Nachtwache – Nachtblende – Nachtgespräche





Zu Dominik Grafs 60. Geburtstag (06.09.2012) schenkt das Zeughauskino ihm und allen in Berlin ansässigen oder hierher anreisenden Cinephilen eine Retrospektive. In deren Rahmen fand Samstag (08.09.2012) vor einer Woche die Präsentation eines längst überfälligen Buches über Dominik Grafs meisterhafte Verquickung der Bildsprachen von Film und Fernsehen statt, vieldeutig und nicht ganz unironisch „Im Angesicht des Fernsehens“ betitelt. Vorab war auf Grafs Wunsch hin die grandiose Fahnder-Folge „Nachtwache“ zu sehen, offensichtlich ein für Grafs weiteres Schaffen essentieller Nukleus und zugleich für ihn eine Art heimlicher Durchbruch zu einem neuen Genrekino im Fernsehen, wie es sich in seinem weiterem Oeuvre manifestieren sollte. Ich genoss dieses Meisterwerk zum ersten Mal, während mein neben mir sitzender hochgeschätzter Kollege Thomas Groh es sich allein dieses Jahr schon mehrfach zu Gemüte geführt hatte – für mich nach dieser Sichtung nur zu verständlich!
NACHTWACHE beginnt mit einem Blick aus der Ferne auf einen imposanten und irgendwie irreal futuristisch wirkenden Hochhauskomplex im Morgengrauen, dann nähern wir uns zu den zugleich dumpf stampfenden und schrill klagenden Tönen des kongenialen Scores mit einem langsamen Zoom dem Gebäude und bekommen in einer eleganten Mischung aus Parallelfahrt und Parallelmontage zu sehen wie unter den Augen des stoisch zusehenden Fahnders Faber ein Sarg aus dem Gebäude getragen und in einen Leichenwagen gehievt wird. Schwarzblende – Ein Schriftzug: „14 Stunden zuvor“. Bereits der Auftakt dieser durch und durch virtuosen Thriller-Miniatur ist ein Beispiel für astreinen Suspense: wir wissen jetzt, da wird jemand getötet werden, aber wer und unter welchen Umständen? Und was ist da in Fabers rätselhaftem Gesichtsausdruck zu lesen? Verzweiflung, Resignation, Abgeklärtheit oder gar stummer Triumph? Wir werden es erst circa 40 Minuten später erfahren, nervenaufreibende Minuten voller atemloser Spannung, hitziger verbaler Schlagabtäusche und atmosphärischer Dichte.



