STB Robert 2018 I

„Cinema is an old whore, like circus and variety, who knows how to give many kinds of pleasure.” (Federico Fellini)


Wertung: Ich kann nichts mit Zahlen zur Bewertung anfangen. Deshalb gibt es hier ein System der euphorischen Aufnahme des Films. In Zahlen übersetzt wäre es wohl ungefähr: fantastisch 10 – 9 / großartig 9 – 8 / gut 7 – 6 / ok 6 – 4 / mir zur Sichtung nichts sagend 4 – 3 / uff 2 – 1 / ätzend 1 – 0. Diese Skala ist mit der Qual verbunden, Filme in eine lineare Skala zu quetschen. Deshalb hat die Wertung eine Y-Struktur für freieres Atmen. So kann ein Film eine Wertung der Verstörung erhalten: radioaktiv 10 – 9 / verstrahlt 9 – 7. Wertungen in Klammern verweisen auf das ein oder andere Nickerchen beim Schauen.

Legende: Ist im Grunde selbst erklärend. Wenn hinter der eckigen Klammer eine Zahl steht, dann gibt sie die Anzahl der Sichtungen wieder. Je höher die Zahl, desto mehr ist sie geschätzt. Da ich mit Fernsehen und Kino aufgewachsen bin, wo nur gekennzeichnet wird, wenn ein Film nicht in deutscher Sprache läuft, tue ich das schändlicherweise auch. (OmU=Originalfassung mit Untertiteln, OmeU=Originalfassung mit englischen Untertiteln, OF=Originalfassung, EF= englischsynchronisierte Fassung, OZmeU=Originalzwischentitel mit englischen Untertitel) Hinzu kommen die Zeichen ł, wenn der Film gekürzt war, und ≠, wenn ich mitbekommen haben sollte, dass das Format nicht hinhaute.


Vorangegangene Sehtagebücher:
2012/II | 2013/I | 2013/II | 2014/I | 2014/II | 2015/I | 2015/II | 2016/I | 2016/II | 2017/I | 2017/II

April
Donnerstag 19.04.

Moon
(Duncan Jones, UK 2009) [stream, OmU]

ok

Es ist wirklich ein sehr netter Film. Es sei an dieser Stelle jedoch der kurz zuvor erschienene CHRISTMAS ON MARS empfohlen, der auch von der Isolation auf einem wüsten Planeten handelt, dafür aber eine Blaskapelle beinhaltet, deren Mitglieder weibliche Genitalien an Stelle des Kopfes haben.

Mittwoch 18.04.

Derrick (Folge 83) Die Schwester
(Helmuth Ashley, BRD 1981) [DVD]

großartig

Harry erschießt während eines Einbruchs einen Dieb, der seine Pistole auf Derrick richtet. Der Tod lastet schwer auf ihm und reißt ihn beständig aus dem Schlaf. Bei einer – mehr oder weniger – zufälligen Damenbekanntschaft sucht er Trost. Dumm nur, dass sie die Schwester des Toten ist … und mit einem anderen, einem geflohenen Täter liiert. Voller innerem Widerwill lässt sie Harry an sich heran und horcht ihn aus. DIE SCHWESTER ist dabei ein sehr nah am Wasser gebautes Drama über ein fragiles, von Lügen bedingtes Glück und die Misere richtigen Entscheidungen erkennen zu müssen. Zartschmelzend sind die Gemütszustände der beiden Protagonisten (Harry und Schwester) und die Wege, mit denen diese gezeichnet werden … Naivität dabei zur Torheit und zu riesigem Heldenmut erklärend. Das Faszinierendste kommt aber ganz unerwartet. Vor einigen Folgen, ich glaube es war DEM MÖRDER EINE KERZE, hat Stephan seinen Harry nachts zum Essen bei sich eingeladen, wo sie ganz intim den Fall nochmal durchdenken wollten. Die Luft hat dabei geknistert … aber ihnen hier mehr zu unterstellen, blieb dann doch etwas lümmelhaft. In DIE SCHWESTER jedoch, wenn Stephan jede Nacht bei Harry vor der Tür steht und energisch wissen möchte, wo er war, wieso er ihn nicht zu Hause erreichen konnte uswusf, dann scheint da doch ziemlich viel Eifersucht durch … und so die Gefühle einer möglicherweise nur einseitigen Liebe. So viel Tragik …

Dienstag 17.04.

Derrick (Folge 82) Eine ganz alte Geschichte
(Zbyněk Brynych, BRD 1981) [DVD]

großartig +

Während Elvis über ein smile so tender singt, liegt Mathieu Carrière quer auf einem Bett und genießt. Nicht nur die flauschigen Kissen, die sich um ihn wölben, sondern auch wie sein Plan langsam aufgeht. Wie er als Todesengel immer mehr zupackt und im stetigen Crescendo von EINE GANZ ALTE GESCHICHTE mit immer perverserer wirkender Unschuldsmine dafür sorgt, dass die spätromantische Schuld-und-Sühne-Oper, die uns Brynych hier serviert, irgendwann nicht mehr nur aus Streichern besteht, die im Haus des Täters/Opfers – es ist unklar, wer was ist – beständig an einem nagen, sondern dass diese langsam in etwas Unbändiges von Igor Stravinsky, Béla Bartók oder Alban Berg umschlägt, wo sich Frank Duvalls Synthies wie Schraubstöcke an die Schläfen drehen. Aus dem Prunk der Bilder wird hier langsam sehr intimer Schmerz, aus dem Scherz, dem sich Derrick ausgesetzt sieht, langsam diabolischer Ernst.

Sonntag 15.04.

Dawn of the Dead / Zombie
(George A. Romero, USA/I 1978) [DVD, OmeU] 3

fantastisch

Zum dritten Mal gesehen. Zum dritten Mal in einem anderen Cut. Nun im Argento-Cut ist er mir noch mehr ans Herz gewachsen, was wohl aber nicht an den manchmal etwas gehetzteren Abläufen lag, sondern weil die Eigenheiten von DAWN OF THE DEAD sich mir zunehmend als Schönheit offenbaren. Vll wirklich einer der hellsichtigsten Filme über die conditio humana.

California
(John Farrow, USA 1947) [blu-ray, OmeU]

großartig

Zwischendrin vergisst Farrow kurz, dass er einen patriotischen Western über das junge Kalifornien dreht. Beginnen tut alles mit einem Werbevideo, dass die Schönheit des Landes preist. In Abstraktionen verlieren sich hier die Bilder zuweilen, wenn die Kamera einem irrealen Wagentreck entlangfährt, der alle Widrigkeiten der ersten Siedler aufzeigt, oder wenn die Menschen vorgeführt werden, die dem Goldfieber verfallen sind. Die Auflösung ist dann ein politischer Thriller, der dem zu Beginn vorgeführten Traum von Kalifornien zu seinem Recht verhilft. In Dialogen wird ausgebreitet, dass dieses großartigste Land der Welt nicht gefragt werden soll, was es für einen tun kann. Sondern jeder tut, was er für sein Land und gegen die Usurpatoren von Eigenwille und Tyrannei tun kann. Doch Kalifornien liegt wie in den USA auch in seinem Film nur am Rand. Während des Trecks nach Westen und während der Akklimatisierung im vorgefundenen Matsch der Provinz gibt es viel zu sehen für einen Psychologen. Eine sadomasochistische, in Stellvertreterkriegen vollzogene Liebesgeschichte zwischen zwei taffen Persönlichkeiten nimmt den Platz hier ein. Zwei Leuten (Barbara Stanwyck schon hier als high ridin’ woman with a whip und Ray Milland), die im rauen frontier-Gebiet gelernt haben, sich nichts zu gönnen und deshalb alles, was sie Wärme spüren lässt, mit Gift und Galle beantworten. Oder da ist der ehemalige Sklavenhändler, der von seinen unmenschlichen Transportfahrten immer noch terrorisiert wird. Die Verteidigung des amerikanischen Traums in Form von der Verteidigung Kaliforniens gegen einen Staatsstreich wird die zwischenzeitliche Perversion in den unbändigen Dialogen zähmen und unter den Tisch fallen lassen. Aber trotzdem befindet sich im Herzen von CALIFORNIA nicht nur ein hoffnungsvoller Idealismus, sondern auch Menschen, die in diesem Traum emotional verkrüppeln.

Derrick (Folge 81) Kein Garten Eden
(Günter Gräwert, BRD 1981) [DVD]

großartig

Günter Gräwerts DERRICK-Debüt ist auch eine Frischzellenkur für die Serie. KEIN GARTEN EDEN deutet an, dass er der Ersatz für Wolfgang Becker werden könnte, der noch in einem knapp 100 Folgen dauernden DERRICK-Hiatus steckt (seit Folge 44). Aufgebrochen und bereichert wird der sich unter den fünf derzeitigen Hauptregisseuren (Ashley, Brynych, Grädler, Vohrer und mit einigen Abstrichen Haugk) verfestigende Stil merklich.
Harry bekommt beispielsweise einen jugendlicheren Anstrich. Ungeduldig fährt er Stephan ins Wort und dringt auf Gerechtigkeit und die Festsetzung eines Mörders. Noch mehr gleicht Derrick im Angesicht seines unruhigen Partners einem kafkaesken Buddha, der all die affektgeladenen Leute um sich erträgt. Und in KEIN GARTEN EDEN gibt es viel auszuhalten. Neugierige Nachbarn, Tatverdächtige, die wie Zwölfjährige am Rockzipfel ihrer Mutter hängen, Mütter, die ihren Söhnen keine Schranken aufweisen können, Briefe, die es vll nie gab, die aber vll auch nur versteckt wurden, Leute, die ganz offensichtlich lügen und/oder nicht alles sagen und lieber mit Dreistigkeit das Unwahrscheinliche, was sie erzählen, zur Wahrheit machen wollen, Leute, die nicht nachgeben können, Leute, die alles freundlich schlucken, Leute, für die alles nur ein Spiel ist, Leute, die die, die sie lieben, enttäuschen … kurz, es strotzt nur so vor Leuten, deren Oberfläche ganz sympathisch ist, die sich das Leben aber gegenseitig zur Hölle machen.
Es ist wieder ein Krimi, der weniger von Mord und Tätern handelt, als von einer BRD voller zwischenmenschlicher Kälte. Die Mise en Scène quetscht die Menschen zuweilen verquer ineinander oder operiert mit Spiegeln, die das Bild Richtung Kubismus tragen. Es passieren immer wieder unnütze, rumliegende Dinge – die falsche Handtasche wird gegriffen oder Telefonanrufe beantwortet, die nichts zur Sache tun. KEIN GARTEN EDEN ist von einem ständigen Durcheinander geprägt. Aber ganz sanft ist es. So sanft wie WISH YOU WERE HERE, dass vereinsamte Menschen zusammenbringen wird.
Aber auch die Musik ist es, die keinen Mittelpunkt bietet. Hits der 80er Jahre im 10-inch Dance-Mix überdecken jedes Wort eines ewig gestrig wirkenden Derrick bei einer Modenschau, Pink Floyd wärmen die Herzen, Cool Jazz feiert eine so verlockend wirkendende Vergangenheit … oder es gibt dadaistische Avantgardejazz eines gebrochenen Mannes, der mit seiner Trompete den Drumcomputer und das Leben anheult … was einen daran erinnern kann, wie nah KEIN GARTEN EDEN trotz seiner Sanftheit am Nervenzusammenbruch gebaut ist. Und dann gibt es den brutalen Heimatfunk ebendieses Mannes. Musik aus der Hölle zwanghaften Glücks. Am Keyboard produzierter Konservenschlager, der Hipness mit Gemütlichkeit kreuzen möchte und doch nur eine gräuliche Deformation entstehen lässt.
Gräwert bricht mit der Tradition von Abspännen, die sofort mit dem gerade möglichgemachten Spannungsabbau einsetzen. Statt einem punktierten Schlag zu setzen, dürfen Stephan und Harry noch die biedere Lehre offenbaren, während sie nach Hause schlendern … und dann setzt diese Musik wieder ein, dieser Heimatfunk ohne Groove. Musik, die der scheinbar wieder installierten Ordnung das Klima eines entsetzlichen Krampfes gibt. Es ist so Einiges los in KEIN GARTEN EDEN, diesem Garten voller reichhaltigem Wildwuchs.

Sonnabend 14.04.

Détective / Detective
(Jean-Luc Godard, F/CH 1985) [DVD, OmU] 3

großartig +

Lotti Z. (2 Jahre) besitzt ein kleines Kuscheltier. Einen Affen, der in seinem linken Arm einen Lichtsensor hat. Wenn sich jemand in seiner Nähe bewegt, dann sagt er Sätze wie: Hmm, du riechst so gut; Wenn ich dich wiedersehe, bekommst du einen dicken Schmatz; oder: Du bist die Einzige für mich. Vorgefertigte Formeln, die er auch während meiner Sichtung von DÉTECTIVE im Nebenraum hörbar aussprechen musste, sobald sich wieder eine Wolke vor die Sonne schob. Es hat sehr gut gepasst, denn auch Godard lässt seine Figuren immer wieder zwanghaft mehr oder weniger kryptische Dinge sagen, ob sie nun passen oder nicht. In Anwesenheit des Affen wirkten die Leute nur noch mehr wie Gefangene eines wirren Professors, der absurd und schön persönliche Schicksale, symbolische Diskussionen über Geschichten, Wahrheit und Zeit und riesige Tobleroneriegel zusammenwirft.

Tôkyô boshoku / Tokio in der Dämmerung
(Ozu Yasujirô, J 1957) [DVD, OmeU] 2

fantastisch

Neben A HEN IN THE WIND ist Ozus letzter Schwarz-Weiß-Film vll einer seiner düstersten Filme. Es gibt auch hier diese herzzerreißenden trademark-Augenblicke, wenn jemand zwar sagt, dass alles in Ordnung ist, aber dies nur mit der letzten Kraft über die (meist lächelnden) Lippen bringt. Hinzu kommen aber fast schon explizite Besuche in einer Abtreibungsklinik und den Sprung vor einen Zug. Das Tatsächliche ist zwar auch hier nicht zu sehen, aber TOKYO TWILIGHT wagt sich sehr nah an diese Momente, die im Werk Ozus und Naruses wie schwarze Löcher wirken: Momente, wo so viel Affekte, Leid und Schmerz sich auf einem viel zu kleinen Platz versammeln und die deshalb nicht abbildbar, vll sogar wahrnehmbar sind; Momente, auf die sich nur zubewegt werden kann und die sich redend und schweigend – am besten mit Alkohol – retrospektiv zurückgelegt werden; Momente, die entweder in der engen Ordnung/Poesie des Films Ausdruck finden oder die Figuren dazu bringen sich noch mit engeren Lebensentwürfen abzugeben … den Grad der Niederschmetterung so selbst wählend.

Freitag 13.04.

Another Day, Another Man
(Doris Wishman, USA 1966) [DVD, OF]

großartig

Wie so oft bei Doris Wishman in den 60er Jahren sind es drei Filme, die hier angeschaut werden können. Einmal ist da die Geschichte, welche die Tonspur und der Schnitt den – zufällig gefundenen (manchmal hat es zumindest den Anschein) – Bildern aufzwingen wollen. Hier ist es die Gegenüberstellung zweier Frauenschicksale. Die eine prostituiert sich ganz willfährig für ihren Zuhälter. Die andere macht es widerwillig und voller Zweifel um genug Geld zu erarbeiten, um ihren erkrankten Mann gesund pflegen zu können. Die Sprechenden sind oft nicht im Bild und die gesprochenen Sätze stolpern dabei hölzern aus fremden, unauffindbaren Mündern. Die Dialoge fühlen sich folglich wie Eindringlinge an, welche die Aufnahmen mit dem Ausdruck moraliner Ideologien überziehen.
Die Bilder selbst erzählen aber viel neugieriger. Auf Topfpflanzen zoomt oder schwenkt die Kamera wiederholt. Das wenige Interieur der kahlen Wohnungen wird oft mit demselben Interesse vom Bildsucher aufgegriffen, wie die sich entkleidenden Körper der Frauen. Die Sicherheit, mit der Erotik und Sex in der Erzählung Zerstörer sind – zumindest solange die Leute ihr mit solch verklemmter Spießigkeit begegnen, wie sie es in ANOTHER DAY, ANOTHER MAN tun – diese Sicherheit ist in den Bildern nicht zu finden. Wie die Körper angefahren werden, steckt darin so viel Lüsternheit, wie dort auch die Ahnung oder das Wissen um eine Ermächtigung der Frauen durch diese steckt. Wie die Kamera diese immer wieder aufnimmt und anschaut, es scheinen auch Versuche zu sein, herauszufinden, was diese ausmacht … die nackten Körper, die Pflanzen oder die anderen, die leblosen Dinge.
Und dann ist da eben der ANOTHER DAY, ANOTHER MAN, der doch eine Einheit ist. Der Film, der durch den Glauben entsteht, dass hier ein Autor hauptverantwortlich ist (written and directed by Doris Wishman). Der Glaube, dass dies nicht zwei Potentiale sind, die zusammen ablaufen und sich voller Echos und Dissonanzen ins Verhältnis setzen, sondern dass dies eine Einheit sein könnte. Der wunderschöne oder auch erschreckende Gedanke, dass all dies Widersprüchliche in einem Herz platzen hat.

Donnerstag 12.04.

Niemand weint für immer
(Jans Rautenbach, ZA/BRD 1984) [VHS]

großartig

Das Hauptdarsteller Howard Carpendale zwei Schnulzen zu NIEMAND WEINT FÜR IMMER beisteuern darf, ist nur passend, denn im Kern ist der Film auch eine ebensolche. Wildhüter Steve (Carpendale), dessen Freundin gerade nach England gegangen ist, lernt in Johannisburg Suzi mit Z (Zoli Marki) kennen, verbringt glückliche Tage mit ihr und muss später vergeblich am Flughafen auf sie warten, weil das Schicksal etwas Anderes vorhat. Armer Howie, der du dieses Werbevideo für gebrochene Herzen erleben musst.
Und schon zu Beginn wird der Schmalz ins verstrahlte Gebiete getragen. Tieraufnahmen, endlose Tieraufnahmen in der südafrikanischen Wildnis zu Synthesizermusik von heroischer Unschuld. Dann der Schnitt nach Johannisburg und die Musik verstummt. Denn NIEMAND WEINT FÜR IMMER ist eben auch der Film von Suzi mit Z. Durch die Schulden ihres Vaters (Siegfried Rauch) wurde diese in die Prostitution gezwungen. Mit Steve findet sie das lang ersehnte Glück, doch die Unschuld des Tierreichs herrscht nicht in der Stadt. Der Spaß hier, abseits von dem unschuldigen mit Howie, ist derber, verzweifelter, resignierter. Das Blut überfahrener Sexarbeiterinnen, die aussteigen wollten, das Blut säumiger Schuldner, es ziert zuweilen diese Seite der Geschichte. In das sanfte Melodrama über ein fragiles Glück dringt immer wieder ein Exploitationthriller, der auch gerne Perspektiven unter ein getuntes Auto durch wählt, sodass uns die unzähligen protzigen Auspuffe des Vehikels direkt vor der Nase hängen.
Passend ist diese Perspektive auf einen Moloch auch. Schwarzafrikaner sind immer wieder zu sehen, meist in Dienertätigkeiten. Nur einmal läuft ein solches Paar in freier Laufbahn durch die Stadt. Die Perversion der Apartheid läuft unkommentiert nebenher, als ob es nichts Aufregendes wäre. Ganz ungewollt ist dieser Moloch noch ein größerer als er es zu wissen scheint.

Mittwoch 11.04.

Derrick (Folge 80) Am Abgrund
(Helmuth Ashley, BRD 1981) [DVD]

großartig

Derrick darf mal wieder des Öfteren versteinert in Gesichter starren. Sei es, weil sie ihn anlügen, oder sei es, weil dieser Blick Ausdruck seiner harten, aber verständnisvollen Hand ist, mit der er einem Alkoholiker die Seele rettet. AM ABGRUND ist dabei vor allem die Show von Klaus Behrendt als ehemaliger Lehrer Jakob Hesse, der Kneipen und Bekannte abklappert, um an einen Tropfen Alkohol zu kommen, der ungewaschen in einer Abstellkammer mit Matratze schläft, der betrunken etwas Leben entwickelt, aber immer noch mit all dem Kram in seinem Kopf kämpft. Viele kleine Highlights finden sich nebenher, wie der ewig nörgelnde Nachbar Hesses, die seltsamen Gestalten im Hintergrund der Bars, Anton Diffring als Zuhälter mit nicht weniger schmierigem Sohn, die garstig, humorlose Stellung des Täters uswusf … das Verständnis dieser Folge aber, es liegt gänzlich bei diesem siffigen Verlierer.

Sonntag 08.04.

Lunch Hour
(James Hill, UK 1963) [blu-ray, OmeU]

großartig

In einem Betrieb lernt ein Manager eine Zeichnerin kennen, in einem Umfeld ständiger Anzüglichkeiten. Es ist Liebe auf den ersten Blick und LUNCH HOUR nutzt diese Liebe für einen langgezogenen practical joke. Der frisch verliebte Mann, der zu beiderseitigem Leidwesen schon verheiratet ist, möchte seine Gefühle besiegeln, in dem er auch einmal abspritzt, aber irgendetwas wird sich immer im Weg befinden. Voller Freude lässt LUNCH HOUR seinen fickrigen Protagonisten mit den ehrvollen Gefühlen leiden und gleicht einem immer irrwitzigeren Fließband tiefenverzichtenden Lustverhinderung.

Derrick (Folge 79) Der Kanal
(Helmuth Ashley, BRD 1981) [DVD]

gut

Seit den Folgen von 1977 warte ich, wann der erste Punk seine Aufwartung in DERRICK macht. Nun 1981 ist es passiert, zwei von ihnen laufen durchs Präsidium, während zwei Vertreter der Vätergeneration ihnen ohne Verständnis hinterherschauen. Genauso wie sie kein Verständnis für ihre eigenen Kinder haben, die nicht mit fester, unbarmherziger Hand gegen die gemeinsame Affäre ihrer Ehepartner vorgingen. Wie so oft ist DERRICK so auch ein Ausdruck eines für beide Seiten schmerzhafter Generationenkonflikt. Überall Leute zwischen denen sich unüberwindbare Barrieren befinden.

Le testament du Docteur Cordelier / Das Testament des Dr. Cordelier
(Jean Renoir, F 1959) [DVD, OmeU]

ok

Ab dem Moment, wo sich die Offenbarung abzeichnet, dass der hagere und wenig charaktervolle Dr. Cordelier (der Dr. Jekyll von LE TESTAMENT DU DOCTEUR CORDELIER) und der hemmungslose, triebgesteuerte Mr. Opale (der Mr. Hyde von LE TESTAMENT DU DOCTEUR CORDELIER, der interessanterweise im Aussehen und Handeln Harpo Marx gleicht) ein und dieselbe Person sind, dann entwickelt sich in LE TESTAMENT DU DOCTEUR CORDELIER etwas Stimmung und Horror, wenn die Perversion hinter der Fassade des guten Doktors kenntlich wird. Davor und danach weiß ich nicht so recht, was ich mit dem umständlichen Auf- und Abbau anfangen soll, die wohl nur für die Figuren des Films Aufregungen beherbergen.

