Atmungssystem – Zu Toni Erdmann von Maren Ade



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Es gibt diese Momente. In denen fühlt sich eine Situation an, als möchte man sie sprengen. Und erst beim Gedanken an die Überschreitung einer sozialen Grenzempfindung formuliert sich eine solche erneut in ihrer Drastik, als Drohung und gleichermaßen als feines System der gegenseitigen Rücksichtnahme und Bekundung von Respekt, als Verteidigung eines legitimen Zwecks durch die Zurückstellung individueller Freiheit. In diesen Momenten muss die Frage angemessen sein, warum ein gesellschaftlicher Code gerade Beachtung findet. Worin besteht die Wurzel einer Übereinkunft und die Natur einer Gesellschaft? Und welche Übereinkünfte bestehen als entwurzelte Fragmente, die sich schleichend zu einer verborgenen Logik des gesellschaftlichen Lebens formen konnten? Um mitten in der Gesellschaft, insbesondere in der Klaustrophobie zivilisatorischer Ballungsräume, Luft zu holen, bedarf es längst Atemtechniken, die an sozialen Codes geschult sind. Das Atmen will gelernt sein. Oder man hält einfach die Luft an. Augen zu und durch.

Die Familie ist für viele unter uns die erste Lebensstruktur, die wir zu verstehen lernen. Und wir verstehen manchmal nur in der Struktur der Familie ursprüngliche Formen des Lernens. Während Maren Ades jüngstem Film Toni Erdmann begegnen wir einem Vater und einer erwachsenen Tochter. Winfried alias Toni und Ines sehen sich nicht mehr oft genug, um wirklich miteinander zu sprechen. Ines hat sich weit entfernt, seit sie sich ihrem Beruf zuwandte. Sie hat sich entfernt von ihrem Heimatort, von familiärer Intimität, von einem Bewusstsein ihrer Selbst. Aber hat sie sich entfaltet, diese intelligente und kraftvolle Frau? Wenn wir allmählich in ihr Leben eintauchen, sehen wir, wie zielstrebig sie nach dem Abstreifen ihrer Kindheit dazu in der Lage ist, ihrer Welt selbstgewählte Strukturen zu verleihen und sich gleichermaßen in fremdbestimmte Strukturen auf Biegen und Brechen einzufügen. Ihr Wirken im rumänischen Standort einer global agierenden Unternehmensberatung erscheint wie ein Kräfteringen für und zugleich gegen die strukturelle Gewalt in der Welt. Ein Kräfteringen, das jede ihrer Gesten mit einer kraftvollen Strenge auflädt. Im Strukturieren und Adaptieren scheint ihrem Körper und ihrer Sprache ein ursprüngliches, ein zärtliches und kindliches Vokabular abhanden gekommen zu sein. Und selbst wenn ihr großer Papa neben ihr herumblödelt, gelingt es ihr lange nicht, sich einer entschlossenen Steifheit zu entledigen. Stärke schränkt die Bewegungsfreiheit ein, wenn sie sich zur Maske verfestigt. Bishin zu schneidendem Schmerz und körperlicher Verletzung formuliert Maren Ade durch stilistische Nüchternheit eine beunruhigende und verquere Gewalt, die sich in jeder Stärke und in Strukturen von Macht stets zu kristallisieren droht.

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Manche Momente fühlen sich hier klaustrophobisch an, weil die Figuren sich nicht aus ihrer Enge bewegen. Ich möchte mich manchmal aufregen über Ines und Winfried, dieses eigentümliche Vater-Tochter Gespann, welches diesem Film auf schlichte Weise Leben einhaucht. Man möchte diese Menschen schütteln und sie auch irgendwie umarmen. Da ist so viel Verständliches und Liebenswertes an den fein gezeichneten Charakteren ihres Films und doch finden diese Figuren miteinander lange nicht die Mittel sich ohne Anspannung zu begegnen. Ihr Wesen erscheint deshalb glaubhaft und unverstellt, weil es gerade ihre Verstellung ist, die der Film auf eine kluge Art erspürt und letztlich zerpflückt. Ihre Liebe ist verstellt, von der Zeit und von konstruiertem Gerümpel, von Lebensumständen, von eigenen und fremden Temperamenten. Fast möchte man auch sagen, dass sich das Gegenwartskino hierzulande manchmal ähnlich verstellt und verrümpelt anfühlt, sich nicht frei machen kann zwischen gegeneinander strebenden Kräften. Es gibt im Lauf des Films Zeit viele Umstände und Lebensweisen auszukosten. Gemeinsam mit diesen beiden Menschen und in ihren Begegnungen nähern wir uns dem Sein und der Freiheit über einen vertrauensvollen Pragmatismus, über das vorsichtig Regulierte, über greifbare Größen und wahrscheinliche Bilder, bis in den vielen kleinen Situationen eine befreiende Absurdität, ein Geschmack des Ausbruchs gedeiht. Ines hält die selbstgewählte Enge irgendwann nicht mehr aus.