Die Handlung soll hier nicht en detail nacherzählt werden, schon allein um niemandem die Spannung der Erstsichtung zu nehmen. Nur soviel: Hauptkommissar Faber (Klaus Wennemann) soll die ehemals in einem Drogenring aktive Reno Deleeb (Maja Maranow) beschützen, die in einem Prozess als Kronzeugin gegen ihren ehemaligen Auftraggeber aussagen soll und auf die dieser einen Hitman angesetzt hat. Doch einige Indizien sprechen dafür, dass sie ein doppeltes Spiel treibt, wieder Kontakte zum Drogengeschäft aufgenommen hat und zudem einen Mitverschwörer in den Reihen der Polizei deckt. Fabers zweite Aufgabe ist es daher, ihr den Namen dieses schwarzen Schafs zu entlocken und so etwas erfordert unter Umständen ungewöhnliche Maßnahmen…
Doch was NACHTWACHE so großartig macht ist nicht allein der ausgeklügelte Thrillerplot. Es ist vielmehr die somnambule Poesie der Worte und Bilder, die Nachtgedanken die Faber und Reno Deleeb austauschen, wie zwei romantische Seelen, die zueinander finden könnten und doch nicht, weil es die Situation verbietet. Zwischen Faber und der Deleeb herrscht bereits bei ihrer ersten Begegnung eine knisternde Spannung. Um spielerisch ihre Zuverlässigkeit als Zeugin zu prüfen lässt Faber sie mit geschlossenen Augen das Zimmer in dem sie sich befinden und dann ihn sebst beschreiben. Als sie mit seinem Äußeren fertig ist, beginnt sie seinen Charakter zu beschreiben… „und Sie wollen etwas von mir, aber halten damit hinter dem Berg“. In Güter Schütters glänzenden Dialogen tritt wie auch in den späteren Kollaborationen mit Graf ein ums andere Mal die faszinierende Absurdität des Alltäglichen zu Tage. Ein von Reno auf die Tasten eines alten Klaviers hingeworfenes Motiv einer Jahrmaktsmusik wird hier unversehens für Faber zu einer Proust’schen Madeleine, einem Auslöser für eine epiphanieartige Kindheitserinnerung an kleine Zeppeline die Kaugummis tragen, an ein Karussel, dessen Figuren verstörenderweise Tiere in Verkehrsunfällen darstellten: eine Schildköte wurde da von einem Motorrad überfahren, einen Fuchs auf Skiern hat es gegeben mit einem ganz verzerrten Gesicht… Derart abwegig und abgründig sind diese verbal heraufbeschworenen Bilder, dass sie in ihrer surreal anmutenden Zufälligkeit den dem Zuschauer gewohnten, immer um den Fortgang der Handlung konstruierten Fernsehrealismus hinter sich lassen und zu einer Art poetischem Hyperrealismus finden.
Diese fast unmerkliche Übersteigerung des oft bloß nach dem Abbild des vermeintlich Realistischen schielenden TV-Serien-Realismus zu einem (alp)traumgeschwängerten, vom Unvorhersehbaren beherrschten filmischen Handlungsraum vollzieht Graf konsequent durch subtile aber umso effektivere Inszenierungseinfälle. Am deutlichsten wird das in der wunderschönen Szene, als sich Faber und Reno auf das Dach des Hochhausturms begeben. „Ich hatte Sie mir ganz anders vorgestellt“ sagt Faber zu Reno, dieser Dame im weißen Pelz, „Schöner?“ fragt sie. „Nein…einfacher.“ Wenig später braust ein Flugzeug über das sich in den Himmel reckende halbfreiwilige Gefängnis Renos aus Glas, Stahl und Beton hinweg, übertönt ihre Unterhaltung, die sie dennoch dagegen anschreiend fortsetzen bis Fabers Stimme in einen jähen Lustschrei mündet: den Kopf in den Nacken gelegt genießt er den erhabenen Anblick des dicht über ihren Köpfen hinwegziehenden Fliegers. Und dann… die beiden sprechen über „Teigfuß“ den unheimlichen Verfolger Renos mit dem seltsam schleppenden Gang, der sich dem Turm nähert, in den dieses Rapunzel gesperrt ist, nicht als rettender sondern als schwarzer Ritter der den Tod bringt. Schon einmal hat er sie verfolgt, hat versucht sie zu überfahren – in albtraumhaften Erinnerungssequenzen sehen wir sie vor dem Auto fliehen, ihre Stöckelschuhe verlierend, ihr Nervenkostüm angespannt zum Zerreißen. Ein weiteres Bild geistert lose durch ihre Gedanken: Eine hämisch winkende groteske Bäckersfigur im Schaufenster einer nächtlichen Bäckerei; dort ist „Teigfuß“, das Phantom dieser Nacht, zuletzt gewesen, von dort hat sich der Sensenmann persönlich zu ihr aufgemacht. Diese halluzinatorischen Bilder wirken nicht von ungefähr wie ein Echo des italienischen Giallos im deutschen Fernsehen, eines Genres, das wohl Drehbuchautor Schütter seinem Regisseur über die Jahre nahe gebracht hat bis dieses kongeniale Duo schließich mit CASSANDRAS WARNUNG den ultimativen „deutschen Giallo“ vorlegen sollte.



