Arcana (1972)

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Wenn man einem seltenen Film jahrelang verzweifelt hinterjagt, nach obskursten Fassungen fahndet in der Hoffnung, es möge einem doch irgendwann eine alte Kaufkassette oder TV-Aufnahme in die Hände fallen, ist man im entscheidenden Augenblick – wenn man das Objekt cineastischer Begierde schließlich ungläubig in Händen hält – in der Regel auf alles gefasst. Denn man hat ja schließlich schon Zeit genug gehabt, in alle erdenklichen Richtungen zu spekulieren.

Seit ich vor etwa vier Jahren Giulio Questis Fiebertraumhaften Italowestern SE SEI VIVO SPARA (“Töte, Django!” – Ein Film aus dem Land jenseits des Hades!) sah, habe ich den Werken der sehr überschaubaren Filmographie des mysteriösen Filmemachers mit viel Energie nachgejagt. Seinen avantgardistisch-grotesken, antikapitalistischen Thriller LA MORTE HA FATTO L’UOVO (“Die Falle”) aufzutreiben war aufgrund dessen häufiger (fälschlicher) Zuordnung zum Giallo-Genre nicht allzu schwer. Doch ARCANA, der dritte und traurigerweise auch letzte Kinofilm Questis, schien praktisch außerhalb italienischer Archive nicht zu existieren. Ein Horrorfilm sollte es sein, ein übersinnlicher – und das von diesem exzentrischen, ganz und gar unangepassten, ruppigen Giulio Questi! Vor meinem damals frisch in Leidenschaft fürs Surreale entflammten Auge sah ich wilde, glühende und delirierende Abgründe sich auftun und bastelte mir den Film auf abenteuerliche Weise im Kopf aus den anderen beiden Questi-Filmen zusammen.

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Regelmäßiges, dreijähriges Spekulieren und beinahes Vergessen des Titels später lag er mir nun vor, in einer Bildqualität, die jeden Cineasten zu Stein erstarren lassen würde. Und zwischen all diesem ausgeblichenen, überstrahlten, flimmernden Matsch – zu dem ich nach so langer Wartezeit unmöglich Nein sagen konnte – lag ein Film, wie ich ihn mir zwar einerseits erhofft hatte, auf den ich andererseits aber nicht im Mindesten vorbereitet war. Der Wahnsinn des unberechenbaren Giulio Questi lässt sich nicht zähmen – schon gar nicht in in meinem Kopf.

Wer seine beiden zuvor gennannten Werke kennt, wird, vermutlich überrascht, feststellen, dass ARCANA weder so offensiv ist wie der offenmütig in seine abstrakt-konsumfeindliche, explizit politisch (natürlich links) motivierte Form verliebte LA MORTE HA FATTO L’UOVO, noch so martialisch und sardonisch wie der mit biblischer Metaphorik und Ikonographie zum Bersten gefüllte, bittere SE SEI VIVO SPARA. Er ist viel viel stiller. Viel viel diffuser. Und dennoch – sowie vor allem! – viel viel aggressiver.

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Questi entfernt sich weit von den schicken Apartments, schönen Menschen und trendigen Parties, die man in einem aufs Schauerliche abzielenden italienischen Streifen jener Jahre unweigerlich antraf und präsentiert uns ein unfassbar abgefucktes Mutter-Sohn-Gespann in einem versifften Betonklotz von Haus – einem italienischen Großstadt-Ghetto, in dem die Camorra gleich um die Ecke wohnt. Hier betreiben die aus Sizilien stammenden Tarantinos, ein junger Mann und seine geldgierige Mutter, Wahrsagerei als kassenträchtigen Schwindel. Während die Mutter begeistert absahnt, beim Abendessen in der Manier einer alternden Hure über ihre Kundschaft lästert und nach mehr Geld lechzt um sich ein attraktives Eigenheim zu leisten, schweigt ihr Sprößling die meiste Zeit. Er beobachtet in verachtungsvollem Schweigen seine Mutter, ihre Kunden, die fetten, unzufrieden starrenden Menschen in der U-Bahn. Mit einer Mischung aus Geringschätzigkeit, Langeweile und aus Abstumpfung gebohrener Transgressionsgeilheit nimmt er die offenbar schon zuvor grob etablierten inzestuösen Bettaktivitäten mit seiner Mutter wieder auf. Außerdem unternimmt er auf eigene Faust schwarzmagische Experimente mit der unwissenden Kundschaft und verziert Fernsehantennen und U-Bahneingänge mit Müll an Wäscheleinen, bis am Ende der vermeintlich größte Coup seiner Mutter zur Explosion des dekadenten Wahnsinns führt, der aber ohnehin die Präsenz von Mutter und Sohn stets besonders prägte und somit bereits alltäglich geworden ist.