Eyes Wide Shut
(Stanley Kubrick, UK/USA 1999) [blu-ray, OmeU] 2

fantastisch

Je mehr sich THE FLORIDA PROJECT dem Ende nähert und je dramatischer er wird, desto öfter sehen wir einen Hinterkopf vor der Kamera. Das spannungsgeladene Geschehen, dem diese Person gegenübersteht, können wir über ihre Schulter mitverfolgen. Da wir das Gesicht aber nicht sehen können, sind die Gefühle der Person lediglich zu erahnen. EYES WIDE SHUT setzt seine Hinterköpfe in Form von Wagen ein, die vor der Kamera herfahren, in Form von Rücken, die Räume betreten und durchschreiten, und Gesichtern hinter Masken. Da wo THE FLORIDA PROJECT seine Intensität mittels seiner Hinterköpfe noch verschärft, da erhält EYES WIDE SHOT so eine gleitende Ratlosigkeit. Doch auch, wenn sich der Einsatz unterscheidet, das Ergebnis ist das Gleiche. Was in den Leuten vorgeht, bleibt (zeitweise) rätselhaft … und da Ahnungen Platz für jede Menge Möglichkeiten lassen, hinterlassen vor allem die erschreckenden Potentiale ihren Eindruck. Dieses Bangen verdichtet sich dergestalt in EYES WIDE SHOT für Dr. Bill Harford (Tom Cruise) zu einem Alptraum von der Qualität, wie wenn wir uns nackt in der Öffentlichkeit wähnen.
Denn Kubricks Film ist auch eine Ballade auf (männliche) Unsicherheit in Bezug auf Sexuelles. Wenn Dr. Bill sich irgendwann mitten unter maskierten Leuten befindet, die steife Rituale der Lust vollziehen und sich ausschweifend ihrer Sexualität hingeben, sprich überall in der Öffentlichkeit einer Villa ficken, dann wird alles mehr oder weniger seine rationellen Erklärungen bekommen … auch wenn diese löchrig bleiben. Doch die verschwörungstheoretische Phantasie von reichen, einflussreichen und bedeutenden Personen, die mehr oder weniger diabolische Gruppensexpraktiken vollziehen und die möglicherweise für ihre Anonymität über Leichen gehen, ist weniger der springende Punkt. EYES WIDE SHUT portraitiert seinen Protagonisten durchgängig als Spießer. Vor der passiv-aggressiven Unzufriedenheit seiner Frau (Nicole Kidman) verschließt er die Augen, weil sie kaum mehr als Accessoire zu seinem großbürgerlichen Leben ist, wie er auch vor sich, seinen Gefühlen und Wünschen die Augen verschließt. So zeigen zumindest seine Antworten in Streits eine bewusste oder unterbewusste Mauer auf, die ihn nur das antworten lässt, was er für sozial angebracht zu halten scheint. Aktiv und passiv Teil wird Dr. Bill Teil von diversen sexuell konnotierten Begebenheiten sein, doch er wird nur einmal Sex haben. Mit seiner Frau … nach dazu in der Nähe eines Spiegels, in dem er sich seiner versichern kann. Überall Perversion und Lust und zu nichts lässt er sich hinreißen. Und wenn er dann alles so gemacht hat, wie ihm zugetragen wurde, um Teil dieser mysteriösen Lustsekte zu sein – er hat eine Verkleidung, wie alle anderen auch, er hat das Kennwort an der Tür gesagt, er handelt nicht ungewöhnlich – dann wird er trotzdem als nicht dazugehörig erkannt – augenblicklich. Erkannt steht er dann vor den maskierten Göttern des Sex und jeder weiß, dass er keine Ahnung hat, worum es bei der Lust eigentlich. Es ist nicht der Traum, wo wir nackt vor anderen stehen, sondern wo alle sofort erkennen, dass wir keinen Schimmer davon haben, was wir eigentlich hier tun mit unseren unheimlichen Gefühlen.
Kubrick hat bekanntermaßen ewig an den Szenen probiert und sie immer wieder durchlaufen lassen. Nicht um zu bekommen, was er will, sondern um zu schauen, was alles möglich ist, was alles in den geschriebenen Momenten stecken kann. Kubricks Kontrollfanatismus wie dies Suchende erfüllen EYES WIDE SHUT zu jedem Moment. Sich durch ein Unterbewusstsein tastende Leute gefesselt in einem kalten Stil. Sich ausbreitende Szenen voller Implikationen und möglicher Wege, die (zumeist von Schnitten) an die Kandare genommen werden und zurück in eine Bahn gelenkt werden. Dr. Bills Auflösung in seiner Unsicherheit sowie seine Verklemmung beherrschen das Bild.

Sonnabend 07.04.

The Informer / Der Verräter
(John Ford, USA 1935) [blu-ray, OmeU]

großartig +

In THE INFORMER kann beobachtet werden wie ein Typ, der nur aus Muskeln besteht, aber nicht der Hellste ist, wie dieser also ständig die falschen Entscheidungen trifft. Teilweise ist es wahrlich eine Tortur, dies zu verfolgen. Auch weil zu erahnen ist, dass er das Ausmaß seiner Fehlentscheidungen nicht verstehen wird. Er verrät seinen Freund, einen IRA-Mitstreiter, an die Polizei um sich den Transport in die USA für sich und seine Freundin leisten zu können, um mal wieder was zu essen zu haben, um wer zu sein. Doch die Schuld lässt ihn in der zu sehenden Nacht saufen … wie ein Fass ohne Boden. Was die Einschätzungen der kommenden Situationen nicht erleichtern wird. Die nächtlichen Gassen von Dublin bilden mit ihren Schatten, ihrem Nebel und dem wenigen Schlaglicht den Hintergrund für die Geschichte eines biblischen Judas‘, der Schuld um Schuld auf seinen Stiernacken lädt und entsprechend seines Namens – Gypo Nolan, was sich wie ein Mischung aus Clown und Hypo anhört – zwischen Freude, Angst und Unverständnis hin und her fällt, ohne dass er diesen etwas entgegensetzen könnte. Aber THE INFORMER ist auch ein Film, in dem der Kampf der IRA ein bitterer ist. Von Paranoia sind die Führer zerfressen. Manche sind geil darauf Recht und Ordnung mit Gewalt durchzusetzen. Und mit dem großen Ziel wird immer wieder gerechtfertigt, dass die Menschlichkeit viel zu kurz kommt. Gypo wird in der Kirche schließlich Vergebung finden, aber der Widerstand gegen das britische Regime, so groß und gerechtfertigt er ist, wird diese Vergebung nie erhalten. Nicht, weil Ford nicht sichtlich auf der Seite der IRA stehen würde, sondern weil dies erst im Tod möglich ist. Denn THE INFORMER ist ein John Ford Film durch und durch. Das Gezeigte ist von Ambivalenz, Unsicherheit, Zweifel und Schuld bestimmt. Dagegen gibt es nur eiserne Disziplin, wie ihn die Führer der IRA stählern in den Film tragen, der fröhliche Suff von Gypo Nolan, der THE INFORMER lange zum – aus nüchterner Sicht – schmerzhaften Zirkus macht, Sehnsucht nach fernen Zielen, die auch keine Erlösung bringen werden, oder weinen und beten. Wie ein Stummfilm sind große Teile inszeniert, vll weil einem nur staunen und schweigen in diesem stillen Entsetzen bleibt.

Freitag 06.04.

Daddy’s Home / Daddy’s Home – Ein Vater zu viel
(Sean Anders, USA 2015) [DVD, OmeU]

gut

Sabrina Z. meinte nach dem Film, dass ihr am besten gefallen hat, wie ich, Stiefvater ihrer erstgeborenen Kinder, mich während des Films beständig leidend hinter meiner Decke versteckt habe.

Donnerstag 05.04.

Ready Player One
(Steven Spielberg, USA 2018) [3D DCP, OF]

verstrahlt

Die letzten Blockbuster, die uns Spielbergfilme für die leuchtenden Augen versprachen, also THE BFG, THE ADVENTURES OF TINTIN oder der vierte INDIANA JONES (auch wenn ich Letzteren vll nochmal anschauen müsste), sie alle liefen nicht ganz rund. Sie alle zeigten einen Filmemacher, der gerade die Filme, für die er mal stand, nicht mehr ganz im Griff hat. Mit READY PLAYER ONE nun der Schiffbruch … oder vll eher nur der laue Wind eines übermütigen wie epischen Abenteuers. Stattdessen eine Gerümpelecke, mit Ansätzen, Idee und spannenden Dingen, die vom formelhaften Plot – Junge rettet die Welt, durch die Hilfe eines kompetenten Mädchens, dass ihn zu einem besseren Menschen macht … durch die Liebe – überrannt, missachtet, an den Rand gedrängt, ungeachtet gegeneinander in Stellung gebracht oder losgetreten und vergessen werden. In naher Zukunft interessiert sich kaum noch jemand für die Realität. Alles soziale Leben von Bedeutung findet in einer virtuellen Realität, in einem fast grenzenlosen Computerspiel à la SECOND LIFE namens Oasis statt. Und READY PLAYER ONE handelt von der Reue des Schöpfers – Mark Rylance als wie ein Heiliger verehrte Kreuzung aus Keanu Reeves’ Ted und Bill Gates. Seine Reue über verpasste Chancen. Mittels eines dreiteiligen Rätsels in seinem Spiel lässt er die Hauptfiguren des Films das erleben, was er sich durch Angst vergab. Es ist so auch ein Film über den Horror vor sozialen Situationen im Allgemeinen und der Liebe im Speziellen. Gerade da der Wunsch die eigene große Liebe zu küssen, mit einem Besuch in THE SHINING gleichgesetzt wird. READY PLAYER ONE ist ein Film über Vereinsamung und in seinem Plädoyer gegen diese, gerade ein Ausdruck der panischen Angst davor. Es geht aber auch um die Reue des Schöpfers über seine phantastischen Welten selbst, dargestellt u.a. durch sein kindliches Ich, dass er in der virtuellen Realität zum ewigen Computerspielen verdammt hat und dass jämmerlich aufschaut, sobald wir das entsprechende Level dieses Computerspiels erreicht haben. In wehmütigen Bildern wird die Enttäuschung verhandelt – wie nebenher, wie alles Spannende mehr nebenher eine Rolle spielt – mit der Rylance (und wohl auch der Regisseur Spielberg selbst) auf sein Werk schaut und was andere damit machen. Denn die Oasis ist ein Ort grenzenloser popkultureller Referenzen. Aber die Liebe zu diesen wird lediglich mittels des Fetischisierens leblosen Wissens und lebloser Dinge betrieben. Die Angst, um die es geht, ist auch eine apokalyptische. Die deprimierende Vision einer Welt, die wehrlos vor die Hunde geht, weil sich nur noch Spielen hingegeben wird, bestimmt durchaus das Geschehen. Es ist aber ebenso ein Film über den Spaß an phantastischen Welten. Die THE SHINING-Sequenz mit ihren ganzen liebevollen Details oder ein wildes Autorennen gegen King Kong sprechen hier Bände. Es muss nur eine Rückkopplung zum Leben oder einer Geschichte haben. Die Liebe zu all dem, was auch verteufelt wird, deren positiven Potentiale, sie sind auch da. READY PLAYER ONE ist ein Film in dem Message und Sein, Realität und Bewertung dieser sich die ganze Zeit angehen und angreifen. Ein Film, in dem die Bilder von Janusz Kaminski handwerklich gekonnt entworfen sind, aber in denen alles ohne plane Fläche auszukommen scheint, wo immer Unruhe und eine Masse an Details auf einen einwirkt. Vll macht READY PLAYER ONE als Essayfilm mehr Sinn, also als etwas in der Richtung eines Films von Jean-Luc Godard, als ein Mikadohaufen eben, als Anti-Blockbuster in Form eines Blockbusters.

Mittwoch 04.04.

The Florida Project
(Sean Baker, USA 2017) [DCP, OmU]

großartig +

Manchmal kann ein Detail alles ändern. Würde THE FLORIDA PROJECT beispielsweise extradiegetische Musik benutzten, könnte alles kippen. Aus Moonee (und ihrer Mutter Halley) könnten per zauberhaften Indiepop Helden werden. Wehmütige Streicher könnte sie hingegen zu Opfern machen … selbst wenn sich sonst nichts geändert hätte. So kommt die Magie der Musik erst in der letzten Szene, als Rettung vor einer Realität, die erst in den letzten Minuten brutale Konsequenzen auffährt und ein melodramatisches Jammertal entstehen lässt. Davor: kleine Episoden oder kaum mehr als atmosphärisch zusammenhängende Dokumente aus dem Leben einer Sechsjährigen … irgendwo in der Einzugsschneise von Disney World, an einem Rand der Gesellschaft den THE FLORIDA PROJECT in dem schlechten Witz einer Realität installiert. Grelles Lila bestimmt die Farbpallette. Die Authentizität wird immer wieder in Kontrast zu einer Lebenswelt gestellt, die für einen Ulk, einen Alptraum oder MONKEY ISLAND entworfen zu sein scheint … oder für all das auf einmal … und doch tatsächlichen Gegebenheiten zu entsprechen scheint. Die Farben und Entwürfe der Wohnungen, Hotels, Restaurants und Läden verbinden comichaft überzogenen Touri-Kitsch mit Ghettorealität. Im angrenzenden ländlichen Idyll liegen Design und Rückeroberung ungenutzter Hauser und Flächen durch die Natur direkt nebeneinander. Überall Verwahrlosung und bittere wie klischeehafte Übererfüllung der Wünsche und Möglichkeiten eines eskalierenden Kapitalismus, des eskalierten american way of life – nach unten tretend, nach oben alles in Zuckerwatte packend – in einem Topf. Die sozialen, elterlichen und menschlichen Gegebenheiten bleiben in dieser grotesken Realität ohne die Musik unkommentiert. Weshalb alles, was wir von der kleinen Moonee sehen, gleichzeitig Ausprägungen von kindlicher Unschuld und bedenklichen Lebensumständen bleibt, von Freiheit und Verwahrlosung, von Schönheit und Schrecken. Das Schöne wie Brutale von THE FLORIDA PROJECT ist, dass es uns dies einfach nur zeigt.

Dienstag 03.04.

Derrick (Folge 78) Eine Rechnung geht nicht auf
(Helmuth Ashley, BRD 1980) [DVD]

gut

Arthur Brauss ist super, wenn er als unfehlbarer Gangsterboss Recke alle Probleme mit dem Neuen (Willy Schäfer), der ihm vom gegelten Möchtegerngangster Schenk (Tommi Piper) aufgeschwatzt wird, quasi voraussieht und nach einer Folge mittelständigen Leids den Polizeibeamten im Kimono die Tür zu seiner mondänen, geschmackvoll exotisch eingerichteten Wohnung öffnet und irgendwo schon akzeptiert hat, dass er in eine Serie geraten ist, wo die Bösen immer verlieren. Zitat der Woche: Ein guter Schweißer hat immer Gefühl.

Sonntag 01.04.

Meine schwarze Stunde (II)
(Diverse, USA/BRD 1981) [DVD]

ok

Highlight ist die Episode mit dem jungen, noch unbekannten Billy Crystal. Wenn er als hinkender Fußabtreter eine Schminke aus alten Hollywoodzeiten findet, die ihn in Kämpfer, Glückspieler und Unsichtbare verwandelt, dann ist es vor allem spaßig, wie spitzbübig Crystal die unterschiedlichen Rollen spielt und welche Freude er dabei hat.

Derrick (Folge 76) Pricker
(Alfred Vohrer, BRD 1980) [DVD]

großartig

Nach dem missglückten Überfall eines Gefangenentransports spaltet sich diese Folge auf. Derrick untersucht in dem einen Strang den Überfall und dessen Hintergründe, was ihn bzw seine Mitarbeiter in gesetzlose Kneipen und zu Modenschauen bringt. Er begibt sich in eine Welt, wo die Aussicht auf Millionen, alle Klassengrenzen aufhebt. Der fälschlicherweise befreite kleine Trickbetrüger Pricker (Werner Schnitzer) darf hingegen im anderen Teil in der bayrischen Provinz gegen jede Chance glücklich werden. Eine Mutter und ihre erwachsene Tochter nehmen diesen ewigen Verlierer und begossenen Pudel auf und bald wird er schon zu einer Art Ersatzehemann bzw. -vater. Wenn sie ihn über Nacht sicherheitshalber in seinem Zimmer einschließen, dann hat seine Bedürfnislosigkeit, die jede kleinste Zuneigung genießt, keine Probleme damit. Nimmt die ihm gebotenen Gewogenheit an, wie jemand, der sich schon immer nach dieser sehnte, aber sie erstmals bekommt. Während Derrick kaum zusammenhängend durch diverse kalte Lebenswelten tingelt, gibt es hier sonnige Badeausflüge, familiäre Kartenspiele, wo der neue, scheue Mann mit Kartentricks begeistern kann, und einen zusammenschweißenden Kampf gegen die neugierigen Nachbarn. Mit Derricks Blick endet die Folge, wenn er irritiert erkennt, was sich unterhalb seines Radars für Pricker in dieser Folge entwickelt hat: eine zarte Menschlichkeit.

Derrick (Folge 77) Dem Mörder eine Kerze
(Dietrich Haugk, BRD 1980) [DVD]

großartig

Der fehlbesetzte Teil mit Horst Frank als Pfarrer, der auch zu nichts führt, bremst DEM MÖRDER EINE KERZE lange aus. Doch dann wird ein kitschiger Song zum Leitmotiv und bringt eine verschrobene Romantik verlorener Unschuld mit sich … oder Sascha Hehn steht mit einem Mal in der Wohnung seiner Figur, deren Wände vollständig mit Spiegeln und kleinen bis riesigen Glamourportraits seiner selbst vollgehängt sind, und Derrick geht ins Pornokino, wo er, obwohl er alles entscheidende gesehenen hat, mit einem göttlichen Gesichtsausdruck* sitzen bleibt und wirklich, wirklich sauer wird, als Harry ihn rausholt, weil es einen Mord zu verhindern gibt. Vll ist der Pfarrer eben da, damit eine solche Verkommenheit für den armen Derrick einordbar wird.
*****
* Oliver N. zieht in Betracht, dass Stephan Derrick seine erste Erektion haben könnte.

März
Freitag 30.03.

Die Russen kommen
(Heiner Carow, DDR 1968) [DVD]

großartig +

Wieder ein Film dessen Verbot sprechend für die Identität der DDR ist. Denn der von den Nazis verführte 15-Jährige Günter, der gegen Ende des Krieges bereitwillig in den Krieg zieht, passt nicht ins benötigte Menschenbild. Ich glaube, dass das Verbot weniger darin begründet lag, dass diese Hauptfigur sich lange Zeit auf der falschen Seite befindet, obwohl er von Anfang an die Falschheit seiner Zugehörigkeit spürte/hätte spüren müssen. Vielmehr lag es daran, dass DIE RUSSEN KOMMEN sich in einem beständigen, strukturellen Zweifel befindet. Voller Flashbacks ist das Geschehen, voller assoziativer Schnitte (fast schon als sollte Eisenstein nachgeeifert werden). Riesige Bilder in den Bildern gibt es, wenn Günter lächelnd Kohlberg im Kino schaut und seine Freundin sich windet. Unschärfen stellen die Eben ständig zueinander in Position. Der Inhalt ist wie zerrissen und in beständiger Uneinigkeit mit sich selbst. Und wenn dann die großen moralischen Anker entweder verrannt Selbstmord begehen oder Narren spielen, dann bleibt kein Halt übrig. DIE RUSSEN KOMMEN zeigt einem so, wie es für ein Lebewesen eben ist. Und dass konnte nicht sein. Zweifel konnten nicht sein. Denn der richtige Weg war doch eingeschlagen.

Ghost in the Shell
(Rupert Sanders, USA/CHN/HK 2017) [DVD, OmeU]

großartig

Anders als beim Anime – vll lag es an der einsetzenden Müdigkeit bei allen vorangegangenen Sichtungen, aber ich glaube nicht – hatte ich diesmal absolut keine Probleme dem Geschehen zu folgen. Vll lag es daran, dass das Philosophisch-Kryptische nicht so ganz im Mittelpunkt steht, sondern (Ersatz-)Familien. GHOST IN THE SHELL in dieser Version handelt vom Bonding unter Freunden und Kollegen, davon, dass jemand, der schon zweimal durch die Corporatezukunft seinen Familien entrissen wurde, in den Momenten zwischen einer Noir-Verbrecherhatz wieder Familien findet und bildet, davon wie die Isolation des postmodernen Kapitalismus zerstörte Menschen in fragmentierten Körpern zurücklässt und davon, dass jemanden zum Angeln zu haben, ein sehr wichtiges Gut ist.

Licence to Kill / Lizenz zum Töten
(John Glen, UK/J/USA 1989) [DVD, OmeU] 2

gut +

Nachdem der Neustart mit Timothy Dalton das Selbstironische/Comichafte der Moore-Jahre ganz sachte anging – fast so zaghaft, wie es Glen schon in seinen vorangegangenen Filmen mit Moore kaum wagte – da möchte LICENCE TO KILL teilweise etwas ganz Anderes sein. Vll sogar ein Neuanfang, auch wenn es wie in Trägheit gefangen strukturelle Überschneidungen mit den bisherigen Bonds gibt. So haben Felix Leiter und Bond beispielsweise mal wieder einen Quarrel im Schlepptau. Nur heißt er diesmal Sharky. Sterben muss er trotzdem abermals. Es ist also nicht das radikale Neuansetzen von CASINO ROYAL, an dem sich Sam Mendes in den letzten beiden Filmen so abarbeitete. Und doch sollte Bond hier wieder menschlich werden. Wobei Menschlichkeit scheinbar Schmerz und Wut heißt. Seine Ehe wird kurz angesprochen und wie ein Echo muss seine Bromance enden, um Bond wieder auf Rachefeldzug zu schicken. Keine Welteroberung, nur Rache für die Zerstörung von Felix Leiter bildet die Antriebsfeder. Bezeichnenderweise ist es dann aber das Comichafteste, was das Beste an LICENCE TO KILL ist. Nämlich Professor Joe mit seiner Schmierigkeit, seiner Absurdität und seinem Zen der Niederlage.

Donnerstag 29.03.

Ride in the Whirlwind / Ritt im Wirbelwind
(Monte Hellman, USA 1966) [blu-ray, OF]

großartig

Ein Film über Ausweglosigkeit und Warten. Statt der Weite des Westens wird hier alles von Bergen beengt, welche den Unschuldigen vor dem Lynchmob keinen Ausweg lassen. Wie schon in THE SHOOTING ist dieser Westen speckig, schwitzig und karg. Und in seiner unglamourösen Einfachheit werden einem eben nicht viele Optionen geboten.

10 Rillington Place / John Christie, der Frauenwürger von London
(Richard Fleischer, UK 1971) [blu-ray, OmeU]

ok

Der Mord an einer Frau im Zweiten Weltkrieg, der uns das Vorgehen des Serienmörders John Christie (Richard Attenborough) und seinen Fetisch für dieses zeigt, und eine Coda, in der Christies Taten nach Jahren ans Licht kommen und er verarmt als alter Mann gestellt wird, rahmen das Protokoll genau eines seiner Morde und des folgenden Justizirrtums. Die Freude, die 10 RILLINGTON PLACE an diesem einen Fall hat, ist der Umstand, dass zwei notorische Lügner aufeinander losgelassen werden. Der von John Hurt gespielte Timothy Evans ist ein notorischer Aufschneider, der die Luftschlösser seiner Phantasie nur zu gern an den Mann bringt. Und so viel Vorstellungskraft er besitzt, so wenig Sinn und Verstand hat er dafür, die Unglaubwürdigkeit seiner Worte einzuschätzen. So erzählt er auch Leuten, die um seinen Analphabetismus wissen, dass er zum Manager befördert wurde. Unbeholfen will er allen weiß machen, wie beliebt, reich und angesehen er ist. Jede seiner Lügen, ein Trauerspiel. Anders Christie. Der weiß, was er tut. Seine Geilheit aufs Morden zwingt ihn aber immer wieder auf ein Terrain, wo er, den Attenborough als vorsichtigen Anschmieger spielt, Gefahr läuft erkannt zu werden. Jede seiner Lügen, 9 bis 10 Punkte auf der Unannehmlichkeitsskala.

You Don’t Mess with the Zohan / Leg dich nicht mit Zohan an
(Dennis Dugan, USA 2008) [blu-ray, OmeU]

großartig

Ein Zotenfeuerwerk zur Rettung der Welt. Ben Z. (10 Jahre) hatte am Votrag ZOHAN schauen wollen und weil HAPPY GILMORE und KINDSKÖPFE ihm gefielen, griff er zu. Nach ca. 45 Minuten war er nicht mehr im Wohnzimmer zu sehen. Diese Jugend von heute… Aber vll lag es ja nur daran, dass seine Mutter zugegen war. Hoffen wir es.

Mittwoch 28.03.

