Bedways (2010)





Es geht um Sex. Soviel steht fest. Und irgendwie auch um Liebe, Verlangen, Gefühle. Irgendwie. Denn das Interesse an Sex ist zwar da, aber die Abwesenheit von Sex auch, das Interesse an Nähe bei gleichzeitiger Abwesenheit von Nähe, das Erzeugen von Gefühlen bei Abwesenheit von Gefühlen, das Reden über Liebe bei Abwesenheit von Liebe. Es soll hervorgebracht, es soll hergestellt werden, da es herbeigewünscht wird. Das Mittel dazu ist ein Film. Nina ist die Hauptfigur, die diesen Film drehen will. Dazu hat sie Hans und Marie für Probeaufnahmen engagiert. Das Problem ist nur: Nina weiß nicht was sie will. Da hilft auch kein Sex. Denn Nina ist ein gebranntes Kind. Und nicht nur Nina. In Bedways sind alle Figuren unsicher, distanziert, verschlossen, haben sich eine Schutzhülle aufgebaut und tragen ihre Posen vor sich her, da sie Angst vor Verletzungen haben. Keine Jugendlichen mehr, aber auch noch nicht im eigenen Leben angekommen. Zumindest wenn man damit Dinge wie Verantwortung, Bewusstsein, Bestätigung im eigenen Ich und ähnliches assoziiert. Verlorene, ohne ein Bild von sich, ohne Vertrauen, und daher im Außen suchend, mit der Kamera tatsächlich nach diesem Bild suchend, in dem man erblicken könnte, was es ist, das fehlt. Die Kunst hat schließlich schon oft als Weg zur Erkenntnis gedient, als beliebtes Mittel um Selbstreflexion zu befördern. In Bedways geht es dabei aber gar nicht so sehr um Verlust oder Schmerz. Bedways ist keine melodramatische Nabelschau versehrter Persönlichkeiten: Denn die Figuren haben im Grunde ja noch nichts verloren, sondern sind Suchende. Suchende nach sich selbst. Wer sich noch nicht gefunden hat, kann sich schließlich kaum verlieren. Was aber auch ein Problem sein kann. Ein Dilemma.

Bedways ist ein Amateurfilm. Der Begriff Amateur bezeichnete früher einmal jemanden, der eine Sache aus Liebe, aus Interesse, aus Leidenschaft verfolgt. Er war positiv besetzt. Heute wird er meist abwertend benutzt und beim Film nennt man sowas dann gerne „amateurhaft“. Auf Amazon kann man in ein paar Kundenrezensionen nachlesen, wie die Zuschauer heutzutage mit so einem Unterfangen umgehen. Bei den negativen Stimmen heißt es etwa „primitiver schlechter Film“, oder “Wie kann man […] in der heutigen Zeit noch im Format 4:3 drehen“, während bei den positiven Rezensionen die Atmosphäre gelobt, und der Film sogar als der „beste deutsche Film des letzten Jahres“ bezeichnet wird. Keine Frage, Bedways polarisiert. Mich persönlich haben die Charaktere durchgehend nicht interessiert. Ich fand sie grundlegend unsympathisch. Und ich fand den Film zu keinem Zeitpunkt erotisch. Aber ist das ein Problem, muss das ein Problem sein? Muss ein Film interessante Charaktere haben, müssen die Figuren dem Zuschauer sympathisch sein, muss ein Film der als Erotikfilm vermarktet wird auch erotisch sein? Nein, nein, und auch ein drittes Mal nein. Ein Film muss zunächst einmal gar nichts. Auch Bedways nicht. Ich gebe zu: er könnte auf den ersten Blick von einem Debütanten stammen. Auf den zweiten Blick erweist er sich jedoch als durch und durch professionelles Werk. Kahl ist vielleicht nicht Godard, und Bedways ist kein Essayfilm – hat aber deshalb nicht weniger zu sagen.

