STB Robert 2021 II

„Walking alone in the desert is wonderful. It’s like walking on the face of a clock that’s stopped.” (Legend of the Lost)


Wertung: Ich kann nichts mit Zahlen zur Bewertung anfangen. Deshalb gibt es hier ein prosaisches System. Eine Skala ist mit der Qual verbunden, Filme in eine lineare Ordnung zu quetschen. Deshalb hat die Wertung zumindest eine Y-Struktur für freieres Atmen. Die Einstufungen radioaktiv und verstrahlt reflektieren, dass ein Film in seiner eigenwilligen Qualität es einem nicht einfach macht, ihn einfach zu genießen. Wertungen in Klammern verweisen auf das ein oder andere Nickerchen beim Schauen.

Legende: Ist im Grunde selbsterklärend. Wenn hinter der eckigen Klammer eine Zahl steht, dann gibt sie die Anzahl der Sichtungen wieder. Je höher die Zahl, desto mehr ist sie geschätzt. Da ich mit Fernsehen und Kino aufgewachsen bin, wo nur gekennzeichnet wird, wenn ein Film nicht in deutscher Sprache läuft, tue ich das schändlicherweise auch. (OmU=Originalfassung mit Untertiteln, OmeU=Originalfassung mit englischen Untertiteln, OF=Originalfassung, EF= englischsynchronisierte Fassung, OZmeU=Originalzwischentitel mit englischen Untertitel) Hinzu kommen die Zeichen ł, wenn der Film gekürzt war, und ≠, wenn ich mitbekommen haben sollte, dass das Format nicht hinhaute. Ein kleines K hinter einem Titel bezeichnet einen Kurzfilm (bis 20 Minuten), während ein kleines M einen mittellangen Film (21 bis 60 Minuten) kennzeichnet.


Vorangegangene Sehtagebücher:
2012/II | 2013/I | 2013/II | 2014/I | 2014/II | 2015/I | 2015/II | 2016/I | 2016/II | 2017/I | 2017/II | 2018/I | 2018/II | 2019/I | 2019/II | 2020/I | 2020/II | 2021/I

Juli
Mittwoch 21.07.

Blue Velvet
(David Lynch, USA 1986) [35mm, OF, ł]

fantastisch

Dienstag 20.07.

江戸川乱歩全集 恐怖奇形人間 / Horrors of Malformed Men
(Ishii Teruo, J 1969) [DVD, OmU]

gut +

Montag 19.07.

怪談昇り竜 / Blind Woman’s Curse
(Ishii Teruo, J 1970) [DVD, OmU]

großartig

Sonntag 18.07.

秋天的童話 / An Autumn’s Tale
(Mabel Cheung, HK 1987) [blu-ray, OmeU] 2

fantastisch

Einer der zentralen Filme über den heruntergekommenen Chic des Prä- Giuliani New Yorks kommt aus Hongkong und ist eine melancholische Komödie über die Ungleichzeitigkeit der Liebe, die weniger eine Geschichte erzählt als Momente ansammelt, die irgendwann über den Gefühlen der Protagonisten zusammenstürzen.

Sonnabend 17.07.

The Emperor’s New Groove / Ein Königreich für ein Lama
(Mark Dindal, USA 2000) [DVD]

gut +

Seit Wochen versuchte ich Lotti Z. (5 Jahre) zu diesem Film zu überreden. Ich machte ihn dann einfach an und schaute ihn. Kaum lief er, saß sie auch neben mir. Als der Abspann lief, griff sie zur Hülle, schaute darauf und sagte, dass wir den auch mal mit ihrer Mama schauen könnten.

The Incredible Hulk / Der unglaubliche Hulk
(Louis Leterrier, USA 2008) [blu-ray, OF] 2

uff

Verzichtshumor – wenn Bruce Banner (Edward Norton, der den ganzen Film im Dackelblick-Ich-armer-Tropf-Modus verbringt) beispielsweise mit Betty Ross (Liv Tyler) immer intensiver pettet, aber darauf hinweist, dass zu viel Aufregung (Sex) ihn verwandeln würde – ist eines der wenigen Metiers, auf die sich dieser HULK versteht.

