STB Robert 2022 II

„So sehr verblüfft sie diesen Gecken […], daß er vor dem tiefen Wallen in eine beschauliche Benommenheit zu verfallen scheint, ein Träumer am Meeresrand. […] Worauf ihn eine goldene Klinge der Wonne vom Geschröt bis hinauf zum Herzen entzweischneidet, was dieser Tage ein längerer Weg ist.“ (Mason & Dixon)


Wertung: Ich kann nichts mit Zahlen zur Bewertung anfangen. Deshalb gibt es hier ein prosaisches System. Eine Skala ist mit der Qual verbunden, Filme in eine lineare Ordnung zu quetschen. Deshalb hat die Wertung zumindest eine Y-Struktur für freieres Atmen. Die Einstufungen radioaktiv und verstrahlt reflektieren, dass ein Film in seiner eigenwilligen Qualität es einem nicht einfach macht, ihn einfach zu genießen. Wertungen in Klammern verweisen auf das ein oder andere Nickerchen beim Schauen.

Legende: Ist im Grunde selbsterklärend. Wenn hinter der eckigen Klammer eine Zahl steht, dann gibt sie die Anzahl der Sichtungen wieder. Je höher die Zahl, desto mehr ist sie geschätzt. Da ich mit Fernsehen und Kino aufgewachsen bin, wo nur gekennzeichnet wird, wenn ein Film nicht in deutscher Sprache läuft, tue ich das schändlicherweise auch. (OmU=Originalfassung mit Untertiteln, OmeU=Originalfassung mit englischen Untertiteln, OF=Originalfassung, EF= englischsynchronisierte Fassung, OZmeU=Originalzwischentitel mit englischen Untertitel) Hinzu kommen die Zeichen ł, wenn der Film gekürzt war, und ≠, wenn ich mitbekommen haben sollte, dass das Format nicht hinhaute. Ein kleines K hinter einem Titel bezeichnet einen Kurzfilm (bis 20 Minuten), während ein kleines M einen mittellangen Film (21 bis 60 Minuten) kennzeichnet.


Vorangegangene Sehtagebücher:
2012/II | 2013/I | 2013/II | 2014/I | 2014/II | 2015/I | 2015/II | 2016/I | 2016/II | 2017/I | 2017/II | 2018/I | 2018/II | 2019/I | 2019/II | 2020/I | 2020/II | 2021/I | 2021/II | 2022/I

Dezember
Sonntag 04.12.

Tommaso / Tommaso und der Tanz der Geister
(Abel Ferrara, I/UK/GR 2019) [DVD, OmU] 2

großartig +

Astérix et la surprise de César / Asterix – Sieg über Cäsar
(Gaëtan Brizzi, Paul Brizzi, F 1985) [DVD, ≠] 12

großartig

Fogo-fátuo / Irrlicht
(João Pedro Rodrigues, P/F 2022) [stream, OmU]

gut

Sonnabend 03.12.

沈黙 / Silence
(Shinoda Masahiro, J 1971) [DVD, OmeU] 2

großartig

ねらわれた学園 / School in the Crosshairs
(Ōbayashi Nobuhiko, J 1986) [blu-ray, OmeU] 2

fantastisch

The Color of Money / Die Farbe des Geldes
(Martin Scorsese, USA 1986) [blu-ray, OmeU] 2

fantastisch

Freitag 02.12.

On Dangerous Ground
(Nicholas Ray, USA 1951) [blu-ray, OF]

großartig +

In der eigenen emotionalen Vergletscherung – ON DANGEROUS GROUND spielt nach der Exposition in einer kargen, felsigen Schneelandschaft – trifft der zunehmend frustrierte Cop Jim Wilson (Robert Ryan, in dessen Augen Sanftmut und Psychopathie anasatzlos wechseln können) auf die beiden Ausprägungen seiner Seele. Auf den Anführer eines Lynchmobs (Ward Bond), der Recht und Gesetz fanatisch in die eigene Hand nimmt und vom Blutrausch geblendet ist, sowie die blinde Schwester des Täters (Ida Lupino, hier nebenbei erste Regiesporen sammelnd), die sich nicht blenden lässt und eben Mitgefühl und Courage hat, mehr als nur die eigenen Selbstgerechtigkeit zu sehen. ON DANGEROUS GROUND ist dergestalt ein Kammerspiel, das atemlos durch eine ausgedehnte Landschaft jagt und im Haus der Figur Lupinos ausgebremst wird, das von seinem Tondesign und kleinen, aber effektiven Inszenierungstricks lebt, die das Karge des schmalen Plots und des existentiellen Krimis im Schnee transzendiert und Nachgiebigkeit in Fanatismus und Wahn eindringen lässt.

Pearl Harbor
(Michael Bay, USA 2001) [stream, OF]

ok

Pearl Harbor: Daredevil-Pilot (Ben Affleck) liebt Krankenschwester (Kate Beckinsale), die, während sie ihren Liebsten für tot hält, sich mit seinem besten Freund (Josh Hartnett) tröstet. Doch taucht Affleck wieder auf und muss feststellen, dass er sich plötzlich in einer Dreiecksbeziehung befindet und dass die Frau, mit der er nicht einfach vor seiner Abberufung husch husch ins Bett wollte, für die er sich aufgehoben hat, dass diese eben schwanger ist. Als zwischen den Dreien also ein monumentaler emotionaler Konflikt ausbricht, wird Pearl Harbor von den Japanern angegriffen.
Das Melodrama ist demensprechend angerichtet, nur wird es bestmöglich heruntergekocht. Affleck und Hartnett prügeln sich kurz in der Nacht vor dem Angriff und liegen besoffen zusammen, als der militärische Schlag beginnt. Zwischen ihnen ist zu diesem Zeitpunkt alles schon geklärt. Nach der Katastrophe, in der das Melodrama vollkommen pausiert, gibt es eine kurze tragische Miniatur – Beckinsale entscheidet sich für den Vater und gegen ihr Herz –, diese verpufft aber, weil PEARL HARBOR zuvor Affleck und seine Krankenschwester als Seelenverwandte aufgebaut hatte, als Paar mit einer Geschichte und einer emotionalen Bindung. Hartnett und Beckinsale waren dagegen nur sich anziehende Körper (in Hochglanzaufnahmen von Zusammensein und Sex). Wer noch den heldenhaften Opfertod für das Leben seines besten Freundes sterben wird, lässt sich also an drei Fingern abzählen.
In KINO DER GEFÜHLE bezeichnet Georg Seeßlen Melodramen als Frauenfilme. PEARL HARBOR ist aber ein Frauenfilm für Jungs. Es geht nicht darum, in seinen Gefühlen zu schmoren, sondern um Action und die Lösung von Problemen. Es geht darum, in Japan daredevilisch ein paar Fabriken wegzubomben, egal wie gering der militärische Vorteil davon ist, nur um die eigene Potenz zu markieren. Es geht darum Frauen zu erobern und sich wiederzuholen. Es geht um Männerfreundschaften und Cojones, es geht darum ein Held zu sein.
So sehr ich Afflecks Ich ziehen beim Reden Spuckefäden zwischen Lippen und Zähnen, um dramatisch zu schauspielern ohne Tränen zu zeigen schätze, so wenig konnte ich das Gefühl abschütteln, dass sich große Teile des Films gespart werden könnten und es einfach krachen sollte, statt halbgare Gefühle mitzuschleppen. Oder anders: PEARL HARBOR bietet zwei Dinge an – den Jungs- und den Frauenfilm – und gibt einem weder das eine, noch das andere … dafür aber Jon Voight mit einem albernen Kinn. Es ist schon ziemlich faszinierend, aber auch ein wenig oll.

Donnerstag 01.12.

ハウス / House
(Ōbayashi Nobuhiko, J 1977) [DVD, OmeU] 3

fantastisch

Ich kenne bisher (leider nur, aber immerhin schon) 5 Filme von Ōbayashi Nobuhiko. HAUSU hatte ich auch schon zweimal gesehen. Trotzdem hatte ich nicht ansatzweise auf dem Plan, worauf ich mich eingelassen hatte. Mehr noch ist es so, dass ich das Gefühl habe mit jeder Sichtung mehr, statt weniger zu staunen.

November
Mittwoch 30.11.

Return to Oz / Oz – eine fantastische Welt
(Walter Murch, USA/UK 1985) [stream, OF]

verstrahlt

Dorothy (die blutjunge Fairuza Balk) wird von ihrer Tante (Piper Laurie) zur Elektroschocktherapie geschickt, weil sie nachts nicht mehr schlafen kann und von einer Phantasiewelt erzählt, als sei diese Realität. Je nachdem wie es gelesen werden möchte, landet sie durch den ersten Schock oder auf der Flucht vor diesem wieder in Oz. Dieses liegt aber in Trümmern … wegen den Umtrieben eines Gnomkönigs und einer Prinzessin, die ihren Kopf aus einer Galerie von dreißig Häuptern auswählen kann. Da Dorothys Gefährten versteinert oder verschollen sind, findet sie drei neue: einen unförmigen Aufziehsoldaten, einen Jack O’Lantern und eine Couch mit Elchskopf. Und statt von Toto wird sie von einem Huhn begleitet.
Setzte THE WIZARD OF OZ noch auf simple Bilder und Kulissen, da wird hier eine an Jim Henson gewahrende Puppenwelt in eine naturalistische eingepflanzt. Der Effekt ist, dass die Optik überladen und verschnörkelt wirkt, wobei die beiden Ebenen nicht wirklich ineinandergreifen wollen. Es ist ein Film der Brüche. Opulenz und kreatives, aber kostengünstiges Kinderprogramm, Alptraum und überzeichnete Arglosigkeit finden sich ineinander gekeilt. Die Geschichte strebt zum Horror, verliert sich aber in der Betriebsamkeit der süßen, naiven/grenzdebilen Gefährten. Wenn sie, die Geschichte, einen tieferen Sinn oder eine rote Linie haben sollte, dann habe ich dies übersehen – mal abgesehen von den einzelnen Motiven wie der moralischen Überlegenheit von Uhrwerken gegenüber Strom oder den Leuten, die sich hinter Masken verstecken. Das Herzblut ist deutlich sichtbar, nur eine Form sucht es vergeblich. Im Endeffekt weiß ich aber einfach nicht, was ich da gesehen habe.

Dienstag 29.11.

The Sad Sack / Der Regimentstrottel
(George Marshall, USA 1957) [stream, OF]

ok

Jerry Lewis‘ zweiter Film nach dem Bruch mit Dean Martin. Der Versuch, den Part des Frauenschwarm-Straight-Mans dabei mit David Wayne zu füllen, funktioniert nur bedingt. Der Nervenzusammenbruch wirkt bei ihm einfach immer zu weit weg, er ist schlicht zu hart und abgeklärt für den Job. Mehr noch behindert das Probieren an der Beibehaltung der alten Formel Lewis dabei, sich zu entfalten. Hier und da ist es schon ganz schön, aber das der folgende Jerry-Lewis-Film ROCK-A-BYE BABY etwas ganz Anderes versucht und den einen Sparringspartner komplett streicht, ist nach diesem Film nur folgerichtig. Zudem: Peter Lorre zuzusehen, wie er einen Araber spielt, der nur zum Dolchschwingen da und lediglich Witzfigur am Rand ist, der trotzdem den besseren Partner als Wayne darstellt, stimmt schon sehr traurig.

Montag 28.11.

Falling for Christmas
(Janeen Damian, USA 2022) [stream, OF]

gut

Als heimatfilmartige Harmoniefläche ohne dramatische Fallhöhe und mit einem tollen Sub Plot um die Abenteuer eines Influencers in der Wildnis ist FALLING FOR CHRISTMAS eigentlich ziemlich toll. Nur ist mir Chord Overstreets anschmiegsames Lächeln mit seinen Pausbacken etwas zu viel des Guten und George Young als einziger funktionierender Träger von Spaß etwas dürftig…

Sonntag 27.11.

Jingle All the Way / Versprochen ist versprochen
(Brian Levant, USA 1996) [DVD] 2

gut

Es steht und fällt mit den Nebendarstellern. Sinbad als durchgedrehtes Alter Ego, der mit Howard (Arnold Schwarzenegger) jede Hemmungen auf der Odyssee Richtung Weihnachtsgeschenk verliert, nervt (zumindest in der deutschen Synchro), während Phil Hartman als schmieriger Nachtbar, der sich aalglatt in die Betten der benachbarten Hausfrauen windet, einen Drehbuch- und Darsteller-Oscar verdient hätte.

Screenplay – Road
(Alan Clarke, UK 1987) [blu-ray, OmeU]

verstrahlt

Es ist spürbar, dass ROAD auf einem Theaterstück basiert. Wenn die diversen Figuren, die vom Film verfolgt werden, ohne dass sich daraus eine Geschichte ergeben würde, mit denen eben ein soziales Portrait entstehen soll, wenn diese also miteinander, mit sich oder der Kamera reden, dann geht es sichtlich darum, dass sie mit Worten sich und ihre Situation verorten. Ziemlich plump ist es oft. Am besten ist ROAD deshalb, wenn gar nicht geredet wird. Wie in der super tristen Szene in einem ultratristen Tanzclub, einer taghellen Halle, wo ein Potpourri des englischen Proletariats zu Mel & Kim etwas Tanztee macht. Oder wenn die Kamera durch eine Bruchbude mäandert und ein spannungsgeladenes Schweigen verfolgt.
Die heruntergekommenen Räume, die gleichförmigen Straßenzüge mit roten Backsteinhäusern, an denen der Zahn der Zeit nagt, und vor allem mit den Charaktergesichtern und der gewissen Versifftheit der Figuren lässt sich ROAD eben nicht auf seiner Theatralik begrenzen, sondern wirkt wie ein Stück Hochkultur, dass in die Hände von John Waters gelandet ist, der seine eigene ROCKY HORROR PICTURE SHOW über ein Viertel voller sozial abgehängter Leute macht, die mit aller Verzweiflung nach Nähe und Wertschätzung suchen. Und darin ist Alan Clarkes Film eben vor allem doch ein Stück intensiver Trostlosigkeit.

Sonnabend 26.11.

Made in Britain
(Alan Clarke, UK 1982) [DVD, OF]

großartig +

Clarke nähert sich seinem Spätwerk an. MADE IN BRITAIN besteht zuvorderst aus Bewegungen. Tim Roths jugendlichen Skinhead läuft, oder er fährt mit (gestohlenen) Autos. Mitunter sind The Exploited dazu zu hören. Er kommt schlicht nicht zur Ruhe und seine kinetische Energie ist die des Films. Die irrationale Schneise der Zerstörung und den sozialen Tumult, die er dabei verursacht, beobachtet und beantwortet er mit einem Grinsen, das wiederholt zu einer Grimasse aus Frust und Hass umschlägt. MADE IN BRITAIN ist quasi Film gewordener Punk – wohlgemerkt handelt es sich um einen Fernsehfilm, der sogar die tendenzielle Sexlosigkeit des Genres völlig annimmt –, der mit einer individuellen Selbstzerstörung dem kalten, tristen Britannien unter Maggie Thatcher die Fratze vorhält.
Gleichzeitig ist der Film schlau genug, dieser Fratze nicht einfach rechtzugeben. Bemitleiden tut er sie schon gar nicht. Weder sind die Sozialarbeiter, noch die staatlichen Autoritäten unsympathische Missetäter. Weder ist Roths Figur nur Opfer seiner Umstände und völlig frei von psychopathischen Tendenzen. In der Mitte fruchten die Versuche ihn zu erreichen kurzzeitig, wenn er beim Demolition Derby seinen Frust fruchtbar machen kann. Sobald er dort aber ausgebremst wird, kämpft er nicht, sondern gibt auf. Die Zerstörung beginnt wieder, weil es der einfachste Weg für ihn ist. Wodurch MADE IN BRITAIN nicht nur traurig wird, sondern schlichtweg zwei Verlorene (Skin und Britannien) zeigt, die keinen Weg finden, miteinander zu reden, und sich deshalb giftig anpissen.

Deep Water / Tiefe Wasser
(Adrian Lyne, USA 2022) [stream, OmeU]

gut

Als Erotikthriller mag DEEP WATER nicht funktionieren. Weder ist dieser Hochglanzkatalog von libidinöser Besessenheit erotisch, noch sonderlich spannend. Beispielsweise: Der Freundeskreis von Vic (Ben Affleck) und Melinda (Ana de Armas) wird mitgeschleppt, auf das Vic das unverschämt offene Fremdgehen seiner Frau deutlich als Hörner spürt, die ihm aufgesetzt werden. Nur besteht Vic Persönlichkeit nur aus psychopathischem Starren auf das Treiben seiner Frau und aus einem brütenden Schweigen, wenn er nicht gerade mit seiner Tochter oder Partygästen konversiert. Weshalb es nie so wirkt, als würde er sich groß darum kümmern, wer zuschaut und wer nicht. Und sobald dieser Freundeskreis eine Komponente werden könnte, weil immer offensichtlicher wird, dass Vic ein Mörder ist, verschwindet die Freunde, die den Druck nochmal erhöhen könnten, einfach aus dem Film. Es geht folglich nur noch um die beiden Unsympathen in der Trutzburg ihrer gegenseitigen Hassliebe. Die Entscheidungen, was in polierter emotionsloser Oberfläche ins Bild gerückt wird, ist dramaturgisch beliebig und überhaupt fehlgeleitet. Und der Schmier ist so zweckhaft, dass er nur selten tatsächlich mal schmiert.
Aber als irrlichterndes Sittenbild/schwarze Komödie über ein Paar, welche die Ausprägungen ihrer unsympathischen Charaktere auf die Spitze treiben – es ist der optische Punkt des Films: äußere Schönheit, innere Verrottung –, während sie im eigenen Saft ihres Luxuslebens gären und die mit einem realitätsvergessen ausgeleuchteten Gewächshaus voller Schnecken – schleimig, giftig und mit einer Spirale auf dem Haus – das perfekte Symbol für den Status quo ihrer Ehe bekommen, ist es schon sehr ok.

Freitag 25.11.

Billy the Kid and the Green Baize Vampire
(Alan Clarke, UK 1985) [DVD, OF]

großartig +

Auf den ersten Blick wirkt es ein wenig wie EVERYTHING EVERYWHERE ALL AT ONCE, denn vor allem besteht einer der wenigen Kinofilme Alan Clarkes aus einem Haufen idiosynkratischer Ideen. So könnte BILLY THE KID AND THE GREEN BAIZE VAMPIRE als Universal-Horror-David-Cronenberg-Fiebertraum-Snooker-Musical mit epischer Verfremdung beschrieben werden. Nur ist die Seltsamkeit von Clarkes Film weniger gefällig. Die Geschichte ist beispielsweise nicht der Rede wert – aufsteigender Snookerspieler bekommt ein Spiel gegen den Weltmeister, wird dabei hereingelegt und kämpft sich im Karriere entscheidenden Spiel doch gerade so durch –, da Clarke erst gar keine Liebe zur Mechanik des Films entwickelt. Dafür sieht BILLY THE KID AND THE GREEN BAIZE VAMPIRE unfassbar gut aus. Der Film spielt entsprechend in fiebrigen Unterwelten, seltsamen Lebenshabitaten und kalten Snookerhallen, in denen das emotionale Aufeinanderprallen von ungehobelter Arbeiterklasse (Billy the Kid) und snobistischer Elite (der Vampir) zur expressiven Achterbahnfahrt wird. Das Wilde findet sich eben auf der Leinwand – und ist tatsächlich irritierend.

Star Wars / Krieg der Sterne
(George Lucas, USA 1977) [35mm] 12

ok +

Anfang und Ende sind ziemlich öde, dazwischen ist es nur sporadisch besser. C3PO empfinde ich immer noch unerträglich – weshalb ich weiterhin den Hass auf Jar Jar Binks nicht verstehe, da dieser nur die logische Weiterentwicklung darstellt und im Grunde auch nichts anderes als diese beliebte Figur macht. Die beiden Nachfolger sind klar besser. Und überhaupt würde mich der Politthriller oder der sandalig-romantische Epos über die schleichende Zerstörung der Republik mehr interessieren … KRIEG DER STERNE ist halt am besten, wenn Obi-Wan und Darth Vader mal wieder der Vergangenheit nachtrauern oder karrieristische Offiziere den Senat und über dessen Auflösung debattieren. Dem hingegen: Musik, Schnitt und die schundigen Dialoge sind ziemlich geil, wie das Ramschige der Effekte und der Welt höchst sympathisch ist. Und in der gesehenen Kinofassung von 1977 kommt es nochmal besser herüber, als in den schrecklichen Remastered Versionen. Es ist und bleibt durchwachsen.

Donnerstag 24.11.

Strange World
(Don Hall, Qui Nguyen, USA 2022) [3D-DCP]

nichtssagend +

Ich habe mich wirklich sehr auf diesen Film und seine seltsamen Welten gefreut, aber nun fühle ich mich darum betrogen. Mehr dazu bei critic.de.

Mittwoch 23.11.

Kimi
(Steven Soderbergh, USA 2022) [stream, OmeU]

gut

Dieser hitchcock’sche Thriller hat durchaus seine Momente – vor allem bei ein, zwei schönen Schnitten und seinem Sounddesign. Er trägt in sich aber auch den Alptraum, wie aseptisch und trübe Hitchcocks Kino gewesen wäre, wenn der britische Regisseur im Herzen nicht ein vergnügungssüchtiger Schmierbolzen gewesen wäre.

Dienstag 22.11.

Miss Sadie Thompson / Fegefeuer
(Curtis Bernhardt, USA 1953) [DVD, OF] 2

ok

Rita Hayworth steckt durchgängig in unansehnlichen Kartoffelsäcken, ist unvorteilhaft geschminkt und ihre Frisur macht sie deutlich älter, als sie ist. Wenn sie THE HEAT IS ON singt, soll es sichtlich wie bei PUT THE BLAME ON MAME knistern. Die höhere Energie, das schnellere Tempo passen aber nicht zur Hayworth … jedenfalls in dieser Phase ihres Lebens. Sie wirkt sehr steif, und lediglich der Schweiß auf ihrem Körper und der Rauch der überfüllten Bar schaffen etwas schmierige Stimmung. In Anbetracht ihrer Biographie ist es schön, dass ihre sexuelle Objektivierung nicht gelingt. Und es ist bitter, dass sie auch in dieser Form nur da ist, damit alle Männer nach ihr lechzen. Vor allem aber ist es sprechend dafür, dass sich diese Version des Stoffes keinen Reim auf Dauerregen, Menschen, die ihr Herz und ihre Motivationen nicht auf der Zunge tragen, und innerlich kochenden Predigern machen kann. Weshalb alles erklärt wird, was über notgeile Soldatentruppen hinausgeht. Der Wind in den Palmen, der ist zumindest toll.

Montag 21.11.

Crimes of the Future
(David Cronenberg, CA/GR 2022) [DCP, OmU]

fantastisch

Als ich das Kino verließ, war der Nebel so dick wie Hechtsuppe. Der Heimweg führte mich durch eine verlassene Gegend, entlang eines Flusses. Die Nässe der letzten Tage hatte die Blätter auf den Wegen in Schlamm verwandelt, der dunkel zwischen dem milchig glänzenden Schnee lag. Die wenigen Menschen, die meinen Weg kreuzten, blieben bloße Schatten in einer Welt, über die ein intensiver Weichzeichner gelegt worden war. Konturen waren verloren. Abgesehen von den Straßenlaternen. Abgesehen von den wenigen erleuchteten Fenstern, in die ich nicht deshalb hineinschaute, weil ich gerne Menschen und ihre Wohnungen beobachte, sondern weil sie klare Bilder in einem ansonsten zerflossenen, trüben Aquarell lieferten, in dem jedes Licht wie Neon leuchtete. Vor meiner Wohnung bemerkte ich, dass ich nur starrte und nicht einmal an den Film gedacht hatte, der gerade zu Ende gegangen war und dessen Figuren Slogans ihrer existenziellen Verfassung rezitierten, der seltsamerweise eine unbekannte Welt erkundete, dessen Personal aber quantitativ begrenzt war, wie in einem Kammerspiel. Der aus dem Aufschneiden von Körpern einen Porno machte. Ich war von einem Traum in den nächsten gerutscht.

Sonntag 20.11.

Alice in Wonderland / Alice im Wunderland
(Hamilton Luske, Wilfred Jackson, Clyde Geronimi, USA 1951) [blu-ray] 3

gut

Der Zimmermann – als Symbol für Jesus – verspeist im Gegensatz zum Buch keine Austern – dem Symbol für Seelen. Aber nur, weil er einfältiger als das Walross – das Symbol für Buddha – ist und nicht, weil er es nicht wöllte. So sieht es zumindest in Hinsicht auf die Religionskritik im Film aus. Ein Servicepost für alle, die sich wie ich immer noch an dieses Zeug aus DOGMA erinnern.

Thru the Mirror / Micky im Traumland k
(David Hand, USA 1936) [blu-ray]

gut

Mickey ist beim Lesen von Lewis Carroll eingeschlafen und träumt wie er selbst durch den Spiegel geht und in einer Welt landet, in der unbelebte Dinge leben. Mit etwas Greta Garbo hier, etwas Charles Laughton da.

Alice’s Wonderland k
(Walt Disney, USA 1923) [blu-ray]

großartig

Ich war überrascht, dass es 1923 schon Filme gab, in denen Zeichentrick und Realfilm verbunden wurden. Dabei findet aber eigentlich auch keine Technik Verwendung, die Méliès nicht auch schon verwendet hätte. Es macht aber ziemlich viel Spaß zu sehen, wie die Ebenen – Stummfilm und sehr alt anmutende Animation – aufeinanderprallen. Und das Beste ist, wenn die Stummfilm Alice (Virginia Davis) sich in ihrem Cartoonumfeld auch noch wie eine Zeichentrickfigur bewegt.

Love Story
(Arthur Hiller, USA 1970) [blu-ray, OmeU]

verstrahlt

Einerseits die geradezu pervers slicke Fotolovestory, die Impressionen einer ideellen tragischen Liebe aneinanderreiht. Immer mit der perfekten Mischung aus Vulgarität und großer Kunst – wenn Ryan O’Neal Ali MacGraw beispielweise den Schnee aus dem Gesicht geleckt und es scheint, dass sich Liebe wirklich nur so ausdrücken kann. Andererseits der Film einer dysfunktionalen Vater-Sohn-Beziehung, die die ganze Liebesgeschichte nur erzählt und Ali MacGraw nur sterben lässt, damit ein selbstgerechter Sohn seinem unfähigen Vater ins Gesicht blaffen kann, dass er von ihm nie auf die richtige Weise geliebt wurde – woraufhin der Film den Sohn beim Weggehen zeigt und zwischen der Kamera und diesem ein Eislandschaft auf der Straße liegt, die einem unbegehbaren Niemandsland gleicht. LOVE STORY war jedenfalls viel seltsamer als erwartet.

Sonnabend 19.11.

Ratatouille
(Brad Bird, USA 2007) [stream]

gut

Als Geschichte einer Freundschaft zwischen Nager und Mensch oder als Emanzipationserzählung, wobei sich von den Vorstellungen gelöst wird, wer man qua Herkunft sein solle, annehmbar bis öde, als Film übers Kochen schon eher interessant – ich hatte zumindest ständig Hunger und Lust in eine Küche zu gehen. Und so ist es die sehr schön geschriebene Restaurantkritik, auf die der Film hinarbeitet, die für mich ziemlich viel herausholt.

Your Friend the Rat / Dein Freund, die Ratte k
(Jim Capobianco, USA 2007) [stream]

ok

Ein kleiner, süßer Imagefilm, der das Bild von Ratten aufpeppen möchte, indem Ratten in zwei Gruppen unterteilt werden: in die Hausratten und die Wanderratten. Der schlechte Ruf der Ratten hängt ja vor allem mit der Pest zusammen und nun wird erklärt, dass es die Hausratte war, die den Floh mit der Pest mit sich trug, und dass die Pest endete, als die Wanderratte die Hausratte aus Europa verdrängte. Eine Theorie, die wohl daran scheitert, dass Wanderratten sich erst später in Europa ausbreiteten. Aber egal. So süß der Film ist, so blöd ist diese Aufteilung in gute und schlechte Arten. Fröhlich werden hier Sündenböcke vorgeschickt, damit niemand auf die Idee kommt, RATATOUILLE eklig zu finden.

Käpt’n Rauhbein aus St. Pauli
(Rolf Olsen, BRD 1971) [blu-ray]

verstrahlt

Wahnsinn in Tüten. Mehr dazu bei critic.de und von Thomas G. mehr zum ganzen Olsen-St.-Pauli-Zyklus beim crimemag.

The Hustler / Haie der Großstadt
(Robert Rossen, USA 1961) [DVD, OmU] 2

fantastisch

Ist Scorseses Fortsetzung ein Film über eine neu entfachte Lebensflamme, über das sich Zurückkämpfen, ist THE HUSTLER ein Film über das Verlieren. Es geht um eine kapitalistische Welt, in der nur der monätere Erfolg zählt, und darin wird mal Geld gewonnen, mal verloren. Am Billardtisch, in diesen gesellschaftlichen Verhältnissen, zwischenmenschlich oder innerlich wird aber ausschließlich verloren … auch dann, wenn das Spiel Pool gewonnen wird. Es sind Niederlagen des Charakters, seelische Zerstörungen und eine allumfassende Korruption. Immer wieder nimmt der unschlagbare Sonnyboy Eddie Folson (Paul Newman) Anlauf, immer wieder scheitert er an sich, weil das System, in dem er lebt, das er angenommen hat, ihn kaputt macht. Ein düsterer Klotz, der seinen Genre nutzt, um es ad absurdum zu führen.

Freitag 18.11.

Everything Everywhere All at Once
(Daniel Scheinert, Daniel Kwan, USA 2022) [stream, OmeU]

nichtssagend

Eine fröhliche Konfettiparty der depperten Ideen, deren Optik von einer Einfallslosigkeit ist, die dem Ideenreichtum reziprok entgegensteht. Zudem ist EVERYTHING EVERYWHERE ALL AT ONCE so selbstbesoffen von seiner eigenen Beklopptheit, dass es seinen emotionalen Kern uninspiriert abarbeitet und mich tendenziell eher nervt als belustigt oder berührt.

Donnerstag 17.11.

Screen Two – The Firm Director’s Cut
(Alan Clarke, UK 1989) [blu-ray, OmeU]

großartig

Ein Film über Hooligans, die in den 1980er Jahren zum Problem geworden waren. THE FIRM zeigt Ausschnitte aus dem Alltag einer Firm von West Ham United, welche von Gary Oldman angeführt wird. Es geht also um erwachsene Männer, die Familien und Jobs haben, deren Liebesleben, sagen wir, etwas krude sadomasochistische Tendenzen hat, und die saufen und ihre Freizeit mit Gleichgesinnten durch prollige Männlichkeitsrituale füllen. Um erwachsene Männer, die grölen, grunzen und in einer eskalierenden Gewaltspirale feststecken. Im Gegensatz zu den ähnlich ausgerichteten und mehr oder weniger zeitgleich entstandenen CHRISTINE (1987) und ELEPHANT (1989) bleibt es aber nicht bei abstrakten Abläufen – auch wenn THE FIRM im Kern mehr Interesse an den großen und kleinen Gruppendynamiken hat, wenn beispielsweise Neulingen gesagt wird, dass ihnen gleich mit Tinte und einem Cutter die Initialen der Firm eintätowiert werden. Es wird aber mehr über die Figuren erzählt; ihre Leben und ihre Persönlichkeiten werden sozial ein wenig kontextualisiert. Im Vergleich fehlt es THE FIRM dadurch aber etwas an physischem und psychischem Nachdruck – weil der dargestellte Wahnsinn zum Sozialdrama neigt. Aber klar. Es ist schon jammern auf sehr hohem Niveau.

Mittwoch 16.11.

Labyrinth / Die Reise ins Labyrinth
(Jim Henson, USA/UK 1986) [35mm]

gut

Eine verwöhnte pubertäre Kackbratze (Jennifer Connelly), die ihren Frust an ihrem Babybruder auslässt, muss im Reich der Trolle lernen, dass das Leben ihres Bruders wichtiger ist als der Tand ihrer Kindheit, den sie nicht aufgeben möchte. Das ist dramaturgisch sehr mau und ist auch überraschend trist fotografiert, aber die in den einzelnen Momenten durchscheinende Phantasie der Dekors und Puppen, der Welt und der Musik, sowie in den schrittbetonten Hosen David Bowies ist LABYRINTH trotz seiner konturlosen Gleichförmigkeit sehr schön.

Dienstag 15.11.

After Hours / Die Zeit nach Mitternacht
(Martin Scorsese, USA 1985) [stream, OF] 2

verstrahlt

Der Fiebertraum eines postapokalyptischen New Yorks, das zwar nicht von Atombomben oder Naturkatastrophen zerstört ist, wo aber jede soziale Interaktion auf eine Detonation hinausläuft. Martin Scorsese hat dabei einen kleinen Cameo als Beleuchter in einem Punkclub, wo er den zwischen Maschendrahtzäunen wetzenden Moshpit ausleuchtet, während die Bad Brains mit PAY TO CUM zu hören sind. Und allein das Bild fasst den Film eigentlich gut zusammen.

Sonntag 13.11.

