA 1989) [digital, OF]

großartig

Leute hängen eine Nacht im Supermarkt ab. Es ist ab und zu skurril, aber eigentlich ergibt es nicht viel Sinn, und es versucht auch gar nicht erst, dem Zuschauer viel bieten – außer halt die Morde, bedingt durch einen psychopathischen Mörder der sich durch die Reihen der Angestellten metzelt und Mord in Filmen gesunderweise nur als saftig und kreativ choreographierte Absurdität begreift. Das kommende coole Indiekino der 1990er zeigt sich also noch von seiner eher angenehmen Seite.

Freitag 13.02.

Rico, Oskar und der Diebstahlstein
(Neele Vollmar, D 2016) [stream]

großartig

Wie schon DAS PARFÜM habe ich dies eigentlich wegen Karoline Herfurth geschaut. Hier stirbt sie zwar nicht umgehend, dafür fliegt sie zum Auftakt in den Knutschurlaub mit Ronald Zehrfeld – dessen Anwesenheit nun auch nicht unbedingt gegen den Film gesprochen hätte. Ohne sie folgt dann die Suche nach einem Edelstein, den niemand erkennt, weil er unverarbeitet wie irgendein x-beliebiger Stein aussieht. Und die Figuren der Geschichte müssen dessen auch erstmal sehen lernen, was sich hinter den Oberflächen ihrer Gegenüber versteckt – und dass ist in diesem lockerleichten Roadmovie nicht mal am FKK-Strand so einfach möglich.

The Curse of Frankenstein / Frankensteins Fluch
(Terence Fisher, UK 1957) [blu-ray, OF]

großartig +

Ausnahmsweise handelt ein Frankensteinfilm einmal nicht von der Kreatur, sondern tatsächlich von Dr. Frankenstein selbst. In der Klammer des Films sitzt dieser (Peter Cushing) im Gefängnis und beichtet seine Lebensgeschichte. Was eben keine Geschichte vom menschlichen Prometheus ergibt, auch wird nicht über Leben, Entwicklungspsychologie und Moral philosophiert, sondern die Offenlegung eines Creeps vollführt. Es beginnt mit Frankenstein als Jugendlichen und endet mit ihm als grauhaarigen Mann. Dazwischen steckt jedoch keine Entwicklung, Szene für Szene wird einfach nur sein unschuldiger Anschein abgeschält, bis wir beim von Beginn an vorhandenen, verkommenen Kern seiner Persönlichkeit ankommen – vll. ist ja auch einfach der sein Fluch. Klar, erst die Kreatur (Christopher Lee) lässt in ihren kurzen Auftritten Gewalt und Mord offen ausbrechen, aber sie ist halt auch nur das Produkt Frankensteins und bringt als solche den psychosexuellen Wahn ihres Schöpfers zum Ausdruck, die von Beginn weg in ihm verankert war. Eines Schöpfers, für den Frauen entweder zu benutzende, wertlose Huren sind oder von sich fern zu haltende Engel, für den Freunde nur als Handlanger Bedeutung haben, der als Wissenschaftler nicht die Natur erforscht, sondern sie unterwerfen möchte. Was vll. keinen sehr dynamischen Film ergibt, aber eben einen, in den das Grauen ganz unbemerkt eindringt – in die artifizielle Gothic-Labor-Welt, in der sich die Attraktion der vergilbten, verformten Seele Frankensteins ausdrückt.

Donnerstag 12.02.

Wuthering Heights
(Emerald Fennell, USA/UK 2026) [DCP, OF]

ok +

Durch den Trailer erwartete ich nicht weniger als den Film des Jahres, ich wurde enttäuscht. Vll. sehe ich beim nächsten Mal mehr Gutes, wenn ich versöhnlicher blicke. Was mich stört bei critic.de.
*****
Nachteilig für den Film waren vll. auch die Sichtungsbedingungen. Das Bild im Saal 5 des Cinestars hier ist schon länger nicht ganz scharf, an diesem Abend war es wirklich grauselig. Wahrscheinlich halten die Leute dort mich für einen Spinner, der sich einfach nur ständig beschwert. Geschehen tut aber nichts.

Mittwoch 11.02.

Der Kommissar (Folge 15) Der Papierblumenmörder
(Zbyněk Brynych, BRD 1970) [DVD]

großartig +

Am Ende des Tages ist dies ein Krimi, in dem es um einen aufzuklärenden Fall geht, um das Geheimnis eines Hippies mit Teekanne, um Fleiß und Arbeit, die im Umfeld von Gammlern und erziehungsbedürftigen Jugendlichen triumphieren. Aber relativ früh liegt Harry mit dem Kopf auf einem Tresen und schaut ins Leere. Die Einstellung platziert ihn halb hinter ein Glas und neben Verlorene, Vorlaute, Leute, die für sich nichts finden, in diesem Land einer reichen, aufstrebenden Zukunft, des noch ungezügelten Wirtschaftswunders. Und auch wenn Brynych mit aller Macht die Episode ins Exzentrische bugsiert, ins Zwielichtige und Unklare, steckt in diesem eher einfachen Bild soviel Traurigkeit, Poesie und die Ahnung, dass andere Zustände möglich sind, die ich nie und nimmer im deutschen Fernsehen erwartet hätte.

Dienstag 10.02.

四谷怪談 / The Ghost of Yotsuya
(Misumi Kenji, J 1959) [blu-ray, OmeU]

großartig

Tausendfach verfilmt übernimmt hier Megastar Hasegawa Kazuo die Hauptrolle – weshalb der von ihm gespielte Iemon in ein etwas besseres Licht gerückt wird. Mehrmals darf er als Schwertkampfvirtuose auftreten, der seine Feinde scharenweise besiegt, und außerdem tötet nicht er seine Frau, um reich heiraten zu können, sondern seine korrupten Freunde, die von der neuen Braut und ihrem Vater gedungen wurden, damit eine neue Ehe zustande kommen kann. Was im Endeffekt bedeutet, dass wir nicht die Edgar-Allen-Poe-artige Geschichte bekommen, in dem jemand von seinem Gewissen heimgesucht wird und die knapp zwanzig Jahre vor THE TELL-TALE HEART und THE BLACK CAT geschrieben wurde, sondern das Portrait einer blinden Korruption.
Auf der einen Seite erhalten wir einen wunderschön fotografierten, elegischen Film, in dem Iemon immer wieder seine hohen moralischen Standards beweisen darf – wenn er Frauen vor übergriffigen Männern rettet, wenn er lieber hungert und Schirme bastelt, weil er sein Geld nicht amoralisch verdienen möchte. Immer wieder geht es darum, was für ein edler Mensch er sei. Auf der anderen Seite ist dieser ruhige, prachtvolle Film aber bevölkert von niederträchtigen Menschen, die die Schönheit in den Dreck ziehen, bevölkert von Reichen und denjenigen, die sich mit diesen auf Kosten anderer bereichern wollen – Iemons Freunde. Iemon verschließt vor dieser Niedertracht seine Augen. Selbstgerecht verweilt er in unmittelbarer Nähe der Korruption und lässt einfach andere seine Drecksarbeit erledigen, um sich – bewusst oder unbewusst – nicht selbst die Hände schmutzig machen zu müssen. Was natürlich nicht so schnell geht, und uns eine Schönheit bietet, die bis ins Mark verfault ist. Statt einer klaren moralischen Geschichte bietet diese Version also eine trübe, in der jemand meint auf einem hohen Ross zu sitzen und blind dafür ist, dass er bis zum Hals in dem Sumpf steckt, mit dem er vorgibt nichts zu tun zu haben.

Montag 09.02.

Der Kommissar (Folge 14) Das Ungeheuer
(Dietrich Haugk, BRD 1969) [DVD]

großartig

Gleichzeitig sind alle Männer in einer Siedlung verdächtig, der Mörder der jungen Frau im nahen Wald zu sein, und Teil des Lynchmobs, der sich zu formieren scheint. Während also die Ermittler von Haus zu Haus ziehen und Untiefe auf Untiefe aufwerfen, werden sie auf der Straße von immer mehr Schaulustigen verfolgt, die wirken, als fehle nur ein kleiner Funke, das sie die Justiz in die eigene Hand nehmen. Und die Frauen versuchen konsterniert oder energisch ihre Söhne und Männer zu retten, die sie trotzdem lieben. Ein Abgesang auf die rechtschaffenen Bürger dieser unseren Demokratie.

Sonntag 08.02.

借りぐらしのアリエッティ / Arrietty – Die wundersame Welt der Borger
(Yonebayashi Hiromasa, J 2010) [DCP] 5

großartig +

Lotti Z. wollte ihren Lieblingsfilm mal mit ihren Freunden im Kino schauen, also haben wir ihr ohne besonderen Grund den Wunsch erfüllt. Die erste Reihe war voll besetzt – ich ging in die dritte –, die Lautstärke von vorne war interessant, das Mitfiebern groß, und am besten fand ich, als jemand lautstark realisierte, dass die minikleine Arrietty und der normalgroße Shou wohl verliebt sind.

Johnny on the Run
(Lewis Gilbert, UK 1953) [blu-ray, OF]

gut

Am Ende wehen verstärkt die Fahnen, weil es sich doch um ein Propagandawerk handelt: im Nachkriegsgroßbritannien ist kein Platz für Ausgrenzung und Schmarotzer, für die Ausnutzung der Kinder, unsere Zukunft. Größtenteils handelt es sich aber um ein unauffälliges Roadmovie, das Charles-Dickens-Kinderromane in einer light Variante in die damalige UK versetzt und das leider zu wenig mit seinen zwei Stooges anstellt.

Stranger in the City m
(Robert Hartford-Davis, UK 1961) [blu-ray, OF]

ok +

Kurze SINFONIE EINER GROSSSTADT mit Jazz-Score, in der auf eine verwarnende Polizisten ein paar Straßenschwalben folgen – es wird also an einer Stelle unverschämt und unklar gesellschaftskritisch assoziiert.

Sonnabend 07.02.

Perfume: The Story of a Murderer / Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders
(Tom Tykwer, D/F/S 2006) [stream, teilweise OF]

verstrahlt

Einen Film, in dem es um diffizile Wirkungen geht und das Zusammenspiel kleinster Nuancen, inszeniert Tykwer mit brachialer Überstimulierung. Eindrucksvolle Bilder und pointierte Schnitte überschlagen sich förmlich. Dieses Fehlen jeden Hauchs von Dezenz ist aber nicht das Problem, sondern die Struktur: Für einen bzw. zwei Twists wird uns lange vorgegaukelt, einen anderen Film zu schauen, als wir tatsächlich tun. Und ich bin mir nicht sicher, ob der romantische Serienmörderthriller und die ausschweifende Romanverfilmung Tykwer so sehr liegt wie das völlig außerirdische, sexualisierte Gleichnis von Schönheit und deren Zerstörung bei ihrem Genuss.
In den letzten vll. vierzig Minuten hat sich Lotti Z. (10 Jahre) übrigens zu mir gesetzt und mitgeschaut. Nichts von dem, was ich bis dahin gesehen hatte, riet mir zu größerer Vorsicht. Später am Tag erzählte ich Sabrina Z. dann aber, was plötzlich vor meinen und Lottis Augen geschehen war. Ich: Plötzlich haben einfach alle miteinander geschlafen. Lotti, mit Euphemismen in der Richtung noch nicht so gewandt, sprang in diesem Moment hinzu und unterstrich eindringlich: Und vorher haben alle Sex miteinander gemacht! In solchen Augenblicken ist das Leben nur schön.

