San Babila, 20 Uhr: Ein sinnloses Verbrechen (1976)





Nach BANDITI A MILANO (1968), einem Film der, ginge es in der Cinewelt mit rechten Dingen zu, schon längst als einer der größten Kriminalfilme der Filmgeschichte regelmäßig genannt würde, ist SAN BABILA ORE 20 dieses Jahr bereits der zweite Film von Carlo Lizzani, der mich in jeder Hinsicht überrannt und -rascht hat. Und das, obwohl gerade diese beiden Filme Geschwister sein könnten. Mehr dazu, hoffentlich, eines Tages in einer erschöpfenden Lobeshymne auf ersteren Film.
Der Ansatz, mit dem sich Lizzani hier dem Neofaschismus unter Jugendlichen nähert, ähnelt sehr demjenigen, mit dem Gus Van Sant in ELEPHANT (2003) den Amoklauf von Columbine interpretierte – Mögliche Ursachen werden vorgeschlagen, Schlussfolgerungen gibt es keine, Klischees werden sporadisch bewusst und präzise platziert. SAN BABILA ORE 20 ist ein Film der Gedanken- und Filmsplitter, die sich vor dem Auge zu faszinierenden, aber unordentlichen Gebilden assimilieren. Nicht selten lässt Lizzani, wohl ein Liberaler, aber dem Auftreten in seinen Film nach sicherlich kein so radikaler Linker wie etwa Elio Petri oder Pasolini, seine spürbare Rat- und Fassungslosigkeit in die Kamera laufen, filmt das eskalierende Mailand und seine fünf von ihrer faschistischen Freiheitsidee berauschten jungen Protagonisten in flüchtigen, gespenstischen, aber auch sehr kompakten, stämmigen Bildern, so wie Elio Petri etwa auch den Arbeiteraufstand in LA CLASSE OPERAIA VA IN PARADISO (1971) – mit dem sich Lizzanis Film den Co-Autoren Ugo Pirro teilt – ein wenig wie eine surreale Freakshow filmte.

Intimisierende Großaufnahmen werden vermieden, dem grellen Exzess auf der Leinwand und der Versuchung, sich am eigenen Entsetzen gütlich zu tun, entgeht Lizzani entweder durch distanzierte, arhythmisch gestaffelte Bilder oder den Sprung ins kalte (warme?) Wasser übertriebener Stilisierung und komischer Ironie. “Ein Film, der erst im Exzess über sich hinausweist” – das hat einmal jemand in der “Splatting Image” über Peckinpahs STRAW DOGS geschrieben und obwohl SAN BABILA ORE 20 wesentlich gemäßigter, selbstreflexiver, ironischer und zuguterletzt auch in der Auflösung seiner Ideenstränge weit ambivalenter ist, liegt in diesem Satz doch die Erklärung dafür, warum es Lizzani – vielmehr als in dem auf Handlungsebene weit “kriminalistischeren” BANDITI A MILANO – erfolgreich gelingt, seinen charakteristischen, unprätentiös-unberechenbaren Reportage-Rahmen harmonisch mit konsequent eingesetzten Genre-Manierismen zu verheiraten. Und noch interessanter ist dabei, dass es nicht unbedingt jene Manierismen sind, die die reaktionären italienischen Genrefilmer jener Zeit wie Umberto Lenzi oder Marino Girolami in ihren Filmen einsetzten, wenn es ans Eingemachte ging. Vielmehr ist SAN BABILA ORE 20 ein bischen so, als hätte Fernando di Leo (der sich stets als Genrefilmer in französischer Tradition verstand) einen Agitprop-Film gemacht.

