STB Robert 2026 I

„Die Zahlen des Kommerzes waren rational – Verhältnisse von Gewinn und Verlust, Tauschraten –, doch in der Menge der reellen Zahlen waren die, welche die Zwischenräume einnahmen – die irrationalen – gegenüber diesen schlichten Quotienten bei weitem in der Mehrheit. So etwas Ähnliches spielte sich auch hier ab – das zeigte sich schon an der seltsamen, keinem Muster folgenden Teilmenge der venezianischen Adresszahlen, die schon mehr als einmal dazu geführt hatte, dass er sich verlief. Er kam sich vor wie jemand, der nur reelle Zahlen kennt und zusieht, wie eine komplexe Variable dem Grenzwert zustrebt …“
(Gegen den Tag)


Wertung: Ich kann nichts mit Zahlen zur Bewertung anfangen. Deshalb gibt es hier ein prosaisches System. Eine Skala ist mit der Qual verbunden, Filme in eine lineare Ordnung zu quetschen. Deshalb hat die Wertung zumindest eine Y-Struktur für freieres Atmen. Die Einstufungen radioaktiv und verstrahlt reflektieren, dass ein Film in seiner eigenwilligen Qualität es einem nicht einfach macht, ihn einfach zu genießen. Wertungen in Klammern verweisen auf das ein oder andere Nickerchen beim Schauen.

Legende: Ist im Grunde selbsterklärend. Wenn hinter der eckigen Klammer eine Zahl steht, dann gibt sie die Anzahl der Sichtungen wieder. Je höher die Zahl, desto mehr ist sie geschätzt. Da ich mit Fernsehen und Kino aufgewachsen bin, wo nur gekennzeichnet wurde, wenn ein Film nicht in deutscher Sprache lief, tue ich das schändlicherweise auch. (OmU=Originalfassung mit Untertiteln, OmeU=Originalfassung mit englischen Untertiteln, OF=Originalfassung, EF= englischsynchronisierte Fassung, OZmeU=Originalzwischentitel mit englischen Untertitel) Hinzu kommen die Zeichen ł, wenn der Film gekürzt war, und ≠, wenn ich mitbekommen haben sollte, dass das Format nicht hinhaute. Ein kleines K hinter einem Titel bezeichnet einen Kurzfilm (bis 15 Minuten), während ein kleines M einen mittellangen Film (16 bis 60 Minuten) kennzeichnet.


Vorangegangene Sehtagebücher:
2012/II | 2013/I | 2013/II | 2014/I | 2014/II | 2015/I | 2015/II | 2016/I | 2016/II | 2017/I | 2017/II | 2018/I | 2018/II | 2019/I | 2019/II | 2020/I | 2020/II | 2021/I | 2021/II | 2022/I | 2022/II | 2023/I | 2023/II | 2024/I | 2024/II | 2025/I | 2025/II

Februar
Dienstag 24.02.

果てしなきスカーレット / Scarlet
(Hosoda Mamoru, J 2025) [DCP, OmU]

gut

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Montag 23.02.

Der Kommissar (Folge 18) Dr. Meinhardt’s trauriges Ende
(Michael Verhoeven, BRD 1970) [DVD]

gut

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Sonntag 22.02.

Die drei ??? – Toteninsel
(Tim Dünschede, D 2026) [DCP]

uff

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Vampyr – Der Traum des Allan Grey
(Carl Theodor Dreyer, D/F 1932) [blu-ray] 3

fantastisch

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Sonnabend 21.02.

神通術與小霸王 / The Weird Man
(Chang Cheh, HK 1983) [blu-ray, OmeU]

gut

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怪談雪女郎 / The Snow Woman
(Tanaka Tokuzō, J 1968) [blu-ray, OmeU]

fantastisch

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Freitag 20.02.

Shirley Valentine / Shirley Valentine – Auf Wiedersehen, mein lieber Mann
(Lewis Gilbert, UK 1989) [stream, OmeU]

gut

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東海道四谷怪談 / The Ghost of Yotsuya
(Nakagawa Nobuo, J 1959) [digital, OmeU] 2

fantastisch

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Donnerstag 19.02.

Der schweigende Engel
(Harald Reinl, BRD 1954) [DVD, ≠]

verstrahlt

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Mittwoch 18.02.

Der Kommissar (Folge 17) Parkplatz-Hyänen
(Zbyněk Brynych, BRD 1970) [DVD] 2

radioaktiv

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Dienstag 17.02.

Marty Supreme
(Josh Safdie, USA 2025) [digital, OF]

großartig

Egotripping at the gates of hell – um das Silvia S. perfekt eingesetzte Flaming-Lips-Zitat aus dem Teaser bei critic.de zu übernehmen, wo ich über dieses Scheißkerlcharakterportrait schrub.

Montag 16.02.

Der Kommissar (Folge 16) Tod einer Zeugin
(Zbyněk Brynych, BRD 1970) [DVD]

großartig

Zwei Dinge fordern die bundesdeutsche Normalität heraus. Einmal Götz George, der einen Zuhälter und Kleinkriminellen als jungen Horst Schimanski spielt, der per Fahrrad und als blumiger Mittelfinger für die Gesellschaft lebensfroh in die Folge fährt. Ein Joker, der mit der gesellschaftlichen Macht in Form der Polizei Spiele spielt. Nicht weniger fröhlich ist Herb Alperts Version von Chico Buarques A BANDA, dass immer und immer wieder als Sirenenlied läuft, mit dem die Männer zur Prostituierten gerufen/gelockt werden. Irgendwann steht das Bad der ermordeten Edelprostituierten voll, weil es immer wieder klingelt und unser Walter so viel Triebverhalten nicht untersuchend abwickeln kann. Die bundesdeutsche Normalität: impotent am Fenster hocken und die Nachbarn ausspionieren. Brynychs Außenseiterblick auf die BRD war vll. selten so gutgelaunt.

Sonntag 15.02.

Screen Two – Contact
(Alan Clarke, UK 1985) [blu-ray, OF]

fantastisch

Clarkes abstraktesten Filme sind gleichzeitig seine klaustrophobischsten. Hier zeigt er eine Gruppe britischer Soldaten, die an der Grenze zwischen Irland und Nordirland patrouillieren. Diese wirft er aber gnadenlos auf sich zurück, auf einen sich wiederholenden Alltag, auf Abläufe und Vorsichtsmaßnahmen. Wer da vereinzelt auf sie schießt, wer Bomben und Mienen legt, wird nie gezeigt, nie geklärt, ob es IRA- oder CIRA-Kämpfer sind oder was auch immer. Bis auf eine Ortsnennung bleibt der patrouillierte Landstrich anonym, einfach eine wunderschöne, unbeeindruckte Mischwaldlandschaft mit saftigen Wiesen. Auch wird die Gruppe nicht als Teil von etwas größerem gezeigt. Von ein paar Hubschraubern abgesehen, fehlt die Anbindung zur restlichen britischen Armee, zu offiziellen Anweisungen und Institutionen. Auch beginnt der Film mit einem angehaltenen Auto und der ansatzlosen Erschießung eines Beifahrers, aber die Gewalt hält sich in Grenzen. Wie Hobbyparamilitärs zieht die Gruppe durchs Land, wie verblendete Geister, die die Gegner in ihrem Kopf bekämpfen und die Anwohner terrorisieren – selbst, wenn doch hier und da Waffenlieferungen abfangen werden oder Mienen in die Luft gehen. In der eindringlichsten Szene steht der Vorgesetzte der Gruppe – ganz theweleitscher Mann einer Männergruppe – vor einem verlassenen Auto am ländlichen Straßenrand und macht sich bereit die Tür des Gefährts zu öffnen. Für ihn ist es quasi russisch Roulette, geht er sein Vorhaben doch an, als wäre das Auto mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Bombe, die nur darauf wartet, Leute zu zerreißen. Clarke klagt dabei weder an, noch kontextualisiert er. Er macht mit seinem Procedural lediglich das Bleierne greifbar, mit dem der Konflikt in den Köpfen liegt, und die Todessehnsucht und die Männerspielen, die in diesen reinspielen.

The Revenge of Frankenstein / Frankensteins Rache
(Terence Fisher, UK 1958) [blu-ray, OF]

fantastisch

Am Rande geht es um Klassenidentitäten, um großbürgerliche/adlige Snobs sowie das Lumpenproletariat. Oberflächlich könnten die Unterschiede zwischen beiden Gruppen kaum größer sein. Hier die geräumigen, prachtvollen Besprechungsräume, dort das überfüllte, siffige Armenkrankenhaus. Hier die sachlich formulierten Intrigen, dort die hingerotzten, direkten Anfeindungen in gebrochenem Englisch. Hier die Impotenz, da die effektive Gewalt. Und doch ist Fischers zweiter Frankenstein kein schizophrener Film, sondern einer, in dem Dinge miteinander identitär sind. Denn unter dem Mantel der Klasse stecken die gleichen Menschen. Menschen, die das Fremde ablehnen, die zuvorderst an sich denken, wankelmütige Wölfe, die einander Wolf sind.
Im Kern ist dieser Film, in dem alles mit sich identisch ist, aber ein phrenologischer und damit ein kruder, schwarzhumoriger, fatalistischer. Denn egal in welche Astralkörper wir unsere Hirne auch packen, am Ende formt sich der Körper nach unseren geistigen(?), seelischen(?), DNA-bestimmten(?) Identitäten. Wir können uns nicht entkommen, so der Grusel des Films. Egal wie bunt und fantastisch die Wissenschaft auch leuchtet, wie sehr die Natur in Maschinenform gepresst werden soll, das Verformte, Modrige, Abstoßende unserer Persönlichkeit kann nur für geraume Zeit hinter falschen Namen, Körpern, Identitäten versteckt werden.
Die gute Nachricht ist aber, dass es nicht schlimm sein muss. Dr. Frankenstein nämlich wird zu einer seiner Kreaturen und als erster und einziger dadurch nicht verrückt … ist er doch bereits irre. Es ändert sich also nichts, wenn er zu sich selbst wird. Die Lösung ist so einfach wie naheliegend: Umarmen wir uns so, wie Dr. Frankenstein sich selbst in die Arme schließt.

Sonnabend 14.02.

Stargate
(Roland Emmerich, USA 1994) [stream, OF] 5

gut

In meiner Jugend war dies für mich das Nonplusultra des SciFi-Blockbusters. Solange James Spader einen missverstandenen Nerd im Hier und Jetzt spielt, der alles besser weiß – hanebüchen geschrieben und von einem Meister des Groben inszeniert –, und wenn schließlich Jaye Davidson als androgyne ägyptische Superbitchgottheit in absoluter Dekadenz mit seinem Tempel über den Köpfen der Normalsterblichen schwebt, war mir, als hätte ich jedes Bild erst vor wenigen Wochen das letzte Mal gesehen und nicht irgendwann in der zweiten Hälfte der 1990er. An die Dinge dazwischen konnte ich mich kaum bis gar nicht erinnern, weil nach dem ersten Staunen über die außerirdische Ägyptenwelt nicht viel folgt – außer, dass Kurt Russells traumatisierter Soldat lernt, dass es doch ok ist, wenn Kinder Gewehre nutzen. Kurz: Anfang und Ende mochte ich weiterhin, das dazwischen brauchte ich wahrscheinlich nie.

Intruder
(Scott Spiegel, USA 1989) [digital, OF]

großartig

Leute hängen eine Nacht im Supermarkt ab. Es ist ab und zu skurril, aber eigentlich ergibt es nicht viel Sinn, und es versucht auch gar nicht erst, dem Zuschauer viel bieten – außer halt die Morde, bedingt durch einen psychopathischen Mörder der sich durch die Reihen der Angestellten metzelt und Mord in Filmen gesunderweise nur als saftig und kreativ choreographierte Absurdität begreift. Das kommende coole Indiekino der 1990er zeigt sich also noch von seiner eher angenehmen Seite.

Freitag 13.02.