Hugo / Hugo Cabret
(Martin Scorsese, USA/UK 2011) [3D-blu-ray] 2

großartig +

Der letzte Film, den ich schaute, bevor ich mich ans Schreiben über Scorsese und seinen 80. Geburtstag machte, lieferte dann die Steilvorlage für den Aufhänger des Textes. Nachzulesen ist das Ergebnis bei critic.de.

The Departed
(Martin Scorsese, USA 2006) [stream, OmeU]

gut

Familie ist, wenn sich beschimpft, hintergangen und gehasst wird … oder wenn beim Treffen im Pornokino dem anderen ein Dildo ins Gesicht gehalten wird.

Sonnabend 12.11.

Silence
(Martin Scorsese, USA/TW/MEX 2016) [blu-ray, OF]

großartig

Zwei Missionare (Andrew Garfield & Adam Driver) reisen in ein nebliges Land. Der Dunst wird Japan jedoch verlassen, je mehr die beiden die körperliche Realität des Lebens nicht mehr ignorieren können. Sie kommen, um Glaube zu stiften und ihren Mentor (Liam Neeson) zu finden. Die damalige drakonische Verfolgung des Christentums spielt in ihren Überlegungen keine Rolle, weil Gott mit ihnen ist und das Himmelreich auf sie wartet. Sie sind jugendliche Idealisten, die durch ein feuriges Schwert erwachsen werden werden. Im Laufe des Filmes müssen sie deshalb damit leben lernen, dass ganze Dörfer durch ihre Anwesenheit zerstört werden, dass sie und japanische Konvertiten (von einem Inquisitor (Ogata Issey) vergnügt) seelisch-moralisch als auch körperlich gefoltert werden, dass es das eine ist, an ein Leben nach dem Tod zu glauben, und etwas anderes zusehen zu müssen, wie Leben enden und dabei die eigene Verantwortung zu sehen, dass ihr Glauben Teil des sehr weltlichen Kampfs um die Vorherrschaft in Japan ist, einem Japan, das der imperialen Macht der Europäer keinen Grund bieten möchte. Was Glauben vor dieser geballten, nicht zu ignorierenden weltlichen Realität bedeutet, vor dieser Frage kauert SILENCE mit expressiven Bildern von Nebel, Nässe, Kälte und Sonnenschein, die ihre Expressivität verlieren, je mehr sich die Missionare vor der Brutalität der Welt in ihr Inneres verziehen.

Freitag 11.11.

The Last Temptation of Christ / Die letzte Versuchung Christi
(Martin Scorsese, USA/CA 1988) [blu-ray, OmeU] 5

großartig

Scorsese hält sich erst gar nicht damit auf, das Charisma von Jesus (Willem Dafoe) erklären zu wollen und wieso ihm Leute folgen. Ihm geht es lediglich um Religion bzw. Katholizismus als Sadomaso-Ersatz, mit dem erst der Körper und dann der Geist gegeißelt wird.

Donnerstag 10.11.

Gangs of New York
(Martin Scorsese, USA/I 2002) [blu-ray, OF]

gut

Die größten Probleme sind für mich, dass der Rest nie einhält, was der Auftakt verspricht, dass Liam Neeson stirbt und dafür Leo die Hauptrolle im Film spielt, dass GANGS OF NEW YORK sich zulange bei Dingen aufhält, die ihm dann auch wieder nicht wichtig sind, vor allem aber dass Cameron Diaz‘ Figur für eine pflichtschuldige Romanze verfeuert wird, und dann, sobald diese abgearbeitet ist, nur noch mitgeschleppt wird – als laues Symbol dafür, dass all die Machos des Film nicht so ganz die erste Wahl darstellen, irrt sie hier und da nur noch durch den Film. Dafür wird aber in extremer Zeitlupe gezeigt, wie eine Bibel im Wasser landet, die die Hauptfigur höchst symbolisch wegwirft. Wie in einem Hochglanzwerbespot für die eigene Exkommunikation. Und durch solche Dinge ist GANGS OF NEW YORK eben doch kein schlechter Film.

Mittwoch 09.11.

The Color of Money / Die Farbe des Geldes
(Martin Scorsese, USA 1986) [blu-ray, OF]

fantastisch

Eddie Felson (Paul Newman) aus Robert Rossens THE HUSTLER ist altgeworden. Pool lässt er jetzt andere für sich spielen. Seine Leidenschaft lebt er ergo über Stellvertreter aus. Auf Sparflamme lebt er sein Leben und hält mit etwas Selbstbetrug sein Selbstbild vom Macher aufrecht. Bis er auf Vince Lauria (Tom Cruise) trifft, der mit einem enormen Billardtalent und einer kindlichen Naivität gesegnet ist.
Von dieser Ausgangslage ausgehend erzählt THE COLOR OF MONEY von einer Gegenbewegung. Von der Korruption Laurias und mehr noch von der Auferstehung Felsons, der im Frust mit den jungen Menschen Ideale und Lebensenergie wiederfindet. Der Blut leckt und selbst wieder zu spielen beginnt. Es beginnt also als Mentor-Schüler-Film und handelt dann doch von einem Sportler, der sich zurückkämpft. Weshalb es zuweilen wirkt, als würde der Film etwas krude sein und Umwege nehmen. Tatsächlich ist es aber ein ziemlich aufgeräumter Film – zumindest strukturell.
Ob Felson dabei seine Selbstachtung wiedererlangt oder die einen Lügen gegen die anderen der Sucht eintauscht, mag ich nicht zu sagen. Im Grunde ist es aber egal, denn für Scorsese und THE COLOR OF MONEY laufen Selbstachtung, Jugend, Energie und Sucht zusammen. Es ist schlicht ziemlich aufgeputschtes Koks-Kino.
Darin findet sich aber eine ungemeine Verletzlichkeit. Von Paul Newmans Blicken, in denen scheue Hoffnung aufblitzt, sobald sich das Talent Laurias langsam in seine Aufmerksamkeit schiebt, zu seinem aufgenommenen Kampf um Contenance bei all den Verletzungen, die das Leben und das Alter für ihn bereithalten, ist geht es nie nur um Energie und Kampfansage gegen das Aufgeben. Seine Stärke und eben die Verletzlichkeit findet sich nämlich in den Blicken Scorseses (Kamera: Michael Ballhaus) auf einen wunderbaren Paul Newman, der die Melancholie eines geschlagenen Hundes und der Angriffslust eines Straßenköters in seinen Blicken und Bewegungen zu vereinen weiß. Die Musik und der Schneid, der darin liegt, z.B. die Trainingssequenz höchst absurd beim Augenarzt zu beginnen, ergeben den Rest.

Dienstag 08.11.

Bringing Out the Dead / Bringing Out the Dead – Nächte der Erinnerung
(Martin Scorsese, USA 1999) [DVD, OF] 2

großartig +

Dass eine Frau (Patricia Arquette) anwesend ist – eine Unschuldige im Wahnsinn, eine zu Rettende, eine, die einen rettet – verleitet Scorsese zu einem hoffnungsvollen Abschluss und zu einer Linie in einem Film, der ohne Ausweg, glaube ich, besser gewesen wäre. Denn als Sumpf geistiger Zerrüttung und mit New York als unentrinnbarer Apokalypse, also als Film, der nicht eskaliert, sondern von der ersten Minute am Ende ist, als Komödie über das soziale, gesellschaftliche, zivilisatorische Ende, über den Moment, bevor wir überschnappen, ist er, denke ich, sehr, sehr toll.

Sonntag 06.11.

Astérix chez les Bretons / Asterix bei den Briten
(Pino Van Lamsweerde, F/DK 1986) [stream] 9

großartig

Leider war der Gag 1986 veraltet, dass in Londinum bei Ankunft von Asterix und Obelix gerade eine pilzköpfige Band gefeiert wird. Obwohl es schon auch toll gewesen wäre, es einfach so zu verwenden, weil ich als Kind auch etwas ratlos war, worauf das nun anspielt. Das eine Bild des gesamten Albums ist mir wohl auch deshalb am präsentesten.

소설가의 영화 / The Novelist’s Film
(Hong Sang-soo, ROK 2022) [stream, OmU]

gut

Es soll Kinos geben, die diesen Film zeigen. Ich finde, dass dies gute Kinos sind. Hier läuft er nicht, weshalb ich eben Soju trinke und Quatsch erzähle … bei critic.de.

Sonnabend 05.11.

지금은맞고그때는틀리다 / Right Now, Wrong Then
(Hong Sang-soo, ROK 2015) [blu-ray, OmeU] 2

fantastisch

Dass die Version der zweimal variiert erzählten Geschichte, in der sich Hauptfigur Ham Chun-su (Jung Jae-young) betrunken vor flüchtigen Bekannten entkleidet und zum Löffel macht, die als richtig eingestufte ist, zeugt von der Qualität dieses Films.

Sadie Thompson / …aber das Fleisch ist schwach
(Raoul Walsh, USA 1928) [vhs, OZ, ł]

großartig

Da die letzte Rolle – oder waren es gleich zwei? – verschollen sind/zerstört wurden, weil dort Sex – wenn nicht gar eine Vergewaltigung – Teil der Geschichte werden, habe ich eine Version gesehen, die Standfotos und einen Ausschnitt aus RAIN zwischen die wieder erstellten Zwischentitel packten, um den Film doch noch zu Ende zu bringen. Es ist sehr schade, dass die Poesie des Reißerischen so trübe vor der Wand der Ruinen des Films landet.

Poor Cinderella k
(Dave Fleischer, USA 1934) [blu-ray, OF]

gut

Betty Boop und der Prinz mit seinem felsigen Torso und seinen dünnen Armen empfinde ich nicht als Figuren einer Liebesgeschichte, sondern eines Alptraums. Ansonsten: das Rot und die Gestaltung von allem, außer den Hauptfiguren sind wunderschön.

Rain / Regen
(Lewis Milestone, USA 1932) [blu-ray, OmeU] 2

fantastisch

Drei Beobachtungen zu RAIN im Vergleich zur Walshs Verfilmung des Stoffes von 1928:
1. Lionel Barrymore in der Rolle des fanatischen Reformers Alfred Davidsons ist eines der Highlights von SADIE THOMPSON. Den Wahn lässt er gleich Feuerbällen aus seinen Augen schnellen. Walter Huston ist in der gleichen Rolle weit weniger expressiv und teuflisch. Zuweilen, wenn er sich in seine Gebete rettet und sich zum Ganzkörperphallus in der Brandung der Leidenschaften versteift, ist er verletzlicher und verzweifelter. Was ihn in meinen Augen gleichzeitig menschlicher und bedrohlicher macht. Es passt auch eher zu seiner puritanischen Biederkeit … und vor allem fängt es Klaus Theweleits Theorien der Verfasstheit der faschistischen Psyche wunderbar ein.
2. Joan Crawford wiederum spielt 1932 um einiges expressiver als Gloria Swanson 1928. Während Swansons Gefühlslage sichtlich Trägheit besitzt und sich nicht so schnell ändert – für eine Änderung braucht es stets eine Motivation in der Handlung –, da ist Crawford ein emotionaler Tornado. Ständig. Von einem Moment auf den anderen, als ob nur das Streifen eines Gedankens ihre Verfasstheit umstürzen kann, wird aus einem selbstbewussten, provokanten Harlot, die Milestone mit dem Eindringen ihrer Arme voll klimpernden Schmuck und Dekadenz ins gesittete Bild einführt, einführt mit Blicken eines Entsetzens und Überwältigtwerdens, aus dieser wird also eine von ihren Zweifeln und Ängsten Getriebene und Zerfließende. Ihre emotionale Palette gleicht oberflächlich einem wild drehenden Glücksrad. Mit dieser Verschiebung erzählt RAIN nicht nur vom Opfer und vom Täter, sondern macht die Figuren porös und mehrdimensional. Weshalb in Milestones Film eben die Möglichkeit anklingt, dass hinter Sadie Thompsons zwischenzeitlicher (und hier auch viel weniger aus der Handlung motivierter) Bekehrung unter dem Terror des Hetzers eine Taktik lauert und dass Davidson nicht unter dem ewigen Prasseln des Regens seiner Lust und seiner Bigotterie zusammenbricht, sondern dass Sadie ihn heimtückisch verführt und zerstört. Womit Sadie nicht nur als Opfer lesbar wird, sondern als jemand, der sein Schicksal in die eigene Hand nimmt und den emotionalen Krieg strategisch gewinnt.
3. Kamera (Oliver T. Marsh) und Schnitt (Duncan Mansfield) sind in RAIN um einiges dynamischer, pointierter und weniger prosaisch als bei SADIE THOMPSON. Die Gegenüberstellung der beiden Filme ist ein schönes Beispiel dafür, wie sehr die Mär vom Tonfilm, der die optischen Gestaltungsmöglichkeiten seines Mediums limitierte und zurückwarf, eben doch nicht so einfach stimmt.

Freitag 04.11.

Als ich tot war m
(Ernst Lubitsch, D 1916) [blu-ray]

ok +

Ein Mann täuscht seinen Tod vor, um unbemerkt als Diener im eigenen Haus angestellt zu werden, wo er dann seine Schwiegermutter verführen möchte, um etwas gegen sie in der Hand zu haben und sie mundtot zu machen. Das Erotikthriller Remake aus den 90ern oder die beklemmende Horrorsexfilmvariation von David Croneberg würde ich sehr, sehr gerne sehen.

The Predator / Predator – Upgrade
(Shane Black, USA/CA 2018) [stream, OmeU]

nichtssagend

DIE GLORREICHEN SIEBEN trifft auf THE DREAM TEAM trifft auf PREDATORS. Ab und zu habe ich auch gelacht.

Donnerstag 03.11.

The Adam Project
(Shawn Levy, USA 2022) [stream, OmeU]

ok

Das ist wahrscheinlich ein ziemlich schöner Film, nur habe ich seit DEADPOOL ein grundlegendes Problem mit (dem Humor von) Ryan Reynolds und schon länger eines mit Filmen, die in der Zukunft spielen und einen Soundtrack aus dem Besten der 60er, 70ern und 80ern besitzen. Hier ergibt es vll. ebenso Sinn wie das idyllische Haus der Familie, das wie eine digitale Projektion aussieht, weil es hier um Zeitreise geht und darum zurückzukommen und das verlorene Paradies der Kindheit wiederzuerwecken, aber hach … ich kann da gerade noch nicht über meinen Schatten springen.

Mittwoch 02.11.

Southpaw
(Antoine Fuqua, USA 2015) [stream, OmeU]

großartig

Ein als Boxfilm getarntes Vater-Tochter-Melodrama, in dem Boxweltmeister Billy Hope (Jake Gyllenhaal) mit seiner fast schon allumfassenden Hilflosigkeit außerhalb des Rings zu kämpfen hat. Das Problem ist deshalb nicht den Titel wieder- oder einen Kampf zu gewinnen, denn: sobald das Blut aus Billy Gesicht fließt und das Adrenalin durch seinen Körper pumpt – und beides wird nicht wenig fließen und pumpen –, ist für ihn alles in Ordnung und verständlich. Das Problem ist es den Kampf des sozialen Lebens anzunehmen und sich nicht auf Muskeln und andere Leute zu verlassen. Es geht darum, den Graben zwischen der Hyperpotenz im Ring und der Impotenz im Leben einzuebnen. Und in den Blicken der Tochter, den Montagen der Heimbesuche, die mehr als das Boxtraining zelebriert werden, und Gyllenhaals Wandel zwischen den Sphären ist SOUTHPAW unter Blut, Schweiß und Tränen eine herzallerliebste Schnulze … und damit quasi das Gegenteil fast aller ROCKY-Filme, in denen der Sohn durchgängig der Punchingball der Karriere Rockys ist.

Dienstag 01.11.

絶倫海女しまり貝 / Horny Diver: Tight Shellfish
(Fujiura Atsushi, J 1985) [DVD, OmeU]

nichtssagend

Das Konzept war ja grob gesagt, dass die Filmemacher bei Roman Pornos und Pinkfilmen machen können, was sie wollen, nur alle zehn Minuten müsse mal etwas Sexuelles geschehen. Bei HORNY DIVER: TIGHT SHELLFISH hat offenbar niemand daran Interesse, irgendetwas anderes als Kopulation geschehen zu lassen. Nackte Frauen, akrobatischer Sex, zärtlicher Sex, sexuelle Gewalt, obszön aussehende Meeresfrüchte: irgendwo in den dünnen Fugen dieses selten erotischen Sexbuffets gibt es den Hauch einer … naja … Geschichte.

Oktober
Montag 31.10.

Hui Buh, das Schlossgespenst
(Sebastian Niemann, D 2006) [stream]

nichtssagend

Christoph Maria Herbst und Bully, hier kommt zusammen, was zusammengehört. Und mit Wohlwollen habe ich registriert, dass Lotti Z., die den Trailer für die Fortsetzung, die irgendjemand nach all den Jahren für nötig hielt, sehr oft im Kino gesehen hat und dies deshalb sehen wollte, nach geraumer Zeit das Interesse am Film verloren hat und anfing sich anderweitig zu beschäftigen.

BBC Play of the Month – The Love-Girl and the Innocent
(Alan Clarke, UK 1973) [blu-ray, OmeU]

gut

Ein Gulag, in dem alle mit breitem englischen Akzent reden und sich mit Mate ansprechen. Unter ihnen Patrick Stewart. Es ist das Interessanteste in dieser Verfilmung eines Stücks von Alexander Solschenizyn, in dem jemand erzählt, dass es keine Diktaturen gäbe, gäbe es keine Familien, in dem aber niemand Familie hat und es nur wenig Liebe und Zweisamkeit gibt, und trotzdem alle sich in das System von Korruption und Ausbeutung eingliedern (müssen). Und in dem die blühenden Landschaften des Kommunismus im Matsch feststecken und gesichtslose Baustellen sind.

Der brave Sünder
(Fritz Kortner, D 1931) [DVD]

großartig +

Irrsinniger Beamter bringt das Geld seiner Firma durch. Die Vermählung des Heinz Erhardt-Aufgelöstseins eines gutbürgerlichen Deutschen mit dem rasenden, irrationalen Wahnwitz von BRINGING UP BABY. Eigentlich müsste dieser Wahnsinn unerträglich sein, aber die Qual des humoristischen Schlaghammers wird durch mitunter sensationelle Dialoge (Heinz Rühmann zu seinem Chef, der neben einer afrikanischen Barsängerin aufwacht: Haben sie hier geschlafen? / Leopold Pichler (Max Pallenberg), sein Chef: Einiges spricht dafür.), die ständige Ausweitung des Chaos an immer neue Orte des Zerfalls bürgerlicher Moral und Obrigkeitshörigkeit, die ständige Einbindung von expressiven Impressionen, sprich: das Auge für die Details des Wahnsinns, die groß ausgestellt werden, und durch eine Eröffnungsszene für die Ewigkeit, in der ich mich durchaus wiederfinde, … durch dies wird die Qual eben zur perversen Freude. Wieso irrsinnig?!

Sonntag 30.10.

Die kleine Hexe
(Michael Schaerer, D/CH 2018) [stream]

gut

Ein entspannter, gutherziger Film, der aber die mit ihren Pupsen zaubernde Hexe zu kurz kommen lässt.

The Bigamist / Der Mann mit den zwei Frauen
(Ida Lupino, USA 1953) [blu-ray, OF]

gut +

Weniger reißerisch, als der Titel vermuten lässt, schlittert ein Mann (Edmond O’Brien) in zwei Ehen, weil er den Frauen seines Lebens (Joan Fontaine & Ida Lupino) nicht wehtun möchte. Und so stellt THE BIGAMIST eben zwei ideelle Leben nebeneinander, die nur dadurch getrübt werden, dass zwei Ehen ungesetzlich sind. In seiner mitfühlenden Arglosigkeit fast schon ein Werbefilm für Bigamie.

Silip / Daughters of Eve
(Elwood Perez, PH 1985) [blu-ray, OmeU]

fantastisch

Ein Dorf im philippinischen Nirgendwo. Darin: Selda (Sarsi Emmanuelle), eine meist grenzhysterische Katholikin, welche die Steinigung ihrer Mutter nicht verwunden hat und die ihre sie überkommende Lust nicht mit dornigen Peitschen bekämpft, sondern mittels eines durchgedrehten Wet-T-Shirt-Contests, der die Geißelung ihrer Vagina durch heißen Sand beinhaltet. Ihre Freundin Tonya (Maria Isabel Lopez), die aus der Großstadt wiederkommt und Selda mit der Vorführung ihrer erreichten sexuellen Freiheit/Freizügigkeit foltern möchte. Simon (Mark Joseph), der Kindern zeigt, wie Ochsen richtig abgeschlachtet werden und der die Dorffrauen mit seinem Körper verrückt macht … und über den sich Selda und Tonya einst entzweiten. Mona (Mira Manibog), die nicht erträgt, dass sie nur Simons Körper und Verachtung haben kann und deren Hysterie nicht nach innen oder auf sich gerichtet ist, sondern sich in Hass, Wut und Niedertracht nach außen äußert, … und deren Sohn darunter leidet, wo öffentlich sie wenig liebevollen Sex mit Simon hat.
Das Dorf ist dabei lediglich der Hintergrund aus Sex und brutaler, jeden bedrohender Ausgrenzung sowie Hort einer Kinderschar, die zwischen praktisch im Dorf gelebter Lust und schweigend eingeforderten Tabus, zwischen katholischer Raserei und greifbaren Bluträuschen zerrieben wird.
SILIP ist dabei gleichzeitig Fiebertraum, wütende Verunglimpfung und rauschhafte Andacht über Sex, Tod und die in Menschen wohnend und gierig ausgelebte Gewalt. Ein Gleichnis, dass nicht mit moralischen Lehren aufwartet, sondern dem Gefühl der Gefangenheit unter den Menschen und unter den eigenen geistigen und körperlichen Verfasstheiten, das einem von der hohen Kanzel tief ins Fleisch und das Gemüt geschlagen wird. Ein Gleichnis, dass sich gleichsam langsam (erzählerisch) und wild (inhaltlich) aufbaut und zu einem reißenden Strom multidimensionaler Entladungen entgleisender, bildgewaltiger Zerstörung von Menschen und Seelen anhebt.

Sonnabend 29.10.

Never Fear / Lügende Lippen
(Ida Lupino, USA 1950) [blu-ray, OF]

großartig

Abermals ein Themenfilm. Dieses Mal geht es um Polio und darum sich nicht hängen zu lassen, sondern den Kampf um die verlorene Normalität anzunehmen, um wieder laufen zu können. Lupino geht NEVER FEAR dabei optisch expressiver und verspielter an als NOT WANTED. So kommentiert beispielsweise das herumstehende Bildnis eines Fauns die entstehenden Beziehungskrisen zwischen Guy (Keefe Brasselle), der für seine Geliebte da sein will, und Carol (Sally Forrest), die wiederum keine Opfer annehmen möchte. Oder die Angst vorm eigenen Glück wird zum Polioanfall inszeniert, der das Bild des Geliebten schwammig und wabernd werden lässt. Vielleicht liegt es an dieser Expressivität, die das nach Eindeutuigkeit strebende Geschehen mit Zweideutigkeiten subvertiert. Womöglich ist es aber auch einfach darin begründet, dass das Drehbuch sich nicht auf den Kampf gegen Polio einschränken möchte. Jedenfalls ist in NEVE FEAR viel mehr los als die Betroffenheit und die Motivationsreden, die so gewichtig daherkommen, dass sie alles andere in den Schatten zu stellen drohen. Die Hysterie, mit der Carol auf Rückschläge, aber auch auf Liebe reagiert, wie der Film ihr Liebesleben als Achterbahnfahrt zwischen Tänzer Guy und edlem Polioerkrankten Len (Hugh O’Brian), dem Idol aller Tristkinder der Station, macht, in seiner Zerrissenheit zwischen der Glorifizierung von unbedarfter Nettigkeit und dem allgegenwärtigen Zurückschrecken vor einem selbstständigen Leben ohne Krücken, ist immer viel mehr los an Melodrama und Aberwitz als die Simplizität, die einem am offensichtlichsten verkauft wird.

극장전 / Tale of Cinema
(Hong Sang-soo, ROK/F 2005) [blu-ray, OmeU]

großartig +

Nicht als Spiegelessay über den Einfluss der Fiktion auf die Realität und vice versa ist TALE OF CINEMA so toll, sondern als Film über Leute, die mit ansehen, wie jemand wieder nicht aus der eigenen Haut kann und sich eben so dämlich wie eh und je benimmt. Darüber wie anstrengend dies ist. Wie locker das Beistehen mit etwas Gewitztheit gelöst werden könnte. Wie verbiestert einige dadurch werden. Und wie wir als Zuschauer (im Kino oder wenn wir uns bei unseren eigenen Taten beobachten) uns zwangsläufig an die Stirn schlagen müssen. Wie schwer es ist, dieses Leben so zu ertragen … und wie witzig es ist.

Freitag 28.10.

Home Alone 2: Lost in New York / Kevin – Allein in New York
(Chris Columbus, USA 1992) [blu-ray] 13

großartig

Das ist sicherlich mehr oder weniger eine Eins-zu-eins-Kopie des ersten Teils, welchen Lotti Z. (6 Jahre) wiederum im Ferienhort gesehen hatte und der ihr so gut gefallen hat, dass sie sehr erfreut war zu erfahren, dass der zweite Teil in der heimischen Sammlung vorhanden ist. Und tatsächlich mag ich, dass er gar nicht so sehr versucht zu variieren, sondern nur den Ort und die Personen ändert, dass er höher, schneller, weiter das Gleiche nochmal ist. Das ist zwar nicht der originellste Ansatz, aber als Slapstickschnulze über Einsamkeit und die Schönheit von Cartoongewalt funktioniert er für mich immer noch.

오! 수정 / Virgin Stripped Bare by Her Bachelors
(Hong Sang-soo, ROK 2000) [blu-ray, OmeU]

gut

Die frühen Filme von Hong haben ein Handicap und das heißt 35mm. Zu warm und anschmiegsam fühlt es sich an. Die Kälte und Entfremdung wird schlicht nicht spürbar wie später. Und bei VIRGIN STRIPPED BARE BY HER BACHELORS kommt hinzu, dass er sich lange wie ein US-Indie-Film seiner Zeit anfühlt, wie ein 1980er Jahre Jim Jarmusch.
Zuerst gibt es die Fragmente einer dysfunktionalen Dreiecksbeziehung, die davon leben, dass der hier im Mittelpunkt stehende, gut betuchte Regisseur Jae-hoon (Jeong Bo-seok) zwischen sympathischer Verpeiltheit und übergriffiger Intensität changiert. In der Mitte springt VIRGIN STRIPPED BARE BY HER BACHELORS dann zurück und zeigt Bekanntes nochmals. Nur unterscheiden sich die Szenen prägnant. Zum Beispiel muss beim Trinkgelage nun jemand anderes kotzen. Und überhaupt wird die Reihenfolge der einzelnen Geschehnisse variiert … und Auslassungen sowie neue Sachverhalte kommen hinzu. Erst in dieser Wiederholung, Variation, in dieser Suche nach und Aufbrechung der Realität geht es um mehr als skurrile, nette zwischenmenschliche Momente.
Das Faszinierende dieser Struktur ist, dass die Wiederholungen mit der Zeit wieder aus den Augen verloren werden und der Film auf seine Straße einfährt, um wieder bei Jae-hoons Sexualität anzulangen … die in einer Szene gipfelt, in der er immer wieder betont, dass er vorsichtig sein und es nicht wehtun werde, während Soo-jung (Lee Eun-ju) ungeachtet der Versicherungen vor Schmerzen schreit. Als werde der Film vom Reißerischen und Niederträchtigen angezogen, worüber er seinen Ansatz der vielen Perspektiven aus den Augen verliert.

Donnerstag 27.10.

Rheingold
(Fatih Akin, D 2022) [DCP]

gut

Bei critic.de habe ich versucht zu argumentieren, dass RHEINGOLD versucht das Feeling eines Rapsongs zu imitieren.

Bros
(Nicholas Stoller, USA 2022) [DCP, OF]

großartig

Der vll. nicht ganz gelungene BROS hat mir doch sehr gefallen, weil sein Misslingen Teil seiner unbefriedigenden Suchen nach Normalität ist … wie ich bei critic.de schreibe. Was nicht erwähnt wird: Ganz witzig bis vielsagend ist, dass wiederholt erwähnt wird, dass es die Geschichte einen schwulen, weißen, cis Mannes ist und er damit quasi im Mainstream aufgenommen wurde, während alles andere der LGBT+-Sphäre nur Randphänomen bleibt.

Mittwoch 26.10.

밤의 해변에서 혼자 / On the Beach at Night Alone
(Hong Sang-soo, ROK 2017) [blu-ray, OmeU]

großartig

Nach manchen Filmen und (Alp-)Träumen muss das bittere Gefühl des eben Erlebten erst einmal abgeschüttelt werden – obwohl es uns nicht direkt wiederfahren ist. Die emotionale Trägheit hat uns im Griff wie der Kater nach einem Rausch. Unsere Hauptfigur (Kim Min-hee) wird einmal in ON THE BEACH AT NIGHT ALONE nach einem Schnitt im Kino sitzen und ein anderes Mal am Strand aufwachen, einmal nach der surrealen Krönung eines tristen Abends in Hamburg, das andere Mal nach einem alkoholgeschwängerten Streitgespräch-Seelenstriptease zweier Exgeliebter im Umkreis von Unbeteiligten. Fast ist dies wie eine Utopie, dass der Alltag und unsere Probleme irgendwann eben nur noch diese Schatten sein können, die mit etwas Realität abgeschüttelt werden können.

Killing Them Softly
(Andrew Dominik, USA 2012) [blu-ray, OmU]

gut

Ein politisches Gleichnis, das davon erzählen möchte, dass keine grauen Eminenzen, sondern genauso trottelige Menschen wie wir unsere Geschichte lenken, und das in der Form einer Guy Ritchie-Räuberpistole steckt – mit etwas Arthousebouquet in der Bildgestaltung: Auf die Idee muss auch erst einmal gekommen werden.

Dienstag 25.10.

Meet the Robinsons / Triff die Robinsons
(Stephen J. Anderson, USA 2007) [stream]

ok

Mir fallen zu MEET THE ROBINSONS nur die ganzen Probleme mit Zeitreisen ein, die das Drehbuch recht einfach hätte umschiffen und nutzbar hätte machen können. Diese grell knuffige und nicht sehr ansehnlich am Computer animierte Variante von TERMINATOR (2) hatte sonst leider nichts, was bei mir hängen blieb.

Dunkirk
(Christopher Nolan, UK/USA/F/NL 2017) [blu-ray, OmeU] 2

großartig

Nachdem ich mich beim Wiedersehen mit INCEPTION doch sehr gelangweilt habe, war ich überrascht, wie sehr mir DUNKIRK bei dieser zweiten Sichtung gefallen hat. Die Konzentration auf die Kinetik, auf die Bewegungen und deren Sackgassen, und der Verzicht auf große Kniffe und Konzepte, geben dem Ganzen eine angenehme Leichtigkeit, etwas Menschliches. Es ist Nolan und trotzdem kein Gimmickkino.

Montag 24.10.

Not Wanted / Verführt
(Elmer Clifton, Ida Lupino, USA 1949) [blu-ray, OF]

gut

Sehr schön finde ich die Geschichte, dass Ida Lupino NOT WANTED geschrieben hatte, aber lediglich produzieren wollte. Der angeheuerte Regisseur Elmer Clifton erlitt aber schon früh während der Dreharbeiten einen Herzinfarkt und kurierte sich den Rest des Drehs mehr oder weniger in seinem Stuhl aus, während Lupino den Laden schmiss. Einen Credit für den unfreiwilligen Start ihrer Regiekarriere hat sie sich trotzdem nicht gegeben.
Ansonsten handelt es sich bei NOT WANTED um ein uns warnen und betroffen machen sollendes Sozialmelodrama, dass davon lebt, dass die Hauptfigur weniger Opfer ist als jemand, der zu seinem Happy End und der Liebe zum freundlichsten aller Grinsen, dem von Keefe Brasselle, gezwungen werden muss. Wobei der Film wiederum völlig absurde Bereiche erreicht, um ihre amouröse Trägheit nachvollziehbar zu machen, wenn der, der noch geliebt wird, auch wenn er sich schon als Egoist und Arschloch erwies, am Klavier sitzen und von seinem existentiellen Weltschmerz referieren darf, während der sie brav Liebende, den sie nicht wirklich als Liebhaber wahrnimmt, ihr freudig strahlend seine Modelleisenbahn zeigt.

여자는 남자의 미래다 / Woman Is the Future of Man
(Hong Sang-soo, ROK 2004) [blu-ray, OmeU]

großartig

Zwei Freunde treffen sich und suchen spontan wie betrunken eine Frau auf, mit denen beide vor Jahren eine Beziehung hatten. Die Liebe Hongs zu Plotstrukturen mit dualen Aufteilungen und fiktiven Brechungen besteht in WOMAN IS THE FUTURE OF MAN darin, dass die beiden unterschiedlichen Beziehungen als Rückblenden gezeigt werden, wenn der sich jeweils Erinnernde gerade allein gelassen und kontemplierend gezeigt wird. Es sind aber nicht diese Elemente der Erinnerung, die den Film strukturieren, sondern erhält er seine Form durch das Wegfallen der klaren Strukturen. Es scheint klar, wo wir uns hinbewegen, so offenkundig erscheint alles … und dann finden wir uns doch plötzlich in einer Sackgasse vor der Wand, dem sogenannten Ende, und es ist schwer zu sagen, wann WOMAN IS THE FUTURE OF MAN die entscheidende Abbiegung genommen hat. Der langsame und doch plötzliche Auffahrumfall, der dieser Film ist, krönt aber nur die brutalen Auffahrumfälle, die sich hier vollziehen – das selbstgerechte Gemecker, die mit oder ohne Alkohol sehr vernebelten sozialen Fähigkeiten unserer Protagonisten, die bestenfalls unangenehme Reinigung einer vergewaltigten Frau durch unbeholfenen, egoistischen Sex.

