STB Robert 2019 I

„I’ve been around so long, I knew Doris Day before she was a virgin.” (Oscar Levant)


Wertung: Ich kann nichts mit Zahlen zur Bewertung anfangen. Deshalb gibt es hier ein System der euphorischen Aufnahme des Films. In Zahlen übersetzt wäre es wohl ungefähr: fantastisch 10 – 9 / großartig 9 – 8 / gut 7 – 6 / ok 6 – 4 / mir zur Sichtung nichts sagend 4 – 3 / uff 2 – 1 / ätzend 1 – 0. Diese Skala ist mit der Qual verbunden, Filme in eine lineare Skala zu quetschen. Deshalb hat die Wertung eine Y-Struktur für freieres Atmen. So kann ein Film eine Wertung der Verstörung erhalten: radioaktiv 10 – 9 / verstrahlt 9 – 7. Wertungen in Klammern verweisen auf das ein oder andere Nickerchen beim Schauen.

Legende: Ist im Grunde selbst erklärend. Wenn hinter der eckigen Klammer eine Zahl steht, dann gibt sie die Anzahl der Sichtungen wieder. Je höher die Zahl, desto mehr ist sie geschätzt. Da ich mit Fernsehen und Kino aufgewachsen bin, wo nur gekennzeichnet wird, wenn ein Film nicht in deutscher Sprache läuft, tue ich das schändlicherweise auch. (OmU=Originalfassung mit Untertiteln, OmeU=Originalfassung mit englischen Untertiteln, OF=Originalfassung, EF= englischsynchronisierte Fassung, OZmeU=Originalzwischentitel mit englischen Untertitel) Hinzu kommen die Zeichen ł, wenn der Film gekürzt war, und ≠, wenn ich mitbekommen haben sollte, dass das Format nicht hinhaute. Ein kleines K hinter einem Titel bezeichnet einen Kurzfilm (bis 25 Minuten), während ein kleines M einen mittellangen Film (26 bis 65 Minuten) kennzeichnet.


Vorangegangene Sehtagebücher:
2012/II | 2013/I | 2013/II | 2014/I | 2014/II | 2015/I | 2015/II | 2016/I | 2016/II | 2017/I | 2017/II | 2018/I | 2018/II

April
Donnerstag 18.04.

Deja Vu / Déjà Vu – Wettlauf gegen die Zeit
(Tony Scott, USA/UK 2006) [blu-ray, OmeU] 3

fantastisch +

Reflections in a Golden Eye / Spiegelbild im goldenen Auge
(John Huston, USA 1967) [DVD, OmfU] 2

fantastisch

Mittwoch 17.04.

Herz aus Glas
(Werner Herzog, BRD 1976) [blu-ray] 2

fantastisch +

The Taking of Pelham 123 / Die Entführung der U-Bahn Pelham 1 2 3
(Tony Scott, USA/UK 2009) [blu-ray, OmeU] 2

fantastisch

Picnic at Hanging Rock / Picknick am Valentinstag
(Peter Weir, AUS 1975) [blu-ray, OmeU] 2

fantastisch

Jiang hu er nü / Asche ist reines Weiß
(Jia Zhangke, CHN/F/J 2018) [DCP]

großartig

Dienstag 16.04.

All About Eve / Alles über Eva
(Joseph L. Mankiewicz, USA 1950) [blu-ray, OmeU]

großartig

Mr. Deeds
(Steven Brill, USA 2002) [DVD, OmeU]

gut +

Montag 15.04.

Bara no Sôretsu / Funeral Parade of Roses
(Matsumoto Toshio, J 1969) [DVD, OmeU] 3

fantastisch

Sonntag 14.04.

Man Without a Star / Mit stahlharter Faust
(King Vidor, USA 1955) [DVD, OF]

fantastisch

Shazam!
(David F. Sandberg, USA 2019) [DCP]

nichtssagend

The Neon Demon
(Nicolas Winding Refn, DK/F/USA/UK 2016) [blu-ray, OmU]

großartig +

Sonnabend 13.04.

Derrick (Folge 185) Judith
(Zbynek Brynych, BRD 1990) [DVD]

verstrahlt

It Happened One Night / Es geschah in einer Nacht
(Frank Capra, USA 1934) [blu-ray, OmeU]

großartig

Salt and Fire
(Werner Herzog, D/F/MEX/BOL/USA 2016) [DVD, OF]

radioaktiv

Karla
(Herrmann Zschoche, DDR 1965) [DVD]

gut

Freitag 12.04.

Derrick (Folge 184) Tödliches Patent
(Horst Tappert, BRD 1990) [DVD]

ok

Tapperts Regiearbeiten werden zunehmend launig. Manchmal scheint etwas wie Vision für Stimmungen vorzuliegen, oft schleppt es sich aber uninspiriert herum. Nur wenn er sich selbst als Derrick inszeniert, der in dieser Folge kaum anwesend ist, dann lässt er dessen Sinnieren über die Übel der Welt völlig ins Oberlehrerhafte abgleiten. Es kann der Eindruck gewonnen werden, dass er seine Figur nicht mehr so ganz mag.
Die für Reinecker-Dialoge typischen Wiederholungen sind hier teilweise in einer Echokammer gefangen: Dr. Spitz. – Dr. Spitz? – Dr. Spitz!

Donnerstag 11.04.

Derrick (Folge 183) Kein Ende in Wohlgefallen
(Theodor Grädler, BRD 1990) [DVD]

gut

Manchmal wäre ein anderer Drehbuchautor doch ganz gut gewesen. Wiedermal geht ein Hinterbliebener los, um sich auf seine Art zu rächen. Kaum geht es los und schon scheinen wir in Reineckers Treibsand aus bekannten Ausgangssituationen festzustecken.

Mittwoch 10.04.

The Beach Bum / Beach Bum
(Harmony Korine, USA/CH/UK/F 2019) [DCP, OF]

großartig

Die größte Enttäuschung von STAR TREK: TREFFEN DER GENERATIONEN war für mich immer der Nexus, eine – so wird uns zumindest erzählt – suchterzeugende Welt, die Captain Kirk gefangen hält. Die Vision dieser Welt ist im Film aber hohl, langweilig und äußerst öde. Captain Kirk daraus zu befreien, ist keine Aufgabe, sondern einfach nur die Rückholaktion eines gelangweilten Abenteurers. Harmony Korine ist ja mglweise Trekkie und ebenso enttäuscht von diesem Nexus und wollte diese sirenenhafte Falle völlig neu entwerfen, als er mit THE BEACH BUM eine nichtige, oberflächliche Welt schuf, die wohl nur bedröhnt nicht angsteinflößend wirken kann.
Mglweise wird aber auch das Bindeglied zwischen HG Wells‘ Gegenwart und der Zukunft von DIE ZEITMASCHINE geboten, in der eine infantile Welt zu sehen ist, wo niemand mehr Konsequenzen kennt. Die westliche Welt auf dem Weg zu den Elois. Ein dauerbekiffter Poet, Moondog (Matthew McConaughey), macht, was er möchte und das nicht besonders überzeugend, und wird dafür – größtenteils – geliebt. Nur dem Ernst der Situationen stellt er sich nie. Tod, Armut, Verstümmelungen, das Enttäuschen der ihn Liebenden: Nichts dringt zu ihm durch den Nebel vor. Alles ist nur ein Witz. Es mag gewiss etwas Befreiendes darin liegen. Das Kichern, welches Matthew McConaughey ans Ende seiner meisten Sprechbeiträge setzt, wird aber mit der Zeit zum beißenden Sinnbild dieser Unfähigkeit etwas zu verarbeiten. Irgendwann, wenn Moondog von einem Jamaikaner begleitet wird, der ständig Joints raucht, die so große wie Unterarme sind, dann gewinnt THE BEACH BUM spätestens eine BRASIL-artige Qualität, nur dass der Realitätsverlust nicht als solcher (allzu offensiv) aufgeklärt wird.
So vage dieses hin und her wabernde, dieses hyperhedonistische Nichts gehalten wird – zeitliche und räumliche Grenzen verschwimmen, die Sinne der gebotenen Wahrnehmung scheinen übersteuert wie betäubt –, so vieldeutig ist es. Ist es nur ein kruder Spaß, gesellschaftlich treffender Kommentar, Traum oder Alptraum, kindisch oder elaboriert: Am Ende ist es die simple Einfach- wie Eintönigkeit, die alles effektiv zersetzt und offen für Projektionen macht.

Montag 08.04.

Elf / Buddy – Der Weihnachtself
(Jon Favreau, USA 2003) [blu-ray, OmeU]

gut +

Will Ferrell naivstes, weltfremdestes Ich – ein Mensch, der am Nordpol als Elf aufgewachsen ist, der sich für einen Helfer Santas hält und der sich nur von Sirup, Zucker und ähnlichem ernährt – wird auf ein zynisches, vorweihnachtliches New York losgelassen. Größtenteils ist es die Essenz der ferrellschen Karriere. Dann kommt aber unerwartet eine harte Wende, wo ELF plötzlich ein vollwertiger Weihnachtsfilm sein möchte. Aber nicht mit den märchenhaften, verschenkten Figuren der nordischen Phantasiewelt, sondern mit einer in die Länge gezogenen und trotzdem viel zu überstürzten Beschwörung von Weihnachtsgefühlen bei den New Yorkern. Aber vll. ist es sogar der spannendste Moment des Films. Ein Männchen mit vom Zucker übersteuerten Gefühlen verliert den Schutzmantel seiner Naivität und wird suizidal, ein Mann, der sich lediglich um seine Karriere kümmert, wird geläutert: Das, was mglweise schon immer in ihnen lauerte, bricht sich Bahn und die Karikaturen sind plötzlich nicht mehr nur mit sich identitär. Dazu: Wenn ELF nun alles geradezu zynisch mit Weihnachtsgeist füllt, dann ist er plötzlich holprig und ungemein unentspannt. Trotzdem hätte ich lieber mehr von der Essenz gehabt.

Gangsters ’70 / Gangster sterben zweimal
(Mino Guerrini, I 1968) [dvd]

gut

Männer über ihren Zenit, die es sich nochmal richtig beweisen wollen und von Anfang bis Ende einfach nur scheitern. Der forschen Kamera zum Trotz: Ein trostloser Film.

Sonntag 07.04.

Astérix: Le secret de la potion magique / Asterix und das Geheimnis des Zaubertranks
(Alexandre Astier, Louis Clichy, F 2018) [DCP]

gut

Viel spricht gegen diesen neuen ASTERIX-Film. Zu sehr macht er es sich auf alten Gags bequem – die Piraten werden doch ein-, zweimal zu oft ins Meer versenkt. Der Plot und die Botschaft sind nach wenigen Minuten auch von den Kindern neben mir verstanden. Ideologisch finde ich es schade, dass die Liebe von Miraculix für Nutzloses am Ende einem Sinn zugeführt wird. Und so weiter und so fort. Am Ende ist es aber wie mit dem seltsamen TRANSFORMERS-artigen Endkampf: Er verschwindet schnell wieder und war nur für einen kurzen emotionellen Kick da. Ansonsten möchte ASTERIX UND DAS GEHEIMNIS DES ZAUBERTRANKS aber kein großer, epischer Film sein, sondern eine entspannte, eigenwillige Kaffeefahrt durch eine Welt, die durchaus an die von Goscinny und Uderzo erdachte erinnert. Nach Jahrzehnten von scheußlichen ASTERIX-Filmen – ab inklusive HINKELSTEIN – ist das allein schon eine Erleichterung.

Sonnabend 06.04.

Die Geierwally
(Hans Steinhoff, D 1940) [blu-ray]

verstrahlt +

Kochende Emotionen und Unbequemlichkeit bestimmen DIE GEIERWALLY. Fast jede Unterhaltung der tragenden Figuren endet in Geschrei. Die anfänglich launigen Schlägereien werden recht bald in brutale Züchtigungen mit Holzscheite überführt. Dazu eine mal einengende, dann gleich ganz lebensfeindliche Landschaft. Wolken und Nebel verhängen die Berge, Wälder und Schneelandschaften. Mystisch sieht es zuweilen aus. Es ist also kein Wunder, dass bald Berggeister in ihnen verortet werden. Berggeister, welche die Selbstmordabsichten einer Verzweifelten bombastisch ins Bild rücken dürfen. Die Epik von DIE GEIERWALLY ist absolut. Es gibt keine Rücksicht und keinen Ausgleich. Die burschikose Bauerntochter Wally ist der ganze Stolz ihres Vaters. Todesmutig hatte sie sich als einzige getraut, das Kind eines Geiers – im Roman war es noch ein Adler – zu entwenden, auf das nicht noch mehr Schafe gerissen werden. Doch als sie nicht den vom Vater vorgeschlagenen Bräutigam wählen möchte, sondern den Bärenjosef – Tod und Vitalität der Namenpatronen – heiraten, einem Mann, der zwischen der Zuneigung zu ihr und seiner Ablehnung ihrer Unweiblichkeit schwankt, eskaliert alles. Andere und vor allem sich selbst quälen die Hauptfiguren, während die drum herum Stehenden ungläubig zusehen oder die blinde Leidenschaft noch befeuern. Es wird beständig zerfahrener, brutaler und jede Hoffnung auf ein gutes Ende führt noch in schlimmere Umstände. Die Geschichte einer emanzipierten Frau in einer von traditionellen Werten bestimmten Welt, sie ist eine Geschichte von Verbitterung und Hass. Die Geschichte von Frauen, deren bester Freund ein Geier ist, und die so geliebt werden möchte wie sie ist, auch wenn die Welt unter diesem Wunsch in Flammen aufgeht, die später völlig in den weiblichen Insignien von Macht aufgeht, sie ist eine Oper, die geil von Tod und Blutdurst lebt. Regie führte mit Hans Steinhoff ein Hundertfünfzigprozentiger Nazi, wie Georg Seeßlen im schönen Booklettext der neuen Concorde-Veröffentlichung schreibt. Es gibt diesem Film, dessen Qualitäten wohl eher gegen, als durch Steinhoffs mäßiges Regietalent entstehen, in seiner Gier nach Destruktion einen noch bitteren Beigeschmack, als es eh schon. DIE GEIERWALLY, ein Film der von Unabhängigkeit und Emanzipation erzählt, als wären es Kriege, der einem mit Stolz und Verbitterung die Seele ausreißt.

Freitag 05.04.

Victoria
(Bo Widerberg, BRD/S 1979) [dvd, OF]

großartig +

Klassenunterschiede und Stolz stehen hier zwischen der Liebe eines Müllersohns und angehendem Schriftsteller und einer großbürgerlichen Tochter. Gedreht wurde in Englisch (Mitproduzent war das ZDF) und die Schauspieler wurden nochmal Englisch nachsynchronisiert, weil ihres nicht Gut genug war. Der Sprachduktus ist dementsprechend künstlich und hölzern. Es passt aber zu dem Scheitern der Sprache in VICTORIA, wo niemand so wirklich auszudrücken vermag, was in den Bildern, in den herbstlichen Impressionen geschrieben steht.

Donnerstag 04.04.

Walzerkrieg
(Ludwig Berger, D 1933) [blu-ray]

großartig +

Wenn Anton Walbrook (bzw. damals noch Adolf Wohlbrück) als Johann Strauß seine Walzer spielt und sein Orchester dirigiert, dann steht ihm der Wahnsinn in den Augen. In ihnen steht geschrieben, dass wir einer Geschichte von Sex, Drugs und Walzer beiwohnen – nur eben ohne Sex und Drogen. Der Walzer reicht um einem die Sinne zu benebeln. Die das Geschehen umschlingende Kamera; die Noten, die Strauß in seiner ständigen Inspiration überall hin schreibt, bis er ein einziges Notenblatt ist; die schwarz-weißen Fließen am Boden des englischen Thronsaals, die durch ihre Rautenform den Protagonisten eine gewisse Verzerrung unter die Füße legen: WALZERKRIEG mag aufputschen und schwindelig machen – solange eben Johann Strauß und sein erst Protegé, dann Konkurrent Joseph Lanner (Paul Hörbiger) zum Tanz bitten. Die Liebesgeschichte zwischen Kati Lanner (Renate Müller), der Tochter des einem Konkurrenten, und dem Pauker Gustl (Willy Fritsch), der in diesen Krieg gegen seinen Willen hineingezogen wird, unterfüttert den Kampf zweier Gockel mit einer Lustspielatmosphäre. Missverständnisse gibt es, eine Liebe, die fast am Stolz der Liebenden scheitert, absurde Nebenfiguren und Entwicklungen. Zwischenzeitlich macht dies alles am englischen Königshof halt. Dort wartet eine junge Königin, die gütig und freundschaftlich an der Einsamkeit der Macht leidet. Hier versandet der Wahnsinn von WALZERKRIEG fast und macht es sich in einer Märchenwelt bequem. Aber dann kommen doch wieder die Walzer, die Inspiration, der Wahnsinn in den Augen…

Mittwoch 03.04.

Sleepless in Seattle / Schlaflos in Seattle
(Nora Ephron, USA 1993) [35mm]

großartig

Die Männer sind vom Mars, die Frauen von der Venus … bzw. hier ist es eher: die Frauen sind von der Ostküste, die Männer von der Westküste. Immer wieder Bilder von Entfernung, Trennung, Konfrontation, überhaupt Bilder, die Fronten bilden oder die so konfrontativ sind, dass sie wie Bühnen aussehen, auf denen Leute ihr Genderverständnis aufführen, immer wieder Szenen, die nach dem Trennendem zwischen Mann und Frau zu suchen scheinen. Dies ist natürlich Grundlage von einem Schmachtfetzen, der ganz romantisch in dieser Trennung keine Unmöglichkeit der Liebe zwischen Mann und Frau sieht, sondern gerade das Wunder jeder Liebe, die einem in den besten Fällen ans Herz geht. …und ein Film, wo ein riesiges Herz auf einem riesigen Phallus in der New Yorker Skyline zu sehen ist, worauf Meg Ryan ihren gefühl- bzw. testosteronlosen Verlobten sitzen lässt und schnell zum Phallus rennt.

Dienstag 02.04.

Barnvagnen / Kinderwagen
(Bo Widerberg, S 1963) [dvd, OmeU]

großartig

Eine junge Frau ist schwanger und trennt sich von ihrer Familie, von ihren Männern und von ihren Träumen. Ein – dem allem zum Trotz – beschwingter Film, dem sehr anzumerken ist, wie sehr die frühe Nouvelle Vague und die darin spürbare Aufbruchstimmung als Vorbild diente.
Mehr zu Bo Widerberg gibt es übrigens auf critic.de.

Montag 01.04.

Huies Predigt
(Werner Herzog, BRD 1981) [blu-ray]

großartig

Schneiden verboten! Vor der Fertigstellung von HUIES PREDIGT haben Herzog und seine Cutterin Beate Mainka-Jellinghaus möglicherweise ihren André Bazin intensiv gelesen. Wenn Reverend Huie L. Rogers in seiner Kirche nämlich zu einer Predigt ansetzt, dann sind zwei Kamerateams im Saal. Trotzdem lässt der erste Schnitt – nach der knappen Etablierung des Ortes – fast den halben Film auf sich warten. Dadurch wird insistiert, dass das Geschehende nicht durch Schnitt und Kamera dramatisiert wurde, sondern dass es wirklich so geschah, wie es im Film zu erleben ist. Ein Mann stellt sich auf eine Kanzel und beginnt zu sprechen. Welches Verhältnis der Apokalyptiker Werner Herzog zu dem Gesagten hat, wäre interessant, aber die Worte und ihre Botschaft, die davon sprechen, dass der Mensch ohne Gott nur Destruktion bringt – manchmal war es mir ein Bedürfnis, Huie L. Rodgers mit Luhmann auseinandergesetzt zu sehen – sie treten langsam in den Hintergrund. Rodgers steigert sich zunehmend in Ekstase und verfällt in einen geradezu spastischen Sprachgesang, wo nicht mehr die Worte zählen, sondern die Kraft der Stimme und der Überzeugung. Sprache ist in HUIES PREDIGT kein Weg um Inhalte, sondern um Gefühle und Gemeinschaft in einer Welt am Abgrund zu erzeugen. Und Herzog will nichts davon von sich erzeugt wissen.

März
Sonntag 31.03.

Paddington
(Paul King, UK/F/USA 2014) [blu-ray] 2

großartig

Letztens schaute eines meiner Kinder GUARDIANS OF THE GALAXY VOL. 2 im Wohnzimmer. Als ich gegen Ende immer mal wieder selbiges betrat, fiel mir das erste Mal auf, dass grau der Urzustand der Bilder ist, auf das vereinzelt grelle Farben darauf geleuchtet wurden. (Für Malanalogien bieten diese Farben keine Grundlage.) Wie in dem Moment in SCHINDLERS LISTE, als ein rot eingefärbtes Mädchen im schwarz-weiß auftauchte, wurden hier Farben wie Marker aufgetragen. Nur war es keine Ausnahme, sondern die Regel. Nur war die Grundlage nicht durch Kontraste bestimmt, sondern eben durch grau. Nicht in der Diegese steckend wurde mir die Hässlichkeit digitalen Color Gradings erstmals völlig bewusst.
Das Traurige ist, dass ich es wenig später bei Paddington wiedersah, wenn sich Paddington am Ende in Nicole Kidmans Klauen befindet und die Brown versuchen ihn zu retten. Gerade ein Film, der optisch voller Einfälle und Schönheit ist, hat ein solches Finale nicht verdient.

Kvarteret Korpen / Das Rabenviertel
(Bo Widerberg, S 1963) [dvd, OmeU]

großartig

War Widerbergs Erstling noch von dem überschwänglichen Jazz der frühen Nouvelle Vague gekennzeichnet, ist sein zweiter Langfilm literarischer. Nicht weil KVARTERET KORPEN von einem jungen Autoren handelt, der daran scheitert sich von seinem Vater zu lösen, nicht weil es vom Schreiben und den Veröffentlichungsversuchen seines Werk über die Sackgassen der Armen der Gesellschaft – dessen Stil der Film zuweilen nachzeichnet – geht, nicht weil eine Büste August Strindbergs auftaucht. Vielmehr wirkt KVARTERET KORPEN in seiner absichtlichen Verschleierung einfacher Informationen, die die Protagonisten kennen, aber für den Zuschauer verdeutlicht werden müssten, in seiner Verquickung von schlenderndem Impressionismus und dem ausladenden Stil der Bilder sowie in der Psychologie, die die Figuren bei aller Leichtigkeit an ihrem Geist vergiftet wirken lässt, in all dem wirkt er wie eine Verneigung vor William Faulkner. Oder anders: Im Gegensatz zu allen anderen Filmen Widerbergs, die ich kenne, wirkt dieser wie etwas, dem etwas Geschriebenes zugrunde liegt.

Freddy vs. Jason
(Ronny Yu, USA/CA/I 2003) [blu-ray, OmeU] 2

großartig

FREDDY VS. JASON ist in erster Linie ein Freddy-Film, was am ehesten daran zu erkennen ist, dass tatsächlich eine Geschichte erzählt wird. Seine Figur, deren Grauen aus dem Unterbewusstsein in Träume fließt, übersetzt schon dem Wesen nach Gefühle in Geschichten. Mit Jason, diesem dumpfen Pochen im Gedärm, dem dem Wasser entstiegenen kaum verdichteten Sumpf der Gefühle, kann sowas nicht gemacht werden. Der einzige Teil der sich daran versuchte, war dann auch mit JASON GOES TO HELL der fürchterlichste (der Reihe).
Als Endpunkt der FREITAG DER 13.-Filme ist FREDDY VS. JASON aber trotz alledem ein Vergnügen, weil Ronny Yu aus diesem an den Haaren herbeigezogenen Quatsch alles herauskitzelt, was es herauszukitzeln gibt. Am Schönsten ist, dass die Synopse von FREDDY VS. JASON immer wieder aufgesagt wird. Freddy ist vergessen, weshalb er Jason aus der Hölle holt, um durch Morde in der Elm Street wieder in die Gedächtnisse der Leute zurückzukehren und damit seine Macht wieder zu erlangen. So erklärt er sich dem Zuschauer aus dem Off zu Beginn des Films, so erklärt er sich völlig unmotiviert einem seiner Opfer und so schließen die Protagonisten laut gedacht, wie aus dem Nichts. Wie ein Marker steht es immer wieder im Film: Genau sowas schaut ihr euch gerade an.

Sonnabend 30.03.

Kärlek 65 / Roulette der Liebe
(Bo Widerberg, S 1965) [vhs, OmeU]

gut

Die Liebe in einer Welt, wo die Leute lieber Drachen steigen lassen, als sich dem cassevetisch improvisierten Drama zu stellen, das in ihren Ehen wartet. Aufgekratzt.

Jason Goes to Hell: The Final Friday / Jason goes to Hell – Die Endabrechnung
(Adam Marcus, USA 1993) [DVD, OmeU]

ätzend

Ein Film, der wie das giftige Kondensat der 90er wirkt. Sam Raimi und den Coens wird anbiedernd hinterhergelaufen und es endet alles in Aufdringlichkeit. Die hässlichen Bilder mit dem blauen Licht, dass von hinten blendend reinstrahlt, die Figuren, die vor peinlicher Coolness platzen oder in hysterischer Peinlichkeit zergehen und und und … und nichts kommt an diese Musik heran, die auf dem Keyboard entworfen wurde, um dem Zuschauer die Erfahrung einer unerträglichen, eintönigen Hölle zu bescheren.

Jason X
(James Isaac, USA/CA 2001) [DVD, OmeU]

nichtssagend

Jason im All, Jason als Cyborg. Ganz nett, nur ist er sich seiner selbst sehr bewusst, was in einer Ironie endet, die bettelt, dass JASON X nicht zu ernst genommen wird. Das Problem war vll. aber auch, dass ich von JASON GOES TO HELL noch völlig entnervt und schockgefrostet war.

Fimpen / Fimpen, der Knirps
(Bo Widerberg, S 1974) [blu-ray, OmU] 2

fantastisch

Vll. dann doch das zentrale Werk eines Regisseurs, der in allen seinen Filmen (zumindest in denen, die ich gesehen habe) Kinder vorkommen lässt. Die Kinder blicken dabei rätselnd auf die Erwachsenen, wie die Erwachsenen rätselnd auf sie schauen. Beide scheitern aneinander … und selten so komisch wie hier, wo ein 6-Jähriger Wunderfußballer Nationalspieler wird, während der gefeierte Stürmer ob so viel Talents auf unerwarteter Seite aus dem Tritt kommt. Die Gemütszustände des Scheiterns sind an dem Zustand von Teddybären ablesbar, die der entsprechende Erwachsene immer in der Hand hält, an den verwirrten Wanderungen durch Fußgängerzonen, die wie undurchdringliche Abwehrreihen auftreten, oder der Unfähigkeit zu Bärenkinderbüchern einzuschlafen, wenn das eigene, unbedarfte Leben durch den Erfolg so aus dem Tritt gekommen ist.

Freitag 29.03.

Mannen på taket / Der Mann auf dem Dach
(Bo Widerberg, S 1976) [DVD, OmU] 2

fantastisch

Vier Polizisten jagen in diesem police procedural einen Polizeimörder. Und alle vier bilden zueinander Fronten. Einmal weil es sich um zwei junge Beamten handelt, die die Weisheit mit Löffeln gefressen haben, und um zwei ältere, die von ihrem Job vor allem ausgelaugt scheinen. Der eine der Jungen ist dann nochmal hip und übermütig, während der andere die Sache ziemlich sachlich angeht. Der eine der Älteren, seit viel zu vielen Stunden ununterbrochen im Dienst, befindet sich konstant am Ende seiner Kräfte und wird doch immer wieder losgeschickt, während der andere ausschlafen kann und hier und da mal zur Massage geht. Der Job der Polizei wird so aufgespannt und bis ins Innerste und zu den Familienleben verfolgt.
So sehr sich diese Grundsituation des Films aber wie ein Konzept anhört, so lose wird es verfolgt. Unkonzentriert wird von Impression zu Impression gesprungen, die Pinseltupfer hier und da setzen und ein sehr vages Bild malen. Mit trockenem Humor verfolgt die Kamera die Absurdität und die Tristesse einer ernsten Situation. Mit Kamerafahrten, die offenbaren, dass der Hauptermittler seine Schuhe am Schreibtisch ausgezogen hat, oder mit statischen Einstellungen, die einen Polizisten beim Einschlafen zeigen, wird sich fast ausnahmslos den Menschen genähert.
Der Mord zu Beginn verläuft sehr blutig und legt kurzzeitig die Spur, dass wir uns in einem Thriller befinden. Gegen Ende, vor der Stellung des Mörders, wird DER MANN AUF DEM DACH ebenso kurzfristig ein atemloser Actionfilm. Getragen wird er aber von einem mäandernden Fluss, der zwar Spitzen von Romantik und Expressivität enthält, der aber am liebsten seinen Protagonisten in ihre Betten, ihre Erschöpfung und dem Trott ihres Seins folgt, um sie dort ganz körperlich – vor allem die Details wie der auf einen Wäscheständer geschnallte, ohnmächtigen Hauptermittler, dessen Mund eine Sprosse umschließt und die sein Gesicht verzerrt – zu erfahren.

Donnerstag 28.03.

Elvira Madigan / Das Ende einer großen Liebe
(Bo Widerberg, S 1967) [DVD, OmeU] 2

fantastisch

Sonnen durchströmte Bilder von Wald, Wiesen und zwei Liebenden bestimmen ELVIRA MADIGAN lange. Der Beginn ist ein Freudenfest einer romantischen Liebe, die mit flüchtigen Bildern im Hier und Jetzt verankert wird. Picknicks, Liebkosungen, gemeinsamer Spaß und Genuss. Goldene Grashalme streifen die Körper konstant, wie auch Rasierklingen, Messer und Sensen in den Einstellungen zu finden sind. Letztere sind nicht bloß dunkles Omen, sondern sprechen vor allem von dem süßen Schmerz, der dieses Glück ist. Absolut und irreal. Eine wundersame Wunde, die das Gras in ihre Körper zu streicheln scheint.
Von zwei Seiten wird dieses Glück aber konstant unter Druck gesetzt und in eine Geschichte gezwängt. Kurze Ausflüge weg von den Liebenden zeigen Zeugen ihrer Leben vor der Liebe und damit ihre Verfolger. Vergangenheit ist bis zum Schluss etwas, vor dem davongerannt wird. Pflichten und von außen vorgenommene Definitionen warten dort. ELVIRA MADIGAN ist nach dem Künstlernamen benannt, den Hedvig Jensen (Pia Degermark) als Zirkusartistin trägt. Er ist der Marker dieses Zuviels an Bestimmung. An Sixten Sparre (Thommy Berggren) wird als adligem Soldat auch nicht wenig an Geschichte herangetragen, die ihn bestimmen soll. Ihre Namen werden sie verbergen, wie sie die Erinnerungen an das, was war, in Form von Gedanken und Freunden nach kurzen Umarmungen wegstoßen werden. Nur das Jetzt und sie beiden zählen. Alles andere sind Kescher des Kompromittierenden, wo sich mit weniger als dem absoluten Glück zufriedengegeben wird.
Auf der anderen Seite des Films, am Ende – in seiner rückblendenlosen Chronologie ist ELVIRA MADIGAN unerbittlich und klar … und lässt das Grauen von den korrekten zeitlichen Orten angreifen –, steht die Zukunft. Spätestens wenn die ersten Münzen – stets wirken sie prekär – ins Bild kommen, wirft sie ihren Schatten, von dem was kommen wird, zurück auf das, was ist. Schon die von ELVIRA MADIGAN ganz schlicht und unaufdringlich geweckten Gedanken an das im Entstehen Befindliche ist immer schon die Dämmerung, die sich vor die zu Beginn so unbändig strahlende Sonne legt.
Viel Platz wird Hedvig gegen Ende gegeben Früchte und Ähnliches wahllos vom Waldboden zu essen, bis sie bricht und das Ausmaß des inzwischen erreichten Hungers offenbar geworden ist. Im kurzen Streit wird Sixten im dunklen, feuchten Sand der Ebbe stehen und schmollen. Es sind die romantisch aufgeladenen Bilder von dickköpfig brüskierten Träumern, die in ihrem ausgestellten Leiden die Realität tadeln. Eine Realität, in der ihre grandiose Liebe keinen Platz hatte und haben wird. Eine Realität, die dem uneingeschränkt Wunderbaren nur einen kurzen Moment der Gegenwart lässt. In ihrem pathetisch vorgetragenen Leiden offenbart sich der Makel des Wirklichen.
Da wo der Kini in LUDWIG II – GLANZ UND ENDE EINES KÖNIGS in der bombastisch vorgetragenen romantischen Anklage des Seins noch einen giftigen Dolchstoß erfährt, da bleibt dieser bei ELVIRA MADIGAN aus. Das Entschiedene wie das Reflektierte sind diesem Film fremd. Kindisch und bockig wird sich von allem abgewandt, was der luziden Schönheit die Sonne raubt, doch es bleibt alles im Ton von Impressionen. Das Kompromisslose des Films ist, dass er glücklich und wehmütig von einem Sonnenuntergang erzählt und wie vor ihm immer machtloser davongerannt wird. Der abschließende Suizid wird mit einer Texttafel dem Film vorangestellt. Der letztendliche Fluchtpunkt ist bekannt. Das Bittere von ELVIRA MADIGAN – diesem Anti-Naruse – ist, dass in ihm kein anderes Ende denkbar ist. Selbst wenn er größtenteils versucht sich der Erfüllung und der Schönheit entspannt hinzugeben, evoziert er die Auseinandersetzung mit seinem Scheitern. So wie das Glück eine Erzählung aufgezwungen bekommt, so zwingt diese Geschichtlichkeit dazu, sich vom Verweilen abzuwenden. Glück ist flüchtig und das Einzige, was einem in der Hand liegt, ist zu bestimmen, ob es langsam verendet oder ihm ein brutales Ende gesetzt wird.