Léon Morin, prêtre / Eva und der Priester
(Jean-Pierre Melville, F/I 1961) [blu-ray, OmU]

fantastisch

Ganz sachte schält sich heraus, dass LÉON MORIN, PRÊTRE ein Liebesmelodram ist. Wie immer geht es bei Melville um die Besetzung Frankreichs. Denn auch in den Gangsterfilmen scheint Frankreich mit seiner leeren, kalten Straßen, mit der ewigen Not, warten zu müssen, immer noch besetzt zu sein. Nur da es kein Film mit Verbrechern und Auftragsmördern ist, geht es ganz offen um drollige Italiener und überraschend freundliche Deutsche, die den Straßenzügen und der Atmosphäre einer kleinen französischen Stadt im II Weltkrieg einen neuen Anstrich geben. Ganz lakonisch wird vorangeschritten. Erst werden die Kinder der kommunistischen und jüdischen Väter getauft, dann diese aufs Dorf gegeben, wo die Kontrollen geringer sind. Voller Ellipsen und ohne den Drang mehr als das Nötigste zu erzählen, verknappt sich das Geschehen kaum merklich auf die Beziehung von Léon Morin (Jean-Paul Belmondo) und der Witwe Barny (Emmanuelle Riva). Das Gegenstück zu RECKLESS (siehe gestern) beginnt sich dabei zu entwickeln. Die Grenzen des Verzichts werden nämlich nicht durch das Umfeld gezogen, sondern durch zwei sich zölibatierende Figuren, die zu Gott gefunden haben … und von denen eine ihren Fetisch für ihre strenge, lederne Chefin verliert. Statt Scope gibt es passenderweise enges Vollbild. In einer Einstellung geht Barny die Treppe des nicht mehr ganz frischen Hauses hoch, in dem Abbé Morin lebt. Er erwartet sie oben an der Treppe und der Schatten, den sein Kopf wirft, sieht in Verbindung mit dem bröckeligen Putz der Wand wie ein Totenkopf aus. Das zunehmende Verlangen, dass aus den Bildern drängt und kaum verbalisiert wird, hier hat es seinen Todesengel: den katholischen Glauben, das Schicksal. Und so beiläufig wie sich diese Liebe konkretisiert, so sehr gerade das Wichtigste in den weiträumigen Dia- und Monologen nicht an- oder ausgesprochen wird, so sehr liegt es wie ein Schatten über den beiden und umfasst sie mit einem würgenden Griff.

The Shooting / Das Schießen
(Monte Hellman, USA 1966) [blu-ray, OF] 2

großartig +

Andy Cairns, Sänger und Gitarrist von Therapy?, hat mal in einem Interview gemeint, dass er zu den wenigen Leuten gehört, die das Ende von ANGEL HEART nicht voraussehen konnten/können. Das Ende von THE SHOOTING liegt irgendwie immer in der Luft und wenn es dann ruppig und schnell über einen kommt, dann ist nur (der) Andy Cairns (in uns) überrascht. Das Wichtige ist aber nicht das Ziel, sondern der Weg. Der Ritt durch eine Wüste, die sich genauso auf John Ford wie auch Samuel Beckett beruft, die alle Western und Anti-Western-Tendenzen zu einer Suche nach Moral und Identität verschmelzt.

Cop and a Half: New Recruit / Ein Cop und ein Halber: Eine neue Rekrutin
(Jonathan A. Rosenbaum, CA 2017) [TV]

verstrahlt

Eine Möchtegernpolizistin versöhnt einen ehemaligen Vorzeigepolizisten (Lou Diamond Phillips) mit der modernen Technik, wofür sie mit Tipps über Menschlichkeit und Spürsinn belohnt wird. Alt und neu, analog und digital, sie will der neue COP AND A HALF versöhnen … und sieht den einzigen Weg dazu, die Welt aus Trotteln und wahnsinnigen Nerds bestehen zu lassen.

I, Tonya
(Craig Gillespie, USA 2017) [DCP, OmU]

gut

Die Besetzung Tonya Hardings mit Margot Robbie verschleiert durchaus einen essentiellen Part, auch der Storyline. Denn I, TONYA erzählt von einem Fluch, wie die Hauptfigur es einmal im Film nennt. Sie kann nichts außer Eiskunstlauf. Das aber umso besser. Für die guten Platzierungen, und das sagt ihr die Jury mehrmals ins Gesicht, passt sie aber nicht ins Bild von familienfreundlichen Feen, die über das Eis gleiten. Sie, die ihre Kleider selber schneidern muss, die trinkt und flucht und – es ist eine der zentralen Sequenzen, wenn der Sound ihre Energie vermittelt – zu ZZ Top, statt zu klasischer Musik läuft. Sie ist Trashy Tonya … und egal wie authentisch die Frisuren sind und wie eigenwillig das Makeup, Margot Robbie verleiht ihrer Rolle allein durch ihr Aussehen etwas mehr Glanz, als Tonya Harding je hatte. Sie sieht eher nach einer Gewinnerin im familienfreundlichen Jump’n’Run, dass die USA ist, aus. Was Robbie ihrer Figur aber mitgibt, ist Kraft. Sie ist nicht die, trotz allen Muskeln, zierliche Person, die Tonya Harding war. Stattdessen ist sie groß und kantig. Die Schlägereien mit ihrem Mann, das Aufmüpfige, das Laute, all dies lässt I, TONYA nicht zu einer Opfergeschichte werden, sondern bringt die Fronten doch in Stellung. Hier die Snobs und dort die trotzige Unterschicht, die nicht ins Bild passen möchte und trotzdem nach Anerkennung verlangt. I, TONYA ist so weniger Portrait eines eiskunstlaufenden Freaks, als eines der jetzigen USA mit seiner tiefen Spaltung und seinen harten Fronten.
Wenn I, TONYA, dann das erzählt, worauf wir alle gewartet haben, also vom Brechen der Knie Nancy Kerrigans (Caitlin Carver), dann könnte dies zwangsläufigerweise auch als Versuch erscheinen, noch dümmere Figuren als Michael Bay in PAIN & Gain – bezeichnenderweise eine ebenso wahre Geschichte – aufzufahren. Doch statt hier umso perfider die seine Früchte zu ernten und das Geschehen zu einem toxischen Film zu formen, weiß I, TONYA nicht, ob sie die Zufälligkeit oder das Zwangsläufige der Geschehnisse unterstreichen möchte. Etwas Medienkritik wird noch aufgefahren – allein schon die mitlaufende Frage, wie bitter es für Nancy Kerrigan sein muss, einen Film über ihre Rivalin mit einer der angesagtesten Schauspielerinnen Hollywoods erleben zu müssen – aber irgendwann wird dann alles in geordnete Hollywood-Biopic-Bahnen geführt, wo es nur noch um Tonya Hardings Schicksal geht. Denn, bei allen rumplig rumstehenden Ansätzen gerade der ersten Hälfte, I, TONYA interessiert sich kaum für all die Abgründe und Ambivalenzen, die in ihr stecken und gibt sich damit zufrieden postmodern mit Figuren, die in die Kamera sprechen, zu erzählen und diese zu Skurrilität zu machen.

Dienstag 27.03.

Le orme / Spuren auf dem Mond
(Luigi Bazzoni, I 1975) [blu-ray, OmU]

großartig +

Die Angst vor der atomaren Verwüstung, vor wissenschaftlichen Perversionen und übergriffigen Regierungen und/oder Geheimgesellschaften, kurz die Angst vor der Zukunft als paranoide Suche nach der eigenen Identität … in einem kroatischen Urlaubsort, der mit seiner Exotik und Fremdheit den Boden für vielgestaltige Erkenntnisse und psychedelische Welterfahrungen bietet.

Reckless / Jung und rücksichtslos
(James Foley, USA 1984) [DVD, OF]

fantastisch

Eine basslastig-tanzbare Highschoolkomödie als aufwühlendes Melodrama. Von Michael Ballhaus wunderschön aufgenommen, sich in sinnlichen Locations vollziehend, wo mit wenigen Schritten sich Liebende von kühlen, blauen Pools in rote, glühende Heizkeller begeben, mit Aidan Quinns sehnsuchtsvollen Augen und Daryl Hannahs kantiger Verletzlichkeit sensationell besetzt, sperrt RECKLESS Unmengen an Lebenslust in ein enges, kleines Kaff, wo keine Perspektiven für diese bestehen. Alkohol und Arbeit im Bergwerk, das ist alles was von der Aussichtsplattform aus zu sehen ist – mit extra installiertem Fernglas zum Genuß der rauchenden Schornsteine und der Trostlosigkeit – wo Rebell Johnny Rourke (Quinn) seine Nächte todessehnsüchtig verbringt. Während Rourke von der Mutter verlassen mit seinem liebevollen, aber dem Alkohol ergebenen Vater keinen Platz in dieser Gesellschaft findet, hat Tracey Prescott (Hannah) darin to much future. Sie hat liebevolle und reiche Eltern. Zwischen ausbrechen und in Sicherheit bleiben schwankt sie. Die Annäherung der beiden ist zum Scheitern verurteilt, zu brutal zeichnet RECKLESS die Lebenswelt dieses Ortes und doch stecken in dieser zaghaften Liebe, in ihrem Wunsch nach mehr, mit all seinen Potentialen an Schmerz, die großen Gefühle. Es ist wie bei Sirk. Gerade die Unmöglichkeit macht die kurzen Momente, wenn sich die Kamera beispielsweise wie wild um die ekstatisch Tanzenden dreht, so wertvoll, schön und intensiv. Und gerade darin steckt auch das Bittere dieses unvergleichlich bitteren Happy Ends, dass die Überlebenschance eines Schneeballs in der Hölle hat.

Tobacco Road / Tabakstraße
(John Ford, USA 1941) [DVD, OmeU]

verstrahlt +

Zu Besuch in Wanker County. Eine zentrale Dualität im Werk von John Ford ist die Spannung aus Disziplin und Gefühl/Chaos … wobei letzteres meist den Vorzug erhält. Was passiert, wenn die Disziplin jedoch nicht vorhanden ist, diesen Spaß, der sich wie ein Geschwür anfühlt, zeigt TOBACCO ROAD. Von einer stolzen Südstaatenfamilie wird hier erzählt, die ihre besten Tage schon lange hinter sich hat und hier in kürzester Zeit ihre Schulden bezahlen muss, damit sie ihr Land nicht verliert. In verfallenen Landsitzen und heruntergekommenen Hüten wohnen sie, wo die Moderne nur wie ein fernes Märchen erscheint. Von den Blüten harter Arbeit träumen sie, wenn sie tagelang auf der Veranda liegen und nichts tun. Mit Betrug versuchen sie die zufälligen Ereignisse in ihre Richtung zu drehen … weil die letzte Tochter, die ihnen geblieben ist, nicht für eine Mitgift in eine Ehe verkauft werden kann, da diese mit Anfaag 20 schon viel zu alt für die notgeilen Männer ist, die sich mit einem so alten Besen nicht sehen lassen wollen. Wie verzogene Kinder verhalten sie sich und werden teilweise mit einer Impulsivität gezeichnet, die nahe an einer geistigen Behinderung scheinen mag. Symbolisch wird hier ein Auto, das mit einem Erbe gekauft wird, innerhalb von zwei Tagen mittels kompletter Ignoranz vom brandneuen Luxus zur schrottigen Klapperkiste heruntergewirtschaftet. Aber der Stolz von Tobacco Road zu stammen und damit schon etwas zu sein, wird nie vergehen, wie keine Moral oder Lehre diesen Leuten habhaft wird. In einer überdrehten Komödie, die wie gesagt eher schmerzt, rechnet hier Ford mit dem Süden bzw Tendenzen des Südens ab, als ob Al Bundy über die Familie seiner Frau spricht.
*****
Laut dem Außenseiter im Gesichtsbuch wurde Ford durch die Fox dazu angehalten, einen heiteren Ton anzuschlagen, weil sie nicht den düsteren Film haben wollten, der Ford vorschwebte. Was sie bekamen ist so nur umso rabenschwarzer und psychotischer und hat eine Stimmung, die ihresgleichen sucht. Dass TABAKSTRASSE einer der großen Filme der FOX der 40er sein sollte, wirkt wie ein Ammenmärchen. Einen böseren Hollywood-Film kann man sich kaum vorstellen. Wenn Vater Lester am Ende stolz vor seiner vermüllten Veranda sitzt, neben sich eine stinkende Dreckpfütze und sich etwas auf sich einbildet, dass er schon deswegen prädestiniert ist, weil er Amerikaner ist, spürt man den wahren Ford.

Derrick (Folge 75) Eine unheimlich starke Persönlichkeit
(Erik Ode, BRD 1980) [DVD]

nichtssagend

Vll ist es ja auch Teil der Dekonstruktion von Autorität. Die unheimlich starke Persönlichkeit, welche ermordet wurde, habe Unmengen an Feinden, so sagt dessen Frau. Und doch wird die Ermittlung den kleinsten Kreis der Familie nie verlassen. Denn vll war diese unheimlich starke Persönlichkeit eben doch nur ein Schwein zu Hause.

Montag 26.03.

Noroît / Nordwestwind
(Jacques Rivette, F 1976) [blu-ray, OmeU]

großartig +

Roaul Walshs SEA DEVILS von 1953 und Jean Rollins LES DÉMONIQUES von 1974 haben in ihrem Portrait des Schmuggler- und Piratenleben in der salzigen Luft der Atlantikküste in meinem Kopf eine Einheit gebildet. Sie sind für mich ein Double Feature, bei dem der eine von markigen Teufelskerlen erzählte und der andere diese Heldengeschichte als verwestes Echo aus der Zeit wieder aufgreift. Ohne das es große Überschneidungen im Geschehen geben würde, ähneln sich ihr Setting, ihre Helden und die auf sehr unterschiedliche Weise traumhafte Realität … SEA DEVILS ist ein Hollywoodtraum und LES DÉMONIQUES (wohl am ehesten) einer im Geiste von Pierre Souvestre und Marcel Allain. SEA DEVILS strahlt in hellen Farben, LES DÉMONIQUES erhebt sich aus einem tiefen Schwarz.
NOROÎT erweitert dies nun zum Triple Feature. Rivettes Film, auch wenn er im Erzählen näher an Rollin ist, bildet das Bindungsglied zwischen beiden. Auch hier ist die Lebenswelt aus der Zeit gefallen und die Leute handeln eher seltsam, als heroisch, aber doch wirkt es weniger aus dem Sumpf gezogen. Das Blau des Himmels und die Weite der Landschaft/des Meeres künden von Schönheit und Ruhe, wo nur die theatralischen Leute stören, die eine psychopathische Herrschaft über ihre Bande pflegen (Bernadette Lafont als Giulia) oder Racheplots an dieser planen (Geraldine Chaplin als Morag). Das zu Sehende könnte mit seinen elegischen Monologen ein Shakespeare-Drama sein, aber dafür berauscht sich NOROÎT zu sehr an Fleischlichkeit, an dem entspannten Asozialen der Bande und dem Nichts, der hier nicht mehr hinter der Epik zu finden ist, sondern sie essentiell ausmacht. Sprich die Leute sitzen zu behäbig rum und machen noch die routinierteste, nichtigste Handlung zum Ausdruckstanz.

The New Centurions / Polizeirevier Los Angeles-Ost
(Richard Fleischer, USA 1972) [blu-ray, OmeU]

großartig

Nach THE NEW CENUTRIONS würde einem vll etwas SERPICO guttun. Denn es wird aus der Sicht der Polizisten erzählt und keiner von ihnen meint es übel, ist korrupt oder gar rassistisch. Als Boten des Gesetzes fühlen sie sich, die die Gesetze, soweit es möglich ist, für die Menschlichkeit biegen, aber manchmal eben auch durchgreifen müssen, in Panik oder seelischer Resignation Mist bauen und sowieso täglich ihr Leben riskieren. Die melancholischen Sonnenaufgänge, die neonerleuchtete Nacht und die schalen Tage sprechen von einer Existenz, die in Isolation und Selbstmord enden kann, weil niemand mit einem sein Leben verbringen möchte. Und so steckt in jedem Lachen stets etwas Niedergeschlagenes, dass dieser undankbare Job mit sich bringt. Das Problem oder besser gesagt das Spannende dabei ist, dass THE NEW CENTURIONS neben diesem Mitgefühl den Job des Polizisten als Sucht erzählt. Das gemeinschaftliche, fröhliche Durchstehen des sinnlosen Vorgehenmüssens gegen die Prostitution gemeinsam mit den Prostituierten, wo Festnahmen nur symbolische Landpartien sind; der Nervenkitzel gegen die blank liegenden Nerven in sozialen Problemzonen mit Witz und Durchsetzungsvermögen vorzugehen, was manchmal in Spaß endet, manchmal auf Intensivstationen oder einem Traumata verpasst; der ständige Wechsel aus Gefahr und dem Glauben daran etwas Gutes zu tun; die durchgemachten Nächte und das Schweben durch eine fremde Realität am Tag; all dies macht Roy (Stacey Keach) abhängig von seinem Job und wird ihn letztendlich in den Alkoholismus treiben. Der Idealismus mit dem hier auf Polizeiarbeit geschaut wird, er hat auch ohne die verdrängten Seiten des Polizeiapparats etwas zutiefst Desillusioniertes, dass ohne umfängliche Geschichte in den lose verbundenen Episoden immer geknickter an die Oberfläche möchte.

Going My Way / Der Weg zum Glück
(Leo McCarey, USA 1944) [stream, OmU]

ok +

Bing Crosby darf hier, wie Roy Black später in KINDERARZT DR. FRÖHLICH, das Ave Maria anstimmen, um seine Gemeinde in Seligkeit zu wiegen. Auch er kommt als Retter darnieder, der aber weniger missgünstige Leute ertragen muss. Mit etwas Gesang und Weltlichkeit befriedet er Jugendbanden, hilft den Verlorenen und schreibt Hits, die wie er die Welt vereinen. Das Ave Maria fällt dabei nie in den sentimentalen Irrsinn des Kinderarztes.

Sonntag 25.03.

Meine schwarze Stunde (I)
(Diverse, USA/BRD 1981) [DVD]

nichtssagend

Horrorkurzfilmanthologie, welche ein Best of der THE TWILIGHT ZONE-artigen Serie DARKROOM darstellt. Statt James Coburn als Moderator gibt es eigens produzierte Einspieler mit Carl Heinz Schroth, der in seiner Art die Filmchen gut zusammenfasst. Denn Horror scheint für ihn am besten durch resignierte Langeweile darstellbar zu sein.

Der Frühling braucht Zeit
(Günter Stahnke, DDR 1965) [DVD]

großartig

DER FRÜHLING BRAUCHT ZEIT beginnt im Privaten, in einer Familie, im Streit und Zetern, auf der Suche nach einem ruhigen Leben. Was hier schief liegt, dass wird im Folgenden ausführlich geklärt werden und dies ist politischer Natur. Der Frühling auf den gewartet wird, dass ist dabei nicht nur der, der das Gas in den Leitungen der Energievorsorge schmilzt – denn Günter Stahnkes Film spielt im Milieu von Ingenieuren – sondern auch der der Utopie des realexistierenden Sozialismus. So wie er in der DDR 1965 herrscht, so ist er jedenfalls nicht zu erreichen, dass scheint nach DER FRÜHLING BRAUCHT ZEIT festzustehen. Hinter den karrieregeilen Funktionären (vor allem einem Honecker nicht unähnlich sehenden) wehen oft die Fahnen der DDR, der FDJ usw und genau diese Leute sind es, die das Glück, die Menschlichkeit, das Zusammenleben in ihrer Borniertheit torpedieren. Mit einer kurzen Regel wird, grob gesagt, inszeniert: Je epischer die Einstellung, je höher die Position des Eingefangenen, je höher der Grad der eigenen machtverliebten Verblendung. Je gebrochener die Abläufe, je komplexer, je menschlicher der Idealismus der Portraitierten. Die mit den Funktionären Kämpfenden, die Bürger der DDR, sie sind resigniert, geben sich dem Alkohol hin oder wirken wie Don Quichote. Die DDR in a nutshell, was zwangsläufig verboten werden musste.

Get Out
(Jordan Peele, USA 2017) [DVD, OmeU]

großartig

Chris (Daniel Kaluuya) kratzt in GET OUT wiederholt an den Armlehnen eines Ledersessels. Zunehmend kommen dabei die weißen Wollfasern unter dem Überzug zum Vorschein. Und irgendwann dachte ich bei mir, dass die Baumwolle ihm zu Hände kommen wird. Jedoch, das, was dort hervorquoll, sah durchaus synthetischer als Baumwolle aus und außerdem bin ich kein Experte für Polsterungsmaterialien. Die Assoziation war jedoch sofort da. Und eben nicht unwahrscheinlicher Weise, weil Chris Afroamerikaner ist.
GET OUT spielt fast ausschließlich in einem wohlständigen Haus mitten im Wald. Dieser Wald wird nie tiefer betreten werden und er ist immer Teil von Straßen, Wegen und Zivilisation. Es ist ein sicherer Ort zum Verweilen, ein erschlossener zum Wandern. Er ist Teil einer Welt, die zum Genießen da ist. Er ist Teil und Ausdruck des Reichs eines bürgerlichen Liberalismus … und damit symbolisch weißes Territorium. Zumindest im Affekt ist diese Zuordnung absolut. Mir einen Afroamerikaner genießend durch einen Wald wandernd vorzustellen, ist etwas, worauf ich erst einmal kommen muss. Seine Lebenswelt scheint (für mich) urban konnotiert zu sein. Im Affekt ist in meiner Vorstellung ein Wanderer so stets zuvorderst ein weißer Bürger. Als Chris zu Beginn die Straße, auf der er sich befindet, verlassen möchte und einen Fuß in den Wald setzt, wird dies wie eine Grenzüberschreitung inszeniert. Es ist ein entscheidender Schritt. Bezeichnenderweise auf einen angefahrenen Hirsch zu, der den Schatten des auf Chris Zukommenden vorauswirft.
Im Herrenhaus dieses Waldes scheinen die Rassenfragen der letzten Jahrhunderte im ersten assoziativen Moment unüberwunden. Chris ist der Lebenspartner der Tochter des Hauses und soll, ohne das seine Hautfarbe bisher erwähnt worden wäre, seinen Schwiegereltern in spe vorgestellt werden. Die Ausgangslage gleicht der von GUESS WHO’S COMING TO DINER auffallend. Doch hier wird nicht diskutiert. Schon der Weg zum Haus ist eigen. Der Gärtner ist Afroamerikaner, wie es die Hausdienerin auch ist. Jede Konversation mit Chris, läuft auf seine Hautfarbe hinaus. Jedes seltsame Handeln ihm gegenüber wird auf ebenso auf diese zurückgeworfen. Obama hätte hier jeder zum dritten Mal gewählt, so ist es nicht. Aber doch steht der Elefant immer im Raum, ohne dass es groß ausdiskutiert wird. Es wird aufgeschoben und zur Idiosynkrasie erklärt. Positiver Rassismus geht hier vll mit wirtschaftlicher Ausbeutung Hand in Hand. Aber schon dies zu denken, wird weggedrückt, weil wir doch in einer besseren Zeit leben.
Die Gastgeber werden sich im Verlauf des Geschehens von peinlichen Gesprächspartnern zu etwas überzeichnetem Wandeln, zu etwas, das den Nazis in einem INDIANA JONES-Film gleicht. Sie werden, utopischer Weise, nie die Subjekte dieses Hollywoodfilms werden, sondern Schreckensfiguren eines Horrorfilms bleiben. GET OUT bebildert die Ängste Chris’ und damit die Angst davor, dass seine afroamerikanische Identität von der weißen, bürgerlichen verschlungen wird. Denn ist der im Wald wandelnde Afroamerikaner noch schwarz oder schon assimilierter Teil der Kultur des Unterdrückers? Davon wird GET OUT gespeist. In Bildern von Hypnose und Kontrollverlust über das eigene Wesen in schaurige Hilflosigkeit wird dies übersetzt, wie die Alltäglichkeit der Unwägbarkeiten von Rasse und der bezüglichen Ideologien in einem ganz beiläufigen Stil von Unannehmlichkeiten und Aberwitz aufgelöst werden. Die Ideologien und Assoziationen verwandeln sich, so vage und vieldeutig sie sind, in eine Paranoia, die einen in dunkle Räume ohne Halt verwandeln … in die Leere der Geborgenheit beim Herren und der Leere des Geistes. Über niemanden kann mehr etwas gewusst werden. Ist er gleichberechtigt oder Unterdrücker/Unterdrückter, ist sie frei oder Gefangene (von Ideologien), ist jemand noch er oder sie selbst. Ist es ein unschuldiges Überbleibsel anderer Zeiten, bei Chris an Baumwolle zu denken oder sagt es noch viel, zuviel aus. Identitäten werden in GET OUT schmelzen und unter der sich auflösenden Plastik werden sich comicartig verzerrte Fratzen finden.
Das auf der blu-ray mitgelieferte alternative Ende lässt Chris im Gefängnis enden. Frieden wartet dort auf ihn, weil er eine eindeutige afroamerikanische Identität gefunden hat. Das tatsächliche Ende von GET OUT ist da nicht so bitter. Sie lässt Chris weiterhin in diesem Wust aus Anschauungen, Assoziationen und Gesinnungen über Rassen bestehen und glaubt daran, dass der Horror überwindbar ist. So schrecklich er hier in seiner Ungreifbarkeit doch scheint.

Sonnabend 24.03.