Sonntag 23.10.

강변호텔 / Hotel by the River
(Hong Sang-soo, ROK 2018) [blu-ray, OmeU]

großartig

Ein alternder Schriftsteller trifft sich mit seinen beiden Söhnen in einem Hotel, in welchem auch zwei Frauen Trennungen verarbeiten. Auf der einen Seite stehen die, die gegangen sind bzw. die die krampfhaft bis verzweifelt nach der gemeinsamen Anwesenheit suchen, auf der anderen Seite die Zurückgelassenen. Das ewig Kalte der Hong Sang-soo-Filme ist hier zu einem Weiß geworden, in dem sich alles verliert. Es ist wie eine Endstation, in dem Katzen im Schnee wichtiger scheinen, als die Leute, die zwar reden, aber nicht mehr zueinander vordringen können.

Malignant
(James Wan, USA 2021) [blu-ray, OmeU]

verstrahlt

Nirgendwo macht sich halbwegs anständiges Schauspiel bemerkbar. Das Drehbuch prescht gleich los und tritt dann in ständigen Variationen des Gleichen (James Wan-Horror-Einmaleins) auf der Stelle. Die Orte scheinen liederlich zusammengeschusterten Computerspielen zu entstammen und ergeben keine Welt, sondern Level, zwischen denen Nichts existiert. Alles an MALIGNANT erscheint falsch, wirkt künstlich. Lange verheimlicht er es, aber tatsächlich gehört die hässliche Fragmentierung einer fragwürdigen Welt zu den Qualitäten eines Films, der auf eine sensationelle Versinnbildlichung von entfremdeter, zersplitterter Weltwahrnehmung zusteuert.

Sonnabend 22.10.

The Hunchback of Notre Dame / Der Glöckner von Notre Dame
(Gary Trousdale, Kirk Wise, USA 1996) [stream]

großartig

Nach einigen der populärsten Soundtracks ihrer Zeit wurde sich bei diesem Disneyfilm für einen altbackenen Musicalsoundtrack entschieden, der daran grenzt, fürchterlich zu sein. Als Ausgleich dafür gibt es optische Opulenz, wenn ein xenophober, faschistischer, grenzenlos selbstgerechter Richter Paris in Flammen steckt, weil er auf eine verbotene Frucht – eine sinnliche Roma – geil ist. Dinge, die so ausladend wohl auch noch nicht in einem Kinderfilm verhandelt wurden. Dazu noch eine paar schöne Motive über die Gleichheit vom Buckligen mit der schönen – d.i. hier kindlichen – Seele und dem äußerlich schönen Soldaten, der durch sein Soldatensein auf der Seite des Bösen zu stehen scheint, aber ebenso eine Seele aus Gold besitzt. Fertig ist der erstaunlich schöne Film.

Frenzy
(Alfred Hitchcock, UK 1972) [DVD, OmeU] 2

großartig

Bei Hitchcocks erstem Thriller nach seiner Rückkehr aus Hollywood, seinem vorletzten überhaupt, handelt es sich gewissermaßen um ein typisches Alterswerk. Das dies das Werk eines der stilprägenden Regisseure seiner Zeit ist, ist auf den ersten Blick kaum sichtbar. Er sieht tatsächlich ein wenig nach Fernsehen aus. Die Geschichte des Unschuldigen, der für einen Serienmörder gehalten wird, ist zudem eher routiniert abgespult. Statt seine Meisterschaft also weiter auszustellen, lässt Hitchcock seinen anderen Tendenzen – denen des alten Manns mit der schmutzigen Phantasie und dem makabren Sinn für Humor – stellenweise freien Lauf. Und vor allem ist FRENZY ein melancholischer, pessimistischer, müder (im Sinne von: in Richtung von Hoffnungslosigkeit strebender) Film.
Der Unschuldige (Jon Finch) besitzt nicht den unendlichen Charme eines Gary Grant und ist auch nicht von so subtiler Brutalität wie James Stewart, bei dem sie unter einlullender Normalität verborgen lauert. Er ist jähzornig und ein Alkoholiker, der keinen Platz im zivilen Leben findet. Kurz: Er ist ziemlich heruntergekommen und verständlicherweise der erste Verdächtige.
Bei den beiden großen Szenen des Films handelt es sich um eine derbe Vergewaltigung von düster-perverser Poesie – spürbar nutzt Hitchcock überhaupt seinen größeren Freiraum in Bezug auf nackt Haut gern wie wenig stilvoll – und eine Fahrt auf einem Kartoffellaster, bei der der Täter (Barry Foster) sein schon entsorgtes Opfer wieder aus einem Kartoffelsack hervorkramt, um ein Indiz seiner Identität an sich zu bringen, wobei er damit zu kämpfen hat, dass die Leiche sich wie in einem ZAZ-Film wehrt, der Laster auf der Landstraße dahinsaust und der Täter mit letztem Nerv dagegen ankämpft, entdeckt zu werden.
Am besten sind aber die Familiendiners von Inspektor Oxford (Alec McCowen), die FRENZY zuvorderst zum desillusionierten, bitter humorvollen Film über Ehen und Beziehungen macht, die in ihren tristen Sackgassen angelangt sind. Am Essentisch bespricht Oxford mit seiner viel hellsichtigeren Frau (Vivien Merchant) den Fall, während sie ihn für die fehlende Leidenschaft in der Ehe mit den ekligsten Speisen der Nouvelle Cuisine – u.a. Aal- und Fischsuppe und Schweinefuß – quält. Die Liebe zwischen den beiden ist noch da, aber sie findet keine Form des gemeinsamen Auslebens mehr. Es ist die am liebevollsten ins Licht gerückte der diversen grimmigen Ehen, die wie FRENZY im Ganzen ambivalent, bitter, gemein und zwischen den Zeilen unendlich traurig sind.

Freitag 21.10.

Lachende Erben
(Max Ophüls, D 1933) [blu-ray]

großartig

Heinz Rühmann darf einen Monat keinen Alkohol anrühren, möchte er das Weingut seines Onkels erben, während um ihn alle hemmungslos saufen und während ihm die abstinenten Verwandten Rum unterjubeln wollen, damit er nicht erbe, sondern sie. Alles in blühenden Weinrebenlandschaften und Lausbubenstreichen.

Mädchenjahre einer Königin
(Ernst Marischka, A 1954) [stream]

ok

Als bizarre Schnulze, in der eine wohlbehütete Königstochter sich ohne großes Drama in den Hofintrigen zurechtzufinden lernen muss und deshalb ihren Premierminister eine Frage wie Was ist denn Vergewaltigung? stellt – weil so ihre Weltfremdheit am plastischsten vermittelt zu sein scheint –, ist MÄDCHENJAHRE EINER KÖNIGIN ein verstrahltes Vergnügen. Wenn 1954 in einem österreichischen Film aber fröhliche Witz über die Verursachung von Weltkriegen gemacht werden und sich eine britische Königin einen deutschen Gatten aussucht, weil er deutsche Ordnung ins Reich bringen werde und es ihr beweist, indem er ihren netten Diener autoritär anschreit, dann wird mir doch etwas anders.

Hustle
(Jeremiah Zagar, USA 2022) [stream, OmeU]

gut +

Dass HUSTLE kurz nach UNCUT GEMS entstand, spielt ihm in die Karten. Denn auch wenn sich das Happy End von Beginn an abzeichnet – und sich dann auch mehr als Wunscherfüllung, denn aus der Geschichte heraus vollzieht – steckt in den Entscheidungen von NBA-Scout Stanley Sugarman der Wahn von Sandlers Diamantenhändler Howard Ratner. Spannung und Fallhöhe sind in der simplen, sich ohne große Überraschungen vollziehenden Ode an Basketball und Mentorenschaft deshalb trotzdem äußerst ausgeprägt.

Donnerstag 20.10.

The Man Who Knew Too Much / Der Mann, der zuviel wußte
(Alfred Hitchcock, USA 1956) [blu-ray, OF] 2

gut +

Der wunderschöne Kommentar Lukas F.s bei Letterboxd und der Umstand, dass mir Hitchcocks frühere Version so gut gefallen hat, haben dazu geführt, dass ich THE MAN WHO KNEW TOO MUCH wieder sehen wollte. Beim ersten Mal war ich sehr enttäuscht, dieses Mal habe ich ihn genossen, auch wenn der letzte Funke nicht überspringen wollte. Möglicherweise, weil ich den unfertigen Hitchcock mehr mag als den vollendeten.
THE MAN WHO KNEW TOO MUCH wurde 1956 ziemlich heruntergekocht. Statt auf optische Opulenz und Expressivität sowie psychosexuelle Abgründe konzentriert sich Hitchcock auf einen Thriller, der auf eine ziemlich sachliche Form setzt. Es beginnt in Marokko, also in einer Fremde, in der alles bedrohlich scheint. Es endet an einer Oper und in einer Botschaft, wo Pistolen für surreale Alptraumbilder sorgen, wenn sie aus dem Verborgenen auftauchen und mit dem Tod drohen, oder wo Doris Days Stimme – mal als Entsetzensschrei, mal als öffentlicher Schlagergesang nur für ihren entführten Sohn – gegen den Tod ankämpft. Dazwischen: Tingeln durch London mit einem absurden Ausflug zum Taxidermisten, einer Finte, und dem Kauern vor einem falschen Gott.
Unter diesem Thriller brodelt womöglich ein Ehedrama. Die britische Starsängerin Jo (Doris Day) hat ihre Karriere für die Ehe mit dem US-amerikanischen Arzt Ben (James Stewart) aufgegeben. Der Film hält einige amüsante und launische Marker bereit, inwiefern sie glücklich mit ihrer Entscheidung ist. Aber auch hier verwehrt sich Hitchcock der großen Geste und bleibt sehr vage. Oder eben offen und subtil.
Das Problem, das ich mit dem Film vll. habe, ist nicht seine Ruhe und Unaufgeregtheit im Verfolgen seiner Abläufe, sondern dass mir der Mittelteil in London – außer den Gästen aus Jos altem Leben – nicht so viel geben möchte.

Mittwoch 19.10.

The Breaking Point / Menschenschmuggel
(Michael Curtiz, USA 1950) [blu-ray, OF]

großartig

Als Thriller des Bootskapitäns Morgan (John Garfield), der, um seiner Entmannung zu umgehen, von der er sich durch das Familienleben und ein geregeltes Fischerunternehmen, das sich nicht rentiert, bedroht fühlt, immer männlichere Dinge tut und dadurch schlussendlich seinen Arm/seine Potenz verliert, ist THE BREAKING POINT von Michael Curtiz, dem Regisseur von CASABLANCA, viel näher an der Romanvorlage Hemingways, die bei Hawks zwar wie bei Hemingway hieß, aber nach CASABLANCA aussah. Statt nach Exotik, Hitze und einem korrupten Sumpf sieht THE BREAKING POINT eben aufgeräumt auf. So schön die Bilder sind, so wirken sie auch wie entfremdete Entwürfe einer belebten Welt. Höchstens wenn der Noir mit einer scheinbaren Femme fatal (Patricia Neal), Gangstern und zwielichtigen Anwälten den Film übernimmt, wird die Kälte der Lebenswelt Morgans verschwitzter und heimeliger. Passend dazu Garfield, der nicht wie Bogart über den Dingen steht, sondern bei aller Härte immer so wirkt, als zerbreche er innerlich schon beim kleinsten Druck, als ob der Breaking Point immer schon fast erreicht ist. … und all das ist super, aber nichts gegen das brutale Ende und einem tearjerkenden letzten Bild, das den Film nochmal – mit einem einfachen Handgriff – in eine ganz andere Richtung lenkt und das Geschehene in ein anderes Licht rückt.

Dienstag 18.10.

Little Nicky / Little Nicky – Satan Junior
(Steven Brill, USA 2000) [stream, OF]

gut

In der WG, in der Nicky (Adam Sandler) auf Erden unterkommt, um seine Brüder (ua. Rhys Ifans) davon abzuhalten, die Welt zu unterjochen und zu zerstören, weil ihr Vater, der Teufel (Harvey Keitel), seine Herrschaft in der Hölle nicht aufgibt, in dieser WG hängen also Poster von BLOWUP und PSYCHO, von Filmen zweier der zwanghaftesten Regisseure der Geschichte ihres Mediums. Es ist der Hohn. Nicht, weil LITTLE NICKYS sich in der mäandernden Entspanntheit eines Apatow-Films verliert, sondern weil Brill einfach geschehen lässt. Geschehen, dass sich Schauspieler und Drehbuch nur bedingt sich ins Zeug legen. Geschehen, dass dies im Großen und Ganzen das Gefühl einer Pflichtübung nicht ganz abschütteln kann.

Montag 17.10.

Rimini
(Ulrich Seidl, A/F/D 2022) [DCP]

gut +

Rimini im Winter. Der abgehalfterte Schlagersänger Richie Bravo (Michael Thomas) tingelt zwischen verschiedenen Ausprägungen von Leere. Entweder bringen in die Bahnhöfe und kalten Straßen ihn zu großen, überdefinierten Eigenheimen – wie sein Haus, in dem alles mit lebensgroßen Abbildungen seiner selbst zugestellt ist – oder in die weite Anonymität von Hotels – wobei die Bühnen in diesen zwar seinem Ego Platz bieten, auf denen er sich aber verliert, und überhaupt stehen seinen Auftritten Säle entgegen, in denen sich die sehr überschaubaren Zuschauer verlieren und in denen sie möglichst symmetrisch und trüb angeordnet sind. Diese Leere versucht er mit sentimentalen Schlagern und einer umschmeichelnden, seichten, distanzierenden, meist etwas schlüpfrigen Entertainerjovialität zu füllen, mit dem Wissen darum, geliebt zu werden. Und so umgarnt er die weiblichen Fans oder lässt sich für seine sexuellen Dienste bezahlen, damit er Nähe spürt, aber niemanden wirklich an sich heranlassen muss. RIMINI ist ein trauriger Film, in dem jemand Liebe umfunktioniert hat, um sich finanziell dürftig über Wasser zu halten. Und irgendwann taucht seine Tochter Tessa (Tessa Göttlicher) auf und möchte Geld, für die seit Jahrzehnten vorenthaltene Liebe.
Seidls distanzierender Tableaustil ist in diesem Setting dieses Mal äußerst zärtlich und inszeniert diesen einsamen Menschen auf seiner unmöglichen, perversen Suche nach distanzierter Nähe ergreifend schmerzhaft. Hätte er sich nur auf die geradezu zwanghaft eingewebten provokanten gesellschaftspolitischen Motive verzichtet, die gegen Ende den Film bestimmen – wenn Bravos Vater im Altenheim und in geistiger Umnachtung anfängt SS-Märsche zu singen und wenn die Tochter das väterliche Haus nach der fragilen Versöhnung zum Flüchtlingsheim macht – dann hätte er dieses Mal wirklich nicht nur einen nahegehenden Film gemacht, sondern die Nähe auch für sich nicht sabotiert.

Sabotage
(Alfred Hitchcock, UK 1936) [blu-ray, OF] 2

großartig +

Hitchcock treibt sein Spiel mit den wässrigen, verträumten Augen von Sylvia Sidney, deren Figur in einer Ehe steckt, deren Hölle sich dadurch verdeutlicht, dass ihr Mann ein für Geld angeheuerter Terrorist ist, und den Augenbrauen vom Darsteller des Mannes Oskar Homolka, die in expressiven Bildern mehr sprechen dürfen, als Homolka es könnte, die schauspielerisch noch tief in der Zeit des Stummfilms stecken. Dazu Wasserschildkröten in leuchtenden Aquarien, die in dunklen Räumen bestaunt werden, einem Kinosaal, der zwischen der Öffentlichkeit der Straße und dem Heim der Eheleute liegt, und ein fiktiver Film namens Bartholomew the Strangler, mit dem etwas Spaß mit der Verderbung von Kindern durchs Kino betrieben wird. Fertig ist der tolle Film.

Sonntag 16.10.

Meine Chaosfee & Ich
(Caroline Origer, D/LUX 2022) [DCP]

ätzend

Plump, hässlich und enervierend. Aber trotzdem noch ein super Vorwand, um im Kino auf einem Kuschelsitz mit Lotti Z. (6 Jahre) – der der Film gefallen hat – zu sitzen, Nachos zu essen und zu schmusen.

Saboteur / Saboteure
(Alfred Hitchcock, USA 1942) [DVD, OmeU] 2

fantastisch

Einer dieser Filme, in denen der amerikanische Traum nicht einer der Selbstbereicherung ist, sondern einer, der an das Gute im Menschen glaubt. An Demokratie, Zusammenhalt und einem gesunden Zweifel gegenüber den Mächtigen. Und während SABOTEURE mit zunehmender Laufzeit beginnt Reden zu schwingen, statt weiterhin entrückte Zonen der Menschlichkeit zu schaffen, bleibt er trotzdem das verspielte Kleinod, das von Ort zu Ort springt, um kleine Orte zu schaffen, die nicht von Hitchcock dem Suspenseingenieur gefüllt werden, sondern von Hitchcock den Träumer von Träumen. Aber im Grunde ist – was selten genug der Fall ist – dem STB-Eintrag von 2014 I nichts hinzuzufügen.

Sonnabend 15.10.

To Have and Have Not / Haben und Nichthaben
(Howard Hawks, USA 1944) [blu-ray, OF] 2

gut

Ich habe den vor vielen Jahren mal spät abends im Fernsehen gesehen … und bin dabei eingeschlafen. Bei großen Teilen des Films hätte ich schwören können, dass ich das noch nie gesehen habe – und nicht erst gegen Ende. Tatsächlich dauerte es, bis ich mir Bekanntes entdeckte. Die nebelige Menschenschmuggelüberfahrt war noch sehr präsent … und die Ohrfeige, die Kapitän Harry Morgan (Humphrey Bogart) seinem Freund und Alkoholiker Eddie (Walter Brennan) verpasst, kam einerseits aus heiterem Himmel, fühlte sich aber doch an, als ob ich sie regelmäßig schauen würde. Das ist TO HAVE AND HAVE NOT für mich. Ab und zu ein Film wie eine Naturgewalt, der dazu führte, dass ich mir vor Jahren das Buch von Hemingway besorgte, und auf der anderen Seite dieses Surrogat für CASABLANCA und THE BIG SLEEP, die alles, was hier an sie erinnert, besser zur Schau stellen.

Evil Dead
(Fede Álvarez, USA 2013) [blu-ray, OmeU]

großartig

In der Neuauflage begibt sich eine (Jane Levy) der fünf Leute, die ein Wochenende in einer Blockhütte im Nirgendwo verbringen und mit einem Dämonen sowie dem Necronomicon zu tun bekommen, auf Entzug. Gleichzeitig geht es um ihren Bruder (Shiloh Fernandez), der Problemen durchgängig mit Flucht begegnet(e). Und Fede Álvarez‘ EVIL DEAD ist sicherlich weniger Komödie als Sam Raimis Version, aber diese Motive werden nicht genutzt, um thematische Schwere zu erhalten, sondern um die Daumenschrauben der Brutalität der Situationen und des Films anzuziehen. Der Punkt ist eben eine sadistische Erfahrung, bei der (filmisch) Körper und Seelen zerstört werden … auf sinnlich-genüssliche Weise gegen den eigenen Untergang angekämpft wird.

Freitag 14.10.

Pirates of the Caribbean: Dead Man’s Chest / Pirates of the Caribbean – Fluch der Karibik 2
(Gore Verbinski, USA 2006) [35mm]

gut

Ich war sehr froh, dass sich der 35mm-Überraschungsfilm als der zweite und nicht der erste PIRATES OF THE CARIBBEAN erwies. Leider war es aber die synchronisierte Fassung … und gerade da der Film so viel mit Sprache anstellt, fühlte es sich die gesamte Laufzeit wie ein Handicap an. Dafür fand ich sehr schön, wie sehr Tan, Haar- und Lippenfarbe von Keira Knightley aufeinander abgestimmt sind.

Donnerstag 13.10.

Halloween Ends
(David Gordon Green, USA 2022) [DCP, OF]

großartig

Bei critic.de schreibe ich in etwas darüber, das HALLOWEEN ENDS eigentlich ein seltsamer Essayfilm ist, der sich lieber selbst wiederspricht, als dem Zuschauer antworten anzubieten, und der von einem Horrorfilm besessen ist, der sich immer wieder Bahn bricht.

Mittwoch 12.10.

Halloween Kills
(David Gordon Green, USA/UK 2021) [stream, OmeU]

gut

HALLOWEEN ENDS wird das Voice Over aufgreifen, mit dem HALLOWEEN KILLS gegen Ende quasi am Fenster steht und für die Liebe unter den Menschen betet. Dort ist es Laurie, die ein Buch über Erlebnisse schreibt und versucht die Dinge für sich einzuordnen. Hier ist sie es, die uns den Subtext des Films erklärt. Ich glaube, ich schaue KILLS bald wieder, weil er in seiner Blutrünstigkeit und menschlicher Hysterie schon sehr schön ist, nur dieses Ende hat mir die Stimmung verhagelt … gerade weil der Film optisch weiterhin mega ist.

Montag 10.10.

Earwig
(Lucile Hadzihalilovic, B/F/UK 2021) [stream, OmeU]

gut

Ein Film dessen Macher sich in ihrem Können so sehr zu gefallen scheinen, dass sie sich mit ihrer eigenen Geilheit zufriedengeben … was einen schönen Film leider etwas sabotiert. Mehr dazu bei critic.de.

Sonntag 09.10.

金枝玉葉 2 / Who’s the Man, Who’s the Woman
(Peter Chan, HK 1996) [blu-ray, OmeU]

verstrahlt +

Statt einen Weg zu wählen, wie sich die Fortsetzung erzählerisch rechtfertigen ließe, sucht sich WHO’S THE MAN, WHO’S THE WOMAN gleich mehrere aus. Folglich gibt noch mehr Angst in the Pants, nochmehr Genderirrsinn, noch wildere Anspielungen an die kommende Angliederung Hongkongs an China, noch mehr Liebestohuwabohu, noch größere Geschmacksverirrungen. Das Ergebnis ist ein völlig irrsinniger Film, in dem beispielsweise zwei Leute auf einer Kostümparty flirten und Sex haben, wobei sie durchgängig überdimensionale, beängstigende Gummimasken von Woody Allen und Woopy Goldberg tragen. Nichts hieran ist einfach zu verdauen, aber immer so bunt und gutmütig, dass die Beklemmungen nie überhandnehmen.

Sonnabend 08.10.

The Hitch-Hiker
(Ida Lupino, USA 1953) [blu-ray, OF]

großartig +

Ein Genre-Film – ein Film noir – als existentielle Studie über Macht und Unsicherheit. Autostoppserienmörder Emmett Myers (mega: William Talman) hält zwei Reisende on gun point als Geisel und fährt mit ihnen durch eine felsige Nichtlandschaft. Er wird dabei von panischer Angst beherrscht, die ihn immer und immer wieder seine Übermacht beweisen lässt, weil er innerlich sonst zu zerfließen droht. Während Gilbert Bowen (Frank Lovejoy) stoisch einfach hinnimmt und gegen den manischen Diktator des Films wie ein Felsen wirkt. Zwischen ihnen befindet sich Roy Collins (Edmond O’Brien), der unter dem Druck zunehmend von Bowen zu Myers mutiert. THE HITCH-HIKER ist ein Essay, über das vieldeutige Machtschanier der Pistole, dem Didaktik fremd ist. Es wird schlicht eine klare Geschichte von Männern in einer Landschaft erzählt, die ihnen auf verschiedene Weise gleicht. Ein Film, der sein Heil in kargen wie schönen Bildern von Kontrasten und Weite findet.

당신자신과 당신의 것 / Yourself and Yours
(Hong Sang-soo, ROK 2016) [blu-ray, OmeU]

großartig +

Im Herzen ist dies vll. nur ein Filmemacher-Scherz, der am Ende seinen Spaß daran hat, wenn der Zuschauer denkt, dass er sich täuschte, und sich dies dann als Täuschung offenbart. Auf die Spielzeit ist es aber vor allem ein lakonischer Liebesfilm über Trennungen, Beziehungen und die eigene Identität, mit der vll. nicht so streng umzugehen sein sollte. D.i.: Ciorans Besessenheit, die eigene Verantwortung abzustreifen, als luftiger, humanistischer, trüber Gaudi.

金枝玉葉 / He’s a Woman, She’s a Man
(Peter Chan, HK 1994) [DVD, OmeU]

großartig

Die Hoffnung, dass sich Hongkong doch noch in die Volksrepublik verlieben könnte, weil sie unter der Oberfläche nichtsdestoweniger das zu den eigenen Bedürfnissen passende Geschlecht hat, als überdrehte RomCom. Oder: Die Unfähigkeit, den eigenen Lusthaushalt an die Liebe anzupassen, weshalb sich erträumt wird, dass der Geliebte doch eine Frau ist, als Ulk über die Unsicherheit von manchen Leuten mit der Nähe zwischen Männern. Ein verträumter Film darüber, wenn die Realität noch besser wird, als sie sich ausgemalt werden konnte. Oder einfach eine alberne Hongkongkomödie, die auf den letzten Meter doch noch die Gefühlflut loslässt.

Freitag 07.10.

Silk Stockings / Seidenstrümpfe
(Rouben Mamoulian, USA 1957) [stream, OF]

gut

Today to get the public to attend the picture show / It’s not enough to advertise a famous star they know / If you want to get the crowds to come around / You’ve got to have: glorious Technicolor / Breathtaking Cinemascope and stereophonic sound. So beginnt Cole Porters STEREOPHONIC SOUNDS, dass von Filmproduzenten Steve Canfield (Fred Astaire) mit seinem Star Peggy Dayton (Janis Paige) vorgetragen wird. So beswingt das Lied auch ist, so ist es doch ein ironischer Klagegesang. U.a. heißt es im Song auch, dass es nicht mehr reicht, wenn Cheek-to-Cheek getanzt wird. Stattdessen verlören sich die Liebenden in der Weite des Bildes. Steve Canfield macht diesen Quatsch eben, weil sonst niemand seinen Film sehen möchte.
Bei SILK STOCKINGS handelt es sich um die Neuinterpretation von NINOTSCHKA, weshalb Steve Canflied einige Zeit versuchen wird die sowjetische Gesandte Ninotschka (Cyd Charisse) zu westlicher Dekadenz zu verführen, damit sie seinen russischen Komponisten (Wim Sonneveld) nicht in die UdSSR zurückbringt. Seine Versuche und sein Scheitern sprechen dabei Bände für einen Film, der versucht Publikum zu seiner filmsichen Dekadenz zu verführen, aber völlig ratlos ist, wie diese aussehen soll.
Die erste Strategie des Films – Sex Sells – führt dazu, dass der Westen eben der Ort der leichtbekleideten Frauen ist … weil Frauen sich in leichter Bekleidung wohlfühlen. Doch nach der Hälfte der Laufzeit schrickt der Film davor zurück und lässt eine offene, metatextuelle Sexualisierung fallen. Darauf schießt er sich auf Rock ’n‘ Roll ein, wobei aber nur eine arg verwässerte Version dessen dargeboten wird, was sichtlich ansonsten als Rüpelmusik, als leider einzusetztender Stereophonic Sound wahrgenommen wird.
Canfield wird seine Ninotschka leider schnell und umstandslos verführen, wo der Film doch am besten ist, wenn er bei ihr aufläuft, wenn sie lieber Stahlwerke als Seidenkleidung sehen möchte. Der Film macht mit dem fast sechzigjährigen Astaire, was zuvor auch immer mit ihm gemacht wurde. Er kriegt die Frau und tanzt. Der Film schafft es aber sichtlich nicht, sich an die Gegebenheiten seiner Zeit anzupassen, so sehr er sich doch fürs Publikum anbiedern möchte. Weshalb SILK STOCKINGS am ehesten davon erzählt, nicht loslassen zu können und nicht wirklich zu wissen, was hip ist.

Predators
(Nimród Antal, USA 2010) [stream, OF]

ok

Statt eine halbwegs homogene Gruppe zu jagen, wird in PREDATORS auf eine Zweckgemeinschaft Treibjagd gemacht, die nach dem Prinzip Noah zusammengestellt wurde. Jeweils einer der verschiedenen Arten menschlicher Raubtiere – d.i. Söldner, Yakuza, Psychpathen, Kartellkiller, Vertreter einer Todesschwadron uswusf. – wird ausgesucht. Statt der Wildnis gibt es eine artifizielle Dschungelwelt auf einem unbekannten Planeten, in der die Menschen wie Ratten in Labyrinthe gefangen wurden. Statt einem Prädatoren gibt es vier – wobei drei davon von einer neuen und noch gemeingefährlicheren Art sind. Und zu allem Überfluss gibt es noch einen Robinson Crusoe (Laurence Fishburn), der seit 10 Jagdsaisons im Dschungel überlebt hat, aber geistig etwas entrückt scheint.
PREDATORS versucht es mit Höher, Gemeiner, Weiter, findet dabei aber nur die erwartbaren Bilder des Verfalls in einem Atavismus – ein netter, dschungliger Dschungel hier, Raumschiffswracks da und im Herzen quasi das Kannibalenlager der Prädatoren. Mit diesen Bildern wird nach einem Fünkchen Menschlichkeit gesucht und der Film vergräbt diese in Männern, deren Männlichkeitsbehauptungen vom Film viel zu ernst genommen werden. Sprich: Adrian Brody spricht beispielsweise tief und rauchig, weil er ein sehr männlicher Dude ist. Herz hat er aber doch…

Donnerstag 06.10.

Spiral: From the Book of Saw / Saw – Spiral
(Darren Lynn Bousman, CA/USA 2021) [blu-ray, OF]

nichtssagend

Die Institution Polizei ist so problembehaftet, dass das Anpacken des Problems zu zerfleischenden Momenten führt. Entweder in Form der Schikane, die Chris Rocks Polizist erfährt, weil er einen Mörder unter seinen Kollegen vor Gericht brachte, oder in Form von überraschend drastischen Folterszenen, welche den korrupten Beamten mit dem Feuerschwert Absolution erteilen möchten. SPIRAL ist dabei so im Tunnelblick auf dieses Sujet gefangen, dass es kein Leben in der eindimensionalen Leitgedankenmaschine gibt. Und Chris Rock darf anderthalb Stunden einfach nur über alle Maßen angepisst sein, weil das wohl Intensität sein soll.

Mittwoch 05.10.

The Lady Vanishes / Eine Dame verschwindet
(Alfred Hitchcock, UK 1938) [blu-ray, OF]

großartig

Die auch eingewobene Vorbereitung auf den Krieg – für Hitchcock 1938 sichtlich nur noch eine Frage der Zeit – wird gegen Ende in den Vordergrund geholt. Dann geht es um Mitbürger, die ihren Kopf lieber in den Sand stecken, als zu akzeptieren, dass das Leid anderer Menschen immer näher an sie heranrückt und bald das ihre sein wird. Oder es geht um einen Pazifisten, der nicht involviert werden möchte und gegen alle gegenteiligen Beweise weiter daran glaubt, dass das Gegenüber zivilisiert und auf ein gemeinsames Zusammenleben aus ist.
Vor diesem Ausrichtungsschwenk war THE LADY VANISHES nicht so zielgerichtet. Die Exposition bereitet schonmal gar nicht – höchstens indirekt – darauf vor, dass wir eine Spionagegeschichte sehen werden. 30 Minuten lang ist der Film komödiantisches Gesellschaftsportrait, das seine Figuren ausladend und blumig einführt. Darauf folgt ein schmieriges, teilweise völlig ins Absurde abgleitende Stück Suspense. Und es endet in besagter Instrumentalisierung zur Actionfilmallegorie. Dass Hitchcock gegen seine sonstigen Tendenzen seinen Film nicht fesselt und knebelt, sondern etwas mehr Luft lässt, findet mit seiner Kriegspropaganda – so hellsichtig sie ist – dann leider sein Ende.

Montag 03.10.

The 39 Steps / Die 39 Stufen
(Alfred Hitchcock, UK 1935) [blu-ray, OF] 2

großartig

Bei der ersten Sichtung schien es mir möglich, dass sich die mysteriösen, gesuchten 39 Stufen irgendwo im schottischen Moor befinden könnten … als tatsächliche zu begehende Treppe. Die Lösung – so simpel und willkürlich – lässt dann alle Paranoiablasen platzen, weshalb ich sie völlig vergaß/ignorierte und bei dieser Sichtung einfach auf die Treppe im Moor wartete, wo – laut meiner Erinnerung – doch alles hingelaufen war. Die eigenen Hirngespinste hatten überlebt, während die reale Lösung, die Realität wieder verschüttgegangen war.
Ansonsten ist DIE 39 STUFEN eben ein Hitchcock-Suspense-Thriller, in dem ein Unschuldiger plötzlich ausgestoßen ist und das als Möglichkeit nimmt, zugeknöpfte Frauen zu trollen.