Dienstag 26.03.

Friday the 13th Part VIII: Jason Takes Manhattan / Freitag, der 13. Teil 8 – Todesfalle Manhattan
(Rob Hedden, USA/CA 1989) [DVD, OmeU]

gut

Eines der ersten Opfer Jasons ist eine junge Gitarristin, die weniger an ihrem Sound interessiert ist, als an dem Image, in welchem sie diesen hat. Heißt: Statt ihr Spiel zu verfeinern, statt zu üben, sucht sie das passende Ambiente für das Musikvideo, in welchem sie sich lustvoll als Rockerin inszenieren möchte. JASON TAKES MANHATTAN ist ebenso kein Film großer Anstrengungen. Wenn sich Jason mittels einer kleinen Yacht und einem kleinen Kreuzfahrtschiff von Crystal Lake Richtung Manhattan tötet und dabei einen Schulausflug dezimiert, dann will der Film vor allem abrocken. Dass das kaum herausgearbeitete Drumherum eine schizophrene psychologische Schneise schlägt, darauf konzentriert sich der Film nie. Es scheint eher Abfallprodukt der Motive zu sein, die für den dramaturgischen Aufbau wenig durchdacht hereingeworfen werden.
JASON TAKES MANHATTEN ist dabei, wenn wir den offensichtlichen Trip in ein heruntergekommenes New York voller Junkie, Verbrecher, Hilfsverweigerer, voller Tonnen randvoll mit grünem Schleim (eine Ratte oben drauf) und nächtlichen Giftmüllspülungen durch die Kanalisation absehen, eine Variation seines Vorgängers. Ein zentrales Element wird dabei eindämmt und ein anderes eskaliert. Aus einer Traumatisierten mit übersinnlichen Kräften wird eine Traumatisierte mit nichts weiter als Angstträumen. Jason ist hier einerseits Ausdruck der erstickenden Erwartungen der (Ersatz-)Väter der Hauptfiguren, damit verwoben aber auch das Ergebnis eines tragischen Vorfalls, der Rennie (Jensen Daggett) verfolgt, bis Giftmüll das Äußere ihres Schreckgespenstes wegätzt und ein kleines hilfloses Kind unter dem gammligen Äußeren offenbart wird. Deutlicher und unmittelbarer als im Teil zuvor sind die Opfer von Jason aber Leute, die sich an Rennie, also der traumatisierten Hauptfigur, vergangen haben. Jason wirkt zuweilen wie ein Wachhund, wenn nicht gleich verlängerter Arm einer Psychose in Rennie, der nicht hinter hier her ist, sondern ihren Wunsch nach Rache auslebt. Rache an Leute, die vor allem so unbeschwert scheinen, wie sie es nicht sein kann. (Besonders schön ist dabei, dass Jason jede materielle Qualität verloren zu haben scheint. Egal, wo die Leute hinrennen, wie ein Schatten ist er stets da, wo sie ankommen.)
Eine einfache, morbid spaßige Geschichte wird erzählt. Gruselig ist es bei weitem nicht, dafür ist JASON TAKES MANHATTEN zu effektgesteuert. In den gerümpeligen Ecken dieser Erzählung wartet aber genug Kladderadatsch, um sich in ein wirres Labyrinth zu stürzen, wo Opfer und Täter ein kubistisches Gebilde ergeben.

Montag 25.03.

Derrick (Folge 182) Ein merkwürdiger Tag auf dem Lande
(Wolfgang Becker, BRD 1989) [DVD]

großartig

Nach langer, langer Zeit darf oder will Derrick mal wieder Sadist sein. Er spielt mit denen, von deren Schuld er weiß, und stellt mit einem schneidenden Lächeln Fragen, deren Unbedarftheit er immer wieder betont, die aber stets die Indizien der Schuldigkeit berühren. Und so zweideutig Derricks Spiel in den jeweiligen Situationen ist, so ambivalent ist EIN MERKWÜRDIGER TAG AUF DEM LANDE, wo alles dafür getan wird, dass der Stammtisch eines Dorfes nicht zu schuldig wird, die Bilder aber doch teilweise Denunziationen ihrer Gier sind.

Sonntag 24.03.

Life’s a Beach
(Tony Vitale, USA 2012) [DVD, OF]

nichtssagend

Der Abspann enthält weniger Blooper, als Aufnahmen der konstanten Party, die während der Dreharbeiten scheinbar abgehalten wurde. Was passt, da LIFE’S A BEACH viel Potential hat, aber keinen Sinn für die Arbeit daran hat. Es gibt: Altstars (vor allem Robert Wagner und Morgan Fairchild), die nur allzu gerne Scherze auf Kosten ihrer Images machen; ein brutales Türkis, dass sich durch die meisten Einstellungen zieht und an den Augäpfeln knabbert … und das die ätzende, realitätsnegierende Partylandschaft von LIFE’S A BEACH vervollständigt – Ort der Handlung ist ein nicht näher definiertes, touristisch voll erschlossenes tropisches Paradies, wo sich eine Woche lang mit Alkohol, Drogen, Sex und Sonne abgeschossen wird – dass das Hauptstilmittel die Zote ist, braucht wohl nicht näher erwähnt werden –; eine sich spiegelnde Dramaturgie, da zwei Wochen dargestellt werden, die in zwei Filmhälften kulminieren, die Variationen der anderen sind. Doch am Ende war die Party im Hintergrund, die auch die porträtierte Party im Vordergrund ist, wichtiger. Altstar Christopher Walken wird im zweiten Teil lustlos verschenkt – er ist nur für die Erkenntnis gut, dass seine Verkniffenheit zu leichten Blähungen führt. Das Türkis wird leicht erdiger, weil die romantischen Züge der zweiten Hälfte des Öfteren nach der Kühle der Nacht verlangen. Die Doppelung bleibt nur ein Versprechen, das ein Film nicht einlöst, der zunehmend versandet und gar keine Lust hat, seine Figuren in eine (schöner gewordene) Realität zu entlassen, wenn er doch weiter weltvergessene Party machen könnte … der es aber trotzdem glaubt machen zu müssen, also die Realität (d.i. eine bürgerliche) gewinnen zu lassen.

Friday the 13th Part VII: The New Blood / Jason im Blutrausch
(John Carl Buechler, USA 1988) [DVD, OmeU]

gut +

Die Schuld einer Person legt sich quasi über eine High-School-Party-Komödie, weshalb jeder, der sich etwas auf sein Gewissen legt, d.h. der auch nur mit Sex und Drogen in Berührung kommt, stirbt. Ziemlich geradlinig beschreitet THE NEW BLOOD bekannte Spuren – gerade im Vergleich zu den vorangegangenen Teilen und deren Eigenwilligkeit. Ausgeglichen wird dies durch den einfachen Fakt, dass die Hauptprotagonistin (Lar Park-Lincoln), sprich das Final Girl, dass sie telekinetische Fähigkeiten besitzt, die sich in Momenten starker Emotionen bemerkbar machen. THE NEW BLOOD trägt dementsprechend etwas CARRY mit sich herum – gerade auch in einer gewissen Lust am Schmutz. Nur ist es keine christliche Schuld, die sie mit sich herumschleppt, sondern eine, die sich ein Psychiater zu Nutze macht, um ihre Fähigkeiten ausbeuten zu können … weshalb alles durchaus einer etwas wilderen, phantasievollen Sitzung bei einem Psychiater – inklusive Vaterkomplex – gleicht.

Sonnabend 23.03.

Zama
(Lucrecia Martel, ARG et al 2017) [blu-ray, OmeU]

(großartig +)

Die Natur sieht zuweilen aus, als ob sie einen Versailler Lustgarten nachstellen möchte, aber ihre Natur des Sumpfseins nicht ablegen kann. Und ebenso sehen die auf die Konquistadoren folgenden Beamten und Beamtenehefrauen aus, die in der neuen subtropischen Provinz mit ihren Perücken, Tüllkleidern und Puderdöschen staatstragenden Eindruck schinden wollen, aber doch wie von Fliegen umkreiste Verkleidete niederer Schichten aussehen. Leider überkam mich nach der Hälfte des Films immer wieder der Sekundenschlaf, weshalb mir nicht alle Vorgänge klar wurden, was bei einem Film, der einem mehr verschweigt, als dass einem die kaum über Andeutungen hinausgehende Kontextschaffung etwas auf die Nase binden würde, auch ziemlich schwer ist. Aber trotzdem meinte ich eine groteske Komödie gesehen zu haben, die auf ihre Weise ebenso an einen bildgewaltigen Monty Python-Satire auf scheiternde Machtbehauptungen ist, wie dies Angelopouloses DIE TAGE VON ’36 auf ähnliche Weise war.

Derrick (Folge 181) Diebachs Frau
(Alfred Weidenmann, BRD 1989) [DVD]

nichtssagend

Das Drehbuch scheint mit der ersten Szene schon auserzählt zu sein. Im Großen und Ganzen ist es daran interessiert zu zeigen, dass der Sohn des Pfarrers zu impulsiv ist und sein Plan wie sein Schachspiel scheitern muss. Die Inszenierung und das Schauspiel des Sohns scheint unterdessen darauf hinauszulaufen, dass gute Intentionen einen nicht davor schützen, wie ein Schmock zu wirken. Zwischendrin der Mord an einem Liebhaber und eine sich an Shelley Duvals Zerbrechlichkeit versuchende Schauspielerin (Irene Clarin) als Ehefrau, die verzückt vom Gedanken ist, dass ihr Mann für sie töten würde. Hier und da sind die Leute dieser Folge wirklich unfassbar, aber sie werden so schnell wieder aus den Augen verloren, dass sie nur die klischeehaftesten Konturen ihrer selbst werden können.

Donnerstag 21.03.

Derrick (Folge 180) Ein kleiner Gauner
(Helmuth Ashley, BRD 1989) [DVD]

ok

Wäre da nicht Oliver Rohrbecks angespanntes Spiel, dass seine Figur genervt und enervierend bei jeder Gelegenheit seine Unschuld reklamieren lässt – die erste Hälfte der Folge wiederholt er fast nur scheinheilig empört, die Sätze und Anschuldigungen, die auf ihn einprasseln –, was ihn zu jeder Sekunde zwei Eigenschaften gibt: Schuld und Hilflosigkeit; wenn dies alles nicht wäre, an EIN KLEINER GAUNER wäre kaum etwas erwähnenswert.

Us / Wir
(Jordan Peele, USA 2019) [DCP, OV]

großartig

Als ich die Treppen vom Kino herunterkam, ging ich auf eine Glaswand zu, hinter der Reinigungspersonal – mit Masken auf den Gesichtern (zum Schutz vor den ätzenden Gasen nehme ich an) und scheinbar mit nicht sonderlich viel guter Laune – kurz nach ein Uhr nachts den Boden eines Biomarktes kernreinigten. Ein bisschen war es, als ob US direkt weiterging. Dieser Film, der als psychologisches, identitätspolitisches, gesellschaftliches, rassenproblematisches oder klassenkämpferisches Gleichnis gelesen werden kann, wo Spiegelungen und Anordnungen – immer wieder die Vogelaufnahmen von Strand, Wäldern oder Decken, die von Texturen sprechen – so lange verfolgt werden, dass alles in Strukturen aufgelöst wird, dass selbst Verschwörungstheorien in die Auflösung eingebunden werden – nicht enden will US und geht immer und immer weiter bis kahle Gänge voller Kaninchen erreicht sind –, und dass alles ein Wust aus Dialektik wird, wo beispielsweise Songs der Beach Boys und von N.W.A. verschachtelte Kommentare zu Handlung und dem dahinter befindlichen werden. Ein Film, der die Maske der Fiktion von seinen Leuten und seiner Gesellschaft reißt, und eine groteske Realität darunter findet. Vor allem ist US aber ein Film, der sich nicht auf die Erklärung seiner Anliegen konzentriert, sondern auf das Genre, auf einen affektgeladenen House-Invasion-Horrorfilm, der in eine ausladende Apokalypse – auch hier ist es eine gesellschaftliche wie eine familiäre – führt. Darum siehe, spricht der HERR, ich will Unheil über sie kommen lassen, dem sie nicht entgehen sollen; und wenn sie zu mir schreien, will ich sie nicht hören.

Sonntag 17.03.

Derrick (Folge 179) Mozart und der Tod
(Zbyněk Brynych, BRD 1989) [DVD]

verstrahlt

Eine talentierte Geigerin wird vergewaltigt. Derrick untersucht den Fall, weil dieses Verbrechen einer Tötung gleichkommt – wie die Untersuchenden nicht müde werden zu erwähnen. MOZART UND DER TOD ist in seiner Ermittlung und vor allem im Verhalten Harrys gegenüber dem Opfer kaum zu ertragende, höchst unangenehme Paternalisierung. Es gibt zentral in der Folge aber eben auch einen resignierten Alkoholiker, der sich für den apokalyptischen Zustand seiner ziemlich sauberen Wohnung entschuldigt, wirklich hassenswerte Täter und einen märchenhaften Weg zu der Vergewaltigung, der durch seine seltsamen zwischen Agierenden und Zuschauern unterscheidenden Bilder und durch ein entrücktes Lied (MONA LISA? Wird vll. von Eberhard Schoener sein, weil google wirklich nichts dazu ausspuckt, was schade ist.) das Zerfallen einer Realität inszeniert, als ob Alice erst im letzten Moment merkt, dass sie nicht ins Wunderland, sondern zum Schafott geführt wurde.

Friday the 13th Part VI: Jason Lives / Freitag, der 13. Teil 6 – Jason lebt
(Tom McLoughlin, USA 1986) [DVD, OmeU]

verstrahlt

War der Spaß in A NEW BEGINNING spürbar Teil der Verunsicherung und einer Verdrängung, so ist er in JASON LIVES teilweise recht nah an ZAZ, wenn nicht schon kurz vor Karl Dall. Abgesehen von dem Endkampf, der eine der eher uninteressantesten seiner möglichen Varianten darstellt, tut dies der Stimmung jedoch keinen Abbruch, sondern ist Teil einer allgemeinen Überspanntheit, die sehr gut zu durch Blitze wieder zum Leben erweckte Tötungstriebe passt.

Sonnabend 16.03.

Derrick (Folge 178) Die Kälte des Lebens
(Helmuth Ashley, BRD 1989) [DVD]

großartig

Die Kälte des Lebens ist für eine blutjunge Prostituierte, die für ihren Beruf nicht geschaffen ist, hier so kalt, dass sie sich in Derrick verliebt. Aus ihrer Perspektive verschmelzen die Bilder Derricks, dieses Horts der Zuverlässig- und Aufrichtigkeit, zu einer gleisenden Montage voll Träumerei. Sie schmilzt entsprechend vor ihm dahin. Die tristen Träume eines besseren Lebens, die darin bestehen den eigenen Körper in einem Club, statt auf der Straße zu verkaufen, enden auf dem Boden der Herrentoilette und die Mitmenschen sind sowieso alle voller Niedertracht. So trostlos ist das alles inszeniert, dass ihre Gefühle – und das ist das Gemeinste daran – glaubhaft erscheinen können.

Friday the 13th: A New Beginning / Freitag, der 13. Teil V – Ein neuer Anfang
(Danny Steinmann, USA 1985) [DVD, OmeU]

gut

Das Leben nach der drogengeschwängerten Traumatabekämpfung als THE MOST DANGEROUS GAME. Tommy (John Shepherd) kommt in eine alternative Anstalt. Einer Farm auf dem Land. Draußen wartet Ignoranz und Degenration, innen herrscht Schmier, Obsessionen und die Bilder einer Gemeinschaft, die aufgeleint vor dem Außen steht, bereit alles zu ertragen, sich aber erst im letzten Moment zu wehren. Und irgendwo zwischen innen und außen: Jason. Seltsame Entscheidungen trifft A NEW BEGINNING zuweilen und lässt seinen offensichtlichen Slasher immer wieder ins Obskure laufen, völlig unsicher darüber, wer er nun eigentlich ist. Je länger ich über ihn nachdenke, desto mehr mag ich ihn. Nur: am Akt des Tötens scheint er nur wenig interessiert (manchmal scheint er einer argen Selbstzensur zu unterliegen) und Bilder habe ich auch kaum noch vor Augen. Allen Teilen würden, glaube ich, mehrmalige Sichtungen zugutekommen. Bei keinem anderen habe ich dabei so große Hoffnungen, wie bei diesem. (Bisher zumindest.)

Freitag 15.03.

Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children / Die Insel der besonderen Kinder
(Tim Burton, USA/UK/B 2016) [blu-ray, OmU]

ok

Emma und Olive werden im Vergleich zum Buch ausgetauscht. Ist Emma im Buch eine Jugendliche, deren Hände enorme Hitze erzeugen können, ist sie im Film eine Jugendliche, die leichter als Luft ist und Luft kontrollieren kann. Olive ist im Buch ein Kind mit den beschriebenen luftigen Eigenschaften, während sie im Film eine Jugendliche mit feurigen Händen ist. Emma ist in Buch wie Film der love interest von Hauptfigur Jacob, der unterhalb der kalten und indifferenten Welt von Eltern und Schule entdeckt, dass die dementen Erzählungen seines Großvaters der Realität entsprechen. Diese sind mit einem Schlag nicht mehr hilflose Versuche eine triste bis schreckliche Wirklichkeit – der Großvater musste als Kind vor den Nazis in Polen fliehen – in ein Abenteuer umzudeuten, sondern der Schlüssel zu einer aufregenden Welt, wo – verkürzt gesagt – die Unschuld des Kindseins den Unterschied macht, ob jemand ein skurriles Wesen oder eine Horrorfigur ist.
Der Identitätswechsel der Emmas und Olives steht jedenfalls anschaulich für die Richtung ins Ätherische, in der Burton hier seine Obsessionen wendet. Überall sind sie, die Marker der Glorie von Seltsamkeit, die selbst verrückte Wissenschaftler, die Kinderaugen essen, einem ottonormalen Bürger, der sein Leben vorm Fernseher verschläft, vorziehen. Doch bleiben sie alle einzelne Ausstellungsstücke, die rumstehen, kurz präsentiert werden, und dann wieder im luftig-leichten Fluss des Geschehens zurückbleiben, ohne Zeit für Nachhaltiges bekommen zu haben.

Donnerstag 14.03.

Brawl in Cell Block 99
(S. Craig Zahler, USA 2017) [blu-ray, OmeU]

fantastisch

Dies ergibt bestimmt ein sehr interessantes Double Feature mit THE MULE. Nicht nur, weil beide von Drogenkurieren handeln, sondern auch durch den Gegensatz, dass da, wo sich Eastwoods Figur erst dahin entwickelt, sich mit den Konsequenzen des eigenen Handelns auseinanderzusetzen, Vince Vaughns diese wie ein Muli auf Steroiden auf seine Schultern lädt. BRAWL IN CELL BLOCK 99 ist dergestalt ein Melodrama, dass oberflächlich den Protagonisten seine Konflikte mit Gewalt lösen lässt, vor allem aber jemanden mit eisernen Willen zeigt, dessen opaken Gefühle wohl zunehmend der Hölle gleichen, in die sich seine Existenz verwandelt.
Vince Vaughn sehen wir zuerst von hinten, als einen Mann wie einen Schrank mit einem riesigen Kreuz, welches auf seinen Hinterkopf tätowiert ist. Frisur: Glatze. Als erstes wird er gefeuert, dann entdeckt er, dass seine Frau ihn betrügt. Sein Äußeres schreit förmlich nach Gewalt, nach jemanden, der seiner Wut schnell mal freien Lauf lässt. Doch solange er unter Menschen ist, wird Bradley (Vaughn) nie die Kontrolle über sich verlieren. Verhöhnung, Macht(-missbrauch), Gewalt und Zwang: Alles nimmt er hin, wie jemand der nur Gott über sich als Richter hat. Wie eine biblische Figur, die stumm ihr Kind umbringen würde, wenn Gott es verlangt bzw. wenn es nötig sein würde. Erklären tut er sich niemanden.
Wenn er alleine ist, wird er an einer Stelle ein Sorry hauchen. Ansonsten bringt das Alleinsein und die Auseinandersetzung mit sich selbst und dem eignen Schicksal die einzigen Momente von Kontrollverlust. Er schlägt auf Wände und Dinge … und verletzt damit nur sich. Der Humor von BRAWL IN CELL BLOCK 99 sieht dahingehend auch so aus, dass Bradley nach den genannten Enttäuschungen des Beginns das Auto seiner Frau verprügelt. Er wird im Laufe des Geschehens diverse Arme und Beine brechen, Gesichter von Schädeln schleifen, Köpfe zertreten, mehr als alles ist er aber ein Mann der Autoaggression. Da wo seine Prinzipientreue ihn hinbringt, weit weg von allem und jeden, weggesperrt in einem höllischen Gefängnis, in sich, da ist die Gewalt außen auch Ausdruck der Selbstzerfleischung in ihm.
Nach der Entlassung und der Erkenntnis der Untreue analysiert er kurz und knapp die Beziehung mit seiner Frau, rauft sich mit ihr zusammen, wird Drogenkurier, lässt sich zu einem Job mit zwei Typen überreden, die thug for life aus allen Poren schwitzen, erschießt diese, als sie einen Kleinkrieg mit der Polizei anfangen, statt auf ihn zu hören, die Ware erstmal beiseitelegen und einfach ohne Probleme weggehen, landet im Knast, weil er seine Auftraggeber nicht verrät, muss sich dort in einen unmenschlichen Hochsicherheitstrakt für Psychopathen vorarbeiten, um dort einen gewissen Chris Bridge umzubringen, damit seine von einem ob des Verlusts seiner Ware angesäuerten Drogendealer entführte Frau keine irreale Abtreibung von einem koreanischen Spezialisten erfährt, der Embryos die Gliedmaßen abschneiden kann. Einerseits sehen wir so die nach Murphy’s Law vorgenommene Zuspitzung des Lebens eines Mannes, der davon ausgeht, dass wenn er drei unmarkierte Tüten vor sich hat, nie die Kaffeesahne zieht, sondern immer erst die (Mager-)Milch. Andererseits ist es eben auch die Zuspitzung seiner eigenen Unbeugsamkeit. Wer an diesem kalt dokumentierten Inferno Schuld hat, er oder die Welt, das ist Sache der Perspektive – der psychotischen oder der neurotischen.
Das Color Grading der stets leicht überbelichteten Bilder, die grotesken Perspektiven der mit Drogengeld gekauften, vor allem sehr leeren Villa, die engere, nicht weniger Leere der Zelle im ersten, eher angenehmen Gefängnis, die Kacke im defekten Klo im Hochsicherheitsgefängnis, die Scherben auf dem Boden eines verfallenen, vor der Öffentlichkeit versteckten Gefängnistrakts: die Hässlichkeit dieser Welt ist absolut. Je sadistischer sie aber wird, desto mehr herrschen die erdigen Brauntöne und eine organische Unaufgeräumtheit. Während wir also einmal den protofaschistischen Kampf gegen das Schicksal sehen, den Bradley mit allen Mitteln kämpft und wo ihm und dem Zuschauer einiges Unangenehmes abverlangt wird, sehen wir durchaus auch die Welt eines Masochisten bzw. eines Autosadisten lebendig werden, je mehr er auf sein Kreuz laden kann.

Mittwoch 13.03.

Luz
(Tilman Singer, D 2018) [stream] 2

fantastisch

Aus nicht ganz klaren Gründen gibt es hier nur eine musikalische Empfehlung, das wunderschöne Album DRUM’S NOT DEAD von den LIARS.

Dienstag 12.03.

Derrick (Folge 176) Rachefeldzug
(Theodor Grädler, BRD 1989) [DVD]

großartig

Wie ein vampirischer Baron sitzt und steht Arnold Renzi (Günther Ungeheuer) vor anderen. Seine tiefe, knarzende Stimme kündet von Endgültigkeit. Er verteilt als Konversation getarnte Schuldsprüche. In der gefühllosen Irritation über abweichende Meinungen bzw. darüber, dass solche möglich sind, steckt eine steinerne Kälte, mit der die Messer geschärft zu werden scheinen, die er einem an den Hals halten wird.
Renzis Sohn wurde von Derrick des Drogenhandels überführt und hat während der Haft Selbstmord begangen. Die Schuld sieht Renzi alleine bei dem Polizisten, der das Geständnis aus ihm herauskitzelte. Und dieser ist in RACHEFELDZUG auffallend dünnhäutig. Als Derrick Renzi das erste Mal anruft – kurz nach dem ersten Mordanschlag und einer ersten indirekten Anklage bzgl. des Selbstmords –, benimmt Derrick sich wie ein eitler Pfau, wenn Renzi nicht sofort mit ihm plaudert. Nach einem weiteren Mordanschlag ist er entsetzt, dass Freunde des Sohnes von dem geplanten Anschlag wussten, ihn und Harry aber nicht warnten, als er sie fünf Minuten vorher traf. Er sitzt auf einer Couch und fasst scheint es so, als ob er den Tränen nahe ist. Und auf alle Anschuldigungen Renzis ist es vor allem Harry, der bissig antwortet, der jede Schuld abstreitet und der mehr oder weniger sagt, sie, Derrick und Harry, haben doch nur ihren Job gemacht.
Dieses Schweigen und möglicherweise Leiden Derricks dafür ist der markanteste Indikator dafür, dass RACHEFELDZUG, abgesehen von einigen hüftsteifen Action- und Thrillmomenten, von einer Abhandlung von Schuld angetrieben wird. Renzi weist alle Schuld von sich, auch wenn er der Großhändler seines Sohns war, er spricht davon, dass der Mittelpunkt seiner Familie herausgerissen wurde, dass ein Mensch mit Lebensleichtigkeit zerstört wurde – er spricht diese Worte suchend aus, scheint sie in seinem Mund abzuschmecken, um all die Dramatik auszudrücken, die sein Verlust ist, die all seine Verstrickungen verstecken –, genau wie Harry bellend eine Ignoranz zutage trägt, die ihn in die Nähe eines Nazihandlangers rückt. Sicherlich, der Sohn war ein Drogenhändler und nicht das Schaf, das Renzi einem aufbinden möchte, aber darauf bezieht sich Harry nie. Reflexartig drängt er alles weg, was sich für ihn wie Schuld anfühlt. Und so scheint es vor allem Stephan Derrick zu sein, der die Schläge auf sich eindringen fühlt, die in seiner Menschlichkeit, seinem Mitgefühl begründet liegen, Schläge, die mit schleichenden Zooms in eine Welt voller Unwohlsein, Blicken auf Füße und Angst getragen werden.
Zwischen makabren Witzen, wie Autobomben und Drohanrufe, die nur aus dem Abspielen des Soundtracks von SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD bestehen, zerrinnt die Sicherheit von Derricks Welt. Und da war DERRICK immer am besten. Denn hier landet er auf anklage- und schuldvolle Partys von den Freunden des Sohns – Späthippies, die ihre Lebenslust mit Panflötenmusik unterlegen. Wir werden so wieder an Orte geführt, die gleichzeitig von einer uns nahen bundesdeutschen Realität erzählen, einer vll. viel zu nahen, aber diese so zusammensetzen, dass alles sich wie in einem schrägen Fantasyfilm anfühlt.

Derrick (Folge 177) Schrei in der Nacht
(Günter Gräwert, BRD 1989) [DVD]

großartig

Eine Prostituierte wird im Park ermordet. Der Spürhund kann den Mörder bis an die Haustür verfolgen. Doch wer war es? Der zum Reineckerinventar gehörende größenwahnsinnige Student mit den tiefgründigen Gedanken (Horst-Günter Marx), der schwitzige, sich im Griff von Alkohol und Wahnsinn befindliche Poet mit dem Edgar Allen Poe Bild an der Wand (Udo Vioff), der schmierige Provinzcharmeur (Jürgen Schmidt), der zu schüchtern ist, dem Drang des Übergriffigen nachzugeben, und der seine Scheidung noch nicht überwunden hat, so oft er nonchalant von ihr spricht, der Hausmeister (Klaus Herm), der sich wie ein Triebtäter aufführt und der die Berge an Pornographie immer wieder in die Ecken seiner Wohnung zurückdrängen muss, oder doch die völlig unverdächtige Frau Dr. Kolbe (Christine Buchegger), die den Tod ihres Ehemanns nicht verkraftet? Die Lösung des Falls ist ziemlich offensichtlich. Lange vor der Auflösung gibt es dann auch schon einen fast metatextuellen Moment, wo des Rätsels Lösung von Derrick selbst ausgesprochen wird. Aber wenn Derrick das männliche Personal vernimmt und auch noch die verdeckt ermittelnde Sylvia Mohn (Svenja Pages) ins Haus einschleust, dann feiert SCHREI IN DER NACHT eine schräge Sause maskuliner Überheb- wie Unzulänglichkeit.
Ps: Ich hoffe, dass dieser direkt aus den Actionfilmen der Zeit übernommene Staatsanwalt, der Derrick wegen dessen überzogener Maßnahmen sporadisch die Hölle heiß macht, nie wieder auftaucht. Oder zumindest einer sinnvollen Verwendung zugeführt wird.

Sonntag 10.03.

