STB Robert 2021 I

„Walking alone in the desert is wonderful. It’s like walking on the face of a clock that’s stopped.” (Legend of the Lost)


Wertung: Ich kann nichts mit Zahlen zur Bewertung anfangen. Deshalb gibt es hier ein System der euphorischen Aufnahme des Films. In Zahlen übersetzt wäre es wohl ungefähr: fantastisch 10 – 9 / großartig 8 – 7 / gut 6 – 5 / ok 5 – 4 / mir zur Sichtung nichts sagend 4 – 3 / uff 2 – 1 / ätzend 1 – 0. Diese Skala ist mit der Qual verbunden, Filme in eine lineare Skala zu quetschen. Deshalb hat die Wertung eine Y-Struktur für freieres Atmen. So kann ein Film eine Wertung der Verstörung erhalten: radioaktiv 10 – 9 / verstrahlt 9 – 7. Wertungen in Klammern verweisen auf das ein oder andere Nickerchen beim Schauen.

Legende: Ist im Grunde selbst erklärend. Wenn hinter der eckigen Klammer eine Zahl steht, dann gibt sie die Anzahl der Sichtungen wieder. Je höher die Zahl, desto mehr ist sie geschätzt. Da ich mit Fernsehen und Kino aufgewachsen bin, wo nur gekennzeichnet wird, wenn ein Film nicht in deutscher Sprache läuft, tue ich das schändlicherweise auch. (OmU=Originalfassung mit Untertiteln, OmeU=Originalfassung mit englischen Untertiteln, OF=Originalfassung, EF= englischsynchronisierte Fassung, OZmeU=Originalzwischentitel mit englischen Untertitel) Hinzu kommen die Zeichen ł, wenn der Film gekürzt war, und ≠, wenn ich mitbekommen haben sollte, dass das Format nicht hinhaute. Ein kleines K hinter einem Titel bezeichnet einen Kurzfilm (bis 20 Minuten), während ein kleines M einen mittellangen Film (21 bis 60 Minuten) kennzeichnet.


Vorangegangene Sehtagebücher:
2012/II | 2013/I | 2013/II | 2014/I | 2014/II | 2015/I | 2015/II | 2016/I | 2016/II | 2017/I | 2017/II | 2018/I | 2018/II | 2019/I | 2019/II | 2020/I | 2020/II

Januar
Mittwoch 20.01.

Silhouetten
(Walter Reisch, A 1936) [stream]

großartig +

Dienstag 19.01.

Café Elektric
(Gustav Ucicky, A 1927) [stream, OZ, ł]

gut

Montag 18.01.

Event Horizon
(Paul W.S. Anderson, USA/UK 1997) [stream, OF] 4

großartig

Sonntag 17.01.

Avatar
(James Cameron, USA/UK 2009) [3D blu-ray, OF] 2

ok

Immer wieder ist AVATAR – der sich bei den Hallelujah Mountains so sehr bei Roger Dean bedient, dass ich jedes Mal mitten im Film Lust bekomme, Yes zu hören – ein Film voller Schauwerte. Die Natur ist ein riesiger Raum voll erstaunlicher Flora und Fauna. Und doch sich die 3D-Bilder bei James Cameron darauf aus, den Blick des Zuschauers zu lenken. Alles schwirrt vor fliegenden, leuchtenden Quallensamenwesen, aber es darf sich nicht umgesehen werden. Das eine Quallensamenirgendwas, das James Cameron im Fokus unserer Aufmerksamkeit haben möchte, ist der Einzige der scharf von der Kamera aufgenommen wird. Teilweise tat es mir kurz in den Augen weh, wenn ich irgendetwas scharf stellen wollte, es aber nicht ging. Der meist schmale Bereich der Tiefenschärfe machte immer wieder klar, dass Cameron den Raum, den seine neue Technik öffnete, nicht als solchen verstand, dass er den Job des Filmemachers als Diktators des Blicks begriff.

Frühe Filme von Georges Méliès
(Georges Méliès, F 1896-1900) [DVD]

tba.