Predator 2
(Stephen Hopkins, USA 1990) [stream, OmeU]

ok +

So naheliegend sie ist, so hat die Idee, den Dschungel des ersten Teils gegen den Großstadtdschungel einzutauschen, doch den Hauch des im Suff entstandenen. Und PREDATOR 2 strengt sich wirklich an, dass dieser Hauch sich über den ganzen Film ausbreitet.
1997: Los Angeles geht in einem Bandenkrieg zwischen Voodoo-Rastafari-Jamaikanern und enthemmten Klischee-Gang-Lateinamerikanern unter. Die Polizei ist hilfloser Teilnehmer eines eskalierten Straßenkriegs. Das Fernsehen besteht aus einer populistischen Freakshow, die Fox News durchaus vorwegnimmt. Mittendrin fängt der Predator an, alle zu jagen und – in einer Anlehnung an ALIEN und ALIENS – gibt es noch Regierungsagenten (u.a. Gary Busey), die den Außerirdischen einfangen und dessen Waffentechnik für sich haben wollen.
PREDATOR 2 ist genau dieser soziakritische Cartoon, nach dem sich diese Synopse anhört. Die Angst vor endemischer Ganggewalt, die Desillusion bzgl. eines korrupten Staates und einer Öffentlichkeit, die nicht auf Fakten, sondern Hysterie setzt, wird hier nicht zum Alptraum, sondern zum fiebrigen Zirkus verfremdet. Einem Zirkus, in dem Calvin Lockhart einen deliranten Voodoopriestergangboss mit schlechter Rastaperücke spielt, in dem Danny Glover als Hauptziel und Widersacher des Predators zwischen der körperlichen Unbeholfenheit des alternden Murtaughs und der psychopathischen Intensität Riggs hin und her pendelt, in dem keine Linie steckt, sondern eine Abfolge aus überspitzten Orten der urbanen Apokalypse, in dessen Soundtrack immer wieder die Tribaltrommeln durchkommen, als koche das Atavistische im Blut über.
Und das Gemeine daran ist, dass es sich nach einem riesigen Vergnügen anhört, aber leider nur steif ist und eben eine kleine, ausgedehnte, leidenschaftslose Schnapsidee, mit einzelnen Schönheiten hier und da (Bill Paxton oder das Innere des Raumschiffs).
*****
DIE Erkenntnis des Films für mich: Los Angeles hat eine U-Bahn.

Sonntag 02.10.

Die Schule der magischen Tiere: Voller Löcher!
(Sven Unterwaldt Jr., D 2022) [DCP]

gut

War der erste Teil noch eine unschöne Abfolge hilfloser Versuche Interesse beim Publikum für sich zu generieren, da schafft es Sven Unterwaldt Jr. tatsächlich eine sehenswerte Geschichte über jugendliche Unsicherheit zu machen, indem er die Karikaturen solange abhobelt, bis er sowas wie Menschen erhält … und indem er sowas wie eine optische Strategie/Sensibilität besitzt.

विक्रम वेधा / Vikram Vedha
(Pushkar, Gayathri, IND 2022) [DCP, OmeU]

großartig

Es gibt leider nur eine Tanznummer, die hier zu finden ist. Das vorgetragene Lied heißt ALCOHOLIA und ist von entsprechender Sinne benebelnder Wildheit, deren Höhepunkt der Cumshot aus einer ein Meter zwanzig großen Sektflasche für alle Tanzenden ist.
VIKRAM VEDHA erzählt barock und verschachtelt davon, dass der Unterschied zwischen Kriminellen und Gesetzeshütern nicht so groß ist, wie ein prinzipientreuer Faschist denkt. Für diese Erkenntnis wird dieser in den Kaninchenbau der korrupten Welt um sich geschickt. Die Tanzsequenz ist nicht nur einzigartig im Film, weil es eben die einzige ihres Gleichen ist, sondern auch weil der Film ansonsten nie die hier erreichte Form von Adrenalin und Eskalation erreicht.
In seinem Versuch eine bekannte Trope des Gangsterfilms als suggestive, langsame Erkenntnis zu verkaufen, obwohl der Gute von Beginn an mehr als dubios ist, ist VIKRAM VEDHA ziemlich offensichtlich. Aber auch wenn die Inszenierung an keiner anderen Stelle die Qualität von ALCOHOLIA erreicht, ist sie doch hemmungslos genug, um Schießereien und Kämpfe als dynamische Abfolge von Posen zu verstehen und auch sonst mit Parallelmontagen und Konsorten den Film nur allzu gerne zur großen Show zu machen. Und weil es dem Film eben um Selbstinszenierung geht, ist dieses Leben in der lustvollen Pose – immer im Bereich der Selbstparodie, ohne eine solche zu werden – schon sehr toll.

Sonnabend 01.10.

The Pirate / Der Pirat
(Vincente Minnelli, USA 1948) [blu-ray, OF]

fantastisch

Ich weiß nicht, was der größere Irrsinn ist. Die Handlung, in der puritanische Ethik nur der Deckmantel für untergetauchte Freibeuter ist und wo unterdrückte weibliche Lust mit Hypnose, Peitschen und der Geiselnahme einer Stadt befreit wird, oder diese grellen, technicolorbunten Dekors, die einer Theaterbühne eines rüschenbesetzten Fiebertraums entsprungen sein müssen.

雜家小子 / Knockabout
(Sammo Hung, HK 1979) [blu-ray, OmeU]

großartig

Die letzte halbe Stunde stellt die Fähigkeiten von Yuen Biao in den Mittelpunkt. Beim inzwischen zweiten Meister (Sammo Hung) seiner Figur muss er beispielsweise Salti und Kung-Fu-Kampf-Abfolgen bewerkstelligen, während er gleichzeitig seilspringt. Und Sammo Hungs Auge für Attraktionen gibt dieser Entscheidung recht: es ist schlicht atemberaubend, was Biao vollbringt.
KNOCKABOUT erzählt von zwei Brüdern (Yuen Biao & Leung Kar-yan), die sich einem Meister (Lau Kar-Wing) anschließen, damit sie als unbesiegbare Kung-Fu-Kämpfer nicht mehr verprügelt werden, wenn ihre Trickbetrügereien mal wieder auffliegen. Doch dieser Meister stellt sich selbst als untergetauchter, skrupelloser Verbrecher heraus, weshalb eben ein neuer, noch besserer Meister hermuss, damit sich gegen die neue Bedrohung des Lebens gewehrt werden kann.
In seinem Wechsel aus scheiternden Trickbetrügermaschen, einer brüderlichen Liebe, die sich über ewige Streiterei ausdrückt, und brutalen Kung-Fu-Schulen, in seinem Wechsel also zwischen Albernheit, Sentimentalität und dem ambivalenten Schüler-Meister-Verhältnis, das immer wieder auch das Verhältnis zwischen Opfer und Dreckskerl ist, in dem Qualität immer aus Qual kommt, ist KNOCKABOUT auf seine Weise die Aufarbeitung der Verhältnisse, die die Fähigkeiten von Yuen Biao und Sammo Hung erst hervorbrachten. Auf seine verquere Weise ist dies also eine autobiographische Miniatur.

Bringing Up Baby / Leoparden küßt man nicht
(Howard Hawks, USA 1938) [blu-ray, OmeU] 3

gut +

Ich empfinde es immer noch als eine Qual BRINGING UP BABY zu schauen. Der Film kennt schlicht nur einen Modus: Leute reden und reden und reden und verschwenden nicht einen Gedanken an das, was ihr Gegenüber gleichzeitig zu sagen hat. Es ist ein Monument der Ignoranz, bei dem alle glauben, ihre Mitmenschen schon längst verstanden zu haben … in einer heimeligen, anschmiegsamen Inszenierung, die ihre Figuren nicht nur als Pointen ins Bild stellt, sondern sie auch versucht in ein sympathisches Licht zu rücken.
Im Alter entwickle ich nun aber nicht nur Kraft, diese Figuren zu ertragen, die am Ende des Films zu Recht alle im Gefängnis sitzen, sondern ich mag beispielsweise die Figur Katharine Hepburns tatsächlich, die als Wahnsinnige mit reinem Herzen für mich inzwischen nicht nur ein Alptraum ist, sondern auch Charme in ihren blinden Affekthandlungen entwickelt. Am besten ist es aber, BRINGING UP BABY mit jemanden zu sehen, der ihn noch nicht kennt. Das Leiden neben mir gab mir die Möglichkeit, mich ins Verhältnis zum Geschehen zu setzen und mich daran zu freuen, dass ich diesem Film nicht mehr unvorbereitet in die Arme renne. Sprich: Die Schadenfreude half.

September
Freitag 30.09.

Predator
(John McTiernan, USA 1987) [stream, OmeU] 3

fantastisch

Eine Gruppe von Männern, die für den Film nur Muskelberge und Dominanzrituale sind und die LONG, TALL SALLY von Little Richard wie eine Missbrauchshymne schnaufen, wenn sie halbtot doch noch etwas Männliches vorhaben, zieht durch einen riesigen Bush, wo sie nach und nach von einem vaginagesichtigen Außerirdischen dezimiert werden, nach dem eine Frau von ihnen bedrängt wurde. Und wie das alles umarmt wird… Wie kann das nicht geliebt werden? Wie konnte ich das bisher alles nur weitestgehend übersehen?

Thor: Love and Thunder
(Taika Waititi, USA 2022) [stream, OmeU]

ätzend

Der Film handelt von Leuten, die ihre Verluste und Ängste nicht verarbeiten und einfach nicht an sich heranlassen. Stattdessen machen sie ironische Witze … oder wollen die Welt untergehen lassen. THOR: LOVE AND THUNDER ist deshalb zum kleinen Teil ein Kinderalptraumhorrorfilm, vor allem aber eine Walze aus Ironie, die jedes Gefühl unter albernem, spitzfindigem Metahumor begräbt. Die Witze sind oft so verzweifelt – einige Witze wie der Spagat sind schon gut, aber es verliert sich –, dass sie wirken, als wollen sie uns ebenso um jeden Preis vom Fühlen abhalten.
THOR: LOVE AND THUNDER ist innerhalb des MCU das Gegenteil von ETERNALS. Und der Stil passt wie die Faust aufs Auge zum Thema. Ich warte eigentlich nur darauf, dass mir jemand das Krasse dieses Films ins richtige Licht setzt, damit ich ihn als das avantgardistische Meisterwerk erkenne, dass er vll. ist. So bleibt es aber erstmal dabei, dass dies für mich ein unfassbares Folterwerkzeug darstellt, dass ich nur durch Christian Bales nur indirekt lächerlichen Nachtmahr ertragen konnte.

Donnerstag 29.09.

Nick and Norah’s Infinite Playlist / Nick und Norah – Soundtrack einer Nacht
(Peter Sollett, USA 2008) [stream, OF]

ok +

Eine Liebeskomödie, die die Geschehnisse einer Nacht aufarbeitet. Es geht um Musik und Mixtapes … ok, CDs. Und Kat Dennings spielt eine der beiden Hauptrollen. Meine Erwartungshaltung konnte kaum höher sein. Vielleicht lag es ja auch daran, dass ich zu genaue Vorstellungen hatte, aber ich wurde nur langsam und auch nur nicht ausgesprochen warm mit NICK AND NORAH’S INFINITE PLAYLIST.
Es gibt den einen Moment, wo eine Frau betrunken in ein Klo kotzt und dann hineingreift, mit ihr Handy und ihren Kaugummi wieder herauszuholen. Letzteren nimmt nicht nur sie wieder in den Mund. Er unternimmt im Rest des Films vielmehr noch eine kleine Odyssee durch die Hände und Münder des Films. Es ist eine der wenigen Motive des Films, wo mal in die Vollen gegangen und sich nicht mit wenig zufriedengegeben wird.
Musik spielt kaum eine Rolle und bleibt – trotz Soundtrack von Mark Mothersbaugh – Behauptung und Hintergrundrauschen. Es geht um Musiknerds und nur drei fiktive Bands spielen eine kleine Rolle am Rande. Niemand redet über Musik oder identifiziert sich über diese. Nur der Bösewicht mag EVERY 1’S A WINNER und disqualifiziert sich damit. Dann lieber weiter die GILMORE GIRLS.
Und Kat Dennings passt erst in ihre Rolle, sobald der Film eine gewisse Intimität zwischen den Protagonisten erreicht hat. Davor – als schüchternes Mädchen – wirkt sie überfordert … weil sie die Typen und Tussen im Film eigentlich locker in die Tasche stecken könnte. Mir fiel nur auf, wie groß ihr Kopf im Vergleich zu dem von Michael Cera ist. Kein gutes Zeichen.
NICK AND NORAH’S INFINITE PLAYLIST ist sicherlich kein schlechter Film … aber leider auch kein wirklich toller.

Mittwoch 28.09.

Blonde / Blond
(Andrew Dominik, USA 2022) [stream, OmeU]

großartig

Unterhaltungen mit CGI-Babys, denen Abtreibung und Fehlgeburt droht, als niederschmetternder Moment in einer Abfolge niederschmetternder Momente for the win. Mehr dazu gibt es beim Perlentaucher.

Montag 26.09.

Jigsaw / Saw 8: Jigsaw
(Michael Spierig, Peter Spierig, USA 2017) [blu-ray, OF]

nichtssagend

Was mich während des Films ein wenig beschäftigte: Wie in den vorangegangenen Filmen werden zu Beginn Gewalt und Gore offen mit nackten oder halbnackten … oder zumindest sexy Frauen in Verbindung gesetzt. Immer wieder bietet sich an, die sexuelle Komponente des Folterns an Jigsaw und seine Nachkommen heranzutragen und sie damit zu bedrängen … weil sie es selbst ja nicht einsehen und sich als die Rache des pedantischen Wutbürgers verstehen ¬– auch wenn sie es positiver formulieren würden. In JIGSAW gibt es nun sogar auch noch eine Art Dominastudio, dass aus Jigsaw-Devotionalien zusammengestellt wurde. Aber der Sex verschwindet einfach wieder aus dem Film, sobald Jigsaw die Arena betritt. Als ob die graue Eminenz nicht gestört werden darf. Naja. Die Einwände eines Zuschauers, der bisher dann leider doch nicht so viel mit der Reihe anfangen konnte. So war es eben wieder ein SAW-Film, der ausnahmsweise wie geleckt aussah. Wer auch immer das braucht: SAW in Hochglanz.

Sonntag 25.09.

Atlantis: The Lost Empire / Atlantis – Das Geheimnis der verlorenen Stadt
(Gary Trousdale, Kirk Wise, USA 2001) [stream]

ok +

Ein Team reist unter die Meeresoberfläche, wo es um den Zerstörungswillen der Menschheit geht. Ein paar Verschiebungen und aus ATLANTIS könnten wir 20,000 LEAGUES UNDER THE SEA erhalten. Die zentralste Umstellung im Vergleich zur Verfilmung des Verne-Romans von 1954 ist die Umarmung von Wissenschaft und Nerdtum. Aus dem vorsichtig beäugten und beäugenden Professor Aronnax ist ein junger Mann geworden, der aus Enthusiasmus für Wissen und Entdeckung steckt, aber auch dorky ist, der gegen die Ausbeutung neuer, indigener Welten aufbegehrt und eben alles andere als ein Dude ist.
Der Film ist dabei so mit seiner Hauptfigur beschäftigt, dass er nicht ganz bemerkt, was um diesen herum geschieht bzw. geschehen könnte. Tollen Nebenfiguren – brillant: die deutsche Synchro, die aus dem eh schon toll benannten menschlichen Maulwurf Molière einfach Boudelaire macht – werden mehr mitgeschleppt, als genutzt, oder es ist Atlantis, das nicht zur eigenen Welt aufgebaut wird, sondern eine sehr eng abgesteckte Bühne bleibt. Mit ein paar neuerlichen Verschiebungen und dies könnte so viel besser sein.

Secret Agent / Geheimagent
(Alfred Hitchcock, UK 1936) [DVD, OF]

verstrahlt

Die Kriegsfilmtrope des fröhlichen Soldaten, der glaubt, er breche in ein Abenteuer auf, der sich aber dann in einem Alptraum wiederfindet, wird hier zur James Bond-Parodie umgewandelt – bevor es diesen gibt. John Gielguds vom Geheimdienst zweckentfremdeter Soldat und Romanzier arbeitet in Casinos, findet Leichen in einer Kirche und Spionage in einer Schokoladenfabrik, folgt Missetätern in die Berge und im Zug bis ans Ende des Balkans. Doch er ist nicht Bond. Ihm fehlt jedes professionelle Handwerkzeug … und die Überzeugung. Härter trifft es noch seine dienstlich zugewiesene Ehefrau (Madeleine Carroll), die sich zwar wie Bolle auf das Leben als Geheimagent freut, sich aber dann von den Konsequenzen entsetzt zeigt. Sensationell, wenn Gielguds Agent einen Unschuldigen vom Berg stoßen lässt, dann aber kaum aushält, den Vorgang über ein Fernrohr zu verfolgen, während seine Frau fast zusammenbricht, weil sie miterleben muss, wie der Hund des Opfers zeitgleich unter der Vorahnung hilflos jammert. Kunstvoll wird ein einfacher Vorgang in drei moralische und seelische Ebenen per Parallelmontage aufgebrochen und zu einem heftigen Erwachen gemodelt.
Von diesem Miniaturmeisterwerk abgesehen ist SECRET AGENT aber alles andere als rund. Schön ist er, wenn er sein Heil nicht in Pflicht- und Kriegsrhetorik verliert, sondern lieber zur seltsam gutgelaunten Liebeskomödie im Krieg wird. Vor allem ist der Film aber absurd – zuvorderst in Form von Peter Lorre, der seinen Gehilfen der Agenten in einem völlig überdrehten Schürzenjäger- und Cartooncharakter-Modus spielt. Jeden Versuch der Amateure, sich in der Professionalität von Spionage und Gegenspionage zu gehaupten, macht er zur lächerlichen Schmierenkomödie. Der Zweite Weltkrieg zieht am Horizont auf und Hitchcock hat sichtlich keine Lust darauf. Ein seltsames, seltsames Essay.

Sonnabend 24.09.

Touchez Pas au Grisbi / Wenn es Nacht wird in Paris
(Jacques Becker, F/I 1954) [blu-ray, OmU]

großartig

Lino Ventura möchte Jean Gabin die Beute des letzten Überfalls entwenden und entführt dessen Partner zum Zwecke der Erpressung. Harte Männer machen dabei in einer Welt, die keine Fehler vergibt, das, was gemacht werden muss. Oft spielt die Handlung in Hinterzimmern, Bars und nächtlichen Treffpunkten im Nirgendwo. Wobei Gabin grimmig schaut und ein Brocken von Mann darstellt. Besser als der Rest ist er sowieso. Melancholisch endet es auch. Doch Jacques Beckers Film ist weder unterkühlte Elegie noch trockener Noir-Thriller. WENN ES NACHT WIRD IN PARIS ist nicht weniger als ein ganz großes Trunstwerk.
Von Beginn weg – die Handlung beginnt in einem Familienrestaurant für Gangster und in einem Stripclub – wird diese homoerotische Gangsterwelt von einer bitteren Tragikomik begleitet. Denn die alt werdenden Gangster umgeben sich mit jungen Frauen, wollen aber nur ins Bett und sich ausschlafen. Sie warten traurig, dass das ewige Nachtleben endlich endet und sie nicht mehr Virilität performen müssen. Und der Film ist nicht gerade nachgiebig mit ihnen. Tanzflächen voller alter, verlorener Aufschneider mit fröhlich losschwingenden Frauen im Arm; kunstvolle Aufführungen halbnackter Frauen auf Bühnen und verbrauchte Männer in Anzügen davor, die die Frauen zwar pro forma nackt sehen wollen, sie aber ihren ästhetisch verspielten Quatsch machen lassen, ohne sich darum zu kümmern; Aktportraits an den Wänden, unter denen Pläne geschmiedet werden und Härte gegen alle innerlich lauernde Schlaffheit behauptet wird. Die zugeknöpften Männer wirken in diesem Umfeld aber nicht hart, sondern wie Leute, die die Widersprüche in ihrem Lusthaushalt und ihrer Lebensentwürfe nicht aushalten oder auflösen können, sondern dahinleben wie bisher, weil sie es nicht besser wissen. Kunstvolle Tristesse eben.

Notorious / Weißes Gift
(Alfred Hitchcock, USA 1946) [blu-ray, OF, ł]

gut

Ein Film u.a. über diabolische Schwiegermütter, die ihren Sohn dazu bringen, seine Ehefrau zu vergiften, und darüber, dass die Nazis vll. verlieren mussten, weil sie ihre eigenen Leute ausmerzten, sobald sie zum Problem wurden und damit die eigenen Reihen zwangsläufig gegen sich aufbrachten. Auch hier findet Hitchcock schöne Horrorbilder für bedrohliche Autorität, der Suspense-Thriller mäandert aber zu oft von seinem Kern weg: einen Mann, der sich nicht zu seiner Liebe bekennt und deshalb die geliebte Frau schweigend in einen Abgrund stößt und ihr dabei noch Vorhaltungen macht. NOTORIOUS ist eben zuvorderst der Spionagefilm über einen Agenten (Cary Grant), der die Frau (Ingrid Bergman), die er liebt, zu einer Nazigruppe nach Brasilien schickt. Und nur im Nachgang das Melodrama darüber, dass er sie dort (mit ihrer Liebe) allein lässt und ihr, wenn sie für ihren Auftrag – in seinem Geheiß – einen Nazi heiratet, für ihr Lotterleben Vorhaltungen macht. Was schade ist, weil der Film wunderbare Screwball- und Melodramaansätze hat und in den Momenten am lebhaftesten (und schmierigsten) ist, aber immer wieder in seinem überschaubaren Suspenseirrgarten versteinert.
*****
Ich habe erst im Nachgang bemerkt, dass ich die gekürzte Version sah, wo die IG Farben nicht genannt werden. Im Vergleich zum CASABLANCA ohne Nazi sicherlich nicht ganz so idiotisch, aber vll. sogar dubioser, weil damit viel dezenter Spuren verwischt werden sollten.

Freitag 23.09.

Eternals
(Chloé Zhao, USA 2021) [stream, OmeU]

uff

MCU goes Terrence Malick. Während es fast keine (ironischen) Pointen gibt, wird sehr oft nachdenklich in die Luft geschaut. Der Schnitt legt das Geschehen dabei durchaus lahm. (Wobei die Einstellungen teilweise so lang sind, als würde versucht möglich viel von ihnen drin zu lassen – weshalb es zuweilen wirkt, als sehen wir die Schauspieler (vor allem Kumail Nanjiani) zu Beginn der Einstellung noch in ihre Rolle und den Moment schlüpfen.) ETERNALS ist in seiner Schrittgeschwindigkeit, die auf Platz für Reflexion schielt, nicht weniger als eine krasse Abweichung vom Hausstil … aber ansonsten eben doch ein typischer MCU-Film.
Irgendwo haben wir es mit einer ähnlich versponnen Abhandlung über Evolution zu tun, wie sie PROMETHEUS bot. Nur geht es hier nicht um Schöpfung vs. Evolution, sondern darum die Evolution auszusetzen. Das ziemlich sozialdarwinistische Verständnis von Evolution führt zu der Frage an diese: Wieso nicht Minderheiten und Schwache schützen? Warum es mal nicht anders machen? Als würde der Pfau schon längst ausgestorben sein. Menschenähnliche Superroboter treten also gegen ihren Schöpfer an, der sich von der Entwicklung des intelligenten Lebens im Universum ernährt. Nur ist der Actionepos genauso farblos wie die essayistische Argumentationskette, die nicht als Antriebsfeder des Plots genutzt wird, sondern für möglichst viele nachdenkliche Gesichter.
(Klugscheißeranmerkung: Im Film wird erzählt, dass die Celestials die Deviants erschaffen, die als Raubtiere Raubtiere töten und so für mehr Evolution sorgen. Aber die Deviants unterlaufen eine Evolution und werden zu Raubtiere, die intelligentes Leben jagen. Weshalb die Celestials die Eternals erschaffen müssen, die die Deviants auslöschen. Wäre es aber nicht sinnhafter, wenn die Celestials gemerkt hätten, dass Evolution ohne Raubtiere nicht funktioniert und sie deshalb wieder mit Schaffen für Platz für Gewalt untereinander anfeuern müssen? In der Form sorgt es nur dafür, dass die Eternals von der Evolution ausgeschlossen sind und deshalb ihre Evolution es sein muss, den Kreislauf der bisherigen Evolution zu durchbrechen. Ein netter Pyrrhussieg des Drehbuchs. Aber, dass ich mir während des Schauens des Films solche Gedanken machte, spricht für mich am meisten gegen ETERNALS.)
Ein bisschen wirkt es so, als wolle Marvel mit den ETERNALS etwas Renomee einkaufen. Als ginge es wie früheren Studios darum, nicht mehr nur das Box Office zu beherrschen, sondern auch Kritiker und Preise einzufangen. Und darin ist ETERNALS als brutaler Unfall der (in dieser Form) Unvereinbarkeit zweier Ansprüche schon faszinierend.

Donnerstag 22.09.

The Innkeepers
(Ti West, USA 2011) [blu-ray, OmU]

großartig

Sitzen in der Hotellobby und warten darauf, dass sich etwas ergibt/sich ein Geist materialisiert, wobei sich die Menschen um einen, als nicht ganz so einfach lesbar offenbaren, wie sie scheinen. Ein Poem auf das Leben.

Mittwoch 21.09.

I Confess / Ich beichte
(Alfred Hitchcock, USA 1953) [DVD, OF]

großartig

I CONFESS handelt perfider Weise von einem Priester (Montgomery Clift), der nicht beichten kann. Und von Geständnissen, die alles schlimmer machen. Hitchcocks Film ist dabei nicht das moralische Drama eines mit sich ringenden Priesters, sondern eine wie geschmiert laufende Suspense-Maschine, in der ein Mörder (O.E. Hasse) seine Tat einem Priester beichtet, um sie vom Gewissen zu haben. Leider ist der Priester wiederum in eine Affäre mit einer Frau verwickelt, die ihn im Augen der Justiz schuldig aussehen lässt. Die Schlinge um den Unschuldigen zieht sich dabei mehrdimensional und gekonnt konstruiert zu.
In dieser Maschine steckt aber auch ein sich ständig wandelndes Portrait der Vermittlung des Gefühls schuldig zu sein. Es beginnt als hardboiled Thriller mit einem Polizisten (Karl Malden), der eins und eins zusammenzuzählen weiß, in seiner Überheblichkeit aber eine Schuld mit der anderen verwechselt. Dessen Blicke ein Treffen zweier Liebender wie ein Schuldgeständnis aussehen lassen. Es folgt die romantische Erzählung einer Liebe, die nicht sein kann. Wo die Bilder eines Sommers voll Glück durch den Blick der Anderen beschmutzt werden. Im Anschluss wird I CONFESS zum Gerichtsdrama, das das kafkaeske Gefühl noch verstärkt, weil kein Verteidiger zu Wort kommt, sondern die Ankläger nur das Schlechte im Menschen in den Sinn rufen und dieses den Angeklagten unterstellen. Am Ende eskaliert das Brodeln des deutschen Mörders, der durch die jüngere Vergangenheit seiner Heimat, in dem vor der Gestapo alle schuldig schienen, seelisch und moralisch am Abgrund steht. Der Film wird zum melodramatischen Reißer, in dem Kerzenständer in Kirchen wie Folterwerkzeuge aussehen.
Und in dieser chamäleonartigen Giftigkeit der Schuldzuweisung an einen Unschuldigen ist I CONFESS dann doch ein Seelendrama. Eines, in dem es darum geht, wie Gesellschaft in ihrem Konformitätszwang uns niederdrückt.

Dienstag 20.09.

The Smurfs 2 / Die Schlümpfe 2
(Raja Gosnell, USA 2013) [DVD]

uff

Der Mann, der im ersten Teil lernen musste, ein Vater zu sein, muss nun lernen ein Sohn zu sein. Weshalb Schlumpfine und Papa Schlumpf ihr Verhältnis auch wieder neu ausloten müssen. Über die Umsetzung hüllen wir den Mantel des Schweigens. Nur so viel: Wenn im Abspann dann Bilder der Schlümpfe folgen, die wieder wie von Peyo gezeichnet aussehen, dann wirkt es, als sollen wir noch verhöhnt werden, weil wir uns zuvor der Hässlichkeit dieses Films ausgesetzt haben.

Three Thousand Years of Longing
(George Miller, AUS/USA 2022) [DCP, OmU]

gut

Eine Handvoll tragischer Geschichten, mit denen nach der Hoffnung gerungen wird, dass dauerhafte Liebe und Individualität vereint werden können. Die sich aber in ihrer opulenten Tausendundeine Nacht-Optik verlieren und emotional so reserviert bleiben wie die Hauptdarstellerin, die von ihrer Sachlichkeit geheilt werden soll. Aber vll. ist THREE TAUSEND YEARS OF LONGING doch besser als die entkräftende Dialektik- und Märchenmaschine, die die Laufzeit lang herrscht, weil am Ende doch ein Hauch von Tragik einen Funken Schmerz und Glück zu pflanzen vermag, wenn das Ringen nicht aufgelöst wird, sondern zur Grundlage der Liebe gemacht wurde.

Montag 19.09.

Home on the Range / Die Kühe sind los!
(Will Finn, John Sanford, USA 2004) [stream]

ok

Der Aufbau ist angestrengt und anstrengend. Wenn der dramaturgische Berg aber irgendwann endlich erklommen ist, wenn der Film loslässt und in einem Förderwagen gen Ziel rast, dann ist er doch noch ganz nett. Zumindest: Das Kuhhypnotisierjodeln ist uneingeschränkt super.

Sonntag 18.09.

Around the World in Eighty Days / In 80 Tagen um die Welt
(Michael Anderson, USA 1956) [stream]

nichtssagend

Zuweilen gleicht IN 80 TAGEN UM DIE WELT einem Mondo … der indische Landschaften oder spanische Tänze und Stierkämpfe ausgiebig präsentiert und dabei gerne Weitwinkelobjektiv und Cinemascopebreite ausprobiert, um es noch abenteuerlicher aussehen zu lassen. Oder ein Film, der seine Hauptfigur (David Niven als Phileas Fogg) als wunderliche britische Nebenfigur behandelt, die im Vergleich zum agilen Diener und Tatenmensch Passepartout (Cantinflas) wie ein seltsames Artefakt wirkt – was auch wieder auf ein Hollywood zeigt, in dem überlegt wurde, ob Ferkel nicht aus den ersten Winnie Puuh-Kurzfilmen herausgenommen werden sollte, weil er nicht us-amerikanisch (d.h. selbstbewusst) genug war. Leider habe ich die synchronisierte Version gesehen und kann nichts zu den aus der Zeit gefallenen englischen Begriffen sagen, die den Film wohl wie bunte Farbkleckse durchziehen. Vor allem handelt es sich aber eben um einen unverschämt langen Film mit Allstarcast, der nur um die Welt reist, um an jeder Ecke ein bekanntes Gesicht zu zeigen. Und genau dieser schlimmste Aspekt des Films nimmt den größten Teil seiner Laufzeit ein.

Alle für Ella
(Teresa Hoerl, D 2022) [DCP]

großartig

So jung werden wir nie wieder sein. So lautet die zweite Zeile des zentralen Songs des Films. Erzählt wird von Ella (Lina Larissa Strahl), deren Welt kurz vorm Abitur zusammenbricht. Weil sich plötzlich herausstellt, dass ihre Freundinnen und Bandmitglieder andere Zukunftspläne als Ella haben. Weil sie sich an ihre Karriere als Musikerin krallt, da sie das Abi eh nicht bestehen werde. Dabei macht sie aber mehr kaputt, als dass sie Fortschritte erreicht. Weil sie sich in einen Proll-Hiphopper aus reichem Haus verliebt, der so gar nicht ihren Vorstellungen eines Freundes entspricht … und vor allen nicht denen ihrer Freundinnen. Das Tal des jugendlichen Umbruchs ist aber relativ schnell durchschritten und die Teile des Zusammenbruchs fallen einfach wieder ineinander. Im Grunde ist ALLE FÜR ELLA genauso abgenutzt wie die zweite Zeile eines Liedes, dessen Refrain unfassbar Stress macht, weil selbst Fehler nicht mehr falsch gemacht werden dürfen. Ich will meine Fehler richtig machen. Aber der Film selbst gibt diesem Druck eben nicht nach und macht seine Fehler einfach wie sie kommen, während er impulsiv und von einem einfachen Leben träumend erzählt. Während er Nostalgie über eine vergangene Kindheit in vintage Familienvideooptik packt und Aufbruch als schwarzen, leeren Raum zelebriert, der von unzähligen kleinen Flammen durchzogen ist, die alle von kommenden Schmerz und Aufregung künden.

Sonnabend 17.09.

Winnie the Pooh / Winnie Puuh
(Stephen J. Anderson, Don Hall, USA 2011) [stream]

nichtssagend

Die etwas verdeckte Neuauflage von POOH’S GRAND ADVENTURE: Christopher Robin verschwindet auch hier (in die Schule) und Eule interpretiert dessen Abwesenheitsnotiz falsch. Nur liest sie dieses Mal etwas über eine Entführung Christopher Robins durch ein Monster, dem Balzurük – welches sie sich ad hoc ausdenkt. Ergo werden das Heffalump und Wusel-Lied und Diverses aus HEFFALUMP aufgegriffen. Statt sich also etwas Neues zu Winnie Puuh auszudenken, wird Bekanntes in minimal neuer Form aufgegriffen … und dieser fehlende Wagemut, die Identität der Figuren des Hundert Morgen Waldes anzureichern, führt dazu, dass der Drang Spaß und gute Laune zu generieren wie das traurige Schaben mit einem toten Ast in einer dreckigen Regenpfütze wirkt. Weshalb Esel vll. auch die einzige funktionierende Figur ist.

