STB Robert 2019 I

„I’ve been around so long, I knew Doris Day before she was a virgin.” (Oscar Levant)


Wertung: Ich kann nichts mit Zahlen zur Bewertung anfangen. Deshalb gibt es hier ein System der euphorischen Aufnahme des Films. In Zahlen übersetzt wäre es wohl ungefähr: fantastisch 10 – 9 / großartig 9 – 8 / gut 7 – 6 / ok 6 – 4 / mir zur Sichtung nichts sagend 4 – 3 / uff 2 – 1 / ätzend 1 – 0. Diese Skala ist mit der Qual verbunden, Filme in eine lineare Skala zu quetschen. Deshalb hat die Wertung eine Y-Struktur für freieres Atmen. So kann ein Film eine Wertung der Verstörung erhalten: radioaktiv 10 – 9 / verstrahlt 9 – 7. Wertungen in Klammern verweisen auf das ein oder andere Nickerchen beim Schauen.

Legende: Ist im Grunde selbst erklärend. Wenn hinter der eckigen Klammer eine Zahl steht, dann gibt sie die Anzahl der Sichtungen wieder. Je höher die Zahl, desto mehr ist sie geschätzt. Da ich mit Fernsehen und Kino aufgewachsen bin, wo nur gekennzeichnet wird, wenn ein Film nicht in deutscher Sprache läuft, tue ich das schändlicherweise auch. (OmU=Originalfassung mit Untertiteln, OmeU=Originalfassung mit englischen Untertiteln, OF=Originalfassung, EF= englischsynchronisierte Fassung, OZmeU=Originalzwischentitel mit englischen Untertitel) Hinzu kommen die Zeichen ł, wenn der Film gekürzt war, und ≠, wenn ich mitbekommen haben sollte, dass das Format nicht hinhaute. Ein kleines K hinter einem Titel bezeichnet einen Kurzfilm (bis 25 Minuten), während ein kleines M einen mittellangen Film (26 bis 65 Minuten) kennzeichnet.


Vorangegangene Sehtagebücher:
2012/II | 2013/I | 2013/II | 2014/I | 2014/II | 2015/I | 2015/II | 2016/I | 2016/II | 2017/I | 2017/II | 2018/I | 2018/II

Februar
Mittwoch 13.02.

The Favourite / The Favourite – Intrigen und Irrsinn
(Yorgos Lanthimos, USA/IRE/UK 2018) [DCP, OmU]

großartig

Dienstag 12.02.

The H8ful Eight
(Quentin Tarantino, USA 2015) [blu-ray, OmU] 2

großartig +

Montag 11.02.

Derrick (Folge 170) Eine Art Mord
(Günter Gräwert, BRD 1988) [DVD]

großartig

Sonntag 10.02.

Gangsters ’70 / Gangster sterben zweimal
(Mino Guerrini, I 1968) [stream]

gut

Die Schnittfassung der deutschen Kinoveröffentlichung (beurteilt nach den Lücken im deutschen Ton) versteckt (unbewusst?), dass GANGSTERS ’70 von abgehalfterten Männern erzählt, die es ihren Frauen nochmal beweisen wollen, denn besagte Frauen wurden teilweise fast kategorisch herausgeschnitten.

Derrick (Folge 168) Mord inklusive
(Helmuth Ashley, BRD 1988) [DVD]

ok +

Damit Harry mal wieder eine Frauengeschichte haben kann – er verführt eine mögliche Zeugin, um an Informationen zu gelangen, indem er ihren Wagen lahmlegt, ihr dann hilft und sie mit seiner sexy Sade-Kassette durch die Stadt kutschiert, er hat natürlich durchschlagenden Erfolg, während wir weiterhin nur Harry Klein sehen, der nie wie ein Casanova herüberkommt – wird alles andere lieblos an die Seite gedrängt. Christoph Waltz spielt eine Rolle, die erst von dramatischer Wichtigkeit erscheint, am Ende aber nur ein, zwei Sätze gesagt haben wird und die völlig verloren wurde.

Derrick (Folge 169) Die Mordsache Druse
(Alfred Weidenmann, BRD 1988) [DVD]

ok +

Alfred Weidenmann findet kaum Interessantes in der Geschichte, weshalb er sich auf die Inszenierung von Fronten von Autos an wichtigen Stellen ergeht: der Mord passiert, während die Kamera an einem verregneten Kotflügel vorbei pant, der Drogenkingpin wird durch eine Unteransicht des Kühlergrills seiner monumentalen Karosse eingeführt.

Sonnabend 09.02.

Ching se / Green Snake
(Tsui Hark, HK 1993) [DVD, OmeU] 2

fantastisch

GREEN SNAKE beginnt mit einer Gegenüberstellung. Erst sehen wir einen Mönch (Zhao Wenzhuo), der durch Askese und Kultivierung übernatürliche Mächte bekommen hat, wie er Leute beim massenhaften Treten auf einen am Boden liegenden Einzelnen zuschaut. Ein dahingemurmelter Kommentar lässt eine tiefe Abscheu gegenüber der sich so gerierenden Menschheit erahnen. Durch seine religiöse Praxis möchte er seine Zugehörigkeit zu dieser Rasse tilgen. Er wird auf zwei Schlangen (Joey Wang & Maggie Cheung) treffen, die seit Jahrhunderten trainieren Menschen zu sein. Sie wagen quasi den Abstieg um Gefühle zu haben, um das Menschsein zu erleben. Da wo der Mönch hinmöchte, finden sie es anscheinend langweilig.
Der verbindende Moment zwischen den beiden ist der Sex. Während er in rituellem, repetitiven Bewegungen versucht die Fleischeslust aus sich auszutreiben, sind die Bilder von GREEN SNAKE im Allgemeinen und die von den Handlungen von White wie Green Snake im Speziellen von Wasser und Sinnlichkeit bestimmt. Immer wieder gibt es Nebel, Wasserfluten, sich im Wasser rekelnde Körper, Weichzeichner und grelle, sinnliche Farben. GREEN SNAKE ist ein Film von Tsui Hark, deswegen geht ihm das Besinnliche bzw. eine genießende Ruhe durchaus ab, aber trotzdem sieht das Ergebnis sehr oft nach einem Softsexfilm aus. Aber weil es sich eben um einen Film von Tsui Hark handelt, gibt es in dieser Hinsicht keine Zurückhaltung. GREEN SNAKE ist ein vor Lust triefender Film.
Größtenteils wird das Geschehen bei den Schlangen bleiben und sie bei ihren Versuchen, sich in der Menschenwelt zurechtzufinden, begleiten – ergo sehen wir eine ins fantastische gedrehte Coming-of-Age-Klamotte –, aber irgendwann wird der Unterschied der beiden Bewegungen und ihrer Anliegen zu einem Konflikt führen, der die Religion ins Protofaschistische schieben wird. Mönche und ihre krampfhaften Kämpfe gegen die Lust – es sind die absurdesten Momente des Films, wenn der eigenen Erektion Widerstand geleistet wird: Kämpfe gegen die personifizierten, affenartigen Dämonen der eigenen Lust oder das Herumklöppeln mit riesigen Schlägern, um mit diesen masturbationsartigen Bewegungen sich von der Fleischeslust abzulenken –, sie sind Ausdruck eines fanatischen Kampfes gegen die Weltlichkeit, der in einem Vernichtungskrieg endet, dem sich die Schlangen mit Leidenschaft und provokativer Narretei nicht entziehen wollen.
GREEN SNAKE leistet sich keine Distanz zu seiner Welt. Er geht völlig in den Albernheiten, in der Liebe, im Absurden, im Sinnlichen auf. Eine Lobpreisung der kleinen Späße ist er, all dieser scheinbaren Kleinlichkeit und Kleinigkeiten des Menschseins. Und so voller Spaß ist er, dass er sein mutmaßliches Anliegen – Genieße das Leben, solange du kannst, und vergrabe dich nicht in eitle Kämpfe zum Höheren –, welches aus seiner Form spricht und nicht verbal an einen herangetragen wird, dass er dieses also in ein Finale münden lässt, wo hemmungslos mit symbolischen Motiven, dramatischen Gefühlen und phantastischen Wasserfluten herumgeworfen wird. GREEN SNAKE geht so in sich auf, dass er tatsächlich in einem riesigen Orgasmus endet.

Bai she chuan shuo / Die Legende der weissen Schlange
(Ching Siu-Tung, CHN/HK 2011) [blu-ray, OmU]

nichtssagend

Grenzte die Aufarbeitung der Legende der Weißen Schlange bei Tsui Hark noch an einen Fantasysoftporno, der seine gewichtigen Themen ans Absurde grenzen ließ, da ist DIE LEGENDE DER WEISSEN SCHLANGE 2011 zum Kinderfilm geworden. Selbst süße, kleine CGI-Tiere dürfen in diesem aufgeräumten Film entscheidend mitspielen, der nur in den schönen Farben an seinen unweit tolleren Vorgänger erinnert. Vll. hätte ich aber auch GREEN SNAKE nicht wenige Stunden zuvor sehen sollen.

Freitag 08.02.

The Scarlet Empress / Die scharlachrote Kaiserin
(Josef von Sternberg, USA 1934) [DVD, OmeU] 2

fantastisch +

Passend zum Älterwerden ein spezieller Coming-of-Age-Film, der aus Marlene Dietrichs Katharina, die die erste Stunde nur die Augen aufreißt, durch einen perversen, alptraumhaft entworfenen Ort eine Marlene Dietrich-Figur macht.

Donnerstag 07.02.

Charlie Chan at the Wax Museum / Charlie Chan im Wachsfigurenkabinett
(Lynn Shores, USA 1940) [DVD, OF]

großartig

Ein Film, der schon durch sein Setting gewonnen hat. Eine Handvoll Leute befinden sich nachts in einem Wachsfigurenkabinett, dass auf Verbrecher spezialisiert ist. Ein funktionierender elektrischer Stuhl steht herum, Giftpfeile werden geschossen und Leute mit Rachegedanken, geheimen Identitäten oder unwahrscheinlichen Gesichtsverbänden befinden sich zwischen den Figuren, die im Zwielicht nicht nur die Orientierung erschweren, wie viele Lebende sich in den suchbildartigen Einstellungen befinden, sondern auch die anwesenden Detektive und Verbrecher doppeln.

Mittwoch 06.02.

The Spy Who Dumped Me / Bad Spies
(Susanna Fogel, USA/CA 2018) [blu-ray]

gut

Diesen Film, der sich nicht recht entscheiden kann, ob er eine Komödie mit Actionanteilen oder ein Actionfilm mit zeitweisem Witz sein möchte – weshalb beide Hauptmerkmale bei aller Qualität den letzten Schritt ins Rampenlicht fehlen lassen –, habe ich aus familiären Gründen synchronisiert geschaut. Und THE SPY WHO DUMPED ME synchronisiert geschaut haben, ist, als ob er ohne Kate McKinnon gesehen wurde. Bzw. dass er so gesehen wurde, dass ihre Figur so unlustig und durchaus auch nervig wirkt, wie sie von diversen Leuten im Film wahrgenommen wird.

Dienstag 05.02.

Charlie Chan’s Murder Cruise / Charlie Chan auf Kreuzfahrt
(Eugene Forde, USA 1940) [DVD, OF]

gut +

Wie bei jedem guten Whodunit sind die Geschehnisse und der Mord nur Vorwände, um eine Komödie unwahrscheinlicher Figuren mit Nebel, Frauen mit überproportionierte Augenbinden und anderen Alptraummotiven zu verbinden.

Sonntag 03.02.

Okja
(Bong Joon-Ho, ROK/USA 2017) [stream, OmeU]

großartig

Perfide ist OKJA, wenn wir es so nennen wollen. Manipulativ führt der tearjerkende, aber meist in einem leichten Ton vorgetragene Roadmoviethriller, in dem ein koreanisches Mädchen sein Riesenschwein vor der Schlachtbank am anderen Ende der Welt retten möchte, in ein Konzentrationslager für ebensolche Schweine. Schweine, deren Handlungen ihnen (emotionale) Intelligenz attestieren und deren Haltung und Abschlachtung dann schlussendlich wie maschineller, bestialischer Massenmord an Freunden aussieht. Der Verzicht auf industriell erzeugte Fleischprodukte soll einem offensichtlich nahegelegt werden. Aber OKJA ist auch ein zutiefst pessimistischer Film. Es ist eine grelle Satire, wo das Management eines globalen Konzerns, deren Handlanger sowie deren Gegner bestenfalls Witzfiguren sind. Das Leben innerhalb unserer Gesellschaften muss durch sie wie ein grausamer Witz erscheinen. Keinen Platz gibt es, wo wir nicht Täter sind oder Idealisten, deren Versuche, möglichst schadlos für andere zu leben, hanebüchen sind. Aber zumindest in OKJA ist der Witz es ein guter. Tilda Swinton als Zwillingsschwester (einmal geldgieriges Monster, einmal einfältige (Selbst-)Blenderin, die an halbwegs ökologische Wollmilchsauen glaubt, mit denen industrielle Produktion und ökologische Menschen- bzw. Lebewesenfreundlichkeit verbindbar sind), Jake Gyllenhaal als alle Ideale verraten habender trauriger Fernsehclown und Paul Dano als in seinen Idealen (fast) aufgehender Tierrechtler, die Darsteller legen eine sensationelle Show hin. Jeder findet seine eigene Art von Lächerlichkeit – wobei Gyllenhaals hemmungslose Selbstvertrashung allen die Show stiehlt –, bis wir nur noch im Wald neben Okja, Mija (Ahn Seo-hyun) und ihrem Opa sitzen wollen und uns auch schon wieder irgendwie – leider – lächerlich machen oder zumindest übersehen, wie auch dieser Ort durch die Geschehnisse des Films traumatisiert wurde.

The Week Of
(Robert Smigel, USA 2018) [stream, OmeU]

fantastisch

Zwei Männer sitzen bei einem Gedenkgottesdienst nebeneinander. Der Eine hat ein Pflaster auf der Nase, wie es Ende der 90er im Fußball so beliebt war. Auf Nachfrage des Anderen sagt er, dass es der Schnarchverhinderung dienen soll. Es folgen weitere Aufnahmen aus den Reihen der Anwesenden, während die Andacht vorbeifliegt. Die Schlafenden und surrealerweise auch die Pflaster nehmen mit jedem Schnitt zu, was sich zu einer fröhlich dahinschlurfenden Miniatur menschlicher Kleinlichkeit verwebt. THE WEEK OF ist auf diese Weise zutiefst humanistisch. Die Unmengen von Familienmitgliedern, die hier in ein kleines, teilweise asbestverseuchtes Haus gesteckt werden, um auf eine Hochzeit zu warten, sie bekommen alle ihren Platz in der Geschichte, wie in den Bildern. Ihren Platz bekommen sie bzw. nehmen sie sich mittels ihrer Fehler, eigenwilligen Eigenheiten und anderem Nervigen, weshalb fast die gesamte Laufzeit von THE WEEK OF wehtut. Ihren Handlungen zuzusehen ist zutiefst schmerzhaft. Nur sind sie deshalb nicht weniger liebenswert. Denn: Nicht nur nutzt der Film sie, um die beständig anwachsende Spannung und die immer eskalierenderen eskalierenden Situationen zu rhythmisieren und dies alles überhaupt erst für unsere schmerzhafte Unterhaltung, die nur mit Lachen zu ertragen ist, heraufzubeschwören, sie, diese lachhaften Eigenschaften, sind es auch, die die Leute zu Menschen macht. Zu mehr oder weniger kleinlichen, engstirnigen und vor allem egoistischen Personen, die weit weg von jeglicher Perfektion sind, aber genau deshalb sind sie liebenswert und deshalb kann ein Film wie THE WEEK OF, bei aller brutalen Fremdscham, uns wieder in ein gesundes Verhältnis zu uns selbst setzen. Oder anders: THE WEEK OF lieben, ist sich selbst (etwas mehr) lieben.