Ein grober Umriss, der sich vermutlich weit schlüssiger und sinniger liest als Questi ihn tatsächlich inszeniert. ARCANA erinnert stark an das andächtig in ratlose Starre und phlegmatische Verzweiflung seiner Figuren versunkene Kino Michelangelo Antonionis, kombiniert mit der proletarisch bis kleinbürgerlichen Schäbigkeit des britischen “Kitchen sink”-Dramas, unter dessen heruntergekommener Oberfläche giftige Schimmelpilze gedeihen. Doch auch die hysterischen Delirien eines Andrzej Zulawski nimmt Questi vorweg. Der Alptraum des Zuschauers, der Horror, ist in diesem als Horrorfilm durchaus treffend beschriebenen Film nicht Folge eines Effekts sondern des quälenden Unbehagens seiner Figuren, die indifferent schwanken zwischen Zelebrierung ihrer eigenen Entgleisung und Furcht vor den Sanktionen der Gesellschaft. Einer Gesellschaft zu der ihnen jedoch schon längst jeder Bezug fehlt und deren moralischer Kodex ihnen nur noch als Steilvorlage dient. Der Wahnsinn, die Perversion, liegt während des gesamten Films schwelend in der Luft, wie ein schwerer, bittersüßer Schleier und die finale Eskalation der “Welt da draußen” als solche wahrzunehmen fällt in dem bewusst willkürlichen Fluss beobachtender, dann aber auch wieder bedrängender Szenarien innerhalb des Mikrokosmos der Protagonisten immens schwer.

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Questis filmische Ausraster erweisen sich einmal mehr als das wahre italienische “Nouvelle vague”-Pendant mit seinem ausgestellten, sich gleichwohl aber ohne Lärm und Burleske vollziehenden formal-dramaturgischen Chaos, seiner zornigen Stimme und seiner kruden, spartanischen Poesie. ARCANA als Horrorfilm zu beschreiben, ist deshalb problematisch, weil Questi keinerlei Konzessionen an den damaligen Publikumsgeschmack macht und den für das italienische Horrorkino der frühen 70iger typischen Romantizismus und in seiner Perspektive auf die Mutter-Sohn-Beziehung jede Sinnlichkeit ausspart. ARCANA ist über weite Strecken ein ausgesprochen häßlicher, schmutziger Film – was sicherlich nicht nur auf das augenscheinlich extrem niedrige Budget zurückzuführen ist. Am ehesten vergleichen lässt sich das – obwohl nicht ganz so kammerspielartig – mit Polanskis REPULSION, nur mit zwei Protagonisten die sich hier nicht vor Männern ekeln, sondern vor dem gesellschaftstüchtigen Menschen und sich selbst. Der Sohn ist in seiner Verachtung längst in eine Sackgasse geraten und hat die Rebellion weit hinter sich gelassen, seine Mutter ist ein typischer, von Korruption bis zur Unmenschlichkeit zerfressener Questi-Charakter.