– Une partie de cartes [Ein Kartenspiel] (1896) 2
– Une nuit terrible [Eine schreckliche Nacht] (1896)
– Un homme de Tête [Ein Mann der Köpfe] (1898) 2
– Le chevalier mystère [Der geheimnisvolle Ritter] (1899)
– Cendrillon [Aschenputtel] (1899)
– Le déshabillage impossible [Das unmögliche Ausziehen] (1900)
*****
Es ist faszinierend zu sehen, wie schnell Méliès die Potentiale der neuen Technik erkennt und zu seiner Art von Filmen findet. EIN KARTENSPIEL sieht noch nach einem Film der Gebrüder Lumière aus, EINE SCHRECKLICHE NACHT wendet sich aber schon von einfacher Dokumentation ab.
Am schönsten finde ich EIN MANN DER KÖPFE und DAS UNMÖGLICHE AUSZIEHEN. Zumindest von den Filmen. Mit etwas Medienerfahrung sind die Schnitte und der ganze Zauber schon sehr offensichtlich, die hier anwesende 4-Jährige Lotti Z. rief aber die ganze Zeit: Was ist denn hier los? und sprang euphorisch vor den Filmen herum. Den letzten Film empfing sie schon mit einem: Mal sehen, was jetzt wieder komisches geschehen wird. Das war alles noch schöner, als die Filme eh schon sind.

Resident Evil: Apocalypse
(Alexander Witt, CA/UK 2004) [DVD, OF] 2

uff

Coolnessbehauptung wird an Coolnessbehauptung gereiht. Dabei wird nicht mehr nur auf ein Videospiel referenziert, sondern TOMBRAIDER für eine Form von vergleichender Werbung gleich mit eingewoben. Das Drehbuch von Paul W.S. Anderson löst die Ansprüche an eine solide Realität dabei zunehmend auf und macht einfach, worauf es Lust hat. Es muss stets das nächste Level geben, koste es, was es wolle. Das hat durchaus seine Momente, aber Alexander Witts Inszenierung ist eindimensional und völlig überfordert den ständigen Wechseln etwas mehr als Coolnessbehauptungen abzugewinnen.

Sonnabend 16.01.

300: Rise of an Empire
(Noam Murro, USA 2014) [3D blu-ray, OF]

großartig +

Ich verweise mal wieder auf einen Sehtagebucheintrag von anno dazumal und meine Unsicherheit, ob dies ein Porno im Gewand eines Actionfilms ist oder vice versa. Schon in der zentralen Szene, einer Unterredung zwischen Themistokles (Sullivan Stapleton) und Artemesia (Eva Green), ist kaum zu unterscheiden, ob das Sex oder ein Kampf (um die Oberhand) ist. Jedenfalls spritzt es hier ekstatisch, wenn vernarbte Körper Schwerter ineinander jagen und wieder herausziehen. Krieg als Bukkake, Bukkake als Krieg. Ihr wisst schon. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der immer mal wieder gedisst wird, ist hier alles uneindeutig und von verworrener Lebenslust bestimmt, statt glatter Todessehnsucht. Ein schöner Film also, der seine Zweifelhaftigkeit gewinnbringend einsetzt.
Außerdem: ein Film, in dem sich schicksalsträchtig über mehrere hundert Meter angeschaut wird, weil die Schlacht eben nur für den Kampf zwischen zwei Körpern einsteht. Und der nur in einer dramaturgischen Pause, in der es um gehaltene Reden geht und in der die 3D-Bilder nichts mehr zu zeigen wissen, etwas in sich zusammenbricht.

Resident Evil
(Paul W.S. Anderson, UK/D/F/USA 2002) [blu-ray, OmU] 3

großartig

Alice (Milla Jovovich) wacht in einer Villa auf. Der Wind weht durch die Vorhänge. Traumhaft (schön) ist das Setting. Sie hat aber Gedächtnisverlust und etwas stimmt anscheinend nicht. Irgendwann bricht eine Spezialeinheit mit einer neuen Realität durch die Fenster und Türen. Sie nehmen Alice nicht nur mit ins Herz eines Zombievirenausbruchs, sondern weg von Neo-Renaissance-Anmut in eine nasse, kalte Stahl- und Betonwelt voll Stromleitungen und täuschender Normalität. Unter dem Luxus der Reichen warten mehr schlechte als rechte Funktionalität und wissenschaftliche Kerkerwelten, deren Technik einen hypnotisiert in den eigenen Tod Laufen lässt oder zu einer Flucht vor dem Untod führt. Jetzt, beim dritten Mal, ein sensationeller Film.

Freitag 15.01.

Ice Age
(Chris Wedge, USA 2002) [tv] 2

nichtssagend

Dies gibt mir erzählerisch und ästhetisch nichts und sieht auch noch aus wie ein damals sechs bis sieben Jahre alte Computerspiele.

La sirène / Die Meerjungfrau k
(Georges Méliès, F 1904) [DVD, OF]

gut +

Im Grunde stellt Méliès eine Zaubernummer nach. Eine Meerjungfrau und ein Aquarium entstehen aus dem Nichts. Uswusf. Doch es geht über die Tricks hinaus, da der Rhythmus und der Fluss des Geschehens entscheidend sind. Mit seinen unsichtbaren Schnitten und Zooms gleicht LA SIRÈNE einem Musikvideo und ist deshalb nicht nur auf der Ebene der Tricktechnik seinen Zeitgenossen um einiges voraus.