Incompreso (Vita col figlio) / Der Unverstandene
(Luigi Comencini, I 1966) [blu-ray, OmeU]

radioaktiv

Dies ist ein Lacrima-Film, also per Definition ein Tearjerker – lacrima ist Italienisch für Träne und überhaupt sterben in diesem Filmgenre Mütter und Kinder wie die Fliegen. Und wie in DIE LETZTEN GLÜHWÜRMCHEN, dem ultimativen Tränendrüsenfolterwerkzeug, ist hier alles auf Tragik hin orchestriert, auf unser Weinen und das der Figuren. Eine Mutter ist gestorben. Der trauernde Ehemann verkennt in Folge seine beiden Söhne völlig, macht alles falsch und muss es gegen Ende auch noch erkennen – als es bebezu spät ist. Der eine Sohn geht an seiner Trauer langsam kaputt, und die grenzhinterhältige Unbedachtheit und das lediglich oberflächliche Dauerjammern seines Bruders bringt ihn ständig in die Bredouille. Kurz: Ständig ist zu spüren, dass die Karten gezinkt sind, dass hemmungslos mit unseren Emotionen gespielt wird. Wo DIE LETZTEN GLÜHWÜRMCHEN das Tränenausquetschen aber stilsicher und elegant angeht, ist hier der Wahnsinn Methode. Nicht, dass Comencini in irgendeiner Form durchdrehen würde. Nur sind die ständigen Umbrüche irrsinnig. Auf der einen Seite sehen wir immer und immer wieder eine Kindheit in idyllischer Sonne, mit liebevollen Mitmenschen und kleinen Abenteuern, einer Kindheit, die doch wieder, trotz des Tods der Mutter, ideal sein könnte, wären da nicht die verdrängten, einen auffressenden Emotionen, oder die von geliebten Personen getretenen Gefühle, die wiederkehrende und immer intensivere Brandstiftung an der fragilen Schönheit. Zuweilen hatte ich das Gefühl nicht weinen, sondern laut lachen zu müssen, weil ich sonst durchdrehe würde.

Freitag 06.02.

Sommersby
(Jon Amiel, USA 1993) [stream, OF]

großartig

Auf den allerletzten Metern wird es doch noch ein großes Melodrama, in dem sich das Glück der Menschheit zwischen eine erfüllende Liebe schiebt. Davor trollt der Film, auch wenn das Drama als Fluchtpunkt stets spürbar ist, einfach nur selig den Ku-Klux-Klan. Ein Mann (Richard Gere) kehrt nach dem Sezessionskrieg zum Großgrundbesitz seiner Familie im Süden heim, und ist nach dem Sieg der egalitären Marktwirtschaft der Yankees, nach der Sklavenbefreiung, ein anderer. Endlich ist er jemand, der sich um seine Mitmenschen kümmert – Farmern und ehemaligen Sklaven bietet er Anteil an seinem Grundbesitz, um mit gemeinsamer Arbeit zu Reichtum zu kommen; seinem Sohn ist er plötzlich ein Vater; statt seine Frau zu schlagen und zu ignorieren, ist er der perfekte Liebhaber, der einem Hochglanzerotikfilm entstiegen scheint; mit schmierigem Furor ist Letzteres sichtlich Mittelpunkt dieser Menschwerdung. Nur der Klan und seine Mitglieder – religiöse Fanatiker, pragmatische Liebhaber, Abgehängte, die Verlierer der neuen Gleichheit – sind gegen ihn. Sie sind die Einzigen, die in diesem Liebesfilm zwischen einem Mann und einer Gemeinde nicht teilhaben wollen. Im absurden Gerichtsdrama der zweiten Hälfte wählen alle anderen offensiv die Lüge eines absoluten Glücks und lassen sich eben nicht mehr von der Wahrheit stören. Wenn die Südstaaten ihr Erbe einfach abschütteln dürfen, ist das zwar immer ein bisschen zweifelhaft, hier ist dieser Griff nach dem Glück, die Entscheidung für die Liebe und menschliches Miteinander eben so offensiv eine Abwahl der Wirklichkeit, von Machtstrukturen und Niedertracht, und vor allem ist das eben eine erotisch aufgeladene Wahl, dass es zum Wunderhorn wird, zum Traum einer besseren, lustvolleren Welt. Liebe ist ein Feuer. Aber ob es Dein Herz wärmen oder Dein Haus abfackeln wird, weiß man nie, schrieb Joan Crawford in ihrer Autobiografie. Hier muss die Wahrheit am Galgen sterben, damit die Liebe uns auf ewig das Herz – und die erogenen Zonen – wärmen kann.

Baal
(Alan Clarke, UK 1982) [blu-ray, OF]

ok +

Anscheinend hält es Clarke für eine gute Idee, dass er ein Theaterstück Bertholt Brechts episch theatral verfilmt. Die Kamera bleibt in den Spielszenen jedenfalls auf Distanz. Es gibt zwar Schnitte und so, trotzdem wirkt es, als schauten wir in Richtung einer Bühne. Und damit ist der Film schon einer seiner schönsten Qualitäten beraubt. Zu keinem Zeitpunkt ist nämlich zu genießen, wie wunderbar siffig die meisten Schauspieler aussehen und vor allem David Bowie als Baal. Die Zähne des Hauptdarstellers sehen bspweise aus, als beständigen sie nurmehr aus Plaque und Fäulnis. Es aber mit unseren Augen aufzusaugen, ist quasi unmöglich. Die Verfremdungseffekte, wie Bowie/Baal, der mit Banjo die Kapitelübergänge mit kratzigen Songs begleitet, überbrücken die Distanz nicht und erhöhen sie ebenso wenig produktiv. Das Brechts Stück einer epochalen Selbstzerstörung, die alles mit sich in den Dreck zieht, ist schon toll, aber Clarkes Inszenierung folgt irgendwie nur einer Idee … und die ist nicht sonderlich interessant.

Donnerstag 05.02.

Ella McCay
(James L. Brooks, USA 2025) [stream, OmeU]

großartig

Schon etwas plump in seinen Anliegen, aber nicht nachdrücklich darin, sondern entspannt. Also gut plump. Mehr dazu auf critic.de.

Mittwoch 04.02.

Der Kommissar (Folge 13) Auf dem Stundenplan: Mord
(Theodor Grädler, BRD 1969) [DVD]

verstrahlt

Im Grunde ist die Folge äußerst faszinierend. Sie funktioniert wie der Schrei in eine Gesellschaft, die sich die Ohren zuhält. Vor allem die Generationen scheinen inkompatibel. Während die Schüler immer und immer energischer darauf hinweisen, dass ihr Lehrer ein Stelzbock ist, der einem Mädchen nach dem anderen hinterhersteigt, erklärt die Elterngeneration denselben Mann zum wehrlosen Opfer der Mädchen, die für gute Noten alles tun, und mehr noch zur guten Partie, der für die eigene Tochter besser ist als ihre dahergelaufenen Gleichaltrigen. Der Fall ist klar, und doch wird nie Sicherheit geschaffen – auch nicht, wer gruseliger, unangenehmer ist: die Forderung nach (Lynch-)Justiz der Jugend oder die Erwachsenen, die einfach nichts Böses sehen wollen.
Tatsächlich hat die Folge auch das Potential eines THE SCARLET LETTER, geht es doch um geheim gehaltene Schuld, die in den Leuten nagt, oder einfach gar nicht wahrgenommene. Aber Grädler scheint in seiner Inszenierung nicht mitzubekommen, was alles los ist. Er lässt unseren Kommissar und seine Hilfskräfte apathisch durch die aufgeladene Stimmung stapfen. Sie fragen hier, sie fragen da, sie denken laut und stellen unsinnige Vermutungen über Schuhe an, die dem Opfer eines Würgers doch nicht mehr an den Füßen sein dürften. Zu Beginn kommt Harry aus dem Kommissariat und fängt Assistentin Helga (Emely Reuer) ab, die gerade auf Arbeit ankommt. Sie meint, sie brauche noch ihre Utensilien, worauf er meint: Unsinn, der Mord geschah in einer Schule, da wird es schon Stifte geben. Für sowas wie diesen Schenkelklopfer wird sich ausgiebig Zeit genommen, der riesige Haufen skandalöser Zustände wird dagegen fast in den Augenwinkel gedrängt. Und das ist massiv unbefriedigend, aber vll. doch die beste Form für das alles.

Dienstag 03.02.

Une Femme douce / Die Sanfte
(Robert Bresson, F 1969) [blu-ray, OmeU]

fantastisch

Ein Ehemann (Guy Frangin) sinniert über das Leben mit seiner Frau (Dominique Sanda). Sie liegt tot vor ihm – der Film beginnt damit, dass sie vom Balkon springt – und in Rückblenden sehen wir chronologisch, wie sich ihr gemeinsames Leben bis zu diesem Sprung abspielte. Und auch wenn sein sachlicher Ton vorgaukelt, dass seine Worte einfach nur doppeln, was sich in den Bildern abspielt, ist doch eine (enorme) Diskrepanz spürbar. Vor allem wenn er sie immer wieder douce – sanftmütig, zart, süß – nennt, ohne dass sie es wäre. Sie wirft die von ihm geschenkten Blumen vor sein Auto. Schweigend verschwindet sie und betrügt ihn. Könnten ihre Blicke töten, würde er vor ihr auf dem Bett liegen. Als junge Frau lässt sie sich von ihm erwerben – d.i. was er unter Ehe versteht –, um ihrer Armut zu entkommen. Was wir sehen, ist aber keine sanfte, süße Ehefrau, sondern eine feurige, impotente Rebellion gegen die ständig erfahrene Demütigung durch ihn, durch seine (meist) stille Forderungen, ihr Leben dem seinen unterzuordnen. Ihr gemeinsames Leben besteht aus Schweigen und brennender Dysfunktionalität. Und sein Gedächtnisprotokoll ist eben nicht von Reue gekennzeichnet, nicht vom Versuch etwas aufzuarbeiten, es soll lediglich die Realität mit seinen Wahrnehmungen überschreiben.
Die Bilder bergen aber auch nicht die Realität, die er auszulöschen versucht, sondern gehen bei aller Stille des Films leidenschaftlich gegen ihn vor – bezeichnender Weise nennt er uns nie ihren Namen. Vor allem verwischt Bresson ein ums andere Mal die Grenze zwischen den Zeitebenen. Zwischen Gegenwart und Erinnerung/Rückschau gibt es nicht einfach nur keine Marker. Oft ist das, was wie ein simpler Gegenschnitt wirkt, tückisch. Uns wird zeitlichen Konsistenz suggeriert, nur müssen wir alsbald realisieren, dass es zu einem Bruch kam. Heißt: immer wieder lebt die Frau nach einem Schnitt, obwohl wir uns an ihrem Totenbett wähnen – oder sie ist eben plötzlich tot. Der Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart wird von den Bildern eingeebnet. Weil: Lebend oder Tot ist für den Mann nur bedingt von Belang. Nie war sie für ihn etwas Lebendiges, auf das eingegangen werden müsste.
Und Bresson? Der macht keinen stillen, meditativen Film, sondern eine ätzende Komödie. Immer wieder sehen wir Rennsport im Fernsehen, Schallplatten werden abgespielt, Popkultur und Aktualität. Er lässt den Zeitgeist punktuell – als kleine Brocken – in seinen Film hüpfen, was den Hohn dieser bitteren Ehe zweier Leute, die sich nicht verstehen, von Bild und Ton, die von anderen Dingen erzählen, nur noch bizarrer macht. Leben und Lebendigkeit durchziehen die Steife der Erzählung und den todesstarren Kampf der Ehe und verlachen die beiden und ihr absurd dysfunktionales Leben noch. Ein wenig scheint darin auch das (eigenartig mitfühlende) Amüsements eines Gottes zu lauern, der die Menschen in ein Leben wirft, von dem sie gnadenlos überfordert sind.