Außerdem ist Lizzanis Film nach Vittorio Salernos polemischer, thematisch eng verwandter – man möchte fast sagen: kongenialer – Gewaltorgie FANGO BOLLENTE (1975) ein weiterer italienischer Film, der beweist, dass sich Kubrick mit A CLOCKWORK ORANGE im Grunde wirklich nichts getraut hat. Wenn man sich denn überlegen will, ob er sich überhaupt etwas trauen hätte sollen. Jedenfalls gehört für mich mehr Courage dazu, mit Würde und einer vagen Idee für das Phallische des Faschismus fünf junge Neonazis dabei zu filmen, wie sie auf dem San Babila mit umgebundenen Dildos kichernd Passanten belästigen, als Malcolm McDowell mit einem gigantischen Porzellan-Phallus in einem mondänen Set eine Opernsängerin erschlagen zu lassen. Kubrick ist gerade in A CLOCKWORK ORANGE – und wer beide Filme gesehen hat, wird diesen Vergleich sicherlich nachvollziehen können – etwas, was Lizzani selbst angesichts der angreifbaren stilistischen Entscheidungen, die er trifft und der greifbaren Ungeheuerlichkeiten, die er ungreifbar beschreibt, nie ist: Bequem. Oder auch nur von sich oder seinem Ansatz überzeugt. Lizzani erlaubt sich in diesem Film den Luxus der Unsicherheit.

Großartig endet alles ganz abrupt, nach einem sich unangenehm nervös in die Länge ziehenden Anti-Showdown, in dem die Besessenheit und vor allem die Ausdauer, mit der die fünf Jungen ein linkes Studentenpärchen durch die im Dunkel des Feierabend-Getümmels verschwindenden Arkaden des San Babila verfolgen, mit der Absicht, die beiden “aufzumischen”, eine stetig wachsende Klarheit formt. Eine Klarheit in dem Sinn, dass die Nutzlosigkeit der bereits im Titel als “inutile” (nutzlos) bezeichneten Gewalt, in diesen 20 Minuten naturalistischen, nun, Spannungskinos, plötzlich, vielleicht zum ersten mal in diesem Film ganz und gar, sich konkretisiert und begreiflich erscheint. Der finale, titelgebende Mord ist als Akt eine Phrase. Ob allerdings die Nutzlosigkeit auch eine Phrase der Außenperspektive ist, darüber verliert Lizzani, wie bereits erwähnt, genausowenig ein Wort wie Gus Van Sant in ELEPHANT darüber, weshalb zwei Schüler in ihrer Schule Amok laufen. Ein extrem unpolitisch politischer Film, könnte man sagen. Ein extrem furchtloser Film, muss man sagen.





Randnoten:

- Die Musik zu diesem Film stammt von Ennio Morricone und ist formidabel.
- Leider ist SAN BABILA ORE 20 UN DELITTO INUTILE nie in Deutschland erschienen. Mutmaßungen über die Gründe erübrigen sich vermutlich.
- Im gleichen Jahr, 1976, drehte Renato Savino einen Film mit dem Titel I RAGAZZI DELLA ROMA VIOLENTA bei dem es sich offenbar um eine sehr viel eindeutigere Exploitation-Verwurstung des jugendlichen Neofaschismus handelt.

Dieser Beitrag wurde am Samstag, Dezember 11th, 2010 in den Kategorien Ältere Texte, Blog, Blogautoren, Christoph, Essays, Filmbesprechungen veröffentlicht. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können diesen Beitrag kommentieren, oder einen Trackback von ihrer eigenen Seite setzen.

11 Antworten zu “San Babila, 20 Uhr: Ein sinnloses Verbrechen (1976)”

  1. vannorden on Dezember 16th, 2010 at 01:05

    Eigentlich hattest du mich schon mit Elephant, aber verdammt, ich muss diesen Film sehen. Und wenn ich auch das “A Clockwork Orange” bashing nicht ganz gut heißen kann, macht mir doch Angst wie nachvollziehhbar es klingt. Ich geh jetzt auf die Suche nach dem Film, danke dafür.