Captain Marvel
(Anna Boden, Ryan Fleck, USA 2019) [3D DCP]

ok

Es gibt eine Kampfszene, in der Carol Denvers (Brie Larson) – die kommende Captain Marvel – ein weiteres und nicht das letzte Mal zu sich findet und wieder mehr Potentiale aus sich herauskitzelt. Im Alleingang kämpft sie sich durch Massen ihr nun gnadenlos unterlegener Gegner. Dazu hören wir No Doubts JUST A GIRL, weil Girlpower. Nicht nur sehen die Kämpfe im Grau in Grau des Raumschiffs nach nichts aus, sie korrespondieren ebenso nicht mit der markanten Dramaturgie des Liedes. Die Strophen bilden in diesem nämlich die bedächtigeren Absprungstellen für den energetischen Ausbruch des Refrains. Der Kampf ist aber nicht um dieses Auf und Ab rhythmisiert, sondern geschieht in einer gleichbleibenden Geschwindigkeit … völlig an dem Song vorbei.
Symptomatisch ist dies für einen Film, der mit einigen mehr oder weniger tollen Ideen ausgestattet ist, die zumeist auch halbwegs funktionieren, die aber allesamt faul und lieblos umgesetzt sind. Die Neunziger, in denen der Film spielt, sind beispielsweise auch nur eine manchmal sichtbare Tapete aus Songs, die einfach hier und da reingeschmiert werden, (Film-)Plakaten und langsamen Computern. Ein Witz hier und da, ein Geschmacksverstärker dort, aber angestellt wird damit nichts. Und so ist es wie so oft im McUniverse: Wir werden durchaus gut unterhalten, aber irgendwas Interessantes, Aufregendes, irgendwie Schönes ist in der netten Kurzweile eine ausgesprochene Seltenheit.
Vll. ist es wirklich emblematisch, dass ein BLACK WIDOW-Film Scarlett Johansson verwehrt wurde und nach 10 Jahren männlicher Dominanz eine kecke, saubere Frauenfigur einen Film bekommt, die nicht weiter mit Sex oder Sinnlichkeit konnotiert wird und die einem verkaufen soll, dass Marvel schon immer auf der richtigen Seite war. (Wichtiger Hinweis: Nichts gegen Brie Larson, die völlig verspielt eines der Highlights von CAPTAIN MARVEL darstellt.) Die Grenzen der ausgestellten Wokeness stehen jedenfalls klar im Raum und es ist zudem so, dass alles dermaßen entkernt ist, dass auch ein zentrales Essen mit Außerirdischen über den Kontext hinaus nicht spürbar wird. Sprich: Es könnten hier auch Plastikpuppen zu sehen sein, die vor der Idee von Essen sitzen. Schmecken oder riechen tut hier nichts.
Wahrscheinlich haben CAPTAIN MARVEL und seine Vorgänger die hier und hier aufgezeigte Verachtung verdient, ich konnte sie bisher nur bei CIVIL WAR und ANT-MAN AND THE WASP aufbringen. Ich denke, ich könnte – vorausgesetzt es gibt entsprechende Klo-, Ess- und Schlafpausen, das gesamte McUniverse am Stück schauen, ohne größere Abnutzungserscheinungen zu erleben. Es geht einfach super runter … und die emotionale Manipulation ist doch soweit ausgefeilt, dass ich tatsächlich mit den Figuren mitfiebere … trotz der handwerklichen und ästhetischen Engpässe, die die Filme fast durchweg darstellen. Und ich versuche es immer noch zu verstehen, wieso das so ist.
I mean Led Zeppelin didn’t write tunes everybody liked. They left that to the Bee Gees. Oder scheinbar eben Marvel. Nach den paar Ausflügen in Sachen künstlichen Anspruch in der ersten Phase hat es sich das MCU an einen Ort gemütlich gemacht, wo es keine Ecken und Kanten gibt. Wo nichts zu komplex oder ambivalent ist, wo das Wiederauftauchen von Dingen und Charaktere, die von irgendwo her bekannt sind, den Anschein von Komplexität mit sich führen. Alles ist nett. Nichts ist zu albern oder zu trocken. Nichts zu aufwühlend oder zu lethargisch. Das MCU scheint an Filmen wie STAR WARS: THE PHANTOM MENACE geschult, seine Bögen nicht zu überspannen. Und was dann noch fehlt ist ein ziemlich gutes Tondesign und eben die Musik. Die zu Beginn beschriebene Szene funktioniert eben mehr oder weniger trotz aller Abstriche, weil das Lied sehr gut gewählt ist. Und vll. ist es das: Das MCU ist eine größer angelegte, schlampige VJ-Arbeit für eine ziemlich gute Playlist ist.

Friday the 13th: The Final Chapter / Freitag, der 13. Teil 4 – Das letzte Kapitel
(Joseph Zito, USA 1984) [DVD, OmeU]

großartig

Fast alles ist besser, als in den vorangegangenen Filmen. Der Wahnsinn, mit dem die Überlebenden genau dieses Überleben bezahlen, ist wirklich durchgedreht. Das Ableben, der kaum mit Leben gefüllten Figuren, sind richtiggehend genießerisch – entweder gibt es optisch interessante Ort, wie das Wohnzimmer in dem ein Projektor mehrere Stummfilmkurzstripteasefilme vorführt, kontextualisierte Mordmethoden und überhaupt interagiert Jason mit dem sexualisierten Geschehen, statt einfach nur wahllos zu töten. Und Tom Savini ist wieder für die Effekte zuständig. Kurz: Es macht Spaß diesen Teil zu sehen und ihn wirken zu lassen.
Am gruseligsten ist aber ein Schnitt, der zu Corey Feldmans Figur führt, der unter einer Motorhaube steht. Gerade waren wir noch beim Nacktbaden und holterdiepolter folgt eine kaum weniger sexualisierte Einstellung. Normalerweise zeigt diese den Po einer in technischen Sachen hilfebedürften Frau, nur, dass es hier ein Zwölfjähriger ist, der sich in dieser befindet. Vll. liegt es an den Vorwürfen Feldmans in seiner Autobiographie COREYGRAPHY, dass er in seiner Kinderstarzeit Opfer sexuellen Missbrauchs wurde, dass dies so herausstach. Ich kann mir aber nicht helfen, dies etwas unangenehm zu finden.

Sonnabend 09.03.

Polizeiruf 110 (Folge 374) Tatorte
(Christian Petzold, D 2018) [stream]

großartig

Petzolds dritter Polizeiruf ist eine Variation seines ersten. In KREISE wurde mit den Bausteinen eines Krimis ein Liebesfilm verdeckt. Durch die Obsession eines Gestalters für Modeleisenbahnlandschaft, der diese klischeehaften Aufsteller durch Brüche lebendig machen wollte, wurde dies in die Oberfläche der Erzählung eingewoben. TATORTE ist ein Film der Trennung – es ist eben auch der letzte Auftritt von Matthias Brandt als Hanns von Meuffels. Von Meuffels ehemalige Partnerin, beruflich wie privat, Constanze Hermann (Barbara Auer) ist an eine Polizeischule gewechselt, wo sie Tatorte für kommende Polizistinnen baut. Sie wird gezeigt, wie sie offensichtliche Selbstmordszenen aufbaut(e), die kleine Widersprüche enthalten. Es soll eine Lehre sein, sich nicht täuschen oder ablenken zu lassen. Den offensichtlichen Mord eines Mannes an seiner Exfrau als Höhepunkt eines Sorgerechtsstreits behandelt von Meuffels, während er den Trennungsschmerz verarbeitet bzw. die Trennung nicht hinnehmen möchte. Der Fall läuft sehr offensichtlich daraufhin, dass das Offensichtliche nur gestellt ist und sich ein anderes Verbrechen dahinter verbirgt. Dass der mutmaßliche Täter unschuldig ist. Am Ende wird von Meuffels aber das Persönliche und das Offensichtliche von dem abgelenkt haben, was wirklich zählt. Von Meuffels wirft in TATORTE mit Handys, er würgt Telefonate ab und stellt seine Constanze vor gemachte Tatsachen, brüllt und grantelt, grantelt und brüllt, er steht genervt im Wind, der hörbar und enervierend am Tatort an der Absperrleine zerrt, oder er geht resigniert und schweigend eine Treppe hinunter. Ein Mann fällt im Angesicht des Ortes, an den er sich manövriert hat, in Katatonie. Tatorte erzählt von Kämpfen, die zu nichts mehr führen, von Leuten, die sich verrannt haben und andere dafür bluten lassen, von Leuten, die den Blick vom Offensichtlichen nicht abgewendet bekommen und deshalb nicht sehen, wo sie hinlaufen. Und der Zuschauer wird möglicherweise einen Herzschmerzfilm und Krimi gesehen haben, der ein Seelendrama versteckt hält.
(TATORTE ist zudem ein Film, der sich vom Kino zu verabschiedet. Der Tatort des Mordes ist ein leerstehendes Autokino und der Ort, an dem wieder Frieden herrscht, ist vor einem Fernseher, auf dem die DVD eines Laurel und Hardy-Films läuft.)

Luz
(Tilman Singer, D 2018) [stream]

fantastisch

Bei critic.de gibt es etwas dazu von mir zu lesen. Es sei aber gesagt, dass ich nur eine leichte Ahnung habe, was ich da gesehen habe.

Freitag 08.03.

Friday the 13th Part III / Und wieder ist Freitag der 13.
(Steve Miner, USA 1982) [DVD, OmeU] 2

nichtssagend

Tatsächlich verwendet Miner die dramaturgische Kurve des zweiten Teils ein weiteres Mal. Nach der ausführlichen Wiederholung des Endes des vorangegangenen Teils folgen 50 Minuten aus Antäuschungen von Todesgefahren und der Ermordung von peripheren Figuren. Darauf folgt wiederum die überstürzte Abschlachtung aller Anwesenden – Jason tötet auch nur noch, weil er eben Jason ist – worauf der Überlebenskampf des Final Girls folgt. Der Anfang, wenn Jason bei einem obskuren Ehepaar sich neue Anziehsachen holt, ist vielsprechend, weil FRIDAY THE 13TH PART III einen lustvollen, sich selbst nicht so ernstnehmenden Film ankündigt. Es folgt aber kaum Buntes, noch weniger Grusliges und nur ein bisschen an phantasievollem Splatter. Aber eigentlich ist es ja auch FRIDAY THE 13TH 3D, nur leider habe ich ihn so nicht gesehen. Lediglich die Ahnung hatte ich, dass die notorisch in die Kamera gehaltenen Phalli oder das auf den Zuschauer zufliegende, aus einem Kopf poppende Auge mit einer dritten Dimension alles etwas aufgewertet hätte.

Donnerstag 07.03.

Friday the 13th Part 2 / Freitag, der 13. – Jason kehrt zurück
(Steve Miner, USA 1981) [DVD, OmeU]

gut

Die strafende Über-Ich-Mutter ist tot und die Teenager werden nun von einem verwahrlosten Aufgewachsenen verfolgt, der seine Sexualität mit der Machete ausdrückt. Dieser neue Slasher kann damit überwunden werden, wenn sich das Sexualobjekt in eine Mutter verwandelt. Ziemlich wirr und spannend ist das. Genau wie der dramaturgische Umgang mit einem Terrier, die Weißblenden nach den Morden und die zuweil ausdrucksstarke Inszenierung sexualisierter/verängstigter Frauen. Da wo der Vorgänger aber sofort mit dem Morden anfängt, tötet sich die Fortsetzung lange nur durch die Peripherie und lässt dann große Teile des Camppersonals leben, weil nicht mehr genug Zeit für weitere Tötungen ohne Esprit vorhanden ist.

Mittwoch 06.03.

Reflections in a Golden Eye / Spiegelbild im goldenen Auge
(John Huston, USA 1967) [DVD, OmfU]

fantastisch

In den 50iger und in weiten Teilen der 60iger Jahren befand sich die USA in ihrer Biedermeier-Hochphase. Diese bildete das geeignete Pflaster für diese sadistischen Pappschachtelwelten, welche sich vom noch größeren Sadismus der Anpassungsverpflichtung der us-amerikanischen Gesellschaft speisten. An ihnen wird herumgeschüttelt und in ihnen die Temperatur aufgedreht, bis die Figuren ihre zwanghafte stoische Ruhe verlieren und in einen Nervenzusammenbruch übergehen.
Klaustrophobisch ist es in diesen Welten, als ob die Realität an der Stadt- bzw. Grundstückgrenze aufhören würde. Fast will es scheinen, dass jemand mit seinem begrenzten Barbie- oder Playmobilarsenal diese Orte erschaffen hatte. Die in ihnen lebenden Figuren verbiegen sich derweil, um etwas in sich zu verstecken. An den Körpern sind die Fesseln der Neurosen und Psychosen abzulesen, die zur Belohnung ihrer Selbstkasteiung sprießen.
Meist stammten die dazugehörigen Verfilmungen aus der Feder von Tennessee Williams. REFLECTIONS IN A GOLDEN EYE passt sich nahtlos ein, es handelt sich jedoch um eine Romanverfilmung eines Werks von Carson McCullers. Vll. bildet er, veröffentlicht im Sommer der Liebe, sogar den Schwanengesang dieser Art von Film, in denen Repressionen langsam aufbrechen und schließlich wie Stürme über die Figuren hereinbrachen.
REFLECTIONS IN A GOLDEN EYE kam zuerst in einem goldenen Farbton in die Kinos, der über die Technicolorfarben gelegt wurde, die nur noch schwach durchschienen. Warner zog diese Version aber aus dem Verkehr und tauschte sie gegen Kopien mit natürlichen Farben aus. Ein Film über unterdrückte Homosexualität, über Voyeurismus, über voneinander und von sich enttäuschte Menschen, die nur noch in einem mehr oder weniger unterschwelligen Sadismus miteinander umgehen, ein Film über Fetischismus, ein Film, der über Blicke durch Fenster und Türen, in Spiegel und in aller Heimlichkeit erzählt wird, ein Film, in dem die Leute die auf sie einwirkenden Lüste als (Selbst-)Geißelung reflektieren, ein Film, der sich im Grundzustand aus Verzerrung und Delirien befindet, der vor allem als bittere, galgenhumorige Groteske funktioniert, ein solcher Film ergibt in natürlichen Farben kaum Sinn. Vor allem, wenn er eben mit den passenden Scheuklappen eines alles verfremdenden Gold genossen werden kann.

Sonntag 03.03.

Derrick (Folge 174) Blaue Rose
(Zbyněk Brynych, BRD 1989) [DVD]

großartig

Deutschland in der Hand der Drogen – und wir wissen, bei DERRICK heißt das immer Heroin. Zu Beginn: entrückte Bilder einer Schule, die von Sucht und mentaler Zerstörung durchzogen ist. Gegen Ende: der Fatalismus, dass dem nichts entgegenzusetzen ist, weil der Drogenbaron saubere Hände vorweisen und für seine Die Polizei sind Papiertiger-Rede nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann, weil ein Dealer an den Entzugserscheinungen stirbt und nicht aussagen kann. Dazwischen Disco, skrupelweckende Beischlaffähigkeiten und die Wiederkehr des ranzigen Oberdrogenermittlers sowie der Uzi benutzenden Drogengangster aus AUF MOTIVSUCHE.

Derrick (Folge 175) Die Stimme des Mörders
(Theodor Grädler, BRD 1989) [DVD]

ok

Dass Oliver N. diese Folge sehr gefallen hat (Beweis hier) liegt, so liegt es nah, daran, dass es eine Folge für ihre Schauspieler ist. Besagter Oliver N. flutet unter FACES OF DERRICK gerade das Gesichtsbuch mit Kurzbiographien und Screenshots der unzähligen Nebendarsteller der Serie. Hier dürfen eine Reihe von ihnen (u.a. Ernst Hannawald, Uwe Friedrichsen, Hans Peter Hallwachs, Henry van Lyck) der Reihe nach als Verdächtigte in Erscheinung treten, nur um dann wieder der Reihe nach einer Überlebenden eines Mordes vorgeführt zu werden, die den bei der Tat maskierten Mörder ihrer Mutter nur an der Stimme erkennen kann. Der triste Höhepunkt dieser Aufreihung ist der Verlobte der jungen Frau, der nicht mal mehr den Anstand aufbringt, die Tür zu ihrem Krankenzimmer aufzumachen, und sie per Anruf verlässt, als er erfährt, dass sie womöglich ihr Leben lang eine Krücke brauchen wird.

Friday the 13th / Freitag, der 13.
(Sean S. Cunningham, USA 1980) [blu-ray, OmU] 2

großartig

Für die Camper in Camp Crystal Lake gibt es nur eine rudimentärste Einführung. Sie mögen Quatsch und Sex. Der ziemlich unmittelbar einsetzende Kampf gegen einen Slasher wird so weniger auf einer menschlich-mitfühlenden Ebene ausgetragen, als auf einer existentiellen. Denn hier geht vor allem das internalisierte Über-Ich auf sie los, welches ihnen Quatsch und Sex verbietet.

Sonnabend 02.03.

The Sign of the Cross / Im Zeichen des Kreuzes
(Cecil B. DeMille, USA 1932) [blu-ray, OF]

radioaktiv

In THE SIGN OF THE CROSS gibt es eine Orgie, wo Patrizier Marcus Superbus* (Fredric March) seine christliche Gefangene Mercia (Elissa Landi) zur Dekadenz bekehren möchte – schließlich liebt er sie. Er lässt zu diesem Zweck die berüchtigte Tänzer- und Sängerin Ancaria (Joyzelle Joyner) ihr verruchtestes Lied aufführen. Dieses Lied wird aber zunehmend vom Gesang der auf der Straße vorbeigeführten Christen übertönt, die zum Circus Maximus und ihrer Abschlachtung geführt werden. Das Erhabene bringt das Verdorbene aus dem Tritt. Ancaria kann sich nicht auf ihr Tun konzentrieren und bricht immer wieder entnervt ab, nur um umso verzweifelter weiter zu machen. In diesem Moment wird die prognostizierte Überlegenheit der Sittsamkeit über eine verkommene Gesellschaft deutlich. Der Endsieg des Christentums, so legt dieser Moment nahe, wird zwangsläufig kommen.
So sehr THE SIGN OF THE CROSS aber vorgibt auf der Seite dieses Seelenfriedens zu sein, den das Christentum bringt, so geschieht in ihm stets das Gegenstück dieser Szene: Das Verdorbene bringt immer wieder das Erhabene aus dem Tritt. Fredric March, dessen Marcus Superbus nach Ansicht Mercias vor Liebe völlig konfus agiert, hat nur einen glaubhaften Auftritt. Wenn er nämlich den Plebs rücksichtslos aus dem Weg peitscht, der zwischen ihm und dieser Frau steht, die sich nicht als nächstes Opfer seiner Fleischeslust, sondern als seine Bekehrerin herausstellen wird. Nicht die Szenen der Märtyrer und Seelenbefriedigten sind die überzeugenden, sondern die, wo Poppaea (Claudette Colbert) in einem riesigen Pool aus Eselsmilch badet – ihre Nippel stets keck vorm auftauchen – und einer Besucherin befiehlt sich zu entkleiden und zu ihr in die Wanne zu kommen; wo Gorillas und Krokodile auf nur spärlich mit einen Blumenkranz bekleidete Gefesselte losgelassen werden; wo Nero (Charles Laughton) vor dem brennenden Rom auf einer Bühne aufgegeilt tanzen und Lyrik schmettern darf.
Das Herzstück von THE SIGN OF THE CROSS, die Aufführung im Circus Maximus, wird so zum Bumerang. Mit aufgerissenen Augen werden immer wieder die Zuschauer gezeigt, die sich Gladiatorenmassaker ansehen, die frenetisch den Daumen nach unten halten und sich an ihrem eigenen Entsetzen aufgeilen. Es sind Bilder einer Brandmarkung dieser imaginierten Zuschauer, die sich nur graduell von dem Publikum unterscheiden können, die THE SIGN OF THE CROSS genießen.** Einem Film, der eine Läuterungsgeschichte pflichtschuldig vorträgt, sich aber an Fleisch und Gewalt aufgeilt.
*****
* Eine der Vergütungen vom Leben mit meinem romanophilen Vater war sein kopfschüttelnder Kommentar beim Betrachten der Hülle, dass es zu der Zeit keinen Superbus‘ in Rom gab. Er schimpft dann immer – Nero zur Verteidigung springend –, dass solche Filme Märchen (im Sinne von Lug und Trug) seien. Als ob ich seine Predigten nicht schon lange verstanden hätte, als ob es irgendwas daran ändern würde, wie toll Märchen sind.
** THE SIGN OF THE CROSS kommt hier einer meiner liebsten Stellen aus UNENDLICHER SPASS von David Foster Wallace sehr nahe, nämlich dem folgenden Eintrag in die fiktive (und trotzdem sehr ausführliche) Filmographie des James O. Incandenza: Käfig III – Gratisvorstellung. v. SZ. Latrodectus Mactans Productions/Infernatron Animation Concepts, Kanada. Cosgrove Watt, P.A. Heaven, Everard Maynell, Pam Heath; teilanimiert; 35mm; 65 Minuten; schwarzweiß; Ton. Die Allegorie des Todes (Heath) bewacht den Haupteingang einer Jahrmarktsattraktion, deren Zuschauer verfolgen, wie sich Darsteller unsäglichen Erniedrigungen unterziehen, die groteskerweise so fesselnd sind, dass die Augen der Zuschauer größer und größer werden, bis sie schließlich nur noch riesige Augäpfel auf den Sitzen liegen. Auf der anderen Seite des Zeltes lädt derweil die Allegorie des Lebens (Heaven) Jahrmarktsbesucher über Megaphon zu einer Vorführung ein, bei der sie, sofern sie sich unsäglichen Erniedrigungen unterziehen, verfolgen können, wie sich normale Menschen schrittweise in riesige Augäpfel verwandel. INTERLACE-TELENT-SPIELFILMPATRONE Nr. 357-65-65.

Picnic at Hanging Rock / Picknick am Valentinstag
(Peter Weir, AUS 1975) [blu-ray, OF]

fantastisch

Das titelgebende Picknick am Hanging Rock und alles, was dorthin führt, geschieht in der Atmosphäre eines heißen Sommertags, an dem nichts mehr zu tun ist. Die Bilder sind warm, flirrend und die Schnitte schaffen weiche Übergänge, statt klarer Kanten. Die Mädchen eines Internats verlassen, wenn sie vom Internat zum Hanging Rock fahren, manierlichen Einstellungen gesellschaftlicher Fesselungen und lassen zunehmend die Sonne auf sich scheinen. Es sind Bilder eines osteuropäischen Märchenfilms, der sich am Rande zu romantischer Softerotik befindet, die wiederrum am Rande zu einem Horrorfilm steht. Ein kommender Schicksalsschlag kündigt sich an, liegt durch Koinzidenzen in der Luft – fast gewahrt alles an einen Traum – und wird mit offenen Armen empfangen. Obwohl alles auf ein Drama, auf Gewalt und Tod hinauszulaufen scheint, wirkt alles geregelt. Der Frieden mit sich ist gemacht, was auch immer geschehen wird.
Ein Schrei, der wie ein Messer Teile aus der (erklärbaren) Realität zu schneiden scheint und Erinnerungen tilgt, beendet dies alles. Der herrschende Einklang zerreißt. Die folgende Suche nach den verschwundenen Mädchen und der Lehrerin ist kaum weniger märchenhaft als der Beginn. Die Figuren und die Inszenierung neigen zum Expressiven und Irrealen. Es herrscht nun aber eine tief sitzende Unbefriedigtheit. Obsessionen, Depressionen, Sadismus und masochistische Selbstgeißelung verbergen sich dürftig hinter den Handlungen, hinter der Suche, der Leugnungen eigenen Fehler, der Versuche den Status Quo aufrecht zu halten, wenn nicht gleich offene Verzweiflung herrscht.
PICNIC AT HANGING ROCK erzählt vom Aufwachsen in und Ausführen einer strengen, mechanischen Erziehungskultur, die Jugendliche als Befehlsempfänger sieht, von sexuellem Erwachen, von Sehnsucht nach einer Geliebten oder auch von Menschen, die sich in etwas verrennen. Doch das sind nur Nebenprodukte der romantischen Erzählung, die von einem Mysterium handelt und dem Leben damit. Nach ca. 40 Minuten, nach dem Schrei, werden Erklärungen gesucht, Strohhalme, die einem helfen, mit einem Trauma zu leben, mit einer unheilbaren Lücke im Inneren. Der erste Teil, sooft auch sexuelle Gewalt, Mord und Übernatürliches als Motive unzulänglich bleibender Antworten angedeutet werden, erzählt aber von nichts anderem als einem Selbstmord. Denn, egal wie sehr das Verschwinden in der unaufgedeckten Realität vielleicht das Produkt eines Übergriffes ist, so begeben sich die Mädchen und vor allem Miranda (Anne-Louise Lambert) doch freiwillig in einen begrüßten Tod, der schon in seiner Erwartung wie eine Erlösung scheint. PICNIC AT HANGING ROCK ist so das in Poetische verschobene Psychogramm eines Freitodes und dessen Wirkung auf die Hinterbliebenen.

Freitag 01.03.

Satan in High Heels
(Jerald Intrator, USA 1962) [stream, OmeU]

gut

Eine Frau, die sich nicht zwischen Vater und Sohn entscheiden kann, zwischen einem prostitutionsnahen Leben im Showgeschäft – in einem Glamour, der hier reichlich schäbig aussieht – und der Liebe in finanzieller Unsicherheit, aber an leuchtenden, glückverheißenden Quellwässern im (zivilisationsnahen) Wald. Stellvertretend dafür, wie mit ihr in diesem verquatschten Roughie umgesprungen wird, begründet ihr gerade aus dem Knast entlassene Ehemann seinen Tötungsversuch an ihr damit, dass sie ihn doch verlassen wollte. SATAN IN HIGH HEELS ist ein Film voller trauriger Psychopathen, wo eine Frau zum Überleben die Taffste sein muss … oder eben Satan für melancholische Arschlöcher. Zu nett ist sie eigentlich noch, denn vll. ist ihr größter Fehler ihre Unentschlossenheit, die den melancholischen Arschlöchern die Möglichkeit gibt, sich über sie zu erheben. Mitgefühl bekommt sie hier jedenfalls von keiner Seite … auch nicht von SATAN IN HIGH HEELS, der statt Eskalation nur einen weiblichen Bösewicht nach biestigen Moralvorstellungen sucht.

Februar
Mittwoch 27.02.

Sacrifice
(Damian Lee, CA 2010) [DVD, OmU]

nichtssagend

Jeder in SACRIFICE wird durch seine Vergangenheit bestimmt. Vll. hat nur das Budget gefehlt, um auch Christian Slaters Pfarrer ein paar schummrige Flashbacks aus seinen Einsätzen in Afghanistan zu verpassen. So spricht er eben nur darüber. Jeder in SACRIFICE hat aber nur genau einen traumatisierenden/ihn definierenden Moment, weshalb die eindimensionale Optik auch schon wieder perfekt passt und weshalb der Film, der sein Augenmerk mehr auf das Drama und weniger auf die Action legt, wie eine Collage ausgehöhlter Motive wirkt.

Montag 25.02.

Ghostbusters II
(Ivan Reitman, USA 1989) [blu-ray, OmeU] 6

gut

Die erste Hälfte, die sich ihrem Jahrmarkts- und Geisterbahncharakter hingibt, mag ich sehr. Wenn die zweite Hälfte dann abermals die Ungläubigen vorführen und durch ihre Ignoranz für Schlimmes verantwortlich machen muss, aus denen die verkannten Geisterjäger alle retten, dann ist das nicht nur uninspiriert, sondern zeugt von einem nervigen Minderwertigkeitskomplex.

Sonntag 24.02.

Tom à la ferme / Sag nicht, wer du bist!
(Xavier Dolan, F/CA 2013) [stream, OmeU]

gut

Die Musik ist toll. An Bernhard Hermann erinnert sie und unterstreicht das Hitchcockeske dieses Thrillers, der sich durch Andeutungen, unerklärte Gewalt- und Zärtlichkeitsausbrüchen in der brodelnden Ruhe und überdefinierte unterdrückte Homo- bzw- Bisexualität als Handlungsmotivator diverser Figuren auszeichnet. Die durchaus schöne Mischung aus Auslassungen, Momenten von Wahnsinn und etwas wie Verfolgungsjagden durch ein messerscharfes Maisfeld endet aber zu oft im Gesicht von Regisseur und Hauptdarsteller Xavier Dolan, der gedankenschwer grübelt.

Pooh’s Heffalump Movie / Heffalump – Ein neuer Freund für Winnie Puuh
(Frank Nissen, USA 2005) [DVD] 7

großartig

Dass ich mit meiner Tochter wiederholt dieselben Filme in kurzer Zeit schaue, hat den schönen Effekt, dass sich meine Ahnung bestätigt, dass ich Filme eigentlich mindestens drei Mal schauen müsste. Das erste Mal ist eben nur ein erstes Kennenlernen, das zweite eine Konfrontation mit dem ersten Eindruck und ab dem dritten Mal herrscht viel mehr die Möglichkeit den Film als solchen gegenüber zu treten. So denke ich zuweilen. Mit jeder Sichtung eines Winnie Puuh-Films entdecke ich eben nicht nur Neues, sondern er wird mir auch viel bewusster. Wie er funktioniert, was er macht. Einiges stört mich so mehr, anderes weiß ich aber auch mehr wertzuschätzen. Ich hoffe, ich schaffe es demnächst auch vermehrte Sichtungen mit anderen Filmen hinzubekommen.