Donnerstag 15.07.

The Fate of the Furious / Fast & Furious 8
(F. Gary Gray, USA 2017) [DVD, OF] 2

ok

Ich glaube wirklich, dass eine andere Frisur für Charlize Theron und etwas weniger Hackerkämpfe, in denen die Kontrahenten nur sagen, wie gut ihr Gegenüber ist, mich mit diesem Film aussöhnen könnten. Wo bleibt der digital-enhanced-Cut?

F9 / Fast & Furious 9
(Justin Lin, USA 2021) [DCP, OF]

ok +

Eins der im Text bei critic.de nicht erwähnten Versäumnisse des Films ist, dass die F9-Taste keine Rolle spielt. Dafür ist verlässlichen Quellen des Internets zu entnehmen, dass der nächste Teil FAST10 YOUR SEATBELTS heißen wird.

Mittwoch 14.07.

Judas and the Black Messiah
(Shaka King, USA 2021) [DCP, OmU]

gut

JUDAS AND THE BLACK MESSIAH – oder: der charismatische Fred Hampton (Daniel Kaluuya) und sein nichtssagender Gegenpart (Lakeith Stanfield). Oder noch anders: Auf der einen Seite ein völlig legitimer Kampf gegen einen rassistischen, faschistischen Staatsapparat, für den der Film kein Gegenargument bietet – die Schießereien der Black Panther mit der Polizei sind die eines Rebellionsactionepos –, während die Gegenseite nur weniger asketisch eingerichtete Lebenswelten bietet, bessere Kleider, bessere Restaurants. Dem Informant Billy O’Neal (Stanfield), der die Panther fürs COINTELPRO aushorcht, bekommt kaum eine Legitimation oder auch nur Erklärung für sein Tun.
In meiner Jugend habe ich ALL POWER TO THE PEOPLE: THE BLACK PANTHER PARTY AND BEYOND gesehen. Ich weiß nicht, wie bewusst dies war, aber in dieser Doku kamen die Folgen von COINTELPRO sehr gut heraus. Aus einer einfachen, klaren, einstimmigen Erzählung wird mit der Zeit ein paranoider Wust aus sich widersprechenden Ahnungen, Vermutungen und Hörensagen. Das FBI schaffte nicht nur mit Mord und Gefängnisstrafen einzuschüchtern und zu demotivieren, sondern machte indirekt auch eine Zusammenarbeit unmöglich, da jeder ein Verräter sein konnte.
Und JUDAS AND THE BLACK MESSIAH scheint es u.a. darum zu gehen, wie wenig vonnöten ist, um diesen gerechten Kampf zu sabotieren. O’Neal wird sicherlich eine Haft angedroht, wenn er Hampton nicht ausspioniert. Wenn er aber erklärt, dass sein zuständiger FBI-Agent Roy Mitchell (Jesse Plemons) – auch vom Film als netter Mann gezeichnet, der eben Angst vor der Radikalität der Black Panther hat und der zu den niederträchtigen, jeder Rechtsstaatlichkeit widersprechenden Maßnahmen des FBIs durch die selben Verhörmethoden von J. Edgar Hoover (Martin Sheen) persönlich eingeschüchtert werden muss wie O’Neal – dass dieser Agent also sein Vorbild sei, weil er sich was leisten kann, ein beschauliches Heim hat und etwas für die USA tut, dann erscheint es wie eine faule Ausrede. Eine Ausflucht, mit der er sich einredet, dass sein Handeln nicht völlig verkommen ist. Es sind eben nur etwas Drohungen hier und eine bürgerliche Einrichtung da, die einer Masse von Gerechtigkeit und Charisma entgegenstehen. Und deshalb ist JUDAS AND THE BLACK MESSIAH in seinen besten Momenten ziemlich bitter.

Montag 12.07.