Das Kleid
(Konrad Petzold, DDR 1961) [DVD]

gut +

In ihrer (un)vergleichlichen Souveränität haben die DDR-Offiziellen eine Verfilmung von DES KAISERS NEUE KLEIDER verbieten lassen. Eine Parabel, die das Märchen insoweit ändert, dass hier jeder den Trick durchschaut und nur unter Druck der Staatsmacht, eines wohl nur selbsternannten Königs, mitspielt. Geheimpolizei hier und eine Mauer da, die überwunden werden muss, um in eine Stadt, um zum Glück zu kommen, reichten im Zusatz schon, dass sich die Funktionäre so sehr wiedererkannten, dass DAS KLEID weggeschlossen werden musste. Ironischerweise hat der Film seine besten Momente, als es als Strauchdiebkomödie beginnt und noch nicht zum Politischen gewechselt hat. Die Überspanntheit, die danach einsetzt, spiegelt sich sehr schön in der Portraitlinie im Thronsaal: Friedrich II – Napoleon – Hitler – Churchill.

Unbreakable / Unbreakable – Unzerbrechlich
(M. Night Shyamalan, USA 2000) [blu-ray, OmeU] 2

großartig +

Über die Wirkung von Fiktion, über deren Notwendigkeit, über Einfluss von Gesellschaft und körperliche Verfassung auf das Selbst, über Rassenungleichheit (in den USA), über Dramaturgie und die damit einhergehenden Personenkonstellationen, über all dies mit einem Film zu sprechen, wo ein Comicfanatiker einen Superhelden ausfindig zu machen versucht und wo hanebüchener Unsinn mit aller Macht der Bilder ernsthaft zu etwas Übermenschlichen hochgejazzt wird, ich finde es immer noch unfassbar. Dass es sowas gibt, dass sowas Erfolg hatte… Was zum Teufel?

Donnerstag 22.03.

Halloween H20: 20 Years Later / Halloween H20 – 20 Jahre später
(Steve Miner, USA 1998) [DVD, OmU]

ok

Laurie Strode (Jamie Lee Curtis) hat hier irgendwann die Schnauze voll, schnappt sich eine Axt und tötet ihren totscheinenden Bruder. Das Interessanteste in diesem familienfreundlichen Slasher, der vor allem nette Leute zeigt und lediglich die umkommen lässt, die nicht in einen Disneyfilm passen, ist im Grunde nur das Ende, dass vom Überdruss mit wiederkehrenden Horrorfiguren kündet.

Mittwoch 21.03.

Les noces rouges / Blutige Hochzeit
(Claude Chabrol, F/I 1973) [DVD, OmU]

großartig

Perverser, schelmischer Exzentriker und biederer Moralist, ein verkommener Hitchcocknacheiferer und ein Hanekevorläufer (das Ende von BLUTIGE HOCHZEIT trägt schon die Züge dessen, was BENNYS VIDEO beenden wird), diese beiden Identitäten prägen die Werke Chabrols in den 60ern und 70ern – soweit ich das bisher überschaue. Mir persönlich gibt es viel mehr, wenn er sich gehen lässt, als wenn er wie ein enttäuschtes Kind das Bürgertum entlarvt – meist mit moralischen Winkelzügen, die sich mit der Überraschung zufriedengeben, dass Leute zu Verwerflichem fähig sind. Auch LES NOCES ROUGES endet mit der Erkenntnis der Figuren, dass sie gesündigt haben. Eine Erkenntnis, die sich ab dem ersten Mord langsam zwischen sie schiebt. Davor und auch während der Taten, und das ist viel überraschender, gehen sie nachvollziehbar in ihrem Handeln auf. Vll und das wäre das Perfide und Traurige, sehen sie am Ende nicht ihre Fehler ein, sondern geben lakonisch auf, weil nun entdeckt ihnen ihr Glück nicht mehr vergönnt sein wird … weil sie ihr Glück hatten und es nun zu etwas Schäbigem unter den Augen der Mitmenschen geworden ist.
Lucienne Delamare (Stéphane Audran) und Pierre Maury (Michel Piccoli) haben eine Affäre. Eine Affäre, die ihnen LES NOCES ROUGE vollen Herzens gönnt. Lucienne ist mit dem Bürgermeister ihrer Stadt verheiratet, der entweder zu Sex nicht in der Lage oder an Sex mit Frauen nicht interessiert ist. Seine Aussagen hierzu bleiben unklar. Jedenfalls ist er auch offenbar mehr an Politik interessiert. Pierre ist mit einer kranken Frau verheiratet, die nur noch im Bett liegt, von Heiligenbildern umgeben ist und jedes Interesse am Leben verloren hat. Es gibt jedes Mal ein spritziges, ordinäres Vergnügen, wenn LES NOCES ROUGES die Affäre verfolgt. Sonnenschein, das Abenteuer Sex in offener Laufbahn, frivole Späße in Museen, wo mit Champagner auf Portraits von Könige gespritzt wird, oder einfach nur ein verschmitztes, jugendliches Versteckspiel. Piccolis Unschuldsmienen bei Letzterem sind schon ein Erlebnis für sich … wie es Audrans hemmungslose Lust auch ist. Diese fröhlichen Sauereien vollziehen sich nun zwischen biedersten Szenen aus den Heimen der beiden. Stickige Blumentapeten und Teller an den Wänden ersticken noch den Rest Atem, den einem Frauen und Männer lassen, die dem Leben entweder abgeschworen haben oder die einfach nur saubere Politiker sind und selbst im Schlaf wie eine Mischung aus verhindertem Diktator und Murmeltier wirken. Der Frau den letzten Gnadenstoß zu geben scheint da kaum noch verwerflich. Und der Mann wird zunehmend ein viel teuflischeres Selbst bekommen.
Die Abrechnung mit dem Bürgertum, die bei Chabrol dazugehört, sie findet hier in der Politik ein wirklich gruseliges Sujet, dass aber nur am Rande mitläuft. Dafür gibt es Speichel zwischen den sich entfernen Mündern zweier sich sinnlich Küssender. Die Details der Leidenschaft zwischen Lucienne und Pierre sind voller Erotomanie. Am besten ist LES NOCES ROUGES dementsprechend nicht in der Diffamierung, sondern in der Liebe und der voll ausgekosteten Lebenslust.

Derrick (Folge 74) Zeuge Yurowski
(Alfred Vohrer, BRD 1980) [DVD]

ok

Die Familie des Zeugen Yurowski (Bernhard Wicki) ist heftig. Yurowski hatte Einbrecher in der Firma, für die er arbeitet, überrascht. Der Nachtwächter wurde erschossen. Auf ihn wurde geschossen. Einen der Täter konnte er erkennen, seine Sekretärin (Christiane Krüger). Und diese macht ihn wiederholt darauf aufmerksam, dass wenn er was sagt, dass die anderen sich dann ihn und seine Familie vornehmen werden. Zur Unterstreichung dieser Aussage, wird in Anwesenheit seiner Frau auf ihn durch die heimischen Fenster geschossen. Also sagt Yurkowski, er habe nichts gesehen. Auch wenn jeder durch sein Verhalten ahnt, dass dem nicht so ist. Die erwachsenen Kinder sind es nun, die ihrem Vater mehr zusetzen als Derrick … und der ist schon penetrant. Es sind vll die für ihren Vater unangenehmsten Kinder seit THERE’S ALWAYS TOMORROW. Brutal naiv sind sie, mit einem Bein schon in ignorante Dummheit vorgedrungen … und sie verlangen selbstgerecht und schmollend, dass ihr Vater der Polizei alles sagt. Jeden komplexen Gedanken schieben sie weg und offenbaren einen Idealismus, der kaum über gnadenlos angenommene Obrigkeitshörigkeit hinausgeht. Der Krimi in ZEUGE YUROWSKI wird unaufgeregt abgespult, aber das Familiendrama mit diesen Kindern … diese Kinder … uff.

Dienstag 20.03.

Derrick (Folge 73) Auf einem Gutshof
(Theodor Grädler, BRD 1980) [DVD]

gut

Die Auflösung des Falls ist ziemlich offensichtlich. Nur eines hielt mich davon ab, sie sofort als Lösung zu akzeptieren. Dass sie nämlich total hanebüchen ist. Theodor Grädler zieht aber völlig unbeeindruckt durch und bringt gegen Ende etwas MISSION: IMPOSSIBLE in die bayrische Provinz. Daneben gibt es auch einiges anderes Schönes zu sehen, das aus dem allgemeinen und vor allem beredeten Dahindümpeln hervorsticht. Stephan und Harry, die eine deftige Mahlzeit essen, während sie einen Wirt vernehmen. Der Gothic-Horror-Beginn in einer Villa im Sturm. Die Verliererballade eines Kellners und Gutbesitzers zwischen einer Lebenswelt, in der er ein Depp ist, und einer, wo er das Standing einer Assel hat. Derricks Lakonie, wenn seine Mitmenschen nerven. Und Grädler ist durch DIE ENTSCHEIDUNG vll wieder etwas erweckt worden. So läuft hier eine Darstellerin von der Seite ins Bild und kommt zum Stehen, sobald ihr Gesicht hinter Harrys Haupthaar verschwindet. Wir sehen also ein Bild bestehend aus Harrys Hinterkopf sowie dem angeschnittenen Profil bestehend aus Ohr und Haar einer redenden Dame. Kubistischer Spaß in der Cadrage.

Montag 19.03.

Der verlorene Engel
(Ralf Kirsten, DDR 1966) [DVD]

großartig

Es ist wie bei den neueren Filmen von Terrence Malick. Impressionen der Dinge, die den Hauptfigur umgeben, werden aufgenommen und assoziativ aneinandergereiht. Das Werk des Bildhauers Barlach umschlingt sich so mit dessen Umwelt. Die Bilder kommunizieren offen und bilden reichhaltige Deutungsebenen wie sinnliche Bezüge. Über diesem Bilderstrom liegt der Gedankenstrom Barlachs, der gänzlich aus Originalzitaten des Künstlers besteht. In seiner (politischen) Penetranz, mit seiner derben, verkürzten Offensichtlichkeit wirkt dieser aber wie ein brutal unpassender Audiokommentar, der den offenen Bildern einen Sinn aufzwingen möchte. Barlachs Verhältnis zu den Nazis, seine Untätigkeit gegen ihre Macht und sein Rückzug ins Private werden von seinem schlechten Gewissen hinterfragt. Kurz hatte ich die Hoffnung, dass dies das Werk eines SED-Kaders war, da DER VERLORENE ENGEL im Fertigungsjahr verboten wurde und erst 1971 um 20 Minuten gekürzt und mit Nachsynchronisation in die Kinos kam – wie eine Texttafel zu Beginn informierte. Ganz ohne den plumpen Selbstexorzismus aus dem Off würden die Bilder ganz natürlich auch funktionieren, weshalb es möglich schien, dass die Monologe nachträglich eingefügt wurden. Aber nach kurzer Recherche war er wohl schon immer da und erschreckte die SED-Führung, weil sie so empfindsam waren, dass ihnen klar war, dass mit der Kritik an einer Staatsmacht auch sie gemeint gewesen sein konnten.

Sonntag 18.03.

Låt den rätte komma in / So finster die Nacht
(Tomas Alfredson, S 2008) [stream, OmU]

großartig

Ein 12-jähriger Schüler, der in der Schule schikaniert wird, lernt eine 12-jährige Vampirin kennen, die schon einige Jahrzehnte oder -hunderte mit diesem Alter lebt. Dabei geht es um Konfrontation. So wird oft 2-Dimensional inszeniert, wenn beispielsweise zwei Leute sich wie in einem 90-er Jahre Beat ’em up gegenüberstehen oder die heranschleichende Bedrohung – trotz Scopebild – direkt hinter der Schulter in der Unschärfe zu erahnen und so direkt im Rücken zu finden ist. Es ist aber auch ein Film der Annäherung, wo Details am Rand Bedeutung gewinnen und einfühlsam nebeneinander geschlafen wird … und wo vor allem immer wieder Wände und Fenster als Trennendes überwunden werden müssen. Ein Film der Kälte und der Tristesse, wo erst Blut, dreckiges, dickes Blut, etwas Wärme bringt. Aus Oskars (Kåre Hedebrant) Sicht ist LASS DEN RICHTIGEN HEREIN, wie der schwedisch Titel übersetzt heißt, der romantisch Weg zum Schulamokläufer, der von der Vampirin lernt sich zu wehren und dessen Widersacher durch diese phantastische Figur, die in der Not für ihn auftaucht, ihr blutiges Ende finden werden. Für Eli (Lina Leandersson) ist es der Beginn eines neuen Zirkels. Denn zu Beginn hat sie einen mittelalten Helfer, der ihr Blut besorgt und dafür bevorzugt Schüler als Opfer heranzieht. So wie er Oskars Zukunft zu sein scheint, so scheint Oskar dessen Vergangenheit darzustellen. Je nach Deutungshoheit ist SO FINSTER DIE NACHT ein Film über das Zurechtfinden im Leben und/oder den Tod. Dazwischen das Faszinierendste. Ein paar Säufer, die von Eli nach und nach ausgetrunken werden. Völlig quer stehen sie in diesem Film, wie sie sich völlig quer in der Gesellschaft befinden.

Sonnabend 17.03.

The Hurricane / …dann kam der Orkan
(John Ford, USA 1937) [blu-ray, OF]

fantastisch

In RIO GRANDE wurden die Schlachten mit weniger Bildern pro Sekunde aufgenommen, als sie wiedergegeben wurden. Diese wirkten folglich wie Nickelodeons, wenn sie wie so oft mit falscher Frequenz zu sehen waren. Diese kurzen Vorgänger des abendfüllenden Spielfilms wurden bekanntermaßen mit einer anderen Norm festgehalten, als Film später abgespielt wurden. D.h. diese Sketche und wilden Abenteuer, in denen es klischeemäßig um Fallen und Tortenschmeißen ging, wurden später oft zu schnell abgespielt. Als Kind dachte ich, dass wäre ein gewollter Effekt zur Belustigung. Dass es sich dabei um einen Wiedergabefehler handelte, habe ich erst später erfahren. Aber egal. Den Soldaten und Apachen wird RIO GRANDE so ihre Heroik genommen, da sie nach archaischer Belustigung aussahen. Nach überhasteten Kaspern. THE HURRICANE erschien ca. 10 Jahre nach dem ersten Tonfilm und der schließlich allgemeinen Durchsetzung der Frequenz von 24 Bildern pro Sekunde. Dass John Ford eine Vergangenheit im Stummfilm hatte, ist seinem Film hier fast zu jeder Zeit anzumerken. Die kurz zuvor gesehene Kavallerie-Trilogie war da beispielsweise schon ganz woanders angekommen. Worauf ich hier so umständlich hinarbeite, ist dies: THE HURRICANE ist sein Alter anzusehen, aber was hier an Tricktechnik aufgefahren wird, ist atemberaubend. Die letzte halbe Stunde ist von einem nicht enden wollendem Sturm gekennzeichnet, der alles davonträgt. Die Rückenprojektionen, das Studio und andere Tricks sind durchaus identifizierbar … und doch geht eine unfassbare Gewalt von der preschenden Luft aus, vor der es kein Entkommen zu geben scheint. Ein eh schon irrsinnig schöner Film legt hier nochmal einen drauf und kann Zuschauer hinterlassen, die nun völlig durch den Wind sind.
Dieser Hurrikan ist dabei Ausdruck der französischen Kolonialpolitik, die eine polynesische Insel zerstören wird. Ihr Vertreter ist ein engstirniger Fanatiker von Recht und Ordnung, dem die Augen leuchten und dem schon erste Tropfen von Sabber auf den Lippen stehen, wenn er seine Gerechtigkeit bestätigt sieht und das Gesetz mit voller Stärke anwenden kann. Ihm untersteht eine paradiesische Sehnsuchtsgesellschaft von Chaos, (Mit-)Gefühl und Aufrichtigkeit. (Es sind Gegensätze, die sich als Grundthema bei Ford abzuzeichnen beginnen.) Und so wie der Sturm doch als Tricktechnik erkennbar ist, so ist auch dieser Dualismus kein realistischer, aber einer, dem ein tiefes Misstrauen gegen die Knute von Disziplin entströmt. Die Geschichte um einen ins Gefängnis geworfenen Freiheitsliebenden, der sich durch Unrecht von Frau, Kind und Glück getrennt sieht, es ist keine verzwickte, originelle Geschichte, aber wie sie erzählt wird … Im Gegensatz zu RIO GRANDE wird hier nichts vom hohem Ross heruntergeholt, sondern zu einem epischen Blasen verdichtet, zu einem Sturm der Gefühle, der nicht von einem ablassen möchte und um seine geistige Gesundheit kämpft.

Donnerstag 15.03.

Rio Grande
(John Ford, USA 1950) [DVD, OmU]

großartig +

Der Konflikt zwischen den Streitkräften der USA und den (hier sind es wieder) Apachen hat in RIO GRANDE die nächste Stufe erreicht. Die Geste von SHE WORE A YELLOW RIBBON ist verpufft. Von diesem Film ist es nur noch ein Katzensprung bis zu THE SEARCHERS. Auf beiden Seiten herrscht Hass. Die einen entführen Kinder und trinken sich besinnungslos, die anderen sind so darauf fokussiert illegale Strafexpeditionen nach Mexiko unternehmen zu müssen, um die Störenfriede endlich zur Strecke zu bringen, dass sie gar nicht mitbekommen, wie sie ihre verwundbarsten Stellen bloßlegen. Diese sehr herb dargestellte Zwietracht strahlt aber wieder auf die unverarbeiteten Probleme innerhalb der Truppe. RIO GRANDE hat immer wieder diese Einstellungen, wo Profile und Körper miteinander in Konfrontation gebracht werden, die sie im Raum an sich nicht haben. Es ist ein Film der Konflikte. Trooper Tyree (Ben Johnson) wird beispielsweise vom Sheriff gesucht, weil er einen Yankee erschoss, der seiner Schwester zu nahe kam. Diese hat selbstredend einen Texaner zu heiraten. Zudem scheinen fast alle familiären, freundschaftlichen und beruflichen Beziehungen auf Sheridans systematischer Zerstörung des Shenandoahtals zurückzuführen. All diese Anspielungen auf den Sezessionskrieg werden zwar mit rücksichtsvoller Heiterkeit angegangen, aber obsessiv kommen sie immer wieder. Es ist so einschneidend, dass Lt. Col. Kirby Yorke (John Wayne – nach der Beförderung und nach einigen Jahren seit FORT APACHE ist er um einiges verbitterter, nicht nur in Bezug auf die Apachen) aus dem Stehgreif weiß, wie viele Jahre, Monate und Tage seit Shenandoah vergangen sind.
Aber die größten Wunden bzw Uneinigkeiten klaffen in den Leuten selbst. Der minderjährige Sohn Yorkes (Claude Jarman Jr.) ist aus West Point herausgeflogen und hat sich deshalb als einfacher Soldat freiwillig gemeldet. Er landet nun im Nirgendwo der Indianerkriege bei seinem Vater. Lt. Col. Yorke zeigt ihm und seinen anderen Untergebenen, dass er ihn genauso hart, wie alle anderen behandeln wird. Wenn nicht sogar härter. Wie zum Beweis, dass er es keinen Vorzug gibt, zeigt er seinem Sohn, den er erstmals seit Shenandoah wiedersieht, die kalte Schulter und lässt nur den Offizier mit ihm reden. Sobald sein Spross aber den Raum verlässt, scheint Yorke Freudentänze nur schwer unterdrücken zu können. Wenn der Sohn in Konflikte gerät, zuckt Yorke, weil er ihm zu Hilfe eilen möchte. Der Vater und der Soldat, die Gefühle und die Disziplin liegen in ihm im konstanten Clinch. So sehr, dass er nach der Ankunft seines Sohnes etwas Zaghaftes in seinen Augen bekommt. Seine Frisur wird unmerklich wuscheliger, zerfahrener. Kurz Wayne wird zum heruntergekommenen Abbild seiner selbst. So unsicher, wie ich ihn bisher noch nie gesehen habe. Um ihn etwas zu schonen führt RIO GRANDE seine (Ex-?)Frau (Maureen O’Hara) ein, die seine weibliche Seite auf sich nehmen darf … was den Konflikt aber nur noch auflädt und verkompliziert.
Männliche Ehre, Vertrauen, gewaltsame Eskalation, Liebe und Vergeben, alles womit die Konflikte zu lösen versucht werden, all diese Versuche bleiben seltsam schal. Denn alles Geschehen bleibt widersprüchlich, findet keinen Abschluss und in aus all den riesigen Massen an Unausgesprochenem erhebt sich immer noch mehr Unwägbarkeit. Irgendetwas in einem Fordfilm liegt anscheinend immer quer, so scheint mir. So schwer es manchmal ist einen Frieden mit ihnen zu machen, so reichhaltig und brüchig sind sie. Als ob die Leute in ihnen nicht nur durch dieses majestätische, heruntergekommene Monument Valley reiten, sondern in ihm zu erkennen sind. Eine kaum messbare Weite herrscht in ihnen und dort stehen riesige Monumente, deren Sicherheit erodiert und zerbröselt – mit jeder Menge liegengebliebenem Schutt an den Seiten.
*****
Nachdem ich die ersten beiden Teile der Kavallerie-Trilogie von sehr schönen us-amerikanischen blu-rays sah, zog ich hier die einmal nicht so teuer erstandene Filmjuwelen-DVD heran. Es war ein Trauerspiel. Die Weite des Monument Valley, die Schönheit, die Kontraste, sie waren nur zu erahnen. Wenn ich mal Geld habe, werde ich einen anderen Blick auf diesen Film wagen.
Auf der anderen Seite sah es vll auch gewollt nicht so gut aus, wie Der Außenseiter im Gesichtsbuch meint: Bei RIO GRANDE hingegen zeigt sich Fords ganze handwerkliche Professionalität. In lächerlichen 28 Tagen abgewickelt zeigt Fords filmisches Genie sich auch darin, dass er die gesamte künstlerische Vision der Qualität des filmischen Negativs angleicht. Die schwach kontrastierende Grobkörnigkeit wird genutzt, um die Kavallerie vollständig zu entmystifizieren und einen Film des Widerspruchs zu drehen. War die Kavallerie in den anderen Film ein Zufluchtsort für Einwanderer, die nur über diesen Weg einen Aufstieg in der WASP-Gesellschaft erreichen konnten, da ihnen auch die Akademien verwehrt waren, zersplittert das Gefüge hier, weil auch gesuchte Mörder Zuflucht finden und Rassismus sich auch in der Truppe zum Problem entwickelt. Das geringe Budget nutzt Ford, um aufgrund der spärlichen Kulissen die Flüchtigkeit einer Basis zu illustrieren, die Disharmonie des Films wird durch diagonale Pfosten und die Kontrastierung der Montage von ganzheitlicher Form der Truppe in der Totalen zu uneinheitlichen Achsenwinkeln in der individuellen Darstellung deutlich gemacht. Auch die Frauen reiten hier nicht mehr mit den Soldaten, sondern dürfen ihre Parade bei der Heimkehr nur stehend empfangen, während der Zuschauer auf gleichem Achsenwinkel mit den Offizieren ist, die müde dreinschauen, also nicht mehr kameratechnisch erhöht oder fröhlich gezeigt werden. Trotzdem waren die Artefakte und soweiter alles andere als chic. Vll sollte die DVD die Intention noch verstärken. 🙂

Mittwoch 14.03.

Derrick (Folge 72) Der Tod sucht Abonnenten
(Zbyněk Brynych, BRD 1980) [DVD]

verstrahlt +

Derrick begibt sich nach einer Zufallsbegegnung hinab in den Drogensumpf. Die unbescholtenen Bürger, Derrick und der Bruder des Opfers vor allem, entwickeln dort einen übergrifflichen Beschützerinstinkt. Wenn sie sich um jemanden Sorgen machen, dann schreien sie diesen jemand an. Sie werden handgreiflich, packen zu und schütteln. Hysterische Hilflosigkeit packt sie. Gegen Ende, wenn der Fall mehr oder weniger gelöst ist, dann sind Visionen der Vergangenheit zu sehen, die von Brynych in dieser zunehmend eskalierenden Episode so inszeniert werden, dass Verführer und Verführte aus verzerrten Perspektiven direkt in die Kamera sprechen. Alpträume einer unbegreiflichen Lust sind es, von denen die Unbescholtenen gepackt werden. Und zwischen drin immer die Teddybären, an die sich bei Entzugserscheinungen gekuschelt wird, die auf Cold Turkey in verranzte Ecken geschmissen werden, die ständige Begleiter sind und so in unterschiedlichen Formen die Unschuld sowie die Tötung dieser durch die Sucht ausbuchstabieren dürfen. Wie ein biederes Bürgertum auf die Hölle Heroinsucht schaut, in DER TOD SUCHT ABONNENTEN ist es selbst zur Höllenvision geworden, die Brynych zu einer absurden Achterbahnfahrt macht.