The Scarlet Empress / Die scharlachrote Kaiserin
(Josef von Sternberg, USA 1934) [DVD, OmeU] 3

fantastisch +

In der Mitte des Films hängt ein Spitzenvorhang. Es ist ein geradezu abstraktes Bild. Da Marlene Dietrich ihr Gesicht dahinter – in der Unschärfe – bewegt, ist zu erahnen, dass sich dieses hinter der durchlässigen Struktur im Fokus befindet. Die von ihr gespielte Katharina die Große hat zu diesem Zeitpunkt den Höhepunkt ihrer Demütigungen erreicht. Von ihren Eltern wurde sie zur rechtlosen Braut herangezüchtet und als solche an den russischen Königshof verschachert. Ihr kommender Ehemann stellte sich dabei als infantiler Wahnsinniger heraus. Ihre Schwiegermutter offenbarte ihr möglichst gehässig, dass der von Katharina geliebte Graf Alexei (John Lodge) bereits ein Verhältnis mit ihr, der Zarin, hat. Und aus Trotz und Verletzung hatte sie nun gerade Sex mit einem Wachmann … um sich und ihren Peinigern wehzutun – letzteren auf diese Weise eher impotent. Unkenntlich unter einem Stück Stoff verbirgt sie der Film nun, wo sie eine Metamorphose vollzieht, die THE SCARLET EMPRESS in zwei Teile teilt.
Schon vorher befand sie sich unter einem solchen Stück Stoff. Bei ihrer Heirat hing der weiße Schleier vor ihrem Gesicht und erinnerte an Gefängnisgittern, hinter welche sie gesperrt ward. Mit großen Augen schaute sie durch diesen hindurch, typisch für Dietrichs Spiel im ersten Teil. Alles tut sie in der ersten Hälfte, um wie ein junges Mädchen zu wirken. Sie ist stellt ein Lamm dar, dass immer und immer wieder zur Schlachtbank gebracht wird … und das gut genug erzogen genug ist, sich außer diesem staunenden Blick nichts – ob des gegen sie gerichteten Sadismus – anmerken zu lassen. Mit ihren Zofen schaukelt sie oder rennt durch den Palast, aber Ungehöriges, Sinnliches oder Politisches verkneift sie sich, wohl auch aus Furcht vor der (stief-)elterlichen Strafe. Jede Einstellung mit ihr unterstreicht ihre Unschuld, die hinter diesem Schleier in Ketten liegt.
Später, durch den Wahnwitz ihres Umfelds, nach besagter Metamorphose zu Marlene Dietrich-Figur geworden, die in Uniform einen Staatsstreich durchführen wird, wird sie sich auch hinter einem raffinierten Stück Spitze verstecken. Dieses wird diesmal von ihrem Himmelbett hängen. Hier wird sie Graf Alexei betören und ihm nahelegen, dass er nun endlich mit ihr schlafen werden könne, aber mit eben diesem Stück Spitze hält sie ihn auf Distanz. Schlussendlich wird sie Alexei demütigen und ihn den Liebhaber für die kommende Nacht holen lassen. Das Stück Stoff hat sie in eine Waffe umgewandelt, die ihren Körper zwar anbietet, aber ultimativ ihr Hoheitsgebiet sein lässt.
THE SCARLET EMPRESS erzählt so von der Herausbildung und Selbstermächtigung einer Königin, einer Legende. In feinen Details und grobschlächtiger Deutlichkeit – manchmal beides: Kerzen, deren Flamme unter ihrem Atem auszugehen drohen, aber sich wie sie ins Leben zurückkämpfen, oder Heuhalme in ihrem Mund, die wie die Schleier ihre Implikation mit Katharinas Entwicklung wenden – wird lediglich ihre Sicht dargeboten. Wer Geschichtsunterricht möchte, ist hier völlig fehl am Platz, denn der feine Geschmack von Sternbergs war nie deutlicher nur Teil seiner Perversion bzw. der Perversion seiner Filme. THE SCARLET EMPRESS macht Peter III (Sam Jaffe) zu einem noch degenerierten Monster, als die reale Katharina der Nachwelt glauben lassen wollte. Sie selbst wird zur schillernden Heldin gemacht, die sich von der misshandelten Unschuld in die Retterin Russlands verwandelt.
Politisch motivierte Propaganda ist das nicht. Viel mehr das gierige Auskosten von Krankheit und Verfall steht dahinter, wenn THE SCARLET EMPRESS mit all den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln den Weg der Katharina zum Thron zu einer überdrehten Groteske macht. Gleich zu Beginn fasst eine Montage die Gutenachterzählungen Katharinas Eltern über das russische Reich zusammen. Über ihre ausgestellte Unschuld werden Bilder von Folter, Mord und brutaler Raserei geschüttet. 1934, zu einer Zeit als der Hays Code sich erst durchzusetzen beginnt, kommt THE SCARLET EMPRESS in die Kinos. Dass auch nackte Frauen die Knute dieser Phantasie zu spüren bekommen, ist hierfür ein deutlicher Marker. Und wer nach dem finalen Matchcut zwischen einem Gefesselten, der als Klöppel in einer Glocke schwingt, und der in einem blumigen Garten schaukelnden Katharina immer noch nicht verstanden hat, dass in diesem Russland nur irre Gewalttäter herrschen, der bekommt es in einer Flut an Zwischentiteln nachgereicht. Diese sprechen oberflächlich von der Reise an den russischen Zarenhof und den Entwicklungen dort, doch ihr Sinn scheint eher darin zu bestehen, in Nebensätzen von der Wildheit und dem Wahnsinn des Handlungsorts künden … wie davon, dass Katharina eine Herrscherin wird, die sich außerordentlich erfolgreich einreihen wird. Jeder einzelne Text hat eine solche Information in sich, weshalb sie sich wie ein Teppich unter die Erzählung legen.
Das offensichtlichste Stilmittel von THE SCARLET EMPRESS ist aber das sagenhafte Setdesign von Hans Dreier und vor allem Peter Ballbusch. Dessen expressive Skulpturen von Heiligen und Märtyrern bilden die Geländersprossen, die die Räume flutenden Kerzenhalter sowie die Stühle und Throne. Besonders schön ist der Beratungssaal, wo die Zarin Elisabeth und ihre Berater auf Stühlen sitzen, die durch menschliche Skulpturen gebildet werden, die über den Köpfen der Sitzenden monumental Facepalms vollziehen. Diese gekrümmten und entstellten Figuren schaffen einen fiebrigen Palast, der die Welt der Zaren ins Delirium versetzt.
Bleiben noch das wenig dezente Schauspiel, Banketttafeln, die nach Überfluss und Brechreiz aussehen – und auf denen natürlich noch Skelette sitzen, die sich über Suppentöpfe beugen – oder der ständige Witz, der kein ernsthaftes Haar an Geschichte und Figuren lässt. Einer der schönsten Scherze ist, wenn Zarin Elizabeth eine Rede halten möchte, aber ihr Zepter mit einer Gänsekeule* verwechselt. THE SCARLET EMPRESS tendiert dazu ein aberwitziger Comic zu sein, der alles und jeden mit Dreck beschmiert.
Leichte Unterhaltung täuscht dieser Rausch zuweilen vor, dass es sich fast um einen Film von Ernst Lubitsch handeln könnte – Count Alexei: Your husband doesn’t mean a thing to you. / Katharina: He does! I’ll always be faithful to him. Count Alexei: Don’t be absurd. Those ideas are old fashioned. This is the eighteenth century. Der geile Genuss von Ausschweifungen, Sex und Anzüglichkeit, von Essen, Dekadenz und Verquerem wird aber nicht verspielt zelebriert, sondern im Geiste von Völlerei und Übermaß. Im Mittelpunkt steht immer eine gewisse Monstrosität, wenn diese Geschichte, die durchaus nur die halbe Spielzeit gebraucht hätte, sinnenfreudig ausgekostet wird.
Das Ende wird der Selbstermächtigung Katharinas noch einen Twist mitgeben. Denn hinter dem Stück Spitze wird sich auch in der zweiten Hälfte niemand befinden, der sich von seinen Fesseln gelöst hat, sondern jemand der sich an diese gewöhnt hat, der es sich in diesen zurechtgemacht hat. Kein Augenblick dieses Films wird eine leichte Fröhlichkeit oder Erbaulichkeit gegönnt. Die große Lust steckt, wenn wir THE SCARLET EMPRESS glauben wollen, nun einmal auch dort, wo es einen Tick zu viel und roh ist.
*****
* Dass es sich um eine Gans handelt, ist nur getippt.

Sonnabend 23.02.

The Do-Over
(Steven Brill, USA 2016) [stream, OmeU]

ok

Damit ist natürlich nichts erklärt, aber THE DO-OVER ist ein Film mit David Spade in der Hauptrolle. Er spielt einen Mann voller Neurosen, der sich zerfleischt und der seine ihn ausnutzende und malträtierende Umwelt erträgt, statt sich zu wehren. Er spielt also eine typische David Spade-Rolle, die mittels eines mysteriösen Jugendfreundes (Adam Sandler) auftauen muss. Den Action- und Frauen-in-Bikinis-Traum, zu dessen Durchleben er gezwungen wird, eskaliert aber nicht. Weder die prolligen, noch die humanistischen Spitzen, die erreicht werden, sind der Rede wert. Die ins homoerotische ragende Fürsorge seines Freundes wird sauber erklärt und die Witze, die oft darauf basieren, dass sich die starken Charaktere all das einfach leisten, was sich Spades Figur hoch peinlich berührt verwehrt – all das dem Status Quo Unterlaufende wie die völlig neurotisch immer wiederkehrende Homosexualität –, diese Witze sind vor allem verklemmt. Aber vll. ist das eine Perspektive, aus der THE DO-OVER interessant wird, als Portrait einer alles umfassenden Verklemmung.

A Young Man with High Potential
(Linus de Paoli, D 2018) [stream, OF]

gut

Ausführliches gibt es bei critic.de. Erwähnt sei jetzt aber schonmal, dass wer mehr über die Hauptfigur wissen möchte, am besten Stephen Kings THE STAND liest und dort die Figur des Harold Lauder genauer beachtet.

Freitag 22.02.

Der goldene Handschuh
(Fatih Akin, D/F 2019) [DCP]

großartig

Hier gäbe es viel zu sagen und zum Glück hat es schon jemand gemacht: Nämlich Lukas F. im Filmbulletin. Hinzufügen möchte ich nur, dass eine Veröffentlichung des Soundtracks auf Vinyl wünschenswert ist, denn die vorhandenen Schlager bekommen dieses notorische Fritz-Honka-Gefühl nicht, wenn sie nicht wie im Film durch einen Tonarm hervorgerufen werden, der kratzig auf die sich drehende Platte gelegt wird.

Donnerstag 21.02.

Derrick (Folge 173) Der zweite Mord
(Zbyněk Brynych, BRD 1989) [DVD]

großartig +

Der um jeden Preis zu schützende gute Ruf des Bürgertums begräbt hier mal wieder die eigenen Angehörigen, Leute, die ihren Platz suchen, Romantiker und andere Verlorene. Es könnte nach so vielen ähnlichen Folgen abgenudelt sein, aber arbeitet die Klammer – der unter Charme versteckte Weltschmerz eines Claude-Oliver Rudolph führt sehnsuchtsvoll und großklappig, mit anderen Worten zum Verlieben, in die Folge und ein zweiter Mord, der Derrick zu einem Wutanfall bringt, führt als große melodramatische Oper in die Kontemplation des Abspanns – mit größtmöglicher Nouvelle Vague Sensibilität heraus und ist auch sonst in dezent-seltsamer Hochform.

Mittwoch 20.02.

The Mule
(Clint Eastwood, USA 2018) [DCP, OmU]

großartig

Der gealterte Westernheld, der sich mit Automobilen konfrontiert sah, der den Pazifik erreicht hatte und dessen Lebensraum zwischen den sich ausbreitenden Zivilisationen von Osten und Westen versiegte, er war im Spätwestern ein Dinosaurier, der sich auf den Tod vorbereitete. Der von Clint Eastwood gespielte Earle Stone bereitet sich in THE MULE auch auf den Tod vor – er möchte sich mit seiner Familie aussöhnen und sein Haus justified betreten. Auch wettert er, wo er nur kann, gegen die Insignien der Moderne, die ihn überrannten. Er hat aber bereits ein anderes Stadium erreicht. Clint Eastwood ist inzwischen in einem Alter, dass ihn aus der Zeit der Erschließung des Westens in die Gegenwart versetzt hat. Seine – vor allem auch optische – Verknöcherung hat ihn in gewisser Weise über den zu erwarteten Tod hinauskatapultiert.
Der Koreaveteran (und Westerner) in Earle Stone scheint ab und zu durch, wenn er den Gefahren seiner Welt in die Augen schauen muss. Dann ist es wieder da, das steinerne Gesicht mit dem halb geöffneten Mund, aus dem die Zähne wie zwei Messerschneiden herausgucken. Dann sehen wir eine geradezu mythische Figur, die sich tief in die Filmgeschichte eingeschrieben hat. Dann sehen wir Clint Eastwood. Earle Stone entwickelt aber ganz nonchalant eine Anpassungsfähigkeit an die Moderne. Er ist eben nicht nur Veteran, sondern vor allem preisgekrönter Orchideenzüchter, ein eloquenter und offener Lebemann.
Die ersten Minuten von THE MULE zeigen uns Eastwood, wie er selten bis nie zu sehen war, beim Bad in der Menge. Beim lockeren Palaver mit den Teilnehmern eine Orchideenkonvention, beim Entgegennehmen eines Preises, beim Ansturm der Fans liegt ein charmantes Lächeln in diesem Kopf, der nur durch faltige Haut vom Aussehen eines blanken Schädels getrennt wird. Es ist entwaffnend. Sein klappriger Gang ist mehrmals unscheinbarer Mittelpunkt des Geschehens. Wie die ersten Christen auf die bevorstehende Apokalypse warteten, aber sich mit dem Bestehenbleiben der Existenz anfreunden mussten, so musste sich der auf den Tod wartende, mystische Clint Eastwood anscheinend mit dem Ausbleiben seines Ablebens arrangieren. Und deshalb lebt er weiter und zwar in Form eines Faktotums, das – durch das Internet ruiniert und durch die Eitelkeit von der Familie entfremdet – den Anschluss zur Moderne als Drogenkurier findet.
THE MULE geht dieses Auftauen ziemlich geradlinig an – große Umwege kann einer wie Earle Stone auch nicht mehr machen. Ein Schnitt, der einige Jahre überspringt, schafft nach dem Auftakt Tatsachen. Aus dem Genuss des Rummels (um sich) auf der Konvention, für den er auch die Hochzeit seiner Tochter verpasst, wird die Pleite seines Geschäfts und der Umstand, dass ihn seine nächsten Angehörigen nicht aufnehmen wollen. Darauf beginnt jedoch nicht die Läuterung. Der erste Teil von THE MULE ist eine Liebeserklärung an das Leben auf der Straße. Auf das obskure Angebot doch weiterhin durch die USA zu fahren, nur diesmal für andere und nicht für das eigene Geschäft, folgt ein Film voller Wiederholungen und Abläufe, aber vor allem voller Variationen. Earle macht Umwege, um die besten Pulled Pork Sandwiche der Welt zu essen, besucht Freunde, hilft negro folks bei ihrer Panne, lernt dabei, dass dies nicht mehr unbedingt der beste Ausdruck ist, lädt sich zur Entnervung seiner von Gangsterboss abgestellten Kontrolleure Prostituierte aufs Zimmer, besucht Gangsterpartys, tanzt dort mit leicht bekleideten Frauen (und mehr), lernt mit Handys umzugehen. Er genießt sein Leben und gewinnt damit noch jeden: die auf bedrohliche Wirkung bedachten Gangster, die Polizisten, die ihn anhalten, die FBI-Agenten auf seiner Spur.
THE MULE ist laid back, ebenso inszeniert und eine Show für Earles wenn auch knurrige, so doch vor allem naive Anpassungsfähigkeit (und sein Lotterleben). Wen er aber nicht gewinnt, dass ist seine Familie. Deshalb muss Andy Garcia als Drogenbaron dann irgendwann sterben und durch einen engstirnigen wie blutrünstigen Pedanten ersetzt werden – weil der zweite, deutlich kürzere Teil auf Konsequenzen aus ist. Earle wird zu Entscheidungen gezwungen und trifft sie diesmal auch, statt einfach nur weiterzufahren. Der Fluss eines vorbeifließenden Lebens wird ruppiger und wechselt zunehmend zwischen Momenten melodramatischer Stasis.
All dies ist in seiner Zweiteiligkeit ziemlich schlicht und führt zu dem schon zu Beginn erwartbaren verspäteten Erwachsenwerden der Hauptfigur. Doch es macht nicht nur Spaß, wie dieses Ende damit herausgezögert wird, dass Earle einfach so weitermacht wie bisher. THE MULE stellt auch seine kurzen Momente mit Motiven über Familie, Savoir-vivre, Verantwortungsbewusstsein und Verbissenheit zu, dass sich ein komplexer Austausch entwickelt. Statt also weiter auf den Tod zu warten oder durch diesen erlöst zu werden, macht es sich Eastwood in THE MULE im Leben und seinen Widersprüchen bequem und genießt es als Road Movie und Tearjerker.

At last… the beginning: The making of Electric Ladyland
(Roger Pomphrey, USA/UK 1997/2008) [blu-ray, OF]

ok

Wenn Eddie Kramer am Mischpult sitzt und einzelne Lieder in ihre Bestandteile auseinandernimmt oder wenn diverse Hintergrundinformationen geliefert werden, dann ist diese Erweiterung des Beitrags zu ELECTRIC LADYLAND in der CLASSIC ALBUMS-Reihe durchaus spannend. Wenn Typen rumsitzen und sich die Eierschaukeln, weil sie an diesem großen Monument beteiligt waren, was viel zu häufig geschieht, dann ist es das nicht. Mein Vater hat mir zum Geburtstag eine Box des Albums geschenkt, dass einen 5.1-Mix, Outtakes, ein Live-Mitschnitt eines Auftritts der Experience zu der Zeit sowie eben diese Doku enthält. Da mir gerade zur Doku nicht viel einfallen möchte, folgen nun ein paar kurze Anmerkungen zu Musik und Eltern:
In meiner frühen Jugend habe ich mich mit meiner Mutter immer über meinen Vater lustig gemacht, wenn er Musik hörte. Es war eben auch immer sehr, sehr laut, für mich damals und meine Mutter abstrus laut. Manchmal, wenn er Kopfhörer aufhatte, dann war die Musik in Zimmerlautstärke im Raum zu hören. Je älter ich wurde, umso mehr verstand ich ihn aber. Auch wegen Episoden wie dieser: Mein Zimmer lag gegenüber der Toilette, weshalb mein Vater ab und zu hereinschneite, wenn ihm gefiel was er dort sitzend gehört hatte. Einmal lief ARE YOU EXPERIENCED?, das Debütalbum der Jimi Hendrix Experience, das ich mir gekauft hatte, weil ich seine Hendrix-Best-of und eben seine ELECTRIC LADYLAND-CD durchgearbeitet hatte … und weil ich was Eigenes haben wollte. Er hörte es auf dem Klo, kam rein, ging, ohne ein Wort zu sagen, zu meiner Anlage und drehte die Lautstärke auf. So leise könne solche Musik nicht gehört werden, sagte er und ging. Er hatte Recht, manche Musik steht die durch Lautstärke unterstrichene Physis sehr gut.
Vor gar nicht langer Zeit, fuhr mich meine Mutter irgendwo hin. Weil meine Schule in der Nähe ihres Arbeitsplatzes lag, bin ich oft mit ihr im Auto gefahren und sie hat jedes Mal die Musik ertragen, die ich anmachte. Selbst so etwas wie HEROIN von The Velvet Underground, während sie als einzige CDs die Kuschelrock-Sampler besitzt. Sie beschwerte sich zuweilen, aber ich durfte hören, was ich wollte. Bei der Fahrt letztens, da machte ich SEVEN SWANS von Sufjan Stevens an. Sie erbat sich noch beim ersten Lied, dies auszumachen. Dieses ewige Wiederholen nerve sie. Ich fand sehr interessant, dass elektronische Musik andere Semester sogar nerven kann, wenn sie mit Mitteln der Folkmusik vorgetragen wird.
Musikgeschichte habe ich durch meine Eltern so eben besser verstanden. Wenn beispielsweise Emerson, Lake & Palmer auf der zweiten Seite von TRILOGY vor allem nur noch Krach machten, dann kam mein Vater auch mal herein und lobte mich, weil ich ausnahmsweise mal wieder etwas Hochkultur hörte. Warum dieser Mann, der Black Sabbath bei dröhnender Lautstärke hörte oder diese enervierenden Geräusche als Kultur bezeichnete, so ein Problem mit Punk oder anderer drastischerer oder neuerer Musik hatte, blieb mir lange ein Rätsel. Dann lief aber mal ein Weezer-Konzert auf Viva 2, als ich zum Besuch war. In seiner Gegenwart hörte sich BUDDY HOLLY, dieses in meinen Ohren grundharmonische, anschmiegsame Lied, plötzlich nach Krawall an. Ich verstand mit einem Schlag, welchen Einfluss Punk auf die Musik genommen hatte, was der Unterschied zwischen eruptiven Fiepen bei ELP und dem Dreck im Fundament einer Band wie Weezer war. Weezer, of all Bands.
Dabei hatte er mir schon zu der Zeit ungewollt eine andere Lektion erteilt. Er hatte mir eine Sendung auf arte über The Who gezeigt, die mich total wegfegte. Ich habe lange nicht verstanden, was an der Band nach dem Tod Keith Moons so uninspiriert gewesen sein soll, weil Songs wie PINBALL WIZARD in Liveauftritten mit seinem Nachfolger Kenny Jones gezeigt wurden. Zu Weihnachten danach bekam ich ein 4-CD-Box-Set, 30 YEARS OF MAXIMUM ROCK’N’ROLL … und ich war schwer enttäuscht. Die Lieder klangen so sauber und weich. Ich machte lange den Umstand dafür verantwortlich, dass es sich bei fast allen Lieder um neue Mixe handelte, aber die Lösung stand schon in der ursprünglichen Doku, die mich angefixt hatte. Dort sagte John Entwistle, seines Zeichens Bassist von The Who, beispielsweise, dass die Beatler die besseren Alben gemacht hätten, aber sie sie dafür von der Bühne gefegt hätten. Oder es gibt ein frühes Interview mit Pete Townsend, wo er erklärt, dass Künstler früher bei Liveauftritten wie auf dem Album klingen wollte. Heute gäbe es aber Künstler wie The Jimi Hendrix Expierence oder eben sie selbst, die auf einem Album lieber die Energie und die Gewalt ihrer Bühnenauftritte rekreieren wollen – denn ein bad sound sei oft viel interessanter als ein good sound. (Ich habe diese irgendwo auch grottenschlechten Doku in den Wochen, vll. Monaten zwischen ihrer Aufnahme und dem Weihnachtsgeschenk so oft angeschaut, dass ich seine Stimme förmlich im Kopf höre … unter anderem auch, weil ich lange nicht verstand, was er meinte.)
Später, inzwischen etwas enttäuscht von THE WHO durch diesen Vorfall, kaufte ich mir ein Livebootleg eines Auftritts von Black Flag. Ich hatte kein Geld für ihre Alben, konnte mich zwischen den Einzelnen nicht entscheiden und nahm einfach dieses Livealbum, dass laut Mailorder eine gute Klangqualität besaß. Es hörte sich dann an, wie mit einem Diktiergerät am Ende des Saals aufgenommen. Schlagzeug und Bass werden fast völlig verschlungen und die Gitarren und der Gesang waren verlaufene Aquarelle in einem rotzigen Meer aus Lärm. Ich habe mich unfassbar geärgert, aber weil ich nichts Besseres hatte, habe ich es immer wieder gehört. Als ich dann die Alben von Black Flag nach und nach kaufte, war ich abermals enttäuscht. Wo war die Gewalt hin? Wieso hörte sich das alles so nett an? Ich verstand aber langsam, was Pete Townsend meinte, wenn er sagte, dass ein bad sound interessanter sei.
Aber genug von der Nostalgie eines alten Sacks, der sich durch ein Geschenk an seine Jugend erinnert fühlt. Genug vom Eierschaukeln.

Dienstag 19.02.

Derrick (Folge 172) Kisslers Mörder
(Wolfgang Becker, BRD 1989) [DVD]

großartig

Die Hälfte von LOVESEXY, dem zehnten Album des Princen, wird als Soundtrack der Jugend benutzt. Die Mutter bekommt sehr soften Pop von beispielsweise Phil Collins an die Seite gestellt, während der Edelpuff, in dem sie arbeitet, von exotischen Discokrachern wie Mory Kantés YEKE YEKE untermalt wird. Wenn die Kluft zwischen den Generationen und Geschlechtern am eklatantesten ist, dann läuft Pink Floyds CAREFUL WITH THE AXE, EUGENE … natürlich immer nur in der Phase, bevor der große Ausbruch eine krachende Erlösung bringt. KISSLERS MÖRDER arbeitet sehr stark mit Leitmotiven und bringt die entgegengesetzten moralischen Vorstellungen und die unterschiedlichen Temperamente damit in Stellung.
Eine Frau steht in der Mitte des Geschehens. Umgeben ist sie von drei Generationen von Männern, die ihr vorschreiben wollen, wer sie zu sein hat. Aufgerissene Augen, Einstellungen des Entsetzens ob ihrer Taten – Geld mit Sex verdienen –, Weltschmerz und Selbstgerechtigkeit – es gibt eine sagenhafte Führung durch das Clubhaus, wo ältere Herren indoor zwischen Palmen, Pool und Bars die Anwesenheit von unbekleideten Damen genießen und der Chef erzählt, dass dies nach neusten wissenschaftlichen Erkenntnis den nötigen Ausgleich vom Stress des Alltags bietet – bestimmen KISSLERS MÖRDER. Es strahlt an allen Ecken und Enden, wenn hier die Inneren der bundesdeutschen Republik auf den Tisch gepackt werden. Nur leider klingt es schon kurz nach dem Mord ab, da das bunte Treiben des Puffs durch eine Ausschließlichkeit einer bürgerlichen Spießigkeit ersetzt wird.

Montag 18.02.

Derrick (Folge 171) Wie kriegen wir Bodetzki?
(Horst Tappert, BRD 1989) [DVD]

ok

Der Beginn zeichnet sich durch vermehrte Schnitte aus, die den Raum mehr zerschneiden, als dass sie ihn konstruieren würden, aber auch von vereinzelten Annäherungen an Ultrakunst, wenn idiosynkratrische Kamerafahrten nicht nur seltsame Zeichen setzen, sondern auch noch scheinbar völlig unmotiviert zerschnitten werden. Zu Beginn war ich mir sicher, dass der Abspann den Namen Brynych auffahren wird. Doch da wo eben dieser seine Manierismen meist zu einem Ganzen verbinden kann, fällt in WIE KRIEGEN WIR BODETZKI? fast völlig zusammen. Der dramatische Höhepunkt der Folge, wenn Derrick zu einem suggestiven moralischen Zwiegespräch ansetzt, im Zuge dessen er Volker Lechtenbrink dazu bringt, mit zusammengebissenen Zähnen Recht und Moral zu ihrem Recht zu verhelfen, all dies ist in Schnitt-Gegenschnitt ihrer Gesichter aufgelöst. Formell ist alles Eigenwillige, alles Aufregende von dieser Folge zu diesem Zeitpunkt abgefallen.
Seltsam ist WIE KRIEGEN WIR BODETZKI trotz alledem. Einen Agententhriller bietet uns Drehbuchautor Reinecker, in welchem Derrick auf die Schliche von netten Wissenschaftlern (Lechtenbrink, Hans Georg Panczak, Helmut Stauss) gelangt, die sich in die Gegebenheiten des Kalten Kriegs geschlittert sind und dort wie Kinder agieren, die einen Film nachspielen. Mittels eines in vorzeitigen Ruhestand gegangenen Kollegen (Hans Putz) unterwandert Derrick sie, aber vor allem nimmt die Folge mit diesem wieder einen kurzen Umweg zu einem der Themen, das Reinecker gerade in den 80ern umtreibt: den Alkoholismus. Aber so wie dies inszenatorisch zu keiner Linie findet, so ist das Geschehen vor allem bestenfalls eine Collage von Skizzen, die mehr oder weniger zufällig aneinanderkleben.
Es mag auf der Metaebene vll. sogar einiges vergeben liegen, was lohnt aus der vierten Regiearbeit von Horst Tappert gehoben zu werden, aber ein Fakt verdirbt mir jede Lust daran. Mit Gert Haucke als Ostagent mit ikonischer Mordwaffe hat WIE KRIEGEN WIR BODETZKI einen sagenhaften Bösewicht in petto. Er wird aber sinnlos und niederträchtig völlig verschwendet, nur um bei der moralischen Erweckung von drei Naivlingen zu bleiben. Es handelt sich um eine Folge, die alle Potentiale einfach nur verschwendet.

Sonntag 17.02.

Fata Morgana
(Werner Herzog, BRD 1971) [blu-ray] 2

verstrahlt

Bilder einer Wüste zu denen eine Stimme aus dem Off einen Schöpfungsmythos erzählt. FATA MORGANA scheint eine einfache Sache zu sein. Bilder über widrige Lebensumstände und von Tod, zu denen von der Entstehung des Lebens erzählt wird. Bilder von Fata Morganen, Bilder einer verschwommenen Realität. FATA MORGANA verbleibt lange bei diesem Konzept und doch handelt es sich um einen Film der Entwicklung. Erst tauchen Kinder in den Bildern auf, werden deren zentraler Inhalt, es folgen andere Kapitel (1. Die Schöpfung; 2. Das Paradies; 3. Das Goldene Zeitalter), die Kommentare aus dem Off, werden aberwitziger, uneindeutiger. Und dann spielt eine Zweipersonenband in tristem Ambiente, während sich die Stimmung eines Loriot-Sketches breitmacht. FATA MORGANA ist vll. das zentrale Element der Beweisführung, dass Werner Herzog vor allem auch Komiker ist, der ob der menschlichen Gesellschaften keine ernsthaften Filme zustande bekommt.

Baahubali 2: The Conclusion
(S.S. Rajamouli, IND 2017) [blu-ray, OmU]

großartig

Ein kurzer Moment, den ich im sonstigen aktuellen Filmgeschehen etwas vermisse: Als Bösewicht und liebevoller Sadist Bhallaladeva (Rana Daggubati) schließlich auf dem ihm lange vorbestimmten Scheiterhaufen landet, fragt er die von Anushka Shetty gespielte Frau/Mutter seines Widersachers (fragt nicht), ob sie nicht mit ihm sterben möchte. Sie, die er 25 Jahre an einer Kette auf einem Marktplatz hielt, die er, ohne dass es BAAHUBALI ausbuchstabieren würde, über Jahrzehnte erniedrigte und quälte, fragt er voller Hoffnung auf eine positive Antwort, ob sie nicht mit ihm im Feuer sterben möchte. Irgendwann davor hat er erwähnt, dass er erkannt hat, dass all die Macht als König, all der Reichtum, alles um ihn herum ihm egal ist, dass er nur dadurch Erfüllung findet, diese Frau zu foltern. Trotz allem dem Entgegensprechenden glaubt er an Gegenseitigkeit in seinem Glück und der Film lässt diesen Psychopathen es auch noch ausformulieren und gibt ihn diesen Moment voller Gefühl, der ihn als Bösewicht nochmal irrsinniger macht – und es muss wiederholt werden –, ohne dies sonst im Film zu behandeln und tot zu erklären. Toll.

Sonnabend 16.02.

Heaven’s Gate
(Michael Cimino, USA 1980) [blu-ray, OmeU]

großartig

Ein Film, der seine Exposition per Monolog ganz unvermittelt geschehen lässt, wo ein Bahnangestellter dem gerade angekommenen Kris Kristofferson sowie uns erklärt, was los ist. Klar ist danach trotzdem nicht viel, denn vor allem hüllt er sich in eine allgegenwärtige Rätselhaftigkeit, dass nur an der Oberfläche klar ist. Ein Film der Armut und Reichtum in ständige Gegensätze stellt, wie wenn Kristofferson alleine in einem Bahnwagon fährt, während die Dächer des Zugs mit den Armen überfüllt sind. Ein Film, der Ruhe gerne auf lärmende Sequenzen folgen lässt, weshalb es stets wie eine Erlösung wirkt. Ein Film, über die Melancholie eines reichen Mannes (Kristofferson), der mit den Taten seiner Klasse und mit seiner Zugehörigkeit zu dieser nicht zurechtkommt. Das herbe Selbstmitleid eines Privilegierten. Ein Film mit einer Coda, die das Monolithische des Katers Kristofferons an der Existenz, dass sonst nur das Geschehen umweht, als surrealen Endpunkt nochmal explizit werden lässt. Ein Film, dessen Prolog DER LEOPARD als absurden, rauschhaften Tanz in den Verlust der Unschuld variiert. Ein Film, dessen Liebesgeschichte genau diese Übelkeit am eigenen Sein als Dreiecksbeziehung spiegelt, aber die anderen beiden nicht daran ersticken lässt. Ein Film, wo Tanz kurze Inseln der Freude bietet, die in HEAVEN’S GATE immer die Ruhe vor dem Sturm darstellen. Ein Film mit einer sachten Abrechnung mit Nazideutschland, der die deutschen Einwanderer im Angesicht eines staatlich sanktionierten Massakers der Reichen an den Armen sagen lässt, dass das Gesetz nunmal auf der Seite der Mörder steht und in diesem Fall nichts getan werden kann. Ein Film, der von Rauch und Nebel besessen ist und die Bilder bis knapp zur Selbstparodie mit diesen füllt. Ein Film so ernsthaft, dass es fast komisch ist. Ein Film so sinnlich, dass das eben nur fast so ist.

Baahubali: The Beginning
(S.S. Rajamouli, IND 2015) [blu-ray, OmU] 2

großartig

Anstelle etwas wirklich Aussagekräftigem jetzt ein kurzer Kommentar, der meine Sprachlosigkeit zum Ausdruck bringt: Wie mit dem eskalierten Davidoff-Werbeclip-Hausstil ein vorstellungskraftsprengendes Epos geschaffen werden kann, sehen sie hier.

Freitag 15.02.

The Day After Tomorrow
(Roland Emmerich, USA 2004) [DVD, OmU]

ok

Wie später bei 2012 bildet der Weltuntergang nur die atmosphärische Entsprechung eines familiären Auseinanderdriftens. Hier sind es Vater (Dennis Quaid) und Sohn (Jake Gyllenhaal), deren Verhältnis am Erodieren ist. Wo der nachkommende Film dies aber als wilde Achterbahnfahrt inszeniert, lässt THE DAY AFTER TOMORROW seine Welt durchweg mit traurigen Gesichtern untergehen und durch die Erfüllung der Erwartungen von Vater wie Sohn aneinander wieder Ruhe finden.

Mittwoch 13.02.

