STB Robert 2024 II

„The bourgeois world was haunted by sex, but not necessarily sexual promiscuity: the characteristic nemesis of the bourgeois folk-myth […] followed a single fall from grace, like the tertiary syphilis of the composer Adrian Leverkuehn in Dr. Faustus.“ (The Age of Capital)

„If Krupp commanded his armies of workers, Richard Wagner expected total subservience from his audience.“ (The Age of Capital)

„Er hatte von allem gekostet, und er hatte sich nicht satt gegessen, da er, wie er glaubte, weder Gelegenheit noch Zeit gehabt hatte, tief genug in die Menschen und in die Dinge hineinzubeißen. […] Und sie fand auch Gefallen an den vom Geld geschlagenen Wunden, an den Bankrotten, an den Feuersbrünsten, bei denen man geschmolzenen Schmuck stehlen kann.“ (Das Geld)

„This tropic of cancer answered: Drink the quicksand.“ (Lopsided)


Wertung: Ich kann nichts mit Zahlen zur Bewertung anfangen. Deshalb gibt es hier ein prosaisches System. Eine Skala ist mit der Qual verbunden, Filme in eine lineare Ordnung zu quetschen. Deshalb hat die Wertung zumindest eine Y-Struktur für freieres Atmen. Die Einstufungen radioaktiv und verstrahlt reflektieren, dass ein Film in seiner eigenwilligen Qualität es einem nicht einfach macht, ihn einfach zu genießen. Wertungen in Klammern verweisen auf das ein oder andere Nickerchen beim Schauen.

Legende: Ist im Grunde selbsterklärend. Wenn hinter der eckigen Klammer eine Zahl steht, dann gibt sie die Anzahl der Sichtungen wieder. Je höher die Zahl, desto mehr ist sie geschätzt. Da ich mit Fernsehen und Kino aufgewachsen bin, wo nur gekennzeichnet wurde, wenn ein Film nicht in deutscher Sprache lief, tue ich das schändlicherweise auch. (OmU=Originalfassung mit Untertiteln, OmeU=Originalfassung mit englischen Untertiteln, OF=Originalfassung, EF= englischsynchronisierte Fassung, OZmeU=Originalzwischentitel mit englischen Untertitel) Hinzu kommen die Zeichen ł, wenn der Film gekürzt war, und ≠, wenn ich mitbekommen haben sollte, dass das Format nicht hinhaute. Ein kleines K hinter einem Titel bezeichnet einen Kurzfilm (bis 15 Minuten), während ein kleines M einen mittellangen Film (16 bis 60 Minuten) kennzeichnet.


Vorangegangene Sehtagebücher:
2012/II | 2013/I | 2013/II | 2014/I | 2014/II | 2015/I | 2015/II | 2016/I | 2016/II | 2017/I | 2017/II | 2018/I | 2018/II | 2019/I | 2019/II | 2020/I | 2020/II | 2021/I | 2021/II | 2022/I | 2022/II | 2023/I | 2023/II | 2024/I

Juli
Sonntag 21.07.

L’Amour fou
(Jacques Rivette, F 1969) [blu-ray, OmeU]

fantastisch

Le Coup du berger / Fool’s Mate m
(Jacques Rivette, F 1956) [DVD, OmeU] 2

ok

Sonnabend 20.07.

Nati con la camicia / Zwei bärenstarke Typen
(Enzo Barboni, I/USA 1983) [blu-ray] 15

gut +

A Woman’s Face / Erpressung
(George Cukor, USA 1941) [DVD, OF] 2

fantastisch

Freitag 19.07.

…altrimenti ci arrabbiamo! / Zwei wie Pech und Schwefel
(Marcello Fondato, I/E 1974) [DVD] 9

großartig

Donnerstag 18.07.

Twisters
(Lee Isaac Chung, USA 2024) [DCP, OF]

gut

Mittwoch 17.07.

Oscar
(Édouard Molinaro, F 1967) [blu-ray, OmU] 2

großartig

Dienstag 16.07.

Schlupp vom grünen Stern
(Sepp Strubel, BRD 1986) [DVD] 3

großartig

Twister
(Jan de Bont, USA 1996) [stream, OmeU]

großartig

Montag 15.07.