Dienstag 13.03.

Shoes
(Lois Weber, USA 1916) [stream, OZmU]

großartig

In SHOES sind es die zertretenen Lederfetzen an den eigenen Füßen und die neuen Schuhe in den Schaufenstern – Schaufenster, die immer nass sind, egal ob es regnet oder nicht, weshalb die Feuchtigkeit wohl die Tränen darstellt, die die Trennwand zwischen der Realität und dem unerfüllbaren Wunsch netzen – die die Armut (in den USA) kennzeichnen. Immer wieder sind die beiden Arten von Schuhen zu sehen. Ein Übel gibt es dabei, dass den Menschen von Disziplin und Anstand trennt und so zwischen Unglück und Glück steht. Dieses höllische Lesen, das den Vater im Bett versanden lässt, statt dass er sich einen Job sucht. Auch dies immer wieder, der Vater und wie er liest. Und wie er so die Arbeitskraft seiner Tochter ausbeutet, statt etwas zu unternehmen. Am Ende bleibt hier nur die lediglich angedeutete Prostitution. Die Tochter geht mit einem wohlhabenden Mann zu einer Party, dann folgen minutenlang Träume, in denen die Familie glücklich und ohne Sorgen ist. Wenn das zu Sehende wieder in die Realität wechselt, dann hat die Tochter neue Schuhe an und weint. In einem Interview hat Henry Rollins einst erzählt, dass die USA wie ein Videospiel sind, in dem es zu überleben gilt. Wie bitter dieser Kampf mit sein wild wuchernden Ideologien ist, zeigt 1916 schon SHOES.

Montag 12.03.

The Post / Die Verlegerin
(Steven Spielberg, USA 2017) [DCP, OmU]

gut

Vll sieht es so aus, wenn sich Spielberg richtig gehen lässt. Die beiden Themen von THE POST werden einem jedenfalls richtig reingewürgt. Mal mit eher dezenten Verschiebungen in der Cadrage, wenn sich High Society Lady Kay Graham (Meryl Streep) ihren Platz zwischen den Männern erkämpft, die sie umringen, und sich von einer Person am Rand zur zentralen Figur im Raum wandelt. Von schon offensichtlicheren Wiederholungen der Trennung von Frauen und Männern entlang der Linie der Verantwortung geht es, bis hin zu Dialogen, die jeden Themenkomplex nochmal abarbeiten, indem die Botschaft einem ohrenbetäubend entgegengebracht wird. Wenn die Figuren zwischen Drohungen und Lügen immer mehr die Orientierung verlieren, dann kreist die Kamera selbstredend in übermütigen Fahrten durch Menschenmengen und der Schnitt wirft die 180°-Regel gekonnt über Bord. Hemmungslos wird die Geschichte der Verlegerin der Washington Post erzählt und wie sie sich einen Platz in der Männerwelt erkämpft und ein Vorbild für alle Frauen wird, wie die Lügen der Nixons und Trumps im Weißen Haus im Dienst für das us-amerikanische Volk offengelegt werden, wie das Ideal über die Angst gewinnt. Selbst noch die zurückhaltendsten Momente gliedern sich ein, in eine alle Stilmittel vereinnahmende Hetzjagd auf die Gefühle des Zuschauers. Danach war ich mir nicht sicher, ob ich nun als Gegenmittel einen Film von John Waters brauchte oder ob ich aus einem Film kam, der seinen guten Geschmack so hochgejazzt hatte, dass das nicht nötig war, weil Spielberg hier vll sein John Waters Level erreicht hatte.

Derrick (Folge 71) Die Entscheidung
(Theodor Grädler, BRD 1980) [DVD]

radioaktiv

Ich bleibe dabei, dass Grädler zu diesem Zeitpunkt seiner Arbeit für Ringelmann einfach nur noch alles egal war. In DIE ENTSCHEIDUNG nahm er den sich in Hysterie und fehlendem Selbstwert auflösenden Zetterer Ulrich Hauff (Hannes Messemer mit einer riesen Schau) und dessen Tante Ina (Brigitte Horney), eine romantische Seele, die wie der Kini in ihrer ideellen Welt lebt, aus Reineckers Drehbuch und ließ sie geschehen. Statt sie kohärent in eine Geschichte zu inszenieren, wo diese erkennen müssen, dass sie in einer Familie aus Schlangen leben und sich damit sozialrealistisch auseinandersetzen müssen, sitzen sie hier plötzlich in surrealen Ballerinaverkleidungen vor einem, lassen in manischen Dialogen ihrer Phantasie freien Lauf und drücken alles Normale mit aller Kraft zur Seite. Die Mörder, die sich schon längst entlarvt hatten, können nur noch am Rand stehen, schauen und hoffen, dass sie von den Polizeibeamten nicht weiter beachtet werden.

Sonntag 11.03.

Fort Apache / Bis zum letzten Mann
(John Ford, USA 1948) [blu-ray, OmeU]

fantastisch

Mit einem wehenden Star-Spangeld Banner wird hier in eine vorhersehbare Niederlage, in ein Massaker geritten. Ein selbstgerechter, von seiner Überlegenheit überzeugter Offizier, der nur darauf bedacht ist, sich einen Namen zu machen, führt hier seine Soldaten in den Tod. Gegen Apachen zieht er, die aufbegehren, weil sie schlechten Whiskey statt Essen in ihr Reservat geliefert bekommen. Dass sie nur tun, was jeder andere anständige Mensch auch tun würde, wie Captain Yorke (John Wayne) sagt, dass weiß auch Lieutenant Colonel Thursday (Henry Fonda). Doch der Ranghöhere sieht in ihnen nur Wilde, die den Befehlen der Repräsentanten der USA zu gehorchen haben. Wie seine Soldaten seinen Befehlen ohne Einspruch folgen müssen. Die Niederlage, in die offenen Auges geritten wird, ist so eine doppelte. Die militärische sowie die humane, welche die wehende Fahne der USA im Angesicht der zeitgeschichtlichen Geschehnisse, die kommen werden, nur noch bitterer erscheinen lässt. Ford besetzte seine Apachen mit Navajo statt kaukasische Hollywoodschauspieler anmalen zu lassen. Und er ließ sie mit demselben Lohn bezahlen, wie die anderen Schauspieler und Statisten auch. Es sind Gesten, welche den zynischen und brutalen Umgang mit den amerikanischen Ureinwohnern, den FORT APACHE gallig auf den Punkt bringt, etwas ausgleichen wollen. Aber nicht umsonst herrscht hier oft der nicht wirklich passende Ton einer Säuferkomödie. Das Maß an historischer Schuld und Unverarbeiteten, es wiegt schwer, und ist mit solchen Gesten nur schwer beglichen. Der torkelnde Frohsinn zwischen all dem unaufhaltsamen Zusteuern auf ein brutales Ende verstärkt das Traurige der Handlung umso mehr.

She Wore a Yellow Ribbon / Der Teufelshauptmann
(John Ford, USA 1949) [blu-ray, OmeU]

großartig +

Es sind zwar ein paar surreale Verschiebungen vorhanden, aber SHE WORE A YELLOW RIBBON kann mehr als weniger als direkte Fortsetzung von FORT APACHE gelesen werden. Aus dem Massaker, welches den Vorgänger beendete, wird hier das, was es verdeckt schon immer war, nämlich die Niederlage Custers am Little Big Horn. Statt Apachen sind es nun Cheyenne und Arapaho, deren Aufbegehren die inneren Konflikte von außen befeuern. Und Waynes Captain Yorke heißt jetzt Brittles und steht kurz vor der Pensionierung. Das Ende seines Dienstes ist nah. Nur die Stimmung hat sich gänzlich geändert. Steuert FORT APACHE unaufhaltsam auf die Katastrophe zu – und betrinkt sich im Angesicht dessen ordentlich – da ist sie hier schon da. Eine kleine Liebesdreiecksgeschichte läuft in SHE WORE A YELLOW RIBBON mit. Eine Frau muss zwischen zwei Offizieren entscheiden. So wie die Besiedlung Nordamerikas sich nach 1876 entscheidet. Während die 1860er und 70er eine Ballung von Indianerkriegen bringen, als letzte Rebellion gegen die sich immer mehr ausbreitenden USA, da nutzt eben diese die nativen Einwohner als äußeren Feind, um das Land nach dem Bürgerkrieg zu einen. Das Massaker von Wounded Knee ist noch relativ weit entfernt, aber das Ende, die Entscheidung ist nah. Ein Aufschieben bzw Wegschieben der Indianer in immer kleinere und unwirtlichere Reservate war an seine Grenzen gelangt. Auf seine Weise wird all dies in SHE WORE A YELLOW RIBBON reflektiert. Captain Brittles muss raus aus seinem Fort und soll die Cheyenne nach ihrem Sieg kontrollieren sowie die Frauen des Forts in Sicherheit bringen. Er muss nicht nur durch die monumental schöne Wüste von Monument Valley, sondern auch durch ein Land voll Tod und Gefahren. War FORT APACHE von einem kontrastreichem Schwarzweiß bestimmt, da herrschen hier die grellen Farben. Vor allem wenn Brittles im Abendrot am Grab von Frau und Kind sitzt. Das Ende ist nah. Es bleibt nur der Blick wehmütige zurück … und eine gut gemeinte, aber auch nur wieder aufschiebende Tat, bevor der sinnlose Krieg vollends ausbrechen und nur Tod und Verderben bringen wird, beschließt den Film. Mit seinem Ende und Fords typischem gelassenen Ton träumt SHE WORE A YELLOW RIBBON von einem anderen Schluss der unaufhaltsam sich vollziehenden Dinge. Es werden die Gläser gehoben, gefüllt mit Sentimentalität und Alkohol, weil die Realität zu sehr weh tut.
*****
Ich erinnerte mich während des Films an den Lagavulin, den mein Vater mir vor einigen Jahren zum Geburtstag schenkte. Ich habe ihn in letzter Zeit nicht mehr angefasst und ganz allgemein seit Jahren nichts mehr getrunken. Nun saß ich also mit einem Glas schottischen Whiskeys vor einem John Ford Film und fragte mich, ob das unangebracht wäre … während die Bilder von blühenden, farbenfrohen Blumen, die auf verrottenden Schiffsblanken wuchsen, die aus Mund und Nase assoziativ vorbeischwebten, die Atmosphäre bereicherten.

Sonnabend 10.03.

Donovan’s Reef / Die Hafenkneipe von Tahiti
(John Ford, USA 1963) [DVD, OmeU]

großartig

Die Exposition baut einen Bud-Spencer-und-Terence-Hill-Vorläufer auf, der später nur sporadisch aufgegriffen wird. Fast vergessen scheinen die Versprechungen des Beginns. Aber jedes Mal, wenn Lee Marvin doch nochmal zu sehen ist oder nur der Name seiner Figur, Gilhooley, fällt, dringt der alkoholgetränkte Schlendrian bis Hooliganismus wieder atmosphärisch in die Liebeskomödie ein. Immer wenn es zu gesittet zugeht, wenn das Geschehen zu sehr dem verknöcherten Protestantismus gleicht, der die Ostküste und den industriell erarbeiteten Reichtum kennzeichnet und der in Form einer zugeknöpften Frau nach Tahiti kommt, dann dringen Gefühle, Chaos und sentimentale Raubeinigkeit durch diesen scheinbar vernachlässigbaren Beginn wieder ein.

Fikkefuchs
(Jan Henrik Stahlberg, D 2017) [stream]

gut

Im Gegensatz zur Strenge eines Ulrich Seidl macht Jan Henrik Stahlberg mit den unangenehmen Situationen seines Films Party. Sein im Selbstverständnis romantischer Jäger junger Frauen darf schwelgerisch von der Kastration des männlichen Geschlechts philosophieren, während dessen Sohn sich durch seinen Wunsch nach Muschis prollt und keine Scham zu kennen scheint. Und so mischen sie die Spießbürger auf, wie sie sich noch viel mehr als misogyne Tröpfe offfenbaren. Am Ende ist die Lösung für sie recht einfach: Prostitutierte als Chance, statt keinen Selbstwert als gescheiterte Pickupartists zu haben. FIKKEFUCHS schrammt dabei gutgelaunt durch Hohn, Mitgefühl, Fremdscham und zwischenmenschlichen Horror. Wenn einer der beiden danach gefragt wird, ob ein Leben ohne einen erigierten Penis nicht auch lebenswert sei, dann kann ein sehr aufrichtiger Moment erlebt werden. Ein seltener, denn wie so bei MUXMÄUSCHENSTILL habe ich bei Stahlberg das Gefühl, dass dies unter Oberflächen aus jammervoller Jux und Dollerei verschüttet wird. Schon die Frisur des von ihm gespielten Rocky, die ihn eher als Witzfigur, denn als (ehemaligen) Verführer kennzeichnet. Aber vll ist das auch das Ehrlichste und Traurigste an FIKKEFUCHS, wie fremd sich die Leute hier sind.

Freitag 09.03.

Boyka: Undisputed IV / Undisputed IV: Boyka Is Back
(Todor Chapkanov, BG/USA 2016) [DVD]

gut +

Das BOYKA IS BACK des deutschen Titels ist durchaus spannend. Denn ja, Boyka (Scott Adkins) hat seinen Platz als Hauptfigur verteidigt. Er ist wieder da. Das Problem, dem er sich nun stellen muss, ist weniger der russische Mafiaboss in einem klassischen 80er Jahre Actionfilmplot, wo einer als Eigentum gehaltenen Frau in einer korrupten Pampa geholfen werden muss, sondern der Dualismus in ihm. In den Kämpfen sehen wir Boyka immer wieder, wie er zum Tier (Krieg) wird und nur mit Anstrengung unterdrücken kann, seine Gegner zu Klump zu schlagen. Seine gottgegebene Gabe sei sein Können im Ring und mit dieser scheint er auch im Einklang zu sein. Trotzdem sucht er im Schoß der Religion Ruhe und Vergebung für seine Sünden und für die Gewaltspitzen, die aus dem Kampfsportler Boyka immer wieder etwas Unmenschliches und einen Mörder machen. Bei der zu rettenden Frau sucht er eben dies, Vergebung. Aber anders als bei dem möglichen Seelenverwandten Rambo läuft dieser Dualismus im Geschehen nur mit. Die beiden Seiten werden dabei nur minimal gegeneinander in Stellung gebracht … bis er zum Abschluss des Films seine Vergebung bekommt. Aber zu diesem Zeitpunkt ist er wieder dort, wo es in den vorherigen Filmen begann. Im Gefängnis kann er wieder ohne Gewissensballast zum Tier/Krieg werden. Die erteilte Vergebung, sie könnte ihn nun kaum weniger interessieren. Denn der gute, alte Boyka ist zurück.

Sadie / Sadie – Dunkle Begierde
(Craig Goodwill, UK/CA/I 2016) [stream, OF]

großartig

Und es ging manichäisch weiter, denn auch in SADIE gilt es den Dualismus im Wunschhaushalt seiner titelgebenden Hauptfigur aufzulösen. (Spoiler: es wird dialektisch geschehen, imho.) Sadie (Analeigh Tipton) lebt mit einem Freund zusammen, der sie anscheinend gut behandelt. Nur, die Gesichter nach der eröffnenden Sexszene sehen in der illuminierten, kuscheligen Inszenierung des Aktes alles andere als nach Befriedigung aus. Bei einer Lesung trifft sie eine alte Flamme wieder, der sie wie ein Stück Fleisch behandelt(e), aber dabei – selbstredend – sehr raffiniert vorgeht. In ins surreale Tableaus abdriftende GESCHICHTE DER O.-Phantasien wird sich SADIE begeben und mal wieder etwas mehr Lust wagen. Wobei Lust so verstanden wird, wie es eine Gefährtin Sadies in einem Monolog in der zunehmenden Künstlichkeit aufsagt. Dass sie sich als weibliches Wesen nicht als Gleichberechtigte sieht, sondern als etwas, dass es zu beherrschen gilt. Ein italienisches Schloss mit seinen riesigen Hallen, ausladenden Wandmalereien, seinen Kronleuchtern, seinem botanischen Garten, sprich mit seinem dekadentem Schick wird Kulisse der masochistischen Phantasien von Frauen, die von hinten an Bücherregale gedrückt werden und denen der Rock hochgeschoben wird, von Fesseln und phantastischen Masken. Drogen werden die Realität langsam abdriften lassen. Und so gibt sich SADIE vorsichtig und genießerisch dem Dionysischem wie Gewalttätigem hin, was für Sadie nicht immer leicht zu akzeptieren ist. (Aber schlechter Sex scheint auch keine Lösung zu sein.) Langsam, ganz langsam gleitet das Geschehen und die Bilder also Richtung Ekstase. Plötzliche Schocks und Ausbrüche der Lust scheinen nur Strohfeuer für das Kommende darzustellen, bleiben diese doch vage Andeutungen … und dann kommt leider ein Ejaculatio praecox. Gerade wenn die Eskalation auszubrechen scheint, fällt SADIE in sich zusammen und steuert überrumpelnd zum Ende.

Donnerstag 08.03.

Bloody Bloody Bible Camp
(Vito Trabucco, USA 2012) [stream, OF]

uff

Anderthalb Stunden allumfassende Biederkeit. Falls es Ambitionen gab, irgendwas Un- oder Außergewöhnliches, etwas Schönes, Hässliches oder Aufregendes in BLOODY BLOODY BIBLE CAMP unterzubringen, so ist mir das entgangen. Stattdessen geht dieser Slasher lediglich auf sich selbst los. Er unterstreicht gerne wie doof er sich selbst findet und bietet sich ohne Selbstachtung, Leidenschaft und Kreativität zum Spott an. Und am Ergreifendsten ist dabei, wie verklemmt die Pointen bzgl Sex, Drugs und Rock’n’Roll sind, auf die sich verlassen wird. Trash, der so sehr vor einem im Dreck liegt und darum bettelt als Trash wahrgenommen zu werden, dass es weh tut.

Mittwoch 07.03.

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri
(Martin McDonagh, USA/UK 2017) [DCP, OmU]

ok

Von zwei Dingen erzählt THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI. Von einer Wut, die für Argumente, gesunden Menschenverstand und Abwägen keinen Platz mehr hat und sich immer mehr in einen hineinfrisst. Und davon, dass hinter dieser Wut vor allem unverarbeitete Trauer wartet, dass noch jeder Arsch seine Gründe für sein Handeln hat … und vll gar nicht so ein Arsch ist, wenn dieser genauer betrachtet wird. Auf der einen Seite sehen wir also etwas, das einer vor sich hin wütenden facebook-Kommentarspalte oder gelebtem PEGIDA-Hass gleicht. Am besten verdeutlicht vll von Szenen wie die, wo Mildred (Frances McDormand), zwei Highschülern, die ihr Unverständnis für ihre Billboards per Dosenwurf auf ihr Auto ausdrücken, mit einem saftigen Tritt zwischen die Beine der Minderjährigen beantwortet. Oder die, wo der Polizist Dixon (Sam Rockwell), einen Werbetafelvermieter im rauschenden Hass aus dem Fenster wirft. Beide Szenen werden in ihrer völligen Sinnlosigkeit und ihren falsch gerichteten Mitteln ausgekostet. Hier ist es erreicht, das Ende der Kommunikation, das Ende der Möglichkeit des Verständnisses zwischen den Leuten. Auf der anderen Seite steht da der sentimentale Humanismus, der seinen Figuren stets einen versöhnlichen Ausweg gibt, der sie versteht. So wie Mildreds Handeln immer Ausdruck des unverarbeiteten Schmerzes ist, ihrer Tochter im Zorn gewünscht zu haben, dass sie vergewaltigt wird, kurz bevor sie tatsächlich vergewaltigt und verbrannt wurde. So wie Dixon das Produkt seines kaputten Elternhauses ist und der seinen Ersatzvater Sheriff Willoughby (Woody Harrelson), kostete es, was es wolle, beschützen möchte. Dazwischen ein Ausbund von Verständnis, der jedem seinen Ausweg bieten wird. Eben dieser Sheriff Willoughby, der aus dem Grab Briefe schreibt, die er zu rühriger Musik vorlesen darf und die alle Beteiligten im richtigen Moment wieder etwas erden. Aus dem Grab, weil – in solche einer Atmosphäre muss es so sein – er an Krebs erkrankte und sich sehr verständnisvoll eine Kugel in den Kopf jagte. Und so stehen sie sich gegenüber. Wut und Menschenliebe. Für keine der Seiten entscheidet sich THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI. Keine dieser Seiten wird überhand nehmen. Aber dabei kommt es kaum über ein mit den Schultern hingezucktes Menschen sind halt so, haben zwei Seiten hinaus. Es schleicht sich eben stets auch eine Pointe in den Film, wenn sich den Leuten etwas angenähert wird, wenn zu ihnen vorgedrungen wird. Mit einem Witz dürfen sich die Figuren dann durch den Kakao ziehen. Als ob vor dieser Nähe zurückgeschreckt wird. Als ob die Figuren oder der Film Angst vor Konsequenzen ausdrücken wollen. Und darin ist er vll am Treffendsten als Bild unserer Zeit.

Denk bloß nicht, ich heule
(Frank Vogel, DDR 1965) [35mm]

fantastisch

Das Leben ist wie ein Babystrampler. Kurz und voll Scheiße.
Peter Naumann (Peter Reusse) möchte sein oder besser ist wie Johnny Strabler (THE WILD ONE), Jim Stark (REBEL WITHOUT A CAUSE) oder Michel Poiccard (AUSSER ATEM), nur dass er in der DDR aufgewachsen ist. Einer Welt aus Dialektik, Weltrettungsbestrebungen durch überfürsorglicher wie banger Pädagogik und ideologischen Scheuklappen. Er rennt dagegen an, verhöhnt sie, schon durch den Fakt, dass er dada-romantisch reimend mit einem Mädchen durch Buchenwald tänzelt, er versucht einen Platz darin zu finden, er lernt und arbeitet, aber immer wieder landet er bei Leuten, die es besser wissen. Der nouvelle vague-eske Spaß erstickt immer wieder in den so typischen ostdeutschen Dialogen. DENK BLOSS NICHT, ICH HEULE reibt sich an seinem Land, übermütig, frivol und verbissen, wie es sich an der Suche nach einem richtigen Leben reibt. Die Altvorderen gebieten, dass er Leben soll, saufen und ficken, oder dass er kämpfen soll, bloß nicht aufgeben, oder dass er sich unterordnen soll, aber trotzdem frei denken … nur nicht so, wie es eben nicht passt. Seine Generation möchte Spaß, asozialen Spaß oder duckt sich weg. Durch Bars und Modegeschäfte geht es, durch Nazipomp und realexistierenden Sozialismus, durch LPG-Wirklichkeit und märchenhafter Verträumtheit wie surrealer Verzerrung. Gedreht von Günter Ost in lässiger Eleganz und erdrückender Weite. Bisher kennen ich keinen auswegloseren Film, trotz seinen versöhnlichen Anknüpfpunkten, der als Narr und Poet die ostdeutsche Lebenswirklichkeit zu einem solchen harschen, witzigen, existentialistischen Tanz bat. Das 11. Plenum des ZK der SED stufte ihn dann auch als besonders schädlich ein.
Disziplin ist, wenn man’s heimlich tut!
*****
Ich habe nur anderthalb Schuljahre in der geschlossenen DDR erlebt. Mein Erstes, dann kam schon die Wende … und nur ein Jahr später der Anschluss an die BRD. Aus diesem ersten anderthalb Jahren habe ich u.a. eine deutliche Erinnerung. Wie von Ernst Thälmanns Martyrium im KZ erzählt wurde. Wobei, was ein KZ war, habe ich auch erst später verstanden. Die Erinnerung besteht auch nur aus diesem Gefühl von Düsternis und Pein. Oder da war der Tag, wo wir zu den Jungpionieren geführt wurden und uns voller Stolz erklärt wurde, dass wir uns da auch mal engagieren werden … und ich nur fliehen wollte. Vll ist es diese Erinnerung, die mich für DENK BLOSS NICHT, ICH WEINE noch empfänglicher macht. Es ist die Vision eines Kelches, der an mir vorrübergegangen ist … wobei ich aber kein Peter Naumann geworden wäre. (Was wiederum aber nicht heißen soll, dass nur diese biographische Lappalie den Film so gut macht.)