  2. Christoph on Dezember 17th, 2010 at 00:22

    Ein richtiges Bashing ist das gar nicht. Ich finde CLOCKWORK ORANGE schon okay. Ein sehr sehenswerter, sehr unterhaltsamer, einigermaßen psychedelischer und relativ interessanter Film. Allerdings beschreibt dieserSatz auch schon hinreichend, was ich für den Film heute empfinde. Er zählte einst, mit 16, 17, zu meinen Lieblingsfilmen. Er wurde dann später von anderen Kubrick-Filmen abgelöst, bis Kubrick selbst schließlich von anderen Lieblingsregisseuren abgelöst wurde (heute spreche ich oft mit einer ähnlichen Andächtigkeit über Bo Widerberg). Obwohl BARRY LYNDON und EYES WIDE SHUT immer noch zu meinen absoluten Lieblingen zählen, bin ich mit Kubrick, abgesehen leider von 3 ungesehenen Filmen (FEAR AND DESIRE, KILLER’S KISS und LOLITA), weitgehend fertig. Anders gesagt: Ich habe mich von ihm völlig entfremdet, er interessiert mich nicht mehr, die Makellosigkeit und die Totalität seiner Filme langweilt mich inzwischen eher und das früher von mir vehement abgewiegelte Argument, seine Filme seien emotionslos und kalt, finde ich heute recht überdenkenswert, wenn ich beobachte, wie leidenschaftlos ich diese Zeilen gerade schreibe. Kubricks Filme sind für mich so etwas wie Filme ohne Persönlichkeit und ihr “Erfolg” bei mir als Rezipient hängt stark davon ab, was und wieviel ich auf die Filme projizieren kann, womit ich sie selbst ausfülle. Und da es mir grundsätzlich schwer fällt, solche Projektionen und Ausfüllungen an Filmen vorzunehmen, die nicht irgendwo schielen, hinken, stottern, taumeln, blinzeln oder zittern (in meinem persönlichen Kunstverständnis spielen Begriffe wie Imperfektion, Heterogenität, Widersprüchlichkeit und zuguterletzt auch Chaos eine entscheidende Rolle) ist Kubrick einfach kein Regisseur mehr für mich. Der Mann war sich irgendwie selbst auch viel zu klar, was man etwa von Carlo Lizzani nicht behaupten kann (den habe ich mir z. B. immer recht bieder und langweilig vorgestellt, als eine Art italienischen Volker Schlöndorff – offensichtlich ein tragisches Fehlvorurteil.)

    Soviel dazu. Diesen Post kann ich dann hoffentlich auch gelegentlich ins Spiel bringen, wenn man mich wieder einmal fragt, warum denn kein Kubrick etc.

    Ansonsten viel Spaß mit SAN BABILA ORE 20: UN DELITTO INUTILE, wenn du ihn denn sehen solltest. Wenn ja, wäre ein Text von dir natürlich schön! ;-) BANDITI A MILANO würde ich sogar noch eher empfehlen, der ist nämlich wirklich ein Film, an dem niemand vorbeikommt, der sich für Genrekino allgemein sowie speziell für semidokumentarische Spiel- und besonders Gangsterfilme interessiert und die Evolution dieses Metiers nachvollziehen möchte. In Italien hat der Film, der dort regelmäßig (und das trotzdem immer noch in Pan & Scan von Scope auf Vollbild!) im Fernsehen läuft, längst einen Über-Status, die restliche Welt kennt ihn aufgrund mangelnder Verfügbarkeit überhaupt nicht (immerhin läuft er anscheinend manchmal auf Premiere). Bevor ich ihn sah, las ich in der IMDB einen Userkommentar, der den Film als “one of the best gangster movies ever made” bezeichnete. Solcherlei Superlative bin ich gewöhnt, nicht zuletzt von mir selbst – der Film hat mich dann aber doch ehrfürchtig verstummen lassen.