Sidonie au Japon / Madame Sidonie in Japan
(Elise Girard, F/D/J/CH 2023) [DCP, OmU]

gut +

Hit Man / A Killer Romance
(Richard Linklater, USA 2023) [DCP, OmU]

großartig

Sonntag 14.07.

Arabian Nights / Arabische Nächte
(John Rawlins, USA 1942) [DVD] 2

ok

Die Martinsklause
(Richard Häussler, BRD 1951) [DVD]

großartig

Sonnabend 13.07.

Le Grand Restaurant / Scharfe Kurven für Madame
(Jacques Besnard, F 1966) [blu-ray, OmU] 3

gut

Leider bleibt die Muskatnuss, Herr Müller-Szene das solitäre Highlight. Das Restaurantsetting hat sich so schnell überlebt, dass dann alsbald eine Verwechslungsagententhrillerparodie einsetzt, zwar mit hohem Tempo, aber ohne die Absurdität der einen Szene … und ohne das moralische Zerfließen eines großkotzigen Drückebergers, eines despotischen Restaurantbesitzers, zu fassen zu bekommen wie seine Pedanterie zuvor. Die Autoverfolgungsjagd ist aber schon toll.

Freitag 12.07.

Roma
(Alfonso Cuarón, MEX/USA/UK 2018) [stream, OmU]

ok +

Im Vorfeld hatte ich einen Kommentar auf letterboxd gelesen, wonach sich Cuarón nicht zu seinen Kindheitserinnerungen in Verhältnis setzen würde, sondern sie unreflektiert abbilde, und dass er nicht auf den Klassenunterschied zwischen den beiden Frauen seines Films – Mutter und Kinderfrau – eingehen würde. Das ist nun totaler Humbug. Die langen, distanzierten, sich langsam bewegenden Einstellungen sind nun nie und nimmer simple Erinnerungsbilder, und nicht nur wenn das Dienstmädchen immer wieder das Telefon abwischt, bevor sie es ihrer Arbeitsgeberin übergibt, steht der Statusunterschied zwischen den beiden schmerzhaft im Bild. Was mich nicht reinfinden ließ – zugegebenermaßen war es der falsche Film zur falschen Zeit – war, dass sich dies wie der scheiternde Versuch anfühlte, Lav Diaz in etwas populärer zu machen.

Les Aventures de Rabbi Jacob / Die Abenteuer des Rabbi Jacob
(Gérard Oury, F/I 1973) [stream, OmU]

großartig

Bisher hatte ich einen Bogen um dies gemacht, weil ich erwartete, dass sehr viel Wert darauf gelegt wird, den von de Funès gespielten kleinbürgerlichen Großmotz von seinen vor sich hergetragenen Vorurteilen zu heilen. LES AVENTURES DE RABBI JACOB sind aber nicht nur von der Leine gelassener Quatsch – alles, was in der Kaugummifabrik passiert, vereinigt den Kleber-Geld-Komplex und den Ort mit seltsamen Vorrichtungen aus Buster Keatons THE HAUNTED HOUSE, dass nicht nur etwas völlig Neues entsteht, sondern etwas mit noch mehr bekloppter Effizienz –, sondern widmet sich dieser Läuterung lediglich nebenher und oft höchst unsinnig.

Insiang
(Lino Brocka, PH 1976) [blu-ray, OmeU]

großartig

Der Gegenpart zu Brockas BONA. Die Philippinen unter Kriegsrecht. Anders als die offizielle Version besteht sie aus klapprigen Hüten, in denen nicht mal das Klo von dem einen Raum der Wohnung abgetrennt ist. Alles hockt aufeinander, niemand ist für sich, nirgends gibt es Solidarität. Der Tritt nach unten herrscht, überkochende Nerven und Nölen, Meckern, Schlagen. Falls es noch sowas wie einen sozialen Vertrag gibt, zerbröselt er vor unseren Augen.
Startet BONA mit einem Meer aus zerrenden Köpfen, beginnt INSIANG in einem Schlachthaus. Schweine werden getötet, enthaart und weiterverarbeitet, während die Schreie der Tiere nie verklingen. Als würden sie im Tod weiterschreien. Marcos, Herr eines sozialen Schlachthauses, bekommt hier das Denkmal der Gesellschaft, die unter ihm im kleinen vorherrschte.
Stehen in BONA die unzähligen melodramatischen Potentiale herum, die sich nicht verwirklichen – was auch schon wieder Melodrama ist und zu diesem führt –, ist INSIANG wie DALLAS in einem philippinischen Slum. Insiang (Hilda Koronel) lebt mit ihrer Mutter und deren viel jüngeren Liebhaber. Die Mutter ist eine einzige Vorwurfmaschine, die nur dem jungen halbkriminellen Gangchef seine Missetaten für sexuelle Gefälligkeiten nachsieht, während der Liebhaber nur hinter dem Geld der Mutter und dem Körper Insiangs her ist. Insiang möchte geliebt werden, während sie mit emotionalen Gletschern und heuchlerische bzw. brutalen Mitmenschen zusammenlebt. Solange erträgt sie den Alltag, bis sie nach einer Vergewaltigung und einer niederschmetternden Erniedrigung bricht. Hinter ihrem verschämten Lächeln wird sie zur Furie.

