Zitat der Woche

100 Deutsche Lieblingsfilme #1 : Auch Zwerge haben klein angefangen (1969)

Auch Zwerge haben klein angefangen

Hatte Herzog für seinen ersten Spielfilm noch den deutschen Filmpreis erhalten, fand sein zweiter nicht mal einen Verleih und er musste die Distribution selbst übernehmen. Die Aufführungen bescherten ihm dann nächtliche Anrufe und Morddrohungen von rechten wie linken Fanatikern. Herzog selbst hält den in einer afrikanischen Gefängniszelle unter den unmenschlichsten Bedingungen ersonnenen Film heute noch für einen seiner besten Filme, den, der vielleicht länger die Zeiten überdauern wird als jedes andere seiner Werke.

Eine Erziehungsanstalt im Aufruhr: alle Insassen, Mitarbeiter und die Leitung sind kleinwüchsig. Die Insassen proben die Revolution und produzieren dabei doch nur Chaos. Das ist die ganze Handlung. Doch der Film ist unendlich viel mehr.

Das erste Missverständnis, dass viele dem Film entgegen bringen ist, dass es ein Film über Zwerge sei. Die Kleinwüchsigen sind ebenso wie alle scheinbaren Randgruppen bei Herzog niemand anderes als wir selbst: Menschen. Nur zeigt sich bei ihnen, genau wie bei den Taubblinden in Herzogs Doku „Land des Schweigens und der Dunkelheit“ einfach das Menschsein ganz besonders deutlich: die Menschen, wir alle, sind blind und taub zugleich und wir sind Zwerge: die Welt ist zu groß für uns. Wir sind auch die, die auf einem lächerlichen Floß sitzen und immer tiefer in eine grüne Urwaldhölle fahren, im Glauben, hinter der nächsten Flussbiegung schon müsse endlich El Dorado liegen.

Doch Herzog lässt den Menschen mit Würde scheitern, ja gerade im Misslingen seiner absurden und unerreichbaren Projekte wird der Mensch erst souverän. Befreit vom Zweck ihres Strebens erfahren Herzogs Helden schließlich die erhebende Größe des bloßen Daseins: die Welt muss nicht mehr transzendiert werden, sie ist bereits transzendent. In der Wüste Welt gibt es keine rettende Oase, nur Fata Morganas, aber diese sind die Rettung. Die ganze Wüste wird – nun traumbelebt – Oase. Eine Oase, in der man nicht lange überlebt, gewiss. Sysiphos’ herabrollenden Stein kann man nicht essen, aber er macht frei. Oder verrückt. Das war schon das Schicksal Nietzsches.

Herzog bezeichnet „Auch Zwerge haben klein angefangen“ nicht zu unrecht als sein düsterstes Werk, denn hier teilen all die Zwerge zuletzt das gleiche Los. Sie verfallen dem Wahnsinn. Ein abgestorbener Baum erscheint einem als „der Präsident“. Ein Kamel, das sich nicht entscheiden kann aufzustehen oder sitzen zu bleiben, wird meckernd und endlos ausgelacht. Eine Sau wird geschlachtet, ein Affe gekreuzigt.

Und doch schwebt auch über Momenten dieses heillosen Films ein emphatisches Ja, ertönt ein hymnischer Gesang, den Herzog bei der Prozession einer afrikanischen Sekte aufgenommen hat, die in „Fata Morgana“ zu sehen ist. In „Auch Zwerge..“ hat der Hymnus jedoch jeden Bezug auf ein Jenseits verloren. Er feiert die Lavawüste in ihrer toten Pracht. Und in ihr die Autos, die im Kreis fahren, bis der Tank leer ist. In einem endlosen Abgrund gibt es keinen Aufprall und so ist es das Gleiche ob man fällt oder steigt. Die Zwerge haben Sysiphos’ Lehre noch nicht begriffen, doch der Zuschauer erfährt sie wie einen Schauder. Oder auch nicht.


Auch Zwerge haben klein angefangen – BRD 1969 – 96 Minuten – Regie, Produktion und Drehbuch: Werner Herzog – Kamera: Thomas Mauch – Schnitt: Beate Mainka-Jellinghaus – Musik: Florian Fricke – Darsteller: Helmut Döring, Pepi Hermine, Paul Glauer, Gisela Hertwig, Gerd Gickel, Brigitte Saar, Marianne Saar

Hinweis: Die Nummerierung der Filme folgt lediglich der Reihenfolge der Einträge. Die Gesamtauswahl von 100 Filmen ist nicht redaktionell abgestimmt, sondern eine im Laufe der Veröffentlichung zufällig entstehende Zusammenstellung, die sich aus den Einzelbeiträgen und persönlichen Vorlieben der Teilnehmer ergibt.

Neues zu My son, my son, what have ye done? (Lynch/Herzog)

Auch wenn ich angefangen habe mich ein wenig von Herzog zu entfremden, so freue ich mich nach seinem soliden, oscarnominierten ENCOUNTERS AT THE END OF THE WORLD (auf den man in Deutschland als Kino- oder wenigstens DVD-Start immer noch vergeblich wartet), schon sehr auf seine Neuverfilmung, bzw. Fortsetzung von Abel Ferraras BAD LIEUTENANT, der nicht nur seinen ersten Zusammenprall mit Hollywood markiert (RESCUE DAWN als Quasi-Remake seines eigenen Werkes, noch dazu im Dschungel gedreht, zählt irgendwie nicht so richtig), sondern auf den ich vor allem wegen des Aufeinandertreffens von Herzog und dem Handlungsort New Orleans sehr gespannt bin. Wer immer noch Zweifel daran hegt, ob eine Quasi-Fortsetzung von Ferraras Meisterwerk Sinn macht, der sollte sich vielleicht einmal Herzogs gewohnt coole Reaktion auf den Ferrara-Diss, der der Crew der Neuverfilmung den Tod an den Hals wünschte, durchlesen.

Und Herzog befindet sich schon wieder inmitten der Dreharbeiten zu einem neuen Projekt mit dem Namen MY SON, MY SON, WHAT HAVE YE DONE?, einem Low-Budget-Horrorfilm, der sich um einen Mann dreht, der inspiriert von einem Sophoklesdrama seine eigene Mutter mit einem Schwert köpfte. Angekündigt wurde das Projekt auf dem letztjährigen Filmfestival in Cannes von Herzog und dem Produzenten des Films – keinem geringeren als David Lynch persönlich.

Screen Daily und Fangoria berichten nun über den Cast des Films, der sehr spannend aussieht: Michael Shannon, Willem Dafoe, Chloe Sevigny, Grace Zabriskie und Udo Kier sind mit dabei.

Und als ob das alles nicht schon aufregend genug wäre kehrte Herzog für die Dreharbeiten zu MY SON auch noch zum legendären Urubamba-Fluss zurück, wo er schon AGUIRRE und FITZCARRALDO drehte, wie er in einem Interview mit dem BFI verriet. Gefilmt werden soll übrigens ähnlich wie bei INLAND EMPIRE komplett in DV. Wenn man es so nennen will also nach NOSFERATU Herzogs zweiter Ausflug ins Horrorgenre und es spricht einiges dafür, dass MY SON, MY SON, WHAT HAVE YE DONE ähnlich außergewöhnlich geraten wird.