Rico, Oskar und der Diebstahlstein
(Neele Vollmar, D 2016) [stream]

großartig

Wie schon DAS PARFÜM habe ich dies eigentlich wegen Karoline Herfurth geschaut. Hier stirbt sie zwar nicht umgehend, dafür fliegt sie zum Auftakt in den Knutschurlaub mit Ronald Zehrfeld – dessen Anwesenheit nun auch nicht unbedingt gegen den Film gesprochen hätte. Ohne sie folgt dann die Suche nach einem Edelstein, den niemand erkennt, weil er unverarbeitet wie irgendein x-beliebiger Stein aussieht. Und die Figuren der Geschichte müssen dessen auch erstmal sehen lernen, was sich hinter den Oberflächen ihrer Gegenüber versteckt – und dass ist in diesem lockerleichten Roadmovie nicht mal am FKK-Strand so einfach möglich.

The Curse of Frankenstein / Frankensteins Fluch
(Terence Fisher, UK 1957) [blu-ray, OF]

großartig +

Ausnahmsweise handelt ein Frankensteinfilm einmal nicht von der Kreatur, sondern tatsächlich von Dr. Frankenstein selbst. In der Klammer des Films sitzt dieser (Peter Cushing) im Gefängnis und beichtet seine Lebensgeschichte. Was eben keine Geschichte vom menschlichen Prometheus ergibt, auch wird nicht über Leben, Entwicklungspsychologie und Moral philosophiert, sondern die Offenlegung eines Creeps vollführt. Es beginnt mit Frankenstein als Jugendlichen und endet mit ihm als grauhaarigen Mann. Dazwischen steckt jedoch keine Entwicklung, Szene für Szene wird einfach nur sein unschuldiger Anschein abgeschält, bis wir beim von Beginn an vorhandenen, verkommenen Kern seiner Persönlichkeit ankommen – vll. ist ja auch einfach der sein Fluch. Klar, erst die Kreatur (Christopher Lee) lässt in ihren kurzen Auftritten Gewalt und Mord offen ausbrechen, aber sie ist halt auch nur das Produkt Frankensteins und bringt als solche den psychosexuellen Wahn ihres Schöpfers zum Ausdruck, die von Beginn weg in ihm verankert war. Eines Schöpfers, für den Frauen entweder zu benutzende, wertlose Huren sind oder von sich fern zu haltende Engel, für den Freunde nur als Handlanger Bedeutung haben, der als Wissenschaftler nicht die Natur erforscht, sondern sie unterwerfen möchte. Was vll. keinen sehr dynamischen Film ergibt, aber eben einen, in den das Grauen ganz unbemerkt eindringt – in die artifizielle Gothic-Labor-Welt, in der sich die Attraktion der vergilbten, verformten Seele Frankensteins ausdrückt.

Donnerstag 12.02.

Wuthering Heights
(Emerald Fennell, USA/UK 2026) [DCP, OF]

ok +

Durch den Trailer erwartete ich nicht weniger als den Film des Jahres, ich wurde enttäuscht. Vll. sehe ich beim nächsten Mal mehr Gutes, wenn ich versöhnlicher blicke. Was mich stört bei critic.de.
*****
Nachteilig für den Film waren vll. auch die Sichtungsbedingungen. Das Bild im Saal 5 des Cinestars hier ist schon länger nicht ganz scharf, an diesem Abend war es wirklich grauselig. Wahrscheinlich halten die Leute dort mich für einen Spinner, der sich einfach nur ständig beschwert. Geschehen tut aber nichts.

Mittwoch 11.02.

Der Kommissar (Folge 15) Der Papierblumenmörder
(Zbynek Brynych, BRD 1970) [DVD]

großartig +

Am Ende des Tages ist dies ein Krimi, in dem es um einen aufzuklärenden Fall geht, um das Geheimnis eines Hippies mit Teekanne, um Fleiß und Arbeit, die im Umfeld von Gammlern und erziehungsbedürftigen Jugendlichen triumphieren. Aber relativ früh liegt Harry mit dem Kopf auf einem Tresen und schaut ins Leere. Die Einstellung platziert ihn halb hinter ein Glas und neben Verlorene, Vorlaute, Leute, die für sich nichts finden, in diesem Land einer reichen, aufstrebenden Zukunft, des noch ungezügelten Wirtschaftswunders. Und auch wenn Brynych mit aller Macht die Episode ins Exzentrische bugsiert, ins Zwielichtige und Unklare, steckt in diesem eher einfachen Bild soviel Traurigkeit, Poesie und die Ahnung, dass andere Zustände möglich sind, die ich nie und nimmer im deutschen Fernsehen erwartet hätte.

Dienstag 10.02.

四谷怪談 / The Ghost of Yotsuya
(Misumi Kenji, J 1959) [blu-ray, OmeU]

großartig

Tausendfach verfilmt übernimmt hier Megastar Hasegawa Kazuo die Hauptrolle – weshalb der von ihm gespielte Iemon in ein etwas besseres Licht gerückt wird. Mehrmals darf er als Schwertkampfvirtuose auftreten, der seine Feinde scharenweise besiegt, und außerdem tötet nicht er seine Frau, um reich heiraten zu können, sondern seine korrupten Freunde, die von der neuen Braut und ihrem Vater gedungen wurden, damit eine neue Ehe zustande kommen kann. Was im Endeffekt bedeutet, dass wir nicht die Edgar-Allen-Poe-artige Geschichte bekommen, in dem jemand von seinem Gewissen heimgesucht wird und die knapp zwanzig Jahre vor THE TELL-TALE HEART und THE BLACK CAT geschrieben wurde, sondern das Portrait einer blinden Korruption.
Auf der einen Seite erhalten wir einen wunderschön fotografierten, elegischen Film, in dem Iemon immer wieder seine hohen moralischen Standards beweisen darf – wenn er Frauen vor übergriffigen Männern rettet, wenn er lieber hungert und Schirme bastelt, weil er sein Geld nicht amoralisch verdienen möchte. Immer wieder geht es darum, was für ein edler Mensch er sei. Auf der anderen Seite ist dieser ruhige, prachtvolle Film aber bevölkert von niederträchtigen Menschen, die die Schönheit in den Dreck ziehen, bevölkert von Reichen und denjenigen, die sich mit diesen auf Kosten anderer bereichern wollen – Iemons Freunde. Iemon verschließt vor dieser Niedertracht seine Augen. Selbstgerecht verweilt er in unmittelbarer Nähe der Korruption und lässt einfach andere seine Drecksarbeit erledigen, um sich – bewusst oder unbewusst – nicht selbst die Hände schmutzig machen zu müssen. Was natürlich nicht so schnell geht, und uns eine Schönheit bietet, die bis ins Mark verfault ist. Statt einer klaren moralischen Geschichte bietet diese Version also eine trübe, in der jemand meint auf einem hohen Ross zu sitzen und blind dafür ist, dass er bis zum Hals in dem Sumpf steckt, mit dem er vorgibt nichts zu tun zu haben.

Montag 09.02.

Der Kommissar (Folge 14) Das Ungeheuer
(Dietrich Haugk, BRD 1969) [DVD]

großartig

Gleichzeitig sind alle Männer in einer Siedlung verdächtig, der Mörder der jungen Frau im nahen Wald zu sein, und Teil des Lynchmobs, der sich zu formieren scheint. Während also die Ermittler von Haus zu Haus ziehen und Untiefe auf Untiefe aufwerfen, werden sie auf der Straße von immer mehr Schaulustigen verfolgt, die wirken, als fehle nur ein kleiner Funke, das sie die Justiz in die eigene Hand nehmen. Und die Frauen versuchen konsterniert oder energisch ihre Söhne und Männer zu retten, die sie trotzdem lieben. Ein Abgesang auf die rechtschaffenen Bürger dieser unseren Demokratie.

Sonntag 08.02.

借りぐらしのアリエッティ / Arrietty – Die wundersame Welt der Borger
(Yonebayashi Hiromasa, J 2010) [DCP] 5

großartig +

Lotti Z. wollte ihren Lieblingsfilm mal mit ihren Freunden im Kino schauen, also haben wir ihr ohne besonderen Grund den Wunsch erfüllt. Die erste Reihe war voll besetzt – ich ging in die dritte –, die Lautstärke von vorne war interessant, das Mitfiebern groß, und am besten fand ich, als jemand lautstark realisierte, dass die minikleine Arrietty und der normalgroße Shou wohl verliebt sind.

Johnny on the Run
(Lewis Gilbert, UK 1953) [blu-ray, OF]

gut

Am Ende wehen verstärkt die Fahnen, weil es sich doch um ein Propagandawerk handelt: im Nachkriegsgroßbritannien ist kein Platz für Ausgrenzung und Schmarotzer, für die Ausnutzung der Kinder, unsere Zukunft. Größtenteils handelt es sich aber um ein unauffälliges Roadmovie, das Charles-Dickens-Kinderromane in einer light Variante in die damalige UK versetzt und das leider zu wenig mit seinen zwei Stooges anstellt.

Stranger in the City m
(Robert Hartford-Davis, UK 1961) [blu-ray, OF]

ok +

Kurze SINFONIE EINER GROSSSTADT mit Jazz-Score, in der auf eine verwarnende Polizisten ein paar Straßenschwalben folgen – es wird also an einer Stelle unverschämt und unklar gesellschaftskritisch assoziiert.

Sonnabend 07.02.

Perfume: The Story of a Murderer / Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders
(Tom Tykwer, D/F/S 2006) [stream, teilweise OF]

verstrahlt

Einen Film, in dem es um diffizile Wirkungen geht und das Zusammenspiel kleinster Nuancen, inszeniert Tykwer mit brachialer Überstimulierung. Eindrucksvolle Bilder und pointierte Schnitte überschlagen sich förmlich. Dieses Fehlen jeden Hauchs von Dezenz ist aber nicht das Problem, sondern die Struktur: Für einen bzw. zwei Twists wird uns lange vorgegaukelt, einen anderen Film zu schauen, als wir tatsächlich tun. Und ich bin mir nicht sicher, ob der romantische Serienmörderthriller und die ausschweifende Romanverfilmung Tykwer so sehr liegt wie das völlig außerirdische, sexualisierte Gleichnis von Schönheit und deren Zerstörung bei ihrem Genuss.
In den letzten vll. vierzig Minuten hat sich Lotti Z. (10 Jahre) übrigens zu mir gesetzt und mitgeschaut. Nichts von dem, was ich bis dahin gesehen hatte, riet mir zu größerer Vorsicht. Später am Tag erzählte ich Sabrina Z. dann aber, was plötzlich vor meinen und Lottis Augen geschehen war. Ich: Plötzlich haben einfach alle miteinander geschlafen. Lotti, mit Euphemismen in der Richtung noch nicht so gewandt, sprang in diesem Moment hinzu und unterstrich eindringlich: Und vorher haben alle Sex miteinander gemacht! In solchen Augenblicken ist das Leben nur schön.

Incompreso (Vita col figlio) / Der Unverstandene
(Luigi Comencini, I 1966) [blu-ray, OmeU]

radioaktiv

Dies ist ein Lacrima-Film, also per Definition ein Tearjerker – lacrima ist Italienisch für Träne und überhaupt sterben in diesem Filmgenre Mütter und Kinder wie die Fliegen. Und wie in DIE LETZTEN GLÜHWÜRMCHEN, dem ultimativen Tränendrüsenfolterwerkzeug, ist hier alles auf Tragik hin orchestriert, auf unser Weinen und das der Figuren. Eine Mutter ist gestorben. Der trauernde Ehemann verkennt in Folge seine beiden Söhne völlig, macht alles falsch und muss es gegen Ende auch noch erkennen – als es bebezu spät ist. Der eine Sohn geht an seiner Trauer langsam kaputt, und die grenzhinterhältige Unbedachtheit und das lediglich oberflächliche Dauerjammern seines Bruders bringt ihn ständig in die Bredouille. Kurz: Ständig ist zu spüren, dass die Karten gezinkt sind, dass hemmungslos mit unseren Emotionen gespielt wird. Wo DIE LETZTEN GLÜHWÜRMCHEN das Tränenausquetschen aber stilsicher und elegant angeht, ist hier der Wahnsinn Methode. Nicht, dass Comencini in irgendeiner Form durchdrehen würde. Nur sind die ständigen Umbrüche irrsinnig. Auf der einen Seite sehen wir immer und immer wieder eine Kindheit in idyllischer Sonne, mit liebevollen Mitmenschen und kleinen Abenteuern, einer Kindheit, die doch wieder, trotz des Tods der Mutter, ideal sein könnte, wären da nicht die verdrängten, einen auffressenden Emotionen, oder die von geliebten Personen getretenen Gefühle, die wiederkehrende und immer intensivere Brandstiftung an der fragilen Schönheit. Zuweilen hatte ich das Gefühl nicht weinen, sondern laut lachen zu müssen, weil ich sonst durchdrehe würde.