Suspense
(Lois Weber, Phillips Smalley, USA 1913) [stream, OZ]

großartig

Die ganzen Klischees über den Stummfilm und seine Entwicklung, hier ist mal wieder zu sehen, was das oft für ein Quatsch ist. Es fehlt wirklich nur der letzte Schritt zur Großaufnahme, aber ansonsten … fast wie ein Michael Mann Film mit beispielsweise einer Autoverfolgungsjagd, die aus einem fahrenden Auto heraus gedreht wurde.

Dienstag 06.03.

The Shape of Water / Shape of Water – Das Flüstern des Wassers
(Guillermo del Toro, USA 2017) [DCP]

ok

CRIMSON PEAK bleibt als Hoffnung, einmal mit einem Film von Guillermo del Toro richtig warm zu werden. Mit THE SHAPE OF WATER hat es leider mit dem nunmehr 5. Film auch nicht geklappt. Dabei ist so viel drin, was ich doch als Motiv mag. Vor allem Wasser. Soviel Wasser. Und trotzdem fühlt sich THE SHAPE OF WATER nicht feucht an. Eher wie ein exorbitanter Hochzeitskuchen mit zuckersüßer Glasur, wo jemand genau darauf aufpasst, dass auch nichts aus seinen Proportionen platzt, dass alles da ist, wo es hingehört. Die Symbole werden so ausformuliert, dass sie nicht zu übersehen sind. Selbst die Bonbons von Michael Shannon und ihr extradiegetischer Sinn werden in einem Monolog ihres Lutschers/Kauers ausgeführt. Und so entsteht eine klinische Reinheit, eine formelle Klarheit, die die Emotionen und das Schräge, was es alles in THE SHAPE OF WATER gibt, unterminiert. Die Folge war, dass die Hauptfiguren und ihre Probleme ganz sachlich abgeliefert werden, aber der eigentliche Hort der Tragik Bösewicht Shannon war, der nach Anerkennung giert. Aber irgendwas in seinem System lässt ihn alles falsch und niederträchtig angehen. Er, der traurige Psychopath, war interessanter, als eine Liebesgeschichte, die davon handelt, dass eine sexuell frustrierte Frau, die nach Eieruhrvorgabe masturbiert, romantische wie sexuelle Erfüllung findet. Aber nach der Erlösung aus diesem traurigen, irrwitzigen Umstand ihrer Charakterisierung ist die Lebenswelt kaum mehr magischer als sie es eh schon von Beginn an war. Es gibt diese Motive, wie das McDonalds-artige Kuchenfranchise, wo das Durchkonfektionierte in Form von ungenießbarem Kuchen und seelenlosen Bediensteten vorgeführt wird, aber kaum etwas an THE SHAPE OF WATER hob sich imho von diesem Ort ab. Leider.

Montag 05.03.

Derrick (Folge 70) Ein tödlicher Preis
(Helmuth Ashley, BRD 1980) [DVD]

großartig

Derrick verlässt nur gegen Ende sein Büro. Berger und Harry müssen für ihn die Arbeit machen, während er die Büroblumen gießt. Ein Bonsai hat nur noch gefehlt, während er als Zen-Meister/graue Eminenz die Fäden der Fahndung in der Hand hat und buddhagleich ruhend steuert. Seine Gegenüber werden wohl nie ins Bild kommen. Denn der scheinbare Obergangster des organisierten türkischen Verbrechens in München, er macht trotz mehrerer Schläger, die für ihn arbeiten, alles selbst. Er scheint nur eine Figur wie Harry zu sein. Die Welt des Verbrechens hat deshalb auf den ersten Blick etwas Beschauliches. Und genau das, kann dazu führen, was EIN TÖDLICHER PREIS ausmacht. Fahnden tut Derrick nach dem Mörder eines Taxifahrers und den Inhalt eines Koffers, der im Kofferraum von dessen Taxi urplötzlich auftauchte. Die 10 Kilo Rauschgift, die in diesem Koffer waren, hatte der Taxifahrer aus diesem entwendet, bevor der besagte Handlager, aufgemacht wie ein Noirgangster, in seinem Taxi sitzt und sein Eigentum wieder haben möchte. Der nun folgende Selbstbetrug kleinbürgerlicher Spießer ist schlicht herrlich. Der Sohn des Taxifahrers erzählt ohne Unterlass, nachdem er die 10 Päckchen gefunden hatte, dass er diese nicht der Polizei übergeben kann. Sein Vater würde dann ja wie ein Dieb aussehen. Gleichzeitig betont er immer wieder von Drogen keine Ahnung zu haben. Er schätzt in den Päckchen befindet sich Heroin. Ganz wie im Film wird die Tüte angestochen und an einer Brise gekostet, aber es ist sinnlos, weil niemand der Anwesenden weiß, wie es schmeckt, wie es zu identifizieren ist. Und doch, trotz alledem, hat er keine Skrupel und keine Vorbehalte diese 10 Kilo gewinnbringend an einen Dealer verkaufen zu wollen. Und so entspinnt sich eine kleine Fehde aus kleinen, selbstgerechten Spießbürgern, die zwar trotz dem was sie sagen und wie sie auftreten, sich für große Macker halten müssen, und einem familiären Verbrechersyndikat, wo sich durch wunderschöne verfallene Häuser und Fabriken geschlagen wird. Wo innerhalb der Grünwalder Villen das Großbürgertum im eigenen Saft schmort, da herrscht unterhalb ihnen Ignoranz und Hilflosigkeit. Unterlegt wird dies alles von einer melancholischen Musik, die jeden heruntergekommen Großstadtthriller veredeln würde. (Nachdem sich Frank Duval zuletzt in avantgardistischen, kalten Synthesizerflächen übte, darf Hans Hammerschmid DERRICK hier mit einem neuen Gewand umschmiegen.)

Sonntag 04.03.

Duelle (une quarantaine) / Unsterbliches Duell
(Jacques Rivette, F 1976) [blu-ray, OmeU] 3

großartig +

Dass ich DUELLE ca. einen Monat nach der letzten Sichtung nochmal schaute, war sicherlich dessen Qualität geschuldet. Eigentlich mache ich dies viel zu wenig: Filme schauen, bis ich sie richtig kennengelernt habe. Grund für diese nächste Sichtung war aber auch, dass ich beim letzten Mal etwas mit Sekundenschläfen zu kämpfen hatte. Die damit einhergehenden Unsicherheiten bei der Einschätzung dieses Films nagten an mir. Andererseits lag es aber wohl vor allem an THE NEW BIOGRAPHICAL DICTIONARY OF FILM (4. Ausgabe) von David Thomson. Ich weiß nicht, wie der entsprechende Eintrag zu Rivette in den folgenden Ausgaben aussieht, aber hier übergeht er die 10 Jahre nach CÉLINE UND JULIE FAHREN BOOT in einem Absatz. Am Beispiel bzw mit der Nennung von DUELLE erklärt Thomson, nachdem er eine ausführliche Liebeserklärung an das Werk Rivettes bis 1974 aussprach, dass die folgenden Filme statt Sinnzusammenhänge in Frage zu stellen Okkultismus boten und bloß noch schön anzusehen waren. Diese grobe Zusammenfassung eines kurzen Absatzes, der ein ganzes Jahrzehnt noch gröber abkanzelt, hat mich nach der Eloge stets verwundert. Diese klare Trennung hat sich mir aus den wenigen Worten nie so ganz erschlossen, da ich keine großen Brüche wahrnehmen konnte. Was passierte also in diesen 4-5 ausgelassenen Filmen, das ihm Rivette anscheinend verdirbt und mit dem er sich scheinbar nicht auseinandersetzen möchte? Was geschieht in DUELLE?
Rivettes Errungenschaften nach Thomson waren, um es auf einfache Begriffe zu bringen, die Unendlichkeit, das Amateurhafte und das Ende klarer Sinnzusammenhänge. Statt also einen Film zu drehen, der über mehrere Jahre entstand und sich im Laufe der Zeit ständig veränderte und folglich nie zu einem festen Ganzen wurde (PARIS GEHÖRT UNS), statt einem Film, der 4 bis 12 Stunden dauerte (AMOUR FOU bzw OUT 1) und statt eines Filmes, der in seinen Repetitionen immer weitergehen könnte (CÉLINE UND JULIE FAHREN BOOT), hatte er einen Film gemacht der 2 Stunden dauerte und einen Verlauf von einem klaren Anfang zu einem klaren Ende hatte. Ob Thomson bewusst war, dass DUELLE ein Teil von 4 Filmen sein sollte, von denen aber nur zwei entstanden, dass die Unendlichkeit auf eine neue Weise als Assoziationssystem also gegeben war, entzieht sich meinem Wissen. Schön, wie Thomson sagt, ist DUELLE jedenfalls, vll sogar der Gekonnteste seiner bisherigen Werke. Außerdem führt das Suchen durch die Leere der Realität diesmal tatsächlich zu einem Zusammenhang. Statt einem paranoiden Netz, dass sich als Nichts erweist (PARIS GEHÖRT UNS), statt der Verwebung und Trennung der Realitäten von Kino und Wirklichkeit zu einer phantastischen Weltwahrnehmung voll Kuddelmuddel (CÉLINE UND JULIE FAHREN BOOT) findet sich hier eine einfache mythische Realität mit Göttinnen, die auf die Erde kommen. Vll wurde Thomsons Wunschvorstellung von Rivette durch Filme wie DUELLE zerstört, da die drei Dinge, die er an seinen Filmen pries, hier für ihn nicht gegeben waren. Aber gerade das Amateurhafte in der Ausstattung und im wenig fokussierten Wabern durch seltsame Orte und seltsame Geschehnisse, sie verfestigen keine okkulte Weltsicht. All das Griechische dieser Mystik, es doppelt lediglich die Realität und macht die Verlorenheit in ihr nur noch Größer. Selbst der Glaube an Götter bietet dieser Welt keinen festen Sinn mehr. Ich verstehe diese radikale Wendung Thomsons gegen Rivette also immer noch nicht.

The Fog / The Fog – Nebel des Grauens
(John Carpenter, USA 1980) [blu-ray, OmU] 2

großartig +

THE FOG beginnt mit einem älteren Erzähler am Lagerfeuer vor ein paar, schätzungsweise, Grundschülern. Eine Schauergeschichte über ein gestrandetes Schiff erzählt er, deren Geister jetzt ab Mitternacht diesen Ort 100 Jahre nach ihrem Tod heimsuchen werden. Eben von dieser Heimsuchung wird THE FOG erzählen. Die Handlung wird das Lagerfeuer zwar schnell verlassen, aber die Erzählung selbst wird im Geiste immer an ihm sitzen bleiben. Es mag deshalb wenig schaurig und irgendwie unterraschend bleiben, was in Folge passieren wird. Ein Nebel kommt über eine Stadt, dunkle Geheimnisse werden offenbart, aber nur 6 Tote werden die Untoten fordern, bis sie verschwinden. Statt Terror und um ihr Leben bangende Massen, statt hohem Body Count und Berge aus Körperteilen bleibt THE FOG seltsam gesittet. Sein Grusel ist der eines Groschenheftes und seine Klasse, dass er darin all diese kleinen Seltsamkeiten von Trinkern, Anhaltern und Radiomoderatoren erzählt, dass er so verdammt eigensinnig ist.

Sonnabend 03.03.

The Prisoner of Shark Island / Der Gefangene der Haifischinsel
(John Ford, USA 1936) [DVD, OF]

großartig

In Terry Pratchetts Scheibenweltroman INTERESTING TIMES beklagt sich Zauberer Rincewind darüber in interessanten Zeiten zu leben und versteht schon gar nicht, wie sich über einen solchen Umstand gefreut werden kann. Sowas bringe doch nur Unsicherheit, Qual und Schmerz. Gerade der Anfang von THE PRISONER OF SHARK ISLAND würde ihm, Rincewind, noch einige Gründe mehr geben. Die Hysterie während des Sezessionskriegs herrscht aller Orts. Ob nun Großväter ihre ideologischen Schwalle, dass der Krieg nichts mit Sklaverei zu tun hätte, auf ihren Enkeln im Vorschulalter entladen, weil ihnen wohl sonst schon niemand mehr zuhört, ob vom Wahn getriebene Südstaatler losziehen um Präsident Lincoln eigenhändig zu töten oder ob Lincolns Anhänger für diese Tat Blut sehen wollen, stets herrscht das Gefühl wir befänden uns in einer heutigen facebook-Kommentarspalte, wo jemand unbedacht das Wort Flüchtling ausgesprochen hat. Ein Arzt, der real existierende Samuel A. Mudd (Warner Baxter), behandelt den verletzten John Wilkes Booth und landet dafür auf der us-amerikanischen Teufelsinsel, Dry Tortuga. THE PRISONER OF SHARK ISLAND korrigiert das Bild Mudds dahingehend, dass er Booth nicht gekannt hat und einem völlig Fremden bei seinem auf der Flucht gebrochen Bein half. Ein völlig Unschuldiger, wird aus ihm gemacht, der Lincoln als die einzige Rettung der USA sah. Er wird zum Blatt im Sturm der interessanten Zeiten … bzw zum Gefängnisinsassen seiner gesellschaftlichen Realität. Und so ist ein Doktor vonnöten, der das Fieber der USA heilt, symbolisch dafür den Ausbruch des Gelbfiebers im Gefängnis, in dem er wiederum hysterischen Aufsehern ausgeliefert abgeladen wird. Schmerzlich ist es, wie THE PRISONER OF SHARK ISLAND alle Brutalitäten wie Sklaverei und Unwägbarkeiten wie Mudds politische Gesinnung beschönigt, um die Möglichkeit eines Happy Ends zu haben. (In der letzten Einstellung, nachdem Samuel A. Mudd als Vertreter der ritterlichen Südstaaten als gebrochener Mann heimkommt: eine glückliche Familie ehemaliger Sklaven. Was ist das aber für ein Happy End?) Um, im Film ist es möglich, in uninteressanten Zeiten ankommen zu können. Und so redet THE PRISONER OF SHARK ISLAND zumindest sehr behände von dem Schmerz, den der Wahn für den Einzelnen darstellt, der keinen Teil davon ist.

Narrow Margin / Narrow Margin – 12 Stunden Angst
(Peter Hyams, USA 1990) [DVD, OF]

großartig

Es ist eine Show für Gene Hackman, der als knurriger, großmäuliger, für sein Umfeld lästiger Idealist alles tut, dass das Böse in der Welt nicht gewinnt. Sein Anwalt Robert Caulfield (gewitzter und sympathischer als sein Namensvetter Holden Caulfield, nur so nebenbei) hat sich in NARROW MARGIN mit einer Zeugin in einen Nachtzug katapultiert. Dort eingezwängt bietet er sich eine Strategieschlacht mit den ebenso anwesenden Profikillern, die in der Öffentlichkeit eines Zuges schwerlich rücksichtslos vorgehen können. Auffällig ist dabei wie viele langsamen Schwarzblenden es dabei gibt. Wenn die Lider der Kamera wieder langsam zufallen, vergeht die Zeit sehr langsam. Das Warten im Abteil auf den nächsten Schritt des Gegners wird so durch kurze Momente von vll einer Sekunde zu quälenden Perioden, die sich neben der Action und der Bedrohung auf die Gemüter der Figuren legen. Schnitte überspringen ganz selbstverständlich und ohne große Anstrengung Zeit und Raum, hier ist jeder Sprung um ein paar Stunden schwer erarbeitet.

Freitag 02.03.

Blackadder: The Cavalier Years
(Mandie Fletcher, UK 1988) [DVD, OmeU]

großartig

Vll das beste Special zu BLACKADDER, weil die 15 Minuten tatsächlich wie eine Folge der Serie funktionieren. THE CAVALIER YEARS soll also nichts Spezielles sein, sondern the real thing … und das ist toll.

Secuestro / Boy Missing
(Mar Targarona, E 2016) [stream]

nichtssagend

Leidenschaftlich wird alles weggeschoben, Menschen, Gefühle, Ideen uswusf, nur um bald möglich wieder einen fadenscheinigen Twist zu installieren. Und das Tristeste ist nicht mal, dass die einzige Freude, die BOY MISSING kennt, keine Freude mehr genieren kann, da alles so sehr auf Überraschungen ausgerichtet ist, dass es keine Überraschungen mehr geben kann, sondern nur business as usual, sondern mit welchem Bierernst dies alles vorgetragen wird.

Donnerstag 01.03.

Blackadder Back & Forth
(Paul Weiland, UK 1999) [DVD, OmeU] 2

großartig

Das erste Mal überhaupt sieht eine halbe Stunde BLACKADDER nach etwas Budget aus. Und tatsächlich wurde dieses Special zuerst auch nur in Kinos gezeigt. Aber doch sind es nur die Überreste der Ambitionen, mal einen BLACKADDER-Kinofilm zu machen. Eine halbe Stunde darf ein heutiger Blackadder kurz vor dem Millennium mit einer von da Vinci und Baldrick erschaffenen Zeitmaschine durch die englische Geschichte und seinen Stammbaum reisen. Was heißt, dass er durch alle Zeiten rüde pöbeln darf und Baldrick dumme Dinge sagt und tut. Nicht wirklich originell, aber ein ganz schöner, nicht nur nostalgischer Abschluss von einer Legende. Und wenn dabei Shakespeare (Colin Firth) für die Qualen, die er bei kommenden Schülergenerationen hervorrief und hervorruft, zusammengeschlagen wird, Dinosaurier mit stinkenden Unterhosen getötet werden und Lord Flashheart als Robin Hood Woof rufen darf, während er seine Hüfte nach vorne stößt, ist das alles durchaus erfreulich.

Februar
Mittwoch 28.02.

Blackadder’s Christmas Carol / Blackadders Weihnachtsgeschichte
(Richard Boden, UK 1988) [DVD, OmeU]

gut +

Durch diverse Zeitengpässe haben Sabrina Z. und ich eine halbe Ewigkeit gebraucht um die 4 Staffeln à 6 Folgen von BLACKADDER, einer der ewigen Top Ten-Serien, durchzuschauen. Jetzt sind wir bei den Specials angekommen, die ich bis auf BACK & FORTH noch nicht kenne. Die zwischen dritter und vierter Staffel entstandene CHRISTMAS CAROL hat dabei den klaren Charakter eines Zusatzes. Der Geist der Weihnacht (Robbie Coltrane) zeigt Ebenezer Blackadder (Rowan Atkinson) kleine neue Schandtaten seiner Vorfahren aus Staffel 2 und 3, die aus dem großzügigsten Menschen Großbritanniens einen echten Blackadder machen. Lohnenswert wird diese kurze Uminterpretation aber vor allem, weil Tony Robinson und Atkinson sich in der Zukunftsepisode in eine extrem luftige Lack- und Lederkluft schmeißen.

Derrick (Folge 69) Tödliche Sekunden
(Zbyněk Brynych, BRD 1980) [DVD]

großartig

Dass diese Episode, die auch Väter und Söhne hätte heißen können, von Brynych ist, ist nach wenigen Minuten klar. Es gibt zwar keinen leitmotivischen Musikeinsatz, wenn von klirrender Stille und wenigen, eisigen Synthesizerflächen abgesehen wird, dafür aber eine nicht vorhandene Gemütsruhe, die von kleinsten Triggern zerstört in der brynych-typischen Hysterie mündet. Mütter laufen hinter erwachsenen Söhnen her und bitten zum Abendessen, als ob Leben und Tod davon abhängen. Verdächtige schreien und zetern. Ihr Lachen gleicht dem klagenden Wunsch danach, dass ihnen geglaubt wird. Kurz, die Nerven liegen blank. Immer und überall. Nur Derrick, dieser Unmensch, kann die Ruhe wahren. Das Schönste ist aber, wie wenig zwanghaft erzählt wird. Ein Sohn (Uwe Ochsenknecht) verdächtigt seinen Vater (Werner Kreindl) als Einbrecher rückfällig und darüber hinaus zum Mörder geworden zu sein, während der Vater in der beschriebenen Art verunsichert und verunsichernd den Glauben an seine Unschuld einfordert und erfleht. So zentral ist dieses Familiendrama, dass lange kaum Platz für Stephan und Harry bleibt … und dann versandet dies einfach. Verschwindet gänzlich, als ob es da nichts zu klären gebe. Assoziativ wird es vll in eine andere Vater-Sohn-Beziehung aufgelöst, aber wie es ansatzlos nicht wieder aufgegriffen wird, ist radikal. Ebenso werfen sich Ochsenknecht, der mit seiner Freundin eingeführt wird, und die Tochter des Opfers sehnsuchtsvolle Blicke zu, ohne dass dies zu irgendetwas führt. Kein Drama, keine Liebe, nur diese nicht eingebundenen Blicke. Diese Leichtigkeit im Erzählen steht so im krassen Gegensatz zur Angespanntheit der Leute, von denen erzählt wird. Rasendes Schweben.

Dienstag 27.02.

Missing in Action 2: The Beginning / Missing in Action 2 – Die Rückkehr
(Lance Hool, USA 1985) [DVD, OmeU] 9

verstrahlt +

Meine Eltern kauften 1992 unseren ersten Videorekorder. Da war ich 10 Jahre alt. Der erste Film, der darauf aufgenommen wurde, war KICKBOXER USA mit Lorenzo Lamas. Mein Vater hat diesen extra für mich aufgenommen. Mit ca. 13 Jahren schwor ich dann – langsam recht snobistisch werdend – meiner Vorliebe für B-Martial Arts aus den USA ab. Irgendwo in der Zwischenzeit war Chuck Norris mein bevorzugter Hauptdarsteller und MISSING IN ACTION 2 mein Lieblingsfilm. Jetzt habe ich ihn nach sehr langer Zeit mal wieder gesehen … mit einem gewissen Respekt davor. Das Überraschendste dabei war, dass ich mich an fast nichts mehr erinnern konnte. Grob wusste ich noch was passiert, aber mehr war da nicht. Als ich den ersten Teil vor anderthalb Jahren nochmals sah, schwangen bei Bildern und Szene auftauchende Erinnerungen mit oder ich erwartete ikonisch gewordene Bilder. Hier konnte ich mich nur noch an die Erschießung des australischen Fotografen erinnern. In seiner Drastik hatte ich vorher nichts Vergleichbares gesehen. Das Aufreißen des Kopfes, wenn die Kugel diesen wieder verlässt, ist tatsächlich zu sehen und die blutige Seite des Kopfes bleibt kaum mehr als eine Sekunde stehen, bevor weitergeschnitten wird, aber es schien mir eine Ewigkeit. Auch bei mehrmaligen Sehen war es für mich ein Schock. Das blutige Haar, welches neben dem Ohr schwingt, hatte in mir Assoziationen von Hühnergefieder geweckt. Wie ein Traumbild war es, wo ein explodierendes Huhn aus einem Kopf geschossen kam. Aber der Rest … er war fast völlig weg. Im Gegensatz zu Zito inszeniert Lance Hool viel zurückgenommener, fast dokumentarisch. Und wieder im Gegensatz zum ersten Teil zerspringt MISSING IN ACTION 2 nicht in seinen ideologischen Unannehmlich- wie Unwägbarkeiten. Völlig abstrakt und direkt ist diese Fortsetzung (die ja tatsächlich zuerst geplant war).
Zehn Jahre nach Ende des Vietnamkrieges sitzt eine Gruppe von us-amerikanischen Soldaten noch immer in einem vietnamesischen Kriegsgefangenlager. Ein Star-Spangled Banner, an dem Braddock (Chuck Norris) näht, und diverse kommunistische Worthülsen, kommen zu der Grundsituation dazu, aber die politische wie ideologische Dimension des Ganzen wird kaum angeheizt, eher ausgelassen. Colonel Yin (Oh Soon-Tek), der befehlshabende Offizier, wird nie zum Teil eines vietnamesischen Regimes. Einziger Kontakt zur Außenwelt ist ein französischer Drogenhändler, für den Yin von seinen Gefangenen Opium anbauen lässt. Und seine Forderungen an Braddock, seine Kriegsverbrechen sowie seine Verbrechen am vietnamesischen Volk zu gestehen, bleiben leere Phrasen, die sich als Teil seines sadistischen Spiels entpuppen. Das Lager, dass der Film nach seinem Auftakt nie verlassen wird, ist nur die Bühne für sein Theater des Grauens. Und MISSING IN ACTION 2 ist ein ebensolches. So wie Yin keiner Ideologie folgt und die Insassen nur als Spielzeug für seinen Sadismus nutzt, so bietet Lance Hool ihm dafür den Platz … bis alles kippt und die nicht weniger sadistische Rache folgen kann. Eine Rache, die mit einem ausgelassenen Witz ihren Höhepunkt findet.
Yin und Braddock, beide sind aufeinander fixiert und alle anderen Körper und Geiste bilden nur den Schauplatz als Stellvertreterkriege … an denen keiner der beiden wirklich interessiert ist. Yin könnte sein Geständnis wohl sofort haben, würde er die Freunde von Braddock körperlich foltern. Das hält dieser sichtlich nicht aus. Aber da Braddocks Körper und Geist Yins einziges Begehr sind, entsteht ein ausgiebiger Sadomasochismus, den MISSING IN ACTION 2 unbedarft als Kriegsgefangenfilm ausbuchstabiert und die sexuelle Verdrängung der beiden gerne annimmt. … und bei meiner Begeisterung als Kind für die gefesselten Tarzans und Winnetous ist es kaum verwunderlich, dass ich einen solchen Film dann sehr mochte.