Justice League The Snyder Cut
(Zack Snyder, USA 2017/2021) [blu-ray, OF]

gut

Es ist kaum zu glauben, aber kaum ist der Bösewicht nicht nur ein ab und zu vorbeischauendes Irgendwas, schon ist das alles gleich viel Interessanter. Was die beiden Filme zu einem Beweisstück dafür macht, dass wenn ein Filmemacher seinen Film darauf anlegt, ein großes, umfassendes Bild seiner Geschichte zu zeigen, dann machen Kürzungen den Film zwar kürzer, aber der ganze Aufbau passt dann nicht mehr zusammen. Hach, was wären die Filme von von Stroheim toll gewesen.
Schön: Aquaman ist nun nicht mehr die Lachnummer des Films. … Trotzdem finde ich nicht wirklich den Zugang zu Snyders Superhelden.

Bad Luck Banging or Loony Porn
(Radu Jude, ROM/L/CZ/CR 2021) [DCP, OmU]

ok

Zuerst ein fiktiver selbstgemachter Porno, der fast in seiner ganzen Pracht ausgehalten wird. Eine Lehrerin hat darin Sex mit ihrem Ehemann. Irgendwie ist dieser ins Internet gelangt und nun eine große Sache an der Schule. Der erste Teil des Films zeigt Lehrerin Emi Cilibiu (Katia Pascariu) beim Laufen durch die Stadt. Sobald sie aus dem Bild gelaufen ist, schwenkt die Kamera und zeigt Plakate, Häuserfronten und anders geartetes Stadtleben. Kurz: wir bekommen Schlaglichter darauf, in welcher Gesellschaft Emi lebt. In welcher Gesellschaft ihr Film entstand und in welcher er skandalisiert wird.
Der zweite Teil zeigt eine großzügige lexikalische Ansammlung von Begriffen, die dieses Gesellschaftsbild als bunte Montage vertieft. Meist ist es etwas mit Nazis oder Sex. Beide Teile operieren in einem Gestus der Freiheit – erst ist es der impressionistische Stil mit sehr wenig Dialogen und Handlung, dann eben eine Sammlung von mehr oder weniger wahllosen Dingen. Doch stets ist der Unterton präsent. Anzügliche Werbung, ignorierte Coronamaßnahmen und blank liegende Nerven im Straßenbild; Niedertracht, Perversion und eine heuchlerische Religion im Lexikon. Die scheinbar freien Diskussionsangebote drängen penetrant in eine Richtung.
Der dritte Teil, der den außerordentlichen Elternabend zeigt, in dem Emi mehr oder weniger vor einem Tribunal sitzt, spielt dann erstmals mit offenen Karten. BAD LUCK BANGING ist eine Groteske. Die Frage nach der Möglichkeit von Zusammenleben wird nicht diskutiert, sondern in einer trolligen Form in Frage gestellt. Sprich alle reden durcheinander, die Wertesysteme und Diskussionskulturen sind höchst divergent und überhaupt ist alles nur ein Karneval in der moderne, wissenschaftliche Selbstverständlichkeit auf eine antimoderne, religiöse, faschistische Selbstverständlichkeit trifft. Und irgendwie fühlt sich der Film eben nie frei an, weil seine Groteske nur auf die zweite der beiden zielt. Der dritte Teil ist der beste, aber auch nur das Äquivalent von ein paar Minuten Fox & Friends zu einem Streitthema, mit der zu Zirkusmusik gestellten Frage, ob das aushaltbar ist.

Sonntag 11.07.