Freitag 06.02.

Sommersby
(Jon Amiel, USA 1993) [stream, OF]

großartig

Auf den allerletzten Metern wird es doch noch ein großes Melodrama, in dem sich das Glück der Menschheit zwischen eine erfüllende Liebe schiebt. Davor trollt der Film, auch wenn das Drama als Fluchtpunkt stets spürbar ist, einfach nur selig den Ku-Klux-Klan. Ein Mann (Richard Gere) kehrt nach dem Sezessionskrieg zum Großgrundbesitz seiner Familie im Süden heim, und ist nach dem Sieg der egalitären Marktwirtschaft der Yankees, nach der Sklavenbefreiung, ein anderer. Endlich ist er jemand, der sich um seine Mitmenschen kümmert – Farmern und ehemaligen Sklaven bietet er Anteil an seinem Grundbesitz, um mit gemeinsamer Arbeit zu Reichtum zu kommen; seinem Sohn ist er plötzlich ein Vater; statt seine Frau zu schlagen und zu ignorieren, ist er der perfekte Liebhaber, der einem Hochglanzerotikfilm entstiegen scheint; mit schmierigem Furor ist Letzteres sichtlich Mittelpunkt dieser Menschwerdung. Nur der Klan und seine Mitglieder – religiöse Fanatiker, pragmatische Liebhaber, Abgehängte, die Verlierer der neuen Gleichheit – sind gegen ihn. Sie sind die Einzigen, die in diesem Liebesfilm zwischen einem Mann und einer Gemeinde nicht teilhaben wollen. Im absurden Gerichtsdrama der zweiten Hälfte wählen alle anderen offensiv die Lüge eines absoluten Glücks und lassen sich eben nicht mehr von der Wahrheit stören. Wenn die Südstaaten ihr Erbe einfach abschütteln dürfen, ist das zwar immer ein bisschen zweifelhaft, hier ist dieser Griff nach dem Glück, die Entscheidung für die Liebe und menschliches Miteinander eben so offensiv eine Abwahl der Wirklichkeit, von Machtstrukturen und Niedertracht, und vor allem ist das eben eine erotisch aufgeladene Wahl, dass es zum Wunderhorn wird, zum Traum einer besseren, lustvolleren Welt. Liebe ist ein Feuer. Aber ob es Dein Herz wärmen oder Dein Haus abfackeln wird, weiß man nie, schrieb Joan Crawford in ihrer Autobiografie. Hier muss die Wahrheit am Galgen sterben, damit die Liebe uns auf ewig das Herz – und die erogenen Zonen – wärmen kann.

Baal
(Alan Clarke, UK 1982) [blu-ray, OF]

ok +

Anscheinend hält es Clarke für eine gute Idee, dass er ein Theaterstück Bertholt Brechts episch theatral verfilmt. Die Kamera bleibt in den Spielszenen jedenfalls auf Distanz. Es gibt zwar Schnitte und so, trotzdem wirkt es, als schauten wir in Richtung einer Bühne. Und damit ist der Film schon einer seiner schönsten Qualitäten beraubt. Zu keinem Zeitpunkt ist nämlich zu genießen, wie wunderbar siffig die meisten Schauspieler aussehen und vor allem David Bowie als Baal. Die Zähne des Hauptdarstellers sehen bspweise aus, als beständigen sie nurmehr aus Plaque und Fäulnis. Es aber mit unseren Augen aufzusaugen, ist quasi unmöglich. Die Verfremdungseffekte, wie Bowie/Baal, der mit Banjo die Kapitelübergänge mit kratzigen Songs begleitet, überbrücken die Distanz nicht und erhöhen sie ebenso wenig produktiv. Das Brechts Stück einer epochalen Selbstzerstörung, die alles mit sich in den Dreck zieht, ist schon toll, aber Clarkes Inszenierung folgt irgendwie nur einer Idee … und die ist nicht sonderlich interessant.

Donnerstag 05.02.

Ella McCay
(James L. Brooks, USA 2025) [stream, OmeU]

großartig

Schon etwas plump in seinen Anliegen, aber nicht nachdrücklich darin, sondern entspannt. Also gut plump. Mehr dazu auf critic.de.

Mittwoch 04.02.

Der Kommissar (Folge 13) Auf dem Stundenplan: Mord
(Theodor Grädler, BRD 1969) [DVD]

verstrahlt

Im Grunde ist die Folge äußerst faszinierend. Sie funktioniert wie der Schrei in eine Gesellschaft, die sich die Ohren zuhält. Vor allem die Generationen scheinen inkompatibel. Während die Schüler immer und immer energischer darauf hinweisen, dass ihr Lehrer ein Stelzbock ist, der einem Mädchen nach dem anderen hinterhersteigt, erklärt die Elterngeneration denselben Mann zum wehrlosen Opfer der Mädchen, die für gute Noten alles tun, und mehr noch zur guten Partie, der für die eigene Tochter besser ist als ihre dahergelaufenen Gleichaltrigen. Der Fall ist klar, und doch wird nie Sicherheit geschaffen – auch nicht, wer gruseliger, unangenehmer ist: die Forderung nach (Lynch-)Justiz der Jugend oder die Erwachsenen, die einfach nichts Böses sehen wollen.
Tatsächlich hat die Folge auch das Potential eines THE SCARLET LETTER, geht es doch um geheim gehaltene Schuld, die in den Leuten nagt, oder einfach gar nicht wahrgenommene. Aber Grädler scheint in seiner Inszenierung nicht mitzubekommen, was alles los ist. Er lässt unseren Kommissar und seine Hilfskräfte apathisch durch die aufgeladene Stimmung stapfen. Sie fragen hier, sie fragen da, sie denken laut und stellen unsinnige Vermutungen über Schuhe an, die dem Opfer eines Würgers doch nicht mehr an den Füßen sein dürften. Zu Beginn kommt Harry aus dem Kommissariat und fängt Assistentin Helga (Emely Reuer) ab, die gerade auf Arbeit ankommt. Sie meint, sie brauche noch ihre Utensilien, worauf er meint: Unsinn, der Mord geschah in einer Schule, da wird es schon Stifte geben. Für sowas wie diesen Schenkelklopfer wird sich ausgiebig Zeit genommen, der riesige Haufen skandalöser Zustände wird dagegen fast in den Augenwinkel gedrängt. Und das ist massiv unbefriedigend, aber vll. doch die beste Form für das alles.

Dienstag 03.02.

Une Femme douce / Die Sanfte
(Robert Bresson, F 1969) [blu-ray, OmeU]

fantastisch

Ein Ehemann (Guy Frangin) sinniert über das Leben mit seiner Frau (Dominique Sanda). Sie liegt tot vor ihm – der Film beginnt damit, dass sie vom Balkon springt – und in Rückblenden sehen wir chronologisch, wie sich ihr gemeinsames Leben bis zu diesem Sprung abspielte. Und auch wenn sein sachlicher Ton vorgaukelt, dass seine Worte einfach nur doppeln, was sich in den Bildern abspielt, ist doch eine (enorme) Diskrepanz spürbar. Vor allem wenn er sie immer wieder douce – sanftmütig, zart, süß – nennt, ohne dass sie es wäre. Sie wirft die von ihm geschenkten Blumen vor sein Auto. Schweigend verschwindet sie und betrügt ihn. Könnten ihre Blicke töten, würde er vor ihr auf dem Bett liegen. Als junge Frau lässt sie sich von ihm erwerben – d.i. was er unter Ehe versteht –, um ihrer Armut zu entkommen. Was wir sehen, ist aber keine sanfte, süße Ehefrau, sondern eine feurige, impotente Rebellion gegen die ständig erfahrene Demütigung durch ihn, durch seine (meist) stille Forderungen, ihr Leben dem seinen unterzuordnen. Ihr gemeinsames Leben besteht aus Schweigen und brennender Dysfunktionalität. Und sein Gedächtnisprotokoll ist eben nicht von Reue gekennzeichnet, nicht vom Versuch etwas aufzuarbeiten, es soll lediglich die Realität mit seinen Wahrnehmungen überschreiben.
Die Bilder bergen aber auch nicht die Realität, die er auszulöschen versucht, sondern gehen bei aller Stille des Films leidenschaftlich gegen ihn vor – bezeichnender Weise nennt er uns nie ihren Namen. Vor allem verwischt Bresson ein ums andere Mal die Grenze zwischen den Zeitebenen. Zwischen Gegenwart und Erinnerung/Rückschau gibt es nicht einfach nur keine Marker. Oft ist das, was wie ein simpler Gegenschnitt wirkt, tückisch. Uns wird zeitlichen Konsistenz suggeriert, nur müssen wir alsbald realisieren, dass es zu einem Bruch kam. Heißt: immer wieder lebt die Frau nach einem Schnitt, obwohl wir uns an ihrem Totenbett wähnen – oder sie ist eben plötzlich tot. Der Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart wird von den Bildern eingeebnet. Weil: Lebend oder Tot ist für den Mann nur bedingt von Belang. Nie war sie für ihn etwas Lebendiges, auf das eingegangen werden müsste.
Und Bresson? Der macht keinen stillen, meditativen Film, sondern eine ätzende Komödie. Immer wieder sehen wir Rennsport im Fernsehen, Schallplatten werden abgespielt, Popkultur und Aktualität. Er lässt den Zeitgeist punktuell – als kleine Brocken – in seinen Film hüpfen, was den Hohn dieser bitteren Ehe zweier Leute, die sich nicht verstehen, von Bild und Ton, die von anderen Dingen erzählen, nur noch bizarrer macht. Leben und Lebendigkeit durchziehen die Steife der Erzählung und den todesstarren Kampf der Ehe und verlachen die beiden und ihr absurd dysfunktionales Leben noch. Ein wenig scheint darin auch das (eigenartig mitfühlende) Amüsements eines Gottes zu lauern, der die Menschen in ein Leben wirft, von dem sie gnadenlos überfordert sind.

Montag 02.02.

Der Kommissar (Folge 12) Die Waggonspringer
(Theodor Grädler, BRD 1969) [DVD]

gut

Grädler emuliert, so wirkt es zumindest, die aufgekratzte Stimmung der beiden Folgen vor der langen Sommerpause – die Episode folgt im November auf Haugks Juni- und Brynychs Juli-Episode. Ein paar Zugräuber schreien sich, sobald es stressig wird, hemmungslos an. Die Pole sind Gangsterboss Erik Schumann, der explodiert, weil sich niemand zusammenreißt, und der jugendliche Hallodri Werner Pochath, der ohne Zurückhaltung zerfließt und seinen Schmerz in die Welt hinausruft. Solange in der Nacht auf Züge gesprungen wird und oder zu viele aufkratze Leute in einem Auto durch die Gegend rasen – Ziel: unbekannt –, ist das schon ein erstaunlicher Thriller. Zu oft dürfen wir aber auch den Ermittlern des Krimis beim Denken zuhören.

Sonntag 01.02.

127 Hours
(Danny Boyle, USA/UK/F 2010) [stream, OF]

ok

Den Film, den das Poster verspricht, hätte ich wohl lieber gesehen. Weiter blauer Himmel, sonnenerleuchtete Felsspalte, in der ein Mann über einen Abgrund eingesperrt ist. Stattdessen ein Dude, der in einer nichtssagenden, wenigstens ewig langen Felsspalte seine Zeit abhockt. Am Ende greift er zu drastischen Mitteln, davor gleicht es eher dem Feststecken in der Ödnis des eigenen Verstands, der einen etwas über Sozialsein lehren möchte.

Harmony Lane m
(Lewis Gilbert, UK 1954) [blu-ray, OF]

gut

Tatsächlich in 3D gedreht, läuft ein Polizist von Schaufenster zu Schaufenster der Harmony Lane und schaut sich die Tänzer, Jongleure und Sänger an, die dort jeweils eine Nummer auffahren. Abgesehen vom Polizisten, der wie ein junger Ricky Gervais aussieht, wird einfach nur auf die Performance gehalten. In den besten Fällen ist es atemberaubend – die Rollschuhfahrer, die Stepptänzer, der Hund –, andere verdeutlichen mir, dass sie wie die Peking Oper in Chang Chehs THE FANTASTIC MAGIC BABY aus einem Zeichensystemen stammen und ihrem eigenen Zeitgeist angehören, wenn denen ich nicht viel weiß – Schwanensee ist sicherlich ganz schön, nur verstehe ich nichts von Ballett, und die Gesangsnummer bieten mir außer Nostalgie an vergangene Zeiten auch eher wenig. Heißt: ein Potpourri.