Vergleicht man Bedways mit Kahls letztem abendfüllenden Spielfilm Angel Express (1998) ist man zunächst erstaunt. Denn eigentlich erwartet man von einer Laufbahn gegenteiliges. Zunächst das Experiment, dann die Perfektion. Zunächst wenig Geld, um mit dem nächsten Projekt etwas Teures realisieren zu können. Und zunächst das Einfache, Reduzierte, um… – ja, ja, schon klar. Aber RP Kahl ist eben kein Wolfgang Petersen oder Roland Emmerich, und jemandem wie Jean-Luc Godard dann eben doch näher. Angel Express hatte eine Vision. Bedways bekundet hingegen sein Desinteresse an einer Vision. Ist Experiment, ist Versuch, ist Idee, ist Spiel, ist alles was seine Figuren und ihre Handlungen – also der vermeintliche Inhalt – nicht sind. Er ist offen, seiner selbst zutiefst bewusst, eigenwillig, und in jeder Hinsicht erwachsen. Und er ist als Zustandsbeschreibung des Berliner Winters dadurch auch um ein vielfaches düsterer und desillusionierter als sein Vorgänger geraten. Wenn man möchte, könnte man sagen, dass die Figuren aus Angel Express in Bedways mit einem gehörigen Kater aus ihrer Partyzeit in der Ausnüchterungszelle erwacht sind. Dem Drang sich verlieren zu wollen, entspricht dann verständlicherweise der Drang zur Selbstfindung. Die 90er und die 2000er. Drogen und Naturkost. Willkommen danach.

Die Kamera zeichnet dabei alle Stationen dieser Suche faktisch auf, leidenschaftslos, ohne Interesse. Es geht um Beobachtung – aber auch um Behauptung. Passend verweigert sich der Film daher jeglicher Erotik und beharrt auf seiner Sterilität. Der Sterilität der Kamera, der die Sterilität des Blicks ist, welcher nichts will. Aber da es ein Bild gibt, da immer etwas da ist, was gefilmt werden muss, liegt die Annahme nahe, das Interesse der Kamera könnte in der Vergangenheit oder Zukunft liegen. In etwas, das vor der sichtbaren Aufnahme stattfand, sich vor der Szene abgespielt hat oder im beharrlichen Warten in der Hoffnung, dass etwas passiert. Ein bisschen ist das wie bei Bresson mit seinen Schauspielern, die durch zigfache Wiederholung nicht mehr spielen können sollen. Nicht sich selbst, nicht jemand anderen – sondern nur sein. Ein ähnlicher Satz fällt auch im Film, wobei bei Bedways diese Regel auch für die Kamera gilt. Die Kamera soll etwas machen, etwas zeigen, vielleicht also etwas sichtbar machen, was vor ihr nicht existiert, was auch in ihr nicht existiert, was außerhalb ihrer Fähigkeit und vielleicht auch ihrer Möglichkeit liegt. Etwas anderes, als einen Film? Das Zwangsläufige am Filmen, dass das Bild einer Kamera immer einen Film produziert, wird hier aber weder betrauert noch umständlich problematisiert, sondern schlichtweg genutzt und konsequent thematisiert. Das entspräche dann auch unserem Leben. Dass es abläuft und passiert, ob wir wollen oder nicht. Der Film in Bedways, der Film im Film, wird am Ende jedenfalls nicht gedreht. Und die Frage stellt sich auch für RP Kahls Film. Ist Bedways gedreht worden? Die Antwort darauf finden wir wiederum im Film selbst, klar und einfach am siebten Tag ausgesprochen: Nein, der Film wurde nicht gedreht – jedenfalls nicht der Film, auf den man als Zuschauer vielleicht die ganze Zeit gewartet hat. Er müsste noch gedreht werden, und zwar anders als erwartet, denn das Interessante wäre jetzt das Private geworden. Aber am siebten Tag ruhte Gott sich bekanntlich aus, denn er sah, dass seine Schöpfung gut war. Spekulieren wir deshalb einfach, das Bedways der Film wäre, den die Protagonistin gedreht hätte.

