Wenn es damals schon Trailer gegeben hätte…

Der Löwe des gelben Meeres (1963)

Nach Christophs vorhergehendem wunderbarem STB-Ausrutscher-Langtext-Posting, habe ich mir überlegt es ihm wenigstens im Ansatz gleichzutun, und einen von mir noch ausstehenden STB-Kommentar (aus der problematischen Zeit vor unserem Providerwechsel) etwas auszubauen, und ebenfalls auf den Blog zu stellen. Eigentlich versuche ich ja meist nur Texte zu veröffentlichen, die aus einer Kombination aus Inspiration und Arbeit zu einem für mich zufriedenstellenden Ergebnis geführt haben, aber in diesem Fall möchte ich eine Ausnahme machen. Ich brauche nämlich einen Motivationsgrund anstelle einer möglichen Schreibblockade, die mich nach einem blöden Unfall vor ein paar Tagen aus Frustration überkommen hat. Statt einem längeren Eskalierende Träume Essay über einen älteren thailändischen Film der mir sehr imponiert hatte, gab es bei mir nach dem Stolpern über ein Stromkabel dank OpenOffice bug nur den kompletten Datenverlust und ein unlesbares Dokument zu begutachten, das sich auch nach mehreren Stunden herumklempnern nicht mehr reparieren ließ. Aus Vorsicht und Mißtrauen daher, erst einmal eine Sehempfehlung eines tollen japanischen Films, der mich vor ein paar Wochen überraschend zu begeistern wusste, bevor ich mich wieder an Texte wage, die mir mehr am Herzen liegen.


Ein Abenteuerfilm angelehnt an Märchen aus 1001 Nacht und ihre Verfilmungen durch Hollywood, ist Dai tozoku (so der japanische Titel) dennoch kein bloßer Abklatsch, sondern in seiner überbordenden Fülle an Ideen und Motiven ein direkter Nachfolger vorangegangener Klassiker wie z.B. Alexander Kordas megalomanischer Produktion „Der Dieb von Bagdad“ (1940). Ich nehme an, dass Toho mit ihrem Film nicht weniger Kosten und Mühen scheuten, und nicht nur durch die Besetzung von Toshirô Mifune in der Hauptrolle auch ein internationales Publikum im Blick hatten. Leider erzielte der Film wohl nicht den erwünschten Erfolg, und es ist aus heutiger Sicht nur bedauerlich, dass er 1965 als Sinbad-Verschnitt von AIP in den USA vertrieben worden ist, und heute im Westen immer noch nicht den Kultstatus besitzt, den er zweifelsfrei verdient hätte. Ich will die Verdienste von AIP aber nicht kleinreden, und zumindest haben sie den Film vertrieben. In Deutschland gelangte er ein Jahr später in einer leicht gekürzten Fassung durch Constantin ins Kino. Dennoch entstand drei Jahre später, wiederholt unter der Regie von Senkichi Taniguchi und ebenfalls mit Mifune als Hauptdarsteller, das quasi-Remake Kiganjô no bôkenwas wohl darauf schließen lässt, dass der erste Film vermutlich dennoch einflussreicher war, als aus heutiger Sicht erkennbar. Mifune hatte zuvor in Akira Kurosawas „Die verborgene Festung“ (1958) eine ähnliche Rolle übernommen und auch dort galt es eine Prinzessin zu beschützen und zu retten. Der Humor scheint ebenfalls aus Kurosawas Film entlehnt, wenn die beiden slapstickhaften aber hilfreichen Gesellen in Taniguchis Film durch einen tölpelhaften Mönch ersetzt werden, der begleitet von zahlreichen exzentrischen Nebencharakteren, als kontrastreicher Sidekick zur eigentlichen Heldenfigur Mifunes in Erscheinung tritt.