Godzilla vs. Kong
(Adam Wingard, USA 2021) [3D-DCP]

nichtssagend

Alles was Kongs Kampf mit Godzilla betrifft – vor allem der Punkt, dass ein weinendes Kind die beiden (bzw. Kong) zur Besinnung kommen lässt, woraufhin sich beide aufhören wie Arschlöcher zu benehmen – ist hervorragend. Aber es sind zu viele Menschen, zu wenig, was mit ihnen angefangen wird, – weiterhin an Monarch als SHIELD-Ersatz festzuhalten ist eine sich nie rentierende Last – und der Besuch in der Welt unter der Erde bleibt leider nur ein kurzer Ausflug, so schön, dass es wehtut, dass mit ihm nichts angefangen wird. Was mich aber am meisten störte, war, dass die unwichtigste der vielen unwichtigen menschlichen Figuren, die aber trotzdem sklavisch durch den Film gezerrt und wie eine Hauptfigur behandelt wurde, dass diese mir jedes Mal einen kleinen Schock versetzt, wenn nach längerer Zeit wieder zu ihr geschnitten wurde, da Alexander Skarsgård in diesem Fall immer kurz nach Christian Lindner aussah.

Sonnabend 10.07.

Army of the Dead
(Zack Snyder, USA 2021) [stream, OmeU]

großartig

Ich war auf vieles gefasst, aber nicht auf ARMY OF THE DEAD MODERN DANCERS. Die Zombies rennen nicht nur, sie lassen keine Gelegenheit aus, um zum beherzten Sprung über Dinge anzusetzen, als gäbe es eine Rolle in Cats zu gewinnen. Superb.

Blank Generation
(Ulli Lommel, USA 1980) [DVD, OF]

gut +

Billy (Richard Hell) ist Sänger und Bassist. Sein Agent möchte ihn groß rausbringen, er empfindet es aber schon als Käfig, wenn die Zuschauer irgendwann von ihm erwarten, dass er die Konzerte seiner Band abbricht, weil er sich in seiner Rolle gefangen sieht. Nada (Carole Bouquet), seine Geliebte, macht in durchgedrehten Szenen, wenn sie ihn beispielsweise aus seiner eigenen Wohnung wirft, wiederholt mit ihm Schluss. Und in einem Nebenplot versucht Hoffritz (Ulli Lommel) ein Interview mit Andy Warhol zu bekommen. Szene auf Szene folgt, Bild auf Bild gafft antriebslos: BLANK GENERATION kreist um die Orientierungslosigkeit von Gestrandeten, ohne dabei etwas anzustreben oder zu verdichten, außer selbst ebenso Gestrandet zu sein. Ulli Lommel scheint sich halt als Teil der Blank Generation zu verstehen. Auch sein zweiter Warhol-Film zeigt ihn nicht als Beobachter von Jugendlichkeit, sondern als Teilhaber.

Freitag 09.07.

座頭市果し状 / Zatoichi and the Fugitives
(Yasuda Kimiyoshi, J 1968) [blu-ray, OmeU]

großartig

Dieses Mal wird weniger darüber meditiert, wie das Gute in einer niederträchtigen Welt bestehen kann, sondern wie in der allgemeinen Verbitterung bestanden wird. Selbst der Ausbund der Tugend (Takashi Shimura) wird sich dabei als verbiesterter Miesepeter offenbaren. Und deshalb geht es um doppelte Gangsterfronten, sinnlose Gewalt, Sadismus und abgetrennte Glieder.

Iron Man
(Jon Favreau, USA 2008) [blu-ray, OmeU] 3

uff

Als Sabrina Z. und ich vor wenigen Tagen FAR FROM HOME schauten, verstand sie nicht, was mit dem Blip gemeint war. Sie hatte die letzten MCU-Filme nicht mehr gesehen. Weshalb sie meinte, dass sie die gern mal nachholen wollte. …und ich trage den mir kaum erklärlichen Gedanken mit mir rum, die ganzen Phasen bis zum ENDGAME mal halbwegs hintereinanderweg zu schauen. Weshalb wir das jetzt wohl machen.
Was mich bisher davon abhielt, war das Bore-Fest IRON MAN. Er hat mich ganz so genervt, wie die ersten beiden Male. Aber ich kann wirklich kaum Interesse dafür entwickeln, was darin geschieht und zu sehen ist. Diese Stufe ist nun aber genommen…

Donnerstag 08.07.