Immer noch auf dem Dach stehend löst sich Reno Deleeb plötzlich mit erratischem Lächeln aus ihrer Starre, aus dem Gespräch mit Faber und vielleicht für einen Moment aus ihrer Angst und beginnt zu tanzen, dreht sich in ihrem langen weißen Kleid, wie zu einer unhörbaren Musik. Es sind diese Momente hyperrealer Poesie, die Dominik Grafs Werke so einzigartig in der oft so trist bürolicht-grauen deutschen Film- und Fernsehlandschaft machen. Ich kann und will an dieser Stelle gar nicht mehr tun, als nur anzureißen, was NACHTWACHE für ein großartiges Stück Kino im Fernsehen ist, für das man seinen Schöpfern gar nicht dankbar genug sein kann.
Noch völlig überfahren von der visuellen und dramaturgischen Gewalt der NACHTWACHE wurde mir schon die nächste Freude zuteil: Ein Q&A mit Dominik Graf. Danach zerstreute sich die Zuschauerschar ein wenig. Thomas (Groh) und ich führten cinemenschliche Gespräche und äugten zu Dominik Graf herüber. Als dieser sich samt Corona anschickte in die Berliner Nacht aufzubrechen, fassten wir uns schließlich ein Herz, eilten schleunigst hinterher und gaben uns Graf als bewundernde Blogger zu erkennen. Zu unserer allergrößten Freude mündete der Abend daraufhin in äußerst angeregte Gespräche mit Dominik Graf und Christian Petzold – für uns so in etwa das Äquivalent einer Papstaudienz für einen frommen Katholiken!
Unsere von Bier und Übermut beflügelten Nachtgespräche kreisten im Folgenden um unterschätzte und (halb-) vergessene Filme, von SILENT RUNNING über DIE HAMBURGER KRANKHEIT und BABYLON – IM BETT MIT DEM TEUFEL bis zu Bavas PLANET DER VAMPIRE, weiterhin das schmerzliche Fehlen von guten Fantasy- und Horrorfilmen im aktuellen deutschen Film sowie die Vorzüge von Links-Rechtsbewegungen auf der Leinwand gegenüber modischen Tiefenbewegungen und 3D-Wahn. Ganz besonders hat es mich (und nach meinem Bericht auch alle anderen Eskalierenden Träumer) gefreut, von Christian Petzold zu erfahren, dass Nina Hoss jenes ekstatische Melodrama NACHTBLENDE von Andrzej Żuławski zu ihrem Lieblingsfilm erkoren hat und damit ein Werk eines unserer „Schutzheiligen“ der filmischen Eskalation! Sie schaue sich den Film immer wieder zur Vorbereitung auf eine Rolle an, so sehr bewundere sie Romy Schneiders Leistung darin, sagte Petzold. An dieser Stelle bleibt mir nur, Nina Hoss im Namen von ET unsere tiefe Verbundenheit in der Verehrung dieses Meisterwerks auszudrücken! Interessant wäre es sicher auch, was dabei herauskäme, wenn sie sich für eine zukünftige Rolle zur Abwechslung an Isabelle Adjanis Darbietung in Żuławskis POSSESSION orientieren würde…
Schließlich möchte ich Dominik Graf und Christian Petzold an dieser Stelle meinen Dank für die tollen Gespräche dieses Abends und insbesondere ihre mehr als netten Worte über uns Cine-Blogger ausdrücken!


Auch das Böse kann zünftig sein




Der Fahnder: Nachtwache – Deutschland 1993 – 50 Minuten – Regie: Dominik Graf – Drehbuch: Günter Schütter – Produktion: Jan Hinter – Kamera: Diethard Prengel – Musik: Dominik Graf, Helmut Spanner – Darsteller: Klaus Wennemann, Dietrich Mattausch, Hans-Jürgen Schatz, Maja Maranow, Henry van Lyck, Thomas Kollhoff, Norbert Steinke.

Screenshots: © Bavaria Film

Dieser Beitrag wurde am Samstag, September 15th, 2012 in den Kategorien Alexander Schmidt, Ältere Texte, Blog, Filmbesprechungen, Filmschaffende veröffentlicht. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können diesen Beitrag kommentieren, oder einen Trackback von ihrer eigenen Seite setzen.

6 Antworten zu “Nachtwache – Nachtblende – Nachtgespräche”

  1. Manfred Polak on September 15th, 2012 at 23:14

    Sehr schöner Text. Das futuristische Gebäude ist übrigens das Hypo-Hochhaus in München.

