Auch im Mann steckt bloß ein großes Kind: Oriental Baby Sitter (1977)




    My girl babysits for someone on her block
    Then I come up to join her and we start to rock
    The baby hears the beat and man it is a shock
    When he goes ‘Ggggg-gggg’

    (Buzz Clifford – Baby Sittin’ Boogie)

Manchmal ist im amerikanischen Pornokino der 70er Jahre nicht das am Interessantesten, was endlich der Allgemeinheit in großzügigem Detail gezeigt werden konnte, sondern vielmehr das, was der Natur der dazugehörigen Dreharbeiten wegen nicht oder nur höchst selten sichtbar ist. Anthony Spinellis “Oriental Baby Sitter” weckt schon durch die in seinem Titel enthaltene Profession eine Gegenwartserwartung, die er nicht zu halten vermag. Kinder oder gar Babys existieren innerhalb des von der Bildkadrierung abgesteckten Rahmens nicht körperlich, sondern allein als ein im Dialog schwammig umrissenes Etwas, das es für May Ling (Linda Wong) zu beaufsichtigen gilt – wobei allerdings ein jedes Mal die Gelüste ihrer Gastgeber dazwischenfunken. Statt als Interaktionsstudie über Menschen unterschiedlicher Altersgruppen funktioniert der Film also lieber für gut ein Drittel seiner Laufzeit als rapid zum Besten gegebener Witz über gern kolportierte Stereotypen zur angeblichen äußerlichen Ungerührtheit asiatischstämmiger Menschen. “That poor man, he really thought I was afraid.”, hält die mittlerweile als Erwachsene Episoden aus ihrer Vergangenheit Moderierende nüchtern im Monolog zur Gedankenwelt ihres minderjährigen Ichs fest, das vom allerersten Arbeitgeber, wie sollte es anders sein, umgehend vergewaltigt wird. Die alte Geschichte also, vom Regisseur, der seiner weiblichen Hauptfigur schwiemelig Gefallen an sexuellen Attacken in die Empfindungen pflanzt. Dabei könnte man es belassen, wäre das Ganze nicht bloß der kontroverseste Ausschnitt eines Spieles mit den Wahrnehmungen und Wahrheiten eines zum Ersterscheinen mutmaßlich in überwältigender Zahl männlich, weiß, heterosexuell zusammengesetzten Publikums.

Lauter Protest vor übergelagerten Retroaktivbeschwichtigungen, eine Toncollage die beiden im Laufe des Filmes visualisierten Übergriffserfahrungen durch sowohl eine Frau als auch einen Mann eigen ist. Echter Genuss, ein höhnisches Spiel vor wie hinter der Kamera, zeitversetzte Umdeutung erlebten Missbrauchs – all diese Möglichkeiten lässt Spinelli stehen, doch vollends im Dunkel. May Ling ist ebenso sehr knapp umrissenes Chiffre wie die Menschen, denen sie begegnet, nur notwendiger Teil eines Strukturexperimentes, das es meisterhaft versteht, die Gepflogenheiten des Genres maximal zu seinem Nutzen umzudeuten, ohne narrativ jemals über eine hochfrequent getaktete Nummernrevue hinauszukommen. Mit der Zeit findet man sich ein, bemerkt, dass nicht zählt, was da ist, sondern was fehlt. Irgendwann bricht die naturbedingte Abwesenheit von Kindern um, befeuert den Eindruck, dass hier im Grunde recht große Wonneproppen gesittet werden. “He won’t trouble us anymore tonight.” – die Worte May Lings zweiter, diesmal konsensueller lesbischer Begegnung über den bereits abgefertigen Gatten passen mühelos auch wieder zurück in den Ausgangskontext, mit “Oriental Baby Sitter” sich einen Jux erlaubt. Das Gros der Sexszenen eines handelsüblichen Pornofilmes entwickelt sich nicht, sie laufen einfach ab. Bei den besten Filmschaffenden bilden sie eine seperate Dramaturgie zum bloßen Handlungsstrang, das Gesamtbild entwickelt sich aus ihnen, durch sie und mit ihnen. So auch bei Spinelli, einer dieser beredten, mehr als tausend Worte allein in Schwingungen übersetzenden Musiken, wie man sie aus den Filmen Roberta Findlays kennt, zieht auf und begleitet eine Interaktion zwischen zwei Frauen, die ungleich länger, zärtlicher ausfällt als alles, was es in Verbindung mit Männern zu sehen gibt. Insbesondere in einer offenkundig simulierten, ergo im Rahmes einer gemeinhein mit Authentizität des Aktes assozierten Filmgattung besonders artifiziellen, Analszene rammeln diese wie sich eifrig aufplusternde Adoleszente beim ersten Mal.