Donnerstag 14.01.

300
(Zack Snyder, USA 2006) [stream, OF] 2

uff

Zwanghaft teilt 300 seine Welt in zwei Lager. Hier die spartanischen Soldaten: ehrenvoll, unkorrumpierbar und gesund – im Sinn von Leni Riefenstahl, die in jedem Interview zu ihren Besuchen bei den Nuba Gesundheit bei Männern mit muskulösen Körpern gleichsetzte. Dort die anderen, die sich durch Verrat, Heimtücke und körperliche Beeinträchtigungen auszeichnen. Der Film würde Letzteres sicherlich Degeneration nennen, so expressiv er die körperlichen Behinderungen und Entstellungen gestaltet. Sprechend ist auch, dass die Rolle Königin Gorgos (Lena Headey) im Vergleich zum Comic nur ausgebaut wird, damit sie als Frau, die sich in diese Männerwelt mischt, auch mal mit sexueller Gewalt bestraft werden kann. Die moralische Expressivität stellt jede ästhetische Faszination in den Schatten, zumal die Ästhetik eben auch zum Erfüllungsgehilfen dieser Weltsicht gemacht wird. Es ist eintönig und öde.
Wenn dann ein Verräter das Lager der perversen Perser betritt und in einer Orgie landet, dann würde ich gerne den entsprechenden Film sehen, der all die Soldatenehre und Gesundheitshuberei vergisst und sich auf diese verkommene Sexparty einlässt. Denn hier sieht der Film wie das Cover von Miles Davis’ LIVE-EVIL-Album aus, das sich aus seiner Starre löst und sich zu einem surrealen Porno aus dem New York der 70er Jahre ausweitet. Sprich: Lust kommt mit Fett zusammen, Genuss mit Deformationen, wie die Frauenkörper zu einer Hälfte das Aussehen von Supermodels haben, zur anderen wie Wesen aus Höllengemälden Boschs aussehen oder Illustrationen aus mittelalterlichen Büchern über die körperlichen Auswirkungen von Untugend. Wenn es also nicht nur um die Schönheit von Panzern gehen würde, sondern um die Schönheit des Heruntergekommenen.

Mittwoch 13.01.

Fantastic Voyage / Die phantastische Reise
(Richard Fleischer, USA 1966) [DVD, OF]

ok

Eine Film gewordene Lavalampe. Irgendwas passiert, wobei der Kalte Krieg in einen Körper getragen und damit ein kleiner Rundgang durch diesen legitimiert wird. Und womöglich machte der Körper, das Blut, die Lungen, das Herz, all die Tricktechnik so viel Aufwand, dass der Rest eben keine Beachtung fand.

Dienstag 12.01.

창궐 / Rampant
(Kim Sung-hoon, ROK 2018) [blu-ray, OmU]

nichtssagend

Irgendwas mit Zombies im koreanischen Mittelalter und über Verantwortung. Reibungslose Ödnis.

Montag 10.01.

Dark Touch
(Marina de Van, F/IR/S 2013) [blu-ray, OmU]

gut

Buchstäblich wird uns die Welt aus Sicht eines Mädchens (Missy Keating) gezeigt, das von ihren Eltern misshandelt wurde und das nun in den Taten aller anderen Eltern auch nur Anzeichen eines Kindesmissbrauchs erkennt. Die erlebte Welt ist deshalb fragmentiert, kalt, grau, voller harter Kanten und Spitzen. Der übernatürliche Teil des Films stattet das Mädchen mit telekinetischen Kräften aus. Verunsichert und allein(gelassen) startet sie einen Kampf gegen die Erwachsenen und alle die sich mit ihrer Grausamkeit gemein machen. Das Traumatisierende wird hier mit genussvoller und genussvoll ausgestellter Gewalt gegen Körper beantwortet.
DARK TOUCH spielt lange mit dem Zuschauer. Nur langsam werden aus sehr präzise gestreuten Indizien Gewissheiten. Einerseits spiegelt er damit die Unsicherheit und die Verlorenheit seiner Protagonistin, die sich erst langsam einen Reim auf all das ihr Widerfahrende und die widersprüchlichen Erklärungen der Erwachsenen machen kann. Andererseits betreibt der Film eben ein Spiel, das irgendwo der Härte des Stoffes die Kraft raubt. Es geht so um den Zuschauer und damit weniger um die Gewalt.
Es gibt aber auch eine sehr unnachgiebige Seite, eine Angst einflößende. Weil sich die Sätze der Eltern, der missbrauchenden, wie der liebenden, gleichen. Weil in ihrer Überforderung auch die liebenden zu unangebrachten bis schrecklichen Mitteln greifen. Weil niemand ernsthaft mit den Kindern redet, sondern nur taktisch an sie herantritt. Ohne das Buchstäbliche ist DARK TOUCH die Vision einer Kindheit als hilflose Auslieferung an eine schauderhafte Willkür.