Donnerstag 11.07.

Fly Me to the Moon / To the Moon
(Greg Berlanti, USA 2024) [DCP, OF]

gut

Die Liebeskomödie von zwei Workaholics, die, wenn sie allein sind, plötzlich schweigen und keine Themen, keine Gemeinsamkeiten haben. Ein Abgrund trennt sie. Hier der Idealist (Channing Tatum), der alles aus Überzeugung und mit Pragmatismus tut – und erstaunlich oft Pullover trägt, die nach Kapitän Kirk aussehen –, da die professionelle Lügnerin (Scarlett Johansson), die für den Erfolg und den Anschein mit Pathos und Mythen durch alle Augen wischt. Es gipfelt in einer wirklichen und einer nachgestellten Mondlandung, die kaum noch zu unterscheiden sind. Beide sind zwei Seiten einer Medaille, oder so. Womit sich FLY E TO THE MOON mit ziemlich wenig zufrieden gibt. Statt das Schweigen, den Abstand zwischen den beiden zu durchforsten, ihn auszureizen, gibt es vor allem schwerfälliges Drama, dass hier und da mit einem Witz auffrischt, der gerne campy wäre. Das Terrain des Idealisten verlässt der Film nur bedingt.
Wer mehr über die Potentiale und ihre Verschwendung lese möchte, lese mehr hier von Kamil M. beim Perlentaucher.

Mittwoch 10.07.

Les Demoiselles de Rochefort / Die Fräulein von Rochefort
(Jacques Demy, F 1967) [DVD, OmU]

fantastisch

Eine Hälfte ist Aufbau verschiedener Konstellationen sich Liebender, die nicht zueinander finden. Die zweite Hälfte versucht gegen jede Chance die Liebenden so lange wie möglich weiterhin auseinander zu halten. Es wird dabei gesungen, getanzt – u.a. bestreitet Gene Kelly mit nicht ganz so passendem Toupet eine Nebenrolle. Der Film ist eine einzige große Choreografie von Menschen, die in ihren kleinen Welten leben und kaum etwas davon mitbekommen, was sich – lokal – außerhalb dieser abspielt. Dass der Film ihnen doch noch eine Zusammenkunft gestattet, kommt einem Wunder gleich. Es ist die Utopie, dieses Films aus Bewegung, Ton und Farben, dieses absoluten Films.

Beverly Hills Cop: Axel F
(Mark Molloy, USA 2024) [stream, OmeU]

gut

Ein überraschend guter vierter Teil gerade was die Action und das Verhältnis zwischen Foley und seiner Tochter/seiner Umwelt/der Zeit angeht. Leider wird aber jede Nebenfigur wieder ausgegraben und ständig werden wir daran erinnert, dass wir den vierten Teil einer lange pausierenden Filmreihe schauen, die nun all das alte Geliebte für uns wieder auffährt. Und Joseph Gordon-Levitt ist auch nur da, damit der Altersschnitt gesenkt ist.

Dienstag 09.07.