Alle Frauen sind in diesem Film Mütter (oder fungieren als solche!), alle Männer jedoch nicht mehr als halbe Kinder mit einem eklatanten Verantwortungsdefizit. Während erstere zumindest dem verbalen Bekunden nach auf dem Sprung zu Arbeit oder Freundinnenabend sind, existieren zweitere abseits eines jeden gesellschaftlichen Rahmens. Warum findet sich Mr. Justin (Jon Martin) überhaupt gemeinsam mit der Babysitterin seiner angeblichen Kinder hinterm Steuer des Familienwagens wieder? Keine Termine, keine Erledigungen, keine Freunde, keine Gründe. Die Zeichen des Filmes lassen nur eine Deutung zu: Damit er von seiner Begleiterin besser im Auge behalten werden kann. Männer gehören in dieser Welt nicht den Erwachsenen an. Einer Welt, die auch sehr nah am Geschehen überhaupt nicht greifbar wird. Räume sind irrelevant, maximal Blumenmuster auf der Couch werden unter kopulierenden Körpern überhaupt durch die geradezu aufdrängliche Kamera gesondert wahrgenommen. Ausweichmöglichkeiten – Haustüren, Korridore, Fensterscheiben – hingegen schmerzlich vermisst oder existieren bestenfalls als uneinsehbare Zugangspforte für weitere Figuren. Bezüge zur urbanen Einsamkeit, die Spinelli wie niemand anders im Golden Age of Porn zu evozieren vermochte, liegen vor und sind doch auf den Kopf gestellt. Eine perverse, mehrbödige Intimität stellt sich dort ein, wo die Außenwelt nicht einmal mehr als abgetrenntes Sehnsuchtsobjekt bebildert wird.

Strahlend unbewegt glubscht David Book direkt in unsere Augen, ist er nicht putzig? Was uns und ihn beschäftigt ist eins – zugucken, was Mama da so treibt. Einem in die Linse geworfenen Schlüpfer gelingt es kurz, nur für Augenblicksfragmente, das Geschehen, auch allerdings die Leinwand, nahezu vollständig abzudunkeln. Sex ist nichts für kleine Jungs. Dann, die Bahn ist wieder frei, ein abermaliger Umschnitt auf seine Züge und die Rückkehr zur bespannten Couchtotalen. Doppelte Geltung – dieses Höschen war nicht allein für Book bestimmt. Leicht können die kontroversen Bilder, die missbehaglichen Rollentausche darüber hinwegtäuschen, die Struktur des Filmes gleichzeitig den Ausbruch aus Spinellis Haltung vorbereitet, die – zumindest in den ersten zehn Jahren seiner Karriere – schwerlich als sex-positiv ausgelegt werden kann. Bringt das Ausleben latent brodelnder Fetische meist zuerst Ausgelassenheit, dann Ernüchterung ob der ausbleibenden Replizierbarkeit passender Begegnungen (“SexWorld” [1978]) oder gleich den Abstieg in die nur mehr durch völlig verlotterte Triebe gelenkte Existenz (“Night Caller” [1976]) funktioniert Geschlechtsverkehr hier auf einer unschuldigeren, vor dem Hintergrund gewisser Konnotationen dennoch verstörenden Ebene. Doch das ist nicht alles, der prüfende Blick legt eine bemerkenswerte zeitliche Zerdehnung der gerade einmal rund 70 Minuten frei. Fünf der neun Sexszenen sind bereits innerhalb der ersten 25 Minuten angebrochen, die letzten drei fließen in eine einzige, wieder und wieder übergehende von mehr als 20 Minuten Länge – jene zwischen Wong, Book und Christine Kelly, die bislang vornehmlich Thema dieses Textes war und auch das Herzstück der Inszenierung bildet.