Montag 02.02.

Der Kommissar (Folge 12) Die Waggonspringer
(Theodor Grädler, BRD 1969) [DVD]

gut

Grädler emuliert, so wirkt es zumindest, die aufgekratzte Stimmung der beiden Folgen vor der langen Sommerpause – die Episode folgt im November auf Haugks Juni- und Brynychs Juli-Episode. Ein paar Zugräuber schreien sich, sobald es stressig wird, hemmungslos an. Die Pole sind Gangsterboss Erik Schumann, der explodiert, weil sich niemand zusammenreißt, und der jugendliche Hallodri Werner Pochath, der ohne Zurückhaltung zerfließt und seinen Schmerz in die Welt hinausruft. Solange in der Nacht auf Züge gesprungen wird und oder zu viele aufkratze Leute in einem Auto durch die Gegend rasen – Ziel: unbekannt –, ist das schon ein erstaunlicher Thriller. Zu oft dürfen wir aber auch den Ermittlern des Krimis beim Denken zuhören.

Sonntag 01.02.

127 Hours
(Danny Boyle, USA/UK/F 2010) [stream, OF]

ok

Den Film, den das Poster verspricht, hätte ich wohl lieber gesehen. Weiter blauer Himmel, sonnenerleuchtete Felsspalte, in der ein Mann über einen Abgrund eingesperrt ist. Stattdessen ein Dude, der in einer nichtssagenden, wenigstens ewig langen Felsspalte seine Zeit abhockt. Am Ende greift er zu drastischen Mitteln, davor gleicht es eher dem Feststecken in der Ödnis des eigenen Verstands, der einen etwas über Sozialsein lehren möchte.

Harmony Lane m
(Lewis Gilbert, UK 1954) [blu-ray, OF]

gut

Tatsächlich in 3D gedreht, läuft ein Polizist von Schaufenster zu Schaufenster der Harmony Lane und schaut sich die Tänzer, Jongleure und Sänger an, die dort jeweils eine Nummer auffahren. Abgesehen vom Polizisten, der wie ein junger Ricky Gervais aussieht, wird einfach nur auf die Performance gehalten. In den besten Fällen ist es atemberaubend – die Rollschuhfahrer, die Stepptänzer, der Hund –, andere verdeutlichen mir, dass sie wie die Peking Oper in Chang Chehs THE FANTASTIC MAGIC BABY aus einem Zeichensystemen stammen und ihrem eigenen Zeitgeist angehören, wenn denen ich nicht viel weiß – Schwanensee ist sicherlich ganz schön, nur verstehe ich nichts von Ballett, und die Gesangsnummer bieten mir außer Nostalgie an vergangene Zeiten auch eher wenig. Heißt: ein Potpourri.

Teddy Boys k
(???, UK 1956) [blu-ray, OF]

tba.

Kurze Reportage, die mit einer nachgestellten Szene beginnt, in der Teddy Boys nicht in einen Club gelassen werden, weil sie so gefährlich seien. Worauf das Interview mit einem von ihnen folgt, der einfach nur wie ein netter Typ erscheint, der halt drei Pfund dafür bezahlt, sich eine Dauerwelle machen zu lassen, und der sich jetzt nicht ganz strikt an alle Gesetze halten würde. Dafür, wie reißerisch es beginnt, folgt irgendwie nur betonte Normalität.

Januar
Sonnabend 31.01.

追捕 / Manhunt
(John Woo, CHN/HK 2017) [DVD, OmeU]

gut

Sprachlich geht es ständig hin und her zwischen Mandarin, Japanisch und Englisch. Die Hauptfiguren können sich sich gegenseitig auch nur im Englischen verständlich machen, einer Sprache, die sichtlich nicht ihre Muttersprache ist. Immer wieder bekommen wir dementsprechend auch einen John Woo zu sehen, der ganz in seinem Element zu sein scheint, der aufwendige Set Pieces und audiovisuellen Pracht auffährt, nur spricht das alles kaum noch mit dem lauen LETHAL WEAPON-Aufguss mit ungleichen Partnern, die gegen Korruption und mutierte Superkiller kämpfen, mit dem Hauch aus Nichts, Tauben und zwanghafter Coolness, in dem das alles eingelassen und in dem nichts von Belang ist.

紅孩兒 / The Fantastic Magic Baby
(Chang Cheh, HK 1975) [blu-ray, OmeU]

ok +

Chang Chehs An evening with the arts. Erst eine Stunde Peking Oper, in dem der Gesang durch noch mehr Salti und Speerzustechtechniken ersetzt wurde – es gibt quasi ein potentielles JOURNEY TO THE WEST-Kapitel, in dem das Magic Baby Red Boy (Ting Wa-Chung), Sohn der Prinzessin mit dem Eisenfächer und dem König der Dämonen den buddhistischen Mönch Xuanzang gefangen nimmt, und in dem dessen Schüler, vor allem der Affenkönig (Lau Chung-Chun), ihn zu befreien versuchen. Darauf folgen noch vierzig Minuten Ausschnitte aus der Aufzeichnung einer richtigen Peking Opera, mit mehr Gesang und weniger Salti. Alles in allem fehlt aber ein erzählerischer Überbau. Zuerst wird eben ein erzählerisches Motiv unendlich und ohne Sinn dafür, vorankommen zu wollen, ausgedehnt, dann kommen Fragmente eines Ganzen. Aber es geht Chang Cheh eben nicht nur um ein Mehr kultureller Hochwertigkeit, wenn er hier die Peking Oper so ausgiebig präsentiert. Vor allem geht es um Kostüme – gerade im zweiten Abschnitt sagenhaft schön –, Set Designs – die artifiziellen Bühnenbilder des ersten Teils sind ein Genuss – und das ewige Beckenschlagen der Musik. Auf hundert Minuten ist es vll. etwas viel dieses Schönen, aber eben auch nicht nichts.

Freitag 30.01.

SMS für Dich
(Karoline Herfurth, D 2016) [stream]

großartig

Die Liebe zwischen Clara (Karoline Herfurth) und Mark (Friedrich Mücke) ist Schicksal. Die erste SMS, die Clara ausversehen an Marc schickt, geht mit einem kurzen Stromausfall daher. Wenn sie sich sehen, dann verlieren sie sich in ihren Blicken. Ihre Aufgabe ist also nie sich zu verlieben, sondern einen Status quo zu finden, an dem sie einander nicht nur Blödsinn entgegenstammeln. Das erste funktionierende Date stellt den Ton vor Ort dann auch einfach aus und zeigt uns nur lachende, miteinander selige Körper. Und das ist bei aller Labrigkeit das Entscheidende, dass es dem Film nur bedingt auf die Worte ankommt – sie sind eher perkussive Untermalung statt Sinnträger.
Vll. fällt deshalb auch kaum ins Gewicht, dass sich personell meist eher ungünstig entschieden wird. Mücke bleibt als Love Interest bieder, und dass sein cooler Fussballredakteur die Aufrichtigkeit des Schlagers kennenlernt, ist kaum herausgestellter Nebenschauplatz – wodurch Katja Riemanns verstrahlte Performance als esoterische Schlagersängerin zu kurz kommt. Und überhaupt, Mark wird zwischen zwei Kollegen gesteckt, der eine abgeklärter Dude (Frederick Lau), die andere gefühlig-überdrehte Tussi (Enissa Amani). Statt ihn aber ständig mit Amani zu konfrontieren und dem Zuschauer Spaß zu bieten, muss er vermehrt mit dem abzuschüttelnden Mackertum von Lau abhängen, mit der Tristesse seiner Figur.

牡丹燈籠 / The Bride from Hades
(Yamamoto Satsuo, J 1968) [blu-ray, OmeU]

großartig

Ein Film nach dem Motto: Wer schön und stilvoll sein will, muss (heroisch) leiden. Ein Samurai möchte lieber den Armen Schreiben, Lesen und Konfuzius beibringen, als reich zu heiraten. Zuviel gelebte Demokratie und Gemeinnützigkeit sagt seine auf Geld und Ansehen fixierte Familie und enterbt ihn. Auf die Verstoßung folgen dezente Selbstmordgedanken, die in Form des Geists einer Frau auftreten, die von ihrer Familie in die Prostitution verkauft wurde. Stilvoll to the max umkreisen sie, die Suizidgedanken, die Geister, ihn, legen sich ihm sexy in die Arme und nur Außenstehende sehen die mit Verwesung bespannten Knochen, mit denen er sich auf der Tatami-Matte wälzt. Das Leiden für das Richtige ist ein Ausbund an elegischer Schönheit: die Prozession der mit Bedeutung aufgeladenen Bilder, die Musik, das an Eleganz kaum zu überbietende Gleiten der Untoten um und durch die Häuser.
Schließlich knickt er aber ein – wenn auch nur durch einen Vertreter. Sein Assistent gibt sich der Gier und dem Verrat (der Ideale) hin, während unsere bisherige Hauptfigur zum eigenen Schutz von Priestern in seinem Haus und damit aus dem Film weggesperrt ist. Der Film lässt dem Samurai einen schönen, lustvollen Tod im Ideal, während die Erzählung in seiner großflächigen Abwesenheit, in der in Stellvertretung erlebten Niederlage zum huckligen und buckligen Klamauk wird. Nur die Geister verlieren ihren Stilsicherheit nicht. Wer dem Niederen also nachgibt, hat ganz offensichtlich nach Yamamoto auch keinen eleganten Film verdient.