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Das Zentrum und das Fundament des Films bildet aber trotz der Aufmerksamkeit für Beide doch die Figur des Sohnes, der Questi ganz offensichtlich keinen Namen gegeben hat. Maurizio degli Esposti, jener graziös-dämonische Teenager mit dem Engelsgesicht, den Salvatore Samperi zwei Jahre zuvor für eine ganz ähnliche Rolle in seinem eigentümlich-perversen Giallodrama UCCIDETE IL VITELLO GRASSO E ARROSTITELO entdeckt hatte, spielt ihn mit zynischer Gelassenheit als dezent androgynes Crossover aus pervertiertem Hippie und frühem Punk. Die meiste Zeit schleicht er schweigend durch das Dämmerlicht der Wohnung oder die vor Sonnendurchflutung düsteren Straßen Mailands wo er mit seiner spontanen Aktions-Antikunst aus “bürgerlichen” Haushaltsabfällen die Neugierde der Passanten und der Polizei auf sich lenkt.

Allein Degli Espostis enigmatisches Charisma setzt den Film in einen Schwelbrand und weckt Reminiszenzen an Tomas Milians rächenden Anti-Messias in SE SEI VIVO SPARA. Das Inferno, welches sich in letzterem Film gegen Ende bereits andeutet, entlädt sich in ARCANA mit morbider Wucht. Die von der Mutter zum Schein beschworenen Mächte treten zutage, ergreifen Besitz von ihr und ihrer Kundin Marisa (Tina Aumont), das Mädchen wird vom Sohn in ihrem ekstatischen Bessessenheitstanz vergewaltigt, die Mutter nimmt die Abtreibung vor, Marisa stirbt. In einem mechanischen Totentanz, den sie in ihrer schmuddeligen Küche mit Marisas Verwandten vollführt, beginnen der Mutter Frösche aus dem Mund zu quellen. Es endet in einer Orgie. Und dann, ganz unvermittelt, bricht in den Straßen ein Krieg aus.

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ARCANA ist so übervoll an filmischen Ideen, symbolischen und surrealistischen Tableaus, politischen und kulturellen Verweisen, Provokationen, Zeitgeist-Reflexionen und wilden, ekstatischen Exzessen der Selbstzerstörung, dass man ihm einen umfangreichen Essay widmen müsste, um halbwegs zu erfassen, was sich hier so kompromisslos und doch lakonisch seinen Weg auf die Leinwand gebahnt hat.
Questi be- und entzaubert in einem Atemzug: Die italienische Gesellschaft, seine Figuren und das Kino an sich. ARCANA schließt den Kreis, den SE SEI VIVO SPARA begann und ist nunmehr ein perfektes Kino der Widersprüchlichkeiten und Verzerrung. Es erstaunt nicht, dass Questi nach LA MORTE HA FATTO L’UOVO vier Jahre brauchte, um dieses Projekt auf die Beine zu stellen. Es überrascht noch weniger und frustriert umso mehr, dass er danach nie wieder einen Kinofilm realisieren konnte. ARCANA floppte in den italienischen Kinos und wurde nie ins Ausland verkauft, die Verleiher vernichteten angeblich sämtliche Kopien bis – Gottlob – auf eine. Erst zehn Jahre später fand Questi zum Film zurück, dann allerdings – wie soviele Landsmänner – im Fernsehen, der falsche Ort für einen Radikalen wie ihn. Im neuen Jahrtausend entdeckte er die kostengünstigen Vorzüge digitaler Kameras und hat seither in seiner eigenen Wohnung mit sich selbst in der Hauptrolle einige Kurzfilme gedreht, die dem Vernehmen nach stilistisch direkt an seine Kinofilme anknüpfen sollen und die unter anderem von Olaf Möller gepriesen wurden. Einer wie Questi gibt nicht auf und besagte Kurzfilme sind auch tatsächlich auf einer Kompilations-DVD erhältlich, während ARCANA in Venedig 2008 im Rahmen der Retrospektive gezeigt wurde. Es ist nie zu spät und vielleicht wird Giulio Questis Name eines Tages neben den anderen Großen seines Landes stehen. Ich wünsche es ihm von Herzen.