Sonntag 10.01.

寻龙诀 / Mojin: The Lost Legend
(Wuershan, CHN 2013) [3D blu-ray, OmU]

ok +

Dieses Indiana-Jones-Pastiche ist in vielerlei Hinsicht so gesichtslos und herkömmlich, dass es relativ schnell wieder vergessen ist. Aber die 3D-Bilder! Die verschnörkelten Artefakte in tiefen, verwinkelten Höhlen, die bleiben dann doch hängen.

3 from Hell
(Rob Zombie, USA 2019) [blu-ray, OmeU]

ok

In den beiden Vorgängerfilmen gibt es immer wieder Momente, die Rob Zombie als einen – wenn auch seltsamen, so doch spürbaren – Epigonen von Quentin Tarantino ausweisen. Hier ist er dabei angelangt, ein Epigone von Robert Rodriguez zu sein. Was wie seine Version von NATURAL BORN KILLERS beginnt, wird schnell zu einem Abklatsch von THE DEVIL’S REJECTS, dem es in seinem Finale nicht abermals gelingt, alle Teile aufzulesen, sondern schließlich in einem weitestgehend beliebigen Shoot Out versandet. Das Unfertige, das vorher so charmant war, ist bei dem bisher letzten Teil dieser Familiensaga Ausdruck einer Druck- und Kraftlosigkeit.

Sonnabend 09.01.

The Devil’s Rejects
(Rob Zombie, USA 2005) [blu-ray, OmeU]

gut +

Im Vergleich zu HOUSE OF 1000 CORPSES ist dies um einiges stringenter. Dadurch, dass sich Zombie von Metal als Soundtrack verabschiedet und auf Blues, Rock und Country der 60er bis 70er zurückgreift, ist die Atmosphäre gesetzter. Durch das Wegfallen der ständigen Splitscreens und der mindestens einmal angewendeten Spielereien wie Dolly Zoom und Split Focus Shots, wirkt es nicht mehr, als ob sich ein Musikvideo- bzw. Hobbyregisseur bei seinem ersten Film austobt. Und doch zerfällt der Film dadurch etwas unordentlicher, da die Zurückgewiesenen des Teufels auf unterschiedlichen Routen fliehen und sich erst im Laufe des Films treffen. Da der Film sie zeitweise zu Nebendarstellern macht, in dem sie auf ein anderes Monster diesseits des Gesetzes treffen, einen Sheriff, der den Film zum Horrorfilm macht, in dem sie die Opfer sind. Da hier etwas STAR WARS eingebaut wird oder seltsame, kaum angebundene Szenen, wie die nervige, in der ein Filmkritiker sich neunmalklug und weltfremd benehmen darf. THE DEVIL’S REJECTS findet in seinen epischen Abschluss, aber auch wieder die Form, um alles in einem kondensierten, allegorischen Moment zusammenzuführen, wo Lynyrd Skynyrd die Hymne für die Zusammensetzung aus sozialem, wie kulturellem Abgehängtsein, Heldentum, Rebellion, Psychosis und Sadismus liefern. Eine Zusammensetzung, die wie der Film aber kein Ganzes ergibt, sondern einen verästelten Wald der Ideologien aus einem Haufen von Divergentem.

Freitag 08.01.

House of 1000 Corpses / Das Haus der 1000 Leichen
(Rob Zombie, USA 2003) [blu-ray, OmeU]

