Naked (1966)






Fünf Männer und eine Frau, allein im tropischen Sumpf. Sie hat es auf einen von ihnen abgesehen, die anderen vier auf sie. Sie kriegt ihn, aber wer kriegt sie?

Entbehrung und Verlockung, Ablehnung und Verfolgung, Erotik und Gewalt. Regisseur Armando Bo als Schilfrohrschneider und Hauptdarstellerin Isabel Sarli als Gestrandete werden zum bedrohten Liebespaar – mit lasziven Gesten und beharrlicher Verführungskunst kriegt sie ihn nach anfänglicher Verweigerung doch noch rum. Seine vier Mannen wollen dabei allerdings nicht tatenlos zusehen, wollen auch mal wieder ran, lange genug mussten sie schließlich in der einsamen Abgeschiedenheit ausharren.



Aus harmlosem Plantschen im Wasser und Räkeln in der Sonne entspringen rasch ungeheure Gefühle und Begehrlichkeiten, die bald nicht mehr in Zaum zu halten sind. Die Sarli ist sich ihrer weiblichen Reize bewusst, genießt die Augen der Männer auf ihrem Körper, wagt das Spiel mit dem Feuer und geht das Risiko ein, dass sich ihre eigenen Waffen gegen sie richten. Jeder Blick ist aufgeladen, aufgeheizt, begierig, unruhig. Aus Entbehrung wird Anziehung wird Begierde wird Gier wird Besitzanspruch wird Gewalt. Du gehörst mir, und nur mir! Die Stimmung kocht, eine Hetzjagd beginnt. Apokalyptisches Endspiel zwischen den Geschlechtern und unter den männlichen Rivalen, ein verlorenes Irrlichtern im Herz der Finsternis inmitten des Dschungels. Das Recht des Stärkeren, die pure Gier nach dem Fleisch, die Lust an der Macht über den Anderen. Vertiert, verkommen, verroht sind sie längst, und einen Weg zurück findet keiner.





In düsteren, in der Kastenförmigkeit des Vollbildformats die beklemmende Ausweglosigkeit und die geifernden Gesichter der Männer einfangenden Schwarz-Weiß-Bildern, formal und atmosphärisch angesiedelt zwischen Neorealismus, hartgekochtem Film Noir und gnadenloser, lüstern schwelgender Exploitation, entbrennt ein fortwährender Vergewaltigungsversuch. Eine infernalische Atmosphäre der Zersetzung, der Auflösung jeglicher zivilisatorischer Ordnungen und Hemmungen durchzieht diesen archaisch anmutenden Film. Ein großer Regen wird kommen, um allen Schmutz und alle Sünden nach eingehender Darbietung hinweg zu spülen. „Weltuntergangsstimmung in rüdestem, sadistisch vergröbertem Naturalismus“ nannte der Katholische Filmdienst das einst trotz allem abfälligem Tonfall so treffend – und einmal mehr ungewollt so ungeheuer anziehend. Um Erlösung kann schließlich nur Isabel Sarli noch flehen, während alle, die sie begehrten, sich gierig nach ihr verzehrten und sich dabei gegenseitig zerfleischten, längst vom Unwetter im Fluss hinweg gespült wurden…

Der kurz vorher gesehene TROPISCHE SINNLICHKEIT (Lujuria tropical, 1962) war ein unwiderstehliches Feuerwerk der Begierden an einer Strand-Bucht in Venezuela, mit Postkarten-Motiven und unentwegtem musikalischen Schwung, mit ins Groteske gesteigerten männlichen Hahnenkämpfen und weiblichen Fluchtversuchen von der Sexualität in die Religion (auch das gefiel dem Katholischen Filmdienst seinerzeit natürlich gar nicht: „Die auch noch religiös verbrämten Besserungsversuche sind fast noch widerwärtiger als die vorhergehenden Szenen der offenen Unmoral.“). NAKED (La tentación desnuda, 1966) ist wiederum ganz anders, vor allem radikaler, düsterer und eindringlicher, und alles in allem nichts weniger als ein kleines Wunder.