The Favourite / The Favourite – Intrigen und Irrsinn
(Yorgos Lanthimos, USA/IRE/UK 2018) [DCP, OmU]

großartig

Nach den wenigen Filmen zu urteilen, die ich von Yorgos Lanthimos gesehen habe, ist er am ehesten Choreograph. Am lebendigsten ist ATTENBERG beispielsweise, wenn die Hauptdarstellerinnen wiederholt tanzend den immer gleichen Weg entlanggehen. (Gesammelt gibt es diese Sequenzen auf youtube nur mit Suicides wunderbarem STORM RIDERS unterlegt. Die von markanten Schritten durchbrochene Stille, die den Film bei diesen Tänzen auszeichnet, will mir aber viel mehr zusagen, deshalb zwei Beispiele hier und hier. Godard und Rivette scheinen hier in jungen Jahren für kurze Momente zusammenzukommen.) Auch in THE FAVOURITE gibt es eine ähnliche Tanzsequenz, wo Lady Sarah (Rachel Weisz) mit einem Partner etwas vollführen darf, dass Elemente barocker Tänze mit möglichen Choreographien einer Brittney Spears Bühnenshow kombiniert. (Es ist auch der Moment, der als Katalysator etwas zentrales und bisher Unausgesprochenes in den Film holt.)
Mit seiner Mischung aus prägnanten Szenen und Einstellungen, die gerne Decke und Boden der weiten Gemächer des Palastes von Queen Anne zeigen, vollführt THE FAVOURITE aber auch ohne Tanz eine Choreographie. Hier die Fischaugenoptik, welche den Raum ins Absurde verzerrt und einen Ort kindischen Punks entstehen lässt. Wo hinter dem Anschein von Königlichem und Adligem bestenfalls Jugendliche zu Vorschein kommen, die zwar körperlich Erwachsene sind, hinter dieser Fassade aber Sex, Eifersucht und Machtkämpfe mit einem Feuer und einer Unbedarftheit ausleben, der hinter dem Rücken der Wachenden (Eltern oder eben in diesem Falle der Gesellschaft) wohl stets zu warten scheint. Die ganze Hofetikette mag bei diesen sie Ausführenden wie das Spiel von Kindern erscheinen, die absurde Rituale entworfen haben, um im Spiel ihr Erwachsensein zu beweisen. Und dort gibt es dann eben doch prägnante Momente wie die Treffen zum Taubenschießen zwischen Lady Sarah und der aufsteigenden Abigail (Emma Stone), wo das Spiel ernst wird und unter der ausgestellten Höflich- und Freundlichkeiten nur gefletschte Zähne warten. All dies ist für sich choreographiert, es vollführt aber auch miteinander einen Tanz aus Naivität und bitteren Ernst.
Etwas sich selbst Verformendes wird so nochmal verformt. Der Blick auf den Kampf um Zuneigung, um Einfluss und einfach nur um nicht in die Gosse zurückzukommen scheint vor allem eine Komödie über Leute in überkandidelten Masken, Kleidern und Räumen zu sein. In vielerlei Hinsicht sehen wir etwas gleichzeitig Manierliches wie Verspieltes. Wenn am Ende THE FAVOURITE aber sachte Richtung HOMER THE SMITHERS umschlägt, wenn also die Kinder erwachsen oder unwiederbringlich aus ihrem Paradies vertrieben werden, dann wandelt sich dieser Spaß in etwas Bitteres. Hoffnung mag darin zumindest für Queen Anne (Olivia Colman) stecken, aber diese ist genau so schmerzhaft und gallig wie das schwarze Loch, in das Sarah und Abigail – gerade Emma Stone ist hier perfekt gecastet, weil die Unschuld ganz selbstverständlich aus ihr zu strömen scheint, die sich in THE FAVOURITE als so trügerisch erweisen wird – durch ihr eigenes Tun fallen. Der Verlust des Kindlichem, und darauf steuert diese geschliffene Coming-of-Komödie im Gewand eines Hofintrigendramas zu, ist hier ein dunkler, surrealer Brocken.

Dienstag 12.02.

The H8ful Eight
(Quentin Tarantino, USA 2015) [blu-ray, OmU] 2

großartig +

Am nächsten Tag, am 13.02., dachte ich auf dem Weg nach Hause über die blutigen Cumshots nach, die wiederholt auf Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) landeten. Blutschwall auf Blutschwall ergießt sich in THE H8FUL EIGHT über ihr zunehmend zerstörtes Gesicht und mir war nicht ganz klar, ob es die Geilheit des Films ist oder die ihrer Peiniger, die sich damit ausdrückt (wobei das vor allem schwer zu unterscheiden ist und am Ende dieses Gedankenstrangs wohl zwangsläufig Orakeln über die Intension des Künstlers wartet).
Erst da ist mir klargeworden, dass dieser Film, der fast nur von verabscheuenswerten Individuen bevölkert ist, sie tatsächlich nicht von allen in dieser Form behandeln lässt, sondern nur von den drei Männern, die mit ihr in der Kutsche zu Minnie’s Haberdashery fahren, also von denen, aus deren Sicht fast der gesamte Film erzählt wird. Und dadurch verstand ich auch, wie nötig die Rückblende ist, die mich bei der ersten Sichtung etwas gestört hatte. Denn diese enthält wirklich nichts, was den Film erzählerisch weiterbringt, aber es enthält ein Massaker an höchst sympathischen Leuten durch Daisys Verbündete. Ohne diese Rückblende hätten sie einen Kaffee vergiftet und die bei Tarantino obligatorische Person, die unbemerkt im Nebenraum sitzt bzw. hofft dort unbemerkt zu sitzen, sie schießt jemanden die Eier weg. Nicht ganz nett, aber doch eine andere Qualität als das, was THE H8FUL EIGHT Kurt Russell, Samuel L. Jackson oder Walton Goggins tun lässt. Erst die Rückblende reiht sie in dieses Panoptikum von Leuten ein, die von Hass getrieben werden, die mit Gewalt ihre Lösungen suchen, in ein geschmeidiges Panoptikum von Sadismus und von einem Land, dass nach dem Bürgerkrieg immer noch bis ins Mark zerstritten ist und sein böses Blut nur zu gern in Wallung bringen lässt. Manchmal dauert es eben etwas länger…

Montag 11.02.

Derrick (Folge 170) Eine Art Mord
(Günter Gräwert, BRD 1988) [DVD]

großartig

Es ist wie Elternsein: Stephan Derrick läuft zwischen den lügenden Kindern hin und her und kommt in dem erzählerischen Bermuda-Dreieck, das er abschreitet, langsam der Wahrheit näher. Wenn er sie gefunden hat, gibt es eine Art Mord. Repetitiv kommt er also zu den Beteiligten zurück und jeder trägt seine Ästhetik mit sich rum. Die Großbürger in ihren Villen, die das Kommen der Vergangenheit und der Polizei schon immer erwartet haben, wie Hexen die Ankunft des Propheten. Die Kleinbürger, die sich hysterisch an ihren Ruf festklammern und die niederschreien wollen, weil sie zu nichts anderem fähig sind. Am besten ist aber der nach 25 Jahren aus dem Knast entlassene Werner Rutger (Siegfried Lowitz), der alt genug ist, um sich um nichts mehr zu scheren … und der deshalb Prostituierte mit in sein Hotel nimmt und am Morgen danach lakonisch meinte, dass das auch nicht mehr das Selbe sei, während im Hintergrund seine Vermieterin lächelt. Wie ein Schluck Wasser steht er in diesem Film und hat sein Kleinwenig Genugtuung, wenn er anderen das Leben nicht ganz so einfach macht.

Sonntag 10.02.

Gangsters ’70 / Gangster sterben zweimal
(Mino Guerrini, I 1968) [stream]

gut

Die Schnittfassung der deutschen Kinoveröffentlichung (beurteilt nach den Lücken im deutschen Ton) versteckt (unbewusst?), dass GANGSTERS ’70 von abgehalfterten Männern erzählt, die es ihren Frauen nochmal beweisen wollen, denn besagte Frauen wurden teilweise fast kategorisch herausgeschnitten.

Derrick (Folge 168) Mord inklusive
(Helmuth Ashley, BRD 1988) [DVD]

ok +

Damit Harry mal wieder eine Frauengeschichte haben kann – er verführt eine mögliche Zeugin, um an Informationen zu gelangen, indem er ihren Wagen lahmlegt, ihr dann hilft und sie mit seiner sexy Sade-Kassette durch die Stadt kutschiert, er hat natürlich durchschlagenden Erfolg, während wir weiterhin nur Harry Klein sehen, der nie wie ein Casanova herüberkommt – wird alles andere lieblos an die Seite gedrängt. Christoph Waltz spielt eine Rolle, die erst von dramatischer Wichtigkeit erscheint, am Ende aber nur ein, zwei Sätze gesagt haben wird und die völlig verloren wurde.

Derrick (Folge 169) Die Mordsache Druse
(Alfred Weidenmann, BRD 1988) [DVD]

ok +

Alfred Weidenmann findet kaum Interessantes in der Geschichte, weshalb er sich auf die Inszenierung von Fronten von Autos an wichtigen Stellen ergeht: der Mord passiert, während die Kamera an einem verregneten Kotflügel vorbei pant, der Drogenkingpin wird durch eine Unteransicht des Kühlergrills seiner monumentalen Karosse eingeführt.

Sonnabend 09.02.

Ching se / Green Snake
(Tsui Hark, HK 1993) [DVD, OmeU] 2

fantastisch

GREEN SNAKE beginnt mit einer Gegenüberstellung. Erst sehen wir einen Mönch (Zhao Wenzhuo), der durch Askese und Kultivierung übernatürliche Mächte bekommen hat, wie er Leute beim massenhaften Treten auf einen am Boden liegenden Einzelnen zuschaut. Ein dahingemurmelter Kommentar lässt eine tiefe Abscheu gegenüber der sich so gerierenden Menschheit erahnen. Durch seine religiöse Praxis möchte er seine Zugehörigkeit zu dieser Rasse tilgen. Er wird auf zwei Schlangen (Joey Wang & Maggie Cheung) treffen, die seit Jahrhunderten trainieren Menschen zu sein. Sie wagen quasi den Abstieg um Gefühle zu haben, um das Menschsein zu erleben. Da wo der Mönch hinmöchte, finden sie es anscheinend langweilig.
Der verbindende Moment zwischen den beiden ist der Sex. Während er in rituellem, repetitiven Bewegungen versucht die Fleischeslust aus sich auszutreiben, sind die Bilder von GREEN SNAKE im Allgemeinen und die von den Handlungen von White wie Green Snake im Speziellen von Wasser und Sinnlichkeit bestimmt. Immer wieder gibt es Nebel, Wasserfluten, sich im Wasser rekelnde Körper, Weichzeichner und grelle, sinnliche Farben. GREEN SNAKE ist ein Film von Tsui Hark, deswegen geht ihm das Besinnliche bzw. eine genießende Ruhe durchaus ab, aber trotzdem sieht das Ergebnis sehr oft nach einem Softsexfilm aus. Aber weil es sich eben um einen Film von Tsui Hark handelt, gibt es in dieser Hinsicht keine Zurückhaltung. GREEN SNAKE ist ein vor Lust triefender Film.
Größtenteils wird das Geschehen bei den Schlangen bleiben und sie bei ihren Versuchen, sich in der Menschenwelt zurechtzufinden, begleiten – ergo sehen wir eine ins fantastische gedrehte Coming-of-Age-Klamotte –, aber irgendwann wird der Unterschied der beiden Bewegungen und ihrer Anliegen zu einem Konflikt führen, der die Religion ins Protofaschistische schieben wird. Mönche und ihre krampfhaften Kämpfe gegen die Lust – es sind die absurdesten Momente des Films, wenn der eigenen Erektion Widerstand geleistet wird: Kämpfe gegen die personifizierten, affenartigen Dämonen der eigenen Lust oder das Herumklöppeln mit riesigen Schlägern, um mit diesen masturbationsartigen Bewegungen sich von der Fleischeslust abzulenken –, sie sind Ausdruck eines fanatischen Kampfes gegen die Weltlichkeit, der in einem Vernichtungskrieg endet, dem sich die Schlangen mit Leidenschaft und provokativer Narretei nicht entziehen wollen.
GREEN SNAKE leistet sich keine Distanz zu seiner Welt. Er geht völlig in den Albernheiten, in der Liebe, im Absurden, im Sinnlichen auf. Eine Lobpreisung der kleinen Späße ist er, all dieser scheinbaren Kleinlichkeit und Kleinigkeiten des Menschseins. Und so voller Spaß ist er, dass er sein mutmaßliches Anliegen – Genieße das Leben, solange du kannst, und vergrabe dich nicht in eitle Kämpfe zum Höheren –, welches aus seiner Form spricht und nicht verbal an einen herangetragen wird, dass er dieses also in ein Finale münden lässt, wo hemmungslos mit symbolischen Motiven, dramatischen Gefühlen und phantastischen Wasserfluten herumgeworfen wird. GREEN SNAKE geht so in sich auf, dass er tatsächlich in einem riesigen Orgasmus endet.

Bai she chuan shuo / Die Legende der weissen Schlange
(Ching Siu-Tung, CHN/HK 2011) [blu-ray, OmU]

nichtssagend

Grenzte die Aufarbeitung der Legende der Weißen Schlange bei Tsui Hark noch an einen Fantasysoftporno, der seine gewichtigen Themen ans Absurde grenzen ließ, da ist DIE LEGENDE DER WEISSEN SCHLANGE 2011 zum Kinderfilm geworden. Selbst süße, kleine CGI-Tiere dürfen in diesem aufgeräumten Film entscheidend mitspielen, der nur in den schönen Farben an seinen unweit tolleren Vorgänger erinnert. Vll. hätte ich aber auch GREEN SNAKE nicht wenige Stunden zuvor sehen sollen.

Freitag 08.02.

The Scarlet Empress / Die scharlachrote Kaiserin
(Josef von Sternberg, USA 1934) [DVD, OmeU] 2

fantastisch +

Passend zum Älterwerden ein spezieller Coming-of-Age-Film, der aus Marlene Dietrichs Katharina, die die erste Stunde nur die Augen aufreißt, durch einen perversen, alptraumhaft entworfenen Ort eine Marlene Dietrich-Figur macht.

Donnerstag 07.02.

Charlie Chan at the Wax Museum / Charlie Chan im Wachsfigurenkabinett
(Lynn Shores, USA 1940) [DVD, OF]

großartig

Ein Film, der schon durch sein Setting gewonnen hat. Eine Handvoll Leute befinden sich nachts in einem Wachsfigurenkabinett, dass auf Verbrecher spezialisiert ist. Ein funktionierender elektrischer Stuhl steht herum, Giftpfeile werden geschossen und Leute mit Rachegedanken, geheimen Identitäten oder unwahrscheinlichen Gesichtsverbänden befinden sich zwischen den Figuren, die im Zwielicht nicht nur die Orientierung erschweren, wie viele Lebende sich in den suchbildartigen Einstellungen befinden, sondern auch die anwesenden Detektive und Verbrecher doppeln.

Mittwoch 06.02.

The Spy Who Dumped Me / Bad Spies
(Susanna Fogel, USA/CA 2018) [blu-ray]

gut

Diesen Film, der sich nicht recht entscheiden kann, ob er eine Komödie mit Actionanteilen oder ein Actionfilm mit zeitweisem Witz sein möchte – weshalb beide Hauptmerkmale bei aller Qualität den letzten Schritt ins Rampenlicht fehlen lassen –, habe ich aus familiären Gründen synchronisiert geschaut. Und THE SPY WHO DUMPED ME synchronisiert geschaut haben, ist, als ob er ohne Kate McKinnon gesehen wurde. Bzw. dass er so gesehen wurde, dass ihre Figur so unlustig und durchaus auch nervig wirkt, wie sie von diversen Leuten im Film wahrgenommen wird.

Dienstag 05.02.

Charlie Chan’s Murder Cruise / Charlie Chan auf Kreuzfahrt
(Eugene Forde, USA 1940) [DVD, OF]

gut +

Wie bei jedem guten Whodunit sind die Geschehnisse und der Mord nur Vorwände, um eine Komödie unwahrscheinlicher Figuren mit Nebel, Frauen mit überproportionierte Augenbinden und anderen Alptraummotiven zu verbinden.

Sonntag 03.02.

Okja
(Bong Joon-Ho, ROK/USA 2017) [stream, OmeU]

großartig

Perfide ist OKJA, wenn wir es so nennen wollen. Manipulativ führt der tearjerkende, aber meist in einem leichten Ton vorgetragene Roadmoviethriller, in dem ein koreanisches Mädchen sein Riesenschwein vor der Schlachtbank am anderen Ende der Welt retten möchte, in ein Konzentrationslager für ebensolche Schweine. Schweine, deren Handlungen ihnen (emotionale) Intelligenz attestieren und deren Haltung und Abschlachtung dann schlussendlich wie maschineller, bestialischer Massenmord an Freunden aussieht. Der Verzicht auf industriell erzeugte Fleischprodukte soll einem offensichtlich nahegelegt werden. Aber OKJA ist auch ein zutiefst pessimistischer Film. Es ist eine grelle Satire, wo das Management eines globalen Konzerns, deren Handlanger sowie deren Gegner bestenfalls Witzfiguren sind. Das Leben innerhalb unserer Gesellschaften muss durch sie wie ein grausamer Witz erscheinen. Keinen Platz gibt es, wo wir nicht Täter sind oder Idealisten, deren Versuche, möglichst schadlos für andere zu leben, hanebüchen sind. Aber zumindest in OKJA ist der Witz es ein guter. Tilda Swinton als Zwillingsschwester (einmal geldgieriges Monster, einmal einfältige (Selbst-)Blenderin, die an halbwegs ökologische Wollmilchsauen glaubt, mit denen industrielle Produktion und ökologische Menschen- bzw. Lebewesenfreundlichkeit verbindbar sind), Jake Gyllenhaal als alle Ideale verraten habender trauriger Fernsehclown und Paul Dano als in seinen Idealen (fast) aufgehender Tierrechtler, die Darsteller legen eine sensationelle Show hin. Jeder findet seine eigene Art von Lächerlichkeit – wobei Gyllenhaals hemmungslose Selbstvertrashung allen die Show stiehlt –, bis wir nur noch im Wald neben Okja, Mija (Ahn Seo-hyun) und ihrem Opa sitzen wollen und uns auch schon wieder irgendwie – leider – lächerlich machen oder zumindest übersehen, wie auch dieser Ort durch die Geschehnisse des Films traumatisiert wurde.

The Week Of
(Robert Smigel, USA 2018) [stream, OmeU]

fantastisch

Zwei Männer sitzen bei einem Gedenkgottesdienst nebeneinander. Der Eine hat ein Pflaster auf der Nase, wie es Ende der 90er im Fußball so beliebt war. Auf Nachfrage des Anderen sagt er, dass es der Schnarchverhinderung dienen soll. Es folgen weitere Aufnahmen aus den Reihen der Anwesenden, während die Andacht vorbeifliegt. Die Schlafenden und surrealerweise auch die Pflaster nehmen mit jedem Schnitt zu, was sich zu einer fröhlich dahinschlurfenden Miniatur menschlicher Kleinlichkeit verwebt. THE WEEK OF ist auf diese Weise zutiefst humanistisch. Die Unmengen von Familienmitgliedern, die hier in ein kleines, teilweise asbestverseuchtes Haus gesteckt werden, um auf eine Hochzeit zu warten, sie bekommen alle ihren Platz in der Geschichte, wie in den Bildern. Ihren Platz bekommen sie bzw. nehmen sie sich mittels ihrer Fehler, eigenwilligen Eigenheiten und anderem Nervigen, weshalb fast die gesamte Laufzeit von THE WEEK OF wehtut. Ihren Handlungen zuzusehen ist zutiefst schmerzhaft. Nur sind sie deshalb nicht weniger liebenswert. Denn: Nicht nur nutzt der Film sie, um die beständig anwachsende Spannung und die immer eskalierenderen eskalierenden Situationen zu rhythmisieren und dies alles überhaupt erst für unsere schmerzhafte Unterhaltung, die nur mit Lachen zu ertragen ist, heraufzubeschwören, sie, diese lachhaften Eigenschaften, sind es auch, die die Leute zu Menschen macht. Zu mehr oder weniger kleinlichen, engstirnigen und vor allem egoistischen Personen, die weit weg von jeglicher Perfektion sind, aber genau deshalb sind sie liebenswert und deshalb kann ein Film wie THE WEEK OF, bei aller brutalen Fremdscham, uns wieder in ein gesundes Verhältnis zu uns selbst setzen. Oder anders: THE WEEK OF lieben, ist sich selbst (etwas mehr) lieben.

Sonnabend 02.02.

Lady in the Water / Das Mädchen aus dem Wasser
(M. Night Shyamalan, USA 2006) [blu-ray, OmeU] 2

großartig +

Im Mai 2006 war ich mit einem Freund im Kino. Wir schauten uns ASTERIX UND DIE WIKINGER an und wollten unseren Augen nicht glauben. Konsterniert unterhielten wir uns danach und Alex P. (ein anderer als der Eskalierende Träumer) meinte, dass wir eigentlich allen erzählen müssten, wie unglaublich toll der Film war … als kleiner, fieser Witz und damit wir dieses Erlebnis nicht alleine durchgemacht hätten.
Wochen später erwähnte eben dieser Alex P., dass er DAS MÄDCHEN AUS DEM WASSER im Kino gesehen hatte und es der beste Film sei, den er je gesehen habe. Ich hatte damals die meisten der großen Hits Shyamalans gesehen und sie schrecklich gefunden, weshalb mir schnell der damals gefasste Plan in den Sinn kam. Darauf angesprochen stritt er unlautere Hintergedanken ab und blieb dabei, dass Shyamalans neuer Film ein Meisterwerk sei. Als ich den Film dann im Fernsehen sah, fühlte ich mich in meinem Misstrauen bestätigt. Das war der größte Mist, den ich je gesehen hatte, so meinte ich. Jetzt habe ich ihn wiedergesehen und ich bin mir immer noch nicht sicher, ob Alex P. damals die Wahrheit gesprochen hatte. Die dargebotene Meinung kann ich aber nachvollziehen.
Ein besserwisserischer Filmkritiker wird genüsslich und höchst ironisch in einen kalten Tod geschickt, während Shymalan den Messias der Menschheit, einen Autor, der durch sein Werk Gedanken und Bewegungen anstoßen wird, gleich selbst spielt: Das Selbstverliebte bzw. der Kampf mit den eigenen Niederlagen ist in DAS MÄDCHEN AUS DEM WASSER äußerst persönlich und manchmal ziemlich selbstverliebt. Und dann ist da noch diese offen zur Schau getragenen Metaebene, wo die Struktur von Geschichten zur Struktur des Lebens erklärt wird – anhand der Legende der Wassermenschen und des erzählerischen Handwerks versucht Hausmeister Cleveland Heep (Paul Giamatti) zu entschlüsseln, wie er einem Mädchen aus dem Wasser gegen einen Hund, der wie Gras aussehen kann und sich im Rasen versteckt, helfen kann und damit die Welt retten. Bunt und comichaft ist diese Welt, wo in Cornflakespackungen die Botschaft Gottes bzw. des Schicksals gelesen werden kann, wenn wir die richtigen Augen haben, oder wo Sinn sich ziemlich abenteuerlich und ohne Schamempfinden ergibt. Aber das macht den dunklen Kern, die Suche nach Selbsterkenntnis, die Suche danach mit einem Trauma leben zu können und es bestenfalls zu verarbeiten, nicht weniger emotional und das Märchen nicht weniger gruselig.

The Ward
(John Carpenter, USA 2010) [DVD, OmU]

gut

THE WARD ist lange Zeit ein Highschoolfilm. Es geht um eine Neue an der Schule, Cliquen, Mobbing und die Suche nach Freundschaft in einem protofaschistischen System. Die Lehrer lehren, versuchen im Gespräch Lernentwicklungen zu verifizieren oder schnallen ihre Schüler auf Pritschen und verpassen ihnen Elektroschocks. Auf fünf weibliche Insassen, einen Wärter, eine Krankenschwester und einen Arzt verknappt THE WARD sein Personal in seiner titelgebenden Anstalt und doch lässt sich eine ganze Lehranstalt aus den 50er Jahren in dieser Reduktion ausmachen. Und genau in den darin assoziativ entstehenden Parallelen hat THE WARD seine Stärke. Wenn die rigide durchgesetzte Herrschaft des Aufsichtspersonals, die Stimmung zwischen den fünf jungen Frauen in Gewalt kippen lässt. Wenn die bösen Erinnerungen über Geschehenes nur Insassen, aber nie die Obigen einholt. Je mehr aber das Personal schwindet und THE WARD bald sein Diese-Psychatrie-ist-ein-Kommentar-über-Erziehungsmethoden-in-Schulen-Ambiente verliert und auf einen psychologischen Twist hinausläuft, desto eindimensionaler wird es.

Gangsters ’70 / Gangster sterben zweimal
(Mino Guerrini, I 1968) [stream]

(gut +)

Unruhig sind die Bilder. Voller Spielereien, welche anscheinend die Aufmerksamkeit von den Bildinhalten wegzuziehen gedenken. Wie Rouge legt sich diese Exzentrik über das Geschehen von GANGSTERS ’70. Joseph Cotten ist dabei so stark geschminkt, dass er wie Donald Sutherlands Casanova an käufliche Liebe und einen Verfallen denken lässt, der süßlich in der Nase wahrzunehmen ist. Jung möchte dieser Film wirken, aber er hat etwas Uraltes.

Januar
Donnerstag 31.01.

Mai-chan no nichijô / Mai-Chan’s Daily Life: The Movie
(Satô Sade, J 2014) [DVD, OmU]

ok

Solange menschliche Körper und andere Formen von Fleisch nicht zer- bzw. aufgeschnitten, zerhackt oder sonst wie verwundet und dann penetriert werden, ist MAI-CHAN’S DAILY LIFE fürchterlich. Hölzern und unansehnlich werden die Figuren an die Orte manövriert, an denen der torture porn herrscht. Im Vorhof des Schmerzes benehmen sich alle wie Witzfiguren. Dem Unterhöschen- und Hausmädchenuniformfetisch wird vor allem lieblos nachgegangen. Seinen (ich denke mal, selbst gewählten) Vornamen trägt der Herr Satô deshalb wohl nicht zu Unrecht. Zu sich kommt sein Film jedenfalls erst, wenn all dies überwunden ist. Wenn in der in den Film führenden Szene recht unangenehm eine Axt in einen Rücken geschlagen wird, während ein Zuschauer sein Steak sehr englisch isst, oder wenn das genüsslich zelebrierte Finale die Folterleidenschaft zur Liebe erklärt und Arme aufgeschlitzte Oberkörper fistfucken. Küsse werden hier zu Bissen. Erratisch wechselt hier die Farbe und die über den Bildern liegenden Filter und Verzerrungen. Sinn wie Sinnlichkeit herrscht nur in seinem Schlachtfest. Als Ganzes ist das dann etwas unbefriedigend, aber Lust den Manga zu lesen, habe ich nun schon.

Mittwoch 30.01.

Derrick (Folge 167) Das Ende einer Illusion
(Günter Gräwert, BRD 1988) [DVD]

großartig

Fast jede Einstellung ist ein Trunstwerk. Die Cadrage der heruntergekommenen Leute in heruntergekommenen Wohnungen, sie spricht vom Ende aller Lebenslust. Als zwischenzeitlich Vorhänge hochgezogen werden und Sonne in die Wohnungen fällt, überrascht es, dass die Leute nicht zu Staub zerfallen.

Dienstag 29.01.

Derrick (Folge 166) Die Stimme
(Helmuth Ashley, BRD 1988) [DVD]

großartig

Die Schönheit von DIE STIMME liegt lange Zeit in ihrer Dezenz. Eine marginal zu erahnende Todessehnsucht hier, Blicke ins Leere oder Gänge hinunter dort. Missgunst und Idiotensein als Teil der Menschlichen Komödie. Am Ende kippt diese Zurückhaltung aber vollends, wenn die Ermittlungen erst in eine Kneipe führen, wo das Licht sich in der dicken Luft verfängt und an den Wänden eine Dekoration hängt, die erst auf den zweiten Blick sich nicht als Spinnenweben aus einem Vampirschloss offenbaren, und dann an einen von Zeit und Realität verlassenen Ort, wo aus riesigen milchigen Augen eine monumentale Romantik läuft. DERRICK war zuletzt vermehrt wieder seltsam, auf dieses Ende war ich aber kein bisschen gefasst.

Gli Italiani si voltano / Die Italiener drehen sich um k
(Alberto Lattuada, I 1953) [DVD, OmU] 3

fantastisch

Damit Sabrina Z., die während des Kongresses die Kinder hütete, wenigstens einen kleinen Eindruck der Freuden erhielt, habe ich ihr eines der Highlights gezeigt, nämlich von Maultrommeln und Blicken gejagte Frauen, die nur mal vor die Tür gehen wollen. Allein für die Reaktionen, die sekundenschnell zwischen Entsetzen und Lachen wechselten, hat es sich gelohnt.

Sonntag 27.01.

The Foxes of Harrow / Eine Welt zu Füßen
(John M. Stahl, USA 1947) [DVD, OF]

fantastisch

Die Frau rennt weg und der Mann verfolgt sie: So wie es sein sollte, so oder so ähnlich sagt es Stephen Fox (Rex Harrison), als er ein Paar gerade gekaufter Sklaven sieht, welches seine eigene Beziehung zu Lilli D’Arceneaux (Maureen O’Hara) spiegelt. Sie war zu stolz um vom Wagen zu ihrem neuen Besitzer (Fox) hinabzusteigen. Der Mann darf sie heiraten, wenn er sie einfangen kann.
THE FOXES OF HARROW fühlt sich zuweilen wie ein später Nachklapp zum Erfolg von VOM WINDE VERWEHT an. Ein zum Stolz Erzogener unehelicher Sohn eines irischen Adelsgeschlechts und Falschspieler im Mississippi-Delta (immer noch Fox) kommt nach New Orleans und träumt davon sein eigenes Geschlecht aufzubauen. Bzw. er beginnt davon zu träumen, als er Lilli und ihren Stolz kennenlernt. Einerseits wird er Erfolg haben, andererseits wird das Temperament und die unterschiedlichen Einstellungen der beiden zu den Niederungen des Menschseins THE FOXES OF HARROW zu einem schmierigen Melodrama machen, bei dem der größte Spaß darin besteht, die Stolzen gekränkt zu sehen und wo der größte emotionale Tumult daher rührt, dass keiner der beiden über seinen Schatten springen kann und sie sich gegenseitig quälen – eine eingetretene Tür steht hier ziemlich offensichtlich für eine Vergewaltigung – und wo gerade er, der schon auf den meisten Filmplakaten mit Peitsche in der Hand abgebildet ist, alles ins Sadistische treibt, wo Liebe und Hass eine rauschhafte Allianz eingehen.
In seinem Vergnügen und in seinen Stürmen, die stets auch meteorologisch über das Paar ziehen, liegt THE FOXES OF HARROW durchaus in der Nähe zum Klischee. Besonders wird er aber, wie er seinen Südstaatenadel ins Verhältnis zu den Afrikanern auf den Plantagen setzt. Mit Voodoozeremonie wollen die Leibeigenen ihren Besitzern eine gute Ehe oder ein gesundes Kind verschaffen. Beide Male wird die Zeremonie rüde unterbrochen und die Insignien des Glaubens zerstört. Die Ehe hat keinen Bestand, das Kind wird humpeln. Die Ignoranz gegenüber dem Anderen scheint das Unglück zu triggern.
Dazu gibt es, wie gesagt, ein Paar, dass die Foxes spiegelt. Gleichzeitig gebären die beiden stolzen Frauen ein Kind. Als Fox den Sohn der Versklavten zum Hausdiener seines Kindes machen möchte, entwickelt sich ein emotionaler Hurrikan, wie er in THE FOXES OF HARROW mit zunehmender Laufzeit immer eigentümlicher wird. Denn die Mutter will es nicht zulassen. Ein Prinz sei ihr Kind, ein Krieger, der Seinesgleichen von ihrem Joch befreien wird. Und doch sehen wir ihn später, nach ihrem verzweifelten Freitod in einem reißenden Strom, das Spielzeug seines kleinen Herren die Treppe hinauftragen. An den Rändern ist dieser Film vll. noch herzzerreißender, als in seinem Zentrum.
Am Ende werden die Foxes fast alles verloren haben, aber ebenso fast alles niedergekämpft. Am Ende werden sie wieder vereint sein, aber das Ende, wenn der Sturm sich verzieht und die Sonne herauskommt, dann haben sie alles unterdrückt. Die Menschen um sich und die eigenen Gefühle. Sie haben nur noch sich und ihren Namen.