Teddy Boys k
(???, UK 1956) [blu-ray, OF]

tba.

Kurze Reportage, die mit einer nachgestellten Szene beginnt, in der Teddy Boys nicht in einen Club gelassen werden, weil sie so gefährlich seien. Worauf das Interview mit einem von ihnen folgt, der einfach nur wie ein netter Typ erscheint, der halt drei Pfund dafür bezahlt, sich eine Dauerwelle machen zu lassen, und der sich jetzt nicht ganz strikt an alle Gesetze halten würde. Dafür, wie reißerisch es beginnt, folgt irgendwie nur betonte Normalität.

Januar
Sonnabend 31.01.

追捕 / Manhunt
(John Woo, CHN/HK 2017) [DVD, OmeU]

gut

Sprachlich geht es ständig hin und her zwischen Mandarin, Japanisch und Englisch. Die Hauptfiguren können sich sich gegenseitig auch nur im Englischen verständlich machen, einer Sprache, die sichtlich nicht ihre Muttersprache ist. Immer wieder bekommen wir dementsprechend auch einen John Woo zu sehen, der ganz in seinem Element zu sein scheint, der aufwendige Set Pieces und audiovisuellen Pracht auffährt, nur spricht das alles kaum noch mit dem lauen LETHAL WEAPON-Aufguss mit ungleichen Partnern, die gegen Korruption und mutierte Superkiller kämpfen, mit dem Hauch aus Nichts, Tauben und zwanghafter Coolness, in dem das alles eingelassen und in dem nichts von Belang ist.

紅孩兒 / The Fantastic Magic Baby
(Chang Cheh, HK 1975) [blu-ray, OmeU]

ok +

Chang Chehs An evening with the arts. Erst eine Stunde Peking Oper, in dem der Gesang durch noch mehr Salti und Speerzustechtechniken ersetzt wurde – es gibt quasi ein potentielles JOURNEY TO THE WEST-Kapitel, in dem das Magic Baby Red Boy (Ting Wa-Chung), Sohn der Prinzessin mit dem Eisenfächer und dem König der Dämonen den buddhistischen Mönch Xuanzang gefangen nimmt, und in dem dessen Schüler, vor allem der Affenkönig (Lau Chung-Chun), ihn zu befreien versuchen. Darauf folgen noch vierzig Minuten Ausschnitte aus der Aufzeichnung einer richtigen Peking Opera, mit mehr Gesang und weniger Salti. Alles in allem fehlt aber ein erzählerischer Überbau. Zuerst wird eben ein erzählerisches Motiv unendlich und ohne Sinn dafür, vorankommen zu wollen, ausgedehnt, dann kommen Fragmente eines Ganzen. Aber es geht Chang Cheh eben nicht nur um ein Mehr kultureller Hochwertigkeit, wenn er hier die Peking Oper so ausgiebig präsentiert. Vor allem geht es um Kostüme – gerade im zweiten Abschnitt sagenhaft schön –, Set Designs – die artifiziellen Bühnenbilder des ersten Teils sind ein Genuss – und das ewige Beckenschlagen der Musik. Auf hundert Minuten ist es vll. etwas viel dieses Schönen, aber eben auch nicht nichts.

Freitag 30.01.

SMS für Dich
(Karoline Herfurth, D 2016) [stream]

großartig

Die Liebe zwischen Clara (Karoline Herfurth) und Mark (Friedrich Mücke) ist Schicksal. Die erste SMS, die Clara ausversehen an Marc schickt, geht mit einem kurzen Stromausfall daher. Wenn sie sich sehen, dann verlieren sie sich in ihren Blicken. Ihre Aufgabe ist also nie sich zu verlieben, sondern einen Status quo zu finden, an dem sie einander nicht nur Blödsinn entgegenstammeln. Das erste funktionierende Date stellt den Ton vor Ort dann auch einfach aus und zeigt uns nur lachende, miteinander selige Körper. Und das ist bei aller Labrigkeit das Entscheidende, dass es dem Film nur bedingt auf die Worte ankommt – sie sind eher perkussive Untermalung statt Sinnträger.
Vll. fällt deshalb auch kaum ins Gewicht, dass sich personell meist eher ungünstig entschieden wird. Mücke bleibt als Love Interest bieder, und dass sein cooler Fussballredakteur die Aufrichtigkeit des Schlagers kennenlernt, ist kaum herausgestellter Nebenschauplatz – wodurch Katja Riemanns verstrahlte Performance als esoterische Schlagersängerin zu kurz kommt. Und überhaupt, Mark wird zwischen zwei Kollegen gesteckt, der eine abgeklärter Dude (Frederick Lau), die andere gefühlig-überdrehte Tussi (Enissa Amani). Statt ihn aber ständig mit Amani zu konfrontieren und dem Zuschauer Spaß zu bieten, muss er vermehrt mit dem abzuschüttelnden Mackertum von Lau abhängen, mit der Tristesse seiner Figur.

牡丹燈籠 / The Bride from Hades
(Yamamoto Satsuo, J 1968) [blu-ray, OmeU]

großartig

Ein Film nach dem Motto: Wer schön und stilvoll sein will, muss (heroisch) leiden. Ein Samurai möchte lieber den Armen Schreiben, Lesen und Konfuzius beibringen, als reich zu heiraten. Zuviel gelebte Demokratie und Gemeinnützigkeit sagt seine auf Geld und Ansehen fixierte Familie und enterbt ihn. Auf die Verstoßung folgen dezente Selbstmordgedanken, die in Form des Geists einer Frau auftreten, die von ihrer Familie in die Prostitution verkauft wurde. Stilvoll to the max umkreisen sie, die Suizidgedanken, die Geister, ihn, legen sich ihm sexy in die Arme und nur Außenstehende sehen die mit Verwesung bespannten Knochen, mit denen er sich auf der Tatami-Matte wälzt. Das Leiden für das Richtige ist ein Ausbund an elegischer Schönheit: die Prozession der mit Bedeutung aufgeladenen Bilder, die Musik, das an Eleganz kaum zu überbietende Gleiten der Untoten um und durch die Häuser.
Schließlich knickt er aber ein – wenn auch nur durch einen Vertreter. Sein Assistent gibt sich der Gier und dem Verrat (der Ideale) hin, während unsere bisherige Hauptfigur zum eigenen Schutz von Priestern in seinem Haus und damit aus dem Film weggesperrt ist. Der Film lässt dem Samurai einen schönen, lustvollen Tod im Ideal, während die Erzählung in seiner großflächigen Abwesenheit, in der in Stellvertretung erlebten Niederlage zum huckligen und buckligen Klamauk wird. Nur die Geister verlieren ihren Stilsicherheit nicht. Wer dem Niederen also nachgibt, hat ganz offensichtlich nach Yamamoto auch keinen eleganten Film verdient.

Donnerstag 29.01.

Send Help
(Sam Raimi, USA 2026) [DCP, OF]

gut

Immer wieder scheint der Sam Raimi der THE EVIL DEAD-Filme durch – wenn Leute und Dämonen wild in die Kamera lachen sowie wenn Gore und Cartoons fröhlich verbunden werden, wie beim irritiert dahinrollenden Auge, das gerade von einem Daumen in den Kopf gedrückt wird. Und mein Problem ist einerseits, dass ich den Rest des Films als angezogene Handbremse erlebte, die viel zu lange auf die Eskalation wartet und diese zu schnell wieder zurückfährt, als nette Komödie, in der ein Chef (Dylan O’Brien) und eine Mitarbeiterin (Rachel McAdams) auf einer einsamen Insel landen, wo nicht Ansehen, sondern tatsächliches Können zu Macht und Erfolg führen, wo alles eben auf den Kopf gestellt ist. Gerade Rachel McAdams Wandlung vom socialawkwarden Sonderling zum sexy Vamp, der in der Situation voll aufgeht, ist schon schön, aber auch nur das, was die Prämisse eben verspricht. Andererseits stimmt es mich ein wenig traurig, wie sehr es mich freute, wenn der THE EVIL DEAD-Sam-Raimi durchkam, weil es mir das Gefühl gab, dass das bestenfalls eine Erinnerung an ehemalige Großtaten ist. Nichtsdesto trotz vor allem doch ein Vergnügen.

Mittwoch 28.01.

Der Kommissar (Folge 11) Die Schrecklichen
(Zbyněk Brynych, BRD 1969) [DVD]

verstrahlt +

Nach Haugks Debüt wollte sich Kommissar-Regiedebütant Brynych nicht lumpen lassen und legt noch eine Schippe drauf. Die Leute sind entweder total blasiert, vergilbte Alkoholiker (Karl Walter Diess), verschüchterte Teenager (Helga Anders) oder motzen im Angesicht ihrer zerfließenden Nerven in einer Tour (Dirk Dautzenberg). Die Expressivität des Schauspiels wird also bis zum Anschlag aufgedreht. Der Polizeibeamte Harry verführt schnell mal die von Helga Anders gespielte Schülerin und nimmt sie auf verstrahlt-romantische Spritztour mit, um ihr Informationen zu entlocken. Die Polizisten trinken wieder zu jeder sich bietenden Gelegenheit im Dienst. Und vor allem wird aber das, was Monty Python wenige Wochen später als Sketch ins britische Fernsehen brachten – HELL’S GRANNIES – hier mit absurdem Ernst präsentiert: eine Gruppe Rentner-Rowdies schikanieren und drangsalieren ihr Umfeld. Kurz: Der ganze Irrsinn in Reineckers Drehbuch/Weltsicht wird nicht seriös abgefilmt, sondern ohne Scham überzogen und als zum Portrait einer BRD im Fieberwahn übersetzt, in dem die Menschen nur am Ende sein können.

Dienstag 27.01.

修道女 濡れ縄ざんげ / Nun’s Diary: Confession
(Ohara Kōyū, J 1979) [DVD, OmeU]

verstrahlt

Eine meiner liebsten Anekdoten aus zweiter Hand stammt von Ozzy Osbourne, der in einem Interview einst erzählte, dass er bei einer Japantournee in den frühen 1980ern in einem Schaufenster einen gekreuzigten Santa gesehen habe. Es ist ein schönes Symbol für mgl. Übersetzungsprobleme zwischen Kulturen. Hier nun ein Nun-Sploitation-Film aus Japan, der schon viele der Tropen des Genres trifft, der sie aber auch entstellt und zur sehr eigenen Absurdität macht. Heißt: eine Frau geht, nachdem sie vergewaltigt und von ihrem Mann enttäuscht wurde, ins Kloster. Dort haust im Keller der Exgeliebte der Äbtissin, der sich entmannte, und nun die Leute peitscht und foltert, die ihn erregen – was die Nonnen liebend gerne machen, um per Peitsche und an groben Metallfesseln Von-der-Decke-Hängung etwas Nervenkitzel zu erleben. Nonnen werden in Discos tanzen. Oder eine in ein Lammkostüm gequetscht, um meistbietet zur Vergewaltigung auf einem Altar verkauft zu werden. Alles endet natürlich im gottgesandten Sonnenschein der Erlösung. Es braucht sicherlich ein wenig, bis es sich in seiner ganzen Pracht erhebt, gegen Ende aber ist das alles dann doch kaum mehr zu glauben.

Montag 26.01.

Der Kommissar (Folge 10) Schrei vor dem Fenster
(Dietrich Haugk, BRD 1969) [DVD]

großartig +

Kaum nimmt Haugk im Regiestuhl platz, schaltet die Serie in einen ganz anderen Gang. Die Kamera ist lebendiger – gleich zu Beginn betritt Harry per Plansequenz ein Haus, bei der die Kamera ihm stets im Rücken bleibt – oder erlaubt sich Sperenzchen – bei seiner ersten Unterredung ist Kommissar Keller nur verzerrt über einen Spiegel zu sehen, im selben Spiegel, dessen Rahmen der Mutter (Maria Schell) des Mordverdächtigen per Kameraperspektive wenig später eine Tiara oder einen metallenen Heiligenschein aufsetzen wird. Oder es wird der Sesseldreher, der Donald Pleasence‘ Blofeld in YOU ONLY LIVE TWICE erstmals offenbarte, nachgestellt, nur dass er großkotzige Verwandte einführt. Vor allem aber bietet Maria Schell als Theaterschauspielerin und Mutter, die mit endlosen Wortkaskaden und schriller Stimme an Gewissen appelliert und ihren Sohn mit jedem ihr zur Verfügung stehenden Mittel schützen möchte, eine Tour de Force nervlicher Auflösung, die schlichtweg sensationell ist.