großartig

Moderator Dr. Wolfenstein heißt zu Beginn zu einem Filmmarathon willkommen. Wir sehen ihn in einem krisseligen Fernsehbild, das Teil der uns gezeigten Welt zu sein scheint. Er richtet sich also nicht an uns, sondern an die Leute im Film. Und doch mag es eine Botschaft an uns sein, da HOUSE OF 1000 CORPSES kein stringenter Film ist, sondern seine Gestalt beständig ändert. Wir sehen einen Filmmarathon, der sich in einem einzigen Film zusammengefunden hat.
Zu Beginn ein Überfall auf eine Tankstelle, bei der sehr viel geredet und die eigene Coolness verhandelt wird. Später kommen noch zwei Paare an, die das an die Tankstelle angehangene Horrormuseum besuchen und dann ins Reich des Abgründigen entführt werden. In besagtem Horror angekommen wird der immer wieder mit Slasher-Versatzstücken operierende Film zum Backwoodhorror, nur um final in Höhlen unter der Erde verrückte Wissenschaftler vom Ausmaß eines lovecraftschen Überwesens zu finden. Kurz: Die mit jeder Menge aufgebauschten Variationen von FROM DUSK TILL DAWN, THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE und was weiß ich folgen aufeinander.
Aber auch im Kleinen gibt es immer wieder Einschübe, die in einem anderen Stil gehalten sind und die Handlung oder das Gesagte mit Vorboten und Nebenschauplätzen kommentieren. Oder es wird die Stimmung mit anderem artfremden abgerundet. Der Film findet seine Form in der Vielförmigkeit, die sowohl nerdiges Referenzsystem darstellt als auch Spielplatz eines Regisseurs, der spürbar bisher vor allem Musikvideos drehte und noch spürbarer eine ausgeprägte Liebe für Horrorfilme hat. HOUSE OF 1000 CORPSES strotzt vor Gore, Perversion, Obsessionen und makabren Witzen. Mehr noch ist er aber ein Werk der Liebe, das sich in exaltierter Geschmacklosigkeit und unbekümmerter Unfertigkeit verwirklicht, das einfach Spaß macht.

Donnerstag 07.01.

Nacht der Wölfe
(Rüdiger Nüchtern, BRD 1982) [DVD]

gut

Vor vielen Jahren, als ich mich noch deutlich mehr für Fußball interessierte, war ich mit einem Freund bei einer Begegnung des FC Carl Zeiss Jena mit der SG Wattenscheid 09 im Ernst Abbe Sportfeld. Nach diversen frustrierenden Spielen unseres Heimteams (dem FCC) und durch den Umstand das besagter Freund SG Fan war, gingen wir in den kaum gefüllten Gästeblock. Es war eine schöne Erfahrung, weil die Fans dort sehr witzig waren – dort hing beispielsweise ein Banner, mit dem sie stolz bekannt gaben, dass ihr Verein die Nummer 8 im Pott sei – aber auch eine faszinierende. Denn eigentlich wollten wir Wattenscheid unterstützen, aber jedes Mal, wenn Jena vors Tor kam, fieberten wir doch hör- und sichtbar mit. Es war vermaledeit. Der Lokalpatriotismus, die Konditionierung den FC Carl Zeiss Jena zu unterstützen oder was auch immer: Es war nicht so einfach abzustellen.
In NACHT DER WÖLFE, einem Film eines streng nach Gruppen – Rockern, Nazis, Türken, Popper – territorial eingeteilten Münchens, ist Daniela (Daniela Obermeir) verloren. Das Band mit ihren Eltern ist zerschnitten, ihre Gruppe, die Revengers, sind Halbstarke, die einbrechen, saufen, blöde Sprüche klopfen und nerven. Nicht nur weil Daniela Ziel sexueller Gewalt aus dieser Gruppe ist, fühlt sie sich bei den Treffen sichtlich fehl am Platz. Immer wieder blickt sie ins Leere. Und das Portrait der Revengers findet auch einfach keine Argumente dafür, Teil dieser Gruppe sein zu wollen.
Wenn sie sich mit einem türkisch-stämmigen Jungen anfreundet, könnte sich eine ROMEO-UND-JULIA-artige Liebesgeschichte entwickeln. Aber dem Film geht es viel mehr um die Verlorenheit. Nirgends lässt sich Zugehörigkeit finden. Und in diesem Ambiente geht sie doch immer wieder zu den Revengers zurück. Als ob sie es nicht abstellen kann. Als ob es nicht genügen Perspektiven gibt, um sich irgendwo anders hin zu bewegen. Die Unerträglichkeit der Männlichkeitsbehauptungen von Jungs, die ohne das nötige Charisma den harten Macker markieren, bekommt diese unmögliche Auflösung in der Gruppe einen geradezu nötigen Touch Melancholie.

Mittwoch 06.01.

Rooster Cogburn / Mit Dynamit und frommen Sprüchen
(Stuart Millar, USA 1975) [blu-ray, OmU]

ok +

Die Fortsetzung tauscht das Setting nur minimal. Aus einer jungen Frau, die Marshal Cogburn (John Wayne) das Leben schwer macht und seine Weltsicht herausfordert, während sie zusammen auf der Suche nach Rache durch die Welt gondeln, wird eben eine alte Frau (Katharine Hepburn). Was dem müden Western etwas gut tut, weil zwischen den beiden alten Herrschaften, die von ihren Schauspielern kaum mit ernst gespielt werden, viel mehr sexuelle Anzüglichkeiten möglich sind.

Dienstag 05.01.