Donnerstag 29.01.

Send Help
(Sam Raimi, USA 2026) [DCP, OF]

gut

Immer wieder scheint der Sam Raimi der THE EVIL DEAD-Filme durch – wenn Leute und Dämonen wild in die Kamera lachen sowie wenn Gore und Cartoons fröhlich verbunden werden, wie beim irritiert dahinrollenden Auge, das gerade von einem Daumen in den Kopf gedrückt wird. Und mein Problem ist einerseits, dass ich den Rest des Films als angezogene Handbremse erlebte, die viel zu lange auf die Eskalation wartet und diese zu schnell wieder zurückfährt, als nette Komödie, in der ein Chef (Dylan O’Brien) und eine Mitarbeiterin (Rachel McAdams) auf einer einsamen Insel landen, wo nicht Ansehen, sondern tatsächliches Können zu Macht und Erfolg führen, wo alles eben auf den Kopf gestellt ist. Gerade Rachel McAdams Wandlung vom socialawkwarden Sonderling zum sexy Vamp, der in der Situation voll aufgeht, ist schon schön, aber auch nur das, was die Prämisse eben verspricht. Andererseits stimmt es mich ein wenig traurig, wie sehr es mich freute, wenn der THE EVIL DEAD-Sam-Raimi durchkam, weil es mir das Gefühl gab, dass das bestenfalls eine Erinnerung an ehemalige Großtaten ist. Nichtsdesto trotz vor allem doch ein Vergnügen.

Mittwoch 28.01.

Der Kommissar (Folge 11) Die Schrecklichen
(Zbyněk Brynych, BRD 1969) [DVD]

verstrahlt +

Nach Haugks Debüt wollte sich Kommissar-Regiedebütant Brynych nicht lumpen lassen und legt noch eine Schippe drauf. Die Leute sind entweder total blasiert, vergilbte Alkoholiker (Karl Walter Diess), verschüchterte Teenager (Helga Anders) oder motzen im Angesicht ihrer zerfließenden Nerven in einer Tour (Dirk Dautzenberg). Die Expressivität des Schauspiels wird also bis zum Anschlag aufgedreht. Der Polizeibeamte Harry verführt schnell mal die von Helga Anders gespielte Schülerin und nimmt sie auf verstrahlt-romantische Spritztour mit, um ihr Informationen zu entlocken. Die Polizisten trinken wieder zu jeder sich bietenden Gelegenheit im Dienst. Und vor allem wird aber das, was Monty Python wenige Wochen später als Sketch ins britische Fernsehen brachten – HELL’S GRANNIES – hier mit absurdem Ernst präsentiert: eine Gruppe Rentner-Rowdies schikanieren und drangsalieren ihr Umfeld. Kurz: Der ganze Irrsinn in Reineckers Drehbuch/Weltsicht wird nicht seriös abgefilmt, sondern ohne Scham überzogen und als zum Portrait einer BRD im Fieberwahn übersetzt, in dem die Menschen nur am Ende sein können.

Dienstag 27.01.

修道女 濡れ縄ざんげ / Nun’s Diary: Confession
(Ohara Kōyū, J 1979) [DVD, OmeU]

verstrahlt

Eine meiner liebsten Anekdoten aus zweiter Hand stammt von Ozzy Osbourne, der in einem Interview einst erzählte, dass er bei einer Japantournee in den frühen 1980ern in einem Schaufenster einen gekreuzigten Santa gesehen habe. Es ist ein schönes Symbol für mgl. Übersetzungsprobleme zwischen Kulturen. Hier nun ein Nun-Sploitation-Film aus Japan, der schon viele der Tropen des Genres trifft, der sie aber auch entstellt und zur sehr eigenen Absurdität macht. Heißt: eine Frau geht, nachdem sie vergewaltigt und von ihrem Mann enttäuscht wurde, ins Kloster. Dort haust im Keller der Exgeliebte der Äbtissin, der sich entmannte, und nun die Leute peitscht und foltert, die ihn erregen – was die Nonnen liebend gerne machen, um per Peitsche und an groben Metallfesseln Von-der-Decke-Hängung etwas Nervenkitzel zu erleben. Nonnen werden in Discos tanzen. Oder eine in ein Lammkostüm gequetscht, um meistbietet zur Vergewaltigung auf einem Altar verkauft zu werden. Alles endet natürlich im gottgesandten Sonnenschein der Erlösung. Es braucht sicherlich ein wenig, bis es sich in seiner ganzen Pracht erhebt, gegen Ende aber ist das alles dann doch kaum mehr zu glauben.

Montag 26.01.

Der Kommissar (Folge 10) Schrei vor dem Fenster
(Dietrich Haugk, BRD 1969) [DVD]

großartig +

Kaum nimmt Haugk im Regiestuhl platz, schaltet die Serie in einen ganz anderen Gang. Die Kamera ist lebendiger – gleich zu Beginn betritt Harry per Plansequenz ein Haus, bei der die Kamera ihm stets im Rücken bleibt – oder erlaubt sich Sperenzchen – bei seiner ersten Unterredung ist Kommissar Keller nur verzerrt über einen Spiegel zu sehen, im selben Spiegel, dessen Rahmen der Mutter (Maria Schell) des Mordverdächtigen per Kameraperspektive wenig später eine Tiara oder einen metallenen Heiligenschein aufsetzen wird. Oder es wird der Sesseldreher, der Donald Pleasence‘ Blofeld in YOU ONLY LIVE TWICE erstmals offenbarte, nachgestellt, nur dass er großkotzige Verwandte einführt. Vor allem aber bietet Maria Schell als Theaterschauspielerin und Mutter, die mit endlosen Wortkaskaden und schriller Stimme an Gewissen appelliert und ihren Sohn mit jedem ihr zur Verfügung stehenden Mittel schützen möchte, eine Tour de Force nervlicher Auflösung, die schlichtweg sensationell ist.

Sonntag 25.01.

Date Night / Date Night – Gangster für eine Nacht
(Shawn Levy, USA 2010) [stream, OF]

ok

Diese komödiantische Folterkammer für ein routiniertes Ehepaar (Tina Fey & Steve Carell) hält diesem einen absurden Spiegel vor – die beiden werden mit der Leidenschaft junger, sexhungriger Paare konfrontiert, die sie schon lange nicht mehr besitzen, und ihr Wunsch nach mehr Lebhaftigkeit wird in einer Nacht mit Verwechslungen und lebensbedrohlichem Paranoiathriller übererfüllt. Nur ist ihre nächtliche Odyssee zu sehr stop-and-go, zu sehr Parkour, der die beiden einfach nur zum nächsten prominenten Nebendarsteller – ua.: Bill Burr, JB Smooth, Mark Wahlberg, James Franco, Ray Liotta – führt, deren Haltpunkte mal mehr, mal weniger schnell ihren Witz totgeritten haben. Vll. ist mein Problem aber auch, dass Fey und Carell im Alltag als erschöpftes Paar deutlich mehr Chemie besitzen als im Spießrutenlauf zwischen Mafiagangstern, korrupten Cops und Politikern und anderen Unwägbarkeiten.

Sonnabend 24.01.

L’Homme voilé / Der Mann mit Geheimnis
(Maroun Bagdadi, F 1987) [stream, OmU]

gut

Verlust führt zu Hass, Gewalt zu Reue, ungelöste Konflikte führen zu Sex. So lauten ungefähr die Formeln, denen Bagdadis Film folgt. Pierre (Bernard Giraudeau), ein französischer Arzt, hat im Krieg im Libanon so viel Schlimmes gesehen, dass er selbst zur Waffe griff, um die Feinde der Menschheit auszulöschen. Kamal (Michel Albertini), ein libanesischer Kämpfer, der federführend an einem Massaker beteiligt war, hat der Gewalt abgeschworen und versucht nun in Paris mit den Konsequenzen zu leben – ua. mit Pornoproduktionen. Claire (Laure Marsac), Pierre Töchter, die den endlich wiederkehrenden Vater für einen Heiligen hält, findet sich zwischen den Fronten libanesischen Faktionen – in diesem Paris allgegenwärtig – wieder, die mit ihrem Vater zu schaffen haben. In dieser Gemengelage werden Kamal und Claire zu Geliebten, Kamal philosophiert unter der Dusche gegenüber einem ehemaligen Waffengefährten, dass Claires alabasterne Haut unvergleichlich sei, sowas kenne niemand aus dem Libanon. Und Pierre streift einer von Claire Freundinnen bei seiner Lebensbeichte ihre Kleidung vom Körper, als gehöre es zu jeder normalen Diskussion – und sackt zusammen. Aber dieser Sex, der am Ende aller Traumata in diesem Pariser Märchenreich von Gewalt, Zweifeln und Beklemmung ob der eigenen Identität wartet, am Ende dieses Paris, das fernab von Montmartre verfallen und nach Krieg im Libanon aussieht, ist nur eine zaghaft gesuchte Pointe. Auch Waffen, Konsequenzen, harte Tatsache werden umschifft. Stattdessen ist dieser Film mit Watte gefüllt, die all den Männern mit ihren traurigen Blicken etwas Geborgenheit im seelischen Purgatorium bietet.

A Bad Moms Christmas / Bad Moms 2
(Scott Moore, Jon Lucas, USA/CHN 2017) [stream, OmeU]

nichtssagend

Sowohl die Neuerungen – die Mütter bekommen Besuch von ihren Müttern, die auch einen Mittelweg aus übererfüllter Pflicht und Ignorieren derselben erlernen müssen – als auch die Wiederkehr des Bekannten ist halbarschig erdacht und umgesetzt. Ein übereilter Schnellschuss nach dem Erfolg des Vorgängers, mehr ist es nicht. Kathryn Hahn hat dieses Mal auch kaum etwas zu tun, nur Kristen Bell ist als menschgewordene neurotische Verklemmung weiterhin super.

Freitag 23.01.

Friends
(Lewis Gilbert, UK 1971) [stream, OmeU]

verstrahlt

Lewis Gilbert als diesen ab und zu Bond-Regisseur abzutun, scheint ein Fehler zu sein. Nach zwei Filmen ohne den Geheimagenten warte ich jedenfalls weiterhin auf einen Film von ihm, der mich nicht konsterniert zurücklässt. Hier nun das diametrale Gegenstück zu COSH BOY. Statt dem irren sozialen Problemjugendthriller nun der irre verträumte Ausreißerfilm. Zwei Jugendlich haben genug von nervenden Eltern und anderen Verwandten, die sie nur als anstrengende Verpflichtung sehen, und fliehen in die Camargue. Es fängt als sommerliches Road Movie an, in den Konsequenzen von den Protagonisten und dem Film hintangestellt werden und wandelt sich trotz aller Probleme, auf die die beiden stoßen – Hunger, Schwangerschaft, Fehlen einer praktikablen Zukunft –, zunehmend zur völlig realitätsvergessenen Postkarte schöner Landschaften und unbedarften Handelns. Die Geburt des Kindes wird passend zur Stimmung zur romantisierten Kurzanstrengung, die eine heile, glückliche Kleinfamilie nach sich zieht. Realität und Konsequenzen fahren zwar immer wieder per martialischem schwarzen Auto in den Film – darin sitzen Privatdetektive auf der Suche nach den beiden –, aber näher als am Horizont kommen sie nicht. Wartete COSH BOY sehnsüchtig auf den Gürtel, mit dem die Jugend zur Räson gerufen wird, wird hier alles unternommen, um den Träumern eines selbstgenügsamen Lebens fern von Eltern und beengenden sozialen Käfigen ihren Traum nicht wegzunehmen. …und damit es nicht einfach nur ein schöner, verträumter Jugendfilm ist, inszeniert die Kamera den Körper Anicée Alvinas – während des Drehs wohl 17 Jahre – zuweilen als Erfüllung allen Sehnens und kommt ihr damit auch schon wieder mit übergriffigen Erwachsenenblicken.