Sonntag 25.01.

Date Night / Date Night – Gangster für eine Nacht
(Shawn Levy, USA 2010) [stream, OF]

ok

Diese komödiantische Folterkammer für ein routiniertes Ehepaar (Tina Fey & Steve Carell) hält diesem einen absurden Spiegel vor – die beiden werden mit der Leidenschaft junger, sexhungriger Paare konfrontiert, die sie schon lange nicht mehr besitzen, und ihr Wunsch nach mehr Lebhaftigkeit wird in einer Nacht mit Verwechslungen und lebensbedrohlichem Paranoiathriller übererfüllt. Nur ist ihre nächtliche Odyssee zu sehr stop-and-go, zu sehr Parkour, der die beiden einfach nur zum nächsten prominenten Nebendarsteller – ua.: Bill Burr, JB Smooth, Mark Wahlberg, James Franco, Ray Liotta – führt, deren Haltpunkte mal mehr, mal weniger schnell ihren Witz totgeritten haben. Vll. ist mein Problem aber auch, dass Fey und Carell im Alltag als erschöpftes Paar deutlich mehr Chemie besitzen als im Spießrutenlauf zwischen Mafiagangstern, korrupten Cops und Politikern und anderen Unwägbarkeiten.

Sonnabend 24.01.

L’Homme voilé / Der Mann mit Geheimnis
(Maroun Bagdadi, F 1987) [stream, OmU]

gut

Verlust führt zu Hass, Gewalt zu Reue, ungelöste Konflikte führen zu Sex. So lauten ungefähr die Formeln, denen Bagdadis Film folgt. Pierre (Bernard Giraudeau), ein französischer Arzt, hat im Krieg im Libanon so viel Schlimmes gesehen, dass er selbst zur Waffe griff, um die Feinde der Menschheit auszulöschen. Kamal (Michel Albertini), ein libanesischer Kämpfer, der federführend an einem Massaker beteiligt war, hat der Gewalt abgeschworen und versucht nun in Paris mit den Konsequenzen zu leben – ua. mit Pornoproduktionen. Claire (Laure Marsac), Pierre Töchter, die den endlich wiederkehrenden Vater für einen Heiligen hält, findet sich zwischen den Fronten libanesischen Faktionen – in diesem Paris allgegenwärtig – wieder, die mit ihrem Vater zu schaffen haben. In dieser Gemengelage werden Kamal und Claire zu Geliebten, Kamal philosophiert unter der Dusche gegenüber einem ehemaligen Waffengefährten, dass Claires alabasterne Haut unvergleichlich sei, sowas kenne niemand aus dem Libanon. Und Pierre streift einer von Claire Freundinnen bei seiner Lebensbeichte ihre Kleidung vom Körper, als gehöre es zu jeder normalen Diskussion – und sackt zusammen. Aber dieser Sex, der am Ende aller Traumata in diesem Pariser Märchenreich von Gewalt, Zweifeln und Beklemmung ob der eigenen Identität wartet, am Ende dieses Paris, das fernab von Montmartre verfallen und nach Krieg im Libanon aussieht, ist nur eine zaghaft gesuchte Pointe. Auch Waffen, Konsequenzen, harte Tatsache werden umschifft. Stattdessen ist dieser Film mit Watte gefüllt, die all den Männern mit ihren traurigen Blicken etwas Geborgenheit im seelischen Purgatorium bietet.

A Bad Moms Christmas / Bad Moms 2
(Scott Moore, Jon Lucas, USA/CHN 2017) [stream, OmeU]

nichtssagend

Sowohl die Neuerungen – die Mütter bekommen Besuch von ihren Müttern, die auch einen Mittelweg aus übererfüllter Pflicht und Ignorieren derselben erlernen müssen – als auch die Wiederkehr des Bekannten ist halbarschig erdacht und umgesetzt. Ein übereilter Schnellschuss nach dem Erfolg des Vorgängers, mehr ist es nicht. Kathryn Hahn hat dieses Mal auch kaum etwas zu tun, nur Kristen Bell ist als menschgewordene neurotische Verklemmung weiterhin super.

Freitag 23.01.

Friends
(Lewis Gilbert, UK 1971) [stream, OmeU]

verstrahlt

Lewis Gilbert als diesen ab und zu Bond-Regisseur abzutun, scheint ein Fehler zu sein. Nach zwei Filmen ohne den Geheimagenten warte ich jedenfalls weiterhin auf einen Film von ihm, der mich nicht konsterniert zurücklässt. Hier nun das diametrale Gegenstück zu COSH BOY. Statt dem irren sozialen Problemjugendthriller nun der irre verträumte Ausreißerfilm. Zwei Jugendlich haben genug von nervenden Eltern und anderen Verwandten, die sie nur als anstrengende Verpflichtung sehen, und fliehen in die Camargue. Es fängt als sommerliches Road Movie an, in den Konsequenzen von den Protagonisten und dem Film hintangestellt werden und wandelt sich trotz aller Probleme, auf die die beiden stoßen – Hunger, Schwangerschaft, Fehlen einer praktikablen Zukunft –, zunehmend zur völlig realitätsvergessenen Postkarte schöner Landschaften und unbedarften Handelns. Die Geburt des Kindes wird passend zur Stimmung zur romantisierten Kurzanstrengung, die eine heile, glückliche Kleinfamilie nach sich zieht. Realität und Konsequenzen fahren zwar immer wieder per martialischem schwarzen Auto in den Film – darin sitzen Privatdetektive auf der Suche nach den beiden –, aber näher als am Horizont kommen sie nicht. Wartete COSH BOY sehnsüchtig auf den Gürtel, mit dem die Jugend zur Räson gerufen wird, wird hier alles unternommen, um den Träumern eines selbstgenügsamen Lebens fern von Eltern und beengenden sozialen Käfigen ihren Traum nicht wegzunehmen. …und damit es nicht einfach nur ein schöner, verträumter Jugendfilm ist, inszeniert die Kamera den Körper Anicée Alvinas – während des Drehs wohl 17 Jahre – zuweilen als Erfüllung allen Sehnens und kommt ihr damit auch schon wieder mit übergriffigen Erwachsenenblicken.

Tiger, Löwe, Panther
(Dominik Graf, BRD 1989) [DVD]

gut +

Während der ein Jahr später veröffentlichte SPIELER quasi Grafs Truffaut/Früher-Godard-Film ist, ist dies sein Versuch eines Rohmer-Films. Drei Paare erleben Turbulenzen mit plötzlichem und geregeltem Fremdgehen, sich nicht verscheuchen lassenden Exfreunden und esoterische Eltern. Die Zeit ist fragmentiert, die Probleme werden nicht direkt angegangen, sondern verschleppt. Sprich, es gibt viele Worte um nichts. Sichtlich soll es eine lockerleichte Liebeskomödie sein, trotz guter Laune und einem leichten Hauch von magischem Realismus – oder so, jedenfalls führt das unausgesprochene Ausweichen innerhalb dieser großen emotionalen Momente dazu, dass dies ein wenig wie ein schräger Wunschtraum wirkt –wird es diesen Hang zur Bitternis nicht los. Und irgendwie ist es gleichzeitig die nervigste, wie auch die interessanteste Version seiner selbst.
Vor allem stimmt es traurig, dass Natja Brunckhorst wegen Christiane-F.-Rummel, Krebs und so so wenige Filme in den 1980ern und 1990ern gemacht hat. Hier ist sie jedenfalls eine erstaunliche Präsenz, die ohne Anstrengung jede Szene an sich reißt, ohne im Mittelpunkt stehen zu müssen.

Donnerstag 22.01.

La frusta e il corpo / Der Dämon und die Jungfrau
(Mario Bava, I/F 1963) [blu-ray, EF]

fantastisch

Im Grunde geht es um (scheiternde) Traumabewältigung. Der Tod des peitschenden Schufts (steingesichtig: Christopher Lee) hat keine Relevanz, hat sich seine Tat doch in Körper und Geist gefressen. Statt Erlösung zu bringen, verlegt sein Tod die Heimsuchung nur in den Bereich der Geister und der Albdrücke. Der italienische Titel – genau wie der korrekt übersetzte englische: THE WHIP AND THE BODY – schlägt genau in diese sachliche Kerbe. Die Peitsche hat den Körper so tief in seinem Fleisch markiert, dass beide folglich untertrennbar mit einander verbunden sind.
Der deutsche Titel mit seinen christlich-moralischen Begrifflichkeiten verkennt dies und bereit nur auf die romantische, mit Leidenschaft aufgeladene und doch staubig-vergilbte Welt des Films vor. Aus den Lautsprechern trieft die erotische Passionsmusik. Grell-rote Rosen strahlen von der Leinwand/aus dem Bildschirm. Geheimgänge, kalte, schroffe Kellergewölbe, konfuse Gänge umgeben die warmen, halbwegs einfachen Räume des Ichs – heißt: die Subjekte sind umschlungen von endloser Unwägbarkeit und durch diese zerspaltet und zerklüftet. Mit Leuchtern stapfen die Figuren durch eine stickig-nostalgische Kostümwelt, in der alle benebelt scheinen – bis, ja bis Peitschen griffbereit sind, spitze, die körperliche Unversehrtheit bedrohende Dolche, bis Hände und Augen aus der Dunkelheit über uns herfallen. Der deutsche Titel gibt nur wieder, dass die sachliche Verhandlung eines sachlichen Umstandes eine affektüberlaufende, kaum greifbare Matschigkeit betrifft, die zum niederknien schön ist.

Mittwoch 21.01.

Der Kommissar (Folge 9) Geld von toten Kassierern
(Georg Tressler, BRD 1969) [DVD]

gut

Der spätere DER ALTE-Darsteller Siegfried Lowitz zieht als halbseidener Einbrecherproll, der spielt, als wäre er sich keiner Schuld bewusst, der rammdösig und saufend durchs Leben schwadroniert und trotzdem seinen jungerwachsenen Kindern moralische Vorschriften z.B. über deren Miniröcke macht, eine Wahnsinnsshow ab. Die Stichflamme mit der Walter (Günther Schramm) Kommissar Keller (Erik Ode) Feuer reicht, ist völlig irrsinnig in dieser Folge platziert. Und das Keller Assistentin Helga (Emely Reuer – nachdem ihre Rolle 1970 einfach gestrichen wurde, spielte sie u.a. in EROTIK IM BERUF!) mit der Kündigung droht, wenn sie bei einer Beschattung in einer Kneipe noch ein was trinkt, während der Kommissar und seine Inspektoren zu keinem Drink nein sagen und ständig einen Cognac brauchen, ist ziemlich empörend. Ansonsten Business as usual.

Dienstag 20.01.

Cosh Boy
(Lewis Gilbert, UK 1953) [blu-ray, OF]

wtf

Sichtlich soll Gilberts Problemfilm (Jugendkriminalität) ein Raoul-Walsh-Gangsterfilm sein, gerade da Roy Walsh (James Kenney) sich für eine James-Cagney-Gangsterfigur hält. Roy unterdrückt Freunde und Familie, fängt an zu zittern, wenn er nur daran denkt, dass seine Mutter Zuneigung für andere Männer empfindet. Mit sexueller Gewalt pustet er aufrichtigen jungen Frauen (Joan Collins mit 19 Jahren) das staubige Laub aus der Unterwäsche und macht sie zu Flittchen, zu verlorenen Existenzen. Gilbert versucht erst gar nicht, aufregende Szene dieser heruntergekommenen Kriminalität zu entwerfen, sondern stützt sich – zurecht – ganz auf das Haifischgebiss seines Hauptdarstellers, auf dessen Krampfkörper, der entweder völlig kontrolliert ist oder unkontrolliert bebt.
Aber wie die dem Film vorangestellte Texttafel mit nur einem Wort – Disziplin – deutlich macht, ist all der Jugendkriminalitätskram nur die Vorarbeit für das Finish, auf das alles hinarbeitet. Die ganze Zeit schwingt der Tenor mit, dass der Krieg alleinerziehende Mütter bedingte, die nun von ihren rotzfrechen Gören überfordert sind. Dass es endlich wieder einen Mann im Haus braucht, der mal den Gürtel auspackt und die Kinder maßregelt und blutig schlägt. Geil wird genossen, wenn sich Roy in die Sackgasse manövriert hat. Grinsend genießen die Eltern, der zu Schaden gekommenen, die Nachbarn und die Polizei, wenn Roy, inzwischen nur noch ein stammelndes Bündel, endlich den Wanst vollbekommt und damit das, was er sich verdient hat. Das radioaktive Fetischkino geht nicht soweit, die Gewalt an sich zu zeigen, es hat sich doch noch Skrupel bewahrt, und trotzdem ist die gesetzt daherkommende räudige Asozialität dieses Films kaum zu glauben.

