STB Robert 2026 I
„Die Zahlen des Kommerzes waren rational – Verhältnisse von Gewinn und Verlust, Tauschraten –, doch in der Menge der reellen Zahlen waren die, welche die Zwischenräume einnahmen – die irrationalen – gegenüber diesen schlichten Quotienten bei weitem in der Mehrheit. So etwas Ähnliches spielte sich auch hier ab – das zeigte sich schon an der seltsamen, keinem Muster folgenden Teilmenge der venezianischen Adresszahlen, die schon mehr als einmal dazu geführt hatte, dass er sich verlief. Er kam sich vor wie jemand, der nur reelle Zahlen kennt und zusieht, wie eine komplexe Variable dem Grenzwert zustrebt …“
(Gegen den Tag)
Wertung: Ich kann nichts mit Zahlen zur Bewertung anfangen. Deshalb gibt es hier ein prosaisches System. Eine Skala ist mit der Qual verbunden, Filme in eine lineare Ordnung zu quetschen. Deshalb hat die Wertung zumindest eine Y-Struktur für freieres Atmen. Die Einstufungen radioaktiv und verstrahlt reflektieren, dass ein Film in seiner eigenwilligen Qualität es einem nicht einfach macht, ihn einfach zu genießen. Wertungen in Klammern verweisen auf das ein oder andere Nickerchen beim Schauen.
Legende: Ist im Grunde selbsterklärend. Wenn hinter der eckigen Klammer eine Zahl steht, dann gibt sie die Anzahl der Sichtungen wieder. Je höher die Zahl, desto mehr ist sie geschätzt. Da ich mit Fernsehen und Kino aufgewachsen bin, wo nur gekennzeichnet wurde, wenn ein Film nicht in deutscher Sprache lief, tue ich das schändlicherweise auch. (OmU=Originalfassung mit Untertiteln, OmeU=Originalfassung mit englischen Untertiteln, OF=Originalfassung, EF= englischsynchronisierte Fassung, OZmeU=Originalzwischentitel mit englischen Untertitel) Hinzu kommen die Zeichen ł, wenn der Film gekürzt war, und ≠, wenn ich mitbekommen haben sollte, dass das Format nicht hinhaute. Ein kleines K hinter einem Titel bezeichnet einen Kurzfilm (bis 15 Minuten), während ein kleines M einen mittellangen Film (16 bis 60 Minuten) kennzeichnet.
Vorangegangene Sehtagebücher:
2012/II | 2013/I | 2013/II | 2014/I | 2014/II | 2015/I | 2015/II | 2016/I | 2016/II | 2017/I | 2017/II | 2018/I | 2018/II | 2019/I | 2019/II | 2020/I | 2020/II | 2021/I | 2021/II | 2022/I | 2022/II | 2023/I | 2023/II | 2024/I | 2024/II | 2025/I | 2025/II
Januar
Dienstag 13.01.
großartig –
Montag 12.01.
großartig –
Sonntag 11.01.
ok
fantastisch –
Sonnabend 10.01.
gut
großartig –
gut –
Ein fast menschengroßes Kruzifix spielt in Ganghofers Roman eine zentrale Rolle. Sieht es bei Obal aber gotisch verzerrt aus, ist es hier bunt, glatt, fröhlich, fast abstrakt. Es steht für den ganzen Film. Reinls Version ist wie die Cartoonvariante von Obals. Klar, es gibt kleinere Umstellungen, aber Unmengen der Situationen und Dialoge gleichen sich, nur dass hier ihre Künstlichkeit umso mehr ins Auge springt, dass es Dialoge und Szenen aus einem cleveren Drehbuch sind.
Freitag 09.01.
großartig
Zu Beginn fährt ein berlinernder Jugendlicher (Wolfgang Jansen) mit Calypso-Singles für die Jukebox ins bajuwarische Dorf, in die Heimat, und stürzt sich auf einen Krimi, ein Familiengeheimnis, dass er lösen möchte. Unterdessen genießt der Oberförster Bilder knapp bekleidete Frauen in der Illustrierten. Am Ende ist die hippe Jugendlichkeit, das Moderne und Schmierige verschwunden und unabhängig davon der Vorfall aus dem Schatten der Vergangenheit gelöst, damit das Melodrama um die Liebe des Försters Pachegg (Rudolf Lenz). Die Auflösung in die idyllische Seligkeit ist aber klamm. Pachegg hat sich für die simple Liebe zur jungen Ullio (Anita Gutwell) entschieden, statt zur Liebe mit der Witwe Josefa (Traute Wassler). Statt für die Leichen im Keller, die dunklen Nächte, durch die Wilderer schleichen, dem problematischen Verhältnis zum abseitigen Kind, entschied er sich für frische Unschuld, für den Tag, die Natur, die niedlichen Tiere. Vergangenheit wie Gegenwart Deutschlands werden für einen Wunschtraum ausgetauscht. Ein vergnügtes, trunstvolles Metameisterwerk.