Sonnabend 02.02.

Lady in the Water / Das Mädchen aus dem Wasser
(M. Night Shyamalan, USA 2006) [blu-ray, OmeU] 2

großartig +

Im Mai 2006 war ich mit einem Freund im Kino. Wir schauten uns ASTERIX UND DIE WIKINGER an und wollten unseren Augen nicht glauben. Konsterniert unterhielten wir uns danach und Alex P. (ein anderer als der Eskalierende Träumer) meinte, dass wir eigentlich allen erzählen müssten, wie unglaublich toll der Film war … als kleiner, fieser Witz und damit wir dieses Erlebnis nicht alleine durchgemacht hätten.
Wochen später erwähnte eben dieser Alex P., dass er DAS MÄDCHEN AUS DEM WASSER im Kino gesehen hatte und es der beste Film sei, den er je gesehen habe. Ich hatte damals die meisten der großen Hits Shyamalans gesehen und sie schrecklich gefunden, weshalb mir schnell der damals gefasste Plan in den Sinn kam. Darauf angesprochen stritt er unlautere Hintergedanken ab und blieb dabei, dass Shyamalans neuer Film ein Meisterwerk sei. Als ich den Film dann im Fernsehen sah, fühlte ich mich in meinem Misstrauen bestätigt. Das war der größte Mist, den ich je gesehen hatte, so meinte ich. Jetzt habe ich ihn wiedergesehen und ich bin mir immer noch nicht sicher, ob Alex P. damals die Wahrheit gesprochen hatte. Die dargebotene Meinung kann ich aber nachvollziehen.
Ein besserwisserischer Filmkritiker wird genüsslich und höchst ironisch in einen kalten Tod geschickt, während Shymalan den Messias der Menschheit, einen Autor, der durch sein Werk Gedanken und Bewegungen anstoßen wird, gleich selbst spielt: Das Selbstverliebte bzw. der Kampf mit den eigenen Niederlagen ist in DAS MÄDCHEN AUS DEM WASSER äußerst persönlich und manchmal ziemlich selbstverliebt. Und dann ist da noch diese offen zur Schau getragenen Metaebene, wo die Struktur von Geschichten zur Struktur des Lebens erklärt wird – anhand der Legende der Wassermenschen und des erzählerischen Handwerks versucht Hausmeister Cleveland Heep (Paul Giamatti) zu entschlüsseln, wie er einem Mädchen aus dem Wasser gegen einen Hund, der wie Gras aussehen kann und sich im Rasen versteckt, helfen kann und damit die Welt retten. Bunt und comichaft ist diese Welt, wo in Cornflakespackungen die Botschaft Gottes bzw. des Schicksals gelesen werden kann, wenn wir die richtigen Augen haben, oder wo Sinn sich ziemlich abenteuerlich und ohne Schamempfinden ergibt. Aber das macht den dunklen Kern, die Suche nach Selbsterkenntnis, die Suche danach mit einem Trauma leben zu können und es bestenfalls zu verarbeiten, nicht weniger emotional und das Märchen nicht weniger gruselig.

The Ward
(John Carpenter, USA 2010) [DVD, OmU]

gut

THE WARD ist lange Zeit ein Highschoolfilm. Es geht um eine Neue an der Schule, Cliquen, Mobbing und die Suche nach Freundschaft in einem protofaschistischen System. Die Lehrer lehren, versuchen im Gespräch Lernentwicklungen zu verifizieren oder schnallen ihre Schüler auf Pritschen und verpassen ihnen Elektroschocks. Auf fünf weibliche Insassen, einen Wärter, eine Krankenschwester und einen Arzt verknappt THE WARD sein Personal in seiner titelgebenden Anstalt und doch lässt sich eine ganze Lehranstalt aus den 50er Jahren in dieser Reduktion ausmachen. Und genau in den darin assoziativ entstehenden Parallelen hat THE WARD seine Stärke. Wenn die rigide durchgesetzte Herrschaft des Aufsichtspersonals, die Stimmung zwischen den fünf jungen Frauen in Gewalt kippen lässt. Wenn die bösen Erinnerungen über Geschehenes nur Insassen, aber nie die Obigen einholt. Je mehr aber das Personal schwindet und THE WARD bald sein Diese-Psychatrie-ist-ein-Kommentar-über-Erziehungsmethoden-in-Schulen-Ambiente verliert und auf einen psychologischen Twist hinausläuft, desto eindimensionaler wird es.

Gangsters ’70 / Gangster sterben zweimal
(Mino Guerrini, I 1968) [stream]

(gut +)

Unruhig sind die Bilder. Voller Spielereien, welche anscheinend die Aufmerksamkeit von den Bildinhalten wegzuziehen gedenken. Wie Rouge legt sich diese Exzentrik über das Geschehen von GANGSTERS ’70. Joseph Cotten ist dabei so stark geschminkt, dass er wie Donald Sutherlands Casanova an käufliche Liebe und einen Verfallen denken lässt, der süßlich in der Nase wahrzunehmen ist. Jung möchte dieser Film wirken, aber er hat etwas Uraltes.

Januar
Donnerstag 31.01.

Mai-chan no nichijô / Mai-Chan’s Daily Life: The Movie
(Satô Sade, J 2014) [DVD, OmU]

ok

Solange menschliche Körper und andere Formen von Fleisch nicht zer- bzw. aufgeschnitten, zerhackt oder sonst wie verwundet und dann penetriert werden, ist MAI-CHAN’S DAILY LIFE fürchterlich. Hölzern und unansehnlich werden die Figuren an die Orte manövriert, an denen der torture porn herrscht. Im Vorhof des Schmerzes benehmen sich alle wie Witzfiguren. Dem Unterhöschen- und Hausmädchenuniformfetisch wird vor allem lieblos nachgegangen. Seinen (ich denke mal, selbst gewählten) Vornamen trägt der Herr Satô deshalb wohl nicht zu Unrecht. Zu sich kommt sein Film jedenfalls erst, wenn all dies überwunden ist. Wenn in der in den Film führenden Szene recht unangenehm eine Axt in einen Rücken geschlagen wird, während ein Zuschauer sein Steak sehr englisch isst, oder wenn das genüsslich zelebrierte Finale die Folterleidenschaft zur Liebe erklärt und Arme aufgeschlitzte Oberkörper fistfucken. Küsse werden hier zu Bissen. Erratisch wechselt hier die Farbe und die über den Bildern liegenden Filter und Verzerrungen. Sinn wie Sinnlichkeit herrscht nur in seinem Schlachtfest. Als Ganzes ist das dann etwas unbefriedigend, aber Lust den Manga zu lesen, habe ich nun schon.

Mittwoch 30.01.

Derrick (Folge 167) Das Ende einer Illusion
(Günter Gräwert, BRD 1988) [DVD]

großartig

Fast jede Einstellung ist ein Trunstwerk. Die Cadrage der heruntergekommenen Leute in heruntergekommenen Wohnungen, sie spricht vom Ende aller Lebenslust. Als zwischenzeitlich Vorhänge hochgezogen werden und Sonne in die Wohnungen fällt, überrascht es, dass die Leute nicht zu Staub zerfallen.

Dienstag 29.01.

Derrick (Folge 166) Die Stimme
(Helmuth Ashley, BRD 1988) [DVD]

großartig

Die Schönheit von DIE STIMME liegt lange Zeit in ihrer Dezenz. Eine marginal zu erahnende Todessehnsucht hier, Blicke ins Leere oder Gänge hinunter dort. Missgunst und Idiotensein als Teil der Menschlichen Komödie. Am Ende kippt diese Zurückhaltung aber vollends, wenn die Ermittlungen erst in eine Kneipe führen, wo das Licht sich in der dicken Luft verfängt und an den Wänden eine Dekoration hängt, die erst auf den zweiten Blick sich nicht als Spinnenweben aus einem Vampirschloss offenbaren, und dann an einen von Zeit und Realität verlassenen Ort, wo aus riesigen milchigen Augen eine monumentale Romantik läuft. DERRICK war zuletzt vermehrt wieder seltsam, auf dieses Ende war ich aber kein bisschen gefasst.

Gli Italiani si voltano / Die Italiener drehen sich um k
(Alberto Lattuada, I 1953) [DVD, OmU] 3

fantastisch

Damit Sabrina Z., die während des Kongresses die Kinder hütete, wenigstens einen kleinen Eindruck der Freuden erhielt, habe ich ihr eines der Highlights gezeigt, nämlich von Maultrommeln und Blicken gejagte Frauen, die nur mal vor die Tür gehen wollen. Allein für die Reaktionen, die sekundenschnell zwischen Entsetzen und Lachen wechselten, hat es sich gelohnt.

Sonntag 27.01.

The Foxes of Harrow / Eine Welt zu Füßen
(John M. Stahl, USA 1947) [DVD, OF]

fantastisch

Die Frau rennt weg und der Mann verfolgt sie: So wie es sein sollte, so oder so ähnlich sagt es Stephen Fox (Rex Harrison), als er ein Paar gerade gekaufter Sklaven sieht, welches seine eigene Beziehung zu Lilli D’Arceneaux (Maureen O’Hara) spiegelt. Sie war zu stolz um vom Wagen zu ihrem neuen Besitzer (Fox) hinabzusteigen. Der Mann darf sie heiraten, wenn er sie einfangen kann.
THE FOXES OF HARROW fühlt sich zuweilen wie ein später Nachklapp zum Erfolg von VOM WINDE VERWEHT an. Ein zum Stolz Erzogener unehelicher Sohn eines irischen Adelsgeschlechts und Falschspieler im Mississippi-Delta (immer noch Fox) kommt nach New Orleans und träumt davon sein eigenes Geschlecht aufzubauen. Bzw. er beginnt davon zu träumen, als er Lilli und ihren Stolz kennenlernt. Einerseits wird er Erfolg haben, andererseits wird das Temperament und die unterschiedlichen Einstellungen der beiden zu den Niederungen des Menschseins THE FOXES OF HARROW zu einem schmierigen Melodrama machen, bei dem der größte Spaß darin besteht, die Stolzen gekränkt zu sehen und wo der größte emotionale Tumult daher rührt, dass keiner der beiden über seinen Schatten springen kann und sie sich gegenseitig quälen – eine eingetretene Tür steht hier ziemlich offensichtlich für eine Vergewaltigung – und wo gerade er, der schon auf den meisten Filmplakaten mit Peitsche in der Hand abgebildet ist, alles ins Sadistische treibt, wo Liebe und Hass eine rauschhafte Allianz eingehen.
In seinem Vergnügen und in seinen Stürmen, die stets auch meteorologisch über das Paar ziehen, liegt THE FOXES OF HARROW durchaus in der Nähe zum Klischee. Besonders wird er aber, wie er seinen Südstaatenadel ins Verhältnis zu den Afrikanern auf den Plantagen setzt. Mit Voodoozeremonie wollen die Leibeigenen ihren Besitzern eine gute Ehe oder ein gesundes Kind verschaffen. Beide Male wird die Zeremonie rüde unterbrochen und die Insignien des Glaubens zerstört. Die Ehe hat keinen Bestand, das Kind wird humpeln. Die Ignoranz gegenüber dem Anderen scheint das Unglück zu triggern.
Dazu gibt es, wie gesagt, ein Paar, dass die Foxes spiegelt. Gleichzeitig gebären die beiden stolzen Frauen ein Kind. Als Fox den Sohn der Versklavten zum Hausdiener seines Kindes machen möchte, entwickelt sich ein emotionaler Hurrikan, wie er in THE FOXES OF HARROW mit zunehmender Laufzeit immer eigentümlicher wird. Denn die Mutter will es nicht zulassen. Ein Prinz sei ihr Kind, ein Krieger, der Seinesgleichen von ihrem Joch befreien wird. Und doch sehen wir ihn später, nach ihrem verzweifelten Freitod in einem reißenden Strom, das Spielzeug seines kleinen Herren die Treppe hinauftragen. An den Rändern ist dieser Film vll. noch herzzerreißender, als in seinem Zentrum.
Am Ende werden die Foxes fast alles verloren haben, aber ebenso fast alles niedergekämpft. Am Ende werden sie wieder vereint sein, aber das Ende, wenn der Sturm sich verzieht und die Sonne herauskommt, dann haben sie alles unterdrückt. Die Menschen um sich und die eigenen Gefühle. Sie haben nur noch sich und ihren Namen.

Le petit lieutenant / Eine fatale Entscheidung
(Xavier Beauvois, F 2005) [DVD, OmU]

gut

An den Wänden des Polizeireviers, in dem dieser Polizeiermittlungsfilm spielt, hängen unzählige Filmplakate – ES WAR EINMAL AMERIKA – DER SOLDAT JAMES RYAN – SIEBEN – RESEVOIR DOGS – oder einfach Bilder von Alain Delon, Jean Gabin und Lino Ventura, die Pistolen in die Kamera halten. Die Fiktion der Polizei- und Gangsterwelt, welche die Cowboys der Kripo antreibt, sie befindet sich als Deko überall. Demgegenüber steht ihre tatsächliche Arbeit. Überwachen, Akten wälzen und lange Wege zu nur mittelbar nützlichen Informationen gehen.
Zwei Russen rauben Leute an der Seine aus und schmeißen sie zusammengeschlagen in den Fluss. Ihnen sind die Polizisten auf der Spur. Der Fall ist aber nur der Hintergrund zu einer anderen Geschichte, wie die Plakate nur den Hintergrund zur Realität bilden. Ein Leutnant, Antoine Derouère (Jalil Lespert) fängt nach der Polizeischule neu an. Wie er abends mit seiner geladenen Dienstwaffe spielt, wie er übereifrig allem nachjagt, was er aus den Filmen zu kennen scheint, ist nur unschwer zu erwarten, dass er LE PETIT LIEUTENANT die Spitzen dieser Filme, also Verfolgungsjagden und zumindest kurzen Schießereien, bringen wird. Seine Vorgesetzte (Nathalie Baye) ist seit 2 Jahren trockene Alkoholikerin. Sie hatte ihren Sohn, der nun so alt wie Antoine wäre, mit 7 Jahren an eine Lungenentzündung verloren. Sie wird zu Antoines Ziehmutter und wird durch den von ihm verursachten Tumult mit ihrer Sucht kämpfen müssen.
Aus tristen Impressionen einer grauen Zeit besteht LE PETIT LIEUTENANT größtenteils. Aber dann wird er durch seine beiden Hauptfiguren genau dorthin geführt werden, was in ihren Figuren schon von Anfang an eingeschrieben steht. Das Freie wird zu Gunsten des Schematischen langsam an den Rand gedrängt. Und das ist schade.

Sonnabend 26.01.