The Lion King II: Simba’s Pride / Der König der Löwen 2: Simbas Königreich
(Darrell Rooney, USA/AUS 1998) [DVD]

ok

Ein Film, der von Doppelungen und Spiegelungen besessen ist … und davon diese Spiegelbilder zu irritieren … um zu erzählen, dass niemand in die Fussstapfen von jemanden treten muss … um selbst aus den Fussstapfen von THE LION KING herauszukommen … indem er sich an THE LION KING abarbeitet.

Mittwoch 07.07.

Kronika wypadków milosnych / Chronik von Liebesunfällen
(Andrzej Wajda, PL 1986) [35mm, OmeU]

gut

Es beginnt mit einer Zugfahrt, die Witek (Piotr Wawrzyńczak) vom Internat für den Sommer nach Hause bringt. Der Film erzählt die Geschichte dieses Sommers und stellt mit der Reise zu Beginn den Übergang in ein seltsames Reich dar. So wird Witek beim Blick in ein Abteil eines Gespenstes gewahr, das den Film über immer wieder auftauchen und verschwinden wird, dass mit seinen Erinnerungen ringt und in seinen kryptischen Sätzen von einer bitteren Zukunft kündet. Es handelt sich wohl um Witeks älteres Ich, das sich an seine erste Liebe erinnert. Es könnte sich bei diesem Gespenst aus der Zukunft durchaus um den Träger der Erinnerungen an den Sommer handeln, so entrückt das Geschehen ist, so sehr die Sonne fast durchgängig strahlt und einen verklärenden Blick auf die Jugend präsentiert. Die Bilder und der Verlauf sind aber zu klar für den um Erinnerung Kämpfenden, der da immer wieder durchs Bild läuft.
Innerhalb dieses retrospektiven Sommers wandelt Wittek zwischen zwei Orten. Direkt neben seinem Elternhaus befindet sich das Anwesen einer deutschen/deutschstämmigen Familie. Es sind alte Freunde, die nach ihm verlangen. Dort trifft er auf Medikamentenmissbrauch, Selbstverleugnung/-hass, Todessehnsucht, kurz: den süßlichen Charme des sich überlebt Habenden, eine Party zum eigenen Verfall in Zeitlupe. Er trifft aber auch die Tochter eines Arztes (Paulina Mlynarska), die halb weggeschlossen lebt, die einer besseren Klasse als Wittek angehört, die von einem Hund beschützt wird. Sie verlieben sich, müssen aber auch erst in den Umständen und mit ihrem Stolz zurechtkommen. Es sind Momente von jugendlicher Dummheit und Überschwänglichkeit, von Unsicherheit und Nervenkitzel. Auch hier entsteht Todessehnsucht, aber eher um die Liebe zu verewigen, als das Bestehende hinter sich zu bringen. Und beide irreale Reiche (die Reiche von moralischem Verfall und Glückseligkeit, von Ekel/Verankerung und Frische/Neugier) haben dabei ihre ganz eigene Form von Erotik.
CHRONIK VON LIEBESUNFÄLLEN könnte ein sehr schöner Jugenderinnerungsfilm sein, der feststeckt und nur langsam vorankommt – ein Sumpf lässt Wittek nicht los, während die gleisende Zukunft immer wieder verbaut ist. Nur ist es der Sommer von 1939 und der Krieg bzw. die Invasion von Polen kündigen sich auch immer wieder an. Soldaten laufen und reiten durchs Bild. Ein Kriegsausbruch wird angesprochen und nicht ernst genommen. Jüdische Leute dürfen immer wieder ernst in die Kamera schauen und werden traurig in ihrer noch bestehenden Welt betrachtet. Als Symbol für den unwiederbringlichen Verlust der Liebe, der Unschuld und eines bestimmten Polens sind diese zeitliche Setzung und gerade die Bilder der jüdischen Bevölkerung etwas zynisch, weil ein unfassbares Leid für ein durchaus fassbares instrumentalisiert wird. Und als Marker der Schrecken des Holocaust sind diese touristischen Bilder – seht, all dies wird zerstört werden – dann doch etwas sehr selbstgefällig.