Donnerstag 08.01.
großartig +
Ein Film ohne Mitte und außen. Wie in DAS MILLIONENSPIEL und den RUNNING MAN-Verfilmungen erzählt die Kurzgeschichtenverfilmung (Autor: Robert Sheckley) von einer Fernsehsendung, in der ein Kandidat eine Millionen Dollar bekommt, wenn er sich nicht von einer Handvoll Jägern töten lässt. Aber weder der Kandidat Jacquemard (Gérard Lanvin) ist das Gesicht des Ganzen – wird sind nur die Zeugen, wie er nach und nach die Nerven verliert, wissen aber am Ende so wenig über ihn wie vorher; er ist lediglich ein gesichtsloser Kandidat mit charismatischem Aussehen –, noch die Strippenzieher der Sendung – auch Piccoli ist trotz sensationeller Rampensauperformance lediglich ein Moderator ohne weitere Eigenschaften und Agendas, außer Werbeeinnahmen zu genieren, wie auch Produzentin Laurence (Marie-France Pisier) nur pro Forma mit Skrupeln zu kämpfen hat. Das Ganze insgesamt steht noch am ehesten im Zentrum, und alle Figuren sind darin nur eng gefasste Rädchen.
Auch ein Außerhalb des Ganzen gibt es nicht. Nie sehen wir Zuschauer vor den heimischen Fernsehern. Paris scheint nur die Bühne der Jagd zu sein, in der jeder Teil derselben ist. Dass Jacquemard den Verstand über eine Nichtigkeit verliert, dass nämlich die Mitarbeiter der Sendung ihm geholfen haben zu überleben, damit die Sendezeit nicht zu kurz ist und ausreichend Werbeschaltungen möglich sind, ist sprechend. Er wird wahnsinnig, weil es keine Fluchtmöglichkeit gibt, dass alles Show ist, alles Teil dieser Gesellschaft, in der er ohne Fluchtmöglichkeit eingeschlossen ist. Am Ende ergibt das straighte, nihilistische Thrillerunterhaltung, in der die moderne Gesellschaft keinen Ausweg bietet.
Mittwoch 07.01.
gut +
Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz) ermittelt in der Villa eines Unternehmers (Peter van Eyck), und jede der dort anwesenden Personen kommt aus der Twilight Zone. Ein Chef, die mit Fernrohren alles im Augen behalten. Ein altes Hausmädchen, dass nach Jahren der Unterdrückung Aufwind spürt und es sichtlich nicht fassen kann. Freunde, die rumhängen und passiv ihre Zeit abwarten, um dabei sicher zu gehen, dass nichts ans Licht kommt. Eine Sekretärin, die hinter jeder Ecke lauert. Diamantene Glastüren, mit denen die Leute in zwei Gruppen geteilt werden. Manchmal überspannte Einstellungen, die die zwischenmenschlichen Unwägbarkeiten noch potenzieren. Mit Becker steht der Wahnsinn endlich nicht mehr so am Rand.
Dienstag 06.01.
großartig –
Während eine Prinzessin (Marianne Hold), eine Nachfahrin Franz Josephs, und ein Automechaniker (Gerhard Riedmann) um ihre Liebe gegen die Adelsetikette kämpfen, auch gegen die Schranken in sich, erleben wir wie ein bajuwarisches Urvieh (Joe Stöckel) seine Kleinlichkeit und sein Territorialverhalten aufgibt und zum Amor wird. Passend dazu schwenkt die Kamera immer wieder nach links und rechts und weitet unseren Blick, zeigt die Schönheit jenseits der Scheuklappen der eigenen Perspektive.
Montag 05.01.
ok +
Alleine wie ungelenk deutsche Fernsehermittlern Wörter wie Marihuana und Reefer aus dem Mund pressen und dass die Suchtwirkung von THC so dargestellt wird, als sei es ein Opiat ist schon sehr außerirdisch. Günther Ungeheuer gibt als Drogenbaron auch einen wunderbaren Unsympathen und Rudolf Schündler hat einen kleinen Auftritt als dealender Klomann. Einiges ist schön, aber die Dominanz der Ermittlungen verstellt den Blick auf den Wahnsinn der imaginierten Welt von Hippies und Drogen.
nichtssagend
Das hat schon alles sein Potential, aber mit dieser übermächtige skurrile 1990er Gangsterfilmripoff ist gerade nicht so meins. Mehr dazu beim Perlentaucher.