ARCANAItalien 1972 – 103 MinutenRegie: Giulio Questi – Drehbuch: Franco Arcalli, Giulio Questi – Kamera: Dario di Palma – Schnitt: Franco Arcalli – Musik: Romolo Grano, Berto Pisano – Produktion: Gaspare Palumbo

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Filmtagebuch (3)

Dezember 2009 (Teil 1)

Der Dezember war für mich ein ziemlicher toller Filmmonat. Nicht nur dass ich den schneeweißen und kalten Winter grundsätzlich Liebe (und mich wenn ich hier beim schreiben ohne den Kopf zu drehen aus dem Augenwinkel Richtung Fenster blicke das Licht das sich durch die Vorhänge bricht in euphorische Laune versetzt): ich habe meine Leidenschaft für Film nach einigen üblen Monaten und guten Startversuchen im Herbst endlich wieder gefunden. Gleich zu Anfang hab ich mir mit Cliffhanger was für die Seele gegönnt. Nachts im dunkel ein widersehen mit Stallone und Renny Harlin. Ein Film aus meiner Kindheit, damas oft gesehen wenig verstanden. Diesmal: noch besser. Fast schon eine Offenbarung. Klassisches Hollywood Actionkino wie es nach 1994 (nach Speed?) nicht mehr existiert. Und diese ganz besondere Note der frühen 90er, erkennbar an der Ausleuchtung und den Farben. Da hat es für mich zwischen 1990 und 1994 immer ein Vakuum gegeben. Vielleicht ein (persönlich sehr angenehmes) Stillstehen in der Entwicklung von Technik und neuem Filmmaterial…

Cliffhanger ist auf jeden Fall ein Meisterwerk das zeigt was hätte werden können, und Renny Harlin hier mal ein echter auteur. Die Zeitlupensequenzen bei den Sterbeszenen erinnern mich in ihrer Genialität an Peckinpah, obwohl sie genau Gegenteilig eingesetzt werden. Ein existentialistisches Drama – wie immer bei Harlin. Der einsame Held und die feindliche Umgebung, wobei der Held die Fähigkeit besitzt seine Umgebung zu nutzen. Der Feind sitzt im Kopf. Ein bisschen ist das wie bei Hawks. Selbstüberwindung und Professionalität. Auch deutlich zu sehen was Zensur in Deutschland immer wieder anrichtet: in der gekürzten Fassung verliert der Film an Intensität und Handschrift durch das verstümmeln der Gewaltszenen.

Red Planet habe ich 2001 im Kino nicht gesehen. Das Plakat war schon da genial, aber der Film hätte mir mit Sicherheit nicht gefallen. Jetzt ist das anders. Schiebe die DVD ein und der Film ist wunderbar, herrlich altmodisch. Angenehmes unangestrengtes Genrekino das so völlig auf die Zeit pfeift in der es entstanden ist. In den 50ern wäre das sicher ein B-Film geworden. Leider hat das Studio dem Regisseur wohl ziemlich reingepfuscht. Der vermurkste Anfang und das angeklebte Ende passen so gar nicht ins Gesamtbild und machen verständlich warum so viele Drehbuchgurus den Voice-Over im (Mainstream)Film verdammen. An sich wird der Film dadurch aber auch wieder interessant. Vieles was nicht funktioniert macht ja manchmal Platz für Neues. Reibungsfläche -> Visionen beim Zuschauer. Also wieder irgendwie genial für einen Science-Fiction Film. Freue mich schon aufs wieder-sehen.

Chaplin im Kino war dann fast wieder wie die Cineastenentdeckung Nachts um eins, damals, als derVideorekorder noch mitlief. Geheult hätte ich diesmal auch fast wieder genau so. Hab mich aber im Kino doch nicht getraut und mich ziemlich zusammengerissen. Definitiv eine der besten Schlußsequenzen der Filmgeschichte. Und die originalen englischen Zwischentitel noch einmal eine ganze Klasse besser als die deutschen. Der ganze Film ein Beweis wie simpel das Geniale ist. Ich stelle mir eine Zeitungsschlagzeile vor: “Chaplin ein Genie oder doch nur der beste Filmemacher des 20. Jahrhunderts?” Zu viele Superlative für einen Streifen Zelluloid. Meinen Eltern hats übrigens auch sehr gefallen.