  3. Sano on Dezember 17th, 2010 at 14:47

    Tja, das italienische Kino hat eben eine unfassbare Bandbreite an beeindruckenden Produktionen. Von intellektuell Verstiegenem bis zum zusammengeklaubten Schlock ist alles da, und dazwischen ein weites Feld. Und deliranter Trash steht neben delirant Verkopftem, und das Cinemenschenherz schlägt höher. :-D Von Lizzani kenne ich bisher nur UN FIUME DI DOLLARI, der neben ein paar beeindruckenden Sequenzen und einem großartigen Henry Silva vor allem durch die mal wieder formidable Musik von Ennio Morricone glänzt.
    REQUIESCANT haben ich und Andi vor ein paar Monaten leider abbrechen müssen.
    Muss aber auch gestehen, dass ich mir Lizzani eher als Stock-im-arschigen Kommentator der italienischen Gegenwart vorgestellt hatte (also der Pasolini für Arme), und nie so besonders Lust auf seine Filme außerhalb des Westerngenres verspürte. Das hat sich jetzt natürlich völlig geändert, da zumindest SAN BABILA grooooßartig aussieht!! Danke Christoph. ;-)

  4. vannorden on Dezember 18th, 2010 at 13:14

    Unfassbar, kannst du (christoph) aufhören mir das Gefühl zu vermitteln Filme sehen zu müssen, die es nicht gibt :) Bei Lizzani und Widerberg sieht es ja so mau aus was DVDs angeht, zumindest im deutsch und englisch sprachigem Raum.

    Und der ganze Kubrick Text läßt mich nicht los. Weil er bei mir in der Wertschätzung auch beständigt sinkt. “[...] in meinem persönlichen Kunstverständnis spielen Begriffe wie Imperfektion, Heterogenität, Widersprüchlichkeit und zuguterletzt auch Chaos eine entscheidende Rolle [...]Der Mann war sich irgendwie selbst auch viel zu klar[...]” Mal davon abgesehen, dass ich der Meinung bin das Kubricks Abgeklärtheit nur eine Maske ist, was ja aber nichts an der Abgeklärtheit seiner Filme ändert, weiß ich nicht ob es das bei mir ist, also der Grund ihn nicht mehr so sehr zu schätzen. Ich mag ja auch die abgeklärte Inszenierung von Antonioni oder Bresson und die Kälte im Film allgemein. Ich habe vor kurzme “Full Metal Jacket” das erstemal seit Jahren gesehen und ich war überrascht, wie gut ich ihn fand, was überraschender weise diesmal am zweiten Teil lag, an der totalen Entfremdung auf einem britischen Hafen mit Palmen zu drehen, der keine exotische Identifikation mit dem schönen Urwald zu lies und so weiter. Vielleicht ist es einfach, dass ich seine Filme seit über zehn Jahren kenne und sie mich inzwischen langweilen, weil sie ausgelutscht sind, auf jeden Fall fühle ich bei 2001 nicht mehr die selbe erschlagende Kraft wie 2001 im Kino:), damals, … und ich mag diesen Film noch sehr, aber es ist nicht mehr dasselbe.

  5. vannorden on Dezember 18th, 2010 at 13:20

    und ich gelobe meine Kommentare jetzt immer nochmal durchzulesen, damit die Anzahl der Rechtschreibefehler, Vertipper usf. sich drastisch senkt ;)

  6. Christoph on Dezember 20th, 2010 at 04:26

    Ich denke, dass gerade die psychologische Unbestimmtheit von Kubricks Erzählkino unausweichlich früher oder später “erschöpft” wirken muss, weil man sie beim erneuten Sehen irgendwann als Konstrukt empfindet. Ganz unabhängig davon ist aber meine Abneigung gegen filmische Perfektion (also das, was man darunter gemeinhin versteht) das Ergebnis einer längeren Entwicklung, bei der Kubrick zwangsläufig auf der Strecke bleiben musste. Und trotzdem habe ich BARRY LYNDON beim letzten Mal immer noch genauso angebetet wie beim ersten Mal. Vielleicht ist er wirklich Kubricks intimster Film.

    Was Widerberg angeht: Zumindest von ELVIRA MADIGAN und DER MANN AUF DEM DACH (zufällig auch meine beiden absoluten Lieblinge) gibt es qualitativ hervorragende DVDs vom Schwedischen Filminstitut, beide mit englischen Untertiteln und sein mir noch unbekannter letzter Film LEHRSTUNDEN DER LIEBE ist in den USA erschienen. Abgesehen davon sieht es aber wirklich düster aus (wenn man auf Untertitel angewiesen ist), ein Skandal, wenn man bedenkt, dass der gnadenlos überschätzte, repetetive Ingmar Bergman, dessen Status als “bedeutendster schwedischer Filmemacher” Widerberg wiederholt kritisierte, mit zig verschiedenen Veröffentlichungen weltweit schon überrepräsentiert ist.