Pooh’s Grand Adventure: The Search for Christopher Robin / Winnie Puuh auf großer Reise – Die Suche nach Christopher Robin
(Karl Geurs, USA 1997) [stream]

ok +

Im direkten Vergleich fand ich WINNIE PUUH AUF GROSSER REISE nicht nur erzählerisch besser, sondern die Farben und Kontraste sahen viel besser aus. Aber das ist vll. nur Nostalgie meinerseits, weil er eben wie ein Zeichentrickfilm aus den 90er Jahren aussah, wie ein Zeichentrickfilm aus einer Zeit als das Licht von Straßenlaternen noch nicht so wirkte, als wolle der Zahnarzt alles ganz deutlich sehen.

Georges Méliès Kurzfilme
(Georges Méliès, F 1898-1904) [DVD]

großartig

Le déshabillage impossible / Das unmögliche Ausziehen (1900) 3
Un homme de têtes / Ein Mann der Köpfe (1898) 3
La sirène / Die Meerjungfrau (1904) 3
*****
Eigentlich wollte ich IN 80 TAGEN UM DIE WELT schauen – vor allem, weil Peter Lorre mitspielte –, doch der Film begann mit einer leicht gekürzten Version von Méliès‘ DIE REISE ZUM MOND, weil diese Pioniertat der Filmgeschichte auch auf einer Geschichte von Jules Verne basierte. Lotti Z. (6 Jahre) konnte sich nur allzu gut an diesen Kurzfilm erinnern und wollte nun sofort ein paar andere dieser witzigen Filme schauen. Besonders DAS UNMÖGLICHE AUSZIEHEN hat es ihr als Komödie und Horrorfilm angetan. Und naja, dieser filmischen Begeisterung wollte ich nicht im Wege stehen.

Strangers on a Train / Der Fremde im Zug
(Alfred Hitchcock, USA 1951) [DVD, OmeU] 2

gut

Am besten ist STRANGERS ON A TRAIN als Edgar Allen Poe-Geschichte, über einen Mann mit schlechtem Gewissen. Ein Fleisch und Blut gewordener Psychopath (Robert Walker) setzt dabei den flüchtigen Gedanken des Tennisstars Guy (Farley Granger) in die Tat um, dass ein einfacher Mord alle seine Probleme lösen würde. Dieser Psychopath steht dann aber unbewegt und bedrohlich auf den Treppen eines monumentalen Baus – dem Lincoln Memorial nicht unähnlich – oder er sitzt im Tennispublikum und ist der Einzige, der auf Guy starrt, statt dem Ball mit dem Kopf von links nach rechts und zurück zu folgen. Guy ist nicht wirklich schuldig und doch wird er von einem latenten Schuldgefühl, von der Angst nicht mehr dazuzugehören gegeißelt. Zudem ist es eben ein Film der Züge, wo andauernd hin- und hergefahren wird … weil die Identitäten nicht so einfach festzusetzen sind, sondern zwischen Ausprägungen des eigenen (gesellschaftlichen) Subjekts sich wandeln. Weshalb der stechende Blick eben umso bedrohlicher ist, weil er nicht auf die Wechsel hineinfällt, sondern eben einen selbst anstarrt.

Freitag 16.09.

Lifeboat / Das Rettungsboot
(Alfred Hitchcock, USA 1944) [blu-ray, OmU]

gut +

Mit einem Rettungsboot erzählt Hitchcock während des Zweiten Weltkriegs die Fabel vom Skorpion, der nicht schwimmen kann und der trotzdem den Frosch sticht, der ihn gerade auf die andere Seite des Flusses bringt. Auf dem Boot findet sich ein kleines Panoptikum der us-amerikanischen und britischen Gesellschaft wieder, nachdem ein deutsches U-Boot ihr Passagierschiff versenkte. Mit an Bord ist aber auch der Kapitän des ebenfalls untergegangenen U-Boots … und gegen Ende noch ein deutscher Matrose. Die Deutschen sind die Skorpione, die stechen und stechen. Was also mit ihnen machen, fragt sich LIFEBOAT – womit Hitchcock auf das Ende des Kriegs vorbereitet, wo sich die Frage stellen wird, was mit den deutschen Skorpionen zu tun sei.
Es sind dabei weniger die (psychosexuellen) Klassenkonflikte auf dem Boot, die LIFEBOAT sehenswert machen, sondern Walter Slezak als diabolischer Übermensch, der frohgemut deutsche Volkslieder singt, während er von der Situation unberührt rudert (und intrigiert) … während alle anderen an Bord langsam vor die Hunde gehen. Die Nazis sind hier nicht die Hollywoodkarikatur des Bösen, sondern einfach nur die Besten der Besten, die sich ohne Moral die anderen zum Untertan machen. Weshalb LIFEBOAT auch kein offener Angriff auf den noch lange nicht erdachten Marshallplan ist, sondern ein Loblied auf die Demokratie. Denn: Egal wie jämmerlich und zerstritten die Bevölkerung ist, irgendwann wird der Feind, d.i. die drohende Diktatur der Menschen, die sich für was Besseres halten, mit einem heruntergekommenen Schuh aus dem Boot geprügelt. Eine hehre Hoffnung.

Donnerstag 15.09.

Peter von Kant
(François Ozon, F 2022) [stream, OmU]

ok

Vll. hätte François Ozon seinen Film gleich Rainer Werner von Kantbinder nennen sollen. Mehr dazu beim Perlentaucher.

Mittwoch 14.09.

One Hour with You / Eine Stunde mit Dir
(Ernst Lubitsch, George Cukor, USA 1932) [DVD, OmeU]

großartig +

Ein Lustspiel im wahrsten Sinne des Wortes, weil es sich einen großen Spaß daraus macht, dem Publikum eines puritanischen Landes zu erzählen, dass Lust und Sex zum Menschsein dazugehören und nichts dabei ist. Die Laufzeit ist folglich mit nichts als sexuellem Innuendo füllt. Nettes Detail: In diesem Film von 1932 gibt es eine Figur namens Adolph, die mit ihren offenherzigen Annäherungsversuchen Frauen durchgehend zum Weinen bringt.

Sonntag 11.09.

Stage Fright / Die rote Lola
(Alfred Hitchcock, UK 1950) [DVD, OmeU]

großartig

Der Vater (Alastair Sim) in diesem Thriller, der von einer jungen Frau handelt, die für die Liebe noch den größten Wahnsinn begeht, und der sich einen kleinen Spaß mit unserem Glauben an die filmische Realität erlaubt, der wiederum dazu führt, dass das fröhliche Spiel mit der Anziehungskraft des Bedrohlichen überzogen wird und wir uns unverhofft und noch lachend plötzlich in den Klauen des Psychopathischen befinden, der Vater also mit dem schönen Namen Commodore Gill ist mein neustes Vorbild, weil er seiner Tochter hilfreich noch in den größten Löwenschlund folgt, ohne mehr als flapsige Kommentare als Protest bereitzuhalten.

Sonnabend 10.09.

Astérix et Cléopâtre / Asterix und Kleopatra
(René Goscinny, Albert Uderzo, F/B 1968) [stream] 7

großartig

Wegen den Liedern habe ich als Kind diesen Asterix-Film am wenigsten gemocht. Ich weiß noch, wie ich bei einem Freund zu Besuch war, der ihn sehr mochte und mit mir schauen wollte. Ich konnte es nicht verstehen und vergrub mich, während die VHS lief, in innerliche Distanzierung. Ich wollte diesen Blödsinn nicht an mich herankommen lassen. Heute daran zu denken, birgt eine schreckliche Selbsterkenntnis, denn die Lieder sind toll, Ohrwürmer gar. Gesang in Filmen war mir, glaube ich, zu der Zeit zu weibisch … und nichts finde ich befreiender, als solche Einengungen immer mehr abwerfen zu können.
*****
Die war einer der ersten Filme, die ich im Kino sah. Wenn nicht sogar der erste. Ich habe jedenfalls noch Erinnerungen an das Capitol, also das Kino, und wie ich von hinten rechts auf den Ägypter schaue, der zum Auftakt des Films die Notwendigkeit einer Synchronisation erklärt.

Jamaica Inn / Riff-Piraten
(Alfred Hitchcock, UK 1939) [blu-ray, OmU]

verstrahlt

Zwischen Hitchcock und Produzent/Darsteller Charles Laughton soll ein ziemlich gespanntes Verhältnis geherrscht haben. Weil Laughton beispielweise gegen den Willen des Regisseurs Maureen O’Hara die Hauptrolle gab und sich selbst umbesetze – eigentlich sollte er Räuberhauptmann Trehearne spielen, doch wollte er lieber Sir Humphrey Pengallan sein, den er dann als überzogenen Gecken spielte. Vielleicht waren diese Spannungen eine der Ursachen, dass JAMACAI INN als Kostümthriller kaum funktioniert. Daphne du Maurier soll jedenfalls nach der Verfilmung nicht glücklich damit gewesen sein, dass Hitchcock gleich auch noch REBECCA verfilmen sollte. Zu sehr war die unheimliche Stimmung der rauen Küste Cornwalls und der Räuberspelunke bei der Verfilmung zum Camp verkommen.
Vll. lag es an solch äußerlichen Umständen, vll. lagen die Gründe aber auch woanders. Denn als Portrait des Lusthaushalts Hitchcocks funktioniert JAMAICA INN sehr anschaulich. An Maureen O’Haras Mary wird nämlich den ganzen Film gezerrt und gezogen. Entweder ist es der Wind, der sie wiederholt zum Fetisch eines nassen, bedrängten Frauenkörpers macht, oder es sind die Helden wie Bösewichte des Films, die ihr immer wieder die Sachen vom Leib nehmen. Ein bisschen Knebeln hier, ein bisschen lüsterne, dicke Herrscher mit fliehendem Haaransatz da, und schon sieht der Film aus, wie ein bezeichnender feuchter, selbst verspottender Traum Hitchcocks.

Freitag 09.09.

オン・ユア・マーク / On Your Mark k
(Miyazaki Hayao, J 1995) [stream]

ok +

Ein Musikvideo, das sich irgendwie nicht um die Musik kümmert, sondern ein paar Ideen zu einem nie gedrehten Film Miyazakis in den Raum stellt.

鹿の王 ユナと約束の旅 / The Deer King
(Andō Masashi, Miyaji Masayuki, J 2021) [stream]

ok +

Für critic.de habe ich einen Text darüber geschrieben, dass ich beim Sehen von THE DEER KING ständig an PRINZESSIN MONONOKE denken musste.

ब्रह्मास्त्र पहला भाग: शिवा / Brahmāstra Part One: Shiva
(Ayan Mukerji, IND 2022) [DCP, OmeU]

ok +

Ein Bollywood-Marvel-Film, in dem Helden mit mythischen Wurzeln die indischen X-Men bilden. Solange gesungen und getanzt wird, ist das ganz schön … danach wird der MCU-Klon zunehmend anstrengend … besonders wenn der Endkampf dann auf einer grauen Wiese stattfindet. Reziprok dazu entwickelt Hauptdarsteller Ranbir Kapoor als Shiva zunehmend Charisma. Nicht weil er immer mehr Kräfte entwickelt, sondern weil sich ein Schnauzer in seinem Gesicht abzuzeichnen beginnt.

Donnerstag 08.09.

The Smurfs / Die Schlümpfe
(Raja Gosnell, USA 2011) [DVD]

ätzend

Ein Mann muss zu akzeptieren lernen, dass er bald Papa sein wird, und er muss lernen, auf sein Herz zu hören. Beides in dem er von fünf Protonervkindern – furchtbar animierte Schlümpfe mit gruseligen Augen, deren Identität und Witz auf dem Humor von Mario Barth fußt – heimgesucht wird und ein Abenteuer mit ihnen erlebt.

Pinocchio
(Robert Zemeckis, USA 2022) [stream, OF]

uff

Eine weitere Lektion Disneys, wie ein Drehbuch, das nur auf Ausformulierung der Lücken und auf nach Diversität strebenden Anreicherung des Klassikers aus ist, einen öden, öden Film nach sich zieht. Zumal dieser Film hier noch als Disney-Imagefilm konzipiert wurde, der wiederholt darauf verweist, wie toll Disneys Output ist … bzw. eher: war. Noch dazu sieht das entstehende Schultheater auch noch fürchterlich aus. Tom Hanks, dessen Frisur wie eine zerfranste Schlafmütze aussieht, ist aber der absolute Wahnsinn. Er spielt, als wolle er seinen und allen Kindern der Welt nicht den Spaß verderben. Er legt alles, was er an Overacting draufhat, in seine schlichten und debilen Dialoge – die noch die Benennung seiner Holzpuppe zum minutenlangen Martyrium für den Zuschauer machen und dafür sorgen, dass der Film schon eine halbe Stunde halbohnmächtig hinter sich gebracht hat, bis Pinocchio endlich mal Richtung Schule aufbricht. Seine traurig stimmende Opferbereitschaft, seine ewigen Rufe nach Pinocchio: Es sind Dinge, die Alpträume hervorrufen können.

Mittwoch 07.09.

Smurfs: The Lost Village / Die Schlümpfe – Das verlorene Dorf
(Kelly Asbury, USA 2017) [DVD]

nichtssagend

Schlümpfe: Ein Dorf blauer, kleiner Männer, in dem jeder eine Eigenschaft hat. Und die Eigenschaft von Schlumpfinchen ist eben das Mädchensein. DAS VERLORENE DORF versucht diesen Umstand zu beheben und geht das Schlumpfinen-Problem offen an. Sie hat entsprechend eine Identitätskrise, an deren Ende ihre Identität mehr ausgearbeitet sein soll. Zudem wird ein ganzes Dorf weiblicher Schlümpfe eingeführt, damit sie nicht mehr die einzige Frau ist. Aber die neuen Schlumpfinen bleiben eine graue Masse und die Identität von Schlumpfinchen soll nun dadurch bestimmt sein, dass sie alles sein kann, was sie will … und sie eben ein Mädchen ist. Ihre Charakterisierung hat am Ende nur eine Scheinverschiebung erlebt. Dieser ideologische Schattenkampf ist vll. dann doch das Unterhaltsamste an diesem Abenteuerfilm.

夕方のおともだち / You’ve Got A Friend
(Hiroki Ryuichi, J 2022) [blu-ray, OmU]

gut

Liebe ist, wenn der eine gefesselt von der Decke hängt, der andere einen Kaffee trinkt und gemeinsam etwas geplaudert wird. Mehr dazu gibt es auf critic.de.

Montag 05.09.

Saw 3D / Saw 3D – Vollendung
(Kevin Greutert, USA/CA 2010) [3D-blu-ray; ł]

nichtssagend

Zwei Dinge:
1. Ich habe die um wenige Sekunden (ca. 10) kürzere Version mit 3D geschaut. Enthalten sind Gedärm, ein abgefetztes Gesicht und langsam vom Körper herunterreißende Haut. Was war also so schlimm, das es wegmusste? Bzw.: Was war vll. geil genug war, das es wieder reinsollte? Mit etwas Recherche ließe sich wahrscheinlich eine sinnige Erklärung finden. Ich mag aber die Vorstellung einer Esoterik der Drastik, die noch Unterschiede für den Jugendschutz findet.
2. Zu Beginn gibt es eine Falle in aller Öffentlichkeit. In einem Schaufenster. In hellen Bildern ohne Schatten und Feuchtigkeit. Dieser spannende Ansatz wird aber nicht weiter aufgegriffen. Stattdessen geht es weiter wie bisher. Was auch heißt, dass die scheinbar abgeschlossene Vergangenheit abermals einen Twist erhält. Wenigstens wird dabei das sich offensichtlich Abspielende nicht wieder plump ausformuliert, weshalb SAW 3D fast so etwas wie Drive besitzt. Aber dass die Steifheit der Vorgänger fehlt, macht es auch nicht besser, weil das Kaputte irgendwo das Interessante der Serie war. Ich weiß auch nicht.

Sonntag 04.09.

Treasure Planet / Der Schatzplanet
(Ron Clements, John Musker, USA 2002) [stream]

gut

Die in DIE SCHATZINSEL latent vorhandenen Daddys Issues – der von seiner Mutter großgezogene Jim Hawkins trifft auf eine Reihe von mal mehr, mal weniger tauglichen Vaterfiguren – werden in DER SCHATZPLANET voll herausgearbeitet. Wobei eigentlich alle nominellen Vaterersätze vom Film fallengelassen werden. Billy Bones stirbt sofort nach seiner Ankunft und Dr. Livesey and John Trelawney werden zu Comic Relief Dr. Doppler verformt. Nur Long John Silver bleibt, was er immer war und wird mehr noch nicht nur zum Ersatzvater für Jim Hawkins, indem er zur tatsächlich gegenwärtigen Vaterfigur wird, sondern auch zum Vaterersatz, der erkennt, dass seine wahre Bestimmung immer die eines Vaters war und nicht die eines Abenteurers.
Das für DER SCHATZPLANET vermehrt eingesetzte CGI sieht in Verbindung zum gezeichneten Part des Films fürchterlich aus, das Steampunk-Setting und das Vater-und-Sohn-Melodrama wiegen aber viel – vor allem die Liebegeschichte zwischen Hund (Doppler) und Katze (Smollet-Ersatz Captain Amelia) – wieder auf.

The Trouble with Being Born
(Sandra Wollner, A/D 2020) [DVD]

großartig

Vll. ist dies auch oder vor allem das Portrait eines dement werdenden Gehirns. Ein Android (Lena Watson) lebt erst bei einem Vater (Dominik Warta) als Ersatz für dessen verstorbene Tochter Elli. Dann wird er entführt und zum Ersatz des Bruders einer Rentnerin umgemodelt, also zum im Kindesalter verstorbenen Emil. Die Erzählungen aus den Leben von Elli und Emil vermengen sich zunehmend in den Erzählungen des Androiden aus dem Off oder gar mit dessen eigenen Erfahrungen. Erinnerungen, Fantasie und Realität vermischen sich zusehends. Die scheinbaren POV-Shots enden damit, dass sie keiner Person zuordenbar sind. Die Hinweise sind erdrückend, dass der Vater ein pädophiles Verhältnis zu der Maschine aufgebaut hat, die seine Tochter symbolisiert. Die geistig nicht mehr allzu flexible Rentnerin kommt nicht damit klar, dass ihr toter Bruder jetzt scheinbar wieder in ihrer Wohnung lebt. THE TROUBLE WITH BEING BORN ist ein gleisender Film verwischender Grenzen, der das provokante Thema seiner ersten Hälfte nicht reißerisch oder besserwisserisch angeht, sondern der nach etwas Greifbarem sucht. Der aus der von Trauer verursachten Betäubung auszubrechen versucht, aber nur eine Realität findet, die von Tränen verwischt wird. Weshalb Sandra Wollners Film in seinen besten Momenten die Qualität des literarischen Werks Alain Robbe-Grillets (in dessen besten Momenten) erreicht – ohne dessen Strenge.

Sonnabend 03.09.

My Man Godfrey / Mein Mann Godfrey
(Gregory La Cava, USA 1936) [blu-ray, OmeU]

fantastisch

Vom Traum der Gesundung durch Armut erzählt MY MAN GODFREY gewissermaßen. Verwöhnte Millionäre müssen nur mit etwas Realität konfrontiert werden, damit sie normale Menschen werden können. Die Realität: der Obdachlose Godfrey (William Powell) wird als Butler eingestellt, der mit seiner Ruhe dafür sorgt, dass Seelen und Bankkonten gerettet werden. Vor allem wird es MY MAN GODFREY genießen, das Biest unter den Bullocks – Gail Patrick – seelisch und moralisch zu brechen, um sie zu bessern. Bei Godfrey handelt es sich aber auch um einen verarmten Millionärssohn, der seine Lektion gelernt hat – wie mehr oder weniger alle normalen Leute des Films Obdachlose sind, also Leute, die durch die Depression verarmten. La Cavas Screwball Komödie ist so im Großen und Ganzen ziemlich herzlich und … naja … seicht. Am Ende wird alles gut und Dinge wie Depression, Massenarmut und Konsequenzen scheinen lediglich wie ein Traum, der zum Glück schnell überwunden ist.
Im Gegensatz zu Godfrey und den verlorenen Männern, die am Pier in einer Müllhalde hausen, sind die Bullocks durch ihren Reichtum nur körperlich erwachsen geworden, die sich wie die Insassen einer Anstalt benehmen. (Fünfzig Jahre später wäre dies der Pitch für eine Sitcom gewesen.) Seine Liebe hegt MY MAN GODREY aber nicht für Revanchismus und die Wohlfühlmomente, sondern für die himmelschreiende Exzentrik dieser Reichen, für die William Powells Godfrey als Straight Man dient. Seinen Augen wird er nie zu trauen vermögen, wenn er ihrem Treiben folgt.
Am Ende wird er Irene Bullock (Carole Lombard mit der Frisur eines kleinen Mädchens) heiraten, ohne dass diese eine Lektion zu lernen bekommt. Er ist es viel mehr, der den ungebändigten Wahnsinn in sein Leben lässt … bzw. dieser presst sich ungefragt in seines – war sein Jawort überhaupt zu hören oder war der Film mit seinem Schreck ob der hereinbrechenden Heirat vorbei? Jedenfalls: MY MAN GODFREY arbeitet vier bis fünf verantwortungslose, schmierenkomödiantische Kindsmenschen heraus, die sozial tone-deaf sind, und lässt ihre screwball-nuttiness freien Lauf, dass sie fast schon die alte Glorie der damals schon überlebten Marx Brothers erreichen. Der Blick auf sie ist zwar ungläubig, weshalb der Film vll. auch nicht zu einer wahren Reform in der Lage ist. Es ist einfach zu schön, sie weiter walten zu lassen und sich an ihnen zu laben.
*****
Zum 06.10. wäre Carole Lombard 114 Jahre alt geworden. Mit diesem fadenscheinigen Grund konnte ich bei critic.de einen Text über Carole Lombard unterbringen, der hier zu finden ist.

Freitag 02.09.

Black Widow
(Cate Shortland, USA 2021) [stream, OmeU]

ok

David Harbour hat als russischer Captain America, also als vom Leben enttäuschter Red Guardian, der sich diese Enttäuschung nicht eingestehen möchte, einigen Spaß. Dieser Red Guardian krallt sich an seine Heldenidentität, die in BLACK WIDOW selbst – der Film interessiert sich nur für sein Scheitern – nicht zu sehen ist, weshalb eben nur ein dicker Mann in einem zu kleinen Kostüm gezeigt wird, der so tut, als wären seine – eben nicht existenten – Glory Days noch nicht vorbei. Tatsächlich erreicht BLACK WIDOW damit ein wenig emotionale Tiefe. Ihn mochte ich. Der Rest war dann halt wieder ein MCU-Actionfilm.

Donnerstag 01.09.

Saw VI
(Kevin Greutert, USA/CA 2009) [blu-ray, OmU]

nichtssagend

Ich muss zugeben, dass das Aufreißen von Lücken in einer zuvor auserzählten Geschichte, um doch noch mit einem Twist alles umzuerzählen, im sechsten Teil seine Momente hat. Wenn aber ein Serienmörder gezeigt wird, wie er schon mehrmals in die Kamera gehaltene Fotografien seiner nächsten Opfer auch noch an eine Pinnwand befestigt, oder wenn SAW VI noch meint, zeigen zu müssen, wie eine Frau einen Wachmann passiert, wenn die Dinge, die vermittelt werden sollen, schrecklich hilflos und in penetranter Wiederholung vor die Kamera gestellt werden, dann weiß ich nicht, ob das eine Form von Avantgarde ist, die mich nicht erreicht, oder ein filmischer Bankrott.

August
Mittwoch 31.08.

Herz aus Glas
(Werner Herzog, BRD 1976) [blu-ray] 3

fantastisch

Die Außenaufnahmen sehen aus, als wären sie von Caspar David Friedrich entworfen. Die Innenaufnahmen wie von Caravaggio gemalt. HERZ AUS GLAS sieht gespenstisch schön aus, nach Romantik, Epik und einem seriösen Meisterwerk. Werner Herzog und Drehbuchautor Herbert Achternbusch stellen mit dieser Schönheit aber nur Quatsch an und lassen emotional paralysierte Leute komisches Zeug reden. Vll. gibt es keinen wahreren Film über das, was es heißt, am Leben zu sein.
*****
Geschaut habe ich es, weil ich Werner Herzog auf critic.de zu seinem 80. Geburtstag gratulieren wollte und einen kleinen Schubs in Richtung Inspiration brauchte.

Dienstag 30.08.

The Smiling Lieutenant / Der lächelnde Leutnant
(Ernst Lubitsch, USA 1931) [DVD, OF]

großartig +

Frivole Sexpolitik, Austriaploitation, Maurice Chevaliers Unterlippe, Treppen und Türen: That’s what I call schnitzel!

Montag 29.08.

Pinocchio
(Hamilton Luske, Ben Sharpsteen u.a., USA 1940) [stream] 2

gut

Alles nach der Vergnügungsinsel ist sagenhaft – sprich das Meer und der Wal. Die Bilder, die Inszenierung, alles mega. Mit dem, was bis dahin geschieht, dieser penetranten pädagogischen Geschichte mit dem Holzhammer – wer nicht in die Schule geht, wird Sklave und Esel, wer lügt, entstellt sich zusehends – hadere ich noch. Als Alptraum für Kinder ist es zu vergnüglich. Als Alptraum von Eltern willkürlich und lasch. Als Schelmencartoon ganz nett. Der Nachdruck, den PINOCCHIO daraufhin zeigt, fehlt einfach. Wenigstens wird Pinocchio zum Menschen, ohne je eine Schule betreten zu haben. Das lässt mich daran glauben, dass ich noch eine Perspektive finden kann, die mich mit diesem Rest des Films versöhnt.

Sonnabend 27.08.

Samaritan
(Julius Avery, USA 2022) [stream, OmeU]

ok +

Wenn dieser Old-School-Thriller im Gewand eines Superheldenfilms in seinen finalen Actionsequenzen dem alternden Körper Sylvester Stallones, der mit seiner Darstellung eines alten, verbrauchten Muskelmanns sicherlich die Attraktion von SAMARITAN ist, Tribut zollen würde und mit diesem etwas anfangen, dann würde er gerade in diesem Finale nicht so müde und schematisch wirken.

Freitag 26.08.

Spiderhead
(Joseph Kosinski, USA 2022) [stream, OmeU]

nichtssagend

Jeff (Miles Teller) bemerkt, dass er als Gefängnisinsasse mit Gewissensbissen nicht einfach nur Liebes-, Glücks- und Schmerzpsychopharmaka an sich testen lässt, sondern dass wir in einer Dystopie stecken, in der Dinge ausprobiert werden, die lieber nicht ausprobiert werden sollten. Und dass der aalglatt grinsende Steve (Chris Hemsworth als Karikatur seines Thors), der immer wieder betont, dass er der nette Gefängnisdirektor von neben an ist, der nur das Beste für alle möchte, der Bösewicht des Films ist. Vll. würde SPIDERHEAD funktionieren, wenn wir dies aber nicht aus der Sicht von jemanden sehen würden, der hinter die glatten, hellen, digitalen Oberflächen des Films schauen muss, um bei einem offensichtlichen Twist anzukommen. Denn das einzige Faszinierende sind gerade die glatten, hellen, digitalen Oberflächen, weshalb dies womöglich etwas gewesen wäre, wenn wir sie aus Sicht von dem gesehen hätten, der an ihnen interessiert ist, der alle Menschen so taub machen möchte, wie er es gerne wäre.

Donnerstag 25.08.

Das fliegende Klassenzimmer
(Kurt Hoffmann, BRD 1954) [blu-ray]

gut

Ich weiß nicht, ob ich mit Kurt Hoffmanns Version von Kästners Buch fremdle, weil ich Werner Jacobs‘ Version von 1973 schon öfter gesehen habe – wobei die letzte Sichtung auch schon wieder ewig her ist und ich nicht sagen kann, ob ich damit inzwischen vll. nicht auch fremdeln würde –, oder weil ich die Schauspieler fast durchgängig hölzern und nicht relatable finde. Der Stoff ist immer noch toll und es sieht zuweilen auch ziemlich schön aus … aber irgendwie habe ich hiernach eher Lust mal das Buch zu lesen.

La femme au couteau / The Woman with the Knife
(Timité Bassori, CIV 1969) [stream, OmU]

gut +

Wegen dieses Films höre ich zuletzt wieder mehr Thelonious Monk. Mehr dazu bei critic.de.

Mittwoch 24.08.

DC League of Super-Pets
(Jared Stern, USA 2022) [DCP]

uff

Ein grausames, grausames Nerdfest aus penetranten popkulturellen Referenzen und Ironie, die nicht darüber hinwegtäuschen sollen, dass sonst keine Idee in diesem Film steckt, sondern eben die Idee des Films sind. The Horror, the Horror.

Nope
(Jordan Peele, USA 2022) [DCP, OmU]

großartig

Jordan Peele ist als Filmemacher vor allem ein Autor des Fragmentierten – in Folge von GET OUT wird es immer spürbarer. So hat er ein Gespür für bedrohliche, manchmal surreale Situationen, weshalb er ein grandioser Regisseur für einzelne Szenen ist, für atmosphärische Miniaturen. Bei stringenten Erzählungen und gelungenen Spannungsbögen ist er vll. nicht ganz so heimisch. Auch weil hinzukommt, dass er als Autor – gerade in Folge seines Debüts – gar nicht wirklich an Stringenz interessiert zu sein scheint. Viel lieber wirft er Diverses in einen Topf, rührt aber nicht um und ist gespannt, was die Assoziationen so alles ergeben.
NOPE ist in der Hinsicht ein Film über Hollywood, das ganz Alte wie das Aktuelle, über Raubtiere, über die Wirkung und die Gewalt von Blicken, über Kameras, über den Wahn von Informationsflut und einer übersteuerten Öffentlichkeit, bei dem alles Private, Persönliche oder Wahrhaftige verloren geht. Und es ist gerade toll, wie er diese Einzelteile in klare, wenn auch versponnene Symbole verpackt, diese aber nicht zu einem einfachen Bild zusammenfügt, sondern Fransen und Unklares einfach stehen lässt. Weshalb NOPE gerade am besten ist, wenn er seltsamen Unsinn treibt und am Ende aus einem UFO, dessen Inneres nicht von CGI erstellt wurde, sondern wie aus Luftmatratzen gebaut scheint, wenn er aus diesem einen opulenten Fesseldrachen entstehen lässt.
Das Problem von NOPE ist aber, dass der Aufbau trotz all seiner Qualitäten träge und selbstverliebt ist. Dass er sich nicht nur nicht fokussiert, sondern er zuweilen auch wirkt, als ringe er um Inspiration, die nicht kommen möchte … oder Peele auf einem Terrain zeigen, dass er nicht beherrscht. Bezeichnend sind dabei die Dialoge, die an dieser Stelle manchmal so klingen, als ob Peele in letzter Zeit zu viel Tarantino gesehen hätte und die Dialoge aus dessen Filmen nachäfft. Aber dranbleiben lohnt sich eben doch wieder, weil er zusehends zu sich findet.

Dienstag 23.08.

Minions: The Rise of Gru / Minions – Auf der Suche nach dem Mini-Boss
(Kyle Balda, USA 2022) [DCP]

ok

All das, was diesen MINIONS-Film zum Prequel macht – die Anspielungen auf die und Vorbereitungen der DESPICABLE ME-Filme oder die Zelebrierung einer klischeehaften Version der 70er – finde ich genauso fürchterlich wie die Minions. Aber hier und da ist es eben doch ganz witzig … und ich mochte den Opaverbrecher, der von seinen Kameraden, seinem Körper, der Zeit verraten wird und nur noch Gru als Verbrecher-Nerd-Kind hat, dass ihn von der totalen Vereinsamung schützt.