The Ten Year Plan m
(Lewis Gilbert, UK 1945) [blu-ray, OF]

ok

Es endet mit einer Kamerafahrt einen Schornstein hinauf, über den Himmel, der zuerst rauchig, dann fluffig weiß bewölkt ist, und zurück hinunter zu einem Stahlhaus. Es ist geschnitten, aber es ist klar, dass Gilbert lieber eine einzige Einstellung gehabt hätte. Auf jeden Fall soll es zusammenfassen, wie aus den Stahlwerken der Kriegsindustrie nun die Häuser der Nachkriegsjahre entstehen. Der Krieg soll mit Stolz in Frieden übergehen. Aber ich kann mir nicht helfen. Alles, was ich sah, war: erigierter Penis –> Jizz –> ein Ort der Ruhe.

Montag 19.01.

Der Kommissar (Folge 8) Der Tod fährt 1. Klasse
(Wolfgang Becker, BRD 1969) [DVD]

gut

Gerade wenn unsere Ermittler im fahrenden Nachtzug einem Serienmörder auflauern, ringt Becker dem Drehbuch stimmungsvolle Momente aus Bedrohung und Absurdität ab. Im Vorfeld werden drei Verdächtigte verfolgt, die für unterschiedliche gesellschaftliche Schlaglichter sorgen, während ein Unverdächtiger, der verhaftet werden möchte, um seinen rechthaberischen Vater zu trollen, den Humor, den er in die Folge bringen soll, einen Tick zu sehr totreitet – vll. wäre es super geworden, wenn sich Reinecker auf Letzteren konzentriert hätte. Wiederholt ein paar netten Ideen, die mehr hätten sein können.

Sonntag 18.01.

Checker Tobi 3 – Die heimliche Herrscherin der Erde
(Antonia Simm, D 2026) [DCP]

gut

Lotti Z. und ich sind uns einig, dass es endlich den Checker-Marina-Film geben muss. Aber meine Vorbehalte gegen die aufdringliche Empathiemaschine Checker Tobi haben soweit abgenommen, dass ich hier doch den lehrreichen Abenteuerfilm wertschätzen konnte.

பராசக்தி / Parasakthi
(Sudha Kongara Prasad, IND 2026) [DCP, OmeU]

ok

Die Bösewichte sind niederträchtig, verbissen, skrupellos. Entweder sind sie besessen davon, den Machthabern um jeden Preis zu beweisen, dass sie keine Abweichler sind (Ravi Mohan als Thiru), oder eben gefühlskalt daran interessiert, dass sich ihnen das ganze Land unterordnet (Sandhya Mridul als Indira Ghandi). Nichts hält sie zurück. Die Guten lassen sich von ihren überschäumenden Gefühlen leiten, sind mal leidenschaftliche Rebellen oder so emotional, dass sie weinend zusammenbrechen, wenn jemand beim kämpferischen Widerstand stirbt, der ihnen nahe ist. Nichts hält sie zurück. Alles ist auf die Eskalationsspirale ausgelegt, auf einen Sieg gegen jede Chance, dem sich einige Mitstreiter opfern. Sein durchgängig genutztes Bild ist Feuer, mit dem sich Leute anstecken – metaphorisch und buchstäblich –, das in ihnen brennt, sie und ihre Körper verzehrt. Und doch ist der Film, der den Kampf indischer Studenten aus dem Bundesstaat Madras gegen die Einführung von Hindi als einziger offizieller Amtssprache in den 1960ern, die tatsächlich zu eskalierenden Unruhen führten, zum Actionfilm macht, blutarm, weder bissig oder feurig. Zu selten werden Haupt- und Nebenschauplätze mit mehr als den Basics der Eskalation ausgestattet. Sinnbildlich für dieses Problem, ist der nur dahin plätschernde Liebesplot, in dem selten Gefühle zu spüren sind.

Sonnabend 17.01.

Exodus
(Otto Preminger, USA 1960) [blu-ray, OF]

ok

Wir werden von Punkt zu Punkt geschleppt, an denen uns jeweils Perspektiven und Argumente vorgekaut werden, die zur Staatsgründung Israels führten. Im Großen und Ganzen ist es ein einziger Infodump, der nur minimal versucht mitreißendes Kino zu bieten. Das gesagt, sind die dreieinhalb Stunden zumindest überraschend zügig vorbei, der Hungerstreik hat seine Momente und die Befreiung von Gefangenen aus dem Knast ist ganz schönes Spannungskino. Am besten ist aber, dass eine US-amerikanische Krankenschwester (Eva Marie Saint als Kitty Fremont) als Stand-in für den Zuschauer eingebaut wurde, die zu Beginn nichts über die Konflikte weiß und lernt und erlebt, bis sie am Ende in Uniform und mit Schnellfeuergewehr zur Front aufbricht, dass es eben auch wie ein Film über Patty Hearst wirkt.

L’anticristo / Der Antichrist
(Alberto De Martino, I 1974) [blu-ray]

großartig

Wie bei THE EXORZIST geht es um die Sexualität einer jungen Frau, die beunruhigt und christlich eingefangen werden muss. Aber hier geht es nicht um Pubertät, sondern um inzestuöse Gefühle einer Tochter zu ihrem Vater, die krankhafte Aufrechterhaltung des perfekten, bewunderungswürdigen Bildes des Vaters, der den Tod seiner Frau verursachte, die kindliche Eifersucht einer erwachsenen Frau gegenüber der neuen Geliebten des Vaters – überhaupt: wie lange der Film sich Zeit lässt, dass die beiden Protagonisten Vater und Kind sind und nicht Mann und Frau… Es geht um moderne Wissenschaft, Psychologie, die gar nicht weiß, welche Schrecken sie aus den Menschen hervorholt. Um Religion als inadäquates Pflaster, die Grauen per Vogel-Strauß-Technik wieder verschwinden lassen soll.
Wahrscheinlich bleibt der daraus erwachsende Film auch nicht so gesittet wie Friedkins. Statt bedacht eingesetzt Ekeleffekte und Drastik ist dieser Film ein einziger Rausch aus zerhäckselten Realitäten (der Schnitt!), psychosexuellen Traumlandschaften, auf Effekt, nicht Realitätseindruck bedachten Spezialeffekten, Wahn, Sabber und impotenten Versuchen den Wahnsinn um sich einfach zu ignorieren. Allein der Flur mit den Büsten, die sich aus der Wand beugen und schauen, was den Gang in der Herrschaftsvilla entlangkommt. Alles ist wild, nichts bewegt sich. In der Villa des mit doppelter Schallgeschwindigkeit beschleunigten rasenden Stillstands.

港の日本娘 / Japanese Girls at the Harbor
(Shimizu Hiroshi, J 1933) [DVD, OZmeU] 2

fantastisch

Es ist eine einfache Aufspaltungsbewegung, die immer wieder wiederholt wird. Zwei Schulmädchen gehen eine Promenade entlang. Doch die Einigkeit zerplatzt. Eine bleibt zurück. Eine von beiden steht immer wieder in Bildern einer weiten, flachen Landschaft, um sie nur Himmel, während der Gegenschnitt die andere von Bäumen, Sträuchern und wehendem Laub umringt zeigt. Oder sie stehen im selben Bild: links leerer Himmel, rechts von oben bis unten Bäume. Überhaupt ist es immer stimmungsabhängig, ob die Bäume Laub tragen und kahl sind. Die Kamera bewegt sich von links nach rechts, dann wieder von rechts nach links. Die eine mordet in Leidenschaft die Geliebte des Mannes, den sie liebt. Die andere heiratet ihn. Die eine taucht unter und wird Prostituierte, die andere lebt ein stabiles bürgerliches Leben. In der einen kocht es, sie kann sich nicht kontrollieren, während die andere ihre Gefühle wegschluckt und aussitzt. Die eine trägt Wahnsinn in den Augen, die andere schaut nach unten. Wie zu Beginn aber, als die eine zurückblieb, kam die andere zurück. Und so laufen sie sich wieder über den Weg und Leben werden zerstört. Sie trennen sich nicht, sie sind wie zwei gegenpolige Magneten, die sich doch durch Gravitation wieder anziehen. Immer geht es vor und zurück zwischen den beiden. Ein Melodrama.

Freitag 16.01.

Loups-Garous / Die Werwölfe von Düsterwald
(François Uzan, F 2024) [stream]

ok

Fatalerweise liest Lotti Z. (9 Jahre) gern und ignoriert meine ausgedruckten Sehtagebücher nicht mehr. Als die Exemplare von 2025 ankamen, nahm sie es sich eins, suchte hinten im Index nach Filmen, die wir gemeinsam geschaut hatten, und musste nun feststellen, dass ich nicht allzu oft ihrer Meinung war. Mehrmals wurde ich empört angebufft. Gleich zu Beginn des Buchs im letzten Januar fand sie auch noch, dass ich LOUPS-GAROUS nichtssagend fand. Nichtssagend?!?!?! rief sie und verdonnerte mich zur Reevaluierung. Schon ein netter Film, aber wieder blieb bei mir eigentlich nur die Johnny-Hallyday-Sequenz in Erinnerung, wo ein zeitgereister Musiklehrer einen mittelalterlichen Markt mit ALLUMER LE FEU und elektrisch verstärkter Laute verzaubert.

Bad Moms
(Scott Moore, Jon Lucas, USA/CHN 2016) [stream, OmeU]

gut

Der Film ist optisch sicherlich hässlich wie die Nacht – Was ist das eigentlich für ein Sprichwort? Nächte sind doch wunderschön… –, aber Kathryn Hahns Rampensauperformance und Kristen Bells komplett awkwarde Verklemmung fangen die extremen Reaktionen auf eigene und fremde Ansprüche doch sehr schön ein und sorgen quasi am Rand für die besten Momente. Sicherlich aber auch ein Film, der erst richtig goutiert werden kann, wenn schonmal ein Elternabend erlebt wurde.

Donnerstag 15.01.

The Greatest Showman
(Michael Gracey, USA 2017) [DCP]

ok +

Zac Efron ist schon faszinierend. Ein Halbgott – endloser Charme und ein Aussehen wie in Marmor gemeißelt –, der in sich ruht und sichtlich alles meistern wird. Er ist wie geschaffen für die Kamera und doch ein undankbarer Schauspieler für jeden Film, da Drama und Komik an ihm abperlen. Zudem wirkt es, als sei seine Karriere seit gut 15 Jahren im Grunde vorbei, als habe er mit HIGH SCHOOL MUSICAL und 17 AGAIN alles erreicht, was ihn ausmacht, und dass er seitdem einfach nur noch in Hollywood abhängt und seine Zeit genießt. Ansonsten ein Film über Freaks, der zwar tolle Tanznummern hat und die Choreographie des Auftakts ist ganz wundervoll, aber meist ist er doch ein wenig arg stromlinienförmig.

Mittwoch 14.01.

The Housemaid / The Housemaid – Wenn sie wüsste
(Paul Feig, USA 2025) [DCP]

ok +

Den Erklärbärmittelteil streichen und jemand schmuddligeren auf den Regiestuhl, schon wäre der Film sehr, sehr gut. Mehr dazu bei critic.de.

Dienstag 13.01.