Dead End / Sackgasse
(William Wyler, USA 1937) [DVD, OF]

großartig

Widersprüche werden am Ende einer Sackgasse in unmittelbare Nähe gebracht und dann wird gewartet bis die Funken schlagen. Ein Nobelhochhaus, wo auf dem Sonnendeck ständig getanzt wird, steht direkt neben den Bruchbuden der Armen – mit Filmbeginn werden wir informiert, dass die Ufer des East River ausschließlich das Gebiet der Slums war, bis die Reichen die malerische Aussicht auf den Fluss entdeckten, worauf ihre Häuser immer näher rückten. Das Innenleben des schicken Hauses wird nur durch die offene Hintertür zu erahnen sein, eines der anderen Häuser wird mittels schräger, schwindelerregender Einstellung durch das Treppenhaus und durch den Blick einer wohlhabenden Frau, die in es ging, das dunkle, heißte Aussehen einer Vorhölle bekommen. Die Kleinkriminalität einer Jugendbande steht zwischen der ehrbaren Armut von Dave (Joel McCrea) und dem heruntergekommenen Glanz von Stargangster Baby Face Martin (Humphrey Bogart). Die Hoffnung auf eine Flucht aus der reellen Sackgasse steht neben Martins Ankommen in einer seelischen, selbstzerstörerischen – das Potential einer Zukunft neben einer Vergangenheit, der alles beraubt wurde. Die Ahnung eines langen Lebens in Qual steht neben der eines kurzen in Saus und Braus. Viel hat DEAD END zu bieten, gerade in den Zeichnungen seiner Charaktere – ihre Wünsche, Verbitterungen und Möglichkeiten werden in zwischen ihnen mäandernden Ereignissen gezeichnet –, aber sie fallen immer wieder auf das starre, durchaus pädagogische Konzept zurück. Denn DEAD END ist auch ein Durchhaltefilm für die Depression.

The Fate of the Furious / Fast & Furious 8
(F. Gary Gray, USA 2017) [DVD]

ok

Es gibt einige schöne Actionszenen, aber jede Menge schreckliche Versuche einen interessanten Gegenspieler (Charlize Theron, im ziemlich an den Haaren herbeigezogenen Dreadlock-Edelhackerlook um einen Überhacker zu spielen, der von einem einfachen, analogen Ding wie einem geparkten Auto aller Souveränität beraubt werden kann) aufzubauen, der aber doch nur die Wendung bringen soll, Dominic Toretto (Vin Diesel) gegen seine Familie aufzubringen. Mit anderen Worten: Hier und da ganz spaßig, aber die wahrscheinliche Rückkehr von Justin Lin auf den Regiestuhl erfreut irgendwie mehr.

Freitag 25.01.

Das Gasthaus zur teuflischen Lust
(Tony Zarindast, Heinz Gerhard Schier, IRN/BRD 197?) [35mm]

(verstrahlt +)

Ein Film, nicht eine Realität dokumentierend, sondern um eine völlig neue zu erschaffen. DAS GASTHAUS ZUR TEUFLISCHEN LUST entspricht anderen Filmen des Mercator Filmverleihs wie DER PERSER UND DIE SCHWEDIN. Ein iranischer Thriller, der das Kino des Samuel Khachikian spürbar in sich trägt, wurde durch von Heinz Gerhard Schier (DIE VERGNÜGUNGSSPALTE, ein ähnliches Exemplar) nachgedrehte Szene zu etwas völlig Neuem gemacht. Zu etwas, dass nun eine knallharte Vergewaltigung in sich trägt, wie kunterbunten Thrillerfasching. Zu etwas, dessen Zusammenhalt mehr Behauptung bleibt, als erlebte Realität. Zu etwas, dessen Schäbigkeit jeder Beschreibung spottet.
Während der deutsche Teil des Films sich durch angeklebte Bärte und schnell zusammengezimmerte Kulissen auszeichnet, lebt der iranische Teil von Schlägereien in arabischen Kulturgut, Ornamenten von öffentlichen Plätzen, die sich über Verfolgungsjagden legen, und Stuntarbeit – Leute springen von und auf Autos, meist beides gleichzeitig –, die in Verbindung mit der aufs Auto geschnallten Kamera, die es aufzeichnet, THE ROCK nach gediegener Unterhaltung aussehen lässt.

Donnerstag 24.01.

That Uncertain Feeling / Ehekomödie
(Ernst Lubitsch, USA 1941) [DVD, OF]

großartig +

Durch eine einzige Sitzung bei einem Psychoanalytiker wird Jill (Merle Oberon*) – die während des Gesprächs durch den dezent überdimensionierten Divan unter ihr, wie eine kleine (Bauchredner-)Puppe des Therapeuten aussieht – klar, dass ihre als glücklich gefeierte Ehe gar nicht glücklich ist. Danach offenbaren sich die Männer in ihrem Leben nach und nach als Leute, die ihr Revier mit Portrait(-foto)s von sich markieren und die am Anderen nur als Bewunderer Interesse haben, während Jill im Zusammenleben mit anderen zum Scheitern vorbestimmt ist, weil sie nur kurz in Bewunderung aufgehen kann, aber keine eigenen Interessen hat, als wahrgenommen zu werden.
Der Türfetisch Lubtischs ist mir dabei wie noch bei keinem anderen seiner Filme aufgefallen. Ständig gehen Leute durch Türen oder werden durch eben solche gefilmt. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen, Eindringen und Verdünnisieren, Offenbaren und Verstecken. Ein solcher Film kann gar nicht statisch werden, weil die Gemengelage sich ständig ändert. Weil die Kämpfe der Göckel um Raumhoheit mit fliegendem Holz ausgetragen wird.
Einer der Männer in Jills Leben, Klavierspieler Alexander Sebastian, der seine ganze tiefsinnige Contrarian-Hipster-Persönlichkeit in sensationelle Pfuis stecken kann, kam mir von seinem ersten Auftauchen bekannt vor. Als mir zunehmend dämmerte, dass ich ihn sonst nur als alten Mann kannte, war der Geistesblitz auch bald da. Es handelte sich um Burgess Meredith – also um Mickey, dem Trainer Rockys. Es ist ein Versäumnis meinerseits, ihn bisher nicht über diese allseits bekannte Rolle hinaus wahrgenommen zu haben. Pfui!
*****
* Der schönste Name im Geschäft, der sich zumindest in meinen Ohren aus dem Namen einer Twilight-Zone-Psychoterror-Soundcollage der Einstürzenden Neubauten und einem Nachnamen zusammensetzt, der einem Elfenkönig gehört, aber auch eine noch zu erdenkende intergalaktische Mutter Oberin klanglich in sich trägt, die sich zu einem Auto falten kann.

Mittwoch 23.01.

Derrick (Folge 165) Das Piräus-Abenteuer
(Zbyněk Brynych, BRD 1988) [DVD]

großartig

In der Wikipedia gibt es eine Seite, die eine Liste aller Folgen von DERRICK enthält. Für einen schnellen Überblick, wo ich mich gerade zeitlich befinde oder welche Regisseure gerade vermehrt bzw. gar nicht engagiert werden, ist es ganz hilfreich. Zudem gibt es in der Tabelle eine Spalte, die Besonderheiten heißt. Hier finden sich vereinzelte Informationen, ab welcher Folge Derrick beispielsweise immer eine Brille trägt, ab wann Gott vermehrt thematisiert wird, wer in der Folge das erste Mal für den Soundtrack verantwortlich war usw.usf. Bei DAS PIRÄUS-ABENTEUER steht dort geschrieben: Harry weint am Ende der Folge. Ganz trocken wird hier dokumentiert, dass der Fall sich ganz still und heimlich zu einem Melodrama für Harry entwickeln wird. Harry und die Frauen, das sorgt eben für die besonderen Momente … besonders, wenn sie sich wie hier am Keyser Söze-Sein versucht.
Brynych hält sich dabei größtenteils zurück. Wenn die Szenerie dann aber in eine Disco wechselt, wo Billy Idols SWEET SIXTEEN oder Terence Trent D’Arbys SIGN YOUR NAME fast vollständig durchgespielt werden, wo sich in überspielter Vertraulichkeit durch die Leere der Einrichtung geswingt wird, wo Leute trist über die Schulter starren, wo die Persönlichkeiten netter Leute einen Schatten bekommen, da darf Brynych eine fast normal erscheinende Realität in das Roud House von TWIN PEAKS eintreten lassen. Sehr schön dabei, wenn dort die von Anfang an als promisk gezeichnete Beatrice Richter einer wohl Heroinabhängigen einen Kuss fast auf den Mund setzt. Die Beschaffenheit der Persönlichkeiten, sie sind nur Fragmente, die sich durch kleine Gesten immer weiter offenbaren.
Zusammengearbeitet wird diesmal mit der MIAMI VICE-Abteilung der Münchner Polizei. Die entsprechenden Beamten tragen aber keine weißen Sackos, sondern einen Säufer- und Pennerchic, der im Laufe der Folge als Undercoveroutfit rationalisiert wird. Trotzdem ist es ziemlich toll, wie assig Polizisten bei DERRICK mal aussehen dürfen.

Dienstag 22.01.

Derrick (Folge 164) Da läuft eine Riesensache
(Zbyněk Brynych, BRD 1988) [DVD]

großartig +

Der Mord ist eine Formalität, die so simpel ist, dass die Tat an sich Derrick nirgendwo hinführt. Ein Wagen wird angehalten, die Tür aufgemacht und einmal hineingeschossen. DA LÄUFT EINE RIESENSACHE ist aber eine Folge der Dekadenz, da der Mörder einen Schauspieler engagiert, der den Neffen des Ermordeten spielen soll, um so an das Erbe zu kommen. Diese Rache ist dekadent, weil er nicht nur den Tod möchte. Das detaillierte, minutiöse Vorgehen ist es, weil, wie sich herausstellen wird, die zu Täuschenden in ihrer Quantität zu vernachlässigen sind. Die Gefühle sind es, weil die Unsicherheit der Täuschung die Gaukelnden in die Überkompensation treibt, weil die einzige echte Person im Doppelspiel in einen Reigen unschuldigster Euphorie gezogen wird, weil – und hier liegen die vll. schönsten Momente der Folge – noch die liebreizendsten Figuren ihre Masken fallen lassen werden und sich darin erst Berechnung, dann Hass offenbaren. Hass auf eine Welt, die einem zum Schauspiel, zur guten Miene zum bösen Spiel zu drängen scheint – das Leben im Schatten von Macht und Reichtum gleicht hier einer Versklavung, die liebreizend angenommen werden muss. Der Stil ist dekadent, weil manche Figuren wie aus Genreklischees geschnitzt sind, aber vor allem, weil der Schnitt in seinen Jump-Cuts, Achsensprüngen und karnevalesken Brechungen des (zu erwartenden) Raums keinen Zweifel daran lassen, dass diese Welt falsch ist, zerrissen und hysterisch zusammengesetzt, voller physischer, aber vor allem psychischer Gewalt von Leuten, die unter der Spannung die Masken aufrecht erhalten zu müssen, langsam entzweit werden. Und in dieser Dekadenz braucht Derrick nun kaum etwas machen, damit die mannigfaltigen Zeichen ihm alles ganz von alleine offenlegen.

Sonntag 20.01.

Holy Matrimony
(John M. Stahl, USA 1943) [DVD, OF] 2

großartig +

Die ebenen sowie bedrohlich schäbig aussehenden Zähne Monty Woolleys, wenn er den verhassten Leuten seinen Nom de Plume Henry Leeeeeeeeeeeeek(!) entgegenzischt, als ob er sie gleichen beißen würde, schon allein dafür lohnt sich der wiederholte Blick auf HOLY MATRIMONY, wo der Wunschtraum eines konservativen Rollenverständnisses in der Ehe aussieht, als ob eine Frau einen kleinen Hund hält.

Freitag 18.01.

The Exterminator / Der Exterminator
(James Glickenhaus, USA 1980) [blu-ray, OmU] 2

großartig

Bei critic.de gibt es von mir etwas hierzu.

Donnerstag 17.01.

Derrick (Folge 163) Auf Motivsuche
(Zbyněk Brynych, BRD 1988) [DVD]

großartig +

Bis zum Mord deutet die Wiederkehr Brynychs nach ca. 3 Jahren Abstinenz mal wieder auf die enge Verwandtschaft zwischen DERRICK und TWIN PEAKS. Zwei Locationscouts finden unabhängig voneinander den perfekten Drehort für die Findung der Leiche in ihrem Film. Unabhängig voneinander gehen beide in den Keller eines verfallenen, staubigen Hauses, wo Scheinwerfer in einem Ambiente, dass an eine Kunstinstallation erinnert, auf Schaufensterpuppen weisen. Beide verschwinden für eine Nacht. Es handelt sich um zwei aufeinander folgende Nächte. Der eine ist für immer weg – tot wird er wieder aufgefunden –, der andere ist verstört und nicht bereit über seinen Verbleib zu reden.
Erklärungen über eine Geldfälscherbande werden folgen. Verbunden mit langen Schatten an der Wand, exaltierten Leuten, Lärm und blank liegenden Nerven, mit einer Liebesgeschichte, in der sich Neubekannte verhalten, als würden sie sich schon aus einem vorherigen Leben kennen, mit Türen, die von Schnellfeuerwaffen durchlöchert werden. Es sind Erklärungen, die das Mysterium bändigen, wo sich aber vor Gefahr – gleich um die Ecke zur bekannten Realität lauernd – kaum geschützt werden kann, weil die Türen und die emotionalen Verwicklungen jeden Schutz so dünn wie Pappe erscheinen lassen.

Glass
(M. Night Shyamalan, USA 2019) [DCP, OF]

verstrahlt

Sicherlich ist GLASS kein Tentpole und kann sich im Gegenteil zu den Filmen des MCU etwas Seltsamkeit leisten. Trotzdem finde ich es erstaunlich, 2019 nach einem Hollywoodfilm vor dem Abspann zu sitzen und wirklich gar nicht zu wissen, was da gerade passiert ist.
– Keine der Figuren qualifiziert sich als Held oder bezieht eine Position, die vom Film moralisch favorisiert werden würde: Schon zu Beginn wird sowohl der Held David (Bruce Willis), als auch das Biest (James McAvoy) als Wesen gezeichnet, die im Schatten lauern. Die Bedrohlich sind. Später werden sie in einer Anstalt therapiert werden, weil ihre Selbstwahrnehmung psychotisch scheint. Da wir uns in einem Film von Shyamalan befinden, wird sich aber auch die Psychiaterin Dr. Staple (Sarah Paulson) als jemand voller Geheimnisse herausstellen. Auf wessen Seiten sollen/wollen wir stehen, ich weiß es nicht.
– Das Ende könnte der Schwanengesang für die Superheldenfilmwelle sein wollen – ein großer Endkampf an einem optisch sehr reizvollen Hochhaus wird angekündigt, stattdessen gibt es aber eine kurze Schlägerei auf einem Parkplatz –, aber auch eine nietzscheanische Werde, der du bist-Übermenschen-Motivationsmessage mit sich führen – die Entwicklung von UNBREAKABLE wird nochmal aufgewärmt und mit neuen Verbindungen an den Mann gebracht: Superheldentum ist möglich, glaube nur an dich und vertraue nicht dem, was dir präsentiert wird. Ob wir nun eine Abrechnung mit dem Superheldenwahn des Kinos sehen, eine paranoide Verschwörungstheorie oder ein noch seltsameres Kapitel einer Geschichte, in der Traumata den Wunsch nach Stärke entfachen und das Ausleben im Mythos nach sich ziehen, es wird nicht festgestellt. GLASS ist ein Film der im Grunde nur Angebote macht. Und das nicht zu knapp.
– Hanebüchen ist GLASS, wie er auch faszinierende Assoziationen mit sich führt: Die Angebote, die also gemacht werden, haben selbst etwas comichaftes in ihrem Verständnis von Intellektualität. Am ehesten wird hier die Perspektive eines Grundschülers demonstriert, der mit seinem Erfahrungshorizont schlaue Dinge darstellen möchte. Weshalb es auf den ersten Blick wahrlich nicht sehr seriös erscheint … gerade da wieder alles Aufgebaute von einer Twistwelle in die völlige Unbestimmung getrieben wird. Wenn Godard nicht vom narrativen Kino abgefallen wäre, vll würden seine Filme diesem Tohuwabohu, dass von den familiären Grundsteine der Vorgänger völlig ablässt und sich nur noch an einem Thema abarbeitet, ähneln.
– Wunderschön ist er, wie er auch öde und hässlich ist: Die Schatten, die punktgenaue Inszenierung, diese Bevorzugung symmetrischer Einstellungen, deren Fluchtpunkt genau in der Mitte der Leinwand liegt, als ob der Film zu uns predigen möchte, all das sieht spannend aus. Aber dann sind dann doch auch die ewigen Lagerhallen, Flure und Parkplätze, die dem Film seiner Schauwerte berauben, die bewusst hässlich gewählt scheinen. Oder die lange Pause, wenn die vier Protagonisten (David, das Biest, Dr. Staple und eben Mr. Glass (Samuel L. Jackson) sich in der Anstalt zurechtmachen und wir sie nochmal kennenlernen sollen, sie ist weder spannend, noch erkenntnisreich. Sie dient nur als Aufbau, als Hinarbeitung auf eine riesige Luftblase. Es ist als ob sich GLASS beständig auch noch selbst unterminieren würde … irgendwo zwischen grenzenloser Selbstsicherheit/fehlender Zweifel, ob des eigenen Tuns, und der Ahnung, dass sich dies alles auch gerne durch den Kakao gezogen sieht.
Jetzt wo ich nach SPLIT tatsächlich viel im Kino von M. Night Shymalan entdecken kann und gerade das Gebrochene darin mag, da sitzt ich plötzlich wieder wie mit 20 Jahren vor UNBREAKABLE und weiß nicht, was mir diese zwei Stunden jetzt wieder sagen wollten oder können. Anders als damals, finde ich das erstmal vor allem sehr toll.