Tiger, Löwe, Panther
(Dominik Graf, BRD 1989) [DVD]

gut +

Während der ein Jahr später veröffentlichte SPIELER quasi Grafs Truffaut/Früher-Godard-Film ist, ist dies sein Versuch eines Rohmer-Films. Drei Paare erleben Turbulenzen mit plötzlichem und geregeltem Fremdgehen, sich nicht verscheuchen lassenden Exfreunden und esoterische Eltern. Die Zeit ist fragmentiert, die Probleme werden nicht direkt angegangen, sondern verschleppt. Sprich, es gibt viele Worte um nichts. Sichtlich soll es eine lockerleichte Liebeskomödie sein, trotz guter Laune und einem leichten Hauch von magischem Realismus – oder so, jedenfalls führt das unausgesprochene Ausweichen innerhalb dieser großen emotionalen Momente dazu, dass dies ein wenig wie ein schräger Wunschtraum wirkt –wird es diesen Hang zur Bitternis nicht los. Und irgendwie ist es gleichzeitig die nervigste, wie auch die interessanteste Version seiner selbst.
Vor allem stimmt es traurig, dass Natja Brunckhorst wegen Christiane-F.-Rummel, Krebs und so so wenige Filme in den 1980ern und 1990ern gemacht hat. Hier ist sie jedenfalls eine erstaunliche Präsenz, die ohne Anstrengung jede Szene an sich reißt, ohne im Mittelpunkt stehen zu müssen.

Donnerstag 22.01.

La frusta e il corpo / Der Dämon und die Jungfrau
(Mario Bava, I/F 1963) [blu-ray, EF]

fantastisch

Im Grunde geht es um (scheiternde) Traumabewältigung. Der Tod des peitschenden Schufts (steingesichtig: Christopher Lee) hat keine Relevanz, hat sich seine Tat doch in Körper und Geist gefressen. Statt Erlösung zu bringen, verlegt sein Tod die Heimsuchung nur in den Bereich der Geister und der Albdrücke. Der italienische Titel – genau wie der korrekt übersetzte englische: THE WHIP AND THE BODY – schlägt genau in diese sachliche Kerbe. Die Peitsche hat den Körper so tief in seinem Fleisch markiert, dass beide folglich untertrennbar mit einander verbunden sind.
Der deutsche Titel mit seinen christlich-moralischen Begrifflichkeiten verkennt dies und bereit nur auf die romantische, mit Leidenschaft aufgeladene und doch staubig-vergilbte Welt des Films vor. Aus den Lautsprechern trieft die erotische Passionsmusik. Grell-rote Rosen strahlen von der Leinwand/aus dem Bildschirm. Geheimgänge, kalte, schroffe Kellergewölbe, konfuse Gänge umgeben die warmen, halbwegs einfachen Räume des Ichs – heißt: die Subjekte sind umschlungen von endloser Unwägbarkeit und durch diese zerspaltet und zerklüftet. Mit Leuchtern stapfen die Figuren durch eine stickig-nostalgische Kostümwelt, in der alle benebelt scheinen – bis, ja bis Peitschen griffbereit sind, spitze, die körperliche Unversehrtheit bedrohende Dolche, bis Hände und Augen aus der Dunkelheit über uns herfallen. Der deutsche Titel gibt nur wieder, dass die sachliche Verhandlung eines sachlichen Umstandes eine affektüberlaufende, kaum greifbare Matschigkeit betrifft, die zum niederknien schön ist.

Mittwoch 21.01.

Der Kommissar (Folge 9) Geld von toten Kassierern
(Georg Tressler, BRD 1969) [DVD]

gut

Der spätere DER ALTE-Darsteller Siegfried Lowitz zieht als halbseidener Einbrecherproll, der spielt, als wäre er sich keiner Schuld bewusst, der rammdösig und saufend durchs Leben schwadroniert und trotzdem seinen jungerwachsenen Kindern moralische Vorschriften z.B. über deren Miniröcke macht, eine Wahnsinnsshow ab. Die Stichflamme mit der Walter (Günther Schramm) Kommissar Keller (Erik Ode) Feuer reicht, ist völlig irrsinnig in dieser Folge platziert. Und das Keller Assistentin Helga (Emely Reuer – nachdem ihre Rolle 1970 einfach gestrichen wurde, spielte sie u.a. in EROTIK IM BERUF!) mit der Kündigung droht, wenn sie bei einer Beschattung in einer Kneipe noch ein was trinkt, während der Kommissar und seine Inspektoren zu keinem Drink nein sagen und ständig einen Cognac brauchen, ist ziemlich empörend. Ansonsten Business as usual.

Dienstag 20.01.

Cosh Boy
(Lewis Gilbert, UK 1953) [blu-ray, OF]

wtf

Sichtlich soll Gilberts Problemfilm (Jugendkriminalität) ein Raoul-Walsh-Gangsterfilm sein, gerade da Roy Walsh (James Kenney) sich für eine James-Cagney-Gangsterfigur hält. Roy unterdrückt Freunde und Familie, fängt an zu zittern, wenn er nur daran denkt, dass seine Mutter Zuneigung für andere Männer empfindet. Mit sexueller Gewalt pustet er aufrichtigen jungen Frauen (Joan Collins mit 19 Jahren) das staubige Laub aus der Unterwäsche und macht sie zu Flittchen, zu verlorenen Existenzen. Gilbert versucht erst gar nicht, aufregende Szene dieser heruntergekommenen Kriminalität zu entwerfen, sondern stützt sich – zurecht – ganz auf das Haifischgebiss seines Hauptdarstellers, auf dessen Krampfkörper, der entweder völlig kontrolliert ist oder unkontrolliert bebt.
Aber wie die dem Film vorangestellte Texttafel mit nur einem Wort – Disziplin – deutlich macht, ist all der Jugendkriminalitätskram nur die Vorarbeit für das Finish, auf das alles hinarbeitet. Die ganze Zeit schwingt der Tenor mit, dass der Krieg alleinerziehende Mütter bedingte, die nun von ihren rotzfrechen Gören überfordert sind. Dass es endlich wieder einen Mann im Haus braucht, der mal den Gürtel auspackt und die Kinder maßregelt und blutig schlägt. Geil wird genossen, wenn sich Roy in die Sackgasse manövriert hat. Grinsend genießen die Eltern, der zu Schaden gekommenen, die Nachbarn und die Polizei, wenn Roy, inzwischen nur noch ein stammelndes Bündel, endlich den Wanst vollbekommt und damit das, was er sich verdient hat. Das radioaktive Fetischkino geht nicht soweit, die Gewalt an sich zu zeigen, es hat sich doch noch Skrupel bewahrt, und trotzdem ist die gesetzt daherkommende räudige Asozialität dieses Films kaum zu glauben.

The Ten Year Plan m
(Lewis Gilbert, UK 1945) [blu-ray, OF]

ok

Es endet mit einer Kamerafahrt einen Schornstein hinauf, über den Himmel, der zuerst rauchig, dann fluffig weiß bewölkt ist, und zurück hinunter zu einem Stahlhaus. Es ist geschnitten, aber es ist klar, dass Gilbert lieber eine einzige Einstellung gehabt hätte. Auf jeden Fall soll es zusammenfassen, wie aus den Stahlwerken der Kriegsindustrie nun die Häuser der Nachkriegsjahre entstehen. Der Krieg soll mit Stolz in Frieden übergehen. Aber ich kann mir nicht helfen. Alles, was ich sah, war: erigierter Penis –> Jizz –> ein Ort der Ruhe.

Montag 19.01.

Der Kommissar (Folge 8) Der Tod fährt 1. Klasse
(Wolfgang Becker, BRD 1969) [DVD]

gut

Gerade wenn unsere Ermittler im fahrenden Nachtzug einem Serienmörder auflauern, ringt Becker dem Drehbuch stimmungsvolle Momente aus Bedrohung und Absurdität ab. Im Vorfeld werden drei Verdächtigte verfolgt, die für unterschiedliche gesellschaftliche Schlaglichter sorgen, während ein Unverdächtiger, der verhaftet werden möchte, um seinen rechthaberischen Vater zu trollen, den Humor, den er in die Folge bringen soll, einen Tick zu sehr totreitet – vll. wäre es super geworden, wenn sich Reinecker auf Letzteren konzentriert hätte. Wiederholt ein paar netten Ideen, die mehr hätten sein können.

Sonntag 18.01.

Checker Tobi 3 – Die heimliche Herrscherin der Erde
(Antonia Simm, D 2026) [DCP]

gut

Lotti Z. und ich sind uns einig, dass es endlich den Checker-Marina-Film geben muss. Aber meine Vorbehalte gegen die aufdringliche Empathiemaschine Checker Tobi haben soweit abgenommen, dass ich hier doch den lehrreichen Abenteuerfilm wertschätzen konnte.

பராசக்தி / Parasakthi
(Sudha Kongara Prasad, IND 2026) [DCP, OmeU]

ok

Die Bösewichte sind niederträchtig, verbissen, skrupellos. Entweder sind sie besessen davon, den Machthabern um jeden Preis zu beweisen, dass sie keine Abweichler sind (Ravi Mohan als Thiru), oder eben gefühlskalt daran interessiert, dass sich ihnen das ganze Land unterordnet (Sandhya Mridul als Indira Ghandi). Nichts hält sie zurück. Die Guten lassen sich von ihren überschäumenden Gefühlen leiten, sind mal leidenschaftliche Rebellen oder so emotional, dass sie weinend zusammenbrechen, wenn jemand beim kämpferischen Widerstand stirbt, der ihnen nahe ist. Nichts hält sie zurück. Alles ist auf die Eskalationsspirale ausgelegt, auf einen Sieg gegen jede Chance, dem sich einige Mitstreiter opfern. Sein durchgängig genutztes Bild ist Feuer, mit dem sich Leute anstecken – metaphorisch und buchstäblich –, das in ihnen brennt, sie und ihre Körper verzehrt. Und doch ist der Film, der den Kampf indischer Studenten aus dem Bundesstaat Madras gegen die Einführung von Hindi als einziger offizieller Amtssprache in den 1960ern, die tatsächlich zu eskalierenden Unruhen führten, zum Actionfilm macht, blutarm, weder bissig oder feurig. Zu selten werden Haupt- und Nebenschauplätze mit mehr als den Basics der Eskalation ausgestattet. Sinnbildlich für dieses Problem, ist der nur dahin plätschernde Liebesplot, in dem selten Gefühle zu spüren sind.