사마리아 / Samaria
(Kim Ki-duk, ROK 2004) [DVD, OmU] 2

großartig

Vom damaligen Kinobesuch war mir nur der Auftakt in Erinnerung geblieben. Ein Märchen, in dem Reziprozität alles wieder ins Lot bringt. Eine Jugendliche (Han Yeo-reum) hat Sex mit Freiern, weil es ihr nichts weiter bereitet. Ihre beste Freundin (Kwak Ji-min) – vll. ist auch mehr zwischen den beiden, dass für sie noch weniger eine mögliche Realität ist wie jugendliche Prostitution – findet es eklig, steht trotzdem für sie Schmiere und wäscht sie danach stets wieder mit Wasser und Seife rein. Als die eine auf der Flucht vor der Polizei stirbt, beginnt die andere sich selbst und ihre Gefühle reinzuwaschen. Sie schläft mit allen Freiern ihrer Freundin und gibt ihnen dafür deren Geld zurück. Eine brüchige, widerspruchsvolle Realität wird mit Sex, Passivität und Hingabe gekittet.
Den größeren Teil des Films hatte ich aber vergessen. Ein Vater (Lee Eol) versteht nicht. Er, ein Polizist, ein Ordnungshüter, kommt der umgekehrten Prostitution seiner Tochter auf die Schliche, er folgt ihr und mit feurigem Schwert zieht er die, die sich aus seiner Perspektive an seiner Tochter vergehen, zur Rechenschaft. Dem christlichen Märchen setzt er eine blutige, grimmige, unangenehme Realität entgegen. Bis der Film zumindest zur Meditation wird. Vater und Tochter finden keinen Weg zu kommunizieren, der Vater zerstört seine Tochter, zerstört sich … und doch geht es Kim Ki-duk eben nicht um Drastik, die seinen Ruf begründete, sondern um den Abgrund zwischen den Generationen, zwischen zwei Weltverständnissen und sucht nach Verständigung – im sicheren Glauben, dass sie möglich ist, gegen jede Chance.

Montag 12.01.

Der Kommissar (Folge 7) Keiner hörte den Schuss
(Wolfgang Becker, BRD 1969) [DVD]

großartig

Während der Folge war ich mir nicht mehr so ganz sicher, ob Zbyněk Brynychs Regiedebüt für die Ringelmann-Serie weiterhin noch ein paar Folgen auf sich warten lässt. Gerade der Einsatz von Canned Heats ON THE ROAD AGAIN: Auf einen Schnitt tanzen plötzlich Hippiegirls zu den Sitarklängen des Intros vor und vor allem zur Kamera – in einem glitzernden Umfeld. Auch wenn das Lied in seinen poppigen Blues umbricht, hat es die Folge alles andere als eilig, wieder zur Handlung zurückzukommen. Mit einem Mal – als knappe Zweistufenrakete – ist aus einer beschaulichen Krimiserie etwas anderes geworden. Jugend und andere Realitäten drängen plötzlich in sie. Mehr noch gewahrt aber an Brynych, dass das Intro und der pumpende Beat-Klassiker, dass der Umbruch von einem zu anderen als wiederkehrendes Leitmotiv für eine Frau (Erika Pluhar) eingesetzt wird, die vom Drehbuch sichtlich als Femme fatale, als Sirene gedacht ist, die die Männer in ihrem Umfeld zu Mördern, Dieben und zerstörten Existenzen macht. Eine Frau, hinter der ein lauter Chor aus verstimmten Eltern und Nachbarn zu hören ist. Mit dem Brynych-typischen Leitmotiveinsatz wird aber etwas Anderes daraus. Die Implikationen des Drehbuchs lassen sich vll. nicht abschütteln, aber da ist eben auch noch die Perspektive, wie sie stoisch die Schikane der spießigen Gesellschaft über sich ergehen lässt, aber schon wieder woandershin unterwegs ist und bereit ist den Mief abzuschütteln, egal was es koste.

Sonntag 11.01.

Bibi Blocksberg – Das große Hexentreffen
(Gregor Schnitzler, D/A 2025) [DCP]

ok

Das Problem ist wohl, dass es die Pflichtaufgabe des Films scheint, Erwachsene mit dem Geist eines ungehemmten Kindes und protofaschistische Internate zu zeigen, statt in diesen Widersprüchen die Kür zu verstehen. Heißt: etwas mehr Lust an Chaos und (sozialem) Horror, statt an (Re-)Installierung eines hemdsärmlichen-fröhlichen Mittelwegs wäre sehr schön gewesen.

First Reformed
(Paul Schrader, USA 2017) [blu-ray, OF]

fantastisch

Pastor Toller (Ethan Hawke) besucht Michael (Philip Ettinger) zur allgemeinen Seelsorge. Während sie reden befindet sich hinter dem einen eine Wand aus Zeitungsausschnitten, Internetausdrucken und Bildschirmen, die einem tonlos entgegenplärren: Umweltverschmutzung, Klimawandel, der Weltuntergang ist nicht mehr abzuwenden. Hinter dem anderen ist eine weiße Wand mit zwei zugezogenen Fenstern – die Religion bietet Sicherheit, weil sie hilft die Augen vor der Realität zu verschließen … oder wenigstens vor wahrscheinlich auf uns zukommenden Unannehmlichkeiten. Es folgt ein filmisches Gären: Die Katastrophe, auf die es hinausläuft ist kaum zu übersehen – Toller kämpft in leeren, asketischen Räumen, in ruhig geschnittenen konfrontativen Einstellungen gegen seine Glaubenskrise, weil er die Augen nicht mehr verschließen möchte/kann; mit Alkohol versucht er den Krebs, der wahrscheinlich seinen Körper zerfrisst, zu ignorieren; eine Liebesgeschichte/eine starken sexuelle Anziehung, die zu ihrem Höhepunkt ins Psychedelische umschlägt, die nicht sein kann, bläst eine nicht akzeptierte frische Brise in Tod und Untergang –, aber das große Desaster lässt lange auf sich warten. Der Widerstreit aus maximaler Anstrengung, offene Konflikt und Eingeständnisse wegzusperren, und dem unaufhörlichen Dringen des Verwesungsgestank aus den Ritzen der sich hermetisch gebenden Bilder und der weichen, alles aufsaugenden weichen Gesichter ist schon so ein Erlebnis. Am Ende lässt sich Schrader aber auch nicht lumpen. Innen und außen implodieren. Das Fleisch wird gegeißelt, die Gedärme – die Stellvertreter der Seele – weggeätzt. Dieses dumpfe Prasseln, das mit einem Hieb endet, diese psychotronische, vulgäre Version von TAGEBUCH EINES LANDPFARRERS ist in ihrem Wahn aber so ernst, dass es zwar an die Nieren geht, gleichzeitig aber auch eine makabre Komödie ist. Vll. sind die Lacher aber auch einfach nur Selbstschutz, während Schrader ungeniert und fröhlich mit seinem dreckigen Finger in den Wunden der Gegenwart und vor allem seinen eigenen rührt.

Sonnabend 10.01.

KPop Demon Hunters
(Chris Appelhans, Maggie Kang, USA 2025) [stream] 2

gut

Weiterhin erstaunlich, wie sehr der Film so ziemlich in der Mitte seinen Humor verliert. Dafür hat die Dauerbeschallung mit dem Soundtrack durch Sabrina und Lotti Z. Spuren hinterlassen: Er gefiel mir besser denn je.

Der Klosterjäger
(Max Obal, D 1935) [DVD]

großartig

Schon erinnernswert, weil: als Paul Richter als Klosterjäger seine Geliebte Gitti (Charlotte Radspieler) erstmals trifft, schaut er ihr maximal lüstern nach, worauf dazu geschnitten wird, wie Gitti in einem Wald aus riesigen, dunklen Phallen verschwindet.

Der Klosterjäger
(Harald Reinl, BRD 1953) [DVD]

gut

Ein fast menschengroßes Kruzifix spielt in Ganghofers Roman eine zentrale Rolle. Sieht es bei Obal aber gotisch verzerrt aus, ist es hier bunt, glatt, fröhlich, fast abstrakt. Es steht für den ganzen Film. Reinls Version ist wie die Cartoonvariante von Obals. Klar, es gibt kleinere Umstellungen, aber Unmengen der Situationen und Dialoge gleichen sich, nur dass hier ihre Künstlichkeit umso mehr ins Auge springt, dass es Dialoge und Szenen aus einem cleveren Drehbuch sind.

Freitag 09.01.

Der Wilderer vom Silberwald
(Otto Meyer, BRD 1957) [DVD, ≠] 2

großartig

Zu Beginn fährt ein berlinernder Jugendlicher (Wolfgang Jansen) mit Calypso-Singles für die Jukebox ins bajuwarische Dorf, in die Heimat, und stürzt sich auf einen Krimi, ein Familiengeheimnis, dass er lösen möchte. Unterdessen genießt der Oberförster Bilder knapp bekleidete Frauen in der Illustrierten. Am Ende ist die hippe Jugendlichkeit, das Moderne und Schmierige verschwunden und unabhängig davon der Vorfall aus dem Schatten der Vergangenheit gelöst, damit das Melodrama um die Liebe des Försters Pachegg (Rudolf Lenz). Die Auflösung in die idyllische Seligkeit ist aber klamm. Pachegg hat sich für die simple Liebe zur jungen Ullio (Anita Gutwell) entschieden, statt zur Liebe mit der Witwe Josefa (Traute Wassler). Statt für die Leichen im Keller, die dunklen Nächte, durch die Wilderer schleichen, dem problematischen Verhältnis zum abseitigen Kind, entschied er sich für frische Unschuld, für den Tag, die Natur, die niedlichen Tiere. Vergangenheit wie Gegenwart Deutschlands werden für einen Wunschtraum ausgetauscht. Ein vergnügtes, trunstvolles Metameisterwerk.

Donnerstag 08.01.

Le Prix du danger / Kopfjagd – Preis der Angst
(Yves Boisset, F/Y 1983) [stream, OmU]

großartig +

Ein Film ohne Mitte und außen. Wie in DAS MILLIONENSPIEL und den RUNNING MAN-Verfilmungen erzählt die Kurzgeschichtenverfilmung (Autor: Robert Sheckley) von einer Fernsehsendung, in der ein Kandidat eine Millionen Dollar bekommt, wenn er sich nicht von einer Handvoll Jägern töten lässt. Aber weder der Kandidat Jacquemard (Gérard Lanvin) ist das Gesicht des Ganzen – wird sind nur die Zeugen, wie er nach und nach die Nerven verliert, wissen aber am Ende so wenig über ihn wie vorher; er ist lediglich ein gesichtsloser Kandidat mit charismatischem Aussehen –, noch die Strippenzieher der Sendung – auch Piccoli ist trotz sensationeller Rampensauperformance lediglich ein Moderator ohne weitere Eigenschaften und Agendas, außer Werbeeinnahmen zu genieren, wie auch Produzentin Laurence (Marie-France Pisier) nur pro Forma mit Skrupeln zu kämpfen hat. Das Ganze insgesamt steht noch am ehesten im Zentrum, und alle Figuren sind darin nur eng gefasste Rädchen.
Auch ein Außerhalb des Ganzen gibt es nicht. Nie sehen wir Zuschauer vor den heimischen Fernsehern. Paris scheint nur die Bühne der Jagd zu sein, in der jeder Teil derselben ist. Dass Jacquemard den Verstand über eine Nichtigkeit verliert, dass nämlich die Mitarbeiter der Sendung ihm geholfen haben zu überleben, damit die Sendezeit nicht zu kurz ist und ausreichend Werbeschaltungen möglich sind, ist sprechend. Er wird wahnsinnig, weil es keine Fluchtmöglichkeit gibt, dass alles Show ist, alles Teil dieser Gesellschaft, in der er ohne Fluchtmöglichkeit eingeschlossen ist. Am Ende ergibt das straighte, nihilistische Thrillerunterhaltung, in der die moderne Gesellschaft keinen Ausweg bietet.

Mittwoch 07.01.