Mittwoch 16.01.

Derrick (Folge 162) Kein Risiko
(Alfred Weidenmann, BRD 1988) [DVD]

gut

In der Mitte wird der Crossfader langsam rübergeschoben. Erst ist da das in Braun gehaltenem Alkoholikerdrama, in dem Roland Weimann (Hannes Jaenicke) nach einem Autounfall, der ihn auf immer an Krücken bindet, mit der Welt nicht mehr zurechtkommt und wo, als ihm ein unmoralisches Angebot gemacht wird, die Regentropfen an den Autofenstern wie die Reflexionen einer bernsteinfarbenen Discokugel aussehen. Langsam verschwindet Weimann aber, sobald er Derrick von dem Mord unterrichtet, für den er bezahlt werden soll. Sein Platz nehmen zunehmend andere ein, so dass sein irgendwann beständig rasiertes Gesicht anzuzeigen scheint, dass seine Rettung mit der moralischen Handlung möglich wurde. Für mehr reicht es nicht mehr.
Es folgt der Fall eines nun tatsächlich ermordenden Mannes, wo Derrick den Krebs auszehrender Männer bei einer Frau herausschneidet, die – so wird wiederholt gesagt – ohne einen Mann nicht leben kann. Am Ende ist sie alleine, starrt auf den See vor ihrer Villa und ein melancholisches Lied von Martin Böttcher läuft. Derrick schaut ihr davor kurz noch nach. In seinen Augen steht die Ahnung eines Zweifels, dass er vll anders hätte handeln müssen.
Bei einer Serie, die in keiner besonders konsistenten Welt spielt und wo die Darsteller ständig in neuen Kontexten auftauchen – sprich: jede Folge könnte in einer sich leicht unterscheidenden Welt in einem Multiversum spielen – da drängt sich in einer Episode wie KEIN RISIKO der Gedanke auf, dass einige Folgen sich wie Remixe ge(ne)rieren. Das Auseinanderfallen in zwei Teile unterstreicht es dann noch. Alles ist hier nur aus Altbekannten zusammengesteckt, um etwas Neues in dem sich ständig Wiederholenden und Variierenden hervorzuheben. KEIN RISIKO bleibt aber sehr, sehr dezent darin, auf etwas Neues hinzuweisen, da es nirgendwo lange verweilt.

Montag 14.01.

Manbiki kazoku / Shoplifters
(Koreeda Hirokazu, J 2018) [DCP, OmU]

großartig +

Mal abgesehen davon, dass alles auf (Not-)Lügen basiert, stellt SHOPLIFTERS für große Teile seiner Laufzeit den Besuch in einem Achtsamskeitsspa dar. Eine Familie wird beobachtet, die in den Tag hineinlebt, die Fünfe auch mal gerade sein lässt, die die Momente genießt und die vor allem, bei allem Frötzeln, ständig Gesten von Zuneigung füreinander übrighat. Von dem gemeinsamen, ritualisierten Ladendiebstahl, der SHOPLIFTERS eröffnet, über Strandbesuche bis hin zum unabdingbaren Kuscheln sehen wir Leute, die sich umeinander kümmern. Wenn Osamu (Lily Franky) und Nobuyo (Andô Sakura) miteinander schlafen, dann sehen wir nicht den Akt, sondern die kleinen Berührungen, die dorthin führen, und das anschließende nackte gemeinsame Lümmeln zweier Befriedigter.
Wenn dies zerbricht und die Wahrheit von den Behörden in den Film getragen wird, dann wird dies kaum negiert. Die moralischen Probleme waren die ganze Zeit da und werden weder verklärt noch verdammt. Sie sind in SHOPLIFTERS schlicht der Urgrund der zuvor erlebten Harmonie. Was diese Familie zusammenschweißte war nämlich nicht ihr Glück, sondern ihr Schmerz. In den kontemplativen Momenten des Films wie in seinen kleinen Zeichen steht es geschrieben. Die Insignien eines einsamen und verlorenen Stripclubbesuchers schreiben sich beispielsweise zunehmend in den Mitgliedern der Familie ein: Die von Blut verkrusteten Knöchel der Hand, die von den Schlägen gegen sich selbst rühren; das Verstecken seines Gesichts hinter dem Schirm einer Basecap; die stillen Tränen auf der Wange. Denn Isolation, die Flucht vor gesellschaftlichen wie familiären Käfigen oder Vernachlässigung sind es, die die Mitglieder in die Arme dieser zwanghaft sympathischen Familie treibt.
Der Unterschied ist in den Räumen zu erkennen. Nach der Offenlegung der Geheimnisse befinden die sich getrennten Mitglieder der Familie größtenteils in kargen, sauberen, leeren Räumen, in denen Kälte lauert, Vereinsamung und ein Schicksal, mit dem klargekommen werden muss. Davor sehen wir besagte Impressionen von Gemeinsamkeit und Zuneigung in einer engen, heruntergekommenen Hütte, die mit Schachteln, Kram und Resten vollsteht. Hier lange klare Linien, dort mannigfaltige Texturen. Wo Leute mit den wenigen Mitteln und etwas Gaunerei zurechtzukommen versuchen. Warmes, ruhiges Tummeln ist es, was SHOPLIFTERS lange ausmacht und das die viel beschworene Kälte (der Film beginnt im Februar) ausschließt.
Es ist zudem ein Ort der Mysterien. Denn in der Unordnung dieser Familie – eine Herausforderung an einen traditionellen Familienbegriff – gibt es vieles zu ahnen. Es ist ein Ort, der zum Phantasieren anregt – im Film, wenn die Oma eine Vergangenheit in ihn einschreibt, der so eigentlich nicht da sein kann, und vor ihm sitzend, wenn immer mehr Ungereimtheiten sich aus den Schatten des Ortes und der Handlungen schälen.
Dass all dieses friedliche Gleiten der Gemeinschaft nur solange funktionieren kann, wenn niemand ein größeres Temperament hat (was niemand hat) oder wenn traumatisierte Kinder eben wie hier Ausgeburten von Zurückhaltung und Verständnis sind, es straft die wahren Lügen dieses Films nicht noch mehr Lügen, wie es die Wahrheit der Familie es schon nicht tut. All die rationell möglichen Einwände sind nur noch eine Verstärkung der in SHOPLIFTERS steckenden emotionalen Hoffnung nach Liebe – seelischer wie körperlicher – die aus den sonnigen oder von Wärme dampfenden Bildern strahlt und die in den eisigen, planen Bildern schmerzhaft fehlt.

Sonntag 13.01.

Susan and God / Susan und der liebe Gott
(George Cukor, USA 1940) [DVD, OF]

verstrahlt

Wenn jemand emotional angegriffen ist, dann greift er in SUSAN AND GOD mit zittriger Hand zu einer Flasche Alkohol. Wie ein Naturgesetz mag es scheinen, dass der Schmerz des Lebens nicht anders hinnehmbar ist. Bzw. dass dieser nur durch Umleitung überstanden werden kann. Die Naturgewalt Susan (Joan Crawford) greift eben nicht zum Glas – dafür ist sie zu nobel/versnobt und folgt ihrem entfremdeten Mann Barrie (Fredric March) nicht in seinem Alkoholismus – sie rettet sich zu Gott. Unstoppbar redet und redet sie zu ihren Freunden von ihm, von seiner Vergebung und von den Geschenken der Aufrichtigkeit, während Cukor kleine inszenatorische Ticks einbaut, die das alles als überdrehte Show kennzeichnen. Ticks, wie das Blitzen einer Kamera, für die alle – alle, aber vor allem ist es Susan – den Fluss ihres Tuns unterbrechen und völlig unpassend für einen Augenblick glücklich lächelnd posieren, nur um ungestört gleich weiterzumachen, als ob nichts gewesen wäre.
SUSAN AND GOD ist dabei erst eine überdrehte Sitcom, nur um dann ein kaum weniger überdrehtes Drama zu werden, wo Menschen sich gerade durch ihre Liebe zueinander quälen. Und so wie in diesem Treiben alles auf die Herstellung eines phantasierten Idealzustands (Vater–Mutter–Kind) hinarbeitet, so ist es nur das Laufen und Wandern, was einen bei sich halten kann. Boots- (Susan rast völlig irrsinnig auf einem Motorboot in den Film), Zug- oder Autofahrten sind es, die einen hier von sich zu einer eitlen Selbstgerechtigkeit ziehen.

Today We Live
(Howard Hawks, USA 1933) [DVD, OF]

großartig

Ein Liebesfilm von jemanden, der sich nicht für Liebe interessiert. Oder der sich in den Konstellationen Liebe und Krieg, Leben und Tod stets mehr für das Zweite interessiert. Die erste halbe Stunde, die sich der Etablierung der Liebe zwischen Diana (Joan Crawford) und Bogard (Gary Cooper) sowie des Melodramas, das beide trennt, widmet, ist so hastig und voller Ellipsen, dass es sich anfühlt, als ob weiter 30 Minuten fehlen würden. Später, wenn Bogey und der Säufer Claude (Robert Young) in einem Bomberflug, im Kampf mit dem roten Baron oder in der Fahrt mit einem Torpedomotorboot im Kugel- und Explosionshagel Respekt vor einander erarbeiten – TODAY WE LIVE spielt während des ersten Weltkriegs –, dann nimmt sich der Film alle Zeit der Welt, jede Entwicklung zwischen den beiden – bzw. dreien, weil Dianas Bruder Ronnie (Franchot Tone) ebenso Teil der Darstellung von Männlichkeit ist – nachzuzeichnen. Das Bildnis einer Männerfreundschaft, die durch die Liebe zu einer Frau tragische Züge besitzt, ist das Hauptfeld der Erzählung. Oder anders: Das Leben und Sterben der Schabe Wellington (es ist tatsächlich von einem Insekt die Rede) bekommt mehr Raum und emotionale Aufarbeitung, als es die Liebe erfährt, die höchstens im (männlichen) Leiden etwas Zeigenswertes bietet. Oder noch anders: TODAY WE LIVE ist ein Männerfilm, der sich als Frauenfilm zu tarnen versucht.
Der zu diesem Zeitpunkt aus dem Film herein- und herausmäandernde Bogey fährt kurz nach Beginn mit Diana Rad. Beide waren erst in einer Szene gemeinsam in TODAY WE LIVE zu sehen, als er in ihrem Dorf ankommt und seine Unterkunft im Haus von Dianas Familie bezieht. Er hat nun zu diesem Moment mit seinem Rad auf sie gewartet und während beide nebeneinander fahren, machen sie nur Small Talk. Sie kommen dann zu einer Kreuzung und trennen sich aus Eierkaufgründen. Diana kommt ihm dann doch hinterhergeradelt. Kurz darauf gesteht Bogey ihr seine Liebe, aus heiterem Himmel. Sie gesteht ihm kurz darauf auf die ihre, ohne dass wir einen Anhaltspunkt hätten, wie es zu den Gefühlen gekommen sein könnte.
Spannend finde ich dabei den Kniff, dass sich nach der kurzen Trennung die Position der beiden zueinander geändert hat. Radelte erst Diana links und Bogey rechts, ist es danach genau anders herum. Dianas schräg getragener Hut versteckt ihr Gesicht nun vor Bogey – es ist dieselbe Gesichtshälfte die Joan Crawford auch in A WOMAN’S FACE verdeckt/verdecken muss. Die Liebeserklärung, um die vorher schon per Small Talk herumgeredet wurde, sie wird nun durch die Verfolgung, eben durch die Initiative Dianas, und durch die Verdeckung ihres Gesichts möglich. Denn der Hut legt sich wie ein schützender Wall zwischen die beiden. Statt sich dem emotionalen Stress aufzuladen, ihre seine Gefühle zu offenbaren, kann er nun fast wie zu sich selbst reden. Ihre Gegenwart wird mittels eines kleinen Kniffs minimal verschleiert. Und gerade für diese Kaschierung der Gefühle seiner Männer, die diese kaum aushalten zu können scheinen, ist TODAY WE LIVE sehr sensibel und versteckt sie eben hinter einem Krieg, der Tod, Leid und Abenteuer bringt.

Sonnabend 12.01.

Le bonheur
(Marcel L’Herbier, F 1934) [blu-ray, OmeU]

fantastisch

Wiedermal drücke ich mich davor, etwas zu schreiben, weil hier schon etwas Punktgenaues und Wunderschönes steht.
*****
Zusätzlich fand ich ein Gespräch zwischen den im Gefängnis sitzenden Boyer und einem naiven Mädchen spannend, dass ihn während der Haft besucht. Der Besuchsraum ist durch zwei Gitter getrennt. Eines besteht aus eisernen Stäben, die andere aus einem Maschendraht, der sich direkt hinter den Stäben befindet. Boyer wird ständig nur durch die Gitter gefilmt, die quasi auf seiner Seite liegen und seinen Kopf links und rechts rahmen, während das Mädchen nur durch den Zaun gefilmt wird, der sich wie ein Muster über ihren Körper und ihr Gesicht legt. Er ist sich bewusster und kann sich so anders inszenieren, während sie quasi zerhäckselt wird.