  2. Whoknows on September 16th, 2012 at 15:10

    Ich gestatte mir knirschenden Neid, weil ich im Moment einfach nicht in der Lage bin, nach Berlin zu reisen. Lege ich mir einfach noch ein paar Filme von Dominik Graf als DVD zu. “Der rote Kakadu” fristet ohnehin schon lange ein trauriges Dasein in meiner Merkliste. Jetzt wird einfach Geld für ein paar weitere ausgegeben. Darf ich mir leisten. 🙂

  3. Medienjunkie on September 16th, 2012 at 16:36

    Nachtwache ist in der Tat eine der beeindruckendsten Fahnder-Folgen. Wenn eine Eigenwerbung erlaubt ist: In der aktuellen Ausgabe des von mir herausgegebenen torrent-Serienmagazins (s. torrent-magazin.de) gibt es ein längeres Interview mit Graf, in dem er auch ausführlich von seiner Arbeit am Fahnder und dem Einfluss, den Nachtwache auf sein weiteres Werk hatte, erzählt.

  4. Mr. Vincent Vega on September 16th, 2012 at 17:00

    Dass ich an dem Abend nicht dabei sein konnte, schmerzt mich.

  5. Sano Cestnik on September 18th, 2012 at 20:46

    @Rajko
    Mich auch. Ich war bis Samstag Abend sogar noch in Berlin… Aber dafür können wir ja Alex bei Bedarf immer wieder darüber ausquetschen. 😉

    @Medienjunkie
    Danke für den Hinweis. Hatte das bereits von Bekannten vernommen, und wollte mir die erste Torrent-Nummer sowieso kaufen, aber ohne deinen Hinweis hätte ich das inzwischen vergessen. Gibt es eigentlich Pläne sich für Torrent regelmäßig älteren (deutschen) Serien zu widmen, oder wird es verstärkt um aktuelles gehen? Ich bin zwar völliger Laie, was Fernsehserien angeht, fühle mich aber in dieser Hinsicht von Vergangenem stärker angezogen als von Gegenwärtigem. Hätte ich zuletzt mehr Geld dabeigehabt, hätte ich in Berlin bei einem Besuch des Saturn gleich ein paar Derrick-Boxen mitgenommen, die dort für 14,95 Euro auslagen.

    @Whoknows

    Obwohl ich mich glücklich schätze einige Graf-Filme auf 35mm gesehen zu haben (und sein überragendes Meisterwerk DAS ZWEITE GESICHT gleich zwei mal), offenbart sich das Genie Grafs auch problemlos per Silberscheibe zu Hause. Ich glaube, so langsam habe ich von Graf fast so viele Filme auf DVD gekauft wie von Hongkongs Vielfilmer Cheh Chang. Da ich auf DVD eigentlich so gut wie nichts kaufe, das ich schon kenne, ist das eine seltene Ausnahme.

    @Manfred
    In DIE KATZE gab es ja auch bereits ein futuristisch anmutendes Hochhaus, das im Film auch ausladend Verwendung für labyrinthisch-verwobene Figurenbewegungen abgab. Überhaupt Graf und die Inszenierung von Gebäuden. Da müsste man auch mal was zu schreiben.

    @Alex
    Danke für den Text! Aber wenn wir uns wiedersehen wirst du natürlich gnadenlos weiter über die Papstaudienz ausgefragt. 🙂

  6. Medienjunkie on September 22nd, 2012 at 11:29

    @Sano: Hauptsächlich geht es in torrent schon um aktuelle, meist englischsprachige Serien à la HBO, Showtime, AMC etc. Deutsche Serien (oder TV-Filme) werden aber immer mal wieder gewürdigt, wenn es sich ergibt. Fürs nächste Heft ist z.B. ein Text über eine frühe “Fall für Zwei”-Folge geplant.

    Der Schauplatz in “Die Katze” ist übrigens kein Hochhaus i.e.S., sondern das japanische Hotel Niko hier in Düsseldorf. Das haben wir uns neulich ganz stilecht mal von innen angeguckt, als wir das Interview bearbeitet haben.

Kommentar hinzufügen