Sonntag 25.02.

Armored Car Robbery
(Richard Fleischer, USA 1950) [DVD, OF]

großartig

Besonders schön ist die Planung und die Durchführung des Überfalls auf den gepanzerten Geldtransporter vor Wrigley Field, wenn auf Auftauchen der Polizei oder die Schießerei im Tränengasnebel von den johlenden Massen beim Baseballspiel innerhalb des Stadions kommentiert wird.

Derrick (Folge 68) Ein Lied aus Theben
(Alfred Weidenmann, BRD 1980) [DVD/stream]

gut

Lange verfolgt EIN LIED AUS THEBEN ein Großmaul, dass sein Glück (bei einer Frau) erzwingen möchte und doch hinter all dem unangenehm aufdringlichen Wollen Empfindlich- wie Hilflosigkeit offenbart. Das wenig mitleidige Portrait dieser verlorenen Seele lenkt aber nur ab. Denn an den Rändern dieses Egos vorbei schimmert immer wieder eine viel alltäglichere Aufdringlichkeit, wo alte Lieder aus Theben mit ihrer religiösen und gefühligen Inbrunst und mit ihrem Lob der Reinheit vorgeschoben werden, um Klaus Theweleits Thesen von Männerphantasien zu blutigen Machtansprüchen voll verleugneter Geilheit zu führen. Sprich eine junge Frau wird in ein LIED VON THEBEN von allen Seiten von Männern belagert. Männern jeden Alters mit dreckigen Händen und dreckigen Phantasien oder von solchen mit reinen Händen und reinen Phantasien, die nicht weniger brutal sind. Als der Hausherr hier erstmals nach Hause kommt, zeigt ihn die Kamera in der Küche. Sie zieht dann zurück, bewegt sich in den Flur und wir sehen links den Mann und rechts seine Frau im Wohnzimmer. Zwischen ihnen eine Wand und kein Verständnis.

The Long Gray Line / Mit Leib und Seele
(John Ford, USA 1955) [DVD, OmeU]

fantastisch

Lange hatte ich während der Laufzeit von THE LONG GRAY LINE etwas Bauchschmerzen damit, dass der Sadismus und die brutale Selbstverleugnung beim Militarismus in der Darstellung eines langjährigen Ausbilders der Eliteschmiede von West Point völlig ausgeklammert werden. Aber tatsächlich spielen Soldaten und Militär eine völlig marginale Nebenrolle. Zu Beginn gibt es viel Gerede von Disziplin, womit die Leute an Ort und Stelle veredelt werden sollen, um es mal überspitzt auszudrücken. Es gibt mehrere Szenen von Soldaten, die auf einem Platz oder in der Kantine antreten und wie zu einem Körper geworden sind, die in völliger Kontrolle aufgehen … und die dann jedes Mal in (glückliches) Chaos auseinanderfallen, sobald die Disziplin von ihnen nicht mehr verlangt wird. Sie stürmen in ihre Freizeit, in ihr Leben außerhalb ihres künstlich aufgelegten Panzers. Und so marschieren die Soldaten ab und zu in Gleichschritt durch THE LONG GRAY LINE sobald jemand einen Anker braucht, sobald jemand verloren in einem neuen Leben ankommt, wenn Verluste und Abschiede verarbeitet werden müssen oder wenn jemand vor Glück fast platzt. Die symbolische Disziplin läuft in den Film, sobald jemand ansonsten zerfließen würde. Aber ansonsten herrscht reges Durcheinander. Lange sitzen wir vor einer Komödie, wenn Marty Maher (Tyrone Power) sich vom Kellner in West Point zur geliebten Institution als Ausbilder entwickelt. Hoch arbeitet kann nicht gesagt werden, weil er einerseits mehr an seinen Platz gestoßen wird und sich als irischer Schlemihl eigentlich dagegen wehrt, andererseits, weil es kein oben gibt. Kaum kommentiert nehmen die Streifen an seinem Ärmel zwar zu, aber er bleibt immer der gleiche hitzköpfige Tunichtgut, der sich wie sein Umfeld kaum ändert. Es gibt gerade einmal zwei Szenen, in denen er überhaupt als Ausbilder auftritt. Jede endet mit der Pointe, dass er keine Ahnung hat, wovon er spricht. Weshalb er einmal von seinen Schülern, denen er Schwimmen beibringen soll, aus dem Wasser gerettet werden muss, da er nicht schwimmen kann. Später wird es dann immer herzlicher und sentimentaler. Begleiter, Frauen, Kinder sterben und es gibt eigentlich nur den einen Weg, weiter, durchhalten und sich nicht unterbekommen lassen. Und der Modus ist fast immer der gleiche. Die Bilder und die Handlung sind voller Kuddelmuddel. Denn nicht die Disziplin macht das Leben lebenswert, sondern die Gefühle, das Chaos und der ganze Quatsch, der einem den Schmerz von den Schultern nimmt. Mit seiner Hauptfigur wird THE LONG GRAY LINE so eins. Sie sind freundliche Quatschköpfe, die einem schnell ans Herz wachsen.

Kaguyahime no monogatari / Die Legende der Prinzessin Kaguya
(Takahata Isao, J 2013) [blu-ray, OmU]

großartig +

Etwas, das sich aus meinem minimalem Halbwissen um japanische Kunst wie Farbholzschnitte und Sumi-e uswusf ergibt: Takahata reduziert seinen Zeichenstil. Die Bilder, die wie hingehauchte Aquarelle aussehen, sind schlicht und voller Auslassungen, sprich von planen Flächen bestimmt. Leichtigkeit steckt darin, Beschränkung auf das Wesentliche, genau wie Raum für den Zuschauer gelassen wird. Sein Stil gleicht sich damit japanischen Traditionen an, womit dieses Märchen nicht modern aussieht. Aber auch nicht alt, weil es eben doch ein Manga bleibt, mit seinen eigenwilligen comic relief-Nebenfiguren und seiner Knuffigkeit. Und aus der Niedlichkeit der Legende erwachsen Schönheit und Schmerz, weil wie in feudalen Zeiten die Welt dann doch viel stärker ist als wir. Jede Minute des Glücks müssen da ausgekostet werden. DIE LEGENDE DER PRINZESSIN KAGUYA entspricht so gesehen gut genutzter Zeit.

Sonnabend 24.02.

Fortunes of War / Die Hölle von Kambodscha
(Thierry Notz, USA 1994) [VHS]

gut +

Im Dschungel von Kambodscha warten die Reichtümer des Krieges. Eine Millionen Dollar in Goldbarren werden dort von einem Warlord im Austausch für Medikamente geboten. Ein us-amerikanischer Diplomat und ein skrupelloser General schicken einen desillusionierten Schmuggler mit einem Herz aus Gold aus Thailand los, um dem Herzen der Finsternis das Glück und dessen Schätze zu entreißen. Unterwegs warten Banditen und/oder Guerilla, rote Khmer und andere Bösartigkeiten. Unser Held, der Schmuggler, sieht sich im Vorteil, weil er weiß, dass alle Seiten versuchen werden ihn zu betrügen … und wir als Zuschauer wissen, dass er recht haben wird. FORTUNES OF WAR ist eben die Geschichte eines Glückritters, der sich wie in den großen und kleinen, ernsten und albernen Varianten seiner selbst von APOCALYPSE NOW bis DIE FEUERWALZE in größtmögliche (tropische) Unsicherheit begibt und dort etwas finden wird. Etwas, dass über Reichtum und Gerechtigkeit hinausragt. Hier beispielsweise einen Arzt im Nirgendwo, der gegen jede Chance seinen kleinen Teil für das Glück in der Welt beitragen möchte. Einer der 12 gerechten Menschen auf der Welt sei er, wegen denen Gott die Welt weiterhin nicht zerstört. Zwischen dem ausladend präsentierten Sadismus und der Gewalt findet FORTUNES OF WAR also etwas Hoffnung in einer hoffnungslosen Welt. Gänzlich unprätentiös werden die Arbeiterhemden hochgekrempelt und 80er Jahre Action ohne Nonsens geboten. Und zwischen Menschen, die die Macht sehr gerne ausnutzen, andere wie wertlose Tiere zu behandeln, weil diese eben wehrlos sind, wird mit Gewehren, Raketenwerfern, Herz und Seele dafür gekämpft, dass es doch einem in dieser Welt wärmer ums Herz werden kann.

Freitag 23.02.

Urban Explorer
(Andy Fetscher, D 2010) [DVD, OmU]

ok

In den Katakomben unter Berlin lauern (Neo-)Nazis und kannibalische, ehemalige NVA-Grenzsoldaten mit psychotisch-beglückenden Erfahrungen aus dem Eroberungsfeldzug der UdSSR in Afghanistan. Aber wirklich verfolgt URBAN EXPLORER das Wirken deutscher Vergangenheit nicht, nutzt dies nur als nette Folklore und macht einen netten Hinterwäldlerhorror in urbanem Brachland, der jede ästhetische bzw atmosphärische Idee unter einer unmotiviert wie endlos wackelnden Kamera verschüttet.

Donnerstag 22.02.

Derrick (Folge 67) Unstillbarer Hunger
(Helmuth Ashley, BRD 1980) [DVD]

großartig

Am Ende verhindert Stephan Derrick einen weiteren Mord. Glücklich ist er darüber nicht und stürmt aus dem Haus, bevor er vergisst, wer oder was er ist, und das Unterbundene selbst besorgt. UNSTILLBARER HUNGER besteht dabei größtenteils aus einer Parade schauriger Männer, die Derrick vorsichtig in einem Gespräch zu umschreiben versucht und bei Adjektiven wie wertlos oder ähnlichem landet. Nicht auszudenken, was er gesagte hätte, wenn er sich nicht wie immer unter Kontrolle gehabt hätte. Die Liebhaber einer getöteten Ehefrau (u.a. Sascha Hehn) werden nacheinander vernommen und bilden ein jämmerliches Bild aus Ausflüchten. Aber sie sind nichts gegen den Ehemann (Peter Fricke), der eine Ausgeburt von Gefühlskälte, Misogynie und Sadismus ist. Dazu gibt es noch seinen kleinen Bruder (Pierre Franckh), der dem Diktator jedem Wunsch von den Augen abließt und sich zum hündischen Diener gemacht hat. Das Bild, dass diese Männer ergeben ist, wie gesagt, schauerlich. Es ist aber nichts gegen den Schrecken des Raums, den das Opfer bekommt. In Rückblenden bekommen wir ihre Lebenslust gezeigt, die ihr von diesen Männern ausgetrieben wurde. Freudestrahlende hüpft sie zu verstrahlt-wonniger Musik durch einen Garten, während ihre Schwiegermutter glücklich zuschaut. Oder wir bekommen gezeigt, wie seltsam motivationslos sich einen Liebhaber nach dem anderen schnappt, die in einer Frau, die sich nach Nähe sehnt, nur eine Nymphomanin und ein Wegwerfprodukt sehen (wollen). Egal wie sehr sich UNSTILLBARER HUNGER auf die Seite des Opfers stellen möchte, sie bekommt nur die Rolle als Heilige und als Hure. Die Räume, die ihr also von Reinecker, Ashley und anderen Männern zugewiesen werden, auch sie sprechen von den Projektionen, mit denen sie in der Episode von allen Männern belegt wird. UNSTILLBARER HUNGER – ein reichhaltiger Blick in den Kitt der bundesdeutschen Republik.

Dienstag 20.02.

Derrick (Folge 66) Hanna, liebe Hanna
(Theodor Grädler, BRD 1980) [DVD]

ok +

Unter den Regisseuren der ersten DERRICK-Folgen war Theodor Grädler einer der Herausragenden. Voller Übermut und Spielerein inszenierte er Episoden wie ANGST oder ZEICHEN DER GEWALT. Doch irgendwann gab es nichts mehr davon. Wenn zuletzt DIE PUPPE sich irrsinnig anfühlte, dann lag das auch daran, dass Grädler mit voller Kaltblütigkeit den Wahnsinn dokumentierte. Wenn LENA harter Tobak war, dann war dies so, weil die Inszenierung das bestialische Verhalten wirklich aller Leute mit einer reuelosen Gleichgültigkeit ablaufen ließ. Vll wollte er diesem kalten, verrotteten Bürgertum, dass er ein ums andere Mal im Drehbuch von Reinecker fand, nicht mehr mit Schönheit und/oder Seltsamkeit veredeln. Vll rang er um einen kalten, leblosen Stil, der dem Porträtierten entsprach. HANNA, LIEBE HANNA beinhaltet einen der herzenswärmsten Leute, die vll jemals in DERRICK auftauchten. Er wird hintergangen und ausgebeutet. Von Leuten voller Gefühlskälte und Egoismus. In einem Klima aus Enttäuschung und Bitterkeit. Und Grädlers Inszenierung zeigt nur. Als ob nichts Aufregendes dabei wäre. Auf der einen Seite ist es ziemlich öde. Auf der anderen aber auch ziemlich heftig.

Sonntag 18.02.

Paradise Alley / Vorhof zum Paradies
(Sylvester Stallone, USA 1978) [blu-ray, OmeU]

verstrahlt

Die Geschichte vom Drehbuchautor, der über und für den einfachen Menschen große Kunst machen möchte, der Bedeutendes von der Straße erzählen möchte, und dann in Hollywood landet und ein 08/15-Drehbuch über einen Wrestler schreiben soll, die Geschichte von BARTON FINK also, könnte durchaus durch einen Film wie PARADISE ALLEY inspiriert sein. Stallones Regiedebüt nach seinem eigenen Drehbuch strotzt nur so vor ungehobelter Straßenpoesie – als ob Bruce Springsteen das letzte Bisschen Bob Dylan ausgetrieben worden wäre. Von drei Brüdern kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wird erzählt, die sich mit miesen Jobs oder Tricks über Wasser halten, und Stallone ist einer von ihnen. Wie in ROCKY, der ihn kurz davor zum Star gemacht hatte, redet er ohne Unterlass und lange ist nicht klar, ob sich das Drehbuch im Klaren darüber ist, mit was für einem Egoisten es hier zu tun hat. Voller impulsiver Träume vom einfachen Geld und Reichtum ist er. Und fast immer muss sein kleiner bärenstarker Bruder, der nicht der schlauste ist, dafür seinen Körper in den Ring werfen. Nach ein paar symbolischen Aufwärmrunden dann wörtlich als Wrestler. Doch was seine Figur nicht sehen möchte, all die Ausbeutung, die Bedrohung durch windige Geschäftsmänner und Mafiosi, all das macht PARADISE ALLEY zu einer melancholischen Geschichte von Verlierern, die im Dreck um sich eigentlich keine Chance und nur sich haben. Wie im Titellied offengelegt, ganz bescheiden auch noch von Stallone gesungen, leben die Figuren in einem Fegefeuer zwischen Paradies und Hölle, voller Hoffnung und ohne Chance. PARADISE ALLEY nimmt dabei fast immer den Weg der großen Geste und hat kaum Finesse. Das finale Wrestlingmatch, in dem es um Leben und Tod und die Seele der Leute außerhalb des Ringes geht, findet dann auch trotz Halle in strömenden Regen und mit Blitz und Donner statt. Aber wer braucht Finesse, wenn er soviel Seele hat. Und sowenig Lust sich auf deprimierende Seelenhuberei einzulassen. Immer wieder brechen die unpassenden Witze in die Tragik ein. Gangsterbosse bekommen unmotiviert die Hose heruntergerissen und tragen darunter Strapse. Und noch die tragischste Szene kann mit einer naiven Leichtigkeit enden, als ob nie etwas Schlimmes drohte. Barton Fink hätte diese gefühlige Seltsamkeit jedenfalls nicht besser schrieben können.

American Ultra
(Nima Nourizadeh, USA/CH 2015) [blu-ray, OmU]

großartig

AMERICAN ULTRA träumt mit einem Kiffer (Jesse Eisenberg) davon, dass er zwar oberflächlich ein nichtsagendes Sein voller Neurosen und Niederlagen lebt, aber in Wirklichkeit eine von der CIA gezüchtete Killermaschine ist, die alle Probleme aus dem Weg räumt. Kiffer-Komödie und Actionfilm gehen dafür eine wunderbare Symbiose ein. Besonders schön ist aber eines der Abschlüsse der herumliegenden Stränge. Wenn ein CIA-Agent (Bill Pullman) zwei andere im Wald im Regen vor sich einberuft, zwei Agenten die einen zirkusartigen Kleinkrieg in eine us-amerikanische Kleinstadt trügen und wirklich alles andere als subtil im Verfolgen ihrer Ziele waren (skrupelloser, bürokratischer Aufstiegswillen vs mütterliches Verantwortungsbewusstsein (womit ein bis ins Irrationale reichende gemeint ist)). Bis zu diesem Zeitpunkt scheint Pullman derjenige zu sein, der zwischen Zweck und Menschlichkeit abzuwägen weiß. So beendete er den besagten Zirkus. Er schien einer der Guten zu sein. Im fahlen Grau des regnerischen Waldes exekutiert er einen der beiden vor ihm. Ohne mit der Wimper zu zucken. Den Dreck kehrt er sehr entschieden unter den Teppich. Das bunte Abenteuer AMERICAN ULTRA liegt ein sehr düsteres Bild der CIA zu Grunde … die auch nur der symbolisch verlängerte Arm eines brutalen Neoliberalismus ist. Zwischen den Helden und Superschurken ist in diesem Gestrüpp nicht mehr zu unterscheiden. Dann lieber kiffen und träumen … und wie von Zauberhand seine Potentiale erfüllt finden.

Sonnabend 17.02.

The Long Riders / Long Riders
(Walter Hill, USA 1980) [blu-ray, OmeU]

großartig

Es ist sicherlich ein Gimmick, dass Walter Hill in THE LONG RIDERS alle Brüder in der James-Younger-Bande mit tatsächlichen Brüdern besetzt. Die Carradines spielen die Youngers. Die Keachs spielen die James’. Die Quaids spielen die Millers. Und die Guests spielen die Fords. Es ist ein charakteristisches Alleinstellungsmerkmal. Aber es steckt mehr dahinter. Denn THE LONG RIDERS träumt von einer ehrenwerten Verbindung von Brüdern, die selbst dann zusammenhalten, wenn sie sich schon lange überworfen haben. Desillusion liegt in manchen der Schießereien. Wenn unschuldige Sterben, wenn Schweine anstatt der intendierten Ziele massakriert werden, wenn leere Scheunen minutiös und anhaltend zerballert werden oder wenn Kugeln die Brüder in Zeitlupe und bleierner Zeit zerpflücken. Und doch kommt immer wieder ein Mythos durch, der von der Schönheit der Selbstbestimmung spricht. Entweder in David Carradines (traurigen) Lächeln oder in den kleinen Impressionen und kaum zusammenhängenden Episoden, die THE LONG RIDERS ausmachen. Von Ehre erzählt diese, von Widerstand und Rebellion, vom Glücksgefühl seinen Kopf aufrecht halten zu können und sich nicht unterkriegen zu lassen. Die so oft erzählte Geschichte von Jesse James rückt hinter eine Collage von Geschehnissen der gesamten Bande. Mit der Liebe schlagen sich fast alle herum, jeder auf seine Weise. Jeder versucht ein normales Leben und sein Sein als Outlaw unter einen Hut zu bekommen. Melancholie ist oft das Ergebnis. Wenn dies alles nicht nach Zerschlagung der Gemeinschaft pflichtschuldig mit der Ermordung von Jesse James (James Keach) enden würde, er wäre nur ein blasser Nebendarsteller in etwas Vielseitigem geblieben. Und doch ist er so zentral, dass der Bruch des Films an ihm zu sehen, wenn das edelmütige Leben außerhalb eines als ungerecht empfundenen Gesetzes zum klaustrophobischen Zerfall der Brüderschaft unter Druck der ständigen Verfolgung führt. Anders als sonst in THE LONG RIDERS gibt es dafür keine prägnante Szene. Jesse trägt plötzlich einen Bart und verhält sich angespannt. Mehr brauch es nicht, um die Unschuld zu zerstören.

The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford / Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford
(Andrew Dominik, USA/CA/UK 2007) [blu-ray, OmeU] 2

fantastisch

In einer Szene schießen zwei Banditen, ehemalige Freunde, aufeinander. Sie befinden sich dabei keine 4 Meter voneinander entfernt und doch braucht es (für einen Film) ungewöhnlich viele Schüsse, bis einmal jemand getroffen ist. Und dann sind es aber auch nur Arm und Bein, die eine Kugel erwischt hat. Dies ist die einzige Szene ihrer Art. Die einzige, in der so etwas wie ein Duell stattfindet. Die einzige, wo zwei Menschen aufeinander schießen, die sich ins Angesicht sehen. (Wenn ich mich nicht falsch erinnere). Und so hat es den Anschein, dass es in THE ASSASSINATION OF JESSE JAMES BY THE COWARD ROBERT FORD keinen solchen Tod geben kann, wo das Opfer seinem Mörder nicht den Rücken zuwendet. Wenn Jesse James (Brad Pitt) Ed Miller erschießt, schießt er ihn in den Rücken. Wenn Bob Ford Wood Hite und später Jesse James erschießt, schießt er auf Leute, die sich von ihm abgewendet haben. Und selbst wenn Bob Ford dann selbst stirbt, kommt der Täter von hinten. Der Einzige, der für seine Tat aber zum nationalen Feigling erklärt wird, ist Bob Ford – von Casey Affleck als unangenehm schwärmerischen Vorläufer eines High School-Amokläufers gespielt, der daran zerbricht, dass die Phantasien seines Kinderzimmers mit der Realität auf sehr viele Weise nicht übereinstimmen. Es ist, als ob er hier von den Mythen, von denen schon der Titel in seiner Referenz auf das Volkslied spricht und an die er so gerne glaubt, aufgefressen wird … und als ob THE ASSASSINATION OF JESSE JAMES BY THE COWARD ROBERT FORD wiederum diese Mythen auffressen möchte.
Der davor geschaute THE LONG RIDERS war deshalb Teil eines zufällig perfekt kuratierten Double Features. Nicht nur, weil der Erste alles nach der Festsetzung der Younger-Brüder auf den Mord an Jesse James verkürzt und der Zweite genau nach dieser Verhaftung einsetzt, sondern auch weil Hills Film den nostalgischen Traum edelmütiger Brüder träumt, aus dem am Ende wehmütig aufgewacht wird, und Dominiks Film in einem Leben nach dem Traum dahinvegetiert und diesen nur noch aus Erinnerungen und Zeitungsartikeln als etwas nicht Greifbares, als Teil von Lügen und Verklärungen kennt. Ständig gibt es die Blicke durch Fensterscheiben, nicht die völlig makellosen modernen, sondern durch schwammiges Glas, dass die Bilder, welches das Licht durch sie bringt, verzerrt und entstellt. Der Blick auf spielende Kinder, auf Heranreitende oder Gesichter dahinter, ein klarer Blick ist niemanden mehr möglich. Und dann sind die Tage echter Männer eben auch schließlich dahin. Schon am Anfang, wenn der Erzähler von dem zusammengewürfelten Haufen erzählt, mit dem sich die James-Brüder umgeben haben, wirken diese wie Jugendliche auf Ausflug. Bob Ford scharwenzelt seinen Helden hinterher, während die Andere großmäulige Macker geben, deren anzüglichen Lacher über Wind aus Indianermuschis von der sexuellen Unerfahrenheit einer High School-Komödie kündet.
Ob nun Bob souverän wie ein Kleinkind auf die Neckereien und das Mobbing reagiert, ob Charlie Ford (Sam Rockwell) alles mit Lachern überspielen möchte, Ed Miller (Garret Dillahunt) naiv redet und schweigt oder Dick Liddil (Paul Schneider) jeder Frau nachsteigt, sie sehen zwar nicht so aus, aber es sind Teenagerkinder eines Vaters, der zum Todesengel geworden ist. In seiner grenzenlosen Paranoia nach Jahren des Verfolgt- und Verratenwerdens spielt Jesse James nur noch sadistische Spiele, um seine Gesprächspartner zu terrorisieren. Brad Pitt ist der passende Schauspieler, der Todessehnsucht, morbiden Spaß, Trauer, Angst und Grausamkeit ansatzweise ineinander übergehen lassen kann und der so offensiv schauspielert, dass es genau zu der undurchschaubaren Maske wird, hinter der Jesse sich verschanzt hat. Und Dominik bebildert ihn wie eine biblische Rachefigur, wenn er durch eine Glasscheibe verzerrt und in ein dickes Fell gepackt einen eisigen Hügel heruntergeritten kommt oder im hohen Gras auf einem Schaukelstuhl sitzt und gerade von ihm geköpfte Schlangen sich um seinen Arm winden.
THE ASSASSINATION OF JESSE JAMES BY THE COWARD ROBERT FORD zerfleischt seine Figuren, einen Mythos und ist dabei von einer siechenden, lebensmüden, apokalyptischen Kälte, die tatsächlich einen Erzähler zu verträumter Musik braucht, der etwas Wärme mit sich bringt. Er ist der Anker, der das komische bis schmerzlich Unzureichende der Leute mit etwas tröstender Sicherheit umgarnt.