2012 / 2012 – Das Ende der Welt
(Roland Emmerich, USA 2009) [blu-ray, OmeU]

großartig

Zwei Gesichter sehen wir nebeneinander. Die von John Cusack und Woody Harrelson. Sie schauen an der Kamera vorbei auf den Ausbruch des Supervulkans Yellowstone. Feurige Massen befinden sich nunmehr unabwendbar auf den Weg zu ihnen. Der eine schaut entsetzt auf das Geschehen, der andere verzückt. In diesem Bild steht das Verhältnis von 2012 zu dem in ihm abgebildeten Weltuntergang geschrieben.
Einerseits ist 2012 nämlich vor allem eine riesige Achterbahnfahrt. In zwei Wettrennen mit der Katastrophe – der Atem der Zerstörungswellen gleitet den Rennenden den Nacken herunter, der Tod scheint schon fast abgemachte Sache – versucht sich der Irrwitz immer noch zu überbieten. Wenn eine U-Bahn aus Rauchwolken hervorschießt und vor den Fliehenden durch die Luft fliegt, dann hat das Desaster jeden Ernst und jede Bodenhaftung verloren. Dann herrscht nur noch ein sich überschlagendes Kino der Attraktionen und der aberwitzigen Unmöglichkeiten.
Nichtsdestotrotz befinden sich in dieser Achterbahnfahrt aber immer wieder die Reminiszenzen an den Schrecken des Todes. In den sich vollziehenden Spaß tauchen flüchtig Bilder auf, in denen Menschen nicht ganz so unsterblich wie die Protagonisten mit dem Tod kämpfen. Sie werden nicht artikuliert einbaut, sondern wirken wie Erkenntnisblitze von etwas anderem. Sie bleiben außen vor und werden nicht Teil der Achterbahn. Erst gegen Ende kippt es und eine hehre menschliche Botschaft wird theatralisch in den Taumel eingewoben. Bis dahin ist es aber rationell ein Schrecken, was den Antrieb von 2012 bildet, der sich in einem dionysischen Rausch der Zerstörung und der Lust an dieser kurz zu erkennen gibt.
Schade finde ich nur, dass Gordon (Tom McCarthy) kurz vor Schluss doch noch sterben musste. Gerade als sich das Familiendrama 2012, das sich durch monumentale Risse durch Städte artikuliert, zur Auflösung aufmacht, als Stiefvater Gordon und der getrennt von seiner Familie lebende Vater Jackson (Cusack) sich zu arrangieren beginnen, da wird Ersterer vom Film/einer Maschine verschlungen. Die Spalten scheinen sich durch ein harmonisches Patchwork schließen zu lassen, da muss die Kernfamilie plötzlich doch noch reinstalliert werden.

Freitag 11.01.

The Taking of Pelham One Two Three / Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3
(Joseph Sargent, USA 1974) [blu-ray, OmeU]

gut

Vier Männer (u.a. Robert Shaw und Martin Balsam) entführen eine New Yorker U-Bahn mitten im Stoßverkehr. Sie geben der Stadt eine Stunde Zeit, ihnen eine Millionen Dollar zukommen zulassen. Für jede Minute Verspätung wird eine Geisel erschossen, so drohen sie. Schon die knappe Zeit macht es deutlich: THE TAKING OF PELHAM ONE TWO THREE ist ein atemloser Thriller, der neben der peinlich genau geplanten Entführung auch den Vorgängen auf offizieller Seite detailliert nachspürt. Bei den Bahnmitarbeitern, bei der Polizei, beim Bürgermeister. Und so wie die Entführung (fast) wie ein Uhrwerk funktioniert, so tut es auch der gewitzte und witzige Thriller. So sehr, dass er dramaturgisch manchmal ein klein wenig steif gerät. So etwas wie der Running Gag, dass der von Walter Matthau gespielten Unterhändler der U-Bahn-Zentrale auf das Niesen des Mr. Green genannten Entführers (Balsam) sets mit Gesundheit antwortet, der final nicht ganz unbedeutend sein wird, offenbart viel davon wie sehr die viel beschworenen Lockerheit des Films vor allem am Reißbrett geplant ist. Das Tollste an THE TAKING OF PELHAM ONE TWO THREE ist vielleicht auch nicht der Thriller, sondern die Figurenzeichnung. Die Professionalität der Entführer, die auf der Gegenseite völlig vermisst werden kann; die ständig schimpfenden Bahnangestellten; die Jämmerlichkeit der Politiker, die aus Angst vor den Wählern zu keiner Entscheidung kommen; die Verunsicherung aller durch die Frauen, die nunmehr auf Arbeit gehen, oder durch Männer, die nun auch mal lange Haare tragen: der Straßenstaub ist die ganze Zeit über spürbar, wie die blauen Blitze unter den nicht perfekt gewarteten Wagen der U-Bahn eben zu den Fahrten dazugehören.

Donnerstag 10.01.

Polizeiruf 110 (Folge 351) Kreise
(Christian Petzold, D 2015) [TV]

großartig +

Etwas VERTIGO und PSYCHO haben sich in KREISE eingeschlichen. In den Krimi KREISE, der mit Modellen realen Lebens zugestellt ist – Raumentwürfe eines Möbeldesigners und Hobbymodeleisenbahnlandschaftsgestalters, die mit Figuren vollgestellt sind, die von den Klischees, die sonst in einem solchen Ambiente geboten werden, abweichen und lebendiger sein sollen, wie ziemlich offensiv (deutlich und wiederkehrend) an den Zuschauer herangetragen wird. Und zwischen diesen kriminalistischen und künstlerischen Obsessionen in den Verhörsituationen und Spurensuchen versteckt sich ein Liebesfilm. Ein kleiner, hingehauchter Liebesfilm, der über verrauschte Bilder erzählt wird, welche die Blicke von von Meuffels (Matthias Brandt) in eine Überwachungskamera zeigen, der so den in dieser Situation unmöglichen, aber erahnbaren Kontakt mit seiner Kollegin sucht. Über Stehen im Flur und das Warten auf den Kaffee, während die plärrende klassische Musik des Nachtwächters in der Polizeistation die unausgesprochene Leidenschaft nach außen kehrt, mit der von Meuffels sichtlich nicht umzugehen weiß. Über einen kurzen Augenblick in dem eine unmögliche Liebe sich offen zeigt, aber eben schnell wieder im Krimi versteckt wird, weil die Liebe und der Schmerz betäubt werden muss. Sie wirkt so aber umso mehr. Wie bei Hitchcock ist KREISE zwar ein Suspense-Film, aber offensichtlicher, impressionistischer und nouvelle vague-iger als bei diesem wird doch von etwas ganz Anderem erzählt.

Mittwoch 09.01.

Derrick (Folge 161) Eine Reihe von schönen Tagen
(Wolfgang Becker, BRD 1988) [DVD]

gut

Zwei entgegenlaufende Blicke strukturieren EINE REIHE VON SCHÖNEN TAGEN. Einerseits ist es der Blick aus einer Küche in das Fenster eines Import-Export-Geschäftes. (Gibt es irgendeine Gelegenheit in einer Geschichte, wo diese Betriebsbezeichnung nicht für Drogen-, Waffen- oder Menschenhandel steht?) Zwei Rentner, die kurz zuvor über die Leere ihrer Tage philosophierten, werden über diesen Zeuge eines Mordes. Andersherum beobachten die Importeure/Exporteure daraufhin das Ehepaar, wie sie mit dem Schweigegeld, welches sie diesen in den Briefkasten stecken, Tag um Tag unter ihrem Fenster ins Taxi steigen und sich etwas gönnen. (Was zuerst heißt, dass der Mann ordentlich säuft – anders kann es nicht genannt werden, was er macht –, später sind es Einkaufstouren und Schiffsfahrten.)
Diese beiden Blicke können als kleine verkürzte Miniatur über das Funktionieren der Gesellschaft gelesen werden. Die Reichen – die Büroräume befinden sich in einem Viertel, dass zumeist von fehlendem Putz u.ä. gekennzeichnet wird, ihr privates Leben verbringen sie aber in Luxusvillen, die Pierre Bourdieu sicherlich (wie so oft bei DERRICK) sehr gefallen hätten, da das fehlende kulturelle Kapital in diesen für einen sehenswerten stillosen Protz sorgen – schauen mit Argusaugen auf die Armen, dass sie sich auch ja mit den minimalen Prozenten ihrer Einnahmen zufriedengeben und keinen Ärger machen. Während die Bedenken – die entgegengesetzten Blicke – sofort aufhören, sobald etwas Geld da ist.
Derrick blickt ebenfalls. Er schaut in die verschüchterten Gesichter des Rentnerpaares und möchte die Wahrheit. Dass EINE REIHE SCHÖNER TAGE größtenteils eine völlig redundante Folge ist, die Derrick das Offensichtliche sich noch schwerfällig herleiten lässt, wo die schwungvollen und atmosphärischen Bilder von Waffenhandel nur nochmal erklären, was die Bezeichnung der Firma schon nahelegte, wo alles so schwerfällig funktioniert wie Körper und Geist zweier abgehängter älteren Personen, all dies findet zumindest ein gutes Ende … weil zum Schluss dies nur Täuschungsmanöver waren. Mit einem naiv-fröhlichen Melodie endet EINE REIHE VON SCHÖNEN TAGEN und dem abermaligen Gang an dem Briefkasten vorbei, der zum Symbol eines unerwarteten Glücks geworden war. Derrick wollte nur die Wahrheit, das Geld blieb bei den Zeugen, ebenso wie die schönen Tage – die am lebhaftesten gefilmten Momente – ohne moralische Abstrafung bleiben.
Aus einer idealistischen Sicht ist es ein pessimistisches Ende, weil die Kollaboration mit den Ausbeutern sanktioniert wird. Aus einer weniger rigiden Perspektive ist es das Portrait einer unrettbaren Welt, in der zwei Leute ohne Einfluss, Macht und … ja vll auch ohne Moral, die Bösen schließlich ans Messer liefern, sich aber dennoch von der Beute ein klein wenig abzapfen, um ihre leeren Tage zumindest kurz mit Genuss zu füllen.
Zum klaren Verlierer wird der Täter, der nicht nur überführt wird, sondern auch von der Unschuld entsetzt angestarrt wird, die er sich im Privaten als Gegenpol bewahrt hatte. Seine Tochter und die keimende Erkenntnis, wer ihr Vater ist, – der Verlust der Unschuld – sie sind die größten Strafe, die hier in diesem Bankett der Blicke bereitliegen.

Dienstag 08.01.

Derrick (Folge 160) Mordträume
(Gero Erhardt, BRD 1988) [DVD]

gut +

Es ist gerade etwas redundant, wie die übergrifflichen Männer, die ihr Opfer ausversehen mit ihrer Hand vorm Mund erstickten – eine Trope, die in den Siebzigern bei Reineckers Drehbüchern etwas größere Verbreitung fand. Hier wird Derrick wieder von jemanden erzählt, der wohl bald zum Mörder wird. Max Binder (Mathieu Carrière) hat seine Frau verloren. Manisch sucht er Nacht um Nacht die Nachtclubs nach der Autoführerin ab, die Fahrerflucht beging. Derrick kann aber nichts tun. Gesetzlich sind ihm die Hände gebunden, was eine Figur wie ihn direkt in die Impotenz abgleiten lässt. So wiederkehrend dieses Thema und seine Verarbeitung nun sind, so sind Carrières Blicke, sein Niederstarren des Gegenübers, seine Gereiztheit und seine Explosionen (inkl. Schlägereien) äußerst sehenswert.
Am Spannendsten finden ich aber die Regie von Gero Erhardt. Der Sohn von Heinz Erhardt scheint ein ähnliches Faible für Gewalt zu haben, wie Ridley Scott. Die Leiche im Straßengraben, der zu sehende Traum Carrières, wenn er aus dem Nebel kommend eine Braut mit Uzi niederschießt oder die blutigen Nasen nach den Schlagabtäuschen: So wirklich kommt er zu sich, wenn es etwas Rohes zu zeigen gibt.

02.01. – 06.01.
18. außerordentlicher Volljährigkeitsfilmkongress des Hofbauer-Kommandos

Sonntag 06.01.

Schwarzer Markt der Liebe
(Ernst Hofbauer, BRD 1966) [35mm]

gut

Es muss nicht immer das sein, was angenehm und interessant ist. Sobald solche Sätze fallen und der internationale Frauenhandelsring – bestehend aus abgehalfterten Gaunern und einer dekadenten Gräfin (Tilly Lauenstein), die für frisches Fleisch alles tun würde – eine Party schmeißt, bei der ahnungslose Frauen mit Marihuana gefügig gemacht werden sollen, wobei die Droge in ähnlich zerrüttender Form präsentiert wird, wie in TOUCH OF EVIL, dann ist SCHWARZER MARKT DER LIEBE ein sensationeller, atmosphärischer Film, der die Arbeit des Zuhälters irgendwo zwischen Voodoorausch und Ernüchterung zeichnet. Lange Zeit ist dem aber nicht so. Stattdessen das Krimigegenstück zu HINTERHÖFE DER LIEBE (der zwei Jahre später diverse Szenen direkt übernahm), wo männliche Männer um ihre Männlichkeit bangen und dessen musikalische Kolportage keine Resonanz in mir fand.

Caribia: Ein Filmrausch in Stereophonie
(Arthur Maria Rabenalt, BRD 1978) [35mm]

tba.

Filme können einem gefallen, auch wenn einem einiges oder sogar vieles darin nicht gefällt. Nur kleine Teile können das schlussendliche Urteil umreißen. Bei CARIBIA – der leider nicht in Stereophonie, sondern in Mono lief – gefällt mir nichts. Und doch mag ich ihn. Nicht für seine Einzelteile, sondern für sein großmundiges Anliegen, dass in einem sehr, sehr bunten Film zu jeder Sekunde Schiffbruch erleidet.
Rousseau muss hier für ein zivilisationskritisches Experiment herhalten. Ein Plantagenbesitzer auf Haiti Ende des 19. Jahrhunderts (glaube ich) lässt die Kinder verstorbener Mitkolonialisten abgeschieden von der Zivilisation aufwachsen – in Hütten mit kleinen Gärten in einem seltsam domestizierten Dschungel; die ihnen zugewiesenen Areale verlassen sie auf ungeklärten Umständen nicht. Jedem wird eine Bezugsperson zugeordnet, die die Kinder mit Essen versorgt und ihnen das Sprechen und andere Kleinigkeiten beibringt. Alles in allem ist dieses Experiment unfassbar deppert. Nicht, weil wissenschaftliche Prinzipien meilenweit entfernt sind oder so ein Vorgehen äußerst verantwortungslos ist, auch nicht so sehr, weil CARIBIA die Ergebnisse des Experiments sich so hinschiebt, wie es möchte – am Ende kommen unschuldige Typen von Menschsein (der Wissenschaftler, der Krieger, die Sinnliche usw.) heraus, die selbst bei der Anwendung von sexueller Gewalt ihre Unschuld nicht verlieren, und die sich per Ausdruckstanz ausdrücken – sondern weil existentielles über Menschen gesagt sein möchte, dabei aber sich keine Vorstellung gemacht wird, was Menschsein abgesehen von einigen wenigen Klischee bedeuten könnte. Kunterbunt und exotisch wird mit der conditio humana gerungen, die ohne reifliche Überlegungen postuliert wird. Ein bisschen gleicht es, als ob ein TOM UND JERRY-Cartoon idiosynkratisch von Unschuld und einer geistig zersetzenden Zivilisation erzählt.
CARIBIA ist ein Ausdruck von Zivilisationsmüdigkeit. Zwei Fälle von sexueller Gewalt wird es geben. Eine ist nicht weiter schlimm, weil es eben von einem Naturkind aus Lust begangen wird, während das andere die Welt von CARIBIA in Feuer aufgehen lässt, weil zivilisierte Bonzen aus Langeweile eine der Sechs gruppenvergewaltigen. Die existierende Zivilisation ist die Wurzel allen Übels und muss abgeworfen werden, so wird gezeigt. Am Ende stehen ein Sklavenaufstand und die Zertrümmerung einer auf Unterdrückung basierenden Gesellschaft. Sinn ergibt es in einem realitären Kontext kein bisschen, ästhetisch ist es mehr als krude, die ausgestellte Naivität dieser Inselwelt, unter der Verbitterung zu lauern scheint, ist giftig und auch sonst ist kaum zu glauben, was hier passiert bzw. was hier wie zu sehen ist, aber was wäre die Welt ohne solche Filme, die einen herausfordern und einem tierisch auf die Nerven gehen, obwohl sie es doch sichtlich gut meinen?