Stand by Me / Stand By Me – Das Geheimnis eines Sommers
(Rob Reiner, USA 1986) [blu-ray] 4

großartig +

Der Tortenesswettbewerb und die Blutegelszene sind für die Ewigkeit. Zumindest verfehlen sie auch bei heutigen 8-Jährigen ihre Wirkung nicht. Diese absolute 1950er Jahre-Nostalgie, die von sentimentalen Trauermomente machtloser junger Jugendlicher durchzogen ist, die sich in einer feindlichen, traumatischen Welt mit ständigem Fluchen ermächtigen wollen und deren Bruchstellen mit krummer, traumatisierter Fantasie ausfüllen, ist aber am besten, wenn vier Freunden durch eine sonnige, weite Natur wandern, wenn die vier in ihrer Gefangenschaft auch ungebunden und frei sind.

殭屍叔叔 / Mr. Vampire 4
(Ricky Lau, HK 1988) [blu-ray, OmeU]

großartig

Erst geht es um die Schwierigkeiten beim Hüpfen durch den Wald … mit Toten in Reih und Glied, dann streiten sich ein buddhistischer und ein taoistischer Priester – zwei Nachbarn – wie kleine Kinder mit Superkräften, und schließlich muss ein Vampir mit adligem Blut, der deshalb kaum besiegbar ist, aufgehalten werden, der über die kleine Welt des Film kataklystisch herfällt. Es gibt keine rote Linie, sondern drei kurze Ideen, die einfach aneinander gepappt wurden, die aber mit hemmungslosem Spieltrieb, albernen Scherzen, akrobatischen Finger in Pos, wehmütigen Intermezzos und über die Leinwand wirbelnde Schauspieler umgesetzt wurden. Nichts in irgendeiner Form Überraschendes, aber sensationell beschwingt ausgeführt.

Montag 08.07.

紅の豚 / Porco Rosso
(Miyazaki Hayao, J 1992) [blu-ray] 2

fantastisch

Zwischenkriegsitalien. Der Faschismus herrscht. Nur in kaum besiedelten Inseln der Adria kann noch frei gelebt werden. Beim Kampf mit Piraten, amerikanischen Gentlemanverbrechern (vor ihrem kommenden Hollywoodruhm) und dem Motor des eigenen Flugzeugs. Als Schwein unter Menschen, das trotz Liebe und jungen, naiven Sidekicks jeder Bindung entfliehen möchte, das den Wind im Haar genießt, das Blaue des Meeres und ewig fliegt und nur am Strand und in Bars halt macht. Miyazaki meets Hawks. Oder KÄPT’N BALU UND SEINE TOLLKÜHNE CREW meets poetische, männliche (PTSD-bedingte?) Bindungsangst.

Le Retour de Don Camillo / Don Camillos Rückkehr
(Julien Duvivier, F/I 1953) [blu-ray, IFmU] 3

ok +

Ich verstehe es nicht ganz. Der Auftakt gleicht einer Sitcom. Hier Don Camillo (Fernandel), der in ein Dorf versetzt wurde, wo es immer schneit und die Gemeinde Angst vor ihm hat – ihm geht ein Ruf voraus. Dort Peppone (Gino Cervi), der weiter als Bürgermeister in der Poebene den Kommunismus voranbringen möchte. Beide vermissen sich, beide bringen sich in Kalamitäten und brauchen ihre gegenseitige Hilfe, ohne eingestehen zu können, dass ohne den anderen etwas fehlt. Beide schlagen beieinander auf, als lägen da nicht mehrere Kilometer zwischen ihnen. Es fehlen teilweise nur die Lacher aus der Dose.
An dieser Stelle ist es eine Komödie darüber wie albern es ist, nicht über seinen Schatten springen zu können, darüber, wie schwer es ist, zu seinen Gefühlen zu stehen. Der erste Teil wird fortgesetzt, kopiert und doch etwas Neues daraus gemacht.
Dann kommt Don Camillo wieder zurück in sein Dorf und der erste Teil wird geklont … aber die Nebenschauplätze sind lediglich bemüht reingeschoben, während die Hassliebe zwischen Don Camillo und Peppone überhaupt kein neues Feuer erhält. Leider scheint der größere Teil der Fortsetzung nicht verstanden zu haben, was die Dynamik bisher ausmachte. Es wird aufgewärmt und nur die Schauspieler spielen gegen die menschliche Leere um sie an.

Sonntag 07.07.