Es spiegelt sich etwas in diesen ungleich beschleunigten Etappen – eine Einkehr nach in Inhalt wie Methodik ruppigem Start in die sukzessive Passivität. Als junge Berufstätige zweckentfremdet zu werden, nur um als erwachsene Frau dann schlussendlich doch in jener sitzend-beobachtenden Haltung zu enden, die sich mit dem unsrigen Bilde des titelgebenden Berufes deckt – das fasst den dramatischen Bogen, oder vielmehr dessen Abwesenheit, in “Oriental Baby Sitter” knapp zusammen. Spinellis ganz jenseits düsterer Thematiken vielleicht gewagtester Film ist eine Umkehr der Verhältnisse aus künstlerischen Narrativen, die von Unschuldsverlust, häuslicher Gewalt und/oder Vergewaltigung erzählen. Ende und Anfang sind versetzt, jeweils mögliche Ausgangssituationen, denen erst durch Wong, die zuletzt ganz entspannt dabei zusieht, wie Book und Kelly sich endlich mit sich selbst beschäftigen, und den Triumph ihrer erlangten Aufgabenlosigkeit Bedeutung erfahren. Nun darf die, die immerzu ran musste, aus der Distanz beobachten, vergnügt, ganz dem eingangs erwähnten Stereotyp entgegengesetzt … wie ein Kind. Der Klimax zuerst, dann das Ausbleiben eines solchen, ein wenig erinnert das an “Irréversible” (2002) ohne Gaspar Noés nihilistischen Budenzauber. Aus der Entdeckung der Langsamkeit gebiert sich ein neuer Urzustand, ein Triumph des Kinos über die Wirklichkeit, wie er durch die letzten Kinofilme Quentin Tarantinos zu großer Popularität gelangte. Muss man die tonalen Verwebungen über dem erlebten Missbrauch so als Kampfansage wider der nachhaltigen Macht des Täters lesen? Eine abschließende Antwort auf diese Frage traue und gestehe ich mir nicht zu, doch bleibt sie zumindest Insel im Meer der Ambivalenzen.

Am Ende bettet das Baby genüsslich sein Haupt auf dem Rücken der Mutter zur Ruhe, in Stand wie Stoß erstarrt, Linda Wong lächelt, das Brachliegen alles Sexuellen. Eines der stärksten Einzelbilder im amerikanischen Pornofilm und wie die Gesamtheit um dieses Teilstück herum eine Mahnung daran, wie leicht sich unsere Realitätswahrnehmung durch den Einsatz der richtigen – nicht zuletzt auch intellektuellen – Stimuli aushebeln lässt.


Oriental Baby Sitter – USA 1977 – 71 Minuten – Regie: Sam “Anthony Spinelli” Weston (als “Leonard Burke”) – Produktion: Sam “Anthony Spinelli” Weston, Carol Ludwig – Drehbuch: “Richard Delong” (?) – Kamera: Richard Max – Schnitt: ? – Musik: ? – Darsteller: Linda Wong, Christine Kelly (als “Connie Peters”), Dory Devon (als “Mary Quint”), David Book (als “David Brook”), Peter Johns (als “Robert Stones”) u.v.a.

Dieser Beitrag wurde am Mittwoch, Dezember 4th, 2019 in den Kategorien Ältere Texte, André Malberg, Blog, Blogautoren, Essays, Filmbesprechungen, Filmschaffende veröffentlicht. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können diesen Beitrag kommentieren, oder einen Trackback von ihrer eigenen Seite setzen.

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