Abends dann der Doppelpack. Der Mann und sein Vorbild. Abschluß der Carpenter-Reihe mit einer verhunzten 90er Jahre Synchro, dafür aber einer tollen Kopie. Den Film hab ich halb verschlafen. War selten so müde im Kino, und obwohl ich bei Müdigkeit im Kino immer an meine Sichtung von Kiarostamis “Der Wind wird uns tragen” beim ersten “Filmfestival” in meiner Heimatstadt denken muss, war es diesmal vermutlich schlimmer. Fast schon ein Delirium. Wahrlich In the Mouth of Madness. Eine wunderbare Szene ist mir aber doch im Gedächtnis geblieben. Der Übergang von der realen Welt in die Welt des Romans. Im Auto durch einen Tunnel. Danach Hawks. Für mich fast eine Wiederentdeckung. Seine eigenen Filme einfach nochmal zu drehen. Warum nicht? El Dorado ist jedenfalls mindestens genausogut wie Rio Bravo. Und ich habe mich wohl endgültig in Hawks verliebt. An dieser Stelle möchte ich noch das Buch von Rolf Thissen empfehlen das im Heyne Verlag in der Reihe Filmbibliothek erschienen ist: “Howard Hawks. Seine Filme – sein Leben“.

Was sagt mein Viewing Log noch so? Dead Man zum x-ten Mal gesehen. Diesmal mit meiner Freundin. Robby Müller, William Blake, Jim Jarmusch. Mit Abstand der beste Film über den Wilden Westen den ich kenne. ” The Vision of Christ that thou dost see, is my visions greatest enemy.”

Drei mal Science Fiction: Der schweigende Stern beweist, dass Sozialisten doch die besseren Menschen sind und Kurt Maetzig Science-Fiction drehen kann. Ein bisschen wie die Filme von Toho aus den 60ern nur ohne Monster. “Krieg im Weltenraum” von Ishiro Honda kommt in den Sinn. Stanislaw Lem ist dann doch wieder eine andere Geschichte, und diese Verfilmung hat so gar keinen Lem-Touch (den auch Tarkowskij 10 Jahre später völlig verfehlt bzw. ignoriert hat). Dennoch, die Schlußeinstellung mit den ineinanderverschränkten Händen ist fantastisch. Danach der übliche Méliès Schmarren. Le voyage dans la lune muss immer noch als Ersatz für Filmgeschichte herhalten. Das lustige Kuriosum, Ignoranz von frühem Kino. Dass Méliès ein genialer Filmemacher war fällt dabei sowieso keinem ein. Das ist natürlich Polemik meinerseits, und hat gar nichts mit der Art der Präsentation und Einbindung des Films im Kino zu tun wo ich ihn gesehen habe. Aber: wo gabs das letzte mal eine Méliès-Retro? “Die Reise zum Mond” ist meiner Meinung nach einer seiner schwächsten und uninteressantesten Filme, und taugt als Literaturverfilmung schon mal gar nicht. Ein Kuriosum also, und ein Zeichen dafür welche Erinnerungskultur in Deutschland herrscht. Das nächste mal wenn jemand von diesen lustigen alten kurzen Filmen spricht werde ich wahrscheinlich gewalttätig. Himmelskibet war wohl der erste stumme Trashfilm den ich in meinem Leben gesehen habe. Dilettantisch von vorne bis hinten, habe ich mich doch recht gut amüsiert. Eigentlich ziemlich unfassbar, aber wohl definitiv im Zeitgeist der 10er Jahre. Faschismus trifft auf Fiedensbewegung in einem Propagandafilm der besonderen Art. So stelle ich mir eigentlich die idealen NSDAP-Streifen vor. Verbrämt ist hier wohl das richtige Wort. Ein Beweis, daß im 1. Weltkrieg noch unsäglicheres Zeug gedreht wurde als im zweiten. Dennoch visuell ein paar Glanzlichter. Eine Einstellung mit Prozession am Horizont erinnert z.B. stark an spätere Sachen von Nykvist.