Sonntag 04.01.
ok
Die Faustregel von Derrick, dass die Episoden meist besser sind, je länger das Auftauchen der Ermittler auf sich warten lässt, greift nicht. Der Kommissar beginnt bisher immer mit der Leiche. Und erst bei den Ermittlungen entspinnt sich die Hintergrundgeschichte. Im Mittelpunkt stehen die Frotzeleien zwischen den Ermittlern und nicht die melodramatischen Welten, die in Mord gipfeln oder die durch diesen zerrissen werden. Auch wenn Paul Albert Krumm als eifersüchtiger, leidender Ehemann eine wunderbare Performance eines sich auflösen Wollens gibt, bleiben Betrug, Hinterlist, der Schmerz nur Schatten der Suche nach dem Täter. Die Charaktere und Reineckers pseudoprogressiven Weltsicht sind schon ganz faszinierende Hirnsprenger, aber irgendwie bleibt alles auf Sparflamme. Das triste Final mit dem Kind ist schön, aber zu wenig zu spät.
Sonnabend 03.01.
gut
Der erste Teil nochmal, nur in einem etwas anderen Gewand. Erst ein Lustspiel über eine lebhafte junge Frau, die in einen Kerker der Benimmregeln gesteckt werden soll, dann eine prachtvolle, ausladende Zeremonie, in der ihre Niederlage für das Wohl von Österreich und Ungarn in beklemmenden Prunk gesteckt wird. Nur: Oberst Böckl (Josef Meinrad) kommt dieses Mal viel zu kurz.
großartig +
Im Booklet der DVD konnte ich bei Georg Seeßlen nachlesen, dass Fellini bei der Recherche zum Film bemerkte, dass er Casanova nicht leiden konnte. Sein Film ist folglich eine Abrechnung mit sexueller Protzerei, die nie erotisch ist, sondern nur mühseliger, alberner Ausdauersport, und mit der antiaufklärerischen Aufklärung eines selbsternannten Universalgenies, der es trotz alles prahlerisch behaupteten Buchwissens nie schafft seiner Realität Rechnung zu tragen. Mehr noch ist es aber das bessere ACHTEINHALB. Ein selbsternannter musischer Geist, erzählt allen, was er ach für Kenntnisse hat, doch sie wollen von ihm nur Schmier, für den sein katholischer Geist nur verklemmte Annäherungen bereithält.
Besser ist es nicht, weil es treffender wäre, sondern weil die Episoden irrlichternde Garstigkeiten sind und damit schmerzhafter ins eigene Fleisch schneiden als die Schönheit seines anderen Selbstportraits. Mehr noch aber, wegen der Künstlichkeit des Films. Die Künstlichkeit der mal feurigen, mal fahlen Farben eines Überlebtseins. Der Künstlichkeit einer epischen Realität, die als Göttin zu Beginn untergeht und durch siechende Karikaturen von Wirklichkeit und Belebtheit ersetzt wird. Der Künstlichkeit von Donald Sutherlands Aufmachung, die alle Schönheitsstandards unterläuft. Die Renaissance wird zur fauligen Clownerie. Mehr Punk war Fellini nie.
Freitag 02.01.
ok
AMRY OF DARKNESS nur mit elaborierterem Auftakt, fliegenden Affen statt Untoten und in Oz statt im Mittelalter. Seltsamerweise scheint Raimi aber nur zu Beginn in Kansas ganz zu sich zu kommen, beim Portrait eines windigen Aufschneiders (James Franco als kommender Zauberer von Oz) mit dutzend Einfällen. Mit Oz selbst wird er erst gegen Ende richtig warm, wenn sein Aufschneider wieder Oberhand gewinnt und nicht der Spielball der ihn überfordernden, bunten Umstände ist. Die einfache Antwort, warum Großteile des Films trotz Zauberwelt eher bieder sind, wäre, dass Raimi zu ehrfürchtig war und sich am Prequelschaffen fruchtlos abmüht. Vll. hat er sich einfach versagt – oder es wurde ihm –, die Hexen richtig von der Leine zu lassen. Mutmaßungen, die ich bei einem interessanteren Film vll. mal überprüfen würde.
fantastisch –
Bressons Film lief in England erst im August 1975 an. MONTY PYTHON AND THE HOLY GRAIL (Premiere: März 1975) war also keine Reaktion, sondern ein Bruder im Geiste. Gerade der Auftakt hier – Leute in Ritterkostümen schlachten sich ab und entfachen Gore eines epischen Theaters, d.i. Kunstblut spritzt bspweise rhythmisch per Strahl aus einem Hals eines kopflosen Puppentorsos – passt haargenau zur Szene mit dem Schwarzen Ritter dort. Klar, bei Bresson gibt es keine metatextuelle, offensichtliche Absurdität, und doch ergibt sein Ernst eine veritable Tongue-in-cheek-Komödie.