True Grit / Der Marshal
(Henry Hathaway, USA 1969) [blu-ray, OmeU]

ok

Wenn Mattie Ross (Kim Darby) durch den saftigen Mischwald läuft, dann wird dies zuweilen von einer Musik untermalt, die aus einem harmonischen Abenteuerfilm mit einem kindlichen Hauptdarsteller kommen könnte und vom unbedarften Tapsen durch die weite Welt erzählt. TRUE GRIT handelt von Mattie, einer jungen, weltfremden Frau, die einen psychopathischen Marshall (John Wayne) anheuert, um sich am Mörder ihres Vaters zu rächen. Dieser ist ins Indianer Territorium untergetaucht. Wenn der Film also von dieser verträumten Musik zu den harten Tatsachen des Westens wechselt, wo gesoffen wird, rücksichtslos gemordet und das Leben im Allgemeinen eher unangenehm, dann fühlt es sich immer wieder an, als wolle TRUE GRIT seine Emanze vorführen, die nichts in dieser Welt zu suchen hat. Eine Welt, welche durch eine Klapperschlange symbolisiert werden wird. Am Herd solle sie doch bitte bleiben. Kurz darf sie sich hier ausleben, schließlich handelt es sich um einen komödiantischen Western – in dem Wayne seinen Charakter tatsächlich mit sehr viel Clownerie spielt, wobei die Komödie aber doch sehr mild ist, wie der Western sich etwas zu sehr an seinen unproduktiven Widerspruch aus harmonischen Naturaufnahmen und heruntergekommener Menschheit/Männlichkeit klammert – aber danach solle sie es doch bitte gelernt haben.

Sonntag 03.01.

Legend of the Lost / Die Stadt der Verlorenen
(Henry Hathaway, USA 1957) [blu-ray, OF]

großartig

Ein tugendhafter Wohltäter (Rossano Brazzi), eine Prostituierte (Sophia Loren), die durch diesen zum Licht gefunden hat und sich durch ihn als Frau respektiert fühlt, sowie ein Raubein (John Wayne), dessen Fassade in seiner Angst vor Frauen und Nähe begründet liegt, gehen in die Sahara, um einen Schatz zu suchen. In der kargen, menschenfeindlichen Landschaft unter brennender Sonne und strahlend blauem Himmel wird einerseits die fragile Moral der Tugendlichen angegangen – DER SCHATZ DER SIERRA MADRE ist noch nachgiebig zur menschlichen Natur, im Vergleich zu den Attacken gegen die Heuchelei der Rechtschaffenen hier –, andererseits müssen wir erleben, wie ein Zyniker weitestgehend Recht behalten wird, wenn er alle Ideale verteufelt. Trotzdem wird Letzterer aber graduell Alkohol und Brutalität gegen Liebe und Mitgefühl eintauschen. Und damit ist LEGEND OF THE LOST weniger der Film des Mannes, der sich verliert, noch der des Mannes, der sich findet. Im Zentrum steht die von Sophia Loren gespielte Dita, die sich in der Wüste und den Ruinen einer alten römischen Stadt zwischen zwei Männer befindet, die ungefähr so verlockend sind, wie der Tod durch Verdursten, der sie immer wieder bedroht. Wunderschön sieht dieser Film aus und ist meist ein süffisantes Vergnügen aus Anzüglichkeiten und fröhlicher Verkommenheit. Im Herzen ist er aber doch eine Meditation über die Tristesse dieser Welt … mit einem klein wenig Hoffnung.

군함도 / The Battleship Island
(Ryoo Seung-wan, ROK 2017) [blu-ray, OmU]

ok +

Teil der monumentalen Abschlussschlacht auf einer Gefängnisinsel ist THE ECSTASY OF GOLD. Die Koreaner, welche gegen Ende des zweiten Weltkriegs ihrem Sklavendasein unter japanischer Herrschaft entfliehen wollen, scheinen zu diesem Zeitpunkt dem ihnen drohenden Massaker entkommen zu können. Sie fangen sogar an zurückzuschlagen, als Ennio Morricones ikonisches Lied aufspielt. Ein glorreiches Ende scheint nur noch drei Minuten entfernt zu sein. Interessant wird der eigentlich uninspirierte Einsatz dieses alten, wunderbaren Hutes aber nur dadurch, dass das Lied einfach verpufft. Die Töne verklingen und es geht einfach weiter und weiter. Immer mehr geraten die fliehenden Koreaner doch ins Hintertreffen, immer mehr werden die Unbewaffneten, die nicht auf das rettende Schiff vor ihnen gelangen, vom unnachgiebigen Kugelhagel abgeschlachtet. Und THE BATTLESHIP ISLAND macht daraus propagandistische Anklage der japanischen Kriegsverbrechen wie einen energiegeladenen Actionfilm. Hätte THE ECSTASY OF GOLD beendet, wäre dies lediglich Teil des zunehmenden Totdudelns des Liedes, das inzwischen unzählige Konzerte eröffnete. So wird es zu einem Abgesang auf Hoffnung – der Atombombeneinschlag ins nahegelegene Nagasaki steht kurz bevor -, wenn sich die Implikationen dieser Hymne nicht verwirklichen.
Damit passt es sich zudem an die Unausgewogenheit des Films an. Neben besagtem Propaganda- und Actionfilm ist THE BATTLESHIP ISLAND zuweilen auch Groteske, bei der auch Emir Kusturica Regie geführt haben könnte, oder vor Pathos triefender Katastrophenfilm, der einer divergenten Figurensammlung durch den Feuersturm folgt. Wenn am Ende ein koreanisches Kind traurig in die Kamera schaut, während gerade die Atombombe niederging, dann könnte dies auch die einzige mögliche Form sein, um das Widersprüchliche darzustellen. Denn die Koreaner sollen nicht als Opfer erfahrbar sein und trotzdem die Opfer sowohl der Japaner als auch – es wird selten mitgedacht – der Atombombe zu sein.