Die Geschichte dreht sich um einen typischen Abenteuerplot, in dem der einzelgängerische Held mithilfe einiger tapferer Helfer ein korrumpiertes Königreich retten muss. Dabei geht es vor allem um die Eroberung eines Schlosses in dem die Prinzessin vom bösen Minister gefangen gehalten wird, wobei auch der Einsatz von Zauberei durch zwei antagonistische Magier nicht zu kurz kommt. Was passiert ist in diesem Film also wieder einmal weniger wichtig als wie es passiert. Und die Inszenierung von Senkichi Taniguchi (der sich wieder einmal als ein weiterer begabter japanischer Filmemacher erweist, den es bei uns noch zu entdecken gibt) geht bei den vielen Verstrickungen durchweg ebenso inspiriert vor wie das ausgezeichnete Drehbuch. Es ist schlichtweg erstaunlich, was die kreativen Köpfe des Films alles in die etwas über neunzigminütige Handlung packen. Das Tempo ist dabei durchweg hoch, und die Erzählung teilweise elliptisch, jedoch ohne das Interesse an Details, den Figuren und den individuellen Szenen zu verlieren. Wie beim „Dieb von Bagdad“ oder dem „Zauberer von Oz“ entsteht am Ende ein pointiertes Filmmärchen, das auf sehr eigene und eigenwillige Art die altbekannte coming-of-age Geschichte des Helden der in die Welt zog ausformuliert. Wenn man sich im Anschluss lediglich nach mehr vergleichbarer Meisterwerke sehnt, merkt man wieder einmal, wie uninspiriert neuere Fantasyverfilmungen à la „Herr der Ringe“ oder „Harry Potter“ im Grunde geworden sind, und wie schade es ist, dass die älteren Filme früher meist keine Fortsetzung gefunden haben. Aber vielleicht wären sie dann von vornherein nicht so außergewöhnlich und überbordend gestaltet worden. Und das wäre – für den Zuschauer wie für die Filmgeschichte – ein bedauerlicher Verlust.

Nachdem der Film bei uns jahrelang nur auf VHS zu sehen war, gibt es inzwischen eine ordentliche (und zum Glück auch untertitelte!) DVD-Veröffentlichung von NEW Entertainment in gloriosem TOHO SCOPE zu erwerben. Vom gleichen Ausgangsmaterial stammt wahrscheinlich auch die australische DVD, die mit englischen Untertiteln versehen als „Samurai Pirate“ vertrieben wird.

Michele Placido, coole Gangster und die Mafia

Aus gegebenem Anlass: Eine Gangsterfilm-Glosse.



Beim wiederholten Dösen / Stichlesen durch diverse Aufstellungen von Titeln diesjähriger Festivallieblinge, nominell Venedig, entdeckte ich, dass Michele Placido schon wieder einen Gangster-Historienfilm gedreht hat. Nun ist es nicht so, als hätte sich der italienische (Alt-)Superstar als Regisseur bisher exzessiv mit Gangstern und Mafia befasst, doch eine glorreiche Vergangenheit in diversen antimafiösen Werken des großen Damiano Damiani (u. a. EIN MANN AUF DEN KNIEN, ALLEIN GEGEN DIE MAFIA), ebenso wie in Michele Soavis jüngerem Mafiaploitation-Revival ARRIVEDERCI AMORE, CIAO sowie einem krönenden Auftritt als Silvio Berlusconi in Nanni Morettis Polit-Schlomödie DER KAIMAN, wirft doch die Frage auf, was es denn mit diesen Vorlieben dieses italienischen Vaters der Nation auf sich hat. Denn sein neuer Film, VALLANZASCA – GLI ANGELI DEL MALE (“Vallanzasca – Die Engel des Bösen”?) ist bereits sein zweiter Gangsterploitationer als Regisseur nach dem stilistisch beschissenen, aber interessant geschriebenen und spaßbringenden Unterweltaufstiegskitsch ROMANZO CRIMINALE, der nun erst fünf Jahre zurückliegt. Ist er vielleicht, so wie einst Gian Maria Volonté, eine Galeonsfigur des engagierten, antimafiösen, roten italienischen Kinos? Filme über die 68iger, den Nachhall des Erdbebens von Aquila oder politische Korruption im Nachkriegs-Italien lassen derartiges vermuten.
Oder vielleicht doch nur einer, der mit italienischen Mythen Tiefkühl-Calzoni füllt und sie dann als saucoolen Ramsch dem jubelnden Volk vorwirft? Die obszöne Kunstgewerblichkeit, mit der er seine Filme gerne einschmiert, sowie das nostalgische Machismo seiner perfide mit falben Schönlingen wie Kim Rossi Stuart (übrigens der Sohn von Giacomo “Die toten Augen des Dr. Dracula” Rossi-Stuart!) besetzten Protagonisten könnten Indizien sein. Oder ist Placido am Ende vielleicht noch einer der alten Recken, die verdienstvoll gegen das Aussterben des Genrekinos in Italien ankämpfen? So wie die nach wie vor aktiven Claudio Fragasso und Dario Argento? Jedoch… Weiterlesen “Michele Placido, coole Gangster und die Mafia” »