The Eagle and the Hawk
(Stuart Walker, Mitchell Leisen, USA 1933) [blu-ray, OF]

großartig

Größtenteils ist THE EAGLE AND THE HAWK ein Kriegsfilm seiner Zeit. Wie in THE BIG PARADE oder ALL QUIET ON THE WESTERN FRONT startet es mit großem Hurra in den Krieg, der sich schockartig zum Alptraum wandelt. Pilot Jerry Young (Frederic March) erwartet ritterliche Abenteuer. Bei seinem ersten Flug wird aber gleich sein Bordschütze/Aufklärungsfotograf abgeschossen, und er muss der Frau und dem Kind des eigentlich noch unbekannten Partners die Nachricht über dessen Tod schreiben. Zunehmend zerrüttet sein seelischer und moralischer Zustand, während alle um ihn sterben und diese Sterbenden auch zunehmend jünger werden – das Casting der jungen, zarten Männer, an denen jede Gewalt einfach falsch und niederträchtig wirkt, ist sensationell. Und zu Hause erwarten ihn fröhliche Kinder und Erwachsene, die von heldenhaften Wagnissen hören wollen, oder ätherische Schönheiten (Carole Lombard), gegen die seine Realität noch grauenhafter wirkt. So ertränkt er jeden klaren Gedanken im Alkohol, bis er nur noch sterben möchte.
Allein damit würde dies ein guter Film sein, jedoch kein bemerkenswerter. Aber es gibt eben noch die Figur des Bordschützen und Aufklärungsfotografen Henry Crocker. Dieser ist ein Macho, der jeden Anflug einer Kränkung und Ehrbeleidung mit seinen Fäusten beantwortet. Dass dieser bellende Schläger von Cary Grant gespielt wird, ist höchst gewöhnungsbedürftig … aber Paramount stand nicht grundsätzlich in dem Ruf, sehr auf seine Schauspieler und ihre Rollentypen zu achten. Er und Jerry Young sind in ihrem Fach jedenfalls die Besten und deshalb zwangsläufig ein Team, obwohl Crocker Jerry ständig eine reinhaut und beide sich innig hassen. Während Jerry aber zunehmend an seine Grenzen kommt, kommt der Cary Grant in Henry Crocker durch. Sein Blick wird weicher, wenn er Jerry beobachtet. Seine Unterstützung des Rivalen versucht er zwar zu verstecken, aber inniger und inniger nimmt er an seinem Schicksal Anteil. Bis er ihm seinen Wunsch erfüllt und der Film höllisch bequem endet. Und so ist THE EAGLE AND THE HAWK als stilles, subtiles Liebesmelodrama dann doch sehr toll.

Montag 22.08.

Soul
(Pete Docter, USA 2020) [stream]

großartig

High Concept Art über einen Jazzpianisten/Musiklehrer, der lernen muss, dass nicht Erfolg und sich verwirklichende Träume ein Leben ausmachen, sondern Offenheit gegenüber dem, was einem so alles geboten wird. SOUL ist also mal wieder ein lehrreicher Film über den Sinn des Lebens. Es ist der Fluch dieser Filme und vll. im Besonderen der von Pixar, der wohl nicht so schnell weichen wird. Besser als SOUL wird es mit diesem aber so schnell nicht werden. Vor allem, weil er nicht sehr geradlinig abläuft, sich wie ein Chamäleon ständig ändert und weil er damit ein breites Potpourri an Figuren und Einfällen bereithält, die größtenteils funktionieren.

Sonntag 21.08.

Monte Carlo
(Ernst Lubitsch, USA 1930) [DVD, OF]

großartig

Tighter als THE LOVE PARADE erreicht MONTE CARLO aber nie dessen Spitzen. Ansonsten der Film über eine adlige Frau, die, ohne nachzudenken, immer wieder auf die 16 beim Roulette tippt, wie sie im Leben ohne Reflektion den (auch grenzidiotischen) Gepflogenheiten ihrer gesellschaftlichen Stellung entspricht, während ein anderer Adliger sie von seiner Liebe zu überzeugen versucht, indem er so tut, als wäre er ihr Friseur und Kammerdiener, der in der Liebe aber auch erst mit Charme punkten kann, wenn er genug Geld mitbringt. Ein Lustspiel.

Sonnabend 20.08.

Jagdsaison
(Aron Lehmann, D 2022) [DCP]

gut +

Die kleinen, stillen Momente fand ich in der Drastik und der Derbheit schon am schönsten, aber auch in seinem so gearteten Kerngewerbe gefiel mir der Film. Mehr dazu auf critic.de.

La chiesa / The Church
(Michele Soavi, I 1989) [blu-ray, OmeU]

verstrahlt

Ein Haufen aus Genrebausteinen, der sich nicht darum kümmert zu erklären, ob die Kirche/der Templer-Orden das Böse in der Welt begründet oder es tatsächlich mit seiner rücksichtlosen Brutalität im Zaun hielt, der eben nur an seinem Lusthaushalt interessiert ist. Nur liegen die entsprechenden Set Pieces schon ein wenig verstreut in einem gefälligen Ablaufenden … weshalb mich vor allem Dario Argento (hier Produzent) faszinierte, der für die Rolle der jungen Jugendlichen, der die Kamera in einem POV-Shot geil unter den Rock zu schauen versucht, seine eigene Tochter castet.

Freitag 19.08.

Inside Out / Alles steht Kopf
(Pete Docter, USA 2015) [stream] 2

ok +

Auf dem Papier ist das alles ganz gut, aber irgendwie will der Funke bei mir nicht überspringen. Womöglich, weil die Vereinfachungen psychologischer Vorgänge zu offensichtlich in Richtung der Konstruktion weißen. Womöglich aber auch, weil es keine mitreißende Figur gibt.

Nothing Sacred / Denen ist nichts heilig
(William A. Wellman, USA 1937) [DVD, OF]

fantastisch

Beim Il Cinema Ritrovato 2014 schaute ich mir DIE HERBERGE ZUM DRACHENTOR von King Hu an. Ich freute mich diesen alten Bekannten mal auf einer großen Leinwand zu sehen, den mir mein Vater in meiner Kindheit mal aufgenommen und der mich damals und oftmals danach total begeistert hatte. Nur leider war die DCP oder der Beamer nicht ganz korrekt eingerichtet, weshalb alles irgendwie arg suboptimal aussah. Zu meiner Betrübung kam nun das Wissen hinzu, dass ich zeitgleich im Programmpunkt zu William A. Wellman die Bekanntschaft mit diesem Irrwitz hätte machen können … und ihn nicht das erste Mal von einer suboptimalen DVD hätte sehen müssen.
Nach dem Ende meinte Sabrina Z., dass sich wohl niemand so sehr wie ich über einen Ast freuen und sich über diesen so sehr beömmeln könne, dass er fast vom Sitz fällt. Denn im Gegensatz zu TWENTIETH CENTURY sind hier nicht nur die Darsteller und das Tempo überdreht, sondern auch die Inszenierung von Wellman. Und so reden Carole Lombard und Frederic March mit- und laufen nebeneinander … und wenn sie weiterredend stehen bleiben, dann befinden sich ihre Köpfe eben hinter einem Ast. Die allgegenwärtige Exzentrik von NOTHING SACRED ist vll. hier und da nicht gut gealtert, aber fast durchgängig einfach unfassbar gut.

Donnerstag 18.08.

The Love Parade / Liebesparade
(Ernst Lubitsch, USA 1929) [DVD, OF]

gut +

Als ich dieses Jahr in Bologna die Operettenfilme aus der späten Weimarer Republik sah, fehlte mir der Vergleich dazu, wie Hollywood zu der Zeit in diesem Terrain agierte. Weshalb ich mir vornahm Lubitschs Paramount-Operetten zu schauen. Und von Beginn weg schien mir THE LOVE PARADE der viel slickere Film zu sein. Nur nimmt er mit der Zeit zunehmend Auszeiten, weshalb die kurzen Nebenschauplätze mit den Dienern beschwingter sind, als das ewige Grinsen von Maurice Chevalier und der Aufhänger, dass ein Mann mit Sex in eine Ehe gelockt wird, sich dort dann aber entmannt wiederfindet, weil er nichts zu sagen hat, und sich folglich etwas ausdenkt, um die Frau, eine Königin, zu unterwerfen.

Mittwoch 17.08.

Corsage
(Marie Kreutzer, A/D/H/F/L 2022) [DCP]

großartig

Meine drei liebsten dreistufigen Abfolgen:
1. Der Reitlehrer traut sich nicht, die unmissverständliche Einladung zum Sex anzunehmen. – Sissi masturbiert in der Badewanne. – Sissi stürzt vom Pferd und es muss erschossen werden.
2. Mach den Mund auf!, sagt Ludwig II. und schüttet Sissi – als Einbruch von Dekadenz in ein von Abstinenz und Verzicht geprägtes Leben – einen Strom schwarzer Schokolade in und um den Mund. – Die beiden schwimmen im Starnberger See und nur Teile ihrer weißen, nackten Körper schimmern aus dem marmornen Schwarzen des Wassers heraus, das vom Cumshot in der vorherigen Szene stammen könnte. – Sissi sitzt auf Ludwig und merkt, dass die Gerüchte über die Stallburschen doch wahr sind.
Zweimal: Auch wenn eine in Nutzlosigkeit gehaltene Kaiserin nur jemanden ficken will, den es kümmert, endet es in Enttäuschung.
3. Badewannenfolter in einem Irrenhaus, wo die promiskuitiven Frauen in zu kaltes und die emotionalen in zu warmes Wasser gesteckt werden. – Sissi sitzt in einer Badewanne und sucht nach Geborgenheit. – Ein Arzt verschreibt ihr Heroin, das er für unbedenklich erklärt, woraufhin der Sadomasochismus einer Frau, die sich müde gegen ihre Schranken auflehnt, eine Wendung nimmt und in der größten Demütigung endet: in dem endlich erreichten Frieden, wenn man von allen geliebt wird, weil man nicht mehr man selbst ist.
*****
Zu der Zeit, als ich CORSAGE sah, steckte ich gerade im Kapitel zu RKO in THE HOLLYWOOD STUDIOS: HOUSE STYLE IN THE GOLDEN AGE OF THE MOVIES von Ethan Mordden. Darin ging es darum, dass RKO sich seinen Platz zwischen Paramount (Stil und Sex), MGM (die Glamourmaschine), Warner (Punkrock-Direktheit), Fox (Unterhaltung für die ländlichen Regionen), Columbia (der mit der Einfachheit von Screwballkomödien aufsteigende Niemand), Universal (dem Gatekeeper gegen den Fortschritt mit Monstern), Selznick (die Suche nach dem Big One, nach dem es keinen Big One mehr geben kann) und Goldwyn (der allen beweisen möchte, dass er Kultur hätte), dass RKO also seinen Platz zwischen all diesen darin suchte, indem es die gewagten, modernen Filme veröffentlichte. Dass RKO ein Studio des Chaos und der Abenteurer war, die eigentlich verrückt gewesen sein mussten, sowas wie CITIZEN KANE oder SYLVIA SCARLETT gegen jede Chance auf Publikumserfolg (oder auch nur Akzeptanz) zu veröffentlichen. Vor diesem Hintergrund CORSAGE zusehen, einen Film aus zu puzzelnden Impressionen, die sich einer einfachen Unterhaltung verwehrten, in einer Landschaft, wo Kinos um jeden Zuschauer ringen, da schien mir alles nur noch absurd.

Twentieth Century / Napoleon vom Broadway
(Howard Hawks, USA 1934) [blu-ray, OmeU]

fantastisch

Zwei Theatermenschen (John Barrymore, Carole Lombard) lieben nur eines mehr als sich selbst: Aus noch den kleinsten Anlässen große Aufführungen ihre Emotionen zu machen und jede Situation in ein überbordendes Drama zu verwandeln. Es geht also um eine Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen, die sich mehr als verdient haben, weil sie nur um sich kreisen. Barrymore und Lombard liefern dafür zwei Aufführungen für die Ewigkeit, zwei Wahnsinnige, die völlig freidrehen, in einem Film, der den Irrsinn noch eskaliert, indem er das Gaspedal durchtritt und alles aus dem Film kehrt, was Zeit zur Reflektion geben würde. Und am schönsten dabei ist, dass sich der Film nicht den Egos seiner Hauptfiguren unterordnet, sondern beispielsweise noch einen aus der Irrenanstalt Entflohenen in den Plot einwebt, der zwanghaft überall christliche Erbauungsaufkleber anbringt und ungedeckte Schecks ausstellt. Dass mir aber dieser rasende Wahnsinn gefällt, lässt Zweifel in mir wachsen, dass ich inzwischen reif für BRINGING UP BABY sein könnte, der für mich bisher eine einzige Qual war.

Dienstag 16.08.

Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings
(Destin Daniel Cretton, USA 2021) [stream, OmeU]

nichtssagend

Der Versuch eines Hongkong-Films im MCU-Kontext. Wenn aber am Ende alles wieder im ewigen Windowshintergrund Grau in Grau endet, mag ich nicht mehr. Das und wie Tony Leung hier mitspielt – als gehe es darum einen IN TH EMODD FOR LOVE-Roboter darzustellen – hat mich sehr traurig gemacht.

Montag 15.08.

Fast and Loose
(Fred C. Newmeyer, USA 1930) [blu-ray, OF]

nichtssagend

Die Anzahl der Sätze, die Carole Lombard zu sagen hat, liegen im (gefühlt: sehr) niedrigen zweistelligen Bereich. Erzählt wird von zwei reichen, verzogenen Millionärssprösslingen, die sich in Leute aus der Arbeiterklasse (ua. Lombard) verlieben. Während Lombard am Rand einem Säufer graziös und mitleidig ins Gewissen redet, besteht der Hauptteil des Films aus dem Aufeinandertreffen eines Automechanikers und einer reichen Frau, die es genießt, dass mal jemand ruppig zu ihr ist. Denn: er erzählt ihr ohne Hemmungen, dass Frauen Männern unterlegen sind und von ihren Männern ordentlich geführt werden müssen. Wenn er ihr Auto repariert, mit ihr Nachtbaden geht, uswusf. Die Unsicherheit eines unsicherer Jungen scheint aber ständig dabei hervor. FAST AND LOOSE hat dementsprechend einiges an Screwball-Potential und immer wieder deutet sich ein liebenswerter Film an, doch die hölzernen Dialoge, die noch hölzerner aufgesagt werden, wiegen zu schwer.

Avengers: Endgame
(Anthony Russo, Joe Russo, USA 2019) [blu-ray, OmeU] 2

uff

Einer der Gründe, warum ich mit Sabrina Z. nochmal alle MCU-Filme bis Thanos guckte, waren die Unendlichkeitssteine. Damals im Kino hatte ich nur noch schwache Erinnerungen, was es mit ihnen auf sich hat bzw. was in den dazugehörigen Filmen mit ihnen passiert war. Ich hoffte – Warum eigentlich? –, dass ich nach den ganzen Filmen wieder mehr über sie wissen würde. Aber auch jetzt waren sie nur Schemen in meiner Erinnerung. Mir fehlt scheinbar die Fähigkeit mich dafür zu interessieren, wo irgendwelche Dinge abbleiben.

Sonntag 14.08.

Coco / Coco: Lebendiger als das Leben
(Lee Unkrich, USA/MEX 2017) [blu-ray]

ok +

Ein schöner Film über streunende Hunde, die sich als eigenwillig, aber liebenswert und hilfreich herausstellen … in einem Film, der etwas mehr Streunen und Eigenwille vertragen und der seine emotionale Manipulation nicht so altbacken und behäbig konstruieren könnte.

Captain Marvel
(Ryan Fleck, Anna Boden, USA 2019) [blu-ray, OmeU] 2

uff

Positiv möchte ich hervorheben, dass die letzten drei MCU-Filme zwar alle die gleiche Bewertung bekommen haben, sie mich aber auf ganz unterschiedliche Weise antrüben. Es könnte ja jedes Mal das Gleiche sein. Bei INFINITY WAR ist es die nette, sehr wenig megalomane Megalomanie, die nach nichts aussieht und quasi nur viel zu viele Figuren verwaltet. Mein Problem mit ANT-MAN AND THE WASP ist stattdessen eher ein persönliches Ding, weil das, was er macht, sicherlich ganz gut ist. Seine Paul Rudd-Haftigkeit nervt mich aber. Und dies hier ist einfach ein steifes, unschönes Nichts, in dem nur Judd Law lebendig wirkt … der vom Film aber auch irgendwo in die zweite Reihe gesetzt wird, wo er kaum etwas zu tun hat.

Sonnabend 13.08.

Underwater / Underwater – Es ist erwacht
(William Eubank, USA 2020) [stream, OmeU]

gut +

Am besten gefällt mir UNDERWATER, wenn die Leere und Kälte, die in GRAVITY Sandra Bullocks Figur umgibt und ausfüllt, durch Nässe, die Katastrophenwracks von Unterwasserstationen aus Stahl und Technologie und zwielichtige Mitmenschen ersetzt werden, die Kristen Stewarts Figur lediglich umgeben. Wenn die Handlung eben ansatzlos in seine klamme Klaustrophobie fällt, wo nur ständiges Weiterbewegen vorm Tod schützt. Stewarts Figur erzählt zwar von den Schwierigkeiten Realität und Traum an einem solchen Ort – soweit und solange Unterwasser – unterscheiden zu können, aber es bleibt herumstehende Behauptung, die auf das größte Problem von UNDERWATER abzielt. Es tauchen nämlich noch Ungeheuer auf, die nicht ganz hier zu sein scheinen, die retrospektiv – für die Figuren nach ihren Erlebnissen – vll. nicht ganz greifbar sind. Der Film soll dabei noch ALIEN, Zombiefilm und ein Kaijū-eiga sein, wobei der Kaijū epochal erscheinen soll und die Unterwassergeisterwesenzombies als beklemmende Masse, die von überall kommt. Gleichzeitig sollen beide wie das Alien als unheimliche Wesen im Schatten bleiben. Das Ergebnis sind graue, nichtssagende Bilder, in denen sich Epik, Beklemmung und unheimliche Bedrohung gegenseitig sabotieren. Diese Wesen sind eben zu sehr und gleichzeitig zu wenig zu sehen. Zum Glück tröpfeln sie aber erst nach gewisser Zeit in den Film, weshalb er die meiste Zeit ziemlich schön ist.

Freitag 12.08.

Supernatural
(Victor Halperin, USA 1933) [blu-ray, OF]

großartig

Die zwei Gesichter der Carole Lombard. Der Zwillingsbruder von Millionenerbin Roma Courtney (Lombard) ist gestorben und Scharlatan Paul Bavian (Alan Dinehart) versucht ihr mittels der Kommunikation mit der Nachwelt ihr Geld aus der Tasche zu ziehen. Doch stattdessen wird sie von dem Geist der Exgeliebten Bavians (Vivienne Osborne) besessen, die just wegen Bavian auf dem elektrischen Stuhl starb und mit deren Leiche ein Freund der Familie Courtney parapsychologische Experimente macht. Aus dem Täter wird so das Opfer und aus der zierlichen, schutzbedürftigen jungen Frau ein Racheengel, dessen Augen wie der kalte Stahl eines mit Säure getränkten Dolches leuchten. Eines Dolches, der auf sein Tun mehr als erpicht ist. Irgendwie läuft noch Randolph Scott als Romas Love Interest herum und der Film verpackt seine … verquere Geschichte in sehr atmosphärische Bilder und Situationen. Aber im Herzen geht es vor allem um das, was Carole Lombard vll. wie niemand sonst kann: Den ansatzlosen Wechsel zwischen herzlicher zurückhaltender Aufrichtigkeit und einem sadistischen Biestmodus. Sie ist sicherlich nicht die wandlungsfähigste Schauspielerin, aber damit allein macht sie sagenhafte Dinge … so sie denn gelassen wird.

Così fan tutte / Eine unmoralische Frau
(Tinto Brass, I 1992) [35mm] 2

verstrahlt +

Eine Altherrenphantasie, in der Frauen immer willig sind und die aus Fetischen – vor allem: Ärsche – besteht, die in wunderschönen Bildern zwischen Hochglanzporno und Art déco eingefangen werden. Tatsächlich ist COSÌ FAN TUTTE ein ziemlich geiler, aber nur bedingt ein erotischer Film, weil er (bewusst oder unbewusst) für zwei Dinge ein sehr präzises Auge hat. Weil alles Erotische hier eben auch ins Bittere neigt.
Erstens scheint offensichtlich, dass nämlich die Männer – auch wenn sie hier und da mit mehr Unsicherheit zu kämpfen haben – die Profiteure der sexuellen Befreiung nach 68 und der Obsession sind, dass Frauen hier nie nein sagen. Unablässig grabschen sie in COSÌ FAN TUTTE. Ihre Hände auf den Fetischen der weiblichen Körper sind selbst ein Fetisch des Films – und als solcher ein ziemlich unangenehmer. Und wenn es dann zu Sex kommt, dann rutschen sie nur mechanisch über die Frauen drüber, ohne Rücksicht auf deren Bedürfnisse zu nehmen. Sie rammeln sich an ihnen ab und freuen sich, dass Frauen es jetzt toll finden dürfen.
Zweitens grenzt COSÌ FAN TUTTI an einen Horrorfilm, in dem eine Frau bei allen Übergriffen manisch erheitert lacht und die davon schwärmt, wie sie in den Arsch gefickt wurde, wo der Film doch zeigte, dass dieser ihr dabei aufgerissen wurde. Symbolisch, in dem sie in das Gemälde eines Arsches gestoßen wird und wir danach in das schwarze Loch schauen, das mitten im zerstörten Bild des Pos klafft. Die Hauptfigur wirkt so nicht fröhlich, sondern traumatisiert. Als rede sie sich ihre Erfahrungen schön. Vor allem da es sich sichtlich um keinen realen weiblichen Charakter handelt, der das vll. wirklich gut finden könnte, sondern um eine Marionette der Phantasie Tinto Brass‘. Die Übergriffigkeit hat so schon einen doppelten, einen Metacharakter.

Mittwoch 10.08.

Made for Each Other / Ein ideales Paar
(John Cromwell, USA 1939) [blu-ray, OmeU]

großartig

Carole Lombard wird als Energiebündel in ein puritanisches Umfeld gesperrt, womit für Anwalt und Ehemann James Stewart die Qual seines Lebens aufgespannt ist. Hier der langsame, despotische Chef, der verlangt, aber nicht gibt, oder die Mutter, die ihren Sohn nicht hergeben möchte und Achtung erpresst, in dem sie an allem etwas zu Mäkeln hat, dort die Frau, deren Sprache lebhaft losprescht, die auch mal etwas für sich/den Ehemann möchte, die Kampf und Spaß mit sich bringt. MADE FOR EACH OTHER macht aus dem unauflöslichen Widerspruch für den netten Stewart erst eine Gesellschaftsliebeskomödie sozialer Awkwardness, dann ein Horrormelodrama, in dem eine Lungenentzündung, ein Sturm über den USA und der Umstand, dass alle Medikamente in Utah sind, das Leben eines Kindes bedrohen, d.i. die Liebe der beiden, die von überall nur Kälte erfahren. Das Ergebnis ist ziemlich waghalsig und schräg, mal trocken, mal hemmungslos expressiv, aber in all seinen Elementen, so sehr sie zu heftigen Stimmungsschwankungen führen, auch ziemlich super. Und das willkürliche Happy End, in dem nichts grundlegend gelöst ist, hat sich jeder verdient … als Atempause.

Dienstag 09.08.

Prey
(Dan Trachtenberg, USA 2022) [stream, OF]

gut

Pussyface mit Eichelhelm – der ominöse Robert W. schaut wieder Filme und sieht überall Schmuddelkram. Wie er bei critic.de schreibt.

Sonntag 07.08.

Der junge Häuptling Winnetou
(Mike Marzuk, D 2021) [DCP]

nichtssagend

Dass Daniel Christensen, der Flötzinger aus den Eberhofer-Krimis, seine Flötz-Brille nicht tragen darf, obwohl er genau als solch eine Figur gecastet wurde, ist vll. der größte Makel des Films. Mehr gibt es beim Perlentaucher.

Ant-Man and the Wasp
(Peyton Reed, USA 2018) [stream, OmeU] 2

uff

Das ist sicherlich alles etwas besser inszeniert als INFINITY WAR, ich finde es aber ähnlich ermüdend, weil diese raffinierten, raffinierten Späße einfach nicht aufhören wollen.

Sonnabend 06.08.

Man of the World
(Richard Wallace, USA 1931) [blu-ray, OF]

ok +

Ein zynisch gewordener Zeitungsmann (William Powell) erpresst die Reichen und Angesehenen unter den US-amerikanischen Touristen in Paris damit, dass er gegen Bezahlung ihre schlüpfrigen Geheimnisse nicht in seiner Yellow Press veröffentlicht. Nur verliebt er sich in die Tochter (Carole Lombard) seines neusten Opfers (Guy Kibbee). Es ist unscheinbar geschrieben und inszeniert … und irgendwie ist – bis auf das tieftraurige Ende – kaum etwas bemerkenswert, wären da nicht die Hauptdarsteller. Powell, der wie ein ausgehungerter, verlorener Geier aussieht, der gleichzeitig so wirkt, als müsse er nur mal richtig geknuddelt werden, und als beiße er dann zwangsläufig zu. Und Lombard, die jedes Mal aufblüht, wenn sie etwas sagen darf, wenn Sekundenwasserfälle aus ihrem Mund sprießen, die jeden Wortschwall wie eine Befreiung wirken lassen … die Fesseln des Drehbuchs und ihrer gesellschaftlichen Stellung scheinen für kürzeste Momente abgelegt … es ist schön und traurig.

Avengers: Infinity War
(Anthony Russo, Joe Russo, USA 2018) [blu-ray, OmeU] 2

uff

Ironische Alpha-Honchos reden miteinander und ein lila Ultrahoncho, der böse ist, weil er schon mal nicht ironisch ist, hat einen selten doofen Plan-der (hingerotzte) Film.

Freitag 05.08.

Kaiserschmarrndrama
(Ed Herzog, D 2021) [blu-ray]

großartig

Mein Highlight im sehr spielfreudig aufgelegten KAISERSCHMARRNDRAMA war, als sich Rudi nach 75 Minuten des Films, die er im Rollstuhl saß, erhob und auf einen der zu stellenden Mörder zuläuft. In orangener Beleuchtung torkelt er Richtung Bösewicht und es sieht aus, als lerne Frankensteins Monster gerade laufen, als wäre dies die Mel Brooks Version eines Universal Monsterfilms. Was ich nur nicht verstehe, ist, warum der Name des Films jetzt immer im Film selbst genannt werden muss.

Donnerstag 04.08.

Turning Red / Rot
(Domee Shi, USA 2022) [stream]

gut

Irgendwann wird es sehr erbaulich, wenn es darum geht, dass Frauen sich und ihre Bedürfnisse (ua. Boybands) akzeptieren müssen. Solange es aber um ein Mädchen geht, dass ihre Menstruation in der Form bekommt, dass sie sich in einen riesigen, muffelnden roten Panda verwandelt, sobald sie zu sehr über Jungs mit Six Packs geifert und emotional wird, dann hat TURNING RED einen riesigen Spaß daran, seiner Hauptfigur eine richtig bunte, peinliche Menstruationsparty zu schmeißen … was super ist.

Guglhupfgeschwader
(Ed Herzog, D 2022) [DCP]

ok +

Spoiler: Franz Eberhofer legt eine Leberkassemmel weg, weil ihm die Lust darauf vergangen ist… Zum Rest gibt es einen Text bei critic.de.

Mittwoch 03.08.

Passage to Marseille / Fahrkarte nach Marseille
(Michael Curtiz, USA 1944) [stream, OF]

gut +

Eine Matrjoschka. Auf einem Fliegerstützpunkt in England, der als idyllisches französisches Farmland getarnt ist, erzählt Captain Freycinet (Claude Rains) davon, wie er auf einer Schifffahrt von Panama nach Marseille fünf Ausbrecher von der Teufelsinsel (ua. Humphrey Bogart und Peter Lorre) kennenlernte und wie diese wiederrum erzählten, wie sie auf der Teufelsinsel landeten, wie sich dort kennenlernten, wie sie flüchteten, und Freycinet erzählt weiter, wie sich die fünf auf dem Schiff nach Marseille bei einer Schlacht mit Nazifliegern in der Luft und opportunen französischen Offizieren (Sydney Greenstreet) vor Ort, die sich Vichy andienen wollen, beweisen müssen, um dann Teil der Bomberbesatzung zu werden, die unter ihm Deutschland nach und nach von dem Flugplatz aus zerstört.
Mal ist PASSAGE TO MARSEILLE dabei ein CASABLANCA-Rip-off, mal eine PAPILLON-Miniatur und dann auch der Film über einen außerirdischen Flugplatz. Vor allem ist es aber Kriegspropaganda aus vielen netten kleinen Einzelteilen, die im besten Moment sehr unangenehm ist. Wenn einer der Vichy-Kollaborateure zusammengeschlagen wird und die guten Franzosen reglos vor der Tür stehen und zuhören … wie die Polizisten nur vor der Tür standen und zuhörten, als die Geschäftsräume von Matracs (Bogarts) Zeitung wegen antideutscher Propaganda von einem Mob auseinandergenommen und seine Mitarbeiter zusammengeschlagen wurden.

マイマイ新子と千年の魔法 / Das Mädchen mit dem Zauberhaar
(Katabuchi Sunao, J 2009) [DVD] 2

gut

Eine Nostalgiebombe über den Sommer in einer Kindheit voller Tagträume, gemeinsamer Staudammbauarbeiten und über verliehene Luxusbleistifte, die von Ignoranten brutal mit einem Messer gespitzt werden. Alles ist schön und die Probleme scheinen ganz einfach. Nur ist dies eine Film gewordene Verdrängungsarbeit. Erst betrunken erzählt ein Mädchen, dass ihre Mutter tot ist. Und erst am Ende werden die Yakuza und die Prostituierte aufgesucht, die einen Polizisten und Vater der Freunde in den Tod trieben. Hier steht eben die beschönigende Erinnerung, dort bricht aber auch der Schmerz hervor. So divergent ist es, dass sich die Frage aufdrängt, wer hier die Zielgruppe sein soll. Einziges größeres Problem des Films: die Parallelhandlung einer Fürstentochter, die mit niemanden spielen darf, in der sich die Vereinsamung einer der Hauptfiguren spiegelt, funktioniert selten und bremst den Film ständig aus – wenn einem so schon traumartigen Film noch ein Traum beigestellt wird, der das Traumhafte noch unterstreichen soll.

No Man of Her Own
(Wesley Ruggles, USA 1932) [blu-ray, OF]

gut

Die Kamera fährt nach oben, damit wir aus erhöhter Perspektive zwischen die Bücherregale der Bücherei schauen können, in der Connie (Carole Lombard) arbeitet und gerade alle Lichter verlöschen möchte. Irgendwo zwischen den Regalen lauert Falschspieler Babe Stewart (Clark Gable – noch ohne Schnauzer). Wir sehen so einen kleinen Urwald, in dem ein Raubtier um seine Beute schleicht. Eine Beute, die gerade erklärt hat, dass dieser Jäger zu sehr daran gewöhnt sei, Ja! von den Frauen zu hören, weshalb sie ihm erstmal ausgiebig Nein! sagen werde … obwohl er doch so unfassbar heiß ist. Womit wir wissen, dass der Jäger die eigentliche Beute ist.
Solange es um diesen Kampf geht, um Gable, der eine Frau ins Bett, und Lombard, die einen Mann in die Liebe locken möchte, ist NO MAN OF HER OWN in die beiden verliebt und schwirrt beschwingt um sie … und kredenzt den beiden illustre Duschszenen. Wo das Happy End aber ein paar kurze Abläufe am Schluss hätte sein können, da baut es NO MAN OF HER OWN aus und fällt sein letztes Drittel in ein Schwarzes Loch aus Reinlichkeit und lieblosem Zuendebringen … wo einem nur noch Clark Gables Gewohnheit bleibt, seine Lippen zu kräuseln, wenn er Carole Lombard im Arm hält … als lutsche er ein Bonbon.

Dienstag 02.08.

Mr. & Mrs. Smith
(Alfred Hitchcock, USA 1941) [DVD, OF]

gut

Es gibt ein Bild, in dem die umschlungenen Mr. Smith (Robert Montgomery) und Mrs. Smith (Carole Lombard) aussehen, als würden sie sich als nächstes in die Gurgel beißen wollen. Es ist Teil der letzten Meter von MR. AND MRS. SMITH, in denen die Liebe zum offenen Schlagabtausch endlich offen ausbricht. Leidenschaft wurde schon zuvor als Kampf mit allen Bandagen verstanden, nur brodelte es vorher unter der Oberfläche und führten lediglich zu amüsanten Momenten sozialer Awkwardness und passiv-aggressiven Scharmützeln im Ehekrieg des Films. Und in diesen letzten Minuten wird klar, dass der offene Krieg und die sadomasochistischen Tendenzen dieser Liebenden nach dem schönen Auftakt viel schneller hätten eskalieren hätten müssen. Dass Hitchcocks Stil diese Komödie in einen Käfig aus raffinierter Steifheit sperrte, wenn die Energien und das Charisma der beiden Stars doch viel mehr zu einer Barschlägerei der Liebe tendieren.

Montag 01.08.

猫の恩返し / Das Königreich der Katzen
(Morita Hiroyuki, J 2002) [blu-ray] 2

großartig

Der Film ist ein wenig plemplem, geht es doch um ein Mädchen, dass irgendwo erotisch von Katzen angezogen ist. Zudem wird mit der selbstgerechten Unzurechnungsfähigkeit des Bösewichts optisch so umgegangen, dass die entsprechende Katze sichtlich chinesisch sein soll. Die japanischen Zeichner haben damit quasi eine animatorische Form von Yellowface angewandt. Aber die Kleinigkeiten, zu denen der Film sich kurz hinbewegt, wie die untergehende Sonne, die durch die Fensterscheiben der Häuser, die einen kreisrunden Markt einschließen, gebündelt werden, auf eines der Häuser im Schatten fällt und dort die Hauptattraktion des Films, den Baron, quasi zum Leben erweckt, sind schlicht sehr, sehr schön.

Juli
Sonntag 31.07.