Dienstag 06.07.

Luca
(Enrico Casarosa, USA 2021) [stream, OF]

großartig

Da es das Schicksal so wollte, folgte, nachdem der Cannes-Zug durchs Dorf getrieben wurde, ein Text zu LUCA bei critic.de.

Sonntag 04.07.

Us Again / Noch einmal wir k
(Zach Parrish, USA 2021) [DCP]

gut

Tanzen als Ausdruck von Lebenslust. Im Gegensatz zur Animation von RAYA AND THE LAST DRAGON, bei dem Gesichter zuweilen aussehen, als können die Figuren nach einer Botoxbehandlung ihre Gesichtszüge nicht ändern, als würden sich alle Regungen hinter einer gestraften Haut vollziehen, sind es hier nicht nur die Tanzbewegungen, sondern auch die Gesichter, welche den Film tragen.

Raya and the Last Dragon / Raya und der letzte Drache
(Don Hall, Carlos López Estrada, USA 2021) [DCP]

ok +

Eine Suppe, die erst schmeckt, wenn sie Zutaten aus allen fünf Ländern der Welt von RAYA enthält, ist ein zentrales Symbol. Ein Symbol für das zwingend notwendige Überkommen von Zwietracht und nationalen Vorurteilen, da diese Welt sonst dem (ökologischen) Untergang geweiht ist. Der Abspann offenbart dann auch beim zentralen Stab und Cast einen sehr bunten Strauß aus Namen unterschiedlichster Herkunft. Ein wenig wird darin deutlich, dass bei der Produktion von RAYA AND THE LAST DRAGON sehr viel Wert darauf gelegt wurde, sich keine Kultur anzueignen und die propagierte Einigung der Nationen auch vorzuleben. Mitunter scheint es aber auch, dass sich mehr für den guten Willen interessiert wurde, als dafür tatsächlich eine divergente, aufregende Welt zu kreieren. Denn bei allen Stärken vergisst der Film sein Grundkonzept mit Leben zu füllen und aus seinen fünf Nationen mehr als beiläufige Klischees zu machen, die der Film schnell mal aufsucht und schnell wieder für viel herkömmlich Nett- und Süßigkeiten aus den Augen verliert.

Derrick (Folge 245) Ein Mord, zweiter Teil
(Alfred Weidenmann, D 1995) [DVD]

ok +

Reinecker benutzt mal wieder ein wiederkehrendes Thema: Ein Ex-Ehemann zieht, nachdem er seine Haftstrafe wegen Todschlags am Liebhaber seiner Frau abgesessen hat, bei seiner nun ehemaligen Frau und ihrem neuen Mann ein. Es ist ein Aufeinandertreffen der Gesichter, in dem Wolf Roths liebreizende Dreistigkeit Edwin Noels zaghafte Hoffnung, dass ja doch alles ganz nett gemeint sein könnte, terrorisiert. Es ist eine einfache, effektive Folge, die Reinecker mit einem Diskurs aufbauscht: Gibt es den vollkommenen Verbrecher? Die Antwort der Folge fällt gnädig aus, die Frage allein presst aber die sehr schöne, im Herzen ziemlich romantische Suche nach der Motivation der rothschen Figur in ein moralisches Schema und entkräftet sie etwas.

Sonnabend 03.07.

火燒紅蓮寺 / Burning Paradise
(Ringo Lam, HK 1994) [blu-ray, OmeU]

großartig

Ringo Lams TEMPEL DES TODES steht solitär in seinem Werk. Nicht nur, weil es den Gangsterfilmer Lam in einen Wuxia verschlägt, sondern auch, da diese Produktion von Tsui Hark von anzüglichen Kalauern durchzogen ist. Während die Kamera also immer wieder den häretischen Wahnsinn eines buddhistischen Sex- und Menschenopfertempels durchs Feuer aufnimmt, geht es auch wiederholt um Handabdrücke in Schritten und die möglichen Missetäter. Eine schöne Mischung.