A Hole in the Head / Eine Nummer zu groß *
(Frank Capra, USA 1959) [DCP, OF]

ok

Capras erster Scopefilm spielt größtenteils in Innenräumen. Es ist auch sein erster Farbfilm, der dramaturgisch zwischen natürlichen und Kaugummifarben wechselt. Frank Sinatra spielt einen Hotelbesitzer, der zwischen seinen widersprüchlichen Ansprüchen – Ehrgeiz und Entspannung, Verantwortung und Verantwortungslosigkeit, Häuslichkeit und Lotterleben – gefangen ist und er spielt einen Vater, der noch weniger erwachsen ist, als sein Sohn. HOLE IN THE HEAD ist dabei ein Tearjerker, der mit einem liebreizenden Tristkind (Eddie Hodges) arbeitet, mit Enge und Freiheit, mit einer Hauptfigur, die ohne Unterlass rennt und redet. Scheinbar wir kopflosen einem wenig als Sympathieträger taugenden Sinatra hinterhergerannt, aber doch stellt HOLE IN THE HEAD einfach nur den filmischen Raum mit Widersprüchen zu, bis er einem das Herz rausreißt. Und am schönsten ist, dass am Ende einfach alle Verbindungen an die Themen des Films gekappt werden und darin das Happy End liegt.
*****
* Lief nicht im Zuge des 18. außerordentlichen Volljährigkeitsfilmkongress’ des Hofbauer-Kommandos. Während der Abendbrotpause blieb ich mit einer Kisch des Filmhauscafés im Filmhaussaal sitzen und schaute eine ziemlich schöne, dort im normalen Programm laufende DCP, wo der Restaurator das Filmische nicht versucht hat zu eliminieren – selbst ein Haar lag noch ein paar Sekunden rechts oben über dem Bild.

Übermut im Salzkammergut
(Hans Billian, BRD 1963) [35mm]

fantastisch

Formaler – ein Schlagersänger springt unverhofft plötzlich 50 Meter in die Luft, so legen die Bilder nahe; oder der unüberwindliche Graben zwischen Schwiegertochter und Schwiegermutter, der per Großaufnahme eines liebreizenden Gesichts überwunden wird – und inhaltlicher Irrwitz – das Leben im Schlagerfilm ist hier wie so oft vor allem surreal und Männer und Frauen tauschen sich solange untereinander aus, bis es passt – übersetzen hier das Kommende (1968 / Generationenkonflikt) in einen Schwank, wo gerade die Kraft des Kapitalismus gezeigt wird, Leute die Seite des Progressiven schmackhaft zu machen, da die die von Untermenschen schreien und auf Sekretion bestehen nicht nur unmenschlich, sondern auch profitverhindernd sind. Die Lust am Leben, durch Freiheit, Mut und einfache Fronten.

Die Mädchen aus der Peep Show / Verbotene Lust im Sperrbezirk
(Adrian Hoven, Wolfgang G. Kruse, BRD 1983) [35mm] 2

radioaktiv

Ewig sich drehende nackte Frauen (auf einer Scheibe vor Spiegeln befinden sie sich) pochen auf ihre Selbstbestimmung. Sie, DIE MÄDCHEN AUS DER PEEP SHOW, sehen nicht ein, dass sie lediglich Objekte sind, wo doch die Männer für sie ebensolche sind, denen sie ihr Geld entlocken. In Sex und ihrer Arbeit möchten sie nichts Dreckiges sehen, nur in einer Geisteshaltung, die davon ausgeht für lumpige sechs Mark gleich einen ganzen Menschen gekauft zu haben. Passend dazu stehen ihnen Männer entgegen, die nur als riesige Augen und geleckte Lippen inszeniert werden. Von der Peepshow scheinen sie hypnotisiert. Bedrohliches steht in ihnen, wie in DIE ITALIENER DREHEN SICH UM.
Die von Monologen über die Lebensverhältnisse der Tänzerinnen und einer verspielten Moderatorin sekundierten Frauen werden konterkariert von Spielszenen, in denen bestialische Sexphantasien von Männern ausgelebt werden. In denen besagte Frauen Dinge zur Lustbefriedigung der Männer werden und dumpfen Sprüchen und gierigen Blicken erliegen müssen, um an Orten männlicher Potenz (Motorbooten, Flugzeugen, Autos) niederzuliegen. Aber auch in diesen Spielszenen herrscht der Kampf des Filmes, der auch in der Gegenüberstellung der beiden Gegebenheiten liegt: Wer gewinnt die Überhand? Das Spielerische der Frauen oder die dumpf wirkende Lust der Männer (traurige Psychopathen), die zwischen Kläglichem und Aggressivem pendelt. Und DIE MÄDCHEN AUS DER PEEP SHOW ist so das kaum Erwartbare: ein als Reportage getarntes godardsches Essay über den Kampf der Geschlechter.

Sonnabend 05.01.

Gli Italiani si voltano / Die Italiener drehen sich um k
(Alberto Lattuada, I 1953) [35mm] 2

fantastisch

Dies ist ein Ballett, das zwischen dem Drang das Schöne zu sehen und sexueller Übergrifflichkeit (das Schöne zu besitzen) pendelt und das den kleinen Schritt dazwischen sehr offen mitführt. Die finale Einstellung zu einer melancholischen Melodie zeigt einen weitestgehend furchteinflößend inszenierten Mann, der einer Frau nachging. Sie floh zuletzt in schneller werdenden Schritten vor ihm in ein Haus, dass in einer noch unbebauten Einöde steht. In einem kaum merklichen, fließenden Übergang verwandelt sich die kleine Figur – in der das ganze Haus greifenden Einstellung kaum mehr als ein Punkt – von einer Bedrohung aus einem Psychothriller in einen Tropf, der doch lediglich einen Drang nach dem Schönen hat. Für unzählige Männer scheint er einzustehen, die den kleinen Schritt nicht bemerken, der aus mitleidserregenden Lüstlingen, die nicht wissen, wie sie das bekommen sollen, was sie wollen, gruslige Gestalten macht, die Frauen das Gefühl geben müssen, Freiwild zu sein.
Stark stilisierte und durchorchestrierte Spielszenen über Männer, die Frauen Treppen hinauffolgen und sich durch ihren Schweiß und ihre Unbeholfenheit zu Witzfiguren machen, über das allgegenwärtige Grapschen in überfüllten Bussen uswusf., befinden sich neben dokumentarischen Aufnahmen, von aufreizenden Frauen, die eine Straße entlang geschickt werden, und von den sich nach ihnen umdrehenden Männern. Heiter ist es und immer wieder gruselig, weil in beidem ein Zwang zu sehen ist, der schnell seine Unschuld verliert. Zu Beginn verlassen Frauen ihr Haus in einer knappen Montage, am Ende rettet sich eine zurück in die eigenen vier Wände.

Michi no Sex / Sprechen – Flüstern – Stöhnen: Michi no sex
(Yamashita Osamu, J 1966) [35mm]

großartig +

Gleichzeitig wird von der Enge der Armut, wie von der Phantasie der Lust erzählt. Das Motiv ist einfach. Sexgeräusche dringen durch die viel zu dünnen Wände in einem Haus, das für seine Mietparteien jeweils einen Raum bereithält. Der Ursprung des Stöhnens wird aber weniger gezeigt, als die dasitzenden Leute, die sich das Hörbare ausmalen (müssen). MICHI NO SEX könnte fast ein Ozu-Film sein, so wie er seine Figuren in ihren abstrakten Räumen sitzend zeichnet. Aber dann sind da eben noch der Sex und die einsetzende Eskalation.
Eine Frau – eine Lehrerin mit gespartem Geld in einem Blumentopf – verschwindet gegen Ende einfach aus dem Film. Die letzte Einstellung, die sie wahrscheinlich beinhaltet, zeigt eine Decke in ihrem Zimmer, die einen abstrakten Berg bildet. Sie ist in diesem nur zu erahnen. Währenddessen wütet ein Nachbar betrunken auf dem Flur. Ist sie tot? Emotional verschüttet? Alle anderen Figuren erhalten ihren auf die Zukunft weisenden Abtritt. Nur sie ist einfach weg.

Ich, das Abenteuer, heute eine Frau zu sein
(Roswitha vom Bruck, BRD 1972) [35mm]

großartig +

Auch wenn es der Off-Kommentar gerne herunterspielt, ICH ist die Abrechnung mit einem (Typ) Ehemann. Monika lässt selten unerwähnt, wie sehr sie ihren Ehemann Kai liebt, wie sympathisch er ist und wie alles super funktioniert – dazu sind gerade zu Beginn die passenden Bilder von Liebenden zu sehen, die eine satte Abendsonne tränkt –, aber seine Ignoranz ihr gegenüber, gegenüber ihrer Lust und deren Befriedigung, sein Wegbürsten jeglicher Hinweise auf andere Möglichkeiten des Sex über kurzes Drüberrutschen hinaus, machen ihn doch zu einem unsäglichen Unsympathen. Auch sonst die Männer: eklige Schmierlappen oder verständnisvolle Gentlemen gehobenen Alters. Die unschuldigen, aber doch um ihre Selbstverständlichkeit kämpfenden Versuche Monikas ihre Lust auszuleben, sie befinden sich in einem Jammertal unpassender Männer.
ICH ist dabei aber vor allem ein sehr lustvoller Film, weil sich Monika davon nicht entmutigen lässt. Davon sprechen die unzähligen Zitate, die wie am Fließband kommen:
Du siehst aus wie eine Statue. … Ich weiß, wir spielen Denkmalschändung.
Er ist ein Egoist und achtet nicht darauf, was ich möchte und wie es mir geht. … aber er hat eine Gehaltserhöhung bekommen.
Du solltest dein Haar offen tragen, wie deinen Schritt.
Ich spürte seine Erektion. Sie war wie ein stummes Kompliment.
Aber auch die ins Bild schlingernden Phantasien: Als Monika ihren Mann auf einer Baustelle besucht – er ist Architekt –, da phantasiert sie sich in den Rohbau einen puff-artigen Anblick. In jeder Etage, in jeden Raum steht ein nackter Bauarbeiter, der sich ihr anbietet, den sie aussuchen kann. Später werden diese Nackten sie über die Baustelle jagen, in immer noch einer von ihr genossenen Vorstellung.

Amok / Neun Mädchen auf der Hölleninsel
(Dinos Dimopoulos, GR 1963) [35mm]

ok +

Es gibt tolle Bilder von Sex und Erschöpfung, von Verlorenheit und Wasser, das wie eine tödliche Wüste aussieht, aber nie von Hoffnung. Das ist etwas, das höchstens von den Figuren verbal ausgedrückt wird. Sie muss sich eingeredet werden.
Nicolai Bühnemann hat auf seinem Blog Gedanken an Freud natürlich seine Verehrung für NEUN MÄDCHEN AUF DER HÖLLENINSEL Ausdruck verliehen. Ich konnte auch nach diesen Worten leider nicht so viel anfangen. Immer wenn er spannend zu werden schien, streifte er seine Haut ab und fing an auf etwas Neues hinzuarbeiten.

Lisa!
(Mario Schollenberger, D 2018) [DCP, OmeU]

großartig

Ein Rape&Revenge-Film, der eine Rächerin zeigt, die ziemlich perfide rächt, indem sie ihren Vergewaltiger mit Drogen benebelt, ihn als Ding in der eigenen Couch hält und ein sehr komplexer Verhältnis zu ihm aufbaut, wenn sie ihn mal quält, mal als (sex-)Spielzeug benutzt und ständig erniedrigt – zwei Beziehungsarten werden dabei vorgeführt: Einmal die gleichberechtigte Liebe und die zu einem Haustier, auf dessen Empfindungen keine Rücksicht genommen werden muss. Lisa endet an einem Ort, wo sie sicherlich nicht hätte enden wollen. Und LISA! ist ein Film von intimen Momenten und von einer neugierigen Suche, wie mit den Umständen umgegangen wird, in denen wir eben so landen können.

Waidmannsheil im Spitzenhöschen
(Jürgen Enz, BRD 1982) [35mm] 2

verstrahlt +

Am Ende bringt die Mutter die Rettung und Sex haben hier eh nur Schauspieler, die für Barbiepuppen einstehen und mit denen ausagiert wird, was sich jemand ohne Erfahrung eben unter diesem seltsamen Handeln vorstellt: WAIDMANNSHEIL IM SPITZENHÖSCHEN ist von Infantilität bestimmt. Ein Blick der Unschuld auf die Tatsachen des Erwachsenwerdens – in feste formale Schranken gewiesen, damit dies auch nicht bedrohlich wird: vor allem gibt es eine Wurtstrecke, die unterhalb eines Saals mit tanzenden Paaren das ganze untere Ende der Einstellung einnimmt. Der Prunk von Kleopatra wird auch so ins Kinderzimmer übersetzt.

Freitag 04.01.

Die lustigen Vier von der Tankstelle
(Franz Antel, A/BRD 1972) [35mm]

ok +

Eine Hälfte verstrahlt, die andere von heftigem Stahl. Beide wurden fein säuberlich von einem Filmriss getrennt. Das angereicherte Uran der ersten Hälfte sind Willy Millowitsch, der deutscher Brüderlichkeit ein Denkmal setzt, wie es sich Krzysztof Kieślowski nicht besser hätte ausdenken können, und Gisela Schlüter, die spielt, als habe sie sich zehn Kannen Kaffee einverleibt. Das Ruppige sind Hans-Jürgen Bäumler, Uschi Glass, Michael Schanze und das verjüngte Heintje-Substitut Nicki, die final ungelenk Kalamitäten aufbauen und auflösen und ein Nichts mit einem umtriebigen Nichts aufbauschen.

24 Stunden aus dem Leben einer Frau
(Robert Land, D 1931) [35mm, ≠]

fantastisch

Es ist vll. kein äußerst schmieriger Film, aber 24 STUNDEN AUS DEM LEBEN EINER FRAU war doch für den Kongress wie gemacht. Denn es gibt eine lange Autofahrt zweier sich Verliebender und nichts geschieht. Es fehlte nur, dass wie in DAS TESTAMENT DER BEGIERDE jemand auf die Uhr geschaut hätte. Aber auch darüber hinaus vergeht viel Zeit, ohne das etwas passieren würde. Manchmal wirkt dies wie ein Blick voller sense of wonder, weil plötzlich Ton da ist. (Auch wenn dieser 1931 nun nichtmehr das Neuste überhaupt gewesen sein sollte.) So werden beispielsweise Besen für eine lange Zeit beobachtet, die hörbar über den Asphalt streichen. Ein Umstand, der nicht rationalisiert wird, sondern nur genossen. Impressionismus und Leere finden sich in diesen verschenkten Momenten, in denen das Innenleben der Figuren und das Geschehen undefiniert sind und unendlich Platz haben.
In dieser Leere lauert aber auch das Ungewisse des Lebens. Sind wir dem Schicksal unterlegen bzw. wiederholt sich das ewig Gleiche oder besteht die Hoffnung darauf, dass wir uns ändern können. Beide Seiten finden ihre Entsprechungen, die wie dicke Wolken über dem Geschehen hängen. Die niederdrückende Figur – auch körperlich die schwerste an einem Ort (Monte Carlo), wo die Leute ansonsten federleicht scheinen – eines Handlesers (Friedrich Kayßler), der den Leuten ständig ihre Prädestination erklärt, steht u.a. einer Einstellung entgegen, wo die Frau des Titels, Helga Vanroh (Henny Porten) sich ihren Handschuh abstreift, aber erst nach etwas Irritation erkennbar wird, dass es sich um das Entledigen eines Handschuhs und nicht um eine Häutung handelt.
Melancholisch wird also durch eine neu zu entdeckende, sich ständig ändernde Welt geschlendert und alles ist eine Sache der Perspektive. Die schwarzen Linien unter den Augen von Helga Vanroh, sie können die Zeichen von durch Tränen heruntergelaufenem Make-Up sein oder eben doch nur Falten im Schleier. 24 STUNDEN IM LEBEN EINER FRAU leidet und genießt, dass alles doppeldeutig, unsicher und voller Wunder ist.

