Zitat der Woche – Alain Resnais




Alain Resnais

„Ich möchte Filme machen, die sich wie eine Skulptur anschauen und wie eine Oper anhören… Wenn man nahe an Phoque von Brancusi herangeht, dann kann man von jeder Seite kommen und es ist immer richtig. Genauso habe ich von einem Film geträumt, bei dem man nicht weiß, welches die erste Rolle ist.“

Alain Resnais

Phoque II - Constantin Brancusi, 1943

Phoque II - Constantin Brancusi, 1943

Dieser Beitrag wurde am Sonntag, Mai 31st, 2009 in den Kategorien Alexander Schmidt, Blog, Blogautoren, Zitate veröffentlicht. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können diesen Beitrag kommentieren, oder einen Trackback von ihrer eigenen Seite setzen.

3 Antworten zu “Zitat der Woche – Alain Resnais”

  1. Christoph on Mai 31st, 2009 at 20:07

    An sich ein sehr sympathisches und idealistisches (weil hoffnungsvolles) Zitat, allerdings ausgerechnet von Resnais? Von den vier Filmen, die ich gesehen habe, koennte man das vielleicht ueber „Letztes Jahr in Marienbad“ sagen, nicht aber ueber die uebrigen drei („Mein Onkel aus Amerika“, „Herzen“ und „Hiroshima mon amour“) die fuer mich allesamt ziemliche „Eindeutigkeiten“ darstellen, gelegentlich auch aergerliche („Herzen“).

    Eigentlich steht hinter diesem Zitat der reine Idealismus – vor einigen Wochen habe ich in Gedanken eine aehnliche Frage gewaelzt und bin zu dem Schluss gekommen, dass die einzigen sich uns wahrhaft neutral anbietenden Filme die uninspiriertesten Auftragsarbeiten sind, Filme ohne Profil – in verschiedenen Diskussionen hierzu nennt man mir auf die Frage nach solchen, „offenen“ Filmen unter den Standard-Groessen immer wieder Kubrick (und besonders „2001“), Tarkowsky diverse surrealistische Filme oder auch Kurosawa was mich alles nicht ueberzeugt – all die Filme, die mir als Beispiele genannt oder generell oft als solche angesehen werden, geben einem eine bestimmte Richtung der Rezeption vor, die eindeutig „besser funktionier“, in sich schluessiger ist als andere Ansaetze, die sich wie ein Kreis am Ende schliesst wo andere offen bleiben (und ein solches „offen bleiben“ nehmen wir hier und da gerne hin, wollen es im Grunde aber nicht wirklich – es ist nur eine andere Form einer Vorstellung von Perfektion, gegen die ich ja regelmaessig wettere).

    Wenn man das Ganze weniger esoterisch angeht, gewinnt dieses Zitat vielleicht eher an Glaubwuerdigkeit – ich habe kuerzlich Nicholas Rays BIGGER THAN LIFE gesehen, aeusserlich einer der typischen, „kritischen“ Hollywood-B-Filme der 50iger, scheinbar ein Themenfilm ueber den aus dem Ruder laufenden Fortschritt, der ueber eine buergerliche Mittelstandsfamilie hinwegrollt und ueber die Depression hinter dieser buergerlichen Fassade, das (heute!) uebliche, sozusagen und alles auch schoen laut (wenn auch fuer den damaligen Standard besonders progressiv und mit einer herausfordernderen Praemisse). All das wird aber vehement aufgesplittert und perspektiv gedreht, alleine durch die Form, durch die Kamera und ganz besonders die Montage, nicht durch Drehbuch, durch Farbdramaturgie, die Darsteller, die Narration oder Dialoge.
    Im wesentlichen also mehr oder weniger die Diskrepanz zwischen Form und Inhalt, aber in diesem Fall ergaenzt sich beides nicht sondern fordert sich im Gegenteil heraus – weswegen ich meine, dass das ein ausgesprochen offener Film war. But then again, fuer mich ist inzwischen der Grossteil der Filme, die ich sehe (und ich sage hier nominell Filme, weil sie meine eindeutige Domaene sind weil z. B. hinsichtlich Literatur und Musik meine oben beschriebene Empfindung ueber die freiwillig oder unfreiwillig sichtbaren Intentionen des Kuenstlers, in der Regel noch staerker sind weswegen ich das Zitat hier als noch idealistischer und unmoeglicher annehmen wuerde) immer, ueberall, in jede Richtung offen und der von einem Drehbuch, von der spezifischen Gesinnung eines Regisseurs kreierte Leitfaden hat keinerlei Bedeutung mehr, weil nicht er es ist, der Subtexte, Metaebenen oder wie man es auch immer nennen will, schafft, sondern der Prozess, der Kampf, die Ratlosigkeit aus der er entsteht.