The Wizard of Oz / Der Zauberer von Oz
(Victor Fleming, USA 1939) [DVD] 6

fantastisch

Bevor ich laufen konnte, hatte ich schon meinen ersten Film gesehen. THE WIZARD OF OZ – vor einem Schwarzweiß-Fernseher wie eine Bulldogge dasitzend, so mein Vater, und jeden Versuch, mich vom Film wegzubewegen, mit lautstarkem Protest beantwortend. Erst als er vorbei war, war ich befriedet. Tatsächlich sind auch ein paar meiner ersten Erinnerungen an Filme aus dem Zauberer, dann aber schon in einem Farbfernseher. An die gute Hexe und die Munchkins und daran, wie die Hexe die fliegenden Affen losschickt. Und es ist nicht verwunderlich. Was für ein schöner, wundersamer Film.

Sonnabend 30.07.

となりのトトロ / Mein Nachbar Totoro
(Miyazaki Hayao, J 1988) [blu-ray] 3

fantastisch +

Nur eines von vielem: Die Musik ist so schön. Es ist einfach nur pervers.

Black Panther
(Ryan Coogler, USA 2018) [blu-ray, OmeU] 2

nichtssagend

Der KÖNIG DER LÖWEN des MCU, bei dem es zumindest einen Krieger gibt, der auf einem gepanzerten Nashorn reitet.

Freitag 29.07.

Luca
(Enrico Casarosa, USA 2021) [blu-ray] 2

gut +

Beim zweiten Mal störte mich Ercole nicht mehr so sehr, sondern passte sich schlichtweg in die Dramaturgie ein … weshalb ich aber Probleme mit der stimmigen Dramaturgie hatte. Der sonnige Sommertag voller Entdeckungen und ohne großen Antrieb kam mir dieses Mal einen Tick zu kurz.

Texas Chainsaw Massacre
(David Blue Garcia, USA 2022) [stream, OF]

gut +

Zwei Influencer reisen – er mit seiner Verlobten, sie mit ihrer Schwester – in eine texanische Geisterstadt, um dort die heruntergekommenen Häuser an Gleichgesinnte zu versteigern. Sie streben einen gesellschaftlichen Mikroneuanfang an, indem die Waffen, die Rassisten, die Umweltverschmutzern und alles, was eben gegen die Agenda verstößt, hinter sich gelassen werden.
Eine der zentralen Anliegen von TEXAS CHAINSAW MASSACRE besteht nun darin, die beiden vorzuführen. Eine alte, kranke Frau werfen die beiden zum Beispiel vor Ort aus ihrem Haus. Nicht weil sie sich sicher sind, dass ihnen inzwischen das Haus gehört, sondern weil die überraschenderweise noch anwesende Frau – aus welchen Gründen auch immer – eine Südstaatenflagge am Haus angebracht hatte und das Wort Negro benutzt. Schnell stehen sie damit wie selbstgerechte Schnösel da und nicht mehr wie die Vertreter einer besseren Zukunft.
Damit lösen sie zudem das Massaker aus und dieses führt zu einem Hipsterpartybus, in dem die hippe Crowd weltvergessen feiert, während draußen die Leute vor die Hunde gehen … und wo der eindringende Leatherface per Livestream in die sozialen Netzwerke geschickt wird, statt den Ernst der Lage zu erkennen.
So offensichtlich der Film darin ist, die beiden Weltverbesserer trollen zu wollen, so simpel ist er eben durchgängig gestrickt. Der Spannungsbogen, die Geschichte, die Charakterzeichnungen, der Subtext: nichts ist wirklich filigran … und im Gegensatz zum Influencertrollen ist es auch wenig gelungen. Darauf legt es TEXAS CHAINSAW MASSACRE aber auch nicht an. Der Film geht ca. 80 Minuten und will damit vll. auch nichts anderes als ein kurzer Punkrocksong sein. Und als solcher ist er ziemlich gut. Weil die Gewaltspitzen ziemlich drastisch sind und sich gerade in der Partybusszene das Wort Massaker mehr als verdienen. Weil er ein kurzes, simples Vergnügen darstellt.
Und dann ist da eben noch ein endlos großes Feld aus vertrockneten Sonnenblumen, in dem Leatherface zu sich findet. Und gerade wegen dem goldenen Braun seiner Instragramfilter ist es von einer garstigen Schönheit.

Donnerstag 28.07.

Saw V
(David Hackl, USA/CA 2008) [blu-ray, OF]

uff

Eine Journalistin zweifelt und nimmt mit ernstem Blick Notizen von Nichtigkeiten auf. Ein FBI-Agent schaut immer wieder auf eine banale Namensliste oder studiert alte Tatorte, wobei ihm die Gedankengänge wie Teer aus dem Kopf fließen. Es sind Momente von SAW V, wo ich nur noch leide. Ich finde die Figuren schlecht geschrieben und hölzern gespielt. Das zunehmende Kreisen, um die immer gleichen Momente aus den ersten drei Teilen, von denen noch alles bebildert wird, was diese nicht ausbuchstabierten, bringen nichts als Redundanz. Es ist eine Qual, wie sich die Filme zunehmend nicht von ihren Vorgängern lösen können. Zumindest auf dem Papier ist es eine spannende Qual, aber: der Twist riecht zehn Meter gegen den Wind, nichts an Figuren, Schauspielern, Inszenierung und Erzählung finde ich interessant und sehenswert. Als rumpliger Experimentalfilm mit drastischer Ausstaffierung von Urängsten wäre es vll. noch was, aber da sind die Gewaltspitzen inzwischen so Barock, dass es schon ein wenig ins Komödiantische reicht, wenn hier das Gedärm nach links und rechts fliegt. Gerne würde ich vornehmlich das erkennen, was Jochen W. bei critic.de anlässlich des sechsten Teils beschrieben hat. Ich sehe zwar, dass dies in den Filmen steckt, aber es ist wie das manchmal eingesetzte Rot, dass im Kontrast zum ewigen Grün von SAW V wunderschön ist. Aber in der sonstigen Soße des Films geht es einfach nur unter.

Mittwoch 27.07.

The Raven / Der Rabe
(Louis Friedlander, USA 1935) [blu-ray, OF] 2

großartig +

Bela Lugosi spielt als Foltergenießer auf, wie er es davor und danach nie wieder schaffen sollte. Boris Karloff offenbart hingegen, wie Öde er im Vergleich zum deutlich limitierteren Lugosi ist. Aber doch ist es Karloff, der das Top Billing erhält. Verstehe, wer will, nach diesem Film, der eigentlich nur eine Stelle wirklich arg in den Sand setzt. Gegen Ende sperrt Lugosis Mediziner und Poe-Verehrer ein Liebespaar – die Frau begehrt er, kann sie aber nicht bekommen – in einen Raum und prophezeit ihnen, dass er sie dort ewig einsperren werde. Es scheint, dass er ihre Liebe zerstören möchte, indem er die beiden auf sich zurückwirft. Bis sie sich – durch die Isolation zugrunde gerichtet – gegenseitig zerstören werden. Bis von der Liebe nur noch neurotische Ruinen übrig sind. Nachdem die Tür zu ist, feiert sich Lugosis Dr. Vollin in einem Wahn, der unvergleichlich ist. Nicht mal Poe hätte sich so etwas Makabres ausgedacht. Übertrumpft hätte er ihn. … Woraufhin er einfach die Wände auf sie zukommen lässt. Nicht metaphorisch, sondern tatsächlich. Er, das exaltierteste Element in einem mehr als exaltierten Film über die Lust an der Qual, wollte sie nur banal zerquetschen.

Dienstag 26.07.

My Little Pony: Equestria Girls – Friendship Games
(Ishi Rudell, USA/CA 2014) [DVD]

ok

Da, wo die EQUESTRIA GIRLS-Filme eigentlich ihre größte Stärke haben, da hat FRIENDSHIP GAMES seine Achillesferse. Die Musik ist einfach mau, wodurch die Geschichte, die uninspiriert Versatzstücken der anderen Teile neu zusammensetzt oder einfach gleich aufwärmt, nur bedingt einen Groove entwickelt.

Mr. Moto Takes a Vacation / Mr. Moto und sein Lockvogel
(Norman Foster, USA 1939) [DVD, OF]

großartig

Mr. Moto trifft auf seinen verbrecherischen Wiedergänger und jagt den im Offenen Versteckten durch ein expressionistisches San Francisco, durch einen expressiven Krimiplot mit lieber zu viel kriminellen Parteien als zu wenigen, durch den Wirbel des besten und überdrehtesten Comic Relief-Mitarbeiter Mr. Motos und eigentlich ist alles nur noch Kabinett der voll aufgedrehten Stilmittel. Am besten: Der traurige Meisterverbrecher, der versucht Mr. Moto aus dem Hinterhalt zu erschießen, der es aber auch im strömenden Regen nicht schafft, eine freie, ungestörte Schussbahn zu bekommen. Es ist wahrlich Mitleid erregend.
Seltsam in diesem Zusammenhang ist, dass die Comic Relief-Figur bei einer Kostümparty in Blackface herumsitzt … und ich fand es fremdschamig. Mehr noch als Peter Lorre als Mr. Moto. Bei Moto sind Verkleidungen, die vom Zuschauer der Filme aber nicht von seiner Umwelt erkannt werden, teil des Konzepts. Es ist wie bei Clark Kent und Superman. Das Blackface aber ist einfach nur eine bekloppte Kostümwahl eines Dämlacks. Also auch wieder passend.

Montag 25.07.

20,000 Leagues Under the Sea / 20000 Meilen unter dem Meer
(Richard Fleischer, USA 1954) [stream, OF]

gut

Dass Jules Verne, der große Schriftsteller der Fantastik und Prophet einer Welt voller Möglichkeiten, und Émile Zola, der große Schriftsteller eines düster-romantischen Naturalismus, der sich manisch in die Abgründe der Menschen eingrub, nicht nur Zeitgenossen, sondern auch Landsmänner waren, fand ich immer faszinierend. Zu sehr wirkten sie wie Gegensätze. Diesen Juni habe ich meinen zweiten Roman von Verne gelesen – nachdem ich vor Jahrzehnten mal REISE UM DIE ERDE IN 80 TAGEN las – und durch 20.000 MEILEN UNTER DEN MEEREN denke ich, dass ich nachvollziehen kann, wie nah sie sich eigentlich sind. Dem Verne-Roman geht es zwar auch um die Abenteuer mit Riesenoktopussen und eines Besuchs in Atlantis, vor allem ist es aber die Wissenschaft, die das Abenteuer ist. Die Wissenschaft, der sich auch Zola verschrieben hatte, wenn er mit genauem Beobachten und methodischem Vorgehen seine Romane anging. Thermodynamik und Zoologie sind in 20.000 MEILEN UNTER DEN MEEREN die staunenswertesten Dinge, die Prof. Aronnax auf der und durch die Nautilus begegnen.
In ihrem Wissenschaftsverständnis kommen Zola und Verne zusammen – durch einen einfachen Umstand: sie zählen für ihr Leben gern auf. Prof. Aronnax kommt aus dem Staunen nicht heraus, was er alles an Meereslebewesen sieht, und Verne lässt diese simple Freude an der Vielzahl von immer wieder hintereinanderweg genannten Meereswesen aus seinem Buch schwappen – wie Zolas genaue Beschreibungen auch mal zu ellenlangen Aufzählungen der Güter in den Markthallen führen. (Nur bei einem kommen beide nun wirklich nicht zusammen. Wo Verne die Wunder dieser Welt durchgehend auch kulinarisch auskostet und das Überleben eines vom Aussterben gefährdeten Tier auch gegen dessen leckeren Geschmack aufwiegt, da kann ich mich an eine solch positive Genusslust bei Zola nicht erinnern.)
Was Disney der Verfilmung dieses Romans am Ehesten hätte mitgeben können, wäre die Attitüde ihrer Naturfilme gewesen. DIE WÜSTE LEBT war gerade ein Jahr vorher in die Kinos gekommen. Nachdem Prof. Aronnax (Paul Lukas – wegen seines ungarischen Akzents hatte ich ständig das Gefühl den mir deutlich vertrauteren Bela Lugosi zu hören) die Nautilus betritt, gibt es auch Aufnahmen aus der Unterwasserwelt, die diese wie sehenswerte Wunder ausstellen. Fische in vielen Farben schwimmen unter Wasser uswusf. Oder der Antrieb der Nautilus ist es, der atemberaubend leuchtet. Aber das ist nicht das, was der Film für längere Zeit verfolgen darf.
Was stattdessen gezeigt wird, erklärt uns nicht nur einiges über den Unterschied des prosaischen und des filmischen Erzählens, sondern auch darüber, was Hollywood für ein Ort ist. So ist Ned Lang (Kirk Douglas) nicht der symbolische Fluchtversuch, der wie im Buch mitgeschleppt wird, sondern am ehesten die Hauptfigur. Wissenschaft und Überlegungen sind Dinge, die 20,000 LEAGUES UNDER THE SEA fremd sind. Douglas als impulsiver Racker, der lieber zwei Frauen als eine im Arm hat, der auf tropischen Inseln nicht nur nach Fluchtmöglichkeiten, sondern ziemlich unverschämt nach Eingeborenen zum Ficken sucht, der mit einem lustigen Seehund als Gefährden anbandelt, der muss der Held sein. Aronnax ist wie der Fanatiker Nemo (James Mason) suspekt, weil er zögert und versucht eine breitere Perspektive der Vorgänge zu erhalten.
Weil Ned Land aber zur Hauptfigur wird, ist die Nautilus nicht das Gefährt, dass den Film mit sich nimmt. Sondern ein Gefängnis, auf dem sich nur so lange wie nötig aufgehalten wird. Sie ist ein Ding, wo Kapitän Nemo apokalyptisch Bachs Toccata und Fuge spielt, weil das eben der Quatsch ist, den diese Nerds machen. 20,000 LEAGUES UNDER THE SEA zieht es zu dem Riesenoktopus und Eingeborenen einer Südseeinsel, denen Kannibalismus unterstellt werden kann und die deshalb zur Erquickung ein paar Stromstöße bekommen. Das Ergebnis ist dann eben vor allem ein juxisches Abenteuer und wird von Kirk Douglas‘ Agilität und seinem Seehund getragen. Ansonsten vergehen die Ansätze zur Epik aber vollkommen.
Wenn Kapitän Nemo aber an einer Welt verzweifelt, die den Weg des Fortschritts immer auch in Richtung gesteigerter Vernichtungskraft und Ausbeutung nimmt (und schlussendlich zu Atombomben und Arbeitslagern führen muss), und gegen diese in den Krieg zieht, wenn Prof. Aronnax zum Teil von diesem Fatalismus angesteckt wird und den Terror der Nautilus an einer grausamen Welt – in der sie Schiffe mit Rohstoffen für Waffenbau versenkt – nicht sofort verdammt und hadert, und wenn der all-american Arbeiter Ned Lang dies sofort anprangert, bekämpft und keinen Blick auf die negativen Seiten seiner geliebten Welt werfen möchte, sondern zum Fanatiker des Status quo wird, dann ist 20,000 LEAGUES UNDER THE SEA ein erstaunlich hellsichtiger Film bzgl. dessen, was der westlichen Welt im kommenden Jahrzehnt bevorstand.

Sonntag 24.07.

Bibi & Tina – Einfach anders
(Detlev Buck, D 2022) [DCP]

verstrahlt

Niemand ist, was diejenige dachte, was er ist … falls die Leute überhaupt einmal wussten, wer sie sind … oder falls sie sich nicht hinter einem ständigen Wechsel aus Maskeraden verstecken: B&T – EINFACH ANDERS ist eine grelle Annäherung und/oder Satire an/über Postmoderne Identitäten und vor allem ein Film über die Hysterie, welche diese begleitet. Dazu noch bunte Musikvideos und eine völlig ungezügelte Geschichte, die hin und her schlenkert, fertig ist das giftig-amüsante Erlebnis im Gewand eines Kinderfilms.

Mr. Moto in Danger Island / Mr. Moto und die geheimnisvolle Insel
(Herbert I. Leeds, USA 1939) [DVD, OF]

gut

Es kommt alles zusammen, was bisher gegen Mr. Moto arbeitete. Das Drehbuch war in seiner ursprünglichen Fassung für Charlie Chan gedacht, Regie führt deshalb auch nicht Norman Foster und abgesehen von vielen Proto-James-Bond-Elementen ist dies ein Whodunnit. Aber wenn es darum geht einen Diamantenschmuggelring in der Karibik zu überführen, dann steht Mr. Moto wenigstens nicht nur herum und grinst, sondern muss agieren … in den Sumpf gehen, Wrestling-Kämpfe bestreiten oder sich mit einem überzeichneten Comic Relief herumschlagen. Das Ergebnis ist schon ganz nett. Dass Leon Ames hier aber eins zu eins wie Steve Carell aussieht, war am tollsten.

Sonnabend 23.07.

The Lodger / Scotland Yard greift ein
(John Brahm, USA 1944) [DVD, OF]

großartig

THE LODGER sieht deutlich besser aus als Fregoneses MAN IN THE ATTIC. Ein gotischer Traum aus Nebel und expressiven Bildern. Nur ist Laird Cregar kein Jack Palance – der Mann mit dem Haifischlächeln spielt seinen Jack The Ripper mit Charme, oberflächlicher Contenance und sich abzeichnender Verzweiflung, wo bei Cregar nur Auflösung herrscht. Nur hat Fregonese ein Gespür für Figuren und ihre seelischen Kämpfe, ein Gespür dafür, wie die Jäger auf die Opfer wirken, und lässt nicht nur Typen durch eine lediglich nach typischen Genrekonventionen aufgebauten Geschichte ablaufen. Brahm und Fregonese zusammen, das wär’s gewesen.
Absolutes Highlight: Ein Vater springt begeistert auf, um seiner Tochter bei einer Vaudeville-Tanznummer, in der sie mehr oder weniger strippte, Standing Ovations zu geben.

The Lodger: A Story of the London Fog / Der Mieter – Eine Geschichte aus dem Londoner Nebel
(Alfred Hitchcock, UK 1927) [blu-ray, OZ] 2

gut +

Der Auftakt sieht vor allem mit seiner repetitiv hineingeschnittenen Leuchtreklame unfassbar modern aus und dürfte Godard entscheidend beeinflusst haben. Sobald der Mieter aber seinen Auftritt hat, er hinter einer sich langsam öffnenden Tür erscheint und sich aus dem Nebel schält, wirkt Hitchcocks THE LODGER, als solle NOSFERATU umgedeutet werden. Nicht der unheimliche Fremde mit seinem Sex führt zum Tod, sondern der übergriffige, creepy Liebhaber und Polizist, der aus Eifersucht nur ein Monster in seinem Kontrahenten erkennen kann.

The House of the Devil
(Ti West, USA 2008) [blu-ray, OF] 2

großartig

Exposition und Aufbau hin zu der letzten Viertelstunde satanistischer Riten, Gewalt und Flucht vor Wahnsinnigen werden jede Sekunde genossen. Und das an den Nerven Reißendste in diesem geschmeidigen Vorspiel aus Andeutungen ist der Umstand, dass alle Pizzas in dem Film so schlecht sind, dass sie liegengelassen oder weggeworfen werden. Eine solche Welt: The Horror! The Horror!

Freitag 22.07.

Mr. Moto’s Last Warning / Mr. Moto und die Flotte
(Norman Foster, USA 1939) [DVD, OF]

gut

Novelty-Kintopp vom Feinsten, in dem ein enttarnter Spion in einer Taucherglocke auf den Meeresgrund herabgelassen wird, wo er verloren aber neugierig aus den Bullaugen auf die Wunder um ihn schaut, während ihm langsam die Luft ausgeht, in dem Peter Lorre als trauriger Clown auftritt, in dem komödiantisch verheimlicht wird, welche Nation es denn nun war, die im Film einen neuen Weltkrieg anzetteln wollte, in dem es um Verkleidungen, Prügeleien, Explosionen und Comic Reliefs geht, und in dem tatsächlich John Carradine und George Sanders mitspielen.

Justine: A Matter of Innocence
(Roberta Findlay, USA 1980) [blu-ray, OmeU]

großartig

Bei ihrer ersten Penetration geht Justine (Hillary Summers) ein Licht auf. Jedenfalls befindet sich hinter ihrem Kopf eine Lampe, die ihre Erleuchtung anzeigt und ihr einen Heiligenschein aufsetzt. Womit der Film darin gipfelt, dass der Marquis de Sade aus dem Film exorziert wird, der mit seinem Roman JUSTINE ODER VOM MISSGESCHICK DER TUGEND dafür Pate stand, dass hier ein unschuldiges Mädchen in ein Purgatorium aus Sex und Perversion versetzt wird, das zumeist in einem aggressiven Rot leuchtet. Aber sobald der Sex einem Spaß macht, ist es eben alles anders.

Donnerstag 21.07.

Chip ’n Dale: Rescue Rangers / Chip und Chap: Die Ritter des Rechts
(Akiva Schaffer, USA 2022) [stream]

uff

Dies möchte sichtlich das neue WHO FRAMED ROGER RABBIT sein, es ist aber der Wow, dass diese Cartoon-Figur hier auch noch auftritt, krass-der Film, der eine hyperironische Metahandlung auffährt, um im Hintergrund gefällige Gags mit einem Who-is-Who aus dreißig Jahren Kinderprogramm zu machen.

Mittwoch 20.07.

Elvis
(Baz Luhrmann, USA/AUS 2022) [DCP, OmU]

verstrahlt

Das Portrait einer Karriere, die zu Beginn das Potential zu haben schien, einen Rasen-, einen zweiten Bürgerkrieg in den USA auszulösen und damit in drastischer Form vorweggenommen hätte, was in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre folgte. Einer Karriere, die musikalisch wie gesellschaftlich Großes hätte erreichen können, nachdem Elvis genau in dieser zweiten Hälfte wieder zu sich fand – es sind die schönsten Momente des Films, wenn Elvis bei sich ist, und der Film groß ausstellt, was die Macht des Kings ausmacht –, und doch ist ELVIS das Dokument des Scheiterns an diesen Potentialen. Womit der Film eine klare Erklärung liefert, was Elvis ausmacht. Weil er eine Sternschnuppe zu sein scheint, der zweimal so hell aufleuchtet, dass der ganze Rest – der mit Abstand größere Teil seiner Karriere – Randerscheinungen bleiben kann.
ELVIS ist also einerseits die Feier dieser beiden Sternschnuppenmomente, aber auch der Versuch zu zeigen, woran es lag, dass es bei diesen blieb. Warum die fast 10 Jahre in Hollywood mit einer Montage – zumindest vor Hintergrund der Persona Elvis – ausreichend erklärt sind, und warum Las Vegas und das ewige, inländische Touren – das zweite monetär erfolgreiche Schwarze Loch seiner Karriere – ihn schließlich auffraß.
Fadenscheinig und offensichtlich versucht Elvis‘ Manager Colonel Tom Parker (Tom Hanks) als Erzähler des Films uns einzuseifen und die Unsicherheit seines Klienten und dessen Vater in den Mittelpunkt zu rücken. Zweier Männern, die unfähig gewesen seien, eigene Entscheidungen zu treffen. Und besonders Elvis sei von der Liebe seiner Fans abhängig gewesen und an der Angst, diese zu verlieren, gescheitert.
Aber so laut diese Stimme ist, so sehr sich die unsicheren, verlorenen Blicke der Presley Männer in den Film brennen, so sehr arbeitet ELVIS daran zu zeigen, dass diese Argumentation in Anbetracht des Managementstils des Colonels ein Hohn ist und das diese Unentschlossenheit nur Mittel für ihn war, die beiden besser ausnutzen zu können. TCB (Taking Care of Business) ist der Name von Elvis‘ Backing Band der 1970er Jahre und dient sichtlich auch als Bezeichnung des Management Parkers. In der Buchstabenanordnung des Logos und in der Ausrichtung des Films könnten diese gut und gerne auch als CTB gelesen werden – Colonel Tom Bastard. Seine Ausbeutung und hinterhältige Manipulation nehmen eben den größten Platz im Film ein.
Der groß aufspielende Tom Hanks ist als Gegenstück zur Einfachheit und Schönheit Elvis‘ geschminkt. Als verführerische Stimme im Ohr wird er zum Mephistopheles gemacht, der eine Seele per Vertragsunterschrift einfängt. Ein Teufel, der seine Zähne erst zeigt, wenn er mit harten Bandagen um seinen Profit kämpft. Seine Biographie wird wiederum zum Schatten inszeniert, die über der Karriere Presleys hängt, weil diese immer wieder Möglichkeiten gibt, Druck auf Parker und damit Elvis auszuüben. So wird Elvis vom Colonel zur Rettung des eigenen Fells an den Wehrdienst verkauft und nicht um den Künstler oder das Land zu schützen.
Übrigens: eine der wenigen eher subtileren Dinge des Films ist, dass in Folge des Wehrdienstes in Deutschland Elvis keinen Kontakt mehr zu Afroamerikanern zu haben scheint, obwohl diese zuvor so wichtig für ihn waren. Es wird nie erwähnt, aber doch ist das plötzlich vornehmliche Weiß um ihn überdeutlich. Und es ist wohl nicht nur Auswirkung des damaligen noch sehr weißen Hollywoods, sondern Produkt der Einflussnahme des Colonels, der sich aus Geldgier der WASP-dominierten USA andiente.
Doch wenn Tom Parker zu Elvis sagt, dass sie zwei von einem Schlag seien, dann ist das nicht nur manipulative Sophisterei von seiner Seite, sondern die schmerzliche Wahrheit des Films. Hier der Rock ’n‘ Roller mit dem Hang zur tacky Mode, dort der Manager, der alles auf ein maximal niedriges Niveau holt, um mit tacky Merchandise noch möglichst viel Kohle aus dem Phänomen Elivs zu schlagen … und dort Baz Luhrmanns Film selbst, der keine Möglichkeit auslässt, tacky und reißerisch von dem Mann der glitzernden Oberfläche zu erzählen. So campy ist ELVIS, dass er damit doch den aufrichtigen Kern der Geschichte trifft und damit um einen Menschen und eine Karriere trauert, die so viel mehr hätte sein können.

旅のおわり、世界のはじまり / To the Ends of the Earth
(Kurosawa Kiyoshi, J/UZ 2019) [stream, OmU]

großartig

Ein Film darüber, nicht zu wissen, ob die Welt oder man selbst das Problem ist. Und der deshalb wie unsere aktuelle Welt einem wilden Karussell gleicht … wie es irgendwie beim Text bei critic.de vll. rauskommt.

Dienstag 19.07.

Mr. Moto’s Gamble / Mr. Moto und der Wettbetrug
(James Tinling, USA 1938) [DVD, OF]

nichtssagend

Es war schon einiges von CHARLIE CHAN AT THE RINGSIDE abgedreht, als Warner Olands Alkoholismus und seine gesundheitlichen Probleme, die in seinem Tod kumulieren sollten, die Produktion zum Erliegen brachten. Damit das bereits investierte Geld nicht verloren ging, wurde der Film zu einem Mr. Moto-Vehikel umgearbeitet. So wirklich mag es aber nicht passen.
Chans Sohn Nummer Eins (Keye Luke) erhält einen ganz netten Nebenplot, der aber nie wirklich zu einem gelingenden Cross-Over mit Mr. Moto führt. Zumal der (Pseudo-)Japaner auch nicht die väterliche Enervierung Chans aufbringen kann.
Aber es ist eben nicht nur der fremde Sohn, der nicht zu Mr. Moto passt, sondern der ganze Fall. So bekommt er kaum bis keine Gelegenheit sich zu verkleiden oder Leute per Judogriff durch den Raum zu werden. Statt einem wilden Agentenactiongetummels gibt es eben eine einfache Detektivgeschichte, die genau das verstärkt, was sonst nur Teil der Performance Lorres ist, hier aber sein volles nerviges Potential entfaltet. Weil er nichts anderes zu tun bekommt, steht er im Plot und grinst ein herablassendes pseudojapanisches Lächeln, als sei er nur von bemitleidenswerten Nichtskönnern umgeben.

Sonntag 17.07.

To Be or Not to Be / Sein oder Nichtsein
(Ernst Lubitsch, USA 1942) [blu-ray, OF] 2

fantastisch

Wiederholungen und Running Gags, die darauf hinauslaufen, dass die Witze über Nazis nicht so plump sein können, dass die Imagination von selbstverliebten Schmierenkomödianten über die Leute der NSDAP und der SS nicht so halbseiden sein können, dass sie sich nicht genau auf dem Niveau der realen Nazis des Films befinden. Wo Hans Landa in INGLOURIOUS BASTERDS der Ausdruck der Angst René Clairs nach der Projektion von TRIUMPH DES WILLENS sein könnte, da ist TO BE OR NOT TO BE im Geiste der Belustigung Charlie Chaplins nach der gleichen Vorstellung ersonnen, der das alles nur lächerlich fand und wie eine Selbstparodie empfunden haben musste.

To Be or Not to Be / Sein oder Nichtsein
(Ernst Lubitsch, USA 1942) [blu-ray, OF] 3

fantastisch

Nachmittags, als ich den Film zuerst sah, saß Sabrina Z. im Nebenzimmer und beömmelte sich anschließend darüber, dass nur mein ständiges Kichern die Stille von nebenan durchbrach. Deshalb musste ich ihr TO BE OR NOT TO BE abends zeigen, auf das sie verstehe … und ich mich beömmeln könne, wenn sie sich wegen des Films beömmelt. Aber ich habe dann gar nicht so sehr auf sie geachtet, wie ich wollte, weil ich wieder im Film versank und mich wegen ihm beömmelte.

Sonnabend 16.07.

The Black Cat / Die schwarze Katze
(Edgar G. Ulmer, USA 1934) [blu-ray, OF] 2

großartig

Es herrscht allgegenwärtige Starre in einem Designerhaus – nur der Soundtrack von Kraftwerk fehlt irgendwie. Bela Lugosi spielt zwar mit und ist wie immer eine Variation seines Grafen Dracula, aber es ist Boris Karloffs Film – schon weil Lugosi weder Lust auf die weibliche Hauptfigur (Julie Bishop) hat, noch solche in ihr weckt. Stattdessen steht Poelzigs (Karloff) Keller im Zentrum, in dem er tote (auf Wiederbelebung wartende?) Frauen in Glaskästen aufbewahrt – wo doch die Leichenberge zu finden sein müssten, die der Verräter vor Ort im Ersten Weltkrieg verursacht hatte. Lust und Tod, Tod und Lust – ein seltsam schöner Film.
*****
* Kann ich den als Kind gesehen haben? Dieser Traum aus meiner Kindheit kam mir beim Schauen in den Sinn.

Mysterious Mr. Moto / Mr. Moto und der Kronleuchter
(Norman Foster, USA 1938) [DVD, OF] 2

gut +

Slowley, slowley, catchee monkey. Auch wenn der Film mit einem Ausbruch aus einem mörderischen Dschungelgefängnis beginnt und mit Mr. Moto, der sich per Hilfe bei diesem Ausbruch bei einem Verbrecher unabdingbar macht, um dessen Organisation zu infiltrieren, auch wenn MYSTERIOUS MR. MOTO also als Wiedergänger von DIE NACKTE KANONE 33 1/3 beginnt, dauert es doch etwas, bis dieser Eintrag in die Reihe Fahrt aufnimmt. Spätestens wenn Massenschlägereien übernehmen, die Geschichte zum Intrigen- und Gegenintrigenspiel auf kleinstem Raum wird, wo jeder weiß, dass der andere weiß, dass man weiß, dass der andere weiß … und sobald sich Peter Lorre, der sich wie gehabt als Japaner verkleidet, als deutscher Troll in einer Kunstgalerie verkleidet, dann hat dies eine sehr, sehr schöne Betriebstemperatur erreicht.

Leberkäsjunkie
(Ed Herzog, D/A 2019) [blu-ray, OmU]

großartig

Die unförmige Auflehnung gegen die Respektabilität, die der Vorgänger so gerne installiert hätte, die aber nicht nur davon weggefegt wird, dass auch LEBERKÄSJUNKIE alles wieder gnadenlos auf Null setzt, sondern auch weil dieses Mal alles systematisch aus der Form fällt. Oder noch besser, wie es Lukas auf letterboxd sagt.

Freitag 15.07.

Mr. Moto Takes a Chance / Mr. Moto und der Dschungelprinz
(Norman Foster, USA 1938) [DVD, OF] 2

großartig

Vor Archivaufnahmen eines Dschungels zeigt MR. MOTO TAKES A CHANCE zwei Kameramänner, die die Rückprojektionen abfilmen, um in der Realität des Films Archivaufnahmen Asiens für Hollywood zu machen. Und es gibt auch hier wieder unseren österreichischen – deutschen? jüdischen? – Emigranten, der einen Japaner spielt, der sich als (wahrscheinlich) burmesischer Priester verkleidet. Wobei: bei der Blindheit der Figuren des Films, die Rückenprojektionen für reale Landschaften halten, die sie filmen, und die noch die offensichtlichste Verkleidung nicht erkennen, wäre es kaum überraschend, wenn Mr. Moto einfach nur ein verkleideter Europäer wäre.
Erzählt wird eine Spionagegeschichte. Mit von der Partie sind eine nationalistische, antimodernistische, antiwestliche Revolutionszelle*, ein lokaler Machthaber, der sich als dumme Marionette der britischen Kolonialherren darstellt, um im Schatten seines Images die Macht an sich zu reißen und der der einzige ist, der Mr. Motos Übermenschlichkeit Paroli bieten kann, Spione der Kolonialmächte (u.a. Mr. Moto), die den Status quo erhalten sollen und die lokales Kulturerbe einfach in die Luft jagen, wenn es dem Machterhalt dient, und die beiden US-amerikanischen Kameramänner, also zwei naive Nichtchecker, die sich in der Fremde auch ein bisschen als Herrenmenschen fühlen und sich unbewusster, unklarer und als Elefanten im Porzellanladen ins lokale Spiel der Macht einbringen.
Zentrales Motiv dieses Proto-James-Bond-Films sind somit die konstanten Versuche sich gegenseitig zu täuschen und der Umstand, dass nur Naivlinge in den südostasiatischen Mitmenschen rückständige Untermenschen sehen. MR. MOTO TAKES A CHANCE ist so schlicht kein Film über das damalige Burma, sondern ein Film der Dopplungen und Projektionen, die offen vor den Augen liegen. Ein Film, der klar vor uns ausbuchstabiert, was er ist: ein um Exotik bemühter Hollywoodactionfilm.
*****
* Gewehre und Bomben aus Europa werden aber nicht aus Effektivitätsgründen, sondern liebend gerne genutzt.