(Super8-Heimvideos … bzw. eben -filme von Paul und Erna) k
(Paul und Erna, BRD 197?) [8mm]

verstrahlt

Ein Glück, dass wir nicht saufen.
Wir lassen ‘s runterlaufen.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass die tristen Ecken in DERRICK übertrieben sind. In diesen mit Sußer8 aufgenommenen Heimvideos – tatsächliche, auf einem Flohmarkte entdeckte – sieht es aber eher so aus, als ob die Fiktion nie die Trostlosigkeit der (inszenierten) Realität zweier Normalbürger entsprechen kann. Ewig und immer wieder werden Geburtstagsfeier dokumentiert. Der Wille, etwas für die Kamera zu bieten, generierte dabei quasi einen Schluckauf des in den respektablen Erwachsenen Lauernden. Hier ein zotiger Witz – Der Postbote hart den besten Job. Er geht von Schlitz zu Schlitz bis der Sack leer ist. – bis hin zu lange Vergrabenem – Zicke Zacke, Zicke Zacke, Heil. Urlaubsaufnahmen und Aufarbeitungen des Alltags … und scheinbar riesige Lücken dazwischen, die von der Erkenntnis/Selbsteinschätzung sprechen, dass es nicht viel Dokumentierwürdiges im Leben von Paul und Erne gibt. Und dann zwischen drin die wiederholten Aufnahmen einer Pflanze. Ein John Mekas-Kunstfilm erwuchs wohl aus dem Drang, die Kamera zu etwas zu gebrauchen. Bei diesen zwanzig Minuten handelt es sich um ein kaum zu unterschätzende Schatzkammer des Menschseins, will mir scheinen.

Und die Mutter blicket stumm auf dem ganzen Tisch herum… k
(Hedda Rinneberg, Hans Sachs, BRD 1982) [16mm]

ok

JEANNE DIELMANN in einer Lightversion von der FWU für die Schule. Wie dieses schweigende Etwas in der Schule angewendet wurde, würde ich aber gerne wissen. Für den Ethikunterricht vll.: Und nun stellen wir uns vor, wie sich eine Hausfrau – eure Mütter mglweise – jetzt gerade fühlt, während sie euren Kack wegräumen müsste und einen Nervenzusammenbruch hat, weil sie nicht mehr die Kraft hat, um vom Tisch aufzustehen.

Achterbahn der Gefühle k
(Josef Kluger, BRD 1995) [16mm] 2

fantastisch

Pubertät als romantischer Traum, wo selbst die Verunsicherung etwas Schönes hat. ACHTERBAHN DER GEFÜHLE erzählt aus einer retrospektiven Perspektive, wo dies alles schon überstanden ist und schaut nun voller Gemütsruhe und Verzückung auf überstandenes Elend, das sich nun als gar nicht so grausam herausstellt. Beiläufig wird von der ersten Regel, der ersten Ejakulation und der ersten Masturbation erzählt, von dem Erwachen der ungeheuren Gefühle bei einem Mädchen und einem Jungen. Über allem hängt aber ein leichter Hauch des Irrealen: der Nebel, der durch die Gegend zieht, das seltsame Licht, die Passanten und Dinge, die den Weg zwischen Kamera und Handelnden wiederholt zustellen, das Meer aus Kerzen, das das Mädchen beim erkunden ihres Körpers plötzlich umringt. Ein kurzer Blick an einen mythischen Ort, auf das kommende Generationen Trost finden.

Mama und Papa – Afrikaner als Untermieter k
(Michael Bückner, BRD 1973) [16mm]

gut +

Der Untergang des Abendlandes. Ein älteres Ehepaar nimmt, weil sie Geld brauchen, afrikanische Studenten als Untermieter auf. Sie lassen sich Mama und Papa nennen, weil sie das Gefühl haben, die Rückständigen ohne Kultur und Vernunft erst noch erziehen zu müssen. Ein Dokument von nicht böse meinendem Rassismus, von Niedertracht, von den schlecht möglichsten Eltern, die den Kindern ihre Verachtung zu jeder Zeit spüren lassen. MAMA UND PAPA hält bei diesem traurigen Dokument zuweilen das Geschehen an und schreibt diverse eben getätigte Zitate der beiden Vermieter über das Bild. Ihr habt richtig gehört. Lasst das erstmal sacken, scheinen diese Wiederholungen sagen zu wollen und verstärken das beklemmende Gefühl noch. Die Studenten hingegen stecken irgendwo zwischen Wut und der anscheinend überlebenswichtigen Einstellung, dass alles auch ziemlich absurd zu finden.

Tungekysset / Annes erster Kuß k
(Berit Nesheim, N 1988) [16mm]

großartig

Pubertät als Hölle des Zurückschreckens und als Zeit der verkrampften Performance einer nicht vorhandenen Souveränität. Anne steht auf einen Jungen und dieser auch auf sie. Anne traut sich aber nicht den ersten Kuss zuzulassen. Anders als ACHTERBAHN DER GEFÜHLE ist dies kein Traum, sondern harte Realität. Die Realität eines Wartezimmers. Am Ende herrscht dann auch keine Romantik, sondern Pragmatismus. Anne küsst aus Eifersucht, aus Rivalität, aus Berechnung.

Spice World / Spice World – Der Film
(Bob Spiers, UK 1997) [35mm] 3

großartig +

Thomas G. dazu im Gesichtsbuch: Spiceworld ist natürlich ein Ultra-Farbfilm darüber, wie Frauen nicht nur über der phallisch-patriarchalen Popkultur stehen, sondern deren Helden, Codes und Mechanismen sich einfach aneignen, neu sortieren und zertrümmern und an die Stelle der Popgeschichte des Männerbundes eine hedonistisch-anarchisch geprägte Frauensolidarität setzen. Für die Verwalter und Archivaren coolen Wissens natürlich ein Affront, weshalb der Film insbesondere bei einem männlichen Publikum mitunter einen äußerst schweren Stand hat. Nicht zuletzt auch ein Film, der als historische Zeitkapsel viel über die ausgehenden 90er weiß und den kurzen Sommer des Endes der Geschichte sowie die Naivität hinter dieser Vorstellung konkret-sinnlich nachvollziehbar macht. Dass er dabei noch methodentransparent ist, weist ihn nicht nur als Glanzstück des 90s-Postmodernismus aus, sondern macht seine hybride Gestalt als selbstbewusstes Schund-Cash-In, das mehr ist als ein Schund-Cash-In, deutlich.

Both Ways
(Jerry Douglas, USA 1975) [DVD, OF]

großartig

Ich hatte einige Schwierigkeiten herauszufinden, mit wem ich es hier zu tun hatte. Es gibt beispielsweise eine Montage, wo Hauptfigur Donald (Gerald Grant) im ständigen Wechsel Sex mit seiner Ehefrau (Andrea True) und mit seinem Liebhaber (Dean Tait) hat. Seine Zerrissenheit, wie sein Liebesleben, das sich in einem ständigen Wechsel befindet, kommen hier zum Ausdruck. Und je schneller sich das Karussell drehte, desto mehr schienen sie sich zu überlagern. Als Ende der Montage erwartete ich die Pointe, dass er eine Sexpraktik am falschen Ort vollziehen würde, dass seine Frau hochschrecken würde und Zweifel gesät wären. Solch ein etwas gemeiner Spaß ist in BOTH WAYS aber nicht möglich. Denn es handelt sich um einen grundgutmütigen Film.
Sehr klare, reduzierte Bilder, die manchmal ins Abstrakte reichen, lassen eigentlich nur Platz für die Menschen. Der Sex ist meist kurz und kollagenartig. Zusätzlich ist er zuweilen von american gothic-Bildern einer älteren Haushälterin unterbrochen, deren scheinbare Missbilligung ein urteilendes Über-Ich in die Liebe trägt. BOTH WAYS ist weniger ein Porno, als er ein Drama ist, wo die Überwindung zur gleichgeschlechtlichen Liebe die Überwindung eines Harvard-Absolventen ist, mit einem Yale-Studenten zusammenzukommen – der Harvard-Krug wird später auch zur Mordwaffe werden. Wenn BOTH WAYS also ein grundgutmütiger Film ist, dann ist er noch extra traurig, weil er auch mit einer solchen sensiblen Einstellung zu seinen Figuren kein Happy End finden wird.

Donnerstag 03.01.

L’osceno desiderio / Obscene Desire
(Giulio Petroni, I/E 1978) [35mm]

gut

Dornige Blätter, die wie Stierhörner aussehen und durch den Kameraschwenk zumindest den Eindruck erwecken, als ziehen sie sich aus aufgespießten Leuten heraus; ein Anthropologe, der ab irgendwann mit aller Selbstverständlichkeit der Welt plötzlich Pfarrer ist; ein Pfarrer, der nach einer auf ihn gespuckten Oblate schreiend wegrennt, weil die Besessene dieser ROSEMARY’S BABY-Version, die mit DER EXZORZIST minimal gekreuzt wird, sich nicht sofort retten lässt und aller Glaube von ihm abfällt: All das und mehr sind die Schauwerte in einem Film, der (er selbst und vor allem seine Sexszenen) am besten durch die Leinwandpräsenz des Anthropologen/Pfarrers beschrieben ist. In jeder ihn beinhaltenden Einstellung sieht er aus, als sei er gerade hineingetrübt und versuche mit seiner verkrampften Lässigkeit seine Anwesenheit zu rechtfertigen, wo er sich doch ständig fehl am Platz zu fühlen scheint.

Der Pornojäger – Eine Hatz zwischen Lust und Politik
(Peter Heller, BRD 1989) [16mm]

großartig

Martin Humer hat eine Obsession für Pornos, die in Räumen voller unzählige Ordner katalogisiert sind, die als Beispielmaterialen selbst auf dem Klo bereitliegen oder die als Magazine oder Videos auch sonst eine ständige Präsenz in seinem Alltag darstellen. Durch den ständigen Kampf gegen das Objekt der Begierde drückt sie sich aus, als Über-Ich-Kontrollzwang, vor dem das Objekt der Begierde als Beweismittel für den Staatsanwalt getarnt ist.
Peter Heller – durch die Einführung vor dem Film per Remix einer Handynachricht als äußert seriöser Charakter gezeichnet – dokumentiert den Kampf des Martin Humer und die Gegenwehr seiner Widersacher indem er ihnen Platz lässt. Die Schnitte und die fortlaufende Entwicklung der Doku, die immer weiter Erkenntnisse wie Twists in den Fluss des scheinbar Offensichtlichen bringt, formen das Dokumentierte zwar, in den Bildern lässt er den Protagonisten aber Platz. Meist damit sie sich selbst dem Spott preisgeben und ihre gierige Selbstgerechtigkeit offenbaren – gezeigt wird ein Krieg, der nur Verlierer zu kennen scheint – manchmal aber auch, um sie in Momenten der Kontemplation zu zeigen. Und gerade Humer ist es, der dieses Vorrecht erhält. Ein Mann voll ätzender, widerlicher wie widerspruchsvoller Rhetorik wird gezeigt, wie er in die Ferne schaut und sinniert. An dieser Stelle scheint der Blick auf ihn geradezu sanft und öffnend: Welche Position mag einer, der nur in Parolen redet, in einem solchen Moment zu sich einnehmen? Das ist vll. die dringlichste Frage von DER PORNOJÄGER.

City of Sin / Ashley – Sattelfest in allen Betten
(Henri Pachard, USA 1991) [35mm]

ok

Die Nebenfigur Johnny sagt in CITY OF SIN, dass nichts wichtiger ist als Sex. Seine Verhaftung und Freilassung, durchaus bedeutende Brennpunkte der Handlung, sind deshalb auch gleich gar nicht zu sehen. Stattdessen eben Kopulation. Die Handlung, so narrativ CITY OF SIN auch ist, spielt kaum eine Rolle und hat lediglich einen Hauch von melancholischer Romantik, sowie eine faszinierende Definition von Luxus. Den ach so wichtigen Sex fand ich aber nicht unbedingt sehenswerter. Christoph meinte danach, dass er ihn nachahmenswert finde. Sicherlich, CITY OF SIN war nicht darauf fixiert, alle Stellungen bei jedem Akt durchspielen zu lassen, und es wurde sich auch nicht auf ständige Detailaufnahmen versteifte. Seinen Körpern bot er in ihrer Gänze Platz. Hinzukommt, dass der erste Penis auf sich warten ließ und auch noch schlaff war. Es stimmt schon, menschlicher war der Sex als die handwerkliche Standardware in vielen Pornos, aber eben doch vor allem motorisch.

Le diciottenni / Ein Mädchen von 18 Jahren
(Mario Mattoli, I 1955) [35mm]

großartig

Die Normalität des Faschismus der Erziehung als Komödie, die den Cha-Cha-Cha tanzt und die Engstirnigkeit der Erwachsenen wie aus einem Comic aussehen lässt. Sie sind ehemalige Soldaten, die bizarr von damals schwärmen, schnellredende Väter, die sich selbst nur allzu gerne wiedersprechen, Napfkuchen und Glöckchen. Ihnen gegenüber junge Frauen, die nach sich suchen. Poesie ist der Dünger für’s Gemüt, ist ihr Leitspruch.

Wu fa wu tian fei che dang / Die Wilden Engel von Hong Kong
(Kuei Chih-Hung, HK 1976) [35mm] 2

radioaktiv

Am Ende werden alle Leichen, die die Handlung produzierte, jeweils in einer Einstellung nochmals festgehalten. Bedacht schaut DIE WILDEN ENGEL VON HONGKONG nochmal auf seine eigene Bedenklichkeit zurück. Von Anfang an ist DIE WILDEN ENGEL VON HONGKONG Exzess und Gewalt. Und doch schafft er es, sich nur langsam und geradezu gemütlich zu steigern, bis, ja bis er das Inferno geworden ist, das von Beginn an zu erwarten war. Versuche eine Erklärung für das Massaker zwischen einer Motorradgang und Urlaubern auf einer abgelegenen Insel (wie Klassenunterschiede und Herablassung) sind nur windige Scheinargumente. Es ist ein existentielles Erlebnis von Alphamännchentum, wo ab einem gewissen Grad nur noch Gewalt zu erwarten ist.
*****
Als ich ihn das erste Mal sah, ging ihm der Ruf eines schmierigen Megaerlebnisses voraus. Ich hatte mich auf gute Laune eingestellt und nichts in der Richtung bekommen. Stattdessen eine düstere, asoziale Grenzerfahrung. Jetzt wo ich darauf vorbereitet war, was kommen würde, konnte ich ihm gleich viel mehr abgewinnen.