Seine Ritter legen ihre Rüstungen so gut wie nie ab, weshalb es den ganzen Film hindurch durch ihre Bewegungen blechern klingt und klongt. Ihre Männlichkeit ist deutlich eine theweleitsche. Sie tragen Ganzkörperpanzer, mit denen sie sich gegen Zärtlichkeit und Sex, gegen das Einknicken gegen ihre allgegenwärtige Lust auf Arthurs Königin Guinevere (Laura Duke Condominas), deren Fenster (zwei Bögen mit jeweils einem Punkt oben drauf … Wink wink! Do you know what I mean?) sie tags und nachts angaffen, gegen die Auflösung ihrer Identität zur Wehr setzen. Und diese theweleitsche Männlichkeit, die für das Drama sorgt und dafür, dass sich die Geschichte nicht in Ruhe und Liebe auflösen kann, ist eben absurd. Durch die Geräuschkulisse und durch die langen Unterhosen, die die unberüstete Rückseite der ritterlichen Beine schmückt.
Bresson bietet aber trotzdem weniger spaßige Absurdität als ein asketisch-absurdes Melodrama. Statt Sinnzusammenhänge aufzulösen, wird Guineveres Zwangsverzicht nachgezeichnet. Unendlich wartet sie auf ihren Lancelot (Luc Simon), der sich in ritterliche Abenteuer oder strammes Ausharren stürzt, statt mit ihr zu kuscheln. Dafür müsste er seine Rüstung ja ablegen. Asketisch sind die Mittel, grau und antiklimaktisch das Geschehen. Die Ritter kommen von der Suche nach dem Heiligen Gral zurück, und der Traum von einer Welt der Gleichberechtigten und Einigen ist ausgeträumt. Zurück bleibt die Kläglichkeit eines zwieträchtigen, unglamurösen Jetzt, dass sich nicht traut zu lieben.
Donnerstag 01.01.
gut
Die Folge dümpelt so ein bisschen dahin, bis Kommissar Keller (Erik Ode) plötzlich vor dem Portrait eines Mannes in Wehrmachtsuniform steht, das einfach in einer Villa rumhängt. Kurz zuckt er zusammen, und die Folge wird unmittelbar zur halbdeliranten Aufarbeitungsarbeit. Die Reichen sind plötzlich nicht mehr einfach nur pervers und verkommen, sondern haben auch noch eine Geschichte und ungebrochene Wertvorstellungen in der Familie.
großartig –
Nachtclubbesitzer Mirco Brandic (Lukas Ammann) zückt seine Ausweispapiere und Schankdokumente schneller als sein Schatten und lässt nicht ab zu betonen, dass sie korrekt sind. Allein durch ihn durchzieht die Folge die Beklemmung, als Ausländer von der Polizei kontrolliert zu werden. Die Polizei bechert derweilen, und Keller (Erik Ode) verbringt wohl die Nacht mit einem käuflichen Mädchen – ein vielsagender Schnitt legt es mehr als nahe –, erklärt seiner Frau aber, dass er im Büro geschlafen habe. Und jeder Satz aus der Feder von Herbert Reinecker lässt mich erfahren, dass sich sein Stil nach all den Derrick-Folgen tief in meinen Knochen sitzt.
ok +
Michel Colombiers Soundtrack und vor allem sein Song Zonked, der in einer schönen surrealen Traumsequenz bebildert wurde, sind schon das größte Vergnügen dieser überspannten Comicverfilmung.
ok
Horst Frank hängt mit vier Kumpanen ab, auf der Straße, an der Isar, in der Sonne. Der angebotenen Arbeit wird sich verwehrt, Mitmenschen werden schikaniert. Sie sind Gammler, Halbstarke, Rebellen ohne Grund, Ratten der Großstadt. Sie sind Alkoholiker, geistig Beeinträchtigte, Mitläufer, Verirrte, Machtmenschen, Arschlöcher. Grädler beschränkt sich aber darauf, dass Werner Pochath ständig überdreht lacht und rumspringt, und reichert Franks Präsenz kaum mit etwas an. Größtenteils bietet die Folge also biedere Ermittlungen und Rowdy-Malen-nach-Zahlen. Erst als Pochath am Ende wie ein ausgesetzter Hund seinem Herrchen nachrennt, wird seine Figur und die Folge so wild, wie sie sich gibt.