Le petit lieutenant / Eine fatale Entscheidung
(Xavier Beauvois, F 2005) [DVD, OmU]

gut

An den Wänden des Polizeireviers, in dem dieser Polizeiermittlungsfilm spielt, hängen unzählige Filmplakate – ES WAR EINMAL AMERIKA – DER SOLDAT JAMES RYAN – SIEBEN – RESEVOIR DOGS – oder einfach Bilder von Alain Delon, Jean Gabin und Lino Ventura, die Pistolen in die Kamera halten. Die Fiktion der Polizei- und Gangsterwelt, welche die Cowboys der Kripo antreibt, sie befindet sich als Deko überall. Demgegenüber steht ihre tatsächliche Arbeit. Überwachen, Akten wälzen und lange Wege zu nur mittelbar nützlichen Informationen gehen.
Zwei Russen rauben Leute an der Seine aus und schmeißen sie zusammengeschlagen in den Fluss. Ihnen sind die Polizisten auf der Spur. Der Fall ist aber nur der Hintergrund zu einer anderen Geschichte, wie die Plakate nur den Hintergrund zur Realität bilden. Ein Leutnant, Antoine Derouère (Jalil Lespert) fängt nach der Polizeischule neu an. Wie er abends mit seiner geladenen Dienstwaffe spielt, wie er übereifrig allem nachjagt, was er aus den Filmen zu kennen scheint, ist nur unschwer zu erwarten, dass er LE PETIT LIEUTENANT die Spitzen dieser Filme, also Verfolgungsjagden und zumindest kurzen Schießereien, bringen wird. Seine Vorgesetzte (Nathalie Baye) ist seit 2 Jahren trockene Alkoholikerin. Sie hatte ihren Sohn, der nun so alt wie Antoine wäre, mit 7 Jahren an eine Lungenentzündung verloren. Sie wird zu Antoines Ziehmutter und wird durch den von ihm verursachten Tumult mit ihrer Sucht kämpfen müssen.
Aus tristen Impressionen einer grauen Zeit besteht LE PETIT LIEUTENANT größtenteils. Aber dann wird er durch seine beiden Hauptfiguren genau dorthin geführt werden, was in ihren Figuren schon von Anfang an eingeschrieben steht. Das Freie wird zu Gunsten des Schematischen langsam an den Rand gedrängt. Und das ist schade.

Sonnabend 26.01.

Dead End / Sackgasse
(William Wyler, USA 1937) [DVD, OF]

großartig

Widersprüche werden am Ende einer Sackgasse in unmittelbare Nähe gebracht und dann wird gewartet bis die Funken schlagen. Ein Nobelhochhaus, wo auf dem Sonnendeck ständig getanzt wird, steht direkt neben den Bruchbuden der Armen – mit Filmbeginn werden wir informiert, dass die Ufer des East River ausschließlich das Gebiet der Slums war, bis die Reichen die malerische Aussicht auf den Fluss entdeckten, worauf ihre Häuser immer näher rückten. Das Innenleben des schicken Hauses wird nur durch die offene Hintertür zu erahnen sein, eines der anderen Häuser wird mittels schräger, schwindelerregender Einstellung durch das Treppenhaus und durch den Blick einer wohlhabenden Frau, die in es ging, das dunkle, heißte Aussehen einer Vorhölle bekommen. Die Kleinkriminalität einer Jugendbande steht zwischen der ehrbaren Armut von Dave (Joel McCrea) und dem heruntergekommenen Glanz von Stargangster Baby Face Martin (Humphrey Bogart). Die Hoffnung auf eine Flucht aus der reellen Sackgasse steht neben Martins Ankommen in einer seelischen, selbstzerstörerischen – das Potential einer Zukunft neben einer Vergangenheit, der alles beraubt wurde. Die Ahnung eines langen Lebens in Qual steht neben der eines kurzen in Saus und Braus. Viel hat DEAD END zu bieten, gerade in den Zeichnungen seiner Charaktere – ihre Wünsche, Verbitterungen und Möglichkeiten werden in zwischen ihnen mäandernden Ereignissen gezeichnet –, aber sie fallen immer wieder auf das starre, durchaus pädagogische Konzept zurück. Denn DEAD END ist auch ein Durchhaltefilm für die Depression.

The Fate of the Furious / Fast & Furious 8
(F. Gary Gray, USA 2017) [DVD]

ok

Es gibt einige schöne Actionszenen, aber jede Menge schreckliche Versuche einen interessanten Gegenspieler (Charlize Theron, im ziemlich an den Haaren herbeigezogenen Dreadlock-Edelhackerlook um einen Überhacker zu spielen, der von einem einfachen, analogen Ding wie einem geparkten Auto aller Souveränität beraubt werden kann) aufzubauen, der aber doch nur die Wendung bringen soll, Dominic Toretto (Vin Diesel) gegen seine Familie aufzubringen. Mit anderen Worten: Hier und da ganz spaßig, aber die wahrscheinliche Rückkehr von Justin Lin auf den Regiestuhl erfreut irgendwie mehr.

Freitag 25.01.

Das Gasthaus zur teuflischen Lust
(Tony Zarindast, Heinz Gerhard Schier, IRN/BRD 197?) [35mm]

(verstrahlt +)

Ein Film, nicht eine Realität dokumentierend, sondern um eine völlig neue zu erschaffen. DAS GASTHAUS ZUR TEUFLISCHEN LUST entspricht anderen Filmen des Mercator Filmverleihs wie DER PERSER UND DIE SCHWEDIN. Ein iranischer Thriller, der das Kino des Samuel Khachikian spürbar in sich trägt, wurde durch von Heinz Gerhard Schier (DIE VERGNÜGUNGSSPALTE, ein ähnliches Exemplar) nachgedrehte Szene zu etwas völlig Neuem gemacht. Zu etwas, dass nun eine knallharte Vergewaltigung in sich trägt, wie kunterbunten Thrillerfasching. Zu etwas, dessen Zusammenhalt mehr Behauptung bleibt, als erlebte Realität. Zu etwas, dessen Schäbigkeit jeder Beschreibung spottet.
Während der deutsche Teil des Films sich durch angeklebte Bärte und schnell zusammengezimmerte Kulissen auszeichnet, lebt der iranische Teil von Schlägereien in arabischen Kulturgut, Ornamenten von öffentlichen Plätzen, die sich über Verfolgungsjagden legen, und Stuntarbeit – Leute springen von und auf Autos, meist beides gleichzeitig –, die in Verbindung mit der aufs Auto geschnallten Kamera, die es aufzeichnet, THE ROCK nach gediegener Unterhaltung aussehen lässt.

Donnerstag 24.01.

That Uncertain Feeling / Ehekomödie
(Ernst Lubitsch, USA 1941) [DVD, OF]

großartig +

Durch eine einzige Sitzung bei einem Psychoanalytiker wird Jill (Merle Oberon*) – die während des Gesprächs durch den dezent überdimensionierten Divan unter ihr, wie eine kleine (Bauchredner-)Puppe des Therapeuten aussieht – klar, dass ihre als glücklich gefeierte Ehe gar nicht glücklich ist. Danach offenbaren sich die Männer in ihrem Leben nach und nach als Leute, die ihr Revier mit Portrait(-foto)s von sich markieren und die am Anderen nur als Bewunderer Interesse haben, während Jill im Zusammenleben mit anderen zum Scheitern vorbestimmt ist, weil sie nur kurz in Bewunderung aufgehen kann, aber keine eigenen Interessen hat, als wahrgenommen zu werden.
Der Türfetisch Lubtischs ist mir dabei wie noch bei keinem anderen seiner Filme aufgefallen. Ständig gehen Leute durch Türen oder werden durch eben solche gefilmt. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen, Eindringen und Verdünnisieren, Offenbaren und Verstecken. Ein solcher Film kann gar nicht statisch werden, weil die Gemengelage sich ständig ändert. Weil die Kämpfe der Göckel um Raumhoheit mit fliegendem Holz ausgetragen wird.
Einer der Männer in Jills Leben, Klavierspieler Alexander Sebastian, der seine ganze tiefsinnige Contrarian-Hipster-Persönlichkeit in sensationelle Pfuis stecken kann, kam mir von seinem ersten Auftauchen bekannt vor. Als mir zunehmend dämmerte, dass ich ihn sonst nur als alten Mann kannte, war der Geistesblitz auch bald da. Es handelte sich um Burgess Meredith – also um Mickey, dem Trainer Rockys. Es ist ein Versäumnis meinerseits, ihn bisher nicht über diese allseits bekannte Rolle hinaus wahrgenommen zu haben. Pfui!
*****
* Der schönste Name im Geschäft, der sich zumindest in meinen Ohren aus dem Namen einer Twilight-Zone-Psychoterror-Soundcollage der Einstürzenden Neubauten und einem Nachnamen zusammensetzt, der einem Elfenkönig gehört, aber auch eine noch zu erdenkende intergalaktische Mutter Oberin klanglich in sich trägt, die sich zu einem Auto falten kann.

Mittwoch 23.01.

Derrick (Folge 165) Das Piräus-Abenteuer
(Zbyněk Brynych, BRD 1988) [DVD]

großartig

In der Wikipedia gibt es eine Seite, die eine Liste aller Folgen von DERRICK enthält. Für einen schnellen Überblick, wo ich mich gerade zeitlich befinde oder welche Regisseure gerade vermehrt bzw. gar nicht engagiert werden, ist es ganz hilfreich. Zudem gibt es in der Tabelle eine Spalte, die Besonderheiten heißt. Hier finden sich vereinzelte Informationen, ab welcher Folge Derrick beispielsweise immer eine Brille trägt, ab wann Gott vermehrt thematisiert wird, wer in der Folge das erste Mal für den Soundtrack verantwortlich war usw.usf. Bei DAS PIRÄUS-ABENTEUER steht dort geschrieben: Harry weint am Ende der Folge. Ganz trocken wird hier dokumentiert, dass der Fall sich ganz still und heimlich zu einem Melodrama für Harry entwickeln wird. Harry und die Frauen, das sorgt eben für die besonderen Momente … besonders, wenn sie sich wie hier am Keyser Söze-Sein versucht.
Brynych hält sich dabei größtenteils zurück. Wenn die Szenerie dann aber in eine Disco wechselt, wo Billy Idols SWEET SIXTEEN oder Terence Trent D’Arbys SIGN YOUR NAME fast vollständig durchgespielt werden, wo sich in überspielter Vertraulichkeit durch die Leere der Einrichtung geswingt wird, wo Leute trist über die Schulter starren, wo die Persönlichkeiten netter Leute einen Schatten bekommen, da darf Brynych eine fast normal erscheinende Realität in das Roud House von TWIN PEAKS eintreten lassen. Sehr schön dabei, wenn dort die von Anfang an als promisk gezeichnete Beatrice Richter einer wohl Heroinabhängigen einen Kuss fast auf den Mund setzt. Die Beschaffenheit der Persönlichkeiten, sie sind nur Fragmente, die sich durch kleine Gesten immer weiter offenbaren.
Zusammengearbeitet wird diesmal mit der MIAMI VICE-Abteilung der Münchner Polizei. Die entsprechenden Beamten tragen aber keine weißen Sackos, sondern einen Säufer- und Pennerchic, der im Laufe der Folge als Undercoveroutfit rationalisiert wird. Trotzdem ist es ziemlich toll, wie assig Polizisten bei DERRICK mal aussehen dürfen.

Dienstag 22.01.

Derrick (Folge 164) Da läuft eine Riesensache
(Zbyněk Brynych, BRD 1988) [DVD]

großartig +

Der Mord ist eine Formalität, die so simpel ist, dass die Tat an sich Derrick nirgendwo hinführt. Ein Wagen wird angehalten, die Tür aufgemacht und einmal hineingeschossen. DA LÄUFT EINE RIESENSACHE ist aber eine Folge der Dekadenz, da der Mörder einen Schauspieler engagiert, der den Neffen des Ermordeten spielen soll, um so an das Erbe zu kommen. Diese Rache ist dekadent, weil er nicht nur den Tod möchte. Das detaillierte, minutiöse Vorgehen ist es, weil, wie sich herausstellen wird, die zu Täuschenden in ihrer Quantität zu vernachlässigen sind. Die Gefühle sind es, weil die Unsicherheit der Täuschung die Gaukelnden in die Überkompensation treibt, weil die einzige echte Person im Doppelspiel in einen Reigen unschuldigster Euphorie gezogen wird, weil – und hier liegen die vll. schönsten Momente der Folge – noch die liebreizendsten Figuren ihre Masken fallen lassen werden und sich darin erst Berechnung, dann Hass offenbaren. Hass auf eine Welt, die einem zum Schauspiel, zur guten Miene zum bösen Spiel zu drängen scheint – das Leben im Schatten von Macht und Reichtum gleicht hier einer Versklavung, die liebreizend angenommen werden muss. Der Stil ist dekadent, weil manche Figuren wie aus Genreklischees geschnitzt sind, aber vor allem, weil der Schnitt in seinen Jump-Cuts, Achsensprüngen und karnevalesken Brechungen des (zu erwartenden) Raums keinen Zweifel daran lassen, dass diese Welt falsch ist, zerrissen und hysterisch zusammengesetzt, voller physischer, aber vor allem psychischer Gewalt von Leuten, die unter der Spannung die Masken aufrecht erhalten zu müssen, langsam entzweit werden. Und in dieser Dekadenz braucht Derrick nun kaum etwas machen, damit die mannigfaltigen Zeichen ihm alles ganz von alleine offenlegen.

Sonntag 20.01.

Holy Matrimony
(John M. Stahl, USA 1943) [DVD, OF] 2

großartig +

Die ebenen sowie bedrohlich schäbig aussehenden Zähne Monty Woolleys, wenn er den verhassten Leuten seinen Nom de Plume Henry Leeeeeeeeeeeeek(!) entgegenzischt, als ob er sie gleichen beißen würde, schon allein dafür lohnt sich der wiederholte Blick auf HOLY MATRIMONY, wo der Wunschtraum eines konservativen Rollenverständnisses in der Ehe aussieht, als ob eine Frau einen kleinen Hund hält.

Freitag 18.01.

The Exterminator / Der Exterminator
(James Glickenhaus, USA 1980) [blu-ray, OmU] 2

großartig

Bei critic.de gibt es von mir etwas hierzu.

Donnerstag 17.01.

Derrick (Folge 163) Auf Motivsuche
(Zbyněk Brynych, BRD 1988) [DVD]

großartig +

Bis zum Mord deutet die Wiederkehr Brynychs nach ca. 3 Jahren Abstinenz mal wieder auf die enge Verwandtschaft zwischen DERRICK und TWIN PEAKS. Zwei Locationscouts finden unabhängig voneinander den perfekten Drehort für die Findung der Leiche in ihrem Film. Unabhängig voneinander gehen beide in den Keller eines verfallenen, staubigen Hauses, wo Scheinwerfer in einem Ambiente, dass an eine Kunstinstallation erinnert, auf Schaufensterpuppen weisen. Beide verschwinden für eine Nacht. Es handelt sich um zwei aufeinander folgende Nächte. Der eine ist für immer weg – tot wird er wieder aufgefunden –, der andere ist verstört und nicht bereit über seinen Verbleib zu reden.
Erklärungen über eine Geldfälscherbande werden folgen. Verbunden mit langen Schatten an der Wand, exaltierten Leuten, Lärm und blank liegenden Nerven, mit einer Liebesgeschichte, in der sich Neubekannte verhalten, als würden sie sich schon aus einem vorherigen Leben kennen, mit Türen, die von Schnellfeuerwaffen durchlöchert werden. Es sind Erklärungen, die das Mysterium bändigen, wo sich aber vor Gefahr – gleich um die Ecke zur bekannten Realität lauernd – kaum geschützt werden kann, weil die Türen und die emotionalen Verwicklungen jeden Schutz so dünn wie Pappe erscheinen lassen.

Glass
(M. Night Shyamalan, USA 2019) [DCP, OF]

verstrahlt

Sicherlich ist GLASS kein Tentpole und kann sich im Gegenteil zu den Filmen des MCU etwas Seltsamkeit leisten. Trotzdem finde ich es erstaunlich, 2019 nach einem Hollywoodfilm vor dem Abspann zu sitzen und wirklich gar nicht zu wissen, was da gerade passiert ist.
– Keine der Figuren qualifiziert sich als Held oder bezieht eine Position, die vom Film moralisch favorisiert werden würde: Schon zu Beginn wird sowohl der Held David (Bruce Willis), als auch das Biest (James McAvoy) als Wesen gezeichnet, die im Schatten lauern. Die Bedrohlich sind. Später werden sie in einer Anstalt therapiert werden, weil ihre Selbstwahrnehmung psychotisch scheint. Da wir uns in einem Film von Shyamalan befinden, wird sich aber auch die Psychiaterin Dr. Staple (Sarah Paulson) als jemand voller Geheimnisse herausstellen. Auf wessen Seiten sollen/wollen wir stehen, ich weiß es nicht.
– Das Ende könnte der Schwanengesang für die Superheldenfilmwelle sein wollen – ein großer Endkampf an einem optisch sehr reizvollen Hochhaus wird angekündigt, stattdessen gibt es aber eine kurze Schlägerei auf einem Parkplatz –, aber auch eine nietzscheanische Werde, der du bist-Übermenschen-Motivationsmessage mit sich führen – die Entwicklung von UNBREAKABLE wird nochmal aufgewärmt und mit neuen Verbindungen an den Mann gebracht: Superheldentum ist möglich, glaube nur an dich und vertraue nicht dem, was dir präsentiert wird. Ob wir nun eine Abrechnung mit dem Superheldenwahn des Kinos sehen, eine paranoide Verschwörungstheorie oder ein noch seltsameres Kapitel einer Geschichte, in der Traumata den Wunsch nach Stärke entfachen und das Ausleben im Mythos nach sich ziehen, es wird nicht festgestellt. GLASS ist ein Film der im Grunde nur Angebote macht. Und das nicht zu knapp.
– Hanebüchen ist GLASS, wie er auch faszinierende Assoziationen mit sich führt: Die Angebote, die also gemacht werden, haben selbst etwas comichaftes in ihrem Verständnis von Intellektualität. Am ehesten wird hier die Perspektive eines Grundschülers demonstriert, der mit seinem Erfahrungshorizont schlaue Dinge darstellen möchte. Weshalb es auf den ersten Blick wahrlich nicht sehr seriös erscheint … gerade da wieder alles Aufgebaute von einer Twistwelle in die völlige Unbestimmung getrieben wird. Wenn Godard nicht vom narrativen Kino abgefallen wäre, vll würden seine Filme diesem Tohuwabohu, dass von den familiären Grundsteine der Vorgänger völlig ablässt und sich nur noch an einem Thema abarbeitet, ähneln.
– Wunderschön ist er, wie er auch öde und hässlich ist: Die Schatten, die punktgenaue Inszenierung, diese Bevorzugung symmetrischer Einstellungen, deren Fluchtpunkt genau in der Mitte der Leinwand liegt, als ob der Film zu uns predigen möchte, all das sieht spannend aus. Aber dann sind dann doch auch die ewigen Lagerhallen, Flure und Parkplätze, die dem Film seiner Schauwerte berauben, die bewusst hässlich gewählt scheinen. Oder die lange Pause, wenn die vier Protagonisten (David, das Biest, Dr. Staple und eben Mr. Glass (Samuel L. Jackson) sich in der Anstalt zurechtmachen und wir sie nochmal kennenlernen sollen, sie ist weder spannend, noch erkenntnisreich. Sie dient nur als Aufbau, als Hinarbeitung auf eine riesige Luftblase. Es ist als ob sich GLASS beständig auch noch selbst unterminieren würde … irgendwo zwischen grenzenloser Selbstsicherheit/fehlender Zweifel, ob des eigenen Tuns, und der Ahnung, dass sich dies alles auch gerne durch den Kakao gezogen sieht.
Jetzt wo ich nach SPLIT tatsächlich viel im Kino von M. Night Shymalan entdecken kann und gerade das Gebrochene darin mag, da sitzt ich plötzlich wieder wie mit 20 Jahren vor UNBREAKABLE und weiß nicht, was mir diese zwei Stunden jetzt wieder sagen wollten oder können. Anders als damals, finde ich das erstmal vor allem sehr toll.

Mittwoch 16.01.

Derrick (Folge 162) Kein Risiko
(Alfred Weidenmann, BRD 1988) [DVD]

gut

In der Mitte wird der Crossfader langsam rübergeschoben. Erst ist da das in Braun gehaltenem Alkoholikerdrama, in dem Roland Weimann (Hannes Jaenicke) nach einem Autounfall, der ihn auf immer an Krücken bindet, mit der Welt nicht mehr zurechtkommt und wo, als ihm ein unmoralisches Angebot gemacht wird, die Regentropfen an den Autofenstern wie die Reflexionen einer bernsteinfarbenen Discokugel aussehen. Langsam verschwindet Weimann aber, sobald er Derrick von dem Mord unterrichtet, für den er bezahlt werden soll. Sein Platz nehmen zunehmend andere ein, so dass sein irgendwann beständig rasiertes Gesicht anzuzeigen scheint, dass seine Rettung mit der moralischen Handlung möglich wurde. Für mehr reicht es nicht mehr.
Es folgt der Fall eines nun tatsächlich ermordenden Mannes, wo Derrick den Krebs auszehrender Männer bei einer Frau herausschneidet, die – so wird wiederholt gesagt – ohne einen Mann nicht leben kann. Am Ende ist sie alleine, starrt auf den See vor ihrer Villa und ein melancholisches Lied von Martin Böttcher läuft. Derrick schaut ihr davor kurz noch nach. In seinen Augen steht die Ahnung eines Zweifels, dass er vll anders hätte handeln müssen.
Bei einer Serie, die in keiner besonders konsistenten Welt spielt und wo die Darsteller ständig in neuen Kontexten auftauchen – sprich: jede Folge könnte in einer sich leicht unterscheidenden Welt in einem Multiversum spielen – da drängt sich in einer Episode wie KEIN RISIKO der Gedanke auf, dass einige Folgen sich wie Remixe ge(ne)rieren. Das Auseinanderfallen in zwei Teile unterstreicht es dann noch. Alles ist hier nur aus Altbekannten zusammengesteckt, um etwas Neues in dem sich ständig Wiederholenden und Variierenden hervorzuheben. KEIN RISIKO bleibt aber sehr, sehr dezent darin, auf etwas Neues hinzuweisen, da es nirgendwo lange verweilt.

Montag 14.01.

Manbiki kazoku / Shoplifters
(Koreeda Hirokazu, J 2018) [DCP, OmU]

großartig +

Mal abgesehen davon, dass alles auf (Not-)Lügen basiert, stellt SHOPLIFTERS für große Teile seiner Laufzeit den Besuch in einem Achtsamskeitsspa dar. Eine Familie wird beobachtet, die in den Tag hineinlebt, die Fünfe auch mal gerade sein lässt, die die Momente genießt und die vor allem, bei allem Frötzeln, ständig Gesten von Zuneigung füreinander übrighat. Von dem gemeinsamen, ritualisierten Ladendiebstahl, der SHOPLIFTERS eröffnet, über Strandbesuche bis hin zum unabdingbaren Kuscheln sehen wir Leute, die sich umeinander kümmern. Wenn Osamu (Lily Franky) und Nobuyo (Andô Sakura) miteinander schlafen, dann sehen wir nicht den Akt, sondern die kleinen Berührungen, die dorthin führen, und das anschließende nackte gemeinsame Lümmeln zweier Befriedigter.
Wenn dies zerbricht und die Wahrheit von den Behörden in den Film getragen wird, dann wird dies kaum negiert. Die moralischen Probleme waren die ganze Zeit da und werden weder verklärt noch verdammt. Sie sind in SHOPLIFTERS schlicht der Urgrund der zuvor erlebten Harmonie. Was diese Familie zusammenschweißte war nämlich nicht ihr Glück, sondern ihr Schmerz. In den kontemplativen Momenten des Films wie in seinen kleinen Zeichen steht es geschrieben. Die Insignien eines einsamen und verlorenen Stripclubbesuchers schreiben sich beispielsweise zunehmend in den Mitgliedern der Familie ein: Die von Blut verkrusteten Knöchel der Hand, die von den Schlägen gegen sich selbst rühren; das Verstecken seines Gesichts hinter dem Schirm einer Basecap; die stillen Tränen auf der Wange. Denn Isolation, die Flucht vor gesellschaftlichen wie familiären Käfigen oder Vernachlässigung sind es, die die Mitglieder in die Arme dieser zwanghaft sympathischen Familie treibt.
Der Unterschied ist in den Räumen zu erkennen. Nach der Offenlegung der Geheimnisse befinden die sich getrennten Mitglieder der Familie größtenteils in kargen, sauberen, leeren Räumen, in denen Kälte lauert, Vereinsamung und ein Schicksal, mit dem klargekommen werden muss. Davor sehen wir besagte Impressionen von Gemeinsamkeit und Zuneigung in einer engen, heruntergekommenen Hütte, die mit Schachteln, Kram und Resten vollsteht. Hier lange klare Linien, dort mannigfaltige Texturen. Wo Leute mit den wenigen Mitteln und etwas Gaunerei zurechtzukommen versuchen. Warmes, ruhiges Tummeln ist es, was SHOPLIFTERS lange ausmacht und das die viel beschworene Kälte (der Film beginnt im Februar) ausschließt.
Es ist zudem ein Ort der Mysterien. Denn in der Unordnung dieser Familie – eine Herausforderung an einen traditionellen Familienbegriff – gibt es vieles zu ahnen. Es ist ein Ort, der zum Phantasieren anregt – im Film, wenn die Oma eine Vergangenheit in ihn einschreibt, der so eigentlich nicht da sein kann, und vor ihm sitzend, wenn immer mehr Ungereimtheiten sich aus den Schatten des Ortes und der Handlungen schälen.
Dass all dieses friedliche Gleiten der Gemeinschaft nur solange funktionieren kann, wenn niemand ein größeres Temperament hat (was niemand hat) oder wenn traumatisierte Kinder eben wie hier Ausgeburten von Zurückhaltung und Verständnis sind, es straft die wahren Lügen dieses Films nicht noch mehr Lügen, wie es die Wahrheit der Familie es schon nicht tut. All die rationell möglichen Einwände sind nur noch eine Verstärkung der in SHOPLIFTERS steckenden emotionalen Hoffnung nach Liebe – seelischer wie körperlicher – die aus den sonnigen oder von Wärme dampfenden Bildern strahlt und die in den eisigen, planen Bildern schmerzhaft fehlt.

Sonntag 13.01.

Susan and God / Susan und der liebe Gott
(George Cukor, USA 1940) [DVD, OF]

verstrahlt

Wenn jemand emotional angegriffen ist, dann greift er in SUSAN AND GOD mit zittriger Hand zu einer Flasche Alkohol. Wie ein Naturgesetz mag es scheinen, dass der Schmerz des Lebens nicht anders hinnehmbar ist. Bzw. dass dieser nur durch Umleitung überstanden werden kann. Die Naturgewalt Susan (Joan Crawford) greift eben nicht zum Glas – dafür ist sie zu nobel/versnobt und folgt ihrem entfremdeten Mann Barrie (Fredric March) nicht in seinem Alkoholismus – sie rettet sich zu Gott. Unstoppbar redet und redet sie zu ihren Freunden von ihm, von seiner Vergebung und von den Geschenken der Aufrichtigkeit, während Cukor kleine inszenatorische Ticks einbaut, die das alles als überdrehte Show kennzeichnen. Ticks, wie das Blitzen einer Kamera, für die alle – alle, aber vor allem ist es Susan – den Fluss ihres Tuns unterbrechen und völlig unpassend für einen Augenblick glücklich lächelnd posieren, nur um ungestört gleich weiterzumachen, als ob nichts gewesen wäre.
SUSAN AND GOD ist dabei erst eine überdrehte Sitcom, nur um dann ein kaum weniger überdrehtes Drama zu werden, wo Menschen sich gerade durch ihre Liebe zueinander quälen. Und so wie in diesem Treiben alles auf die Herstellung eines phantasierten Idealzustands (Vater–Mutter–Kind) hinarbeitet, so ist es nur das Laufen und Wandern, was einen bei sich halten kann. Boots- (Susan rast völlig irrsinnig auf einem Motorboot in den Film), Zug- oder Autofahrten sind es, die einen hier von sich zu einer eitlen Selbstgerechtigkeit ziehen.

Today We Live
(Howard Hawks, USA 1933) [DVD, OF]

großartig

Ein Liebesfilm von jemanden, der sich nicht für Liebe interessiert. Oder der sich in den Konstellationen Liebe und Krieg, Leben und Tod stets mehr für das Zweite interessiert. Die erste halbe Stunde, die sich der Etablierung der Liebe zwischen Diana (Joan Crawford) und Bogard (Gary Cooper) sowie des Melodramas, das beide trennt, widmet, ist so hastig und voller Ellipsen, dass es sich anfühlt, als ob weiter 30 Minuten fehlen würden. Später, wenn Bogey und der Säufer Claude (Robert Young) in einem Bomberflug, im Kampf mit dem roten Baron oder in der Fahrt mit einem Torpedomotorboot im Kugel- und Explosionshagel Respekt vor einander erarbeiten – TODAY WE LIVE spielt während des ersten Weltkriegs –, dann nimmt sich der Film alle Zeit der Welt, jede Entwicklung zwischen den beiden – bzw. dreien, weil Dianas Bruder Ronnie (Franchot Tone) ebenso Teil der Darstellung von Männlichkeit ist – nachzuzeichnen. Das Bildnis einer Männerfreundschaft, die durch die Liebe zu einer Frau tragische Züge besitzt, ist das Hauptfeld der Erzählung. Oder anders: Das Leben und Sterben der Schabe Wellington (es ist tatsächlich von einem Insekt die Rede) bekommt mehr Raum und emotionale Aufarbeitung, als es die Liebe erfährt, die höchstens im (männlichen) Leiden etwas Zeigenswertes bietet. Oder noch anders: TODAY WE LIVE ist ein Männerfilm, der sich als Frauenfilm zu tarnen versucht.
Der zu diesem Zeitpunkt aus dem Film herein- und herausmäandernde Bogey fährt kurz nach Beginn mit Diana Rad. Beide waren erst in einer Szene gemeinsam in TODAY WE LIVE zu sehen, als er in ihrem Dorf ankommt und seine Unterkunft im Haus von Dianas Familie bezieht. Er hat nun zu diesem Moment mit seinem Rad auf sie gewartet und während beide nebeneinander fahren, machen sie nur Small Talk. Sie kommen dann zu einer Kreuzung und trennen sich aus Eierkaufgründen. Diana kommt ihm dann doch hinterhergeradelt. Kurz darauf gesteht Bogey ihr seine Liebe, aus heiterem Himmel. Sie gesteht ihm kurz darauf auf die ihre, ohne dass wir einen Anhaltspunkt hätten, wie es zu den Gefühlen gekommen sein könnte.
Spannend finde ich dabei den Kniff, dass sich nach der kurzen Trennung die Position der beiden zueinander geändert hat. Radelte erst Diana links und Bogey rechts, ist es danach genau anders herum. Dianas schräg getragener Hut versteckt ihr Gesicht nun vor Bogey – es ist dieselbe Gesichtshälfte die Joan Crawford auch in A WOMAN’S FACE verdeckt/verdecken muss. Die Liebeserklärung, um die vorher schon per Small Talk herumgeredet wurde, sie wird nun durch die Verfolgung, eben durch die Initiative Dianas, und durch die Verdeckung ihres Gesichts möglich. Denn der Hut legt sich wie ein schützender Wall zwischen die beiden. Statt sich dem emotionalen Stress aufzuladen, ihre seine Gefühle zu offenbaren, kann er nun fast wie zu sich selbst reden. Ihre Gegenwart wird mittels eines kleinen Kniffs minimal verschleiert. Und gerade für diese Kaschierung der Gefühle seiner Männer, die diese kaum aushalten zu können scheinen, ist TODAY WE LIVE sehr sensibel und versteckt sie eben hinter einem Krieg, der Tod, Leid und Abenteuer bringt.