Teenage Mutant Ninja Turtles II: The Secret of the Ooze / Turtles II – Das Geheimnis des Ooze
(Michael Pressman, USA/HK 1991) [DVD] 17

gut +

Ich bin befangen. Ich habe diese Filme früher hoch und runter geschaut. Es ist aber nicht nur Nostalgie, weshalb dieser Film für mich immer ein Vergnügen sein wird. Den folgenden dritten Teil zum Beispiel finde ich inzwischen kaum erträglich. Der zweite Teil kommt zwar nie an den Vorgänger heran und ist mehr hingerotzte Skizze, aber ich mag, wie quietschvergnügt er ist, ich mag das Vanilla Ice-Konzert, die Pizzas des Vorspanns und die Wissenschaft mit ihren blinkenden Rohren, die atomaren Abfall unschädlich machen. Es ist einfach doch cremig.

Inside Out 2 / Alles steht Kopf 2
(Kelsey Mann, USA 2024) [DCP]

ok

Wieder eine gescheite Verkürzung einer allgemeinen Pubertät auf einen kurzen, ausdrucksstarken Konflikt … der so kalkuliert und gestreamlined ist, dass ich höchstens interessiert, aber nicht emotional zuschaue. Was in einem Film über Emotionen nicht sein kann. Zumindest die Bauchtasche, die sichtlich DORAs-Rucksack ist, ist super.

The Dead Pool / Dirty Harry V – Das Todesspiel
(Buddy Van Horn, USA 1988) [blu-ray, OF]

gut

Eine Reporterin (Patricia Clarkson) wird durch die Härte des Lebens an der Seite von Callahan (Clint Eastwood) von ihrer Sensationsgier geheilt, während die sie umgebenden Figuren mit der Öffentlichkeitswirksamkeit ihrer Taten zu kämpfen haben. Callahan nutzt so das wirksame Aussehen eines bulligen Gefängnisinsassen, um einem anderen Angst zu machen. Zudem geht es um Filme, Horror und Oberflächen, um Liam Neesons Zopf-Vokuhila, Rockstardom – Guns n‘ Roses haben Cameos – und Coolness – der junge Jim Carrey spielt einen Rockstar/Junkie. Es geht um Leute, die per Beruf gerne so intensiv cool wären wie bei Callahan. Nur will es Buddy Van Horns Film nicht gelingen dafür etwas Äquivalentes auf die Leinwand zu bringen. All dies sieht zumeist nach buisness as usual aus.

Sonnabend 06.07.

文雀 / Sparrow
(Johnnie To, HK 2008) [blu-ray, OmeU] 2

fantastisch

Die naiv-fröhliche Musik grenzt ans Infernalische. In jedem anderen Film wäre sie vermutlich die Hölle, bei Johnnie To ist sie sogar entzückend. Bei ihm herrscht fast durchgängig ein Ton, als würden die vier Gauner (u.a. Simon Yam), die gerade ein und dieselbe Frau (Kelly Lin) kennengelernt und sich verliebt haben, ständig breit grinsend auf einem einzigen Fahrrad durch die Sonne fahren – es ist eins der seligsten Bilder des Films. Weder gibt es einen großen Bogen noch einen ausgearbeiteten Plot, nur eine Konstellation, die zu kleinen sinnlich-filmischen und/oder spielerische Aufeinandertreffen – manchmal nicht mal eine Sekunde lang, wie die Berührung zwischen zwei Regenschirmen, doch immer weltbewegend ohne Schwere.

Sudden Impact / Dirty Harry IV – Dirty Harry kommt zurück
(Clint Eastwood, USA 1983) [blu-ray, OF]