Der Argentinier Armando Bo ist schon jetzt eine der Entdeckungen des Jahres mit diesen beiden prächtigen, urwüchsigen Exploitation-Diamanten, veredelt von fein-herber deutscher Synchronisationskunst alter Schule. Beide Filme haben in Setting und Atmosphäre wenig gemeinsam – was sie jedoch umso stärker verbindet, ist die Verehrung Bos für seine Frau und Muse, das legendäre Sexsymbol Isabel Sarli, sowohl hinter als auch vor der Kamera, die wiederum immer genau so viel von ihrem Körper erhascht, wie sich noch mit der Zensur vereinbaren ließ.

Als weibliche Urgewalt dominiert die Sarli die Filme, aufreizend, ungebändigt, eine Lebefrau mit mächtigem Busen und noch größerem Temperament. Vorschreiben lässt sie sich nichts. Sie nimmt sich, was sie braucht, sie kann sich das leisten. Und sie will und braucht es ständig. Sie sucht sich aus, wen sie will. Reizt, verführt und überfordert die Männer, treibt sie in Hilflosigkeit, Gier oder Wahn. Das macht es ihr nicht einfach in einer von strenger katholischer Moral beherrschten Gesellschaft, deren Scheinheiligkeit die Filme gelegentlich attackieren, gleichzeitig aber in wahnhafter Überzeichnung an die Sünde-und-Buße-Logik andocken. Eine wie Sarli wird dort nicht lange geduldet, wird irgendwann verstoßen oder (aus unerwiderter Begierde, gekränktem Ehrgefühl oder blanker Besitzgier) heuchlerisch zur Kasse gebeten, und sei’s mit dem Körper. Davon, so liest man und kann man anhand dieser beiden Filme erahnen, handeln auf die eine oder andere Weise fast alle der zahlreichen Filme des Gespanns Bo/Sarli, von denen der bekannteste FUEGO ist. Wenn sie alle mit solch lustvoll bezwingender Inbrunst daher kommen, kann man gewiss gar nicht genug davon kriegen.


Naked / La tentación desnuda – Argentinien 1966 – 105 Min. – schwarz/weiß – Regie, Drehbuch und Produktion: Armando Bo – Kamera: Alfredo Traverso – Schnitt: Rosalino Caterbeti – Musik: Elijio Ayala Morín, Agustín Lara – Darsteller: Isabel Sarli, Armando Bo, Oscar Valecelli, Juan José Miguez, Victor Bo, Aníbal Pardeiro

Die Besprechung bezieht sich auf die deutsche Kinofassung, die offenbar auf einer internationalen Fassung basiert, die gegenüber der spanischsprachigen Originalfassung um knapp 20 Minuten gekürzt ist. Die auf DVD erhältliche englische Fassung wiederum ist sogar um rund 50 Minuten (!) gekürzt.

Die Filmplakate stammen von einem spanischen Blog, auf dem eine umfangreiche Sammlung weiterer toller Plakate zu anderen Bo/Sarli-Filmen zusammen gestellt wurde.

Dieser Beitrag wurde am Dienstag, Juli 26th, 2011 in den Kategorien Ältere Texte, Andreas, Blog, Filmbesprechungen, Filmschaffende veröffentlicht. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Both comments and pings are currently closed.

Eine Antwort zu “Naked (1966)”

  1. Christoph on November 28th, 2011 at 08:28

    Ich habe den Text gerade noch einmal gelesen und es hat sich mir ein seltsamer, wunderbarer Effekt offenbart: Ich hatte das Gefühl, eine alte deutsche Tageszeitungs-Filmkritik aus den 80igern zu lesen. Diese rustikal-klassischen Formulierungen – etwa im letzten Satz…! Super. Irgendwie ganz vom Film weg, aber auch ganz nah dran.

    Ach, wenn doch nur ein gnädiges DVD-Label eine monumentale Bo/Sarli-Box veröffentlichen würde! Ich würde mindestens drei Exemplare erstehen und NAKED allen Menschen, die ich wirklich lieb habe, zeigen.