Sonnabend 12.01.

Le bonheur
(Marcel L’Herbier, F 1934) [blu-ray, OmeU]

fantastisch

Wiedermal drücke ich mich davor, etwas zu schreiben, weil hier schon etwas Punktgenaues und Wunderschönes steht.
*****
Zusätzlich fand ich ein Gespräch zwischen den im Gefängnis sitzenden Boyer und einem naiven Mädchen spannend, dass ihn während der Haft besucht. Der Besuchsraum ist durch zwei Gitter getrennt. Eines besteht aus eisernen Stäben, die andere aus einem Maschendraht, der sich direkt hinter den Stäben befindet. Boyer wird ständig nur durch die Gitter gefilmt, die quasi auf seiner Seite liegen und seinen Kopf links und rechts rahmen, während das Mädchen nur durch den Zaun gefilmt wird, der sich wie ein Muster über ihren Körper und ihr Gesicht legt. Er ist sich bewusster und kann sich so anders inszenieren, während sie quasi zerhäckselt wird.

2012 / 2012 – Das Ende der Welt
(Roland Emmerich, USA 2009) [blu-ray, OmeU]

großartig

Zwei Gesichter sehen wir nebeneinander. Die von John Cusack und Woody Harrelson. Sie schauen an der Kamera vorbei auf den Ausbruch des Supervulkans Yellowstone. Feurige Massen befinden sich nunmehr unabwendbar auf den Weg zu ihnen. Der eine schaut entsetzt auf das Geschehen, der andere verzückt. In diesem Bild steht das Verhältnis von 2012 zu dem in ihm abgebildeten Weltuntergang geschrieben.
Einerseits ist 2012 nämlich vor allem eine riesige Achterbahnfahrt. In zwei Wettrennen mit der Katastrophe – der Atem der Zerstörungswellen gleitet den Rennenden den Nacken herunter, der Tod scheint schon fast abgemachte Sache – versucht sich der Irrwitz immer noch zu überbieten. Wenn eine U-Bahn aus Rauchwolken hervorschießt und vor den Fliehenden durch die Luft fliegt, dann hat das Desaster jeden Ernst und jede Bodenhaftung verloren. Dann herrscht nur noch ein sich überschlagendes Kino der Attraktionen und der aberwitzigen Unmöglichkeiten.
Nichtsdestotrotz befinden sich in dieser Achterbahnfahrt aber immer wieder die Reminiszenzen an den Schrecken des Todes. In den sich vollziehenden Spaß tauchen flüchtig Bilder auf, in denen Menschen nicht ganz so unsterblich wie die Protagonisten mit dem Tod kämpfen. Sie werden nicht artikuliert einbaut, sondern wirken wie Erkenntnisblitze von etwas anderem. Sie bleiben außen vor und werden nicht Teil der Achterbahn. Erst gegen Ende kippt es und eine hehre menschliche Botschaft wird theatralisch in den Taumel eingewoben. Bis dahin ist es aber rationell ein Schrecken, was den Antrieb von 2012 bildet, der sich in einem dionysischen Rausch der Zerstörung und der Lust an dieser kurz zu erkennen gibt.
Schade finde ich nur, dass Gordon (Tom McCarthy) kurz vor Schluss doch noch sterben musste. Gerade als sich das Familiendrama 2012, das sich durch monumentale Risse durch Städte artikuliert, zur Auflösung aufmacht, als Stiefvater Gordon und der getrennt von seiner Familie lebende Vater Jackson (Cusack) sich zu arrangieren beginnen, da wird Ersterer vom Film/einer Maschine verschlungen. Die Spalten scheinen sich durch ein harmonisches Patchwork schließen zu lassen, da muss die Kernfamilie plötzlich doch noch reinstalliert werden.

Freitag 11.01.

The Taking of Pelham One Two Three / Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3
(Joseph Sargent, USA 1974) [blu-ray, OmeU]

gut

Vier Männer (u.a. Robert Shaw und Martin Balsam) entführen eine New Yorker U-Bahn mitten im Stoßverkehr. Sie geben der Stadt eine Stunde Zeit, ihnen eine Millionen Dollar zukommen zulassen. Für jede Minute Verspätung wird eine Geisel erschossen, so drohen sie. Schon die knappe Zeit macht es deutlich: THE TAKING OF PELHAM ONE TWO THREE ist ein atemloser Thriller, der neben der peinlich genau geplanten Entführung auch den Vorgängen auf offizieller Seite detailliert nachspürt. Bei den Bahnmitarbeitern, bei der Polizei, beim Bürgermeister. Und so wie die Entführung (fast) wie ein Uhrwerk funktioniert, so tut es auch der gewitzte und witzige Thriller. So sehr, dass er dramaturgisch manchmal ein klein wenig steif gerät. So etwas wie der Running Gag, dass der von Walter Matthau gespielten Unterhändler der U-Bahn-Zentrale auf das Niesen des Mr. Green genannten Entführers (Balsam) sets mit Gesundheit antwortet, der final nicht ganz unbedeutend sein wird, offenbart viel davon wie sehr die viel beschworenen Lockerheit des Films vor allem am Reißbrett geplant ist. Das Tollste an THE TAKING OF PELHAM ONE TWO THREE ist vielleicht auch nicht der Thriller, sondern die Figurenzeichnung. Die Professionalität der Entführer, die auf der Gegenseite völlig vermisst werden kann; die ständig schimpfenden Bahnangestellten; die Jämmerlichkeit der Politiker, die aus Angst vor den Wählern zu keiner Entscheidung kommen; die Verunsicherung aller durch die Frauen, die nunmehr auf Arbeit gehen, oder durch Männer, die nun auch mal lange Haare tragen: der Straßenstaub ist die ganze Zeit über spürbar, wie die blauen Blitze unter den nicht perfekt gewarteten Wagen der U-Bahn eben zu den Fahrten dazugehören.

Donnerstag 10.01.

Polizeiruf 110 (Folge 351) Kreise
(Christian Petzold, D 2015) [TV]

großartig +

Etwas VERTIGO und PSYCHO haben sich in KREISE eingeschlichen. In den Krimi KREISE, der mit Modellen realen Lebens zugestellt ist – Raumentwürfe eines Möbeldesigners und Hobbymodeleisenbahnlandschaftsgestalters, die mit Figuren vollgestellt sind, die von den Klischees, die sonst in einem solchen Ambiente geboten werden, abweichen und lebendiger sein sollen, wie ziemlich offensiv (deutlich und wiederkehrend) an den Zuschauer herangetragen wird. Und zwischen diesen kriminalistischen und künstlerischen Obsessionen in den Verhörsituationen und Spurensuchen versteckt sich ein Liebesfilm. Ein kleiner, hingehauchter Liebesfilm, der über verrauschte Bilder erzählt wird, welche die Blicke von von Meuffels (Matthias Brandt) in eine Überwachungskamera zeigen, der so den in dieser Situation unmöglichen, aber erahnbaren Kontakt mit seiner Kollegin sucht. Über Stehen im Flur und das Warten auf den Kaffee, während die plärrende klassische Musik des Nachtwächters in der Polizeistation die unausgesprochene Leidenschaft nach außen kehrt, mit der von Meuffels sichtlich nicht umzugehen weiß. Über einen kurzen Augenblick in dem eine unmögliche Liebe sich offen zeigt, aber eben schnell wieder im Krimi versteckt wird, weil die Liebe und der Schmerz betäubt werden muss. Sie wirkt so aber umso mehr. Wie bei Hitchcock ist KREISE zwar ein Suspense-Film, aber offensichtlicher, impressionistischer und nouvelle vague-iger als bei diesem wird doch von etwas ganz Anderem erzählt.

Mittwoch 09.01.

Derrick (Folge 161) Eine Reihe von schönen Tagen
(Wolfgang Becker, BRD 1988) [DVD]

gut

Zwei entgegenlaufende Blicke strukturieren EINE REIHE VON SCHÖNEN TAGEN. Einerseits ist es der Blick aus einer Küche in das Fenster eines Import-Export-Geschäftes. (Gibt es irgendeine Gelegenheit in einer Geschichte, wo diese Betriebsbezeichnung nicht für Drogen-, Waffen- oder Menschenhandel steht?) Zwei Rentner, die kurz zuvor über die Leere ihrer Tage philosophierten, werden über diesen Zeuge eines Mordes. Andersherum beobachten die Importeure/Exporteure daraufhin das Ehepaar, wie sie mit dem Schweigegeld, welches sie diesen in den Briefkasten stecken, Tag um Tag unter ihrem Fenster ins Taxi steigen und sich etwas gönnen. (Was zuerst heißt, dass der Mann ordentlich säuft – anders kann es nicht genannt werden, was er macht –, später sind es Einkaufstouren und Schiffsfahrten.)
Diese beiden Blicke können als kleine verkürzte Miniatur über das Funktionieren der Gesellschaft gelesen werden. Die Reichen – die Büroräume befinden sich in einem Viertel, dass zumeist von fehlendem Putz u.ä. gekennzeichnet wird, ihr privates Leben verbringen sie aber in Luxusvillen, die Pierre Bourdieu sicherlich (wie so oft bei DERRICK) sehr gefallen hätten, da das fehlende kulturelle Kapital in diesen für einen sehenswerten stillosen Protz sorgen – schauen mit Argusaugen auf die Armen, dass sie sich auch ja mit den minimalen Prozenten ihrer Einnahmen zufriedengeben und keinen Ärger machen. Während die Bedenken – die entgegengesetzten Blicke – sofort aufhören, sobald etwas Geld da ist.
Derrick blickt ebenfalls. Er schaut in die verschüchterten Gesichter des Rentnerpaares und möchte die Wahrheit. Dass EINE REIHE SCHÖNER TAGE größtenteils eine völlig redundante Folge ist, die Derrick das Offensichtliche sich noch schwerfällig herleiten lässt, wo die schwungvollen und atmosphärischen Bilder von Waffenhandel nur nochmal erklären, was die Bezeichnung der Firma schon nahelegte, wo alles so schwerfällig funktioniert wie Körper und Geist zweier abgehängter älteren Personen, all dies findet zumindest ein gutes Ende … weil zum Schluss dies nur Täuschungsmanöver waren. Mit einem naiv-fröhlichen Melodie endet EINE REIHE VON SCHÖNEN TAGEN und dem abermaligen Gang an dem Briefkasten vorbei, der zum Symbol eines unerwarteten Glücks geworden war. Derrick wollte nur die Wahrheit, das Geld blieb bei den Zeugen, ebenso wie die schönen Tage – die am lebhaftesten gefilmten Momente – ohne moralische Abstrafung bleiben.
Aus einer idealistischen Sicht ist es ein pessimistisches Ende, weil die Kollaboration mit den Ausbeutern sanktioniert wird. Aus einer weniger rigiden Perspektive ist es das Portrait einer unrettbaren Welt, in der zwei Leute ohne Einfluss, Macht und … ja vll auch ohne Moral, die Bösen schließlich ans Messer liefern, sich aber dennoch von der Beute ein klein wenig abzapfen, um ihre leeren Tage zumindest kurz mit Genuss zu füllen.
Zum klaren Verlierer wird der Täter, der nicht nur überführt wird, sondern auch von der Unschuld entsetzt angestarrt wird, die er sich im Privaten als Gegenpol bewahrt hatte. Seine Tochter und die keimende Erkenntnis, wer ihr Vater ist, – der Verlust der Unschuld – sie sind die größten Strafe, die hier in diesem Bankett der Blicke bereitliegen.

Dienstag 08.01.

Derrick (Folge 160) Mordträume
(Gero Erhardt, BRD 1988) [DVD]

gut +

Es ist gerade etwas redundant, wie die übergriffligen Männer, die ihr Opfer ausversehen mit ihrer Hand vorm Mund erstickten – eine Trope, die in den Siebzigern bei Reineckers Drehbüchern etwas größere Verbreitung fand. Hier wird Derrick wieder von jemanden erzählt, der wohl bald zum Mörder wird. Max Binder (Mathieu Carrière) hat seine Frau verloren. Manisch sucht er Nacht um Nacht die Nachtclubs nach der Autoführerin ab, die Fahrerflucht beging. Derrick kann aber nichts tun. Gesetzlich sind ihm die Hände gebunden, was eine Figur wie ihn direkt in die Impotenz abgleiten lässt. So wiederkehrend dieses Thema und seine Verarbeitung nun sind, so sind Carrières Blicke, sein Niederstarren des Gegenübers, seine Gereiztheit und seine Explosionen (inkl. Schlägereien) äußerst sehenswert.
Am Spannendsten finden ich aber die Regie von Gero Erhardt. Der Sohn von Heinz Erhardt scheint ein ähnliches Faible für Gewalt zu haben, wie Ridley Scott. Die Leiche im Straßengraben, der zu sehende Traum Carrières, wenn er aus dem Nebel kommend eine Braut mit Uzi niederschießt oder die blutigen Nasen nach den Schlagabtäuschen: So wirklich kommt er zu sich, wenn es etwas Rohes zu zeigen gibt.

02.01. – 06.01.
18. außerordentlicher Volljährigkeitsfilmkongress des Hofbauer-Kommandos

Sonntag 06.01.

Schwarzer Markt der Liebe
(Ernst Hofbauer, BRD 1966) [35mm]

gut

Es muss nicht immer das sein, was angenehm und interessant ist. Sobald solche Sätze fallen und der internationale Frauenhandelsring – bestehend aus abgehalfterten Gaunern und einer dekadenten Gräfin (Tilly Lauenstein), die für frisches Fleisch alles tun würde – eine Party schmeißt, bei der ahnungslose Frauen mit Marihuana gefügig gemacht werden sollen, wobei die Droge in ähnlich zerrüttender Form präsentiert wird, wie in TOUCH OF EVIL, dann ist SCHWARZER MARKT DER LIEBE ein sensationeller, atmosphärischer Film, der die Arbeit des Zuhälters irgendwo zwischen Voodoorausch und Ernüchterung zeichnet. Lange Zeit ist dem aber nicht so. Stattdessen das Krimigegenstück zu HINTERHÖFE DER LIEBE (der zwei Jahre später diverse Szenen direkt übernahm), wo männliche Männer um ihre Männlichkeit bangen und dessen musikalische Kolportage keine Resonanz in mir fand.

Caribia: Ein Filmrausch in Stereophonie
(Arthur Maria Rabenalt, BRD 1978) [35mm]

tba.

Filme können einem gefallen, auch wenn einem einiges oder sogar vieles darin nicht gefällt. Nur kleine Teile können das schlussendliche Urteil umreißen. Bei CARIBIA – der leider nicht in Stereophonie, sondern in Mono lief – gefällt mir nichts. Und doch mag ich ihn. Nicht für seine Einzelteile, sondern für sein großmundiges Anliegen, dass in einem sehr, sehr bunten Film zu jeder Sekunde Schiffbruch erleidet.
Rousseau muss hier für ein zivilisationskritisches Experiment herhalten. Ein Plantagenbesitzer auf Haiti Ende des 19. Jahrhunderts (glaube ich) lässt die Kinder verstorbener Mitkolonialisten abgeschieden von der Zivilisation aufwachsen – in Hütten mit kleinen Gärten in einem seltsam domestizierten Dschungel; die ihnen zugewiesenen Areale verlassen sie auf ungeklärten Umständen nicht. Jedem wird eine Bezugsperson zugeordnet, die die Kinder mit Essen versorgt und ihnen das Sprechen und andere Kleinigkeiten beibringt. Alles in allem ist dieses Experiment unfassbar deppert. Nicht, weil wissenschaftliche Prinzipien meilenweit entfernt sind oder so ein Vorgehen äußerst verantwortungslos ist, auch nicht so sehr, weil CARIBIA die Ergebnisse des Experiments sich so hinschiebt, wie es möchte – am Ende kommen unschuldige Typen von Menschsein (der Wissenschaftler, der Krieger, die Sinnliche usw.) heraus, die selbst bei der Anwendung von sexueller Gewalt ihre Unschuld nicht verlieren, und die sich per Ausdruckstanz ausdrücken – sondern weil existentielles über Menschen gesagt sein möchte, dabei aber sich keine Vorstellung gemacht wird, was Menschsein abgesehen von einigen wenigen Klischee bedeuten könnte. Kunterbunt und exotisch wird mit der conditio humana gerungen, die ohne reifliche Überlegungen postuliert wird. Ein bisschen gleicht es, als ob ein TOM UND JERRY-Cartoon idiosynkratisch von Unschuld und einer geistig zersetzenden Zivilisation erzählt.
CARIBIA ist ein Ausdruck von Zivilisationsmüdigkeit. Zwei Fälle von sexueller Gewalt wird es geben. Eine ist nicht weiter schlimm, weil es eben von einem Naturkind aus Lust begangen wird, während das andere die Welt von CARIBIA in Feuer aufgehen lässt, weil zivilisierte Bonzen aus Langeweile eine der Sechs gruppenvergewaltigen. Die existierende Zivilisation ist die Wurzel allen Übels und muss abgeworfen werden, so wird gezeigt. Am Ende stehen ein Sklavenaufstand und die Zertrümmerung einer auf Unterdrückung basierenden Gesellschaft. Sinn ergibt es in einem realitären Kontext kein bisschen, ästhetisch ist es mehr als krude, die ausgestellte Naivität dieser Inselwelt, unter der Verbitterung zu lauern scheint, ist giftig und auch sonst ist kaum zu glauben, was hier passiert bzw. was hier wie zu sehen ist, aber was wäre die Welt ohne solche Filme, die einen herausfordern und einem tierisch auf die Nerven gehen, obwohl sie es doch sichtlich gut meinen?

A Hole in the Head / Eine Nummer zu groß *
(Frank Capra, USA 1959) [DCP, OF]

ok

Capras erster Scopefilm spielt größtenteils in Innenräumen. Es ist auch sein erster Farbfilm, der dramaturgisch zwischen natürlichen und Kaugummifarben wechselt. Frank Sinatra spielt einen Hotelbesitzer, der zwischen seinen widersprüchlichen Ansprüchen – Ehrgeiz und Entspannung, Verantwortung und Verantwortungslosigkeit, Häuslichkeit und Lotterleben – gefangen ist und er spielt einen Vater, der noch weniger erwachsen ist, als sein Sohn. HOLE IN THE HEAD ist dabei ein Tearjerker, der mit einem liebreizenden Tristkind (Eddie Hodges) arbeitet, mit Enge und Freiheit, mit einer Hauptfigur, die ohne Unterlass rennt und redet. Scheinbar wir kopflosen einem wenig als Sympathieträger taugenden Sinatra hinterhergerannt, aber doch stellt HOLE IN THE HEAD einfach nur den filmischen Raum mit Widersprüchen zu, bis er einem das Herz rausreißt. Und am schönsten ist, dass am Ende einfach alle Verbindungen an die Themen des Films gekappt werden und darin das Happy End liegt.
*****
* Lief nicht im Zuge des 18. außerordentlichen Volljährigkeitsfilmkongress’ des Hofbauer-Kommandos. Während der Abendbrotpause blieb ich mit einer Kisch des Filmhauscafés im Filmhaussaal sitzen und schaute eine ziemlich schöne, dort im normalen Programm laufende DCP, wo der Restaurator das Filmische nicht versucht hat zu eliminieren – selbst ein Haar lag noch ein paar Sekunden rechts oben über dem Bild.

Übermut im Salzkammergut
(Hans Billian, BRD 1963) [35mm]

fantastisch

Formaler – ein Schlagersänger springt unverhofft plötzlich 50 Meter in die Luft, so legen die Bilder nahe; oder der unüberwindliche Graben zwischen Schwiegertochter und Schwiegermutter, der per Großaufnahme eines liebreizenden Gesichts überwunden wird – und inhaltlicher Irrwitz – das Leben im Schlagerfilm ist hier wie so oft vor allem surreal und Männer und Frauen tauschen sich solange untereinander aus, bis es passt – übersetzen hier das Kommende (1968 / Generationenkonflikt) in einen Schwank, wo gerade die Kraft des Kapitalismus gezeigt wird, Leute die Seite des Progressiven schmackhaft zu machen, da die die von Untermenschen schreien und auf Sekretion bestehen nicht nur unmenschlich, sondern auch profitverhindernd sind. Die Lust am Leben, durch Freiheit, Mut und einfache Fronten.

Die Mädchen aus der Peep Show / Verbotene Lust im Sperrbezirk
(Adrian Hoven, Wolfgang G. Kruse, BRD 1983) [35mm] 2

radioaktiv

Ewig sich drehende nackte Frauen (auf einer Scheibe vor Spiegeln befinden sie sich) pochen auf ihre Selbstbestimmung. Sie, DIE MÄDCHEN AUS DER PEEP SHOW, sehen nicht ein, dass sie lediglich Objekte sind, wo doch die Männer für sie ebensolche sind, denen sie ihr Geld entlocken. In Sex und ihrer Arbeit möchten sie nichts Dreckiges sehen, nur in einer Geisteshaltung, die davon ausgeht für lumpige sechs Mark gleich einen ganzen Menschen gekauft zu haben. Passend dazu stehen ihnen Männer entgegen, die nur als riesige Augen und geleckte Lippen inszeniert werden. Von der Peepshow scheinen sie hypnotisiert. Bedrohliches steht in ihnen, wie in DIE ITALIENER DREHEN SICH UM.
Die von Monologen über die Lebensverhältnisse der Tänzerinnen und einer verspielten Moderatorin sekundierten Frauen werden konterkariert von Spielszenen, in denen bestialische Sexphantasien von Männern ausgelebt werden. In denen besagte Frauen Dinge zur Lustbefriedigung der Männer werden und dumpfen Sprüchen und gierigen Blicken erliegen müssen, um an Orten männlicher Potenz (Motorbooten, Flugzeugen, Autos) niederzuliegen. Aber auch in diesen Spielszenen herrscht der Kampf des Filmes, der auch in der Gegenüberstellung der beiden Gegebenheiten liegt: Wer gewinnt die Überhand? Das Spielerische der Frauen oder die dumpf wirkende Lust der Männer (traurige Psychopathen), die zwischen Kläglichem und Aggressivem pendelt. Und DIE MÄDCHEN AUS DER PEEP SHOW ist so das kaum Erwartbare: ein als Reportage getarntes godardsches Essay über den Kampf der Geschlechter.

Sonnabend 05.01.

Gli Italiani si voltano / Die Italiener drehen sich um k
(Alberto Lattuada, I 1953) [35mm] 2

fantastisch

Dies ist ein Ballett, das zwischen dem Drang das Schöne zu sehen und sexueller Übergriffigkeit (das Schöne zu besitzen) pendelt und das den kleinen Schritt dazwischen sehr offen mitführt. Die finale Einstellung zu einer melancholischen Melodie zeigt einen weitestgehend furchteinflößend inszenierten Mann, der einer Frau nachging. Sie floh zuletzt in schneller werdenden Schritten vor ihm in ein Haus, dass in einer noch unbebauten Einöde steht. In einem kaum merklichen, fließenden Übergang verwandelt sich die kleine Figur – in der das ganze Haus greifenden Einstellung kaum mehr als ein Punkt – von einer Bedrohung aus einem Psychothriller in einen Tropf, der doch lediglich einen Drang nach dem Schönen hat. Für unzählige Männer scheint er einzustehen, die den kleinen Schritt nicht bemerken, der aus mitleidserregenden Lüstlingen, die nicht wissen, wie sie das bekommen sollen, was sie wollen, gruslige Gestalten macht, die Frauen das Gefühl geben müssen, Freiwild zu sein.
Stark stilisierte und durchorchestrierte Spielszenen über Männer, die Frauen Treppen hinauffolgen und sich durch ihren Schweiß und ihre Unbeholfenheit zu Witzfiguren machen, über das allgegenwärtige Grapschen in überfüllten Bussen uswusf., befinden sich neben dokumentarischen Aufnahmen, von aufreizenden Frauen, die eine Straße entlang geschickt werden, und von den sich nach ihnen umdrehenden Männern. Heiter ist es und immer wieder gruselig, weil in beidem ein Zwang zu sehen ist, der schnell seine Unschuld verliert. Zu Beginn verlassen Frauen ihr Haus in einer knappen Montage, am Ende rettet sich eine zurück in die eigenen vier Wände.

Michi no Sex / Sprechen – Flüstern – Stöhnen: Michi no sex
(Yamashita Osamu, J 1966) [35mm]

großartig +

Gleichzeitig wird von der Enge der Armut, wie von der Phantasie der Lust erzählt. Das Motiv ist einfach. Sexgeräusche dringen durch die viel zu dünnen Wände in einem Haus, das für seine Mietparteien jeweils einen Raum bereithält. Der Ursprung des Stöhnens wird aber weniger gezeigt, als die dasitzenden Leute, die sich das Hörbare ausmalen (müssen). MICHI NO SEX könnte fast ein Ozu-Film sein, so wie er seine Figuren in ihren abstrakten Räumen sitzend zeichnet. Aber dann sind da eben noch der Sex und die einsetzende Eskalation.
Eine Frau – eine Lehrerin mit gespartem Geld in einem Blumentopf – verschwindet gegen Ende einfach aus dem Film. Die letzte Einstellung, die sie wahrscheinlich beinhaltet, zeigt eine Decke in ihrem Zimmer, die einen abstrakten Berg bildet. Sie ist in diesem nur zu erahnen. Währenddessen wütet ein Nachbar betrunken auf dem Flur. Ist sie tot? Emotional verschüttet? Alle anderen Figuren erhalten ihren auf die Zukunft weisenden Abtritt. Nur sie ist einfach weg.

Ich, das Abenteuer, heute eine Frau zu sein
(Roswitha vom Bruck, BRD 1972) [35mm]

großartig +

Auch wenn es der Off-Kommentar gerne herunterspielt, ICH ist die Abrechnung mit einem (Typ) Ehemann. Monika lässt selten unerwähnt, wie sehr sie ihren Ehemann Kai liebt, wie sympathisch er ist und wie alles super funktioniert – dazu sind gerade zu Beginn die passenden Bilder von Liebenden zu sehen, die eine satte Abendsonne tränkt –, aber seine Ignoranz ihr gegenüber, gegenüber ihrer Lust und deren Befriedigung, sein Wegbürsten jeglicher Hinweise auf andere Möglichkeiten des Sex über kurzes Drüberrutschen hinaus, machen ihn doch zu einem unsäglichen Unsympathen. Auch sonst die Männer: eklige Schmierlappen oder verständnisvolle Gentlemen gehobenen Alters. Die unschuldigen, aber doch um ihre Selbstverständlichkeit kämpfenden Versuche Monikas ihre Lust auszuleben, sie befinden sich in einem Jammertal unpassender Männer.
ICH ist dabei aber vor allem ein sehr lustvoller Film, weil sich Monika davon nicht entmutigen lässt. Davon sprechen die unzähligen Zitate, die wie am Fließband kommen:
Du siehst aus wie eine Statue. … Ich weiß, wir spielen Denkmalschändung.
Er ist ein Egoist und achtet nicht darauf, was ich möchte und wie es mir geht. … aber er hat eine Gehaltserhöhung bekommen.
Du solltest dein Haar offen tragen, wie deinen Schritt.
Ich spürte seine Erektion. Sie war wie ein stummes Kompliment.
Aber auch die ins Bild schlingernden Phantasien: Als Monika ihren Mann auf einer Baustelle besucht – er ist Architekt –, da phantasiert sie sich in den Rohbau einen puff-artigen Anblick. In jeder Etage, in jeden Raum steht ein nackter Bauarbeiter, der sich ihr anbietet, den sie aussuchen kann. Später werden diese Nackten sie über die Baustelle jagen, in immer noch einer von ihr genossenen Vorstellung.

Amok / Neun Mädchen auf der Hölleninsel
(Dinos Dimopoulos, GR 1963) [35mm]

ok +

Es gibt tolle Bilder von Sex und Erschöpfung, von Verlorenheit und Wasser, das wie eine tödliche Wüste aussieht, aber nie von Hoffnung. Das ist etwas, das höchstens von den Figuren verbal ausgedrückt wird. Sie muss sich eingeredet werden.
Nicolai Bühnemann hat auf seinem Blog Gedanken an Freud natürlich seine Verehrung für NEUN MÄDCHEN AUF DER HÖLLENINSEL Ausdruck verliehen. Ich konnte auch nach diesen Worten leider nicht so viel anfangen. Immer wenn er spannend zu werden schien, streifte er seine Haut ab und fing an auf etwas Neues hinzuarbeiten.

Lisa!
(Mario Schollenberger, D 2018) [DCP, OmeU]

großartig

Ein Rape&Revenge-Film, der eine Rächerin zeigt, die ziemlich perfide rächt, indem sie ihren Vergewaltiger mit Drogen benebelt, ihn als Ding in der eigenen Couch hält und ein sehr komplexer Verhältnis zu ihm aufbaut, wenn sie ihn mal quält, mal als (sex-)Spielzeug benutzt und ständig erniedrigt – zwei Beziehungsarten werden dabei vorgeführt: Einmal die gleichberechtigte Liebe und die zu einem Haustier, auf dessen Empfindungen keine Rücksicht genommen werden muss. Lisa endet an einem Ort, wo sie sicherlich nicht hätte enden wollen. Und LISA! ist ein Film von intimen Momenten und von einer neugierigen Suche, wie mit den Umständen umgegangen wird, in denen wir eben so landen können.

Waidmannsheil im Spitzenhöschen
(Jürgen Enz, BRD 1982) [35mm] 2

verstrahlt +

Am Ende bringt die Mutter die Rettung und Sex haben hier eh nur Schauspieler, die für Barbiepuppen einstehen und mit denen ausagiert wird, was sich jemand ohne Erfahrung eben unter diesem seltsamen Handeln vorstellt: WAIDMANNSHEIL IM SPITZENHÖSCHEN ist von Infantilität bestimmt. Ein Blick der Unschuld auf die Tatsachen des Erwachsenwerdens – in feste formale Schranken gewiesen, damit dies auch nicht bedrohlich wird: vor allem gibt es eine Wurtstrecke, die unterhalb eines Saals mit tanzenden Paaren das ganze untere Ende der Einstellung einnimmt. Der Prunk von Kleopatra wird auch so ins Kinderzimmer übersetzt.

Freitag 04.01.

Die lustigen Vier von der Tankstelle
(Franz Antel, A/BRD 1972) [35mm]

ok +

Eine Hälfte verstrahlt, die andere von heftigem Stahl. Beide wurden fein säuberlich von einem Filmriss getrennt. Das angereicherte Uran der ersten Hälfte sind Willy Millowitsch, der deutscher Brüderlichkeit ein Denkmal setzt, wie es sich Krzysztof Kieślowski nicht besser hätte ausdenken können, und Gisela Schlüter, die spielt, als habe sie sich zehn Kannen Kaffee einverleibt. Das Ruppige sind Hans-Jürgen Bäumler, Uschi Glass, Michael Schanze und das verjüngte Heintje-Substitut Nicki, die final ungelenk Kalamitäten aufbauen und auflösen und ein Nichts mit einem umtriebigen Nichts aufbauschen.