Sonnabend 02.01.

Adieu au langage
(Jean-Luc Godard, F/CH 2014) [3D blu-ray, OmeU] 2

fantastisch

Zweimal wird es geschehen, dass die Kamera fürs linke Auge an ihrem Ort verweilt, während die Kamera fürs rechte Auge nach rechts abdreht und einer sich entfernenden Person folgt. Die beiden Augen des Zuschauers sehen also unterschiedliche Dinge. Es ist der Höhepunkt der assoziativen, verbalen und vor allem optischen Verhandlung darüber, dass zwei Leute das Gleiche vor Augen haben können und doch etwas ganz anderes sehen. Der Erkenntnisgewinn ist aber nicht das Entscheidende. Weniger die irgendwie sich doch andeutende Botschaft steht im Mittelpunkt, sondern die Dreistigkeit ihrer Präsentation. D.h. das Schöne des poetischen, perversen Spaßes, die Augen aus dem Kopf gedreht zu bekommen, weil Godard die 3D-Technik mit diebischer Freude an ihre Grenzen bringt, sowie die Schönheit der schäbigen bis hochdefinierten, farblich übersteuerten bis nüchternen, der sinnhaften und kubistischen Räume und sinnlichen Inhalte.

Tangled / Rapunzel – Neu verföhnt
(Byron Howard, Nathan Greno, USA 2010) [blu-ray] 2

nichtssagend

In 2D – Lotti Z.s Kopf (noch 4 Jahre) ist zu klein für die 3D-Brillen und ihr bringt die zusätzliche Dimension laut eigener Aussage nicht soviel, dass es sich lohnen würde, die Anstrengung auf sich zu nehmen, die Brille beständig oben zu halten – noch öder, als eh schon.

Circus World / Held der Arena
(Henry Hathaway, USA 1964) [blu-ray, OF]

großartig

Immer wieder wird die Arena für Wild-West-Show-Einlagen, Clowns, Hochseilakte und Löwen-Nummern frei gemacht. Schließlich gilt es den Titel zu verteidigen. Nebenher gibt es auch einen kurzen Ausflug zum Katastrophenfilm, wenn ein Dampfer kentert und Zirkusutensil, Tiere und Menschen im Hafen ins Wasser fallen, wo sie um die Rettung ihrer körperlichen und materiellen Existenz kämpfen, sowie um ihre Freunde. Kurz: Dass es um Attraktionen geht, wird nie in Zweifel gezogen werden.
Im Zentrum steht ein Melodrama, in dem Leute von einem Moment in der Vergangenheit verfolgt werden. Matt Masters (John Wayne) reist durch die Welt, um die Leere seines Trapezes im Zelt/Herzens in der Brust zu füllen und meckert durchaus eloquent alle Leute auf eine gewisse Distanz zu sich. Toni Alfredo (Claudia Cardinale) versucht den einen Teil ihrer Vergangenheit zu schwärzen, wie sie das Bild ihrer Mutter aus allen Fotos unkenntlich machte, während sie dem anderen durch ihren Vater symbolisierten Teil nachstrebt. Diese Entzweiung führt zu fahrigen Momenten, die ihr Leben (in der Manege) wiederholt gefährdet. Und Lili Alfredo (Rita Hayworth) pendelt zwischen Kloster und Bordelle, um per Selbstgeißlung zur Ruhe zu finden.
Doch auch wenn wir immer wieder bewusste und unbewusste Selbstzerstörung vorgeführt bekommen, sowie Leute, die wie besessen ins Nichts schauen, weil dort die Geister zu lauern scheinen, welche an ihnen nagen, auch wenn hier große Feuer ausbrechen und Alkohol einen zu zermürben droht, CIRCUS WORLD wird seine düsteren Nuancen eben nur Nuancen sein lassen. Die Lust an der Qual ist nur eine von vielen Lüsten. Claudia Cardinales Lächeln will uns verzaubern und Henry Hathaway hat immer wieder schöne Einfälle, um mit Unschuldsmine den Schmier Bahn brechen zu lassen – ein Blick in Claudia Cardinales Dekolleté und die einem Verehrer ins Gesicht geschriebene Erkenntnis der jungen Frau als sexuelles Wesen wird durchaus auffällig in eine lange gehaltene Einstellung gesetzt und ausgekostet, als würde hier nicht irgendwelche Anstandscodes verletzt. Ein Film, der etwas bieten möchte und sich wie ein Krake ohne Anstrengung überall bedient.