Spider-Man: Far from Home
(Jon Watts, USA 2019) [3D-blu-ray, OmeU]

nichtssagend

Peter Parker wird als Nachfolger Tony Starks aufgebaut. Für das MCU ist es wahrscheinlich wichtig, mich interessiert es nicht so wirklich. Spiderman kämpft zudem gegen die Fake-News und eine Medientechnik, die wahr und falsch ununterscheidbar macht. Dies führt zu einer schönen (surrealen) Sequenz. Ansonsten sind die Dinge auf wenig aufregende Weise nicht das, was sie zu sein scheinen, und wir bekommen Schattenboxen der Illusionen, passenderweise als betriebsame Zeitverschwendung inszeniert, Kämpfe gegen Dronenprojektoren und den eigenen Vater-( bzw. hier: Onkel-)Komplex – der holterdiepolter überwunden sein wird. Und schließlich ist FAR FROM HOME der Film einer Klassenfahrt, der von Jugend und Liebe handelt. Venedig, Prag und London werden darin zu beliebigen Handlungsorten, die bestenfalls kurz als Klischees ihrer selbst durch‘s Dorf getrieben werden. (Zumindest wird nicht LONDON CALLING angespielt.) Hier ist der Film aber tatsächlich witzig und sympathisch … weshalb die Superhelden/-schurken umso mehr nerven, weil sie immer wieder das Eigentliche der Erzählung unterbrechen.
*****
Ich war hundemüde. Aber etwas können diese MCU-Filme wirklich. Es passiert viel und das, was geschieht, bedarf keiner näheren Verarbeitung. Bei so ziemlich jedem anderen Film wäre ich an diesem Abend eingeschlafen. Hier nicht. (Nur war ich gegenüber der Erfahrung FAR FROM HOME vll. etwas verdrießlicher, als wenn ich munterer gewesen wäre.)

Freitag 02.07.

Nobody
(Ilya Naishuller, USA 2021) [DCP]

ok +

Ich hätte gern diesen Film gesehen, in dem ein sachlich denkender Familienvater durch die fanatische Gewaltbereitschaft seiner Umwelt in den Wahnsinn getrieben wird. Oder dieses JOHN WICK ALLEIN ZU HAUS-Film, der NOBODY zu seinen besten Momenten ist. Wenn Bob Odenkirk und/oder Christopher Lloyd sich diebisch darüber freuen, dass Kugeln an ihren Ohren vorbeisausen und dass ihnen die Möglichkeit gegeben wird, Arschlöcher zusammenzuschlagen und selbst zusammengeschlagen zu werden. Wenn Gangster in einen präparierten Baumarkt gelockt werden. Aber bitte ohne die ständigen Zeitlupenmusikvideoaction-inszenierungen, die als stilistisches Mittel schon nach dem ersten Einsatz ausgelutscht ist … oder das eben nicht so effektiv wie das Lächeln von Odenkirk repsektive Lloyd ist. Zusammen ist es aber eine etwas zu selbstverliebt inszenierte Glorifizierung männlicher Ermächtigung, wenn Odenkirk als entmännlichter Mann endlich wieder das machen kann, zudem er qua Geschlecht berufen ist: Prügeln und Prollschlitten fahren.
*****
Ich hoffe übrigens sehnlichst, dass das Kino hier bald wieder Vorstellungen mit Originalton anbietet. Wenn Odenkirk stöhnt, außer Atem war oder sonst welche gutturalen Laute äußerte, dann war seine wunderbare Stimme zu erahnen … nur um in den Dialogen wieder ins nichtssagende abzugleiten. Es war für mich teilweise kaum auszuhalten.

Donnerstag 01.07.

Monster Hunter
(Paul W.S. Anderson, D/CA/J 2020) [3D-DCP]

großartig +

Ich habe mich so sehr auf den Film gefreut und mich so gerne von ihm mitreißen lassen, dass ich nun auch den neuen Stil wertschätzen kann, wie ich bei critic.de drüben versuche zu erklären.