radioaktiv

Über die Opening Credits legt Lalo Schifrin ein Thema, dass nahelegt, dass er zu der Zeit viel von der Musik hörte, die auf den NEW YORK NOISE-Samplern zu hören ist. Tanzbarer No Wave. Vll. hat er auch gleich noch die britischen Äquivalente wie A Certain Ratio oder 23 Skidoo mit studiert. Bei Schifrin werden (gerade mit den Streichern) die Ecken und Kanten etwas abgenommen, aber es ist doch kaum zu leugnen, dass er sich am Puls des Untergrunds befindet.
Dieser Auftakt könnte sehr gut zu einem gritty Straßencrimethriller passen, er kündigt aber eine andere Art von Getriebenheit und (Selbst-)Zerstörung an. Bzw.: eine narzisstische Liebe, die Rache und das Schaffen von Tatsachen begehrt.
Harry Callahan (Clint Eastwood) wird von allen Seiten verfolgt und gejagt. Immer und immer wieder muss er die Mordversuche von Halbstarken, der Mafia und anderen Psychopathen abwehren – wobei doch die naheliegende Taktik wäre, den Soziopathen Callahan, der zwanghaft nur seine Sicht der Dinge als gerechtfertigt akzeptieren kann, einfach in Ruhe sein eigenes Grab schaufeln zu lassen und ihn nicht immer wieder zu bestätigen.
Jennifer Spencer (Sondra Locke) mordet nach und nach ihre Vergewaltiger, sie jagt und straft. Sie ist Dirty Harry als Frau … und ohne Marke. Sie reinigt die Welt vom Abschaum, jenseits des Gesetzes. Dass sich beide umgehend ineinander verlieben, ist so zügellos wie zwangsläufig. Die beiden spiegeln sich und bestätigen sich so sehr, dass sie zumindest in ihrer Gegenwart auftauen können.
Was nicht heißt, dass SUDDEN IMPACT ein kuschliger Film wäre. Bösewichte werden auf dem Horn eines Einhorns aufgespießt. Wie so oft bei Eastwood, wenn er Rächer unter seiner Regie spielt, ist am Ende nicht mehr ganz klar, ob sie Racheengel aus dem Jenseits sind. Und ob Jennifers Schwester und ebenso Opfer der Gruppenvergewaltigung eine tatsächliche Entität ist – oder nur eine Auslagerung des Schmerzes Jennifers – lässt sich anhand dessen, was wir von ihr sehen, kaum entscheiden.
Es ist kaum zu glauben, dass diese Liebenden, die von einer blutrünstigen, aggressiven, sie verbal und körperlich bedrohenden Welt belagert werden, tatsächlich von einem Studio durchgewunken wurden – wahrscheinlich war es dann doch zu subtil. Und doch sind sie so nachvollziehbar, so stringent, dass einem der Angstschweiß ausbrechen kann. Ihr Film ist überzogen, mit ruhiger Hand inszeniert, völlig auf sich konzentriert und dabei durch endlos gebrochen … und deshalb eben sowas wie der No Wave-Film unter den DIRTY HARRY-Sequels.

Freitag 05.07.

Gummo
(Harmony Korine, USA 1997) [35mm, OF]

großartig

Impressionistische Short Cuts aus dem obskuren Herzen der USA. Jim Jarmusch ist nicht weit, nur ist es einen Tick weniger lakonisch, dafür gleich deutlich sentimentaler … ein gängiger Indiefilm, den Harmony Korine korrumpiert. Bei ihm werden nämlich (scheinbar?) Katzen ertränkt. Er porträtiert den White Trash des Films zwar herzlich, aber romantisiert ihn nicht. Ein Film über eine Parallelwelt, der in einer besseren Welt den Gründungsvätern der USA gezeigt werden könnte. Ein Film, den Liebe (zu seinem Milieu) und Entsetzen (über dieses) antreibt.

Donnerstag 04.07.

MaXXXine
(Ti West, USA 2024) [DCP, OmU]

großartig +

Ich habe die BODY DOUBLE-Hommage mit Frankie Goes to Hollywood-Soundtrack vergessen zu erwähnen. Ich weiß auch nicht, wie es passiert ist. Welcome to the Terrordome jedenfalls, sage ich bei critic.de.

Mittwoch 03.07.

東京流れ者 / Tokyo Drifter
(Suzuki Seijun, J 1966) [DVD, OmU] 2

gut

Es stimmt schon, dass Suzukis Film sehr, sehr schön ist – die Farben, der irritierende, poetische Schnitt. Es ist aber auch spürbar, dass er so gar keine Lust auf das Drehbuch hatte.

Montag 01.07.

Out West m
(Roscoe Arbuckle, USA 1918) [blu-ray, OZ]

gut +

Eine Westernparodie mit hoher Schlagzahl und einer kurzen eindringlich gefilmten Märtyrergeschichte mit weinender Jungfrau. Am besten ist aber Wild Bill Hickup (Al Fuzzy St. John), ein Westernantagonist wie aus den griechischen und deutschen Mythen. Weder eine über den Schädel gezogene Flasche noch die Schüsse in den Rücken können ihm etwas anhaben. Dafür hat er eine deutlich profanere Achillesferse.

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