Nachtgestalten
(Andreas Dresen, D 1999) [35mm]

uff

SHORT CUTS im End-1990er Berlin, in dem Schicksale kurz vorm Allgemeinplatz gekreuzt werden. So lose die Kamera die Leute umfliegt, so wenig ist sie in der Lage die klischeehaften Erzählungen von ihren engen Korsagen zu befreien. So sehr hier die Sexszene zweier Obdachloser in einem Hotelzimmer – umgeben von gleisendem Licht, während die Realität in Form der Hotelbesitzerin draußen anklopft, dass nun doch bitte endlich ausgecheckt werden müsse – tatsächlich Schönheit und Inspiration aufblitzen lässt, so sehr ist es doch das Ende, bei dem die Kamera ein paar aufgereihte Punks mahnend abfährt und bei dem der letzte der Gezeigten auch noch bedeutungsschwanger für Sekunden in die Kamera schaut, das zeigt, wieso das eigentlich alles großer Mist ist.

Donnerstag 14.07.

Murders in the Rue Morgue / Das Geheimnis des Dr. Mirakel
(Robert Florey, USA 1932) [blu-ray, OF]

großartig

MURDERS IN THE RUE MORGUE zeigt uns zwei Wissenschaftler, von denen jeder eine Hälfte des Films dominiert. Dr. Mirakel (Bela Lugosi) ist anscheinend über die Evolutionstheorie (und entrückte, wahrscheinlich rassistisch begründete Theorien über Blut) wahnsinnig geworden. Frauen möchte er mit einem Gorilla paaren und prüft ihre Kompatibilität, in dem er schaut, ob eine Bluttransfusion möglich ist. Wissenschaft ist bei ihm ein Jahrmarkt der Schatten, aus dem nur seine starrenden Augen herausleuchten, ein Jahrmarkt voll Freude am Entsetzen, voll Perversion – für die Wissenschaft müssen Frauen eben halbnackt an Holzkreuze gefesselt werden, wo sie für die Wissenschaft verzweifelt schreien dürfen, während der Gorilla – ständig im Wechsel eine Archivaufnahme und ein Schauspieler im Kostüm – auf sie zur Begattung wartet.
Auf der anderen Seite findet sich der Schatten von Poes Meisterdetektiv C. Auguste Dupin (Leon Ames), zu dessen Ehrenrettung die Figur im Film einen anderen Vornamen erhält. Hier ist er ein lebensferner Hobbydenker, der in seiner Wohnung mit seinem Hobbychemiekasten spielt, der zu keinem deduktiven Gedanken in der Lage ist und der besser in die sonnigen Landpartien des Films passt als in den moralisch heruntergekommenen Krimi, der ihn umgibt. Mit ihm nähert sich der Film der Vorlage an, was Film als auch Poe nicht zu Gute kommt.
Unschwer sollte also zu erkennen sein, dass die erste Hälfte, in der Bela Lugosi in einem Jahrmarktszelt predigt und Frauen entführt, die bei weitem bessere Hälfte ist.

Dienstag 12.07.

The Man Who Knew Too Much / Der Mann, der zuviel wußte
(Alfred Hitchcock, UK 1934) [blu-ray, OF]

großartig

Unter anderem folgt die Hauptfigur der Spur eines Terroristenrings zu einem Zahnarzt. Einen Kompagnon schickt der unbescholtene Bürger, der in einen Spionageplot landete, zur Behandlung, damit er sich im Vorraum umsehen kann. Und während er im Wartezimmer guckt, hören wir gedämpfte Schmerzenslaute. Der Sinn des Ganzen liegt weniger in Suspense und der Ahnung, dass ein teuflischer Nazizahnarzt hinter der Tür wartet, sondern in Amüsement.
Bei mir kamen aber plötzlich verdrängte Erinnerungen hoch. Wie ich als Kind beim Zahnarzt sitze und aus dem Behandlungsraum die von Wand und Geräten im Mund gedämpften Schmerzenslaute in den Warteraum dringen. Wie mein Arsch auf Grundeis geht und ich nach Fassung suche. Wie ich immer wieder nachzähle, wie viele noch vor mir dran sind – während das Jammern, die unterdrückten Schreie und das Brummenden und Jaulen der Bohrer in morbider Regelmäßigkeit zu und abnehmen, aber nie aufhören, bis ich selbst dran bin.
Da fiel mir auf, dass meine Wartezimmererfahrungen dies seit Jahrzehnten nicht mehr hergeben. Dass mir das eher wie ein Alptraumszenario vorkommt. Keine filmreifen Erfahrungen mehr, über die man trotzdem lacht. Hach, es ist einfach nichts mehr wie es war.

Montag 11.07.

Zwischen gestern und morgen
(Harald Braun, D 1947) [blu-ray]

gut

Manche sagen, ich hätte Harald Braun bei critic.de mal wieder mit Ideologiekritik niederprügelt. Manche meinen, ich lobe ihn indirekt für seinen unangenehm angenehmen Film. You say goodbye, I say hello.

Sonntag 10.07.

未来のミライ / Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft
(Hosoda Mamoru, J 2018) [blu-ray, OmeU]

großartig

Dickens WEIHNACHTSGESCHICHTE für das Erwachsenwerden. Eine Junge lernt mittels der Geister von Hunden, der Zukunft und der Vergangenheit kein egoistischer Störenfried zu sein, sondern sich als Teil einer Linie zu begreifen. Es zeigt Hosoda schon ziemlich oft on top of his game. Ich konnte nur nicht abschütteln, wie didaktisch die Geschichte strukturiert ist.

Thank You, Mr. Moto / Mr. Moto und der China-Schatz
(Norman Foster, USA 1937) [DVD, OF] 2

gut

Schnelle Autos und Judo-Griffe … und ein österreichischer Emigrant, der in den USA einer Japaner spielt, der sich als Mongole verkleidet.

Sonnabend 09.07.

Thor: Ragnarok / Thor: Tag der Entscheidung
(Taika Waititi, USA 2017) [DVD, OmeU] 2

nichtssagend

Jede, wirklich jede Figur macht die gleich Art Witze. Die Bösen und die Guten, die Ernsten und die Scherzbolde, alle sprechen sie fließend Ironisch. Es ist wie bei Terrence Malick, wo auch alle mit derselben Stimme reden. Nur ist es hier (noch) unerträglicher.

Freitag 08.07.

Think Fast, Mr. Moto / Mr. Moto und der Schmugglerring
(Norman Foster, USA 1937) [DVD, OF] 2

gut

Ein österreichischer Emigrant (Peter Lorre) spielt in den USA einen Japaner, der sich als Araber verkleidet… Sowas kann sich wirklich nicht ausgedacht werden.

Mittwoch 06.07.

Exotica
(Atom Egoyan, F 1965) [35mm, OmU] 6

großartig +

Atom Egoyan ist für die Struktur seiner Filme bekannt. EXOTICA handelt von (Seelen-)Striptease, so sagt er, weil nach und nach die Wahrheit freigelegt wird. Statt linear zu erzählen, sehen wir also eine Art von Mosaik. Nur finde ich nicht, dass es um ein Freilegen geht, sondern um ein zersprungenes Bild, dass wieder zusammengesetzt wird. Denn die Figuren sind allesamt und jeder auf seine Weise kaputt. Wenn am Ende das gesamte Bild vor uns entstanden ist, dann herrscht die Hoffnung auf eine Kommunion, nach der alles Sinn ergibt – weil die Geschichte nun Sinn ergibt.
Diese Struktur macht EXOTICA aber ziemlich starr und mechanisch. Es wirkt schon dadurch konstruiert, weil am Ende die Figuren in einem klaren Verhältnis zueinander stehen. Weil sich ein klares Bild ergibt, dass uns lange vorenthalten und nur angedeutet wurde. Was ich – trotz des ganzen abfallenden emotionalen Ballasts der Einzelteile der Geschichte – emotional nicht sehr ergreifend finde.
Egoyan zeigt sich jedoch trotzdem als suggestiver Filmemacher. Der Aufhänger ist, dass das Ding der Begierde beim Strip vor einem steht, es aber nicht berührt werden darf. Und so befinden sich den gesamten Film lang, das, was die Leute wollen, direkt vor deren Nasen, aber eine physische wie mentale Trennwand hält sie auf Distanz. EXOTICA besteht so im Grunde nur aus Szenen von Intimität und Nähe, voller Hitze* und Einblicke, die aber die Beteiligten frustrieren – oder aufgeilen. Die Beteiligten, die nicht wissen, wie sie im Kontakt mit ihrer Außenwelt so sein können, wie sie fühlen, dass sie wirklich sind. Die einzelnen Szenen und die Details** arbeiten entsprechend gegen eine klare Wahrheit an und handelt von den Lücken in den Leuten.
*****
*Aufgeheitzt durch Leonard Cohen, Prokofjew, den exotisch-arabischen Originalsoundtrack und das Tondesign.
** Die ultrasiffigen Aquarien in der Zoohandlung sind ebenso kolosal sinnlich, wie der Umstand, dass das Geheimnis des Bruders einer Hauptfigur durch seine Bob Marley- oder Freiheit für Südafrika-T-Shirst angedeutet wird, sensationell dreist ist.

24.06-03.07.: Il cinema ritrovato
Sonntag 03.07.

Christmas Carole k
(Agnès Varda, F 1965) [DCP, OmeU]

ok

Der blutjunge Gérard Depardieu wandert mit zwei weiteren Schauspielern durch Paris und es geschehen Dinge. Testaufnahmen.

Pasolini A New York k
(Agnès Varda, F 1967) [DCP, OmeU]

gut

Agnès Varda filmt Pasolini auf dem Broadway und dieser erzählt im Offkommentar über die Realität des filmischen Bildes, das real ist, weil es eben entweder einer Person zeigt, die wirklich vor der Kamera stand, oder eben einen Schauspieler, der schauspielt … was keine Lüge ist.

Saddle Tramp / Ohne Gesetz
(Hugo Fregonese, USA 1950) [35mm, OF]

gut

Nach wenigen Momenten ist jeweils klar, was los ist und passieren wird. Chuck Conner (Joel McCrea) wird vom unabhängigkeitsliebenden Fremden zum liebenden Vater von drei Waisen und zum Mann einer Ausreißerin (Wanda Hendrix). Und die Vorsteher zweier verfeindeter Ranchen stecken selbstredend unter einer Decke, um die Rinder ihrer Bosse zu stehlen, während die von ihnen angestiftet aufeinander losgehen. Chuck wird es verhindern. Und weil alles ziemlich solide und offensichtlich ist, ist umso schöner, dass es den Mittelteil gibt, bevor sich das ereignet, was sich eben ereignen muss. In diesem macht Chuck dem Mann klar, bei dem er zwischenzeitlich arbeitet, dass es Kobolde sind, die das Essen klauen und Chuck helfen, und eben nicht Kinder. Und doch ist SADDLE TRAMP genau hier zeitweise sehr lustlos inszeniert, wie wenn eines der Kinder einen Puma vor den Augen des Chefs erlegt, und dieser das Kind nicht sieht, obwohl alles an der Inszenierung darauf hindeutet, dass das Kind direkt vor ihm stehen müsste. Aber vll. ist das auch nur eine Spitze. Dass der Wille, Kobolde zu sehen, schon extrem ausgeprägt sein muss, wenn jemand Kobolde sieht.

Sonnabend 02.07.

剣鬼 / Sword Devil
(Misumi Kenji, J 1965) [DCP, OmeU]

großartig +

SWORD DEVIL ist nicht von einem so auserlesenen Stil wie SWORD-CUT. Was etwas komisch anmutet oder nur zwangsläufig ist, weil die Geschichte eines Gärtners erzählt wird, der der Sohn eines Hundes und einer Frau sein soll – so mutmaßt der Klatsch der Stadt – und der deshalb versucht die Natur in und um sich zu kultivieren.
So baut er als Gärtner eine immer größere und schönere Vielzahl von Blumen an, bis er eine ganze Lichtung im Wald in eine völlig entrückte, deutlich von Menschenhand entworfene Blumenwiese umwandelt. Und als Rächer an den Menschen, die ihn und seine Mutter mobbten bzw. zerstörten, wird er zum unbesiegbaren Schwertkämpfer, nur indem er einen Meister und seine Bewegungen genau beobachtet.
Diese Zivilisation seiner selbst und seiner Umwelt ist aber nicht gegen die/seine Natur gerichtet, sondern krönt sie. So ist er eben auch Hundemensch, wenn er wie der Flash rennende Pferde einholt. Instinkt und der Wille zur Selbstverfeinerung fallen in ihm zusammen, weshalb er Natur selbst zu etwas Besseren und Schöneren macht, während seine menschliche Umwelt in Ignoranz zu versinkt.
Als Assassin wird er Gefolgsmann eines völlig sozialen Wesens, der wiederum Gefolgsmann eines wahnsinnigen Fürsten ist, der nur noch aus Instinkten besteht. Lange scheint es, dass unsere Hauptfigur auch die sozialen Rangstufen aufsteigen werde und seinen Fürsten von seiner Zurückwerfung auf die Natur befreien könnte. Es ist aber das Übermaß an giri (familiärer und gesellschaftlicher Pflicht) und das Fehlen von ninjo (Mitgefühl), in dem er so landet, was ihn, diesen Übermenschen, zerstören wird und seine Blumen zum schönst möglichen Massengrab macht.

One Way Street
(Hugo Fregonese, USA 1950) [35mm, OF]

ok +

Wieder einmal gibt es bei einem Film Fregoneses einen Gefangenen. Nur ist es dieses Mal die Figur des Antagonisten, der nur sporadisch im Film auftaucht. Dan Duryea spielt den Gangsterboss Wheeler, der seine Wohnung nie verlässt und deshalb in einem Noir-Krimi gefangen bleibt. Anders unsere Hauptfiguren (James Mason & Märta Torén), die während ihrer Flucht vor den Handlangern Wheelers in einem Dorf an der Karibikküste stranden. Sie erweitern so ihren Horizont und ihre Herzen, weshalb sie (zwischenzeitlich) den Noir verlassen und etwas Bergdoktoridylle erfahren können.
Dies ist aber ein fatalistischer Film, der einem am Ende nicht auf dem offensichtlich aufgebauten Weg des Todes das Happy End verbaut, sondern viel willkürlicher, wenn dieser Weg passiert ist. Das Ende wirkt wie ein Eingriff Gottes oder eben des Drehbuchautors, der zwanghaft das Messer in der Wunde umdrehen muss.

Le joueur k
(Victorin-Hippolyte Jasset, F 1909) [35mm, OZmeU]

ok

Die ersten drei Kurzfilme dieses Victorin-Hippolyte Jasset-Programms machten für mich nochmals deutlich, dass das Konzept mit Texttafeln anzusagen, was in den nächsten Minuten zu sehen sein wird, ein klein wenig anstrengend ist, weil die Spannung bei mir abfällt, wenn Schauspieler überdeutlich darstellen, was ich eh schon gesagt bekommen habe.

La fleur empoisonnée / The Poisoned Flower k
(Victorin-Hippolyte Jasset, F 1909) [35mm, OZmeU]

ok

Morgan le pirate – La cage k
(Victorin-Hippolyte Jasset, F 1910) [35mm, OZmeU]

ok

Balaoo / Balaoo the Demon Baboon m
(Victorin-Hippolyte Jasset, F 1913) [35mm, OZmeU]

großartig

Ein Wissenschaftler hat einen Affen fast zum Menschen hochgezüchtet. Dieser wird aber durch schlechte Einflüsse, weil er sich in der Gesellschaft der Menschen nicht auskennt, zum Entführer und Mörder. Die Maske des Schauspielers, der diesen Affen – Balaoo – spielt, sieht aber eher nach Totenmaske aus und macht aus Balaoo einen Psychoclown, dessen Präsenz den Film ausmacht – wenn er von Bäumen auf seine Opfer stürzt oder seine Pranke von der Decke, an der er magischer Weise laufen kann, zu seinem Mordopfer herunterhängt.
Vor allem sind aber die Spezial Effekte sensationell. Es wird beispielsweise rückwärts abgespielt, wie sich ein dünner Baum unter Balaoos Gewicht nach unten beugt bis er abspringt, um seine kinderleichten Sprünge auf Bäume zu zeigen. Oder dass er eben einen Raum entlangläuft, der auf den Kopf stehend eingerichtet ist, um ihn mittels gedrehtem Bild an der Decke laufen zu lassen. Was fünfzig Jahre später vll. nicht mehr ganz frisch wirkt, hier ist es noch atemberaubend.

Canoa / Canoa: A Shameful Memory
(Felipe Cazals, MEX 1976) [DCP, OmeU]

ok +

Eine Anklageschrift, die ganz postmodern auf mehrere Wege seine Informationen über einen furchtbaren realen Lynchmord an den Mann bringen möchte. Mittels gestellter Doku-Elemente, dokumentarischer Spielszenen, fingierter Interviews und mittels Horrorfilmstilistik stellt sich der Mord eines Dorfes an Verwaltungsangestellten einer Uni dar. Nur führen die Mittel zu dem immer gleichen Bild: Dort sind die Bösen, da die Unschuldigen und hier wie es dazu kommen konnte. Plump dürfen die Opfer in den Dialogen erzählen, wie gemäßigt sie sind und beileibe nicht die linksradikalen Studenten, die die Dorfbewohner erwarten … als ob es einen Unterschied machen würde. Plump ist der ewig währende Infodump, der auf verschiedene Weise immer wieder nur erklärt, dass ein Priester seit langer Zeit zur eigenen Bereicherung und Machterhaltung die Stimmung aufheizte, bis es dann zum Unglück kam.
Einzig: Wenn der Film zu seiner Klimax schreitet, wenn der Mob dann nach langem Aufbau über die Uniangestellten und die Dorfbewohner, die ihnen Unterschlupf gewährten, herfällt, dann ist Wahn und Gewalt durch nichts zu erklären. Theoretisch ja, aber praktisch sehen wir nur noch drastischen Hinterwäldlerhorror, der alle Erklärungen in Matsch und Blut versinken lässt.
*****
In der Einführung zum Film kam zur Sprache, das Opfer am Set waren und für Authentizität sorgten und dass ein echter Katholik den niederträchtigen Priester spielte. Zudem wurde einige Grundinformationen über den Hintergrund geliefert, die aber größtenteils im Film auch vorkommen. Vor allem war die Einführung aber nicht sehr pointiert und kam ohne noch etwas hinzuzufügen doch nicht zum Ende. Dadurch habe ich schätzungsweise die letzten drei bis vier Minuten des Films verpasst, weil ich losmachte, damit ich noch bei SO EIN MÄDEL VERGISST MAN NICHT (plus Vorfilm) Einlass erhalten würde.

Scherben bringen Glück m
(Curt Bois, D 1932) [35mm, OmeU]

gut

Etwas, das bisher in der Reihe und in den deutschen Komödien, die ich kenne, völlig fehlte, wird hier deutlich kopiert ohne lediglich Kopie zu sein: der Slapstick von Buster Keaton und Charlie Chaplin. Und es geht dabei um einen tollen Scam, der noch toller an der deutschen Gründlichkeit scheitert.

So ein Mädel vergißt man nicht
(Fritz Kortner, D/A 1932) [35mm, OmeU]

gut

Von Beginn weg ist es einer der schönsten Filme der Reihe. Durch die beschwingten Songs, die Running Gags, die Schauspieler und das irreale Berlin, das Lukas auf letterboxd beschreibt. Doch irgendwann wird dies zur Verwechslungskomödie, die sich auf die beiden immer gleichen Lieder verlässt, auf die gleiche Art von Witz, wobei aber gerade die schönen Running Gags über Bord gehen. Es trübt sich ungemein ein … und es ist purer Irrsinn, das sagen zu müssen, aber etwas mehr Theo Lingen hätte dem Film gutgetan.

Noi vivi – Addio Kira! Ayn Rand Cut
(Goffredo Alessandrini, I 1942) [DCP, OmeU] 1,5

ok +

Bei meinem ersten Besuch beim Il cinema ritrovato 2011 hatte ich ADDIO KIRA! gesehen, ohne vorher gewusst zu haben, dass es ein zweiter Teil ist. Ich fand mich zwar schnell rein, trotzdem war dieser Film eine bleibende Erinnerung, weil alles so seltsam und fremd war … und mir nie ganz klar war, ob es am Film oder dem fehlenden Vorwissen liegt. Dieses Jahr kam eine gestauchte Fassung von 1986, die den Zweiteiler zu einem dreistündigen Film zusammenfügte und wohl noch von Ayn Rand höchstselbst approved wurde.
Jetzt weiß ich, dass mich der zweite Teil deutlich mehr interessiert, weil er nicht nur seltsam romantische Kommunismuskritik wie sein Vorgänger ist, sondern einfach nur noch seltsam. Das Problem war aber, dass ich 2011 eine 35mm-Kopie gesehen hatte und jetzt eine DCP vorgesetzt bekam, die eine Zumutung war. Denn was da auf die Leinwand projiziert wurde, war ein ruckelnder, mies digitalisierter 360p youtube-stream mit einem durchgehend nervenfräsenden Quietscherauschen auf der Tonspur. Es war ein Folterwerkzeug, das sich DCP schimpfte.
*****
WE THE LIVING heißt der Debütroman von Ayn Rand, in dem sie ihre Geschichte als weiße Russin in der jungen Postbürgerkriegs-Sowjetunion beschreibt. Hauptfigur des Films ist Kira (Alida Valli), die kein Geheimnis aus ihrer Verachtung für das neue Regime und die neue Ideologie macht. Sie sagt es sogar Andrei (Fosco Giachetti), einem Agenten der GPU in aller Öffentlichkeit ins Gesicht. Woraufhin dieser sie fragt, ob sie selbstüberschätzend mutig ist oder unglaublich dumm. Und tatsächlich ist NOI VIVI – ADDIO KIRA! das Portrait einer Frau, die sich für sehr mutig hält, aber einfach nur dumm zu sein scheint.
Die Kritik an den Zuständen in der Sowjetunion und an deren Ideologie, die der Film durch Kiras Augen in einem gleisendem, optisch hochromantischem Liebesmelodrama aufzeigt, ist seltsam … grün. So wird der Umstand, dass ihr Geliebter Leo (Rossano Brazzi) wegen seinen Ansichten und wegen seines Vaters, der Offizier in der zarischen Marine war, keinen Job findet, wie der Beweis für eine einmalige Ungleichheit in der UdSSR behandelt. Dass der realexistierende Sozialismus an seinen eigenen Ansprüchen scheitert, dass es auch in ständisch und kapitalistisch organisierten Gesellschaften Ungleichheiten gibt, als das zeichnet sich nicht mal am Horizont als Argument ab. Lediglich das trotzige Empfinden ob des eigenen Schicksals steht im Mittelpunkt und soll nicht den einen Trotzkopf (Kira), sondern den Anderen (den Kommunismus) ins Unrecht setzen. Das Elend um sich sieht Kira ebenso wenig wie die Ungleichheit in den Wirtschaftskrisen anderer Orts … oder das die westlichen Gesellschaften der Zeit ihr als Frau den Traum eines Ingenieursstudiums nicht ebenso behindern und canceln würden. So verrennt sich Kira und Alessandrinis Film in eine persönliche Vendetta, die zumindest der zweite Teil melodramatisch, mittels einer Hassliebe zwischen Kira und Andrei gegen seine Hauptfigur wendet.
Die Kulissen an der Uni und in Andreis Büro sind – neben den glitzernden Leuchten in den Augen, die den Wahn hinter diesen anzeigen – das Faszinierendste. Sie zeigen nämlich bürgerliche Säle und Wohnungen, über die behelfsmäßig Propagandaposter und -parolen gekleistert wurden. Dieser Kommunismus scheint im Stadium eines Provisoriums zu verbleiben, das nicht in das Alte einzudringen vermag. Die Korruption kommt wieder, nur mit einem anderen Gesicht als im Kapitalismus. Alles scheint eben gleich zu bleiben, nur ändert sich die Oberfläche rudimentär. Womit dann doch ein stimmiges Argument über das Scheitern des Kommunismus geliefert wird.

Freitag 01.07.

در غربت / In der Fremde
(Sohrab Shahid Saless, IRN/BRD 1975) [DCP, OmeU]

großartig +

Dem Film ist eine Texttafel vorangestellt. Saless wolle Elend portraitieren, also einen Begriff, der ursprünglich das Sein in der Fremde bezeichnete. Die Ausgrenzung, welche die gezeigten Gastarbeiter von Deutschen erfahren, ist dabei präsent, aber nicht das Hauptthema. Um Essentielleres geht es. Der Hohn der Fließbandarbeit, bei der Husseyin (Parviz Sayyad) stupide und immer gleich Metalplatten presst, wo er doch viel lieber eine Frau ebenso eintönig mit seinem Penis pressen würde, ist auch elend. Die Fremde aber, sie fängt schon in seinem neuen Heim an, in der heruntergekommenen Kölner Wohnung, die behelfsmäßig als Unterkunft für eine Gruppe von Gastarbeitern herhält. Dort möchte niemand mit Husseyin Backgammon spielen. Nur unbeholfener Small Talk findet statt. Das Elend kommt aus allgemeiner Isolation, Tristesse und der herbstlichen Kälte Deutschlands, aus einem eintönigen, tristen Film, dessen Horror darin liegt, dass dem allem kein Drama und kein Angebot für Katharsis innewohnt.
*****
Zur Abrundung des Ganzen stand im Esszimmer dieser symbolisch für Elend einstehenden Wohnung der Küchenschrank, der zwölf Jahre in der Küche meiner WG bzw. Familienwohnung stand.

Seven Thunders
(Hugo Fregonese, UK 1957) [35mm, OF]

großartig

Ein Nazi-Offizier erklärt in SEVEN THUNDERS einem Vorgesetzten, dass die Altstadt von Marseille ein Sumpf sei. Die Gassen bilden ein unübersichtliches Gewirr. Zudem sind die Häuser unterirdisch durch die Kanalisation miteinander verbunden und erreichbar. Kleinkriminelle, Deserteure, die Résistance oder einfach arme Leute finden ein Habitat, in dem die Besatzer keinen Zugriff auf sie bekommen. Unmöglich sei es, dieses Viertel trocken zu legen.
Die Geschichte über zwei britische Soldaten auf der Flucht wird von einer Liebesgeschichte begleitet, von schrulligen Nachbarn, von einem Grundvertrauen in die Leute, obwohl den beiden initial geraten wurde, niemanden zu trauen, von einem Ehedrama, einem verspotteten und vergewaltigenden Nazi-Soldaten, von allgegenwärtiger Klaustrophobie in der engen Weite des Viertels, von einem Serienmörder, dessen gutbürgerliches Heim wie eine Parallelwelt in Plot und Viertel wirkt.
Es ist also ein ziemliches Gestrüpp und doch ist es nie unübersichtlich, weil der Film weniger Sumpf als stimmiges Miteinander ist. Ein Pandämonium eines gesellschaftlichen Gefängnisses unter Naziherrschaft und ein naiver, unverbesserlicher Blumenstrauch für menschliche Solidarität und Gemeinschaft … wo derjenige, der sich dieser nicht anschließt, eben Serienmörder ist.

Бунт на куклите / The Rebelion of the Dolls k
(Dimitrie Osmanli, Y 1957) [DCP, OmeU]

ok

Ein Mädchen zerstört ausversehen den Spielzeugpanzer eines Jungen. Dieser reißt daraufhin der Puppe des Mädchens ein Bein aus – vor den Augen eines Kriegsveteranen, dem ein Bein fehlt. In der Nacht träumt sich der Junge zum allmächtigen Ritter, der jedoch gleich Ebenezer Scrooge lernen muss, welchen Schaden seine Einstellung anrichtet, wie schlimm Krieg und Gewalt sind. Diese jugoslawische quasi TWILIGHT ZONE-Folge hat gerade optisch tolle Ansätze, doch werden die Potentiale dafür, mehr als ein biederes Fass für die Botschaft zu sein, viel zu selten wahrgenommen.

Zaseda / Der Hinterhalt
(Živojin Pavlović, Y 1969) [35mm, OmeU] 2

großartig

Scheinbar reichten bedeutungsschwanger gezeigte Bilder von Stalin zu Anfang und Ende, um den jugoslawischen Zensoren Ende der 1960er Jahre zu vermitteln, dass es sich hierbei um eine Abrechnung mit dem Stalinismus handelt und nicht gleich mit dem ganzen Kommunismus (hinter dem Eisernen Vorhang). DER HINTERHALT zeigt verkürzt auf einige symbolische Geschehnisse im Kleinen den Aufbau des Kommunismus in Jugoslawien nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Ein idealistischer Junge reist mit Vorgesetzten herum auf der Suche nach einer verbleibenden faschistischen Miliz. Und neben dem eigenschaftslosen Jungen gibt es eigentlich nur Arschlöcher, Karrieristen, Ignoranten und bestenfalls Lebemänner. Weshalb sein Idealismus vom Dreck der Wirklichkeit, vom Dreck eines sämigen, sumpfig aussehenden Films ausgelöscht wird. Oder: Mit diesen Leuten ist Kommunismus nicht machbar, der hin und her schlingernde Film.

Kabarett-Programm Nr. 1 m
(Kurt Gerron, D 1931) [35mm, OmeU]

gut

Otto Wallburg – heimlicher MVP der Operettenfilmreihe in Bologna – setzt auch hier die Highlights … dieses Mal als manisch verstockter Kleinbürger außer sich … bzw. der völlig zu sich kommt.

Das Kabinett des Dr. Larifari
(Robert Wohlmuth, D 1930) [35mm, OmeU]

verstrahlt +

Die drei Hauptdarsteller von DAS KABINETT DES DR. LARIFARI (Carl Jöken, Paul Morgan & Max Hansen), die als Drehbuchautoren und Produzenten auch die Verantwortlichen Filmemacher hinter der Kamera sind, gründen im Film wie in Realität die Trio-Film GmbH um den Film Das Kabinett des Dr. Larifari zu produzieren. Erzählt wird aber keine Geschichte. Stattdessen folgen Variety-Einlagen, die in den Hauch einer fiktiven Entstehungsgeschichte eingelassen sind. Zuweilen ist das Ergebnis schrullig, dem Witz eines Theaterstadls verschrieben und qualitativ divergent. Im Ganzen aber ist dies schon sowas wie die Vision eines deutschen Marx Brothers-Film, in dem drei Versionen von Zeppo durchdrehen.

Apache Drums / Trommeln des Todes
(Hugo Fregonese, USA 1951) [DCP, OF]

großartig +

Ein Dorf wird von Apachen belagert. In einer Kirche, die mit ihren dicken Mauern wie eine Festung wirkt, wird die lokale Gemeinschaft zuletzt eingeschlossen. Die feurig bis gespenstisch leuchtenden Mescaleros, die durch die überdimensionalen Schießscharten unter der Decke der Kirche kommen und die gegen das langsame Sterben durch die gegen sie gerichtete Politik der USA aufbegehren, sind aber wenig überraschend nur die Materialisation der Probleme der Gemeinde. Bzw. ist ihre Belagerung vielmehr die Verfestigung der Klaustrophobie, die die Figuren in sich tragen.
Einfache Typen sind die Hauptakteure jedenfalls nicht. Der Priester (Arthur Shields) tut sich unablässig mit rassistischen, bigotten und abergläubischen Kommentaren hervor. Seine Haltung, seine Brille, sein Gesicht: alles an ihm vermittelt, dass er ein verklemmter Fanatiker ist, der unablässig Benzin ins Feuer der Gesellschaft gießt, nur um seinen Willen durchzusetzen. Und doch ist er der erste, der seinen Mitmenschen zu Hilfe kommt, der sich für sie aufopfert und eben auch den Leuten zur Seite steht, die er nach seinem Zeugnis innig verachtet. Spieler Sam Leeds (Stephen McNally) hat als Hauptfigur natürlich trotz seiner Verantwortungslosigkeit ein Herz aus Gold … und McNallys Physiognomie tut ihren Rest, damit er nicht zu sympathisch aussieht. Und der Bürgermeister (Willard Parker) möchte sichtlich das Beste für seine Mitmenschen, findet aber keinen Weg als mit faschistischer Herablassung vorzugehen.
Die Zähmung und zivilisatorische Erschließung des rechtlosen Wilden Westens ist in APACHE DRUMS kein Widerstreit unterschiedlicher Menschen, sondern unterschiedlicher Impulse in den Leuten selbst. Während die Mescaleros in den Tod gehen, um als Geisterkrieger ihr Glück zu suchen, da versucht sich APACHE DRUMS an einer todessehnsüchtigen Kommunion der Widersprüche in einem selbst.

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