Der Kommissar (Folge 6) Die Pistole im Park
(Wolfgang Becker, BRD 1969) [DVD]

gut +

Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz) ermittelt in der Villa eines Unternehmers (Peter van Eyck), und jede der dort anwesenden Personen kommt aus der Twilight Zone. Ein Chef, die mit Fernrohren alles im Augen behalten. Ein altes Hausmädchen, dass nach Jahren der Unterdrückung Aufwind spürt und es sichtlich nicht fassen kann. Freunde, die rumhängen und passiv ihre Zeit abwarten, um dabei sicher zu gehen, dass nichts ans Licht kommt. Eine Sekretärin, die hinter jeder Ecke lauert. Diamantene Glastüren, mit denen die Leute in zwei Gruppen geteilt werden. Manchmal überspannte Einstellungen, die die zwischenmenschlichen Unwägbarkeiten noch potenzieren. Mit Becker steht der Wahnsinn endlich nicht mehr so am Rand.

Dienstag 06.01.

Die Prinzessin von St. Wolfgang
(Harald Reinl, BRD 1957) [DVD]

großartig

Während eine Prinzessin (Marianne Hold), eine Nachfahrin Franz Josephs, und ein Automechaniker (Gerhard Riedmann) um ihre Liebe gegen die Adelsetikette kämpfen, auch gegen die Schranken in sich, erleben wir wie ein bajuwarisches Urvieh (Joe Stöckel) seine Kleinlichkeit und sein Territorialverhalten aufgibt und zum Amor wird. Passend dazu schwenkt die Kamera immer wieder nach links und rechts und weitet unseren Blick, zeigt die Schönheit jenseits der Scheuklappen der eigenen Perspektive.

Montag 05.01.

Der Kommissar (Folge 5) Ein Mädchen meldet sich nicht mehr
(Theodor Grädler, BRD 1969) [DVD]

ok +

Alleine wie ungelenk deutsche Fernsehermittlern Wörter wie Marihuana und Reefer aus dem Mund pressen und dass die Suchtwirkung von THC so dargestellt wird, als sei es ein Opiat ist schon sehr außerirdisch. Günther Ungeheuer gibt als Drogenbaron auch einen wunderbaren Unsympathen und Rudolf Schündler hat einen kleinen Auftritt als dealender Klomann. Einiges ist schön, aber die Dominanz der Ermittlungen verstellt den Blick auf den Wahnsinn der imaginierten Welt von Hippies und Drogen.

Fabula
(Michiel ten Horn, NL/B/D 2025) [stream, OmU]

nichtssagend

Das hat schon alles sein Potential, aber mit dieser übermächtige skurrile 1990er Gangsterfilmripoff ist gerade nicht so meins. Mehr dazu beim Perlentaucher.

Sonntag 04.01.

Der Kommissar (Folge 4) Die Tote im Dornbusch
(Georg Tressler, BRD 1969) [DVD]

ok

Die Faustregel von Derrick, dass die Episoden meist besser sind, je länger das Auftauchen der Ermittler auf sich warten lässt, greift nicht. Der Kommissar beginnt bisher immer mit der Leiche. Und erst bei den Ermittlungen entspinnt sich die Hintergrundgeschichte. Im Mittelpunkt stehen die Frotzeleien zwischen den Ermittlern und nicht die melodramatischen Welten, die in Mord gipfeln oder die durch diesen zerrissen werden. Auch wenn Paul Albert Krumm als eifersüchtiger, leidender Ehemann eine wunderbare Performance eines sich auflösen Wollens gibt, bleiben Betrug, Hinterlist, der Schmerz nur Schatten der Suche nach dem Täter. Die Charaktere und Reineckers pseudoprogressiven Weltsicht sind schon ganz faszinierende Hirnsprenger, aber irgendwie bleibt alles auf Sparflamme. Das triste Final mit dem Kind ist schön, aber zu wenig zu spät.

Sonnabend 03.01.

Sissi – Die junge Kaiserin
(Ernst Marischka, A 1956) [stream]

gut

Der erste Teil nochmal, nur in einem etwas anderen Gewand. Erst ein Lustspiel über eine lebhafte junge Frau, die in einen Kerker der Benimmregeln gesteckt werden soll, dann eine prachtvolle, ausladende Zeremonie, in der ihre Niederlage für das Wohl von Österreich und Ungarn in beklemmenden Prunk gesteckt wird. Nur: Oberst Böckl (Josef Meinrad) kommt dieses Mal viel zu kurz.

Il Casanova di Federico Fellini / Fellinis Casanova
(Federico Fellini, I 1976) [DVD, OmU] 2

großartig +

Im Booklet der DVD konnte ich bei Georg Seeßlen nachlesen, dass Fellini bei der Recherche zum Film bemerkte, dass er Casanova nicht leiden konnte. Sein Film ist folglich eine Abrechnung mit sexueller Protzerei, die nie erotisch ist, sondern nur mühseliger, alberner Ausdauersport, und mit der antiaufklärerischen Aufklärung eines selbsternannten Universalgenies, der es trotz alles prahlerisch behaupteten Buchwissens nie schafft seiner Realität Rechnung zu tragen. Mehr noch ist es aber das bessere ACHTEINHALB. Ein selbsternannter musischer Geist, erzählt allen, was er ach für Kenntnisse hat, doch sie wollen von ihm nur Schmier, für den sein katholischer Geist nur verklemmte Annäherungen bereithält.
Besser ist es nicht, weil es treffender wäre, sondern weil die Episoden irrlichternde Garstigkeiten sind und damit schmerzhafter ins eigene Fleisch schneiden als die Schönheit seines anderen Selbstportraits. Mehr noch aber, wegen der Künstlichkeit des Films. Die Künstlichkeit der mal feurigen, mal fahlen Farben eines Überlebtseins. Der Künstlichkeit einer epischen Realität, die als Göttin zu Beginn untergeht und durch siechende Karikaturen von Wirklichkeit und Belebtheit ersetzt wird. Der Künstlichkeit von Donald Sutherlands Aufmachung, die alle Schönheitsstandards unterläuft. Die Renaissance wird zur fauligen Clownerie. Mehr Punk war Fellini nie.

Freitag 02.01.

Oz the Great and Powerful / Die fantastische Welt von Oz
(Sam Raimi, USA 2013) [stream]

ok

AMRY OF DARKNESS nur mit elaborierterem Auftakt, fliegenden Affen statt Untoten und in Oz statt im Mittelalter. Seltsamerweise scheint Raimi aber nur zu Beginn in Kansas ganz zu sich zu kommen, beim Portrait eines windigen Aufschneiders (James Franco als kommender Zauberer von Oz) mit dutzend Einfällen. Mit Oz selbst wird er erst gegen Ende richtig warm, wenn sein Aufschneider wieder Oberhand gewinnt und nicht der Spielball der ihn überfordernden, bunten Umstände ist. Die einfache Antwort, warum Großteile des Films trotz Zauberwelt eher bieder sind, wäre, dass Raimi zu ehrfürchtig war und sich am Prequelschaffen fruchtlos abmüht. Vll. hat er sich einfach versagt – oder es wurde ihm –, die Hexen richtig von der Leine zu lassen. Mutmaßungen, die ich bei einem interessanteren Film vll. mal überprüfen würde.

Lancelot du Lac / Ritter der Königin
(Robert Bresson, F/I 1974) [DVD, OmeU]

fantastisch

Bressons Film lief in England erst im August 1975 an. MONTY PYTHON AND THE HOLY GRAIL (Premiere: März 1975) war also keine Reaktion, sondern ein Bruder im Geiste. Gerade der Auftakt hier – Leute in Ritterkostümen schlachten sich ab und entfachen Gore eines epischen Theaters, d.i. Kunstblut spritzt bspweise rhythmisch per Strahl aus einem Hals eines kopflosen Puppentorsos – passt haargenau zur Szene mit dem Schwarzen Ritter dort. Klar, bei Bresson gibt es keine metatextuelle, offensichtliche Absurdität, und doch ergibt sein Ernst eine veritable Tongue-in-cheek-Komödie.
Seine Ritter legen ihre Rüstungen so gut wie nie ab, weshalb es den ganzen Film hindurch durch ihre Bewegungen blechern klingt und klongt. Ihre Männlichkeit ist deutlich eine theweleitsche. Sie tragen Ganzkörperpanzer, mit denen sie sich gegen Zärtlichkeit und Sex, gegen das Einknicken gegen ihre allgegenwärtige Lust auf Arthurs Königin Guinevere (Laura Duke Condominas), deren Fenster (zwei Bögen mit jeweils einem Punkt oben drauf … Wink wink! Do you know what I mean?) sie tags und nachts angaffen, gegen die Auflösung ihrer Identität zur Wehr setzen. Und diese theweleitsche Männlichkeit, die für das Drama sorgt und dafür, dass sich die Geschichte nicht in Ruhe und Liebe auflösen kann, ist eben absurd. Durch die Geräuschkulisse und durch die langen Unterhosen, die die unberüstete Rückseite der ritterlichen Beine schmückt.
Bresson bietet aber trotzdem weniger spaßige Absurdität als ein asketisch-absurdes Melodrama. Statt Sinnzusammenhänge aufzulösen, wird Guineveres Zwangsverzicht nachgezeichnet. Unendlich wartet sie auf ihren Lancelot (Luc Simon), der sich in ritterliche Abenteuer oder strammes Ausharren stürzt, statt mit ihr zu kuscheln. Dafür müsste er seine Rüstung ja ablegen. Asketisch sind die Mittel, grau und antiklimaktisch das Geschehen. Die Ritter kommen von der Suche nach dem Heiligen Gral zurück, und der Traum von einer Welt der Gleichberechtigten und Einigen ist ausgeträumt. Zurück bleibt die Kläglichkeit eines zwieträchtigen, unglamurösen Jetzt, dass sich nicht traut zu lieben.

Donnerstag 01.01.

Der Kommissar (Folge 1) Toter Herr im Regen
(Wolfgang Becker, BRD 1969) [DVD]

gut

Die Folge dümpelt so ein bisschen dahin, bis Kommissar Keller (Erik Ode) plötzlich vor dem Portrait eines Mannes in Wehrmachtsuniform steht, das einfach in einer Villa rumhängt. Kurz zuckt er zusammen, und die Folge wird unmittelbar zur halbdeliranten Aufarbeitungsarbeit. Die Reichen sind plötzlich nicht mehr einfach nur pervers und verkommen, sondern haben auch noch eine Geschichte und ungebrochene Wertvorstellungen in der Familie.

Der Kommissar (Folge 2) Das Messer im Geldschrank
(Wolfgang Becker, BRD 1969) [DVD]

großartig

Nachtclubbesitzer Mirco Brandic (Lukas Ammann) zückt seine Ausweispapiere und Schankdokumente schneller als sein Schatten und lässt nicht ab zu betonen, dass sie korrekt sind. Allein durch ihn durchzieht die Folge die Beklemmung, als Ausländer von der Polizei kontrolliert zu werden. Die Polizei bechert derweilen, und Keller (Erik Ode) verbringt wohl die Nacht mit einem käuflichen Mädchen – ein vielsagender Schnitt legt es mehr als nahe –, erklärt seiner Frau aber, dass er im Büro geschlafen habe. Und jeder Satz aus der Feder von Herbert Reinecker lässt mich erfahren, dass sich sein Stil nach all den Derrick-Folgen tief in meinen Knochen sitzt.

Astérix et le Coup du menhir / Asterix – Operation Hinkelstein
(Philippe Grimond, F/BRD 1989) [blu-ray] 6

ok +

Michel Colombiers Soundtrack und vor allem sein Song Zonked, der in einer schönen surrealen Traumsequenz bebildert wurde, sind schon das größte Vergnügen dieser überspannten Comicverfilmung.

Der Kommissar (Folge 3) Ratten der Großstadt
(Theodor Grädler, BRD 1969) [DVD]

ok

Horst Frank hängt mit vier Kumpanen ab, auf der Straße, an der Isar, in der Sonne. Der angebotenen Arbeit wird sich verwehrt, Mitmenschen werden schikaniert. Sie sind Gammler, Halbstarke, Rebellen ohne Grund, Ratten der Großstadt. Sie sind Alkoholiker, geistig Beeinträchtigte, Mitläufer, Verirrte, Machtmenschen, Arschlöcher. Grädler beschränkt sich aber darauf, dass Werner Pochath ständig überdreht lacht und rumspringt, und reichert Franks Präsenz kaum mit etwas an. Größtenteils bietet die Folge also biedere Ermittlungen und Rowdy-Malen-nach-Zahlen. Erst als Pochath am Ende wie ein ausgesetzter Hund seinem Herrchen nachrennt, wird seine Figur und die Folge so wild, wie sie sich gibt.