Hot steps – passi caldi / More Than Feelings
(Gerry Lively, I/USA 1990) [VHS 2k, ≠]

fantastisch

Das Unentschieden: Von zwei rivalisierenden Tanzgruppen erzählt HOT STEPS. So heftig die Streiche und Konkurrenzkämpfe aber auch sind, so lebt der Film von werbefilmartigen Versöhnungen. Die Konflikte werden einer unkaputtbaren Menschlichkeit untergeordnet, was dem Ganzen ein leichtes Strahlen gibt (ein radioaktives und eines der strahlenden Zähne beim Lächeln). Und weil alle vor einem Hass bis aufs Blut zurückschrecken endet alles immer in einem schiedlich-friedlichen Unentschieden.
Paradox der Farben: Alles in HOT STEPS sieht warm aus und scheint die gleiche Temperatur des Ausgleichs zu Verkörpern. Das Blau ist das der Himmel eines strahlenden Sommertags, das nicht von drückender Hitze spricht, sondern von erfrischenden Winden in dieser, wie das Rot die umschließende, nicht zu heiße Wärme des Abendrots eines ebensolchen Tages ist.
Die Blicke: Relativ früh gibt es einen wohl bald in die Pubertät kommenden Jungen, der von seinem Skateboard fällt. Beim Aufstehen folgt sein Blick und für ihn einstehend die Kamera dem Körper einer vor ihm stehenden Frau (Dianne Granger) – von den Füßen bis zum Gesicht hinauf. Der Junge trägt dabei das Spielberggesicht als erster von vielen, die hier mit Sex konfrontiert werden. Wobei der Sex vor allem unverhohlen im Tanz zu sehen ist. In sich räkelnden Körpern, die ihrer schon sexualisierten Oberfläche noch einen zusätzlichen Schub aus Berührungen, Umschlängelungen und Körperflüssigkeit (Schweiß) geben. Das Geschlechtliche lässt hier fast durchgängig staunen und zieht die Leute aus sich heraus. Ein Vater bestaunt beispielsweise (fast) sabbernd seine Tochter, bis er sie erkennt. Die Tochter wiederrum tritt zu Beginn durch einen Spiegel in einen verspiegelten Raum, der sie, die sie Sex in ihrem Leben aufkeimen spürt, mit einem küssenden und tanzenden Paar in Verbindung setzt. Die Spiegel realisieren ihre Sehnsüchte und lassen sie wie Gedankenblasen sie umkreisen. Diese Blicke sind Ausdrücke einer Phantasie, eines Hineindenkens. Die Möglichkeiten des Selbst sprießen in ihnen.
DIRTY LOVE: In vielerlei Hinsicht ähnelt dieses Produkt von Joe D’Amatos Filmirage seinem DIRTY LOVE. Der Tanz, das Laufen, das Fahrrad als Symbol der Unabhängigkeit, der Sieg des Gefühls/der Naivität über das Handwerk, aber alles ist etwas mehr auf Hochglanz getrimmt, weshalb es nicht verwundert, dass die männlichen Figuren wie Teil der New Kids on the Block aussehen.

Mittwoch 02.01.

Therese & Isabelle
(Radley Metzger, NL/F/BRD/USA 1967) [35mm]

großartig

Dort wo Ebenmaß und Pracht,
Sinnenlust und Frieden lacht.

Ein Gedicht von Charles Baudelaire spielt in diesem Liebesfilm eine zentrale Rolle. In ihm läuft zumindest mein Verständnis von THERESE AND ISABELLE zusammen. Leider kann ich aber nur erahnen, um welches Gedicht es sich handelt. Sicher bin ich mir nur, dass das Wort Ebenmaß wiederkehrend verwendet wurde. Und damit spricht nach einer kurzen Recherche alles für L’INVITATION AU VOYAGE, bzw. richtiger für AUFFORDERUNG ZUR REISE, also die Nachdichtung von Carl Fischer.
Bei meinem knappen Forschen im Internet habe ich auch gleich eine einzelne Seite in der Buchvorschau von ÜBERSETZUNGEN UND IHRE GESCHICHTE gefunden, wo die Umdichtungen Stefan Georges und Fischers eben dieses Gedichtes als Zeugen dafür herangeführt werden, dass es unmöglich ist Lyrik zu übersetzen. Die Verschiebungen, die die Übersetzung zwangsläufig mit sich bringt – und THERESE AND ISABELLE war nunmal in der deutschen Synchronisation zu sehen – scheint aber nicht das Entscheidende für mich anzugreifen. Aber Baudelaire will »volupté« mit »calme« verbinden, als Gefühlseinheit, zum Beispiel zärtliches Nebeneinanderruhen statt großer Leidenschaftsstürme, schreibt Werner Ross in besagtem Buch auf besagter Seite. (Seinen vollständigen Artikel habe ich leider (noch) nicht finden können.) Auch da möchte THERESE AND ISABELLE hin … und zwar mit dem von Fischer als Ebenmaß übersetzten ordre.
Als ich nun dieses Wort vermehrt und rhythmisiert hörte, da fiel mir auf, worauf ich bei den Filmen Radley Metzgers bisher nicht deuten konnte … und was mich verwirrte. Denn Metzger ist nicht weniger als der eloquente Bruder Jürgen Enz‘ und Formalismus ist es, welche die Verwandtschaft herstellt. Bei Metzger ist der Formalismus sicherlich viel, viel lebendiger, aber auch bei ihm ist er eine Krücke. Sex wird in Statuenhaftigkeit aufgelöst … oder in Paul Morrissey Dokubanalität, wo die Kamera auf Thereses Gesicht hält und lediglich das zwangsläufige Crescendo der Musik von ihrem inneren Beben kündet. Den Film eröffnet eine Sequenz, in der Therese (Essy Persson) als erwachsene Frau in ihr altes Mädcheninternat zurückkehrt. Sie wird dabei zunehmend von ihren Erinnerungen überwältigt und ihre Phantasie beginnt die Bilder zu überschreiben, die sie und wir sehen. Erst sind es Töne, die sich über die Orte legen, langsam werden sie aber von Leuten bevölkert, die dort schon lange nicht mehr sind. Die Trennung zwischen Innerem und Äußerem wird in THERESE AND ISABELLE also sehr bewusst gesetzt … beim Sex wird diese Grenze aber nie überschritten. Lust bekommt keine Subjektivität, sondern ist immer Objekt. Ein Objekt, dass sich in einer Vase spiegeln muss, um nicht zu deutlich und ordinär vor uns zu stehen, oder das in einem Gesicht gesucht werden muss, wie in Warhols BLOW JOB.
Das Lyrische des alles begleitenden Off-Kommentars der alten Therese vergeistigt dies dann noch zusätzlich. Da wo Enz gerade nicht vor Drastik zurückschreckt – mit der Verkalauerung von Sex und dessen ungeschönter Dokumentation in seinen formalistischen Welten – da wird sich bei Metzger doch anschmiegsam an ihn herangetraut, aber eben nur so. Jede körperliche Erfahrung wird in Ebenmaß und Pracht übersetzt. Von den Worten und den Bildern. Das der Besuch eines Stundenhotels den Tiefpunkt der Beziehung zwischen Therese und Isabelle (Anna Gaël) darstellt – die Liebesgeschichte der beiden Internatsschülerinnen wird von dem nach ihnen benannte Film erzählt –, mag kaum überraschen. Hier suchen sie die Ferne der ständigen Überwachung durch Lehrer und Mitschüler, finden aber nur Indikatoren der Derbheit von Sex. Den Schwärmereien einer verzichtvollen Jugend entspricht dieser Ort nicht. Sex ist hier Dienstleistung und (für die Lust) funktionalisierte Tätigkeit. Das Bett und der Raum sind nicht schön, sie sind Nebensache für etwas, das alles überstrahlen soll. THERESE AND ISABELLE und vor allem seine Erzählerin, Therese, brauchen aber eine kitschige Romantik, die die Lust bändigen soll. (Thomas G. hat im Gespräch nach dem Film, als ich dies auch schon skizzierte, Ingmar Bergman auf die geistige Verwandtschaftslandkarte gebracht.)
Das Ende bringt dann den Schicksalsschlag mit dem Fallbeil. Die Jugend und das jugendliche Sehnen nach einem reinen Sex, dem THERESE AND ISABELLE ein Denkmal setzt, es bekommt hier seinen unwiederbringbaren Verlust. AUF DER SUCHE NACH DER VERLORENEN UNSCHULD wäre auch ein schöner Titel für einen Film gewesen, wo beispielsweise auch immer wieder inzestuöse Assoziationen präsentiert werden, die aber nur Aufblitzen und in der Dramaturgie der Geschichte keinen Widerhall finden – so sieht Isabelle Thereses Mutter erstaunlich ähnlich und im direkten Anschluss an den ersten Sex mit einem Mann, ist Therese das einzige Mal im Film ihrem Stiefvater gegenüber aufgeschlossen – zumindest kurzzeitig.

Die Totenschmecker
(Ernst Ritter von Theumer, BRD 1979) [35mm]

fantastisch

Auch bekannt als DER IRRE VOM ZOMBIEHOF oder DAS MÄDCHEN VOM HOF. Mal davon abgesehen, dass der eigentliche Titel sensationell gut ist, wäre vll. ALPIN CHAINSAW MASSACRE der passende Titel gewesen. Die Wiederveröffentlichungstitel versprechen entweder zu viel Drastik oder zu viel Heimatfilm (bzw. zu wenig ROSEN BLÜHEN AUF DEM HEIDEGRAB).
Es wird die Geschichte einer Bauernfamilie erzählt, die durch unglückliche Umstände (vor allem durch ihren tief sitzenden Rassismus und ihre unnachgiebige Nach-unten-tretet-Kultur) eine Sinti-Familie tötet und deren Leichen um jeden Preis verschwinden lassen möchte. Dramaturgisch ist immer wieder eine Rachegeschichte oder ein Sieg der Moral zu erahnen, aber nichts davon wird kommen. Deutsche, die ihre Leichen verstecken, die sie im Wasser versenken und im Feuer verbrennen, es wird nicht verwässert.
Die alpinen Panoramen zwängen sich in dreckigen und grobkörnigen Einstellungen in die Handlung. Eine Idylle gab es hier nie, nur Wald und die Schatten darin. Jesusbilder hängen über den Köpfen und schützen manche tatsächlich vor Niedertracht, aber meist sind sie wie der Hohn im Angesicht des Geschehens. So ruhig, gleichmäßig und zielstrebig die Handlung auch abläuft, am Ende ist alles (im) Wahnsinn (gefangen).

(Cool It, Carol! /) Die Liebesmuschel
(Pete Walker, UK(/BRD) 1970) [35mm]

verstrahlt

Wie DIE LIEBEMUSCHEL seine Charaktere in ihrer Dummheit belässt, wie ihnen keine Entwicklung geschenkt wird und sie sich immer weiter von ihrer schmerzhaft naiven Weltsicht (selbst-)verletzen, das ist geradezu satanisch. Der frohe Anfang, wenn Carol (Janet Lynn) und Joe (Robin Askwith) – eine junge Frau, die aus dem Geist der Zeit von sich denkt keine Hemmungen zu haben, und ein junger Mann, der seine eigene Normalität mit beständiger, unendlicher Aufschneiderei überspielt –, wenn diese beiden also nach London gehen und dort nach Arbeit und einem Leben suchen, dann ist DIE LIEBESMUSCHEL Tendenzstahl. Ein hippes, fröhliches Nichts. Die Höhepunkte der zunehmenden Tiefschläge, die der Film für seine Protagonisten bereithält, wenn sie gleichzeitig zum Supermodel, zur Edelprostituierten und Pornodarstellerin geworden ist, die sich zunehmend die Wahrnehmung der Grenzen ihrer Hemmungen wünscht, und er ihr Manager und Zuhälter, den jeder mit klarem Verstand nach zwei Minuten gefeuert hätte, diese Gipfel der Niedertracht des Films sind rauschhaft und sensationell schäbig. Unansehnliche Männer in einer surrealen Hölle sind hier wunderbar verewigt, wie der englische Gentleman, der neben dem Bett sitzt, in dem gerade der erste Porno der beiden gedreht wird, der nur mit stiff upper lip seriös schaut und sich den Schweiß von dieser leckt. Dieses Pop-Art-London mit seiner Pop-Art-Abrechnung einer hippen Szene wird aber nur von der Dummheit der Hauptfiguren gespeist und zerfällt eben in einen langen, unerträglichen Fluss, der nur in seinen Spitzen, in seiner offen ausgelebten Abartigkeit zu sich findet. Kredenzt in dieser deutschen Fassung zudem mit Nachdrehs von Sex, die wie zu lange dauernde unterschwellige Werbung hereingeschnitten werden und irgendwie gar nichts mit dem Film zutun haben wollen.

Dienstag 01.01.

Derrick (Folge 158) Mordfall Goos
(Franz Peter Wirth, BRD 1987) [DVD]

gut

Ein Mann aus bedeutender Familie (Martin Benrath) heiratet in zweiter Ehe eine Schaustellerin (Irene Clarin). Als ein Anschlag auf ihr Leben geschieht, liegt es nahe, die Schuld beim kalten Vater, einem ehemaligen Konsul (Martin Held), und dem Bruder, einem vielbeschäftigten Industriellen (Robert Atzorn), zu suchen, die aus ihrer Abneigung und ihrer Angst um den Familiennamen keinen Hehl machen. Dem gegenüber stehen eine verschworene Zirkusfamilie und ein eifersüchtiger Kunstschütze.
Es gibt kaum etwas in MORDFALL GOOS, dass es nicht schon besser in DERRICK gab … was die abscheulichen Snobs nicht weniger sehenswert macht. Schön ist aber die Familienkonstruktion der Goosens. In kleinen, dezenten Momenten scheint es ganz klar zu sein: Der ältere Sohn ist der Favorit des Vaters, der sich deshalb das Sein als Schwarzes Schaf auch leisten kann, während der kleine Bruder sich abrackert, um vom Vater geliebt zu werden. Einmal fragt der Vater, welcher seiner Söhne da am Telefon sei: Thomas oder der andere. Wie eine solche kleine Bemerkung und deren ganz sacht eingesetzten Dopplungen auf eine ganze Handlung ausstrahlen können, ist schon super.

Derrick (Folge 159) Fliegender Vogel
(Wolfgang Becker, BRD 1988) [DVD]

verstrahlt

Kitschige Bilder von Pferden und Vögeln hängen über dem Bett von Bettina (Dana Vavrova). Es braucht nicht die Psychologin der Folge, Dr. Kordes (Christiane Hörbiger), um den Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit aus diesen Bildern zu lesen. Das Gefängnis, in das FLIEGENDER VOGEL seine Hauptdarstellerin einzwängt, ist aber nicht die Haftanstalt, aus der sie zu Beginn entlassen wird – sie hat dort eine Strafe für ihren Zuhälter Wilke (Claude-Oliver Rudolph) abgesessen. Vielmehr sind es die Szenen, in denen Wilke und Derrick/Kordes über ihren Kopf diskutieren und das Beste für sie beanspruchen. Um ihren freien Willen ginge es und sie solle entscheiden, ob sie in der Obhut ihrer Bewährungshelferin Kordes bleibt oder in die von Wilke wechselt. Es ist beklemmend, wie beide Seite über ihren Kopf hinweg reden und sie kein Wort herausbringt. Erst die Liebe wird dies ändern können und Wilke eines Besseren belehren, der eiskalt meinte, dass sie so etwas wie einen freien Willen gar nicht hätte.
Aber das und Claude-Oliver Rudolphs sensationelle Assigkeit sind es gar nicht, was FLIEGENDER VOGEL so entgleisen lässt. Das Thema um Fürsorge und Selbstbestimmung spiegelt sich in einer ewig singenden Gruppe der Heilsarmee, die durch das Rotlichtmilieu zieht und vor Wilkes Wohnungstür probt … denn der Kopf dieser christlichen Fürsorger ist ausgerechnet Wilkes Bruder (Gert Burkard). Der selbstgerechte Kampf um die Seele Bettinas wird folglich derart sekundiert, dass FLIEGENDER VOGEL noch zur Abhandlung über christliche Nächstenliebe wird. Mal wieder des Wahnsinns fette Beute.