24 Stunden aus dem Leben einer Frau
(Robert Land, D 1931) [35mm, ≠]

fantastisch

Es ist vll. kein äußerst schmieriger Film, aber 24 STUNDEN AUS DEM LEBEN EINER FRAU war doch für den Kongress wie gemacht. Denn es gibt eine lange Autofahrt zweier sich Verliebender und nichts geschieht. Es fehlte nur, dass wie in DAS TESTAMENT DER BEGIERDE jemand auf die Uhr geschaut hätte. Aber auch darüber hinaus vergeht viel Zeit, ohne das etwas passieren würde. Manchmal wirkt dies wie ein Blick voller sense of wonder, weil plötzlich Ton da ist. (Auch wenn dieser 1931 nun nichtmehr das Neuste überhaupt gewesen sein sollte.) So werden beispielsweise Besen für eine lange Zeit beobachtet, die hörbar über den Asphalt streichen. Ein Umstand, der nicht rationalisiert wird, sondern nur genossen. Impressionismus und Leere finden sich in diesen verschenkten Momenten, in denen das Innenleben der Figuren und das Geschehen undefiniert sind und unendlich Platz haben.
In dieser Leere lauert aber auch das Ungewisse des Lebens. Sind wir dem Schicksal unterlegen bzw. wiederholt sich das ewig Gleiche oder besteht die Hoffnung darauf, dass wir uns ändern können. Beide Seiten finden ihre Entsprechungen, die wie dicke Wolken über dem Geschehen hängen. Die niederdrückende Figur – auch körperlich die schwerste an einem Ort (Monte Carlo), wo die Leute ansonsten federleicht scheinen – eines Handlesers (Friedrich Kayßler), der den Leuten ständig ihre Prädestination erklärt, steht u.a. einer Einstellung entgegen, wo die Frau des Titels, Helga Vanroh (Henny Porten) sich ihren Handschuh abstreift, aber erst nach etwas Irritation erkennbar wird, dass es sich um das Entledigen eines Handschuhs und nicht um eine Häutung handelt.
Melancholisch wird also durch eine neu zu entdeckende, sich ständig ändernde Welt geschlendert und alles ist eine Sache der Perspektive. Die schwarzen Linien unter den Augen von Helga Vanroh, sie können die Zeichen von durch Tränen heruntergelaufenem Make-Up sein oder eben doch nur Falten im Schleier. 24 STUNDEN IM LEBEN EINER FRAU leidet und genießt, dass alles doppeldeutig, unsicher und voller Wunder ist.

(Super8-Heimvideos … bzw. eben -filme von Paul und Erna) k
(Paul und Erna, BRD 197?) [8mm]

verstrahlt

Ein Glück, dass wir nicht saufen.
Wir lassen ‘s runterlaufen.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass die tristen Ecken in DERRICK übertrieben sind. In diesen mit Sußer8 aufgenommenen Heimvideos – tatsächliche, auf einem Flohmarkte entdeckte – sieht es aber eher so aus, als ob die Fiktion nie die Trostlosigkeit der (inszenierten) Realität zweier Normalbürger entsprechen kann. Ewig und immer wieder werden Geburtstagsfeier dokumentiert. Der Wille, etwas für die Kamera zu bieten, generierte dabei quasi einen Schluckauf des in den respektablen Erwachsenen Lauernden. Hier ein zotiger Witz – Der Postbote hart den besten Job. Er geht von Schlitz zu Schlitz bis der Sack leer ist. – bis hin zu lange Vergrabenem – Zicke Zacke, Zicke Zacke, Heil. Urlaubsaufnahmen und Aufarbeitungen des Alltags … und scheinbar riesige Lücken dazwischen, die von der Erkenntnis/Selbsteinschätzung sprechen, dass es nicht viel Dokumentierwürdiges im Leben von Paul und Erne gibt. Und dann zwischen drin die wiederholten Aufnahmen einer Pflanze. Ein John Mekas-Kunstfilm erwuchs wohl aus dem Drang, die Kamera zu etwas zu gebrauchen. Bei diesen zwanzig Minuten handelt es sich um ein kaum zu unterschätzende Schatzkammer des Menschseins, will mir scheinen.

Und die Mutter blicket stumm auf dem ganzen Tisch herum… k
(Hedda Rinneberg, Hans Sachs, BRD 1982) [16mm]

ok

JEANNE DIELMANN in einer Lightversion von der FWU für die Schule. Wie dieses schweigende Etwas in der Schule angewendet wurde, würde ich aber gerne wissen. Für den Ethikunterricht vll.: Und nun stellen wir uns vor, wie sich eine Hausfrau – eure Mütter mglweise – jetzt gerade fühlt, während sie euren Kack wegräumen müsste und einen Nervenzusammenbruch hat, weil sie nicht mehr die Kraft hat, um vom Tisch aufzustehen.

Achterbahn der Gefühle k
(Josef Kluger, BRD 1995) [16mm] 2

fantastisch

Pubertät als romantischer Traum, wo selbst die Verunsicherung etwas Schönes hat. ACHTERBAHN DER GEFÜHLE erzählt aus einer retrospektiven Perspektive, wo dies alles schon überstanden ist und schaut nun voller Gemütsruhe und Verzückung auf überstandenes Elend, das sich nun als gar nicht so grausam herausstellt. Beiläufig wird von der ersten Regel, der ersten Ejakulation und der ersten Masturbation erzählt, von dem Erwachen der ungeheuren Gefühle bei einem Mädchen und einem Jungen. Über allem hängt aber ein leichter Hauch des Irrealen: der Nebel, der durch die Gegend zieht, das seltsame Licht, die Passanten und Dinge, die den Weg zwischen Kamera und Handelnden wiederholt zustellen, das Meer aus Kerzen, das das Mädchen beim erkunden ihres Körpers plötzlich umringt. Ein kurzer Blick an einen mythischen Ort, auf das kommende Generationen Trost finden.

Mama und Papa – Afrikaner als Untermieter k
(Michael Bückner, BRD 1973) [16mm]

gut +

Der Untergang des Abendlandes. Ein älteres Ehepaar nimmt, weil sie Geld brauchen, afrikanische Studenten als Untermieter auf. Sie lassen sich Mama und Papa nennen, weil sie das Gefühl haben, die Rückständigen ohne Kultur und Vernunft erst noch erziehen zu müssen. Ein Dokument von nicht böse meinendem Rassismus, von Niedertracht, von den schlecht möglichsten Eltern, die den Kindern ihre Verachtung zu jeder Zeit spüren lassen. MAMA UND PAPA hält bei diesem traurigen Dokument zuweilen das Geschehen an und schreibt diverse eben getätigte Zitate der beiden Vermieter über das Bild. Ihr habt richtig gehört. Lasst das erstmal sacken, scheinen diese Wiederholungen sagen zu wollen und verstärken das beklemmende Gefühl noch. Die Studenten hingegen stecken irgendwo zwischen Wut und der anscheinend überlebenswichtigen Einstellung, dass alles auch ziemlich absurd zu finden.

Tungekysset / Annes erster Kuß k
(Berit Nesheim, N 1988) [16mm]

großartig

Pubertät als Hölle des Zurückschreckens und als Zeit der verkrampften Performance einer nicht vorhandenen Souveränität. Anne steht auf einen Jungen und dieser auch auf sie. Anne traut sich aber nicht den ersten Kuss zuzulassen. Anders als ACHTERBAHN DER GEFÜHLE ist dies kein Traum, sondern harte Realität. Die Realität eines Wartezimmers. Am Ende herrscht dann auch keine Romantik, sondern Pragmatismus. Anne küsst aus Eifersucht, aus Rivalität, aus Berechnung.

Spice World / Spice World – Der Film
(Bob Spiers, UK 1997) [35mm] 3

großartig +

Thomas G. dazu im Gesichtsbuch: Spiceworld ist natürlich ein Ultra-Farbfilm darüber, wie Frauen nicht nur über der phallisch-patriarchalen Popkultur stehen, sondern deren Helden, Codes und Mechanismen sich einfach aneignen, neu sortieren und zertrümmern und an die Stelle der Popgeschichte des Männerbundes eine hedonistisch-anarchisch geprägte Frauensolidarität setzen. Für die Verwalter und Archivaren coolen Wissens natürlich ein Affront, weshalb der Film insbesondere bei einem männlichen Publikum mitunter einen äußerst schweren Stand hat. Nicht zuletzt auch ein Film, der als historische Zeitkapsel viel über die ausgehenden 90er weiß und den kurzen Sommer des Endes der Geschichte sowie die Naivität hinter dieser Vorstellung konkret-sinnlich nachvollziehbar macht. Dass er dabei noch methodentransparent ist, weist ihn nicht nur als Glanzstück des 90s-Postmodernismus aus, sondern macht seine hybride Gestalt als selbstbewusstes Schund-Cash-In, das mehr ist als ein Schund-Cash-In, deutlich.

Both Ways
(Jerry Douglas, USA 1975) [DVD, OF]

großartig

Ich hatte einige Schwierigkeiten herauszufinden, mit wem ich es hier zu tun hatte. Es gibt beispielsweise eine Montage, wo Hauptfigur Donald (Gerald Grant) im ständigen Wechsel Sex mit seiner Ehefrau (Andrea True) und mit seinem Liebhaber (Dean Tait) hat. Seine Zerrissenheit, wie sein Liebesleben, das sich in einem ständigen Wechsel befindet, kommen hier zum Ausdruck. Und je schneller sich das Karussell drehte, desto mehr schienen sie sich zu überlagern. Als Ende der Montage erwartete ich die Pointe, dass er eine Sexpraktik am falschen Ort vollziehen würde, dass seine Frau hochschrecken würde und Zweifel gesät wären. Solch ein etwas gemeiner Spaß ist in BOTH WAYS aber nicht möglich. Denn es handelt sich um einen grundgutmütigen Film.
Sehr klare, reduzierte Bilder, die manchmal ins Abstrakte reichen, lassen eigentlich nur Platz für die Menschen. Der Sex ist meist kurz und kollagenartig. Zusätzlich ist er zuweilen von american gothic-Bildern einer älteren Haushälterin unterbrochen, deren scheinbare Missbilligung ein urteilendes Über-Ich in die Liebe trägt. BOTH WAYS ist weniger ein Porno, als er ein Drama ist, wo die Überwindung zur gleichgeschlechtlichen Liebe die Überwindung eines Harvard-Absolventen ist, mit einem Yale-Studenten zusammenzukommen – der Harvard-Krug wird später auch zur Mordwaffe werden. Wenn BOTH WAYS also ein grundgutmütiger Film ist, dann ist er noch extra traurig, weil er auch mit einer solchen sensiblen Einstellung zu seinen Figuren kein Happy End finden wird.

Donnerstag 03.01.

L’osceno desiderio / Obscene Desire
(Giulio Petroni, I/E 1978) [35mm]

gut

Dornige Blätter, die wie Stierhörner aussehen und durch den Kameraschwenk zumindest den Eindruck erwecken, als ziehen sie sich aus aufgespießten Leuten heraus; ein Anthropologe, der ab irgendwann mit aller Selbstverständlichkeit der Welt plötzlich Pfarrer ist; ein Pfarrer, der nach einer auf ihn gespuckten Oblate schreiend wegrennt, weil die Besessene dieser ROSEMARY’S BABY-Version, die mit DER EXZORZIST minimal gekreuzt wird, sich nicht sofort retten lässt und aller Glaube von ihm abfällt: All das und mehr sind die Schauwerte in einem Film, der (er selbst und vor allem seine Sexszenen) am besten durch die Leinwandpräsenz des Anthropologen/Pfarrers beschrieben ist. In jeder ihn beinhaltenden Einstellung sieht er aus, als sei er gerade hineingetrübt und versuche mit seiner verkrampften Lässigkeit seine Anwesenheit zu rechtfertigen, wo er sich doch ständig fehl am Platz zu fühlen scheint.

Der Pornojäger – Eine Hatz zwischen Lust und Politik
(Peter Heller, BRD 1989) [16mm]

großartig

Martin Humer hat eine Obsession für Pornos, die in Räumen voller unzählige Ordner katalogisiert sind, die als Beispielmaterialen selbst auf dem Klo bereitliegen oder die als Magazine oder Videos auch sonst eine ständige Präsenz in seinem Alltag darstellen. Durch den ständigen Kampf gegen das Objekt der Begierde drückt sie sich aus, als Über-Ich-Kontrollzwang, vor dem das Objekt der Begierde als Beweismittel für den Staatsanwalt getarnt ist.
Peter Heller – durch die Einführung vor dem Film per Remix einer Handynachricht als äußert seriöser Charakter gezeichnet – dokumentiert den Kampf des Martin Humer und die Gegenwehr seiner Widersacher indem er ihnen Platz lässt. Die Schnitte und die fortlaufende Entwicklung der Doku, die immer weiter Erkenntnisse wie Twists in den Fluss des scheinbar Offensichtlichen bringt, formen das Dokumentierte zwar, in den Bildern lässt er den Protagonisten aber Platz. Meist damit sie sich selbst dem Spott preisgeben und ihre gierige Selbstgerechtigkeit offenbaren – gezeigt wird ein Krieg, der nur Verlierer zu kennen scheint – manchmal aber auch, um sie in Momenten der Kontemplation zu zeigen. Und gerade Humer ist es, der dieses Vorrecht erhält. Ein Mann voll ätzender, widerlicher wie widerspruchsvoller Rhetorik wird gezeigt, wie er in die Ferne schaut und sinniert. An dieser Stelle scheint der Blick auf ihn geradezu sanft und öffnend: Welche Position mag einer, der nur in Parolen redet, in einem solchen Moment zu sich einnehmen? Das ist vll. die dringlichste Frage von DER PORNOJÄGER.

City of Sin / Ashley – Sattelfest in allen Betten
(Henri Pachard, USA 1991) [35mm]

ok

Die Nebenfigur Johnny sagt in CITY OF SIN, dass nichts wichtiger ist als Sex. Seine Verhaftung und Freilassung, durchaus bedeutende Brennpunkte der Handlung, sind deshalb auch gleich gar nicht zu sehen. Stattdessen eben Kopulation. Die Handlung, so narrativ CITY OF SIN auch ist, spielt kaum eine Rolle und hat lediglich einen Hauch von melancholischer Romantik, sowie eine faszinierende Definition von Luxus. Den ach so wichtigen Sex fand ich aber nicht unbedingt sehenswerter. Christoph meinte danach, dass er ihn nachahmenswert finde. Sicherlich, CITY OF SIN war nicht darauf fixiert, alle Stellungen bei jedem Akt durchspielen zu lassen, und es wurde sich auch nicht auf ständige Detailaufnahmen versteifte. Seinen Körpern bot er in ihrer Gänze Platz. Hinzukommt, dass der erste Penis auf sich warten ließ und auch noch schlaff war. Es stimmt schon, menschlicher war der Sex als die handwerkliche Standardware in vielen Pornos, aber eben doch vor allem motorisch.

Le diciottenni / Ein Mädchen von 18 Jahren
(Mario Mattoli, I 1955) [35mm]

großartig

Die Normalität des Faschismus der Erziehung als Komödie, die den Cha-Cha-Cha tanzt und die Engstirnigkeit der Erwachsenen wie aus einem Comic aussehen lässt. Sie sind ehemalige Soldaten, die bizarr von damals schwärmen, schnellredende Väter, die sich selbst nur allzu gerne wiedersprechen, Napfkuchen und Glöckchen. Ihnen gegenüber junge Frauen, die nach sich suchen. Poesie ist der Dünger für’s Gemüt, ist ihr Leitspruch.

Wu fa wu tian fei che dang / Die Wilden Engel von Hong Kong
(Kuei Chih-Hung, HK 1976) [35mm] 2

radioaktiv

Am Ende werden alle Leichen, die die Handlung produzierte, jeweils in einer Einstellung nochmals festgehalten. Bedacht schaut DIE WILDEN ENGEL VON HONGKONG nochmal auf seine eigene Bedenklichkeit zurück. Von Anfang an ist DIE WILDEN ENGEL VON HONGKONG Exzess und Gewalt. Und doch schafft er es, sich nur langsam und geradezu gemütlich zu steigern, bis, ja bis er das Inferno geworden ist, das von Beginn an zu erwarten war. Versuche eine Erklärung für das Massaker zwischen einer Motorradgang und Urlaubern auf einer abgelegenen Insel (wie Klassenunterschiede und Herablassung) sind nur windige Scheinargumente. Es ist ein existentielles Erlebnis von Alphamännchentum, wo ab einem gewissen Grad nur noch Gewalt zu erwarten ist.
*****
Als ich ihn das erste Mal sah, ging ihm der Ruf eines schmierigen Megaerlebnisses voraus. Ich hatte mich auf gute Laune eingestellt und nichts in der Richtung bekommen. Stattdessen eine düstere, asoziale Grenzerfahrung. Jetzt wo ich darauf vorbereitet war, was kommen würde, konnte ich ihm gleich viel mehr abgewinnen.

Hot steps – passi caldi / More Than Feelings
(Gerry Lively, I/USA 1990) [VHS 2k, ≠]

fantastisch

Das Unentschieden: Von zwei rivalisierenden Tanzgruppen erzählt HOT STEPS. So heftig die Streiche und Konkurrenzkämpfe aber auch sind, so lebt der Film von werbefilmartigen Versöhnungen. Die Konflikte werden einer unkaputtbaren Menschlichkeit untergeordnet, was dem Ganzen ein leichtes Strahlen gibt (ein radioaktives und eines der strahlenden Zähne beim Lächeln). Und weil alle vor einem Hass bis aufs Blut zurückschrecken endet alles immer in einem schiedlich-friedlichen Unentschieden.
Paradox der Farben: Alles in HOT STEPS sieht warm aus und scheint die gleiche Temperatur des Ausgleichs zu Verkörpern. Das Blau ist das der Himmel eines strahlenden Sommertags, das nicht von drückender Hitze spricht, sondern von erfrischenden Winden in dieser, wie das Rot die umschließende, nicht zu heiße Wärme des Abendrots eines ebensolchen Tages ist.
Die Blicke: Relativ früh gibt es einen wohl bald in die Pubertät kommenden Jungen, der von seinem Skateboard fällt. Beim Aufstehen folgt sein Blick und für ihn einstehend die Kamera dem Körper einer vor ihm stehenden Frau (Dianne Granger) – von den Füßen bis zum Gesicht hinauf. Der Junge trägt dabei das Spielberggesicht als erster von vielen, die hier mit Sex konfrontiert werden. Wobei der Sex vor allem unverhohlen im Tanz zu sehen ist. In sich räkelnden Körpern, die ihrer schon sexualisierten Oberfläche noch einen zusätzlichen Schub aus Berührungen, Umschlängelungen und Körperflüssigkeit (Schweiß) geben. Das Geschlechtliche lässt hier fast durchgängig staunen und zieht die Leute aus sich heraus. Ein Vater bestaunt beispielsweise (fast) sabbernd seine Tochter, bis er sie erkennt. Die Tochter wiederrum tritt zu Beginn durch einen Spiegel in einen verspiegelten Raum, der sie, die sie Sex in ihrem Leben aufkeimen spürt, mit einem küssenden und tanzenden Paar in Verbindung setzt. Die Spiegel realisieren ihre Sehnsüchte und lassen sie wie Gedankenblasen sie umkreisen. Diese Blicke sind Ausdrücke einer Phantasie, eines Hineindenkens. Die Möglichkeiten des Selbst sprießen in ihnen.
DIRTY LOVE: In vielerlei Hinsicht ähnelt dieses Produkt von Joe D’Amatos Filmirage seinem DIRTY LOVE. Der Tanz, das Laufen, das Fahrrad als Symbol der Unabhängigkeit, der Sieg des Gefühls/der Naivität über das Handwerk, aber alles ist etwas mehr auf Hochglanz getrimmt, weshalb es nicht verwundert, dass die männlichen Figuren wie Teil der New Kids on the Block aussehen.

Mittwoch 02.01.

Therese & Isabelle
(Radley Metzger, NL/F/BRD/USA 1967) [35mm]

großartig

Dort wo Ebenmaß und Pracht,
Sinnenlust und Frieden lacht.

Ein Gedicht von Charles Baudelaire spielt in diesem Liebesfilm eine zentrale Rolle. In ihm läuft zumindest mein Verständnis von THERESE AND ISABELLE zusammen. Leider kann ich aber nur erahnen, um welches Gedicht es sich handelt. Sicher bin ich mir nur, dass das Wort Ebenmaß wiederkehrend verwendet wurde. Und damit spricht nach einer kurzen Recherche alles für L’INVITATION AU VOYAGE, bzw. richtiger für AUFFORDERUNG ZUR REISE, also die Nachdichtung von Carl Fischer.
Bei meinem knappen Forschen im Internet habe ich auch gleich eine einzelne Seite in der Buchvorschau von ÜBERSETZUNGEN UND IHRE GESCHICHTE gefunden, wo die Umdichtungen Stefan Georges und Fischers eben dieses Gedichtes als Zeugen dafür herangeführt werden, dass es unmöglich ist Lyrik zu übersetzen. Die Verschiebungen, die die Übersetzung zwangsläufig mit sich bringt – und THERESE AND ISABELLE war nunmal in der deutschen Synchronisation zu sehen – scheint aber nicht das Entscheidende für mich anzugreifen. Aber Baudelaire will »volupté« mit »calme« verbinden, als Gefühlseinheit, zum Beispiel zärtliches Nebeneinanderruhen statt großer Leidenschaftsstürme, schreibt Werner Ross in besagtem Buch auf besagter Seite. (Seinen vollständigen Artikel habe ich leider (noch) nicht finden können.) Auch da möchte THERESE AND ISABELLE hin … und zwar mit dem von Fischer als Ebenmaß übersetzten ordre.
Als ich nun dieses Wort vermehrt und rhythmisiert hörte, da fiel mir auf, worauf ich bei den Filmen Radley Metzgers bisher nicht deuten konnte … und was mich verwirrte. Denn Metzger ist nicht weniger als der eloquente Bruder Jürgen Enz‘ und Formalismus ist es, welche die Verwandtschaft herstellt. Bei Metzger ist der Formalismus sicherlich viel, viel lebendiger, aber auch bei ihm ist er eine Krücke. Sex wird in Statuenhaftigkeit aufgelöst … oder in Paul Morrissey Dokubanalität, wo die Kamera auf Thereses Gesicht hält und lediglich das zwangsläufige Crescendo der Musik von ihrem inneren Beben kündet. Den Film eröffnet eine Sequenz, in der Therese (Essy Persson) als erwachsene Frau in ihr altes Mädcheninternat zurückkehrt. Sie wird dabei zunehmend von ihren Erinnerungen überwältigt und ihre Phantasie beginnt die Bilder zu überschreiben, die sie und wir sehen. Erst sind es Töne, die sich über die Orte legen, langsam werden sie aber von Leuten bevölkert, die dort schon lange nicht mehr sind. Die Trennung zwischen Innerem und Äußerem wird in THERESE AND ISABELLE also sehr bewusst gesetzt … beim Sex wird diese Grenze aber nie überschritten. Lust bekommt keine Subjektivität, sondern ist immer Objekt. Ein Objekt, dass sich in einer Vase spiegeln muss, um nicht zu deutlich und ordinär vor uns zu stehen, oder das in einem Gesicht gesucht werden muss, wie in Warhols BLOW JOB.
Das Lyrische des alles begleitenden Off-Kommentars der alten Therese vergeistigt dies dann noch zusätzlich. Da wo Enz gerade nicht vor Drastik zurückschreckt – mit der Verkalauerung von Sex und dessen ungeschönter Dokumentation in seinen formalistischen Welten – da wird sich bei Metzger doch anschmiegsam an ihn herangetraut, aber eben nur so. Jede körperliche Erfahrung wird in Ebenmaß und Pracht übersetzt. Von den Worten und den Bildern. Das der Besuch eines Stundenhotels den Tiefpunkt der Beziehung zwischen Therese und Isabelle (Anna Gaël) darstellt – die Liebesgeschichte der beiden Internatsschülerinnen wird von dem nach ihnen benannte Film erzählt –, mag kaum überraschen. Hier suchen sie die Ferne der ständigen Überwachung durch Lehrer und Mitschüler, finden aber nur Indikatoren der Derbheit von Sex. Den Schwärmereien einer verzichtvollen Jugend entspricht dieser Ort nicht. Sex ist hier Dienstleistung und (für die Lust) funktionalisierte Tätigkeit. Das Bett und der Raum sind nicht schön, sie sind Nebensache für etwas, das alles überstrahlen soll. THERESE AND ISABELLE und vor allem seine Erzählerin, Therese, brauchen aber eine kitschige Romantik, die die Lust bändigen soll. (Thomas G. hat im Gespräch nach dem Film, als ich dies auch schon skizzierte, Ingmar Bergman auf die geistige Verwandtschaftslandkarte gebracht.)
Das Ende bringt dann den Schicksalsschlag mit dem Fallbeil. Die Jugend und das jugendliche Sehnen nach einem reinen Sex, dem THERESE AND ISABELLE ein Denkmal setzt, es bekommt hier seinen unwiederbringbaren Verlust. AUF DER SUCHE NACH DER VERLORENEN UNSCHULD wäre auch ein schöner Titel für einen Film gewesen, wo beispielsweise auch immer wieder inzestuöse Assoziationen präsentiert werden, die aber nur Aufblitzen und in der Dramaturgie der Geschichte keinen Widerhall finden – so sieht Isabelle Thereses Mutter erstaunlich ähnlich und im direkten Anschluss an den ersten Sex mit einem Mann, ist Therese das einzige Mal im Film ihrem Stiefvater gegenüber aufgeschlossen – zumindest kurzzeitig.

Die Totenschmecker
(Ernst Ritter von Theumer, BRD 1979) [35mm]

fantastisch

Auch bekannt als DER IRRE VOM ZOMBIEHOF oder DAS MÄDCHEN VOM HOF. Mal davon abgesehen, dass der eigentliche Titel sensationell gut ist, wäre vll. ALPIN CHAINSAW MASSACRE der passende Titel gewesen. Die Wiederveröffentlichungstitel versprechen entweder zu viel Drastik oder zu viel Heimatfilm (bzw. zu wenig ROSEN BLÜHEN AUF DEM HEIDEGRAB).
Es wird die Geschichte einer Bauernfamilie erzählt, die durch unglückliche Umstände (vor allem durch ihren tief sitzenden Rassismus und ihre unnachgiebige Nach-unten-tretet-Kultur) eine Sinti-Familie tötet und deren Leichen um jeden Preis verschwinden lassen möchte. Dramaturgisch ist immer wieder eine Rachegeschichte oder ein Sieg der Moral zu erahnen, aber nichts davon wird kommen. Deutsche, die ihre Leichen verstecken, die sie im Wasser versenken und im Feuer verbrennen, es wird nicht verwässert.
Die alpinen Panoramen zwängen sich in dreckigen und grobkörnigen Einstellungen in die Handlung. Eine Idylle gab es hier nie, nur Wald und die Schatten darin. Jesusbilder hängen über den Köpfen und schützen manche tatsächlich vor Niedertracht, aber meist sind sie wie der Hohn im Angesicht des Geschehens. So ruhig, gleichmäßig und zielstrebig die Handlung auch abläuft, am Ende ist alles (im) Wahnsinn (gefangen).

(Cool It, Carol! /) Die Liebesmuschel
(Pete Walker, UK(/BRD) 1970) [35mm]

verstrahlt

Wie DIE LIEBEMUSCHEL seine Charaktere in ihrer Dummheit belässt, wie ihnen keine Entwicklung geschenkt wird und sie sich immer weiter von ihrer schmerzhaft naiven Weltsicht (selbst-)verletzen, das ist geradezu satanisch. Der frohe Anfang, wenn Carol (Janet Lynn) und Joe (Robin Askwith) – eine junge Frau, die aus dem Geist der Zeit von sich denkt keine Hemmungen zu haben, und ein junger Mann, der seine eigene Normalität mit beständiger, unendlicher Aufschneiderei überspielt –, wenn diese beiden also nach London gehen und dort nach Arbeit und einem Leben suchen, dann ist DIE LIEBESMUSCHEL Tendenzstahl. Ein hippes, fröhliches Nichts. Die Höhepunkte der zunehmenden Tiefschläge, die der Film für seine Protagonisten bereithält, wenn sie gleichzeitig zum Supermodel, zur Edelprostituierten und Pornodarstellerin geworden ist, die sich zunehmend die Wahrnehmung der Grenzen ihrer Hemmungen wünscht, und er ihr Manager und Zuhälter, den jeder mit klarem Verstand nach zwei Minuten gefeuert hätte, diese Gipfel der Niedertracht des Films sind rauschhaft und sensationell schäbig. Unansehnliche Männer in einer surrealen Hölle sind hier wunderbar verewigt, wie der englische Gentleman, der neben dem Bett sitzt, in dem gerade der erste Porno der beiden gedreht wird, der nur mit stiff upper lip seriös schaut und sich den Schweiß von dieser leckt. Dieses Pop-Art-London mit seiner Pop-Art-Abrechnung einer hippen Szene wird aber nur von der Dummheit der Hauptfiguren gespeist und zerfällt eben in einen langen, unerträglichen Fluss, der nur in seinen Spitzen, in seiner offen ausgelebten Abartigkeit zu sich findet. Kredenzt in dieser deutschen Fassung zudem mit Nachdrehs von Sex, die wie zu lange dauernde unterschwellige Werbung hereingeschnitten werden und irgendwie gar nichts mit dem Film zutun haben wollen.

Dienstag 01.01.

Derrick (Folge 158) Mordfall Goos
(Franz Peter Wirth, BRD 1987) [DVD]

gut

Ein Mann aus bedeutender Familie (Martin Benrath) heiratet in zweiter Ehe eine Schaustellerin (Irene Clarin). Als ein Anschlag auf ihr Leben geschieht, liegt es nahe, die Schuld beim kalten Vater, einem ehemaligen Konsul (Martin Held), und dem Bruder, einem vielbeschäftigten Industriellen (Robert Atzorn), zu suchen, die aus ihrer Abneigung und ihrer Angst um den Familiennamen keinen Hehl machen. Dem gegenüber stehen eine verschworene Zirkusfamilie und ein eifersüchtiger Kunstschütze.
Es gibt kaum etwas in MORDFALL GOOS, dass es nicht schon besser in DERRICK gab … was die abscheulichen Snobs nicht weniger sehenswert macht. Schön ist aber die Familienkonstruktion der Goosens. In kleinen, dezenten Momenten scheint es ganz klar zu sein: Der ältere Sohn ist der Favorit des Vaters, der sich deshalb das Sein als Schwarzes Schaf auch leisten kann, während der kleine Bruder sich abrackert, um vom Vater geliebt zu werden. Einmal fragt der Vater, welcher seiner Söhne da am Telefon sei: Thomas oder der andere. Wie eine solche kleine Bemerkung und deren ganz sacht eingesetzten Dopplungen auf eine ganze Handlung ausstrahlen können, ist schon super.

Derrick (Folge 159) Fliegender Vogel
(Wolfgang Becker, BRD 1988) [DVD]

verstrahlt

Kitschige Bilder von Pferden und Vögeln hängen über dem Bett von Bettina (Dana Vavrova). Es braucht nicht die Psychologin der Folge, Dr. Kordes (Christiane Hörbiger), um den Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit aus diesen Bildern zu lesen. Das Gefängnis, in das FLIEGENDER VOGEL seine Hauptdarstellerin einzwängt, ist aber nicht die Haftanstalt, aus der sie zu Beginn entlassen wird – sie hat dort eine Strafe für ihren Zuhälter Wilke (Claude-Oliver Rudolph) abgesessen. Vielmehr sind es die Szenen, in denen Wilke und Derrick/Kordes über ihren Kopf diskutieren und das Beste für sie beanspruchen. Um ihren freien Willen ginge es und sie solle entscheiden, ob sie in der Obhut ihrer Bewährungshelferin Kordes bleibt oder in die von Wilke wechselt. Es ist beklemmend, wie beide Seite über ihren Kopf hinweg reden und sie kein Wort herausbringt. Erst die Liebe wird dies ändern können und Wilke eines Besseren belehren, der eiskalt meinte, dass sie so etwas wie einen freien Willen gar nicht hätte.
Aber das und Claude-Oliver Rudolphs sensationelle Assigkeit sind es gar nicht, was FLIEGENDER VOGEL so entgleisen lässt. Das Thema um Fürsorge und Selbstbestimmung spiegelt sich in einer ewig singenden Gruppe der Heilsarmee, die durch das Rotlichtmilieu zieht und vor Wilkes Wohnungstür probt … denn der Kopf dieser christlichen Fürsorger ist ausgerechnet Wilkes Bruder (Gert Burkard). Der selbstgerechte Kampf um die Seele Bettinas wird folglich derart sekundiert, dass FLIEGENDER VOGEL noch zur Abhandlung über christliche Nächstenliebe wird. Mal wieder des Wahnsinns fette Beute.