Sonnabend 17.01.

Exodus
(Otto Preminger, USA 1960) [blu-ray, OF]

ok

Wir werden von Punkt zu Punkt geschleppt, an denen uns jeweils Perspektiven und Argumente vorgekaut werden, die zur Staatsgründung Israels führten. Im Großen und Ganzen ist es ein einziger Infodump, der nur minimal versucht mitreißendes Kino zu bieten. Das gesagt, sind die dreieinhalb Stunden zumindest überraschend zügig vorbei, der Hungerstreik hat seine Momente und die Befreiung von Gefangenen aus dem Knast ist ganz schönes Spannungskino. Am besten ist aber, dass eine US-amerikanische Krankenschwester (Eva Marie Saint als Kitty Fremont) als Stand-in für den Zuschauer eingebaut wurde, die zu Beginn nichts über die Konflikte weiß und lernt und erlebt, bis sie am Ende in Uniform und mit Schnellfeuergewehr zur Front aufbricht, dass es eben auch wie ein Film über Patty Hearst wirkt.

L’anticristo / Der Antichrist
(Alberto De Martino, I 1974) [blu-ray]

großartig

Wie bei THE EXORZIST geht es um die Sexualität einer jungen Frau, die beunruhigt und christlich eingefangen werden muss. Aber hier geht es nicht um Pubertät, sondern um inzestuöse Gefühle einer Tochter zu ihrem Vater, die krankhafte Aufrechterhaltung des perfekten, bewunderungswürdigen Bildes des Vaters, der den Tod seiner Frau verursachte, die kindliche Eifersucht einer erwachsenen Frau gegenüber der neuen Geliebten des Vaters – überhaupt: wie lange der Film sich Zeit lässt, dass die beiden Protagonisten Vater und Kind sind und nicht Mann und Frau… Es geht um moderne Wissenschaft, Psychologie, die gar nicht weiß, welche Schrecken sie aus den Menschen hervorholt. Um Religion als inadäquates Pflaster, die Grauen per Vogel-Strauß-Technik wieder verschwinden lassen soll.
Wahrscheinlich bleibt der daraus erwachsende Film auch nicht so gesittet wie Friedkins. Statt bedacht eingesetzt Ekeleffekte und Drastik ist dieser Film ein einziger Rausch aus zerhäckselten Realitäten (der Schnitt!), psychosexuellen Traumlandschaften, auf Effekt, nicht Realitätseindruck bedachten Spezialeffekten, Wahn, Sabber und impotenten Versuchen den Wahnsinn um sich einfach zu ignorieren. Allein der Flur mit den Büsten, die sich aus der Wand beugen und schauen, was den Gang in der Herrschaftsvilla entlangkommt. Alles ist wild, nichts bewegt sich. In der Villa des mit doppelter Schallgeschwindigkeit beschleunigten rasenden Stillstands.

港の日本娘 / Japanese Girls at the Harbor
(Shimizu Hiroshi, J 1933) [DVD, OZmeU] 2

fantastisch

Es ist eine einfache Aufspaltungsbewegung, die immer wieder wiederholt wird. Zwei Schulmädchen gehen eine Promenade entlang. Doch die Einigkeit zerplatzt. Eine bleibt zurück. Eine von beiden steht immer wieder in Bildern einer weiten, flachen Landschaft, um sie nur Himmel, während der Gegenschnitt die andere von Bäumen, Sträuchern und wehendem Laub umringt zeigt. Oder sie stehen im selben Bild: links leerer Himmel, rechts von oben bis unten Bäume. Überhaupt ist es immer stimmungsabhängig, ob die Bäume Laub tragen und kahl sind. Die Kamera bewegt sich von links nach rechts, dann wieder von rechts nach links. Die eine mordet in Leidenschaft die Geliebte des Mannes, den sie liebt. Die andere heiratet ihn. Die eine taucht unter und wird Prostituierte, die andere lebt ein stabiles bürgerliches Leben. In der einen kocht es, sie kann sich nicht kontrollieren, während die andere ihre Gefühle wegschluckt und aussitzt. Die eine trägt Wahnsinn in den Augen, die andere schaut nach unten. Wie zu Beginn aber, als die eine zurückblieb, kam die andere zurück. Und so laufen sie sich wieder über den Weg und Leben werden zerstört. Sie trennen sich nicht, sie sind wie zwei gegenpolige Magneten, die sich doch durch Gravitation wieder anziehen. Immer geht es vor und zurück zwischen den beiden. Ein Melodrama.

Freitag 16.01.

Loups-Garous / Die Werwölfe von Düsterwald
(François Uzan, F 2024) [stream]

ok

Fatalerweise liest Lotti Z. (9 Jahre) gern und ignoriert meine ausgedruckten Sehtagebücher nicht mehr. Als die Exemplare von 2025 ankamen, nahm sie es sich eins, suchte hinten im Index nach Filmen, die wir gemeinsam geschaut hatten, und musste nun feststellen, dass ich nicht allzu oft ihrer Meinung war. Mehrmals wurde ich empört angebufft. Gleich zu Beginn des Buchs im letzten Januar fand sie auch noch, dass ich LOUPS-GAROUS nichtssagend fand. Nichtssagend?!?!?! rief sie und verdonnerte mich zur Reevaluierung. Schon ein netter Film, aber wieder blieb bei mir eigentlich nur die Johnny-Hallyday-Sequenz in Erinnerung, wo ein zeitgereister Musiklehrer einen mittelalterlichen Markt mit ALLUMER LE FEU und elektrisch verstärkter Laute verzaubert.

Bad Moms
(Scott Moore, Jon Lucas, USA/CHN 2016) [stream, OmeU]

gut

Der Film ist optisch sicherlich hässlich wie die Nacht – Was ist das eigentlich für ein Sprichwort? Nächte sind doch wunderschön… –, aber Kathryn Hahns Rampensauperformance und Kristen Bells komplett awkwarde Verklemmung fangen die extremen Reaktionen auf eigene und fremde Ansprüche doch sehr schön ein und sorgen quasi am Rand für die besten Momente. Sicherlich aber auch ein Film, der erst richtig goutiert werden kann, wenn schonmal ein Elternabend erlebt wurde.

Donnerstag 15.01.

The Greatest Showman
(Michael Gracey, USA 2017) [DCP]

ok +

Zac Efron ist schon faszinierend. Ein Halbgott – endloser Charme und ein Aussehen wie in Marmor gemeißelt –, der in sich ruht und sichtlich alles meistern wird. Er ist wie geschaffen für die Kamera und doch ein undankbarer Schauspieler für jeden Film, da Drama und Komik an ihm abperlen. Zudem wirkt es, als sei seine Karriere seit gut 15 Jahren im Grunde vorbei, als habe er mit HIGH SCHOOL MUSICAL und 17 AGAIN alles erreicht, was ihn ausmacht, und dass er seitdem einfach nur noch in Hollywood abhängt und seine Zeit genießt. Ansonsten ein Film über Freaks, der zwar tolle Tanznummern hat und die Choreographie des Auftakts ist ganz wundervoll, aber meist ist er doch ein wenig arg stromlinienförmig.

Mittwoch 14.01.

The Housemaid / The Housemaid – Wenn sie wüsste
(Paul Feig, USA 2025) [DCP]

ok +

Den Erklärbärmittelteil streichen und jemand schmuddligeren auf den Regiestuhl, schon wäre der Film sehr, sehr gut. Mehr dazu bei critic.de.

Dienstag 13.01.

사마리아 / Samaria
(Kim Ki-duk, ROK 2004) [DVD, OmU] 2

großartig

Vom damaligen Kinobesuch war mir nur der Auftakt in Erinnerung geblieben. Ein Märchen, in dem Reziprozität alles wieder ins Lot bringt. Eine Jugendliche (Han Yeo-reum) hat Sex mit Freiern, weil es ihr nichts weiter bereitet. Ihre beste Freundin (Kwak Ji-min) – vll. ist auch mehr zwischen den beiden, dass für sie noch weniger eine mögliche Realität ist wie jugendliche Prostitution – findet es eklig, steht trotzdem für sie Schmiere und wäscht sie danach stets wieder mit Wasser und Seife rein. Als die eine auf der Flucht vor der Polizei stirbt, beginnt die andere sich selbst und ihre Gefühle reinzuwaschen. Sie schläft mit allen Freiern ihrer Freundin und gibt ihnen dafür deren Geld zurück. Eine brüchige, widerspruchsvolle Realität wird mit Sex, Passivität und Hingabe gekittet.
Den größeren Teil des Films hatte ich aber vergessen. Ein Vater (Lee Eol) versteht nicht. Er, ein Polizist, ein Ordnungshüter, kommt der umgekehrten Prostitution seiner Tochter auf die Schliche, er folgt ihr und mit feurigem Schwert zieht er die, die sich aus seiner Perspektive an seiner Tochter vergehen, zur Rechenschaft. Dem christlichen Märchen setzt er eine blutige, grimmige, unangenehme Realität entgegen. Bis der Film zumindest zur Meditation wird. Vater und Tochter finden keinen Weg zu kommunizieren, der Vater zerstört seine Tochter, zerstört sich … und doch geht es Kim Ki-duk eben nicht um Drastik, die seinen Ruf begründete, sondern um den Abgrund zwischen den Generationen, zwischen zwei Weltverständnissen und sucht nach Verständigung – im sicheren Glauben, dass sie möglich ist, gegen jede Chance.

Montag 12.01.

Der Kommissar (Folge 7) Keiner hörte den Schuss
(Wolfgang Becker, BRD 1969) [DVD]

großartig

Während der Folge war ich mir nicht mehr so ganz sicher, ob Zbyněk Brynychs Regiedebüt für die Ringelmann-Serie weiterhin noch ein paar Folgen auf sich warten lässt. Gerade der Einsatz von Canned Heats ON THE ROAD AGAIN: Auf einen Schnitt tanzen plötzlich Hippiegirls zu den Sitarklängen des Intros vor und vor allem zur Kamera – in einem glitzernden Umfeld. Auch wenn das Lied in seinen poppigen Blues umbricht, hat es die Folge alles andere als eilig, wieder zur Handlung zurückzukommen. Mit einem Mal – als knappe Zweistufenrakete – ist aus einer beschaulichen Krimiserie etwas anderes geworden. Jugend und andere Realitäten drängen plötzlich in sie. Mehr noch gewahrt aber an Brynych, dass das Intro und der pumpende Beat-Klassiker, dass der Umbruch von einem zu anderen als wiederkehrendes Leitmotiv für eine Frau (Erika Pluhar) eingesetzt wird, die vom Drehbuch sichtlich als Femme fatale, als Sirene gedacht ist, die die Männer in ihrem Umfeld zu Mördern, Dieben und zerstörten Existenzen macht. Eine Frau, hinter der ein lauter Chor aus verstimmten Eltern und Nachbarn zu hören ist. Mit dem Brynych-typischen Leitmotiveinsatz wird aber etwas Anderes daraus. Die Implikationen des Drehbuchs lassen sich vll. nicht abschütteln, aber da ist eben auch noch die Perspektive, wie sie stoisch die Schikane der spießigen Gesellschaft über sich ergehen lässt, aber schon wieder woandershin unterwegs ist und bereit ist den Mief abzuschütteln, egal was es koste.