Kommen wir aber nochmal aufs Zeitliche zurück. Das Danach wie Davor. Wenn ich zum Beispiel behaupte, dass die Gegenwart in Bedways nicht stattfindet, so spreche ich aus der Perspektive der Figuren, die auf der Suche nach ihr sind. Die Kamera zeichnet die Schauspieler dabei auf, und am Ende des Films wird für den Zuschauer klar, dass das was man zu sehen bekommen hat es wohl war: die Gegenwart. Wenn sie aber dennoch die Leerstelle des Films ist, der Moment als einer der gesucht wird, und damit auf einer gewissen Ebene durch seine Abwesenheit fasziniert, und der Film zwar parallel zu den Figuren, aber auch immer eigenständig eine andere Gegenwart und auch eine anderer Wahrheit sucht, erhalten wir dadurch ständige Verschiebungen und Doppelungen, eine klassische zweite Ebene, und der Film thematisiert sich auf beiden ständig selbst: durch Dialoge, Einstellungen, durch Fragen, die er permanent stellt, ohne sie beantworten zu wollen. Bedways ist dadurch auch eine Reise in den Kopf des Filmemachers geworden, eine Phantasie über das Was-wäre-wenn, und dadurch auch eine Zeitschleife für den Zuschauer: Vor dem Film ist nach dem Film.

Diese Offenheit, die also aus seiner Klarheit und Einfachheit sowie aus der ständigen Befragung seiner Verfangenheit in sich selbst resultiert, führt zu einer Vielzahl von Sichtweisen und Interpretationsmöglichkeiten. Bedways spaltet das Publikum deshalb so sehr (und wird es heute Abend mit Sicherheit wieder tun), weil in seinen Auslassungen, in seiner formalen Verweigerung, und der ängstlichen Verweigerung der Figuren vor sich Selbst, eine Herausforderung liegt, die der Zuschauer annehmen oder verwerfen muss. Die klassische Frage „was mache ich mit dem Film?“, die sich jedem Regisseur stellt und eine generelle Schlüsselposition im Filmemachen einnimmt, leitet RP Kahl dadurch meisterhaft an das Publikum weiter. Was das im Endeffekt bringt? Vielleicht die Beantwortung der Frage durch einen weiteren Film. Indem man versucht ist einen eigenen zu drehen, oder auch nur auf den nächsten von Kahl zu warten. Denn Bedways wirkt wie eine Zwischenstufe, jedoch ein Dazwischen, welches ein Ankommen in eben diesem signalisiert. Man darf gespannt sein. Vielleicht kommt „danach“ also tatsächlich die Realität. Oder nur noch der Film. Der reine Film. Hat er mir nun aber schlussendlich gefallen? Das ist die falsche Frage, der falsche Ansatz. Denn nach Bedways ist es genug der Fragen, kann es keine Fragen mehr geben. Dieser Text ist daher der Versuch einer Antwort.

Für alle, die den Film im Fernsehen verpasst und auch vergessen haben sollten den Videorecorder anzuschmeißen, gibt es ihn zurzeit noch Online in der ARTE-Mediathek zu sehen. Anzumerken wäre aber, dass diese Fassung – die auch im Fernsehen ausgestrahlt wurde – nach Angaben der Bedways-Webseite aber vor allem in den Nacktszenen leicht entschärft worden ist. Der Film ist jedoch glücklicherweise – wie auch einige andere von RP Kahl – bereits vor einigen Monaten beim hauseigenen Label Independent Partners Film auf DVD (und zusätzlich auch auf Blu-Ray) erschienen. Auf dem Silberling gibt es neben den obligatorischen Trailern und Untertiteln in Deutsch und Englisch als Zusatz noch ein Musikvideo zum Titelsong „Flesh is the Law“ von Mypark, sowie ein ausführliches Gespräch zwischen Kahl und Hauptdarstellerin Miriam Mayet. Was ich außerdem nicht unerwähnt lassen wollte, da es mich in Bedways besonders überrascht hat, ist Arno Frisch in einer kleinen Nebenrolle als Marquard-Bohm-Verschnitt. Er sieht so aus wie Bohm, bewegt sich wie Bohm, und redet wie Bohm. Zumindest ist es ein schöner Versuch, eine schöne Hommage. RP Kahl wollte einmal ein Remake von Rudolf Thomes Rote Sonne drehen. Schade, dass es aufgrund des Todes von Luggi Waldleitner nicht mehr dazu kam.