San Babila, 20 Uhr: Ein sinnloses Verbrechen (1976)

Nach BANDITI A MILANO (1968), einem Film der, ginge es in der Cinewelt mit rechten Dingen zu, schon längst als einer der größten Kriminalfilme der Filmgeschichte regelmäßig genannt würde, ist SAN BABILA ORE 20 dieses Jahr bereits der zweite Film von Carlo Lizzani, der mich in jeder Hinsicht überrannt und -rascht hat. Und das, obwohl gerade diese beiden Filme Geschwister sein könnten. Mehr dazu, hoffentlich, eines Tages in einer erschöpfenden Lobeshymne auf ersteren Film.
Der Ansatz, mit dem sich Lizzani hier dem Neofaschismus unter Jugendlichen nähert, ähnelt sehr demjenigen, mit dem Gus Van Sant in ELEPHANT (2003) den Amoklauf von Columbine interpretierte – Mögliche Ursachen werden vorgeschlagen, Schlussfolgerungen gibt es keine, Klischees werden sporadisch bewusst und präzise platziert. SAN BABILA ORE 20 ist ein Film der Gedanken- und Filmsplitter, die sich vor dem Auge zu faszinierenden, aber unordentlichen Gebilden assimilieren. Nicht selten lässt Lizzani, wohl ein Liberaler, aber dem Auftreten in seinen Film nach sicherlich kein so radikaler Linker wie etwa Elio Petri oder Pasolini, seine spürbare Rat- und Fassungslosigkeit in die Kamera laufen, filmt das eskalierende Mailand und seine fünf von ihrer faschistischen Freiheitsidee berauschten jungen Protagonisten in flüchtigen, gespenstischen, aber auch sehr kompakten, stämmigen Bildern, so wie Elio Petri etwa auch den Arbeiteraufstand in LA CLASSE OPERAIA VA IN PARADISO (1971) – mit dem sich Lizzanis Film den Co-Autoren Ugo Pirro teilt – ein wenig wie eine surreale Freakshow filmte.

Intimisierende Großaufnahmen werden vermieden, dem grellen Exzess auf der Leinwand und der Versuchung, sich am eigenen Entsetzen gütlich zu tun, entgeht Lizzani entweder durch distanzierte, arhythmisch gestaffelte Bilder oder den Sprung ins kalte (warme?) Wasser übertriebener Stilisierung und komischer Ironie. “Ein Film, der erst im Exzess über sich hinausweist” – das hat einmal jemand in der “Splatting Image” über Peckinpahs STRAW DOGS geschrieben und obwohl SAN BABILA ORE 20 wesentlich gemäßigter, selbstreflexiver, ironischer und zuguterletzt auch in der Auflösung seiner Ideenstränge weit ambivalenter ist, liegt in diesem Satz doch die Erklärung dafür, warum es Lizzani – vielmehr als in dem auf Handlungsebene weit “kriminalistischeren” BANDITI A MILANO – erfolgreich gelingt, seinen charakteristischen, unprätentiös-unberechenbaren Reportage-Rahmen harmonisch mit konsequent eingesetzten Genre-Manierismen zu verheiraten. Und noch interessanter ist dabei, dass es nicht unbedingt jene Manierismen sind, die die reaktionären italienischen Genrefilmer jener Zeit wie Umberto Lenzi oder Marino Girolami in ihren Filmen einsetzten, wenn es ans Eingemachte ging. Vielmehr ist SAN BABILA ORE 20 ein bischen so, als hätte Fernando di Leo (der sich stets als Genrefilmer in französischer Tradition verstand) einen Agitprop-Film gemacht.

Außerdem ist Lizzanis Film nach Vittorio Salernos polemischer, thematisch eng verwandter – man möchte fast sagen: kongenialer – Gewaltorgie FANGO BOLLENTE (1975) ein weiterer italienischer Film, der beweist, dass sich Kubrick mit A CLOCKWORK ORANGE im Grunde wirklich nichts getraut hat. Wenn man sich denn überlegen will, ob er sich überhaupt etwas trauen hätte sollen. Jedenfalls gehört für mich mehr Courage dazu, mit Würde und einer vagen Idee für das Phallische des Faschismus fünf junge Neonazis dabei zu filmen, wie sie auf dem San Babila mit umgebundenen Dildos kichernd Passanten belästigen, als Malcolm McDowell mit einem gigantischen Porzellan-Phallus in einem mondänen Set eine Opernsängerin erschlagen zu lassen. Kubrick ist gerade in A CLOCKWORK ORANGE – und wer beide Filme gesehen hat, wird diesen Vergleich sicherlich nachvollziehen können – etwas, was Lizzani selbst angesichts der angreifbaren stilistischen Entscheidungen, die er trifft und der greifbaren Ungeheuerlichkeiten, die er ungreifbar beschreibt, nie ist: Bequem. Oder auch nur von sich oder seinem Ansatz überzeugt. Lizzani erlaubt sich in diesem Film den Luxus der Unsicherheit.