Sonntag 11.01.

Bibi Blocksberg – Das große Hexentreffen
(Gregor Schnitzler, D/A 2025) [DCP]

ok

Das Problem ist wohl, dass es die Pflichtaufgabe des Films scheint, Erwachsene mit dem Geist eines ungehemmten Kindes und protofaschistische Internate zu zeigen, statt in diesen Widersprüchen die Kür zu verstehen. Heißt: etwas mehr Lust an Chaos und (sozialem) Horror, statt an (Re-)Installierung eines hemdsärmlichen-fröhlichen Mittelwegs wäre sehr schön gewesen.

First Reformed
(Paul Schrader, USA 2017) [blu-ray, OF]

fantastisch

Pastor Toller (Ethan Hawke) besucht Michael (Philip Ettinger) zur allgemeinen Seelsorge. Während sie reden befindet sich hinter dem einen eine Wand aus Zeitungsausschnitten, Internetausdrucken und Bildschirmen, die einem tonlos entgegenplärren: Umweltverschmutzung, Klimawandel, der Weltuntergang ist nicht mehr abzuwenden. Hinter dem anderen ist eine weiße Wand mit zwei zugezogenen Fenstern – die Religion bietet Sicherheit, weil sie hilft die Augen vor der Realität zu verschließen … oder wenigstens vor wahrscheinlich auf uns zukommenden Unannehmlichkeiten. Es folgt ein filmisches Gären: Die Katastrophe, auf die es hinausläuft ist kaum zu übersehen – Toller kämpft in leeren, asketischen Räumen, in ruhig geschnittenen konfrontativen Einstellungen gegen seine Glaubenskrise, weil er die Augen nicht mehr verschließen möchte/kann; mit Alkohol versucht er den Krebs, der wahrscheinlich seinen Körper zerfrisst, zu ignorieren; eine Liebesgeschichte/eine starken sexuelle Anziehung, die zu ihrem Höhepunkt ins Psychedelische umschlägt, die nicht sein kann, bläst eine nicht akzeptierte frische Brise in Tod und Untergang –, aber das große Desaster lässt lange auf sich warten. Der Widerstreit aus maximaler Anstrengung, offene Konflikt und Eingeständnisse wegzusperren, und dem unaufhörlichen Dringen des Verwesungsgestank aus den Ritzen der sich hermetisch gebenden Bilder und der weichen, alles aufsaugenden weichen Gesichter ist schon so ein Erlebnis. Am Ende lässt sich Schrader aber auch nicht lumpen. Innen und außen implodieren. Das Fleisch wird gegeißelt, die Gedärme – die Stellvertreter der Seele – weggeätzt. Dieses dumpfe Prasseln, das mit einem Hieb endet, diese psychotronische, vulgäre Version von TAGEBUCH EINES LANDPFARRERS ist in ihrem Wahn aber so ernst, dass es zwar an die Nieren geht, gleichzeitig aber auch eine makabre Komödie ist. Vll. sind die Lacher aber auch einfach nur Selbstschutz, während Schrader ungeniert und fröhlich mit seinem dreckigen Finger in den Wunden der Gegenwart und vor allem seinen eigenen rührt.

Sonnabend 10.01.

KPop Demon Hunters
(Chris Appelhans, Maggie Kang, USA 2025) [stream] 2

gut

Weiterhin erstaunlich, wie sehr der Film so ziemlich in der Mitte seinen Humor verliert. Dafür hat die Dauerbeschallung mit dem Soundtrack durch Sabrina und Lotti Z. Spuren hinterlassen: Er gefiel mir besser denn je.

Der Klosterjäger
(Max Obal, D 1935) [DVD]

großartig

Schon erinnernswert, weil: als Paul Richter als Klosterjäger seine Geliebte Gitti (Charlotte Radspieler) erstmals trifft, schaut er ihr maximal lüstern nach, worauf dazu geschnitten wird, wie Gitti in einem Wald aus riesigen, dunklen Phallen verschwindet.

Der Klosterjäger
(Harald Reinl, BRD 1953) [DVD]

gut

Ein fast menschengroßes Kruzifix spielt in Ganghofers Roman eine zentrale Rolle. Sieht es bei Obal aber gotisch verzerrt aus, ist es hier bunt, glatt, fröhlich, fast abstrakt. Es steht für den ganzen Film. Reinls Version ist wie die Cartoonvariante von Obals. Klar, es gibt kleinere Umstellungen, aber Unmengen der Situationen und Dialoge gleichen sich, nur dass hier ihre Künstlichkeit umso mehr ins Auge springt, dass es Dialoge und Szenen aus einem cleveren Drehbuch sind.

Freitag 09.01.

Der Wilderer vom Silberwald
(Otto Meyer, BRD 1957) [DVD, ≠] 2

großartig

Zu Beginn fährt ein berlinernder Jugendlicher (Wolfgang Jansen) mit Calypso-Singles für die Jukebox ins bajuwarische Dorf, in die Heimat, und stürzt sich auf einen Krimi, ein Familiengeheimnis, dass er lösen möchte. Unterdessen genießt der Oberförster Bilder knapp bekleidete Frauen in der Illustrierten. Am Ende ist die hippe Jugendlichkeit, das Moderne und Schmierige verschwunden und unabhängig davon der Vorfall aus dem Schatten der Vergangenheit gelöst, damit das Melodrama um die Liebe des Försters Pachegg (Rudolf Lenz). Die Auflösung in die idyllische Seligkeit ist aber klamm. Pachegg hat sich für die simple Liebe zur jungen Ullio (Anita Gutwell) entschieden, statt zur Liebe mit der Witwe Josefa (Traute Wassler). Statt für die Leichen im Keller, die dunklen Nächte, durch die Wilderer schleichen, dem problematischen Verhältnis zum abseitigen Kind, entschied er sich für frische Unschuld, für den Tag, die Natur, die niedlichen Tiere. Vergangenheit wie Gegenwart Deutschlands werden für einen Wunschtraum ausgetauscht. Ein vergnügtes, trunstvolles Metameisterwerk.

Donnerstag 08.01.

Le Prix du danger / Kopfjagd – Preis der Angst
(Yves Boisset, F/Y 1983) [stream, OmU]

großartig +

Ein Film ohne Mitte und außen. Wie in DAS MILLIONENSPIEL und den RUNNING MAN-Verfilmungen erzählt die Kurzgeschichtenverfilmung (Autor: Robert Sheckley) von einer Fernsehsendung, in der ein Kandidat eine Millionen Dollar bekommt, wenn er sich nicht von einer Handvoll Jägern töten lässt. Aber weder der Kandidat Jacquemard (Gérard Lanvin) ist das Gesicht des Ganzen – wird sind nur die Zeugen, wie er nach und nach die Nerven verliert, wissen aber am Ende so wenig über ihn wie vorher; er ist lediglich ein gesichtsloser Kandidat mit charismatischem Aussehen –, noch die Strippenzieher der Sendung – auch Piccoli ist trotz sensationeller Rampensauperformance lediglich ein Moderator ohne weitere Eigenschaften und Agendas, außer Werbeeinnahmen zu genieren, wie auch Produzentin Laurence (Marie-France Pisier) nur pro Forma mit Skrupeln zu kämpfen hat. Das Ganze insgesamt steht noch am ehesten im Zentrum, und alle Figuren sind darin nur eng gefasste Rädchen.
Auch ein Außerhalb des Ganzen gibt es nicht. Nie sehen wir Zuschauer vor den heimischen Fernsehern. Paris scheint nur die Bühne der Jagd zu sein, in der jeder Teil derselben ist. Dass Jacquemard den Verstand über eine Nichtigkeit verliert, dass nämlich die Mitarbeiter der Sendung ihm geholfen haben zu überleben, damit die Sendezeit nicht zu kurz ist und ausreichend Werbeschaltungen möglich sind, ist sprechend. Er wird wahnsinnig, weil es keine Fluchtmöglichkeit gibt, dass alles Show ist, alles Teil dieser Gesellschaft, in der er ohne Fluchtmöglichkeit eingeschlossen ist. Am Ende ergibt das straighte, nihilistische Thrillerunterhaltung, in der die moderne Gesellschaft keinen Ausweg bietet.

Mittwoch 07.01.

Der Kommissar (Folge 6) Die Pistole im Park
(Wolfgang Becker, BRD 1969) [DVD]

gut +

Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz) ermittelt in der Villa eines Unternehmers (Peter van Eyck), und jede der dort anwesenden Personen kommt aus der Twilight Zone. Ein Chef, die mit Fernrohren alles im Augen behalten. Ein altes Hausmädchen, dass nach Jahren der Unterdrückung Aufwind spürt und es sichtlich nicht fassen kann. Freunde, die rumhängen und passiv ihre Zeit abwarten, um dabei sicher zu gehen, dass nichts ans Licht kommt. Eine Sekretärin, die hinter jeder Ecke lauert. Diamantene Glastüren, mit denen die Leute in zwei Gruppen geteilt werden. Manchmal überspannte Einstellungen, die die zwischenmenschlichen Unwägbarkeiten noch potenzieren. Mit Becker steht der Wahnsinn endlich nicht mehr so am Rand.

Dienstag 06.01.

Die Prinzessin von St. Wolfgang
(Harald Reinl, BRD 1957) [DVD]

großartig

Während eine Prinzessin (Marianne Hold), eine Nachfahrin Franz Josephs, und ein Automechaniker (Gerhard Riedmann) um ihre Liebe gegen die Adelsetikette kämpfen, auch gegen die Schranken in sich, erleben wir wie ein bajuwarisches Urvieh (Joe Stöckel) seine Kleinlichkeit und sein Territorialverhalten aufgibt und zum Amor wird. Passend dazu schwenkt die Kamera immer wieder nach links und rechts und weitet unseren Blick, zeigt die Schönheit jenseits der Scheuklappen der eigenen Perspektive.

Montag 05.01.