    Das war es schon. Im uebrigen muss ich anmerken dass, so fruchtbar und interessant ich die Idee mit diesen Zitaten in der Theorie auch finde, trotzdem das Gefuehl habe, dass wir uns damit noch schneller in einschlaegige Gefilde begeben, bzw. abheben.

  2. Alexander Schmidt on Juni 1st, 2009 at 14:46

    Danke für diesen deatillierten Kommentar! Ich kann mich dir größtenteils nur anschließen, dass Resnais Traum vom „offenen“ Film sicher als Ideal gedacht werden muss, wobei ich gar nicht weiß, ob er es als Ideal für alle seine Filme betrachtet hat. Ich glaube dieses Zitat war in erster Linie auf „Letztes Jahr in Marienbad“ gemünzt, der ja in der Tat eines der wirklich gelungenen Beispiele für solche Filme ist. Von den anderen Resnaisfilmen, die ich kenne wäre noch „Providence“ zu nennen, wobei der in gewisser Weise die Rezeption mehr anleitet als „Marienbad“, dann aber wieder der Weg ins herrliche Meer der Assoziationen eröffnet. Tendenziell finde ich, dass auch „Muriel“ und vor allem „Smoking / No Smoking“ diese Offenheit und perspektivische Unbestimmtheit anvisieren und zum Teil auch einlösen. „Hiroshima“ ist zumindest an der Oberfläche schon relativ eindeutig.

    Andererseits ist auch die Frage, ob man nicht, wie du es ja auch andeutest und für dich reklamierst, gegenüber jedem Kunstwerk (dir gelingt es eben nur bei Filmen) als Rezipient eine solche Haltung zumindest ansatzweise haben kann. Dafür spricht das oft sehr produktive „Lesen gegen den Strich“ von Filmen. Natürlich kann das aber auch in für ander nicht mehr nachvollziehbarer ultra-individualistischer Rezeption münden, die unter Umständen das Absurde streift und bei der fraglich bleibt, ob sie nicht zur Gänze dem Kopf des Rezipienten und so gut wie gar nicht mehr dem Film entspringt, statt kommunikativer Akt dazwischen zu sein…*autsch* Ein heißes Eisen in der Runde unserer Mitstreiter hier!

    Auch wäre zu überlegen was von dem gegenteiligen Ideal zu halten ist, wie es etwa Eisenstein, aber auch Hitchcock zumindest zeitweise verkündet haben, nämlich dass das Kunstwerk bzw. der dahinterstehende Künstler die totale Kontrolle über die Rezeption hat und diese quasi in idealer Weise vorprogrammiert. Ist das faschistisch? Und warum faszinieren uns die Filme etwa der genannten Herren dann doch so sehr? Unterwandern diese vielleicht in ihren besten Momenten die Ideale ihrer Schöpfer, oder gibt es einfach verschiedene nebeneinander bestehende Ästhetiken, wobei eine auch darin bestehen kann, etwas ganz unverstellt und monoperspektivisch „auf den Punkt“ zu bringen und so ein Höchstmaß an Ausdruck zu gewinnen? Die ganze Thematik scheint mir von vielen Paradoxen durchzogen zu sein, darum fand ich das Zitat auch so interessant.

    Ein Aspekt des Zitats, den wir noch gar nicht erwähnt haben, ist noch, dass Resnais sein Ideal für Film hier ja über andere Kunstformen bestimmt. Hinzu kommt dass er immer wieder mit bekannten Schriftstellern zusammen gearbeitet hat und der literarische Aspekt seiner Filme ihm wohl auch sehr wichtig war. Ist Film also im Grunde eine „zusammengesetzte“ Kunstform? um mal eine (alte) Frage wahrhaftiger cineastischer Blasphemie in den Raum zu werfen…

    PS: Was genau meinst du mit einschlägigen Gefilden, in die wir uns mit den Zitaten der Woche begeben? Ich finde sie als Aufhänger für Diskussionen, die die Seite ja etwas beleben dürften eigentlich ziemlich ideal.

    PPS: Ein eigener Eintrag zu Resnais bzw. „Letztes Jahr in Marienbad“ folgt in Kürze!

  3. Sano on Juni 5th, 2009 at 01:22

    Kacke… meine sehr lange Antwort gerade gelöscht.
    Muss hier mal Dampf ablassen.
    Scheiß Technologie!
    Beim guten alten Bleistift auf Papier-Gekritzel müsste ih dafür schon die Wohnung abfackeln…

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