Im Kino an neuen Filmen noch We are the Strange, The Hurt Locker und Halloween II geguckt. All auf ihre Art ziemlich gut, aber nichts was mich in Begeisterung ausbrechen lässt. Ersterer lässt positiv in die Zukunft des amerikanischen Independentfilms blicken, während zweiterer endlich wieder Kathryn Bigelow auf dem Regiestuhl Platz nehmen ließ. Und da gehört sie sowas von hin, Hawks hätte wahrscheinlich seine Freude an ihr gehabt. Mit Halloween II hat Rob Zombie seine Chance auf eine stringente Weiterentwicklung seines ersten Teils zwar vertan, aber fast schon ein interessantes Gegenstück dazu geschaffen. Beide Teile habe ich direkt hintereinander geschaut, beide in der Kinofassung. Bin gespannt, was der Director’s Cut jeweils verändert, und was die Studiobosse nicht haben wollten. Was Zombie gelingt, ist eine Neuaneignung des Meyers-Mythos, und das ist zumindest schon mal etwas. Was fehlt ist das Pathos, die Betonung des Melodramatischen. Die beiden besten Momente in Teil I und II: Michael Meyers sitzt als kleiner junge an Halloween abgeschoben am Bordstein vor dem Haus, darüber “Love Hurts” von Nazareth. Im zweiten Teil muss dann Laurie Strode bei strömendem Regen eingezwängt in einem Wärterhäuschen zu The Moody Blues’ “Nights in White Satin” klaustrophobische Ängste durchstehen. Die Melancholie des Todes, und das Ende der Naivität.

Playlist:
Nazareth – Love Hurts
Stelvio Cipriani – La polizia chiede aiuto (Titelthema)
Courtney Love – Dirty Girls
The Moody Blues – Nights in White Satin (längere Version)

Ich war einfach besoffen oder Reviews die die Welt nicht braucht, Teil 1: Road House

Endlich mal wieder ‘was markiges! Für alle diejenigen, die nicht (oder nicht bewusst) in den 80ern aufgewachsen sind ist Road House die Offenbarung schlechthin. Denn hier wird gnadenlos aufgezeigt, wie das Zeitalter von Dieter Bohlens größten Erfolgen auf der anderen Seite des Atlantiks aussah.

© 1989 Silver Pictures

© 1989 Silver Pictures

Während in Deutschland die Grenzöffnung bevorsteht kloppt sich Patrick Swayze in einer abgehalfterten US-Kleinstadt mit deren informeller Obrigkeit. Da werden Eier blau gefärbt und Poseur-Patrick reißt in einer Art goldenen Griff der Filmgeschichte einem Rivalen die Kehle aus dem Halse. Klitschnass torkelt er noch ein wenig durchs Bild bis auch dem letzten Zuschauer klar wird: Es ist kein Schweiß, sondern Testosteron pro Analysis, das dem Protagonisten aus den Poren trieft. Die Antagonisten sparen natürlich auch nicht mit diesem göttlichen Hormon, so dass es während des gesamten Films hin und wieder zu Konflikten kommt. Im Laufe der 114 Minuten werden diese aber alle gelöst.

Übrigens löst auch Peter Griffin von Family Guy in S08E04 – ‘Brians Got a Brand New Bag’ seine Probleme galant in Road House-Manier.

Weiterhin wird gemunkelt, dass Rainer Brandt für die Synchronisation dieser Milieustudie eine nicht näher genannte Summe geboten haben soll, dann aber von Ulrich Gressieker einen Tritt aufs Nasenbein bekam.