Der Kommissar (Folge 5) Ein Mädchen meldet sich nicht mehr
(Theodor Grädler, BRD 1969) [DVD]

ok +

Alleine wie ungelenk deutsche Fernsehermittlern Wörter wie Marihuana und Reefer aus dem Mund pressen und dass die Suchtwirkung von THC so dargestellt wird, als sei es ein Opiat ist schon sehr außerirdisch. Günther Ungeheuer gibt als Drogenbaron auch einen wunderbaren Unsympathen und Rudolf Schündler hat einen kleinen Auftritt als dealender Klomann. Einiges ist schön, aber die Dominanz der Ermittlungen verstellt den Blick auf den Wahnsinn der imaginierten Welt von Hippies und Drogen.

Fabula
(Michiel ten Horn, NL/B/D 2025) [stream, OmU]

nichtssagend

Das hat schon alles sein Potential, aber mit dieser übermächtige skurrile 1990er Gangsterfilmripoff ist gerade nicht so meins. Mehr dazu beim Perlentaucher.

Sonntag 04.01.

Der Kommissar (Folge 4) Die Tote im Dornbusch
(Georg Tressler, BRD 1969) [DVD]

ok

Die Faustregel von Derrick, dass die Episoden meist besser sind, je länger das Auftauchen der Ermittler auf sich warten lässt, greift nicht. Der Kommissar beginnt bisher immer mit der Leiche. Und erst bei den Ermittlungen entspinnt sich die Hintergrundgeschichte. Im Mittelpunkt stehen die Frotzeleien zwischen den Ermittlern und nicht die melodramatischen Welten, die in Mord gipfeln oder die durch diesen zerrissen werden. Auch wenn Paul Albert Krumm als eifersüchtiger, leidender Ehemann eine wunderbare Performance eines sich auflösen Wollens gibt, bleiben Betrug, Hinterlist, der Schmerz nur Schatten der Suche nach dem Täter. Die Charaktere und Reineckers pseudoprogressiven Weltsicht sind schon ganz faszinierende Hirnsprenger, aber irgendwie bleibt alles auf Sparflamme. Das triste Final mit dem Kind ist schön, aber zu wenig zu spät.

Sonnabend 03.01.

Sissi – Die junge Kaiserin
(Ernst Marischka, A 1956) [stream]

gut

Der erste Teil nochmal, nur in einem etwas anderen Gewand. Erst ein Lustspiel über eine lebhafte junge Frau, die in einen Kerker der Benimmregeln gesteckt werden soll, dann eine prachtvolle, ausladende Zeremonie, in der ihre Niederlage für das Wohl von Österreich und Ungarn in beklemmenden Prunk gesteckt wird. Nur: Oberst Böckl (Josef Meinrad) kommt dieses Mal viel zu kurz.

Il Casanova di Federico Fellini / Fellinis Casanova
(Federico Fellini, I 1976) [DVD, OmU] 2

großartig +

Im Booklet der DVD konnte ich bei Georg Seeßlen nachlesen, dass Fellini bei der Recherche zum Film bemerkte, dass er Casanova nicht leiden konnte. Sein Film ist folglich eine Abrechnung mit sexueller Protzerei, die nie erotisch ist, sondern nur mühseliger, alberner Ausdauersport, und mit der antiaufklärerischen Aufklärung eines selbsternannten Universalgenies, der es trotz alles prahlerisch behaupteten Buchwissens nie schafft seiner Realität Rechnung zu tragen. Mehr noch ist es aber das bessere ACHTEINHALB. Ein selbsternannter musischer Geist, erzählt allen, was er ach für Kenntnisse hat, doch sie wollen von ihm nur Schmier, für den sein katholischer Geist nur verklemmte Annäherungen bereithält.
Besser ist es nicht, weil es treffender wäre, sondern weil die Episoden irrlichternde Garstigkeiten sind und damit schmerzhafter ins eigene Fleisch schneiden als die Schönheit seines anderen Selbstportraits. Mehr noch aber, wegen der Künstlichkeit des Films. Die Künstlichkeit der mal feurigen, mal fahlen Farben eines Überlebtseins. Der Künstlichkeit einer epischen Realität, die als Göttin zu Beginn untergeht und durch siechende Karikaturen von Wirklichkeit und Belebtheit ersetzt wird. Der Künstlichkeit von Donald Sutherlands Aufmachung, die alle Schönheitsstandards unterläuft. Die Renaissance wird zur fauligen Clownerie. Mehr Punk war Fellini nie.

Freitag 02.01.

Oz the Great and Powerful / Die fantastische Welt von Oz
(Sam Raimi, USA 2013) [stream]

ok

AMRY OF DARKNESS nur mit elaborierterem Auftakt, fliegenden Affen statt Untoten und in Oz statt im Mittelalter. Seltsamerweise scheint Raimi aber nur zu Beginn in Kansas ganz zu sich zu kommen, beim Portrait eines windigen Aufschneiders (James Franco als kommender Zauberer von Oz) mit dutzend Einfällen. Mit Oz selbst wird er erst gegen Ende richtig warm, wenn sein Aufschneider wieder Oberhand gewinnt und nicht der Spielball der ihn überfordernden, bunten Umstände ist. Die einfache Antwort, warum Großteile des Films trotz Zauberwelt eher bieder sind, wäre, dass Raimi zu ehrfürchtig war und sich am Prequelschaffen fruchtlos abmüht. Vll. hat er sich einfach versagt – oder es wurde ihm –, die Hexen richtig von der Leine zu lassen. Mutmaßungen, die ich bei einem interessanteren Film vll. mal überprüfen würde.

Lancelot du Lac / Ritter der Königin
(Robert Bresson, F/I 1974) [DVD, OmeU]

fantastisch

Bressons Film lief in England erst im August 1975 an. MONTY PYTHON AND THE HOLY GRAIL (Premiere: März 1975) war also keine Reaktion, sondern ein Bruder im Geiste. Gerade der Auftakt hier – Leute in Ritterkostümen schlachten sich ab und entfachen Gore eines epischen Theaters, d.i. Kunstblut spritzt bspweise rhythmisch per Strahl aus einem Hals eines kopflosen Puppentorsos – passt haargenau zur Szene mit dem Schwarzen Ritter dort. Klar, bei Bresson gibt es keine metatextuelle, offensichtliche Absurdität, und doch ergibt sein Ernst eine veritable Tongue-in-cheek-Komödie.
Seine Ritter legen ihre Rüstungen so gut wie nie ab, weshalb es den ganzen Film hindurch durch ihre Bewegungen blechern klingt und klongt. Ihre Männlichkeit ist deutlich eine theweleitsche. Sie tragen Ganzkörperpanzer, mit denen sie sich gegen Zärtlichkeit und Sex, gegen das Einknicken gegen ihre allgegenwärtige Lust auf Arthurs Königin Guinevere (Laura Duke Condominas), deren Fenster (zwei Bögen mit jeweils einem Punkt oben drauf … Wink wink! Do you know what I mean?) sie tags und nachts angaffen, gegen die Auflösung ihrer Identität zur Wehr setzen. Und diese theweleitsche Männlichkeit, die für das Drama sorgt und dafür, dass sich die Geschichte nicht in Ruhe und Liebe auflösen kann, ist eben absurd. Durch die Geräuschkulisse und durch die langen Unterhosen, die die unberüstete Rückseite der ritterlichen Beine schmückt.
Bresson bietet aber trotzdem weniger spaßige Absurdität als ein asketisch-absurdes Melodrama. Statt Sinnzusammenhänge aufzulösen, wird Guineveres Zwangsverzicht nachgezeichnet. Unendlich wartet sie auf ihren Lancelot (Luc Simon), der sich in ritterliche Abenteuer oder strammes Ausharren stürzt, statt mit ihr zu kuscheln. Dafür müsste er seine Rüstung ja ablegen. Asketisch sind die Mittel, grau und antiklimaktisch das Geschehen. Die Ritter kommen von der Suche nach dem Heiligen Gral zurück, und der Traum von einer Welt der Gleichberechtigten und Einigen ist ausgeträumt. Zurück bleibt die Kläglichkeit eines zwieträchtigen, unglamurösen Jetzt, dass sich nicht traut zu lieben.

Donnerstag 01.01.

Der Kommissar (Folge 1) Toter Herr im Regen
(Wolfgang Becker, BRD 1969) [DVD]

gut

Die Folge dümpelt so ein bisschen dahin, bis Kommissar Keller (Erik Ode) plötzlich vor dem Portrait eines Mannes in Wehrmachtsuniform steht, das einfach in einer Villa rumhängt. Kurz zuckt er zusammen, und die Folge wird unmittelbar zur halbdeliranten Aufarbeitungsarbeit. Die Reichen sind plötzlich nicht mehr einfach nur pervers und verkommen, sondern haben auch noch eine Geschichte und ungebrochene Wertvorstellungen in der Familie.

Der Kommissar (Folge 2) Das Messer im Geldschrank
(Wolfgang Becker, BRD 1969) [DVD]

großartig

Nachtclubbesitzer Mirco Brandic (Lukas Ammann) zückt seine Ausweispapiere und Schankdokumente schneller als sein Schatten und lässt nicht ab zu betonen, dass sie korrekt sind. Allein durch ihn durchzieht die Folge die Beklemmung, als Ausländer von der Polizei kontrolliert zu werden. Die Polizei bechert derweilen, und Keller (Erik Ode) verbringt wohl die Nacht mit einem käuflichen Mädchen – ein vielsagender Schnitt legt es mehr als nahe –, erklärt seiner Frau aber, dass er im Büro geschlafen habe. Und jeder Satz aus der Feder von Herbert Reinecker lässt mich erfahren, dass sich sein Stil nach all den Derrick-Folgen tief in meinen Knochen sitzt.

Astérix et le Coup du menhir / Asterix – Operation Hinkelstein
(Philippe Grimond, F/BRD 1989) [blu-ray] 6

ok +

Michel Colombiers Soundtrack und vor allem sein Song Zonked, der in einer schönen surrealen Traumsequenz bebildert wurde, sind schon das größte Vergnügen dieser überspannten Comicverfilmung.

Der Kommissar (Folge 3) Ratten der Großstadt
(Theodor Grädler, BRD 1969) [DVD]

ok

Horst Frank hängt mit vier Kumpanen ab, auf der Straße, an der Isar, in der Sonne. Der angebotenen Arbeit wird sich verwehrt, Mitmenschen werden schikaniert. Sie sind Gammler, Halbstarke, Rebellen ohne Grund, Ratten der Großstadt. Sie sind Alkoholiker, geistig Beeinträchtigte, Mitläufer, Verirrte, Machtmenschen, Arschlöcher. Grädler beschränkt sich aber darauf, dass Werner Pochath ständig überdreht lacht und rumspringt, und reichert Franks Präsenz kaum mit etwas an. Größtenteils bietet die Folge also biedere Ermittlungen und Rowdy-Malen-nach-Zahlen. Erst als Pochath am Ende wie ein ausgesetzter Hund seinem Herrchen nachrennt, wird seine Figur und die Folge so wild, wie sie sich gibt.