Freitag 01.01.

龍門飛甲 / Flying Swords of Dragon Gate
(Tsui Hark, CHN 2011) [3D blu-ray, OmU] 2

fantastisch

Vor ein paar Jahren hat sich mein Vater einen 3D-Fernseher gekauft. Ich empfand es als Geldverschwendung, weil die 3D-Filme, die ich bis dahin im Kino gesehen hatte, nicht wirklich erklärten, warum sie diese Technik benötigten. Sie enthielten die gleichen Bilder, die sie auch in 2D enthalten hätten. Weil sie weiterhin auf eine Leinwand malten und keinen Raum ausstatteten. Einzelne Momente in einzelnen Filmen waren schon sehr schön, aber dafür einen Fernseher kaufen? Ich war nicht überzeugt.
Zumindest hatte ich so die Möglichkeit zwei Filme zu sehen, die ich gerne in 3D gesehen hätte, die es aber nirgends in meiner Nähe in die Kinos schafften. Ich kaufte mir die blu-rays von ADIEU AU LANGAGE und FLYING SWORDS AT DRAGON GATE INN … und es war ein Fest. Als der Fernseher meines Vaters kürzlich den Geist aufgab, da stellte er fest, dass es er sich gar keinen Ersatz mehr anschaffen konnte. Sie waren einfach vom Markt verschwunden. Bei der Recherche, um ihn zu helfen, stellte ich aber fest, dass es noch 3D-Projektoren gab. Vor die Wahl gestellt entweder meine inzwischen nicht mehr so angespannte finanzielle Situation wieder ein wenig anzuspannen oder nie wieder die Filme von Tsui Hark in 3D zu sehen, entschied ich mich für zweiteres … und war nun in den Augen meines Vaters ein Geldverschwender. Nach dieser Sichtung hat es sich aber schon gelohnt, finde ich.

The Desert Fox: The Story of Rommel / Rommel, der Wüstenfuchs
(Henry Hathaway, USA 1951) [blu-ray, OF]

nichtssagend

Selbst Hollywood greift es auf: Deutschland sei das erste Land gewesen, dass von den Nazis besetzt war. Nach einem etwas hölzernen Actionauftakt, der zumindest das Versprechen des Titels halten möchte, folgt aus heiterem Himmel die noch hölzerne Geschichte einer Desillusion. Rommel (James Mason) muss in den letzten Monaten seines Lebens trotz ehrbarer – oder gerade wegen dieser – Soldatenseele die Befehlsverweigerung und sogar die Rebellion gegen die Obrigkeit in Betracht ziehen. Von Wüstenkrieg fehlt jede Spur. Dafür sehen wir einen Mann im Kampf mit seinem Gewissen. Sein Genie wird immer wieder betont, wenn er aber langsam begreift, dass er einem Wahnsinnigen dient, dann steht oder liegt James Mason wie ein tumber Tor herum und ist ganz verwundert, dass zwei und zwei vier ergeben soll. Höchstens sein Körper zieht schon die Schlüsse, vor denen sich der Geist noch sträubt. Mit blutender Nase kommt er quasi in einem Film, der ihn immer wieder ins Krankenhaus bringt, weil der Körper unter dem Wahnsinn kollabiert, den er von Hitler und seiner Gang vorgesetzt bekommt. Aber die Zerstörung von Idealen verfolgen wir nur oberflächlich. THE DESERT FOX ist, auch wenn es zuweilen so aussieht, kein Seelendrama, sondern das Portrait von rechtschaffenen Menschen, die von den überall belauscht werden – wobei aber auch nicht die paranoiden Potentiale aufgegriffen werden. Umständlich und didaktisch wird gezeigt, wie die Deutschen erwachen, endlich die Chance gegen ihren Unterdrücker wahrnehmen und sich doch irgendwie den Marshallplan verdienen.

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