Großartig endet alles ganz abrupt, nach einem sich unangenehm nervös in die Länge ziehenden Anti-Showdown, in dem die Besessenheit und vor allem die Ausdauer, mit der die fünf Jungen ein linkes Studentenpärchen durch die im Dunkel des Feierabend-Getümmels verschwindenden Arkaden des San Babila verfolgen, mit der Absicht, die beiden “aufzumischen”, eine stetig wachsende Klarheit formt. Eine Klarheit in dem Sinn, dass die Nutzlosigkeit der bereits im Titel als “inutile” (nutzlos) bezeichneten Gewalt, in diesen 20 Minuten naturalistischen, nun, Spannungskinos, plötzlich, vielleicht zum ersten mal in diesem Film ganz und gar, sich konkretisiert und begreiflich erscheint. Der finale, titelgebende Mord ist als Akt eine Phrase. Ob allerdings die Nutzlosigkeit auch eine Phrase der Außenperspektive ist, darüber verliert Lizzani, wie bereits erwähnt, genausowenig ein Wort wie Gus Van Sant in ELEPHANT darüber, weshalb zwei Schüler in ihrer Schule Amok laufen. Ein extrem unpolitisch politischer Film, könnte man sagen. Ein extrem furchtloser Film, muss man sagen.


Weiterlesen “San Babila, 20 Uhr: Ein sinnloses Verbrechen (1976)” »

Eskalierende Träume treibt sich herum


Für alle Leser, die die letzten zwei Monate vergeblich auf mehr Texte unserer Autoren gewartet haben, wird der Dezember (Providerwechsel sei Dank!) ein besserer Monat werden. Bevor es an dieser Stelle aber mit neuen Beiträgen weiter geht, noch ein kurzer Hinweis.

Da die meisten unserer Autoren auch der Veröffentlichung außerhalb von Eskalierende Träume nicht abgeneigt sind, haben sich Alex P. und ich entschieden bei der Negativ Adventskalenderaktion mitzumachen, bei der an 24 Tagen jeweils ein über- oder unterschätzter Film der letzten Dekade von täglich wechselnden externen Autoren vorgestellt wird .

Alex’ Text zu Hollywood-Ausnahmeregisseur M. Night Shyamalan und seinem Film The Happening beschäftigt sich vor allem mit Glaubensaspekten in Shyamalans leider oft unterschätzten Meisterwerken, und ist am 03. Dezember erschienen. Mein Beitrag zu Sören Voigts Identitätsstudie Identity Kills ist seit heute online, und polemisiert auch ein wenig über das deutsche Filmschaffen. Die beiden Artikel sind jeweils hier und hier zu finden.

Bild: © Grey59 / pixelio

Providerwechsel vollzogen, Kommentarfunktion wieder aktiv

Wie der Titel bereits sagt: Der Providerwechsel ist dank unserer Admins abgeschlossen, die Kommentarfunktion sollte nun auch wieder für alle funktionieren. Noch gibt es ein paar kleinere Kinderkrankheiten, vor allem interne Links können teilweise noch an die falsche Stelle führen, einige Bilder werden nicht mehr angezeigt. Das wird von uns in den nächsten Tagen nach und nach bearbeitet werden. Falls unseren Lesern noch Fehler auffallen sollten: Ihr könnt uns dann gerne einen Kommentar hinterlassen oder per E-Mail kontaktieren.

Noch ein Hinweis: Unsere bisherige Hauptadresse http://www.eskalierende-traeume.de/blog funktioniert nicht mehr richtig, die neue Hauptadresse lautet einfach http://www.eskalierende-traeume.de. Falls ihr unsere Seite als Lesezeichen hinzugefügt habt, solltet ihr das eventuell überprüfen.

Edit: Falls es Probleme mit RSS-Readern geben sollte, hier nochmal die neuen Feed-Adressen:

Artikel: http://www.eskalierende-traeume.de/feed/
Kommentare: http://www.eskalierende-traeume.de/comments/feed/