  7. Sano on Dezember 20th, 2010 at 05:13

    Ja, Kubricks vermeintliche “Kälte” die wohl eher von seinem Perfektionswahnsinn herrührt, kann einen schon kaltlassen. Bin seit Jahren auch schon völlig Kubrickübersättigt, was aber von meiner obsessiven Beschäftigung mit dem Mann und seinen Filmen in früheren Jahren herrührt (habe z.B. im schnitt wohl jeden seiner Filme 3-4 mal gesehen, und ein halbes dutzend Bücher gelesen). Dennoch ist meine Erfahrung, dass wenn ich einen seiner Filme erneut sehe, ich meist immer wieder aufs neue begeistert bin. Und wenn ich bei der 5ten Sichtung von BARRY LNDON (auch mein liebster Kubrick) gelangweilt war, war ich dann bei der 6ten z.B. wieder elektrisiert. Von daher denke ich, dass es vielleicht keine so große Rolle spielt, was man von einem Film (und seinem Regisseur) im Alltag so alles im Kopf hat (wenn überhaupt), sondern was dann während der Sichtung passiert. Insofern zähle ich Kubrick immer noch zu meinen absoluten Favoriten. Wenn ich mal von allen anderen Lieblingsregisseuren so oft wiederholt Filme geschaut und über sie nachgedacht und gelesen habe, dann kann ich vielleicht eine Feststellung wie “Kubrick interessiert mich nicht mehr” machen. Bis dahin sehe ich das wohl rationaler als Christoph in Relationen und Kontexten (was jetzt aber keine Kritik an Christophs Meinung sein soll). Nur finde ich es ganz natürlich, dass man von einem Regisseur oder Film den man sozusagen neu/frisch entdeckt hat mehr ins Schwärmen gerät als über schon lange bekannte Werke Kubricks. Von daher bin ich etwas skeptisch, ob Christoph eben nicht wieder gebannt vor der Leinwand sitzen würde, wenn z.B. 2001 wieder aufgeführt würde. ;-)

    Bei Widerberg gehe ich aber mit Christoph total d’accord. :-) Als ich ihn für mich entdeckte, war das auch ein klares Zeichen, dass es im schwedischen Kino noch wesentlich mehr (und eben auch besseres) geben muss als Bergman. Habe mich zwar noch nie damit beschäftigt (also das schwedische Kino für mich zu erforschen), aber zumindest mit Widerberg doch recht schnell einen Filmemacher gefunden, den ich (ebenfalls) weit höher als Bergman einschätzen würde. Und das in jeglicher Hinsicht!

    EDIT: Sorry Christoph, dass ich deinen Post “hijacke”, aber ich musste einfach auf die Kubrickkommentare eingehen. :-)

  8. Christoph on Dezember 20th, 2010 at 06:09

    Wenn 2001 jetzt wieder aufgeführt würde, wäre ich sicherlich nicht gebannt. Der Film ging mir beim letzten Mal schon gehörig auf die Nerven und war nie ein Lieblings-Kubrick von mir. Ich erinnere mich mit einer gewissen Genugtuung an deine unterbegeisterte Reaktion auf den Film in Karlsruhe vor drei Jahren.;-) Die von dir geschilderten Erlebnisse kenne auch und sehe meine Kubrick-Entfremdung durchaus in Relationen und Kontexten, nämlich denen, die mir ein ganzes Stück weit die Fähigkeiten genommen haben, mich auf GGFÜAs einzulassen (siehe auch TREE OF LIFE). Leider sind doch die meisten GGFÜAs irgendwie Fake. Kubrick ist zwar kein Faker, aber, um es mal auf die Spitze zu treiben: O LUCKY MAN und A CLOCKWORK ORANGE haben beide Malcolm McDowell in der Hauptrolle, aber O LUCKY MAN ist ein viel gänzerer, größerer, über allesigerer GGFÜA als A CLOCKWORK ORANGE (oder auch 2001), weil er eigentlich nicht wirklich versucht, ein GGFÜA zu sein, sondern nur so tut.