Dieser Beitrag wurde am Donnerstag, September 15th, 2011 in den Kategorien Aktuelles Kino, Ältere Texte, Blog, Filmbesprechungen, Hinweise, Sano veröffentlicht. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können diesen Beitrag kommentieren, oder einen Trackback von ihrer eigenen Seite setzen.

4 Antworten zu “Bedways (2010)”

  1. vannorden on September 15th, 2011 at 17:29

    Sowas habe ich erwartet :) Nachdem ich gelesen habe, dass du Bedways einen doppelten Boden unterstellst, war ich gespannt, wie du diesen einschätzt. Beim Sehen habe ich Bedways unterstellt, der Versuch zu sein zu zeigen wie schrecklichen Schiffbruch erlitten wird, wenn coole Menschen einen coolen, künstlerisch wertvollen Sexkunstfilm machen wollen, aber nichts zu sagen haben und nur Wille zur Coolness herrscht. Fand das ganze dann mit der Zeit extrem denunziatorisch im Ansatz und meine Lust verloren an diesem Ansatz. Deiner ist gar nicht soweit weg, aber viel interessanter und sensibler. Da ich meinen Urteilen aus der Vergangenheit über Filme, die ich nur einzweimal sah, auch immer weniger traue, werde ich ihn mir nochmal angucken müssen.

  2. Sano Cestnik on September 18th, 2011 at 14:51

    Kann deine Sicht gut nachvollziehen. Finde aber, dass der “doppelte Boden” eben kein klassischer, durchkomponierter ist, sondern das Experiment des Films (und seiner Entstehung) selbst ist und beinhaltet. Da steckt dann einfach wesentlich mehr drin. Das kann man dann Zufall, Kreativität, oder auch einfach nur Leben nennen. Etwas das nicht nur in den FIlm eindringt, sondern ihn übernimmt, ihn formt. Ich habe bei BEDWAYS eben auch das Gefühl, dass man BEDWAYS in seinem Entstehen zusehen kann. Auf Drehbuchebene, auf ebene der Inszenierung und auf Ebene des Schnitts und der Konzeption der endgültigen Fassung. Und so ein offener Film, der soviel Einblick gewärht, ist dann schon wesentlich bemerkenswerter als wenn er nur eine Studie der Eitelkeit seiner Figuren (oder ihrer Aufdeckung) geworden wäre. Denke daher, dass du – und eigentlich jeder – bei wiederholtem Sehen immer wieder neue Sichtweisen entdecken können wirst. Und ein Film der zum Entdecken einlädt ist im Kino eigentlich das Größte.

  3. vannorden on Januar 5th, 2012 at 03:07

    Du hattest Recht ANGEL EXPRESS hat mir mehr gefallen und ich muss sagen, dass mein größtes Problem mit BEDWAYS beschämender Weise das Aussehen ist. Ich kann mit dieser digitalen Homevideo-Optik nichts anfangen … oder besser ich finde sie pothäßlich. Da muss ich mir noch diverse Abneigungen abschleifen, wenn es mir mal gefallen sollte. Zudem bleiben mir die Figuren fremd. Das mit dem offenen Film ist eine faszinierende Perspektive und die Form von BEDWAYS finde ich zusehends spannender, aber der Inhalt, die Ambitionen sind mir zu distanziert … jedenfalls für mich.
    Nunja deinen letzten Satz unterschreibe ich aber vollends, dass spannendste an BEDWAYS ist einfach, dass ich nicht aufhören kann über ihn nachzudenken und ihn wohl wieder sehen werde …

  4. Tom Gerlach on Dezember 5th, 2013 at 21:49

    OUT NOW! Für alle Freunde von BEDWAYS ein “Muss”! Das sagenumwobene Bedways-Performance-Remake REHEARSALS erscheint gerade in einer streng limitierten 100er Auflage auf DVD: “… expliziter, wilder, vielleicht sogar noch besser als das Original”: rpkahl.bigcartel.com/product/rehearsals

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