Die Absurdität von Kontrolle und Konstellation ist es letztlich, die die Struktur einer plausiblen filmischen Welt nach und nach sorgsam bröseln lässt und die Masken aller Figuren wieder in bewegte Ausdrücke verwandelt. Oft lachen wir über Unbeholfenheiten, die keine sein müssten. Und die dabei nie ohne eine Idee von Wärme erscheinen. Während sich vertraute Situationen nach und nach überraschend umsortieren und bald alles möglich wird, wird eine Innerlichkeit sichtbar in diesem Film, eine seelische Nacktheit, die Publikum und Figuren gleichermaßen verwundbar und handlungsfähig macht. In einer Frankfurter Pressevorstellung gibt es nach der Gesangsszene des Films sogar einen Szenenapplaus. Sich einem entblößten Menschen auszusetzen, das entblößt uns in unserer humanistischen Verantwortung als Mitmenschen. Mitmensch sein, das provoziert eine Haltung, eine Entscheidung gegen Struktur und für eine Logik der Begegnung und potenziellen Entblößung – eine Entscheidung für das Potenzial einer Entblößung. Anspannung, das ist der Zustand, der zwischen strukturellen Verbindlichkeiten und einer unvermittelten, zwischenmenschlichen Einsicht die Legitimität und Wichtigkeit humanistischer Handlungen zu ersticken droht. Anspannung nimmt uns den Atem. Anspannung formuliert dabei allerdings die Dringlichkeit eines jeden Handelns, die Hoffnung auf Handeln. Anspannung ist die Androhung einer Stagnation von Verhältnissen. Und Stagnation ist tödlich.

Winfried: „Wie geht’s?“
Ines: „Ja, ganz gut eigentlich.“

Humor ermöglicht – manchmal – die Auflösung dieser Anspannung.

Wir haben es in diesem Film beinahe mit einem sachten Anklang von persönlicher Utopie zu tun. Utopisch ist an diesen Geschehnissen, dass hier ein spezieller Minimalismus zu universell durchdringenden Wahrheiten findet und diese sich in den Figuren über Widerstände hinweg entfalten dürfen. Eine asiatische Kollegin vergleicht den Film nachdrücklich mit Yasujirō Ozu, beschreibt die Geschichte als Weiterentwicklung seiner sorgsam inszenierten Vater-Tochter Verhältnisse. In Toni Erdmann fallen große Begriffe wie “Glück” und “Spaß”. Es gibt keinen Zweifel daran, dass diese immer irgendwie unhandlich daherkommen und letztlich vielleicht gerade deshalb ernst zu nehmen sind: in ihrer Plumpheit und Lächerlichkeit, in ihrem erdrückenden Gewicht. Es geht dann auch noch um das Bild als Versuch einer Bewahrung des Bedeutenden und um die Qualität verbundener Erinnerungen, um das Erkennen von Wichtigkeiten im Fluss der Welt. Ein Bild kann eine Lebensrealität verändern, ebenso wie die Wahrheit eines Moments, ebenso wie die Entscheidung für ein Miteinander. Alle bleiben sie jedoch rätselhafte Angebote, wenn sie nicht in ihren Konsequenzen erkannt und gelebt werden.

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Philippe Grandrieux nannte einen sehr angespannten Film einmal La vie nouvelle, „Das Neue Leben“. Darin geht es um Intensitäten als Bedrohung und gleichermaßen als Hoffnung. Darin geht es um das Leben nicht als System, sondern als Chaos und Potenzial für Intensität und Sinnlichkeit, bis hin zum Verlust des Menschlichen in deren animalischer Übersteigerung. Maren Ades Film hingegen – wie auch ihre vorherigen – webt innerhalb von zermürbenden Machtkonstellationen ein beinahe undurchdringbares psychologisches, plausibles System. Und exakt darin findet sich eine andere, eine klaustrophobische Intensität, eine Dichte, ein Vorschlag: Ihr Film bildet ein Atmungssystem, eine sensible Hoffnung auf kraftvolle Durchdringung. Reichen euch drei Stunden zum Atmen aus?


[Bildmaterial: ©Komplizen Film]

Dieser Beitrag wurde am Freitag, Juli 15th, 2016 in den Kategorien Aktuelles Kino, Ältere Texte, Blog, Filmbesprechungen veröffentlicht. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können diesen Beitrag kommentieren, oder einen Trackback von ihrer eigenen Seite setzen.

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