    Dieser Post ist übrigens Rajko gewidmet.

    Eigentlich schade, das keiner Lizzani (oder auch Widerberg, den großen Elusiven) wirklich kennt, sonst müssten wir jetzt nicht unsere Zeit hier damit vergeuden, über den ollen Kubrick zu diskutieren was ja schließlich einigermaßen öde ist.

  9. Sano on Dezember 20th, 2010 at 08:58

    Hast recht, über Kubrick reden können wir auch privat (wobei das auch ruhig warten kann, und ich privat auch lieber mit dir über Lizzani Und Widerberg quatschen würde). War dann auch eher wieder ne Sprungschanze für eine Diskussion über die Relationen von Sättigung – Entdeckung, als dass ich gerne weiter über ihn geschrieben hätte. Das kam nämlich eher für mich durch. Das man von jemanden halt schon vieles oft gesehen hat, und es sich – wie alles – mit der Zeit irgendwie abnutzt. Bei mir ist Kurosawa so ein Fall, wo ich inzwischen nie wirklich Lust auf einen seiner Filme habe, und sich das in meinem Kopf ziemlich langweilig anhört. Wenn ich dann aber (wieder) etwas von ihm sehe ist alles super.

    Überhaupt finde ich es interessant zu beobachten, wie persönliche Favoriten sich über einen längeren Zeitraum abwechseln oder verändern können. Ist für mich eben eine Bestätigung der Tatsache, dass “ewige” Qualität nicht existiert (eben nur im Auge des Betrachters), und auch die Möglichkeit irgendwann einmal etwas “zur Gänze” erfasst oder verstanden zu haben. Die alten Kunstverstehungsmythen eben, die von vornherein hinfällig sind. Interessant ist also lediglich was die einzelnen Leute aus einem Film machen (wozu man selbst ja auch gehört). Der Film “an sich” kann einem erst einmal gar nichts sagen.

  10. Subway on Dezember 31st, 2010 at 11:28

    Das klingt definitiv nach einem sehenswerten Film. Nachdem ich schon von FANGO BOLLENTE und seinem einprägsamen Maintheme restlos begeistert war, werde ich mich demnächst wohl SAN BABILA zuwenden. Wie Sano schon treffend bemerkt hat, bietet das italienische Kino wirklich eine unglaubliche Bandbreite zelluloider Kreationen. Das gilt insbesondere auch für das Werk für Carlo Lizzani, der neben aussagekräftigen Filmen wie diesem auch für Sleaze wie STRAßENMÄDCHEN-REPORT verantwortlich war, ein Film, der trotz seines schmierigen Tenors noch immer in einer neorealistischen Ästhetik verwurzelt bleibt (!).

  11. Christoph on Januar 3rd, 2011 at 04:25

    Wenn dich FANGO BOLLENTE begeistern konnte (und wer könnte davon schon nicht begeistert sein? Der Film ist schließlich die totale Gewaltreflexionsverstehung) machst du mit SAN BABILA bestimmt nichts falsch – die Filme teilen viele ihrer wesentlichen Qualitäten. Mich hat er jedenfalls auch unglaublich angefixt, mehr von Lizzani zu sehen – STRASSENMÄDCHEN-REPORT stand dabei, eben aufgrund seiner mutmaßlichen Gratwanderung zwischen spekulativem Sleaze und neorealistischer Straßenfilmerei, besonders weit oben auf meiner Liste. Derartige Gratwanderungen sind – wie du und auch meine anderen E-Träumer hier inzwischen genau wissen – einer meiner absoluten Fetische. Allerdings erfüllt SAN BABILA diesen “Tatbestand” eigentlich nicht einmal, würde ich behaupten. Dafür schillert der Film von vornherein zu satirisch.

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