Army of Darkness / Armee der Finsternis
(Sam Raimi, USA 1992) [blu-ray, OmeU] 6

großartig

Ein Zeitreisefilm, der den Jugendlichen, der ich mal war, in mir wieder untot aufsteigen ließ. Aus den Augen verlorenen Freunde und Bekannte sowie vergangene Videoabende aus einer Zeit, als das Leben scheinbar erst richtig begann, tauchten wieder auf. Und das seltsame Gefühl, Filme wie diesen mal für der Coolness letzten Schluss gehalten zu haben. In einem kurzen Zeitraum meines Lebens hatte ich ihn mehrmals gesehen. Davor und danach nicht wieder. Vll ist er deshalb so mit diesem verschmolzen. Durch die blu-ray mit Director’s cut habe ich aber auch gelernt, dass ARMY OF DARKNESS neben Spaß an Nekrophilie und THREE STOOGES-Zitaten tatsächlich auch ein kohärentes Ende besitzt und nicht nur dieses seltsam angepappte, dass in der Kinoversion, die ich bisher sah, einen Schluss mit Knall und Fall bringt.

Freitag 16.02.

Il soldato di ventura / Hector, der Ritter ohne Furcht und Tadel
(Pasquale Festa Campanile, I/F 1976) [DVD, teilw. OmU] 6

ok

Ein Magen-Darm-Infekt fesselte mich aufs Sofa und deshalb schaute ich Filme, die meinem geistigen Zustand entsprachen. Für HECTOR, den ich früher eher so semi-gut fand, hatte ich eigentlich Hoffnung. Gerade bei dem Regisseur. Nach einem schönen Anfang um Söldner zwischen Feind und Hunger folgt eine Suche nach dem stolzen Geist der Italiener, die zwar sympathischer Weise nicht darauf aus ist, etwas Heroisches oder Übermenschliches zu finden, sondern sich in rumpligen Quatsch genügt. Dieser Quatsch wird aber zumeist aus dem Stahlwerk geschöpft.

Piedone d’Egitto / Plattfuß am Nil
(Steno, I 1980) [DVD] 4

nichtssagend

Das Hauptmotiv von PLATFUSS AM NIL ist Bud Spencer, der den Gaunern nachblickt. Denn er weiß alles, sieht alles kommen und ist wie ein Geist immer zur richtigen Zeit bereit. Er schaut also nur zu, wie die Mäuse zwischen seinen Tatzen versuchen zu fliehen oder ihm in ihren Gängen verraten, was er bestimmt eh schon wusste.

Up / Oben
(Pete Docter, USA 2009) [DVD, OmU]

gut

Ein verbitterter Träumer trifft auf einen anderen verbitterten Träumer, wodurch er erkennt, dass er loslassen muss. Dass mit Gewalt nur die eigene Seele zerstört wird. Das Skelett ist ein sensationell einfallsloses Gefühlsmanipulationsfundament. Darauf: kämpfende Rentner, fliegende, bunte Ballons, ein noch bunterer Roadrunner mit Kindern in Gefahr und sprechenden Hunden. Und so ist UP ein Film über die Postmoderne. Eine Hommage an Abenteuerfilme der 30er, die zum Katzenvideo verniedlicht wurde.

Avanti! / Avanti, Avanti!
(Billy Wilder, USA 1972) [DVD, OmeU]

ok

Der deutsche Titel mit seiner Dopplung des Originaltitels setzt ganz auf Geschwindigkeit und Druck. Als ob Billy Wilder nach ONE TWO THREE nun durch Italien hetzen wollte. Doch das eigentliche AVANTI! möchte nur jemanden Hereinbitten. Denn, hatte Wilder Anfang der 60er Jahre eine zackige Komödie über den Kalten Krieg und das geteilte Deutschland gemacht, da folgte nun einige Filme und 10 Jahre später eine romantische Komödie über die entnervenden bzw Lebensgeister weckenden Kräfte von Genuss und Lockerheit im Allgemeinen und das Mittelmeer und Italien im Speziellen. Hier und da gibt es zwar einige Dopplungen in den Mitteln. Was bei Portraits von Nachbarländern vll nicht anders zu erwarten ist. So gibt es hier für Erheiterung eingesetzte Leute, die Mussolini nur ungern vergessen wollen und den alten Zeiten nachhängen, oder Leute, die entnervt zum (schnellen) Eintritt gebeten werden, damit etwas möglichst schnell vorankommt. Oftmals sind dies aber nur schwache Echos älterer Witze, die abgestanden herumstehen. Und dieses Spiel ließe sich auch mit IRMA LA DOUCE oder anderen alten Wilder Filmen durchgehen. AVANTI! nutzt einen verklemmten, us-amerikanischen Geschäftsmann (Jack Lemmon abermals in einer Paraderolle) und eine etwas poetischere Engländerin (Juliet Mills), zwängt sie eng aneinander und zwischen die unbekümmerte Lebensweise der Einheimischen, lässt ein paar skurrile Dinge geschehen und freut sich am Winden seiner Figuren. AVANTI! folgt einer zusammengemischten Erfolgsformel. Das Ergebnis ist dann eben eine von diesen Billy Wilder Liebeskomödien, die nur nicht mehr so frisch ist. Was jedoch hervorragend vermittelt wird, was AVANTI! durchaus sehenswert macht, ist die Hoffnung all diese Verklemmungen abwerfen zu können und einfach nur das Leben, am besten auf Ischia, zu genießen.

Dienstag 13.02.

See No Evil / Stiefel, die den Tod bedeuten
(Richard Fleischer, UK 1971) [blu-ray, OmeU]

großartig

Ein Freeze Frame von Schaulustigen, die sich an ein Tor zwängen, um besser sehen zu können, beendet SEE NO EVIL. Und irgendwie fühlte ich mich ertappt. Denn immer wieder werden Potentiale von mehr Gewalt, Sensation und Horror angerissen, aber keine wirklich erfüllt. Nachdem Sarah (Mia Farrow) sich erst in ihrem neuen Leben als Blinde einfinden und dann ahnungslos eine Nacht und einen Morgen in einem Haus verbringen darf, in dem die Leichen ihrer Familie liegen, überschlagen sich die Ereignisse. Weder wird der kriechende Horror einer Blinden alleine mit einem Mörder erfüllt, noch die Paranoia ahnungslos in den Händen von Tätern zu sein, weder die Verlorenheit in einer Ödnis, noch die sich ankündigenden kleineren Pogrome bei einem Rachefeldzug werden mit der liebevollen Ausführlichkeit bedacht, wie die erste Stunde seiner Grundidee gewährt. Danach jagt SEE NO EVIL durch Geschehnisse, die ihre Schrecken nur noch anreißen. Das kann einem lange wunderschönen Film angekreidet werden, aber dann befindet man sich eben in einer Menge, die sich an Gitterstäbe drängt, um besser auf das Blut sehen zu können. Ein schöner Effekt.

Sonntag 11.02.

Evil Dead II / Tanz der Teufel 2 – Jetzt wird noch mehr getanzt
(Sam Raimi, USA 1987) [blu-ray, OmU] 2

großartig

Ein sehr, sehr stark zusammengedampfter Sud eröffnet EVIL DEAD II und zeigt nur das allernötigste seines Vorgängers. Da es aber nicht als Zusammenfassung gekennzeichnet wird, wird schlicht mit durchgedrücktem Gaspedal in diesen Film gefahren. Das hier keine Gefangenen gemacht werden und geliebte Personen kaltblütig in den ersten paar Minuten unwiederkehrlich getötet werden, vermittelt einen konzentrierten Eindruck davon, wie wenig Kontemplation der folgende Ritt bereithalten wird. Ein TOM UND JERRY Cartoon im Geist eines Horrorfilms.

Sonnabend 10.02.

Derrick (Folge 64) Ein Todesengel
(Alfred Vohrer, BRD 1979) [DVD]

großartig

In den letzten Folgen schien sich DERRICK langsam eingespielt zu haben. Es war vll die erste größere Durststrecke, in der auf ausgesuchte Anhäufungen von Eigensinn und Irrwitz verzichtet werden musste. Wohldossiert wurde er nur noch eingesetzt. Doch EIN TODESENGEL zieht wieder an. Von Rache und Liebe erzählt er, getrieben von einem herbstromantischen Synthesizerkitsch. Mit stummen Figuren und Figuren, die ihre eigene Leere niederquatschen wollen. Mit einem elterlichen Haushalten, in denen nur noch per verbaler Gewalt aufeinander eingeschlagen wird. Mit Opfern, die für immer in der Angst leben, wann der nächste Anfall aus Schmerz und Wahnsinn über sie niedergeht. In einer Stadt voll Eitelkeit und Muffigkeit. Nur am See im Wald, da kann vll zu sich gefunden werden, wenn das alltägliche bohrende Geräusch von Schuld und Sühne mal verstummen mag.

Derrick (Folge 65) Karo As
(Dietrich Haugk, BRD 1979) [DVD]

großartig +

Ein Läuterungsdiptychon mit Schmutz und heiligem Glanz. Zwei Spiegel kommen in KARO AS prominent zum Einsatz. Da ist der in einer Villa, wo ein bald Ex-Ehemann (Klausjürgen Wussow) seine Frau noch umbringen lassen möchte, bevor er bald mittellos dasteht, und wo abgesehen von der Stieftochter niemand etwas Böses wissen oder ahnen möchte. Es ist ein großbürgerlicher Haushalt, dessen kaputte, heile Welt in sich so verzerrt ist, wie die Bilder, die der Spiegel von diesem wirft. Abstrakte Höllenvisionen entlockt er der oberflächlich aufgeräumten Realität. Und dann ist da noch der Spiegel in den Jochen Karo (Günther Maria Halmer) schaut, als er ganz unten angekommen ist. (Mit diesem wird die Folge in zwei gegensätzliche Teile gespalten.) Ganz klar und nachdrücklich zeigt er einen Alkoholiker, der für Geld und Schnaps versuchte eine völlig fremde Frau zu erschießen und der gerade in seiner Kotze aufgewacht ist. Auch in diesem Spiegel ist eine Höllenvision zu sehen. Hier aber, weil sie augenscheinlich da ist. Auf Stephan und Harry greift KARO AS dabei kaum zurück. Es geht völlig um einen Trinker, der vor sich erschreckt und zum Engel wird. Während sich der erste Teil also völlig hingebungsvoll Kotze, Suff und Heruntergekommenheit hingibt und dies alles anstandsvergessen dem Zuschauer ins Gesicht knallt, da widmet sich die zweite Hälfte – nachdem Karos Höllenvision seiner selbst wie später bei Lynch einfach per Schnitt aus dem Spiegel, der weiterhin zu sehen ist, verschwindet – einem Reuigen, der Einlass in dem Kreis seines Opfers erhält und dort mit offenen Armen empfangen wird. Die Reichen nehmen, ahnungslos ob seiner Tat, einen gescheiterten Germanistikstudenten auf und alles könnte Idylle sein. Doch da ist das Schicksal und die Vergangenheit … und der erst genannte Spiegel, der in beiden Hälften – eine schlammbraune Punkfolge hier, eine weißleuchtende, Hosianna rufende Folge mit zarten Actiondrecksprenklern da – seinen Einsatz hat. Während KARO AS also zuerst von einem sehr greifbaren Schrecken bestimmt wird, scheint in der zweiten nur der Spiegel von der Beklommenheit zu künden, die in der allgemeinen Gutmütigkeit beklemmend ausgeklammert wird.

Duelle (une quarantaine) / Unsterbliches Duell
(Jacques Rivette, F 1976) [blu-ray, OmeU] 2

großartig +

Es gibt regelmäßig diese unaufdringlichen Plansequenzen, wo die Kamera eine Person verfolgt und aus einem Raum, der nun nicht mehr zu sehen ist, von dem uns die Kamera aber mehr oder weniger versichert hatte, dass dieser leer sei, eine andere Person auf die zu Sehende zutritt. In die Realität schreiten so oftmals Feenwesen oder Elfen, Göttinnen genannt, die Schatten eines Noirkrimis in die Tristesse tragen. Ein bisschen ist es wie bei Howard Phillips Lovecraft und der weiter unten besprochenen Verfilmung einer seiner Geschichten durch George Moorse. Wesen aus Mythen, hier in Form der Töchter von Mond und Sonne, die zwischen dem ersten und dem zweiten Neumond des Jahres auf die Erde dürfen, bemächtigen sich einer scheinbar vermessenen Wirklichkeit und offenbaren Geheimnisvolles. Doch Rivette unternimmt ganz im Gegenteil zu Moorse keinen Versuch dies zu Überhöhen. In DUELLE hat diese Mythologie, wie so oft bei ihm (was er nur leider später etwas aus den Augen verlor), die überwältigende Wirkung von AstroTV. Sprich er ist eher der Rollin unter den Nouvelle Vagueern, dessen Obsessionen nur nicht so cool waren wie bei seinem Landsmann. Sprich es gibt keine Vampire, Küsten, Zwillinge und Friedhöfe, sondern Ahnungen griechischer Mythologie (Persephone oder so), die sich, wenn offenbart, in Glitterkostümen wirft, aber meist in Visionen eines Noir stecken, die sich vor allem durch unpassende Trenchcoats und Hütte auszeichnen. In seiner eigenwilligen, schlaftrunkenen Zwangsläufigkeit wirkt dies alles wie banaler Quatsch, der dieser neue Wahrheit den Glanz verwehrt. Jacques Rivettes Kino ist das einer Metaphysik, die alles Neue und Geheimnisvolle, die es hinter den Bühnen der Realität schöpf, nicht weniger trivial und schlecht aufbereitet erscheinen lässt, wie das eben schon bekannte. Die Utopie dieser Filme liegt aber genau in dieser nicht zum Höheren greifenden Verspieltheit.

Catch Me If You Can
(Steven Spielberg, USA/CA 2002) [blu-ray, OmeU]

gut +

Zum vorläufig letzten Film meiner kleiner, kompakten Spielberg-Auffrischung ein Hinweis auf diesen sehr schönen Podcast über dessen Werk. CATCH ME IF YOU CAN wird dabei kaum bis nicht erwähnt, obwohl er auch etwas Typisches für Spielberg ist. GOOD FELLAS wird in diesem umgedeutet und zu einer leichten Geschichte gemacht, die aber im Kern viel trauriger ist als Scorseses Mafiaepos/-abrechnung. Da wo in dem einem ein Mafioso ohne Reue von der schönsten Zeit seines Lebens erzählt, die nur leider unwiederbringlich vorbei ist, sehen wir in dem anderen, wie ein Betrüger scheinbar die schönste, glamouröste Zeit seines Lebens erlebt, gefasst wird und in den biederen Dienst des FBIs und der Gesellschaft tritt, weil seine Zeit im illegalen Überfluss ebenso unwiederbringlich vorbei ist. Doch Frank Abagnale jr. (Leonardo DiCaprio) möchte dieses ausschweifende Leben gar nicht. Er leidet daran, möchte einfach nur die Ehe seiner Eltern und damit einen paradiesisch gedachten Urzustand wieder haben … er möchte auch diese bürgerliche Einfachheit der Ehe und des Glücks oder wenigstens gefasst werden. Die ganze leichtfüßige wie ausladend erzählte Verfolgungsjagd zwischen dem exzessiven Abagnale und dem hyperbiederen Hanratty (Tom Hanks), sie offenbart einen existentiellen Schmerz, der entweder akzeptiert oder an dem zerbrochen wird. Und so sind GOOD FELLAS und CATCH ME IF YOU CAN ein schönes Double Feature über asozialen Hedonismus als erlebtes Glück, hinter dem tatsächlich Selbstbetrug lauert.

Freitag 09.02.

Lethal Weapon 4 / Lethal Weapon 4 – Zwei Profis räumen auf
(Richard Donner, USA 1998) [blu-ray]

nichtssagend

Das Klassentreffen mit dem zwangsläufigen Aufsagen der catch phrases des dritten Teils nochmals wiederholt … mit nochmal neuen Charakteren. Vll ist die LETHAL WEAPON-Reihe ein inspirierender Vorläufer des MCU und der X-MEN-Filme, wo auch mit immer mehr Personal vorgetäuscht werden soll, dass alles immer schneller, höher und weiter ist, wobei aber immer lebloser auf der Stelle getreten wird.

The Visit
(M. Night Shyamalan, USA 2015) [blu-ray, OmeU]

großartig +

Meine Filmsammlung ist in Regale sortiert, wo jeder Reihe ein Thema zugeordnet ist. Zur besseren Orientierung. Filme von M. Night Shymalan stehen in einem Schlemihlsein benannten Fach – nach dem jiddischen Schlemihl (offensichtlich) und einem Ausdruck von Carlotta Z. (2 Jahre), die, wenn sie eine Sonnenbrille oder eine Mütze aufsetzen möchte, dies mit der Phrase Coolsein kommuniziert. Sie teilen sich den Platz folglich mit Werken und Œuvren, die den guten Geschmack und solide Ernsthaftigkeit großzügig links liegen lassen. Dort findet sich dann beispielsweise etwas wie ZARDOZ und anderes von John Boorman. Nachdem THE VISIT, ein, wie ich fand, durchaus witziger, verschrobener Film, endete, wies mich Sabrina Z. darauf hin, dass sie diesen Film, wenn ich einmal nicht aufpassen werden, zu den Horrorfilmen packen werden. Denn da gehöre dieser Bild gewordene Alptraum hin.

Donnerstag 08.02.

The Terminal / Terminal
(Steven Spielberg, USA 2004) [DVD, OmeU]

gut

Zum Abspann läuft dann John Williams anschmiegsame Musik und nicht der Jazz, der Viktor Navorski (Tom Hanks) antrieb. Es ist sprechend für THE TERMINAL, der sich darauf konzentriert zu zeigen, wie Navorski einen ganzen Flughafen mit seinem naiven, offenherzigen, gutmütigen Wesen für sich gewinnt. Also für einen Film, der voller wohlfühliger Wärme ist und seine Dissonanzen in Form einer unaufgelösten, tendenziell desillusionierten Liebesgeschichte, Seitenhieben auf eine Menschen verschlingende Bürokratie – schon zu Beginn, wenn Navorski das erste Mal vor dem Oberbürokraten sitzt, ein Schrei am Flughafen fällt und Hank sich angstverzerrt in die Kamera umdreht – und eben per SOMETHING IN B-FLAT von Benny Golson in den Film schmuggelt. Das spannende daran ist, dass gerade durch diese Schmuggelware der totale Schmalzausbruch verhindert wird und THE TERMINAL fast schon ein abstrakter Film von einem Regisseur ist, der sich sonst keinen Gefühlsausbruch, und sei er noch so kitschig, verwehrt.

Mittwoch 07.02.

The Boy
(William Brent Bell, USA/CHN/CA 2016) [blu-ray, OmeU]

ok +

Au-Pair Greta (Lauren Cohan) soll auf einen Jungen für eine Woche aufpassen. Zuerst kommt es ihr wie ein schlechter Witz für, als sie vor einer Puppe steht, die von den Eltern wie ein lebendiges Wesen behandelt wird. Ein sehr eigenwilliges, durchaus zu fürchtendes Wesen. Am Ende ist der verstörendste Moment daran, wie einfach Greta, die gerade ein Kind während der Schwangerschaft verloren hat, akzeptiert, dass Leben in einer Puppe stecken könnte und ebenso beginnt diese zu umhegen und zu pflegen. Da wartet THE BOY tatsächlich mit menschlichen Abgründen auf. Ansonsten bleibt die Ursprungsidee das Irrwitzigste an einem Film, der sich jeden Ausflug in Wahnsinn und Überdrehtheit verbietet und realistisch Realistisches erzählt.

Munich / München
(Steven Spielberg, USA/F/CA 2005) [DVD, OmeU] 2

fantastisch

Auch ein Film, der von Spielbergs Verhältnis zu Sex spricht. Denn Sex wird hier als symbolisches Werkzeug benutzt, dass die Entwicklung der Rachegeschichte durchgedreht(?), weltvergessen(?), höchst eigenwillig rahmt. Zu Beginn bekommt Mossad-Mitarbeiter Avner (Eric Bana) von Golda Meir persönlich den Auftrag angeboten, die mutmaßlichen Strippenzieher des Massakers der Olympischen Spiele in München zu liquidieren. Einen Tag kann er es sich überlegen, wird im gesagt, woraufhin der Schnitt ins heimische Bett folgt. Nichts orgastisches oder ekstatischer heftet dem Sex dort an. Von der Aussprache sowie von der Körperlichkeit zwischen dem Ehepaar vor und nach dieser ist alles harmonisch und voller Geborgenheit. Wenn Avner eine Szene weiter den Auftrag annimmt, dann tut er dies, weil es zwangsläufig scheint, weil es Teil der eben erlebten Geborgenheit ist, nun Teil von etwas Größerem zu sein. Nach zwei Stunden eines Agententhrillers mit diversen Morden, sich ausbreitender Paranoia und einer Auflösung gerade dieser zwischenmenschlichen (und moralischen) Sicherheit, die um das Kampfwort Heimat aufgespannt wird, dem zusehends jede Heimeligkeit abgeht, hat Avner, nun von seinem Auftrag abgezogen, wieder Sex mit seiner Frau. Doch diesmal sind Raum und Zeit nicht so säuberlich getrennt, wie der Sex völlig entfremdet voneinander stattfindet. Avner starrt schwitzend und panisch auf die dazwischen geschnittenen Visionen des Massakers am Münchner Flughafen. Israelische Athleten und arabische Terroristen finden dort ihren Tod in Zeitlupe und betäubten Ton. Mit wem oder was er dort aus welchen Gründen auch immer Sex hat, ist Teil einer lähmenden poetischen Wahrheit geworden, mit Intimität mit seiner Ehefrau hat es nichts mehr zu tun. Und das Sensationelle daran ist vll, mit welcher Selbstverständlichkeit Spielberg diese Verquickung von Trieb und Tod in einen Hollywoodfilm packt…

Lots Weib
(Egon Günther, DDR 1965) [35mm]

großartig

Nachdem in PHANTOM THREAD eine der nervigsten Personen, die jemals im selben Kino wie ich saßen, vor mir saß (u.a. streckte sie sich auch mal für mehrere Sekunden und hielt dann ihren Arm einfach weiter in der Luft), saß in LOTS WEIB eine tolle Zuschauerin hinter mir. Jedes Mal, wenn Ehemann Lot und andere Bürger männlichen Geschlechts ihre Meinung zu Scheidungen und der Rolle einer Frau zum Besten gaben, wurde der körperliche Schmerz ob dieser Stammtischweisheiten hinter mir spürbar. Die Gefühlswelt von Lots Weib, die sich in einer keck aufgenommenen Welt gegen Spießbürger um Kopf und Kragen reden muss, lediglich weil sie sich von ihrem Mann trennen möchte, wurde mit jedem mehr oder weniger artikulierten Laut der Abscheu nochmal plastischer. Zum Drama gereicht wurde zudem noch Lässigkeit und Bodenturnen.

Derrick (Folge 63) Die Versuchung
(Erik Ode, BRD 1979) [DVD]

ok

Selbst die kleine Portion Wahnsinn, die sich zuletzt stets aus dem Hintergrund der bürgerlichen Maske erhob, fehlt hier. Ein netter Krimi, der seine Ellipsen selbstsicher einsetzt, ohne zu verdecken, dass sie das Einzige sind, die den Fall am Laufen halten.

Dienstag 06.02.

War Horse / Gefährten
(Steven Spielberg, USA/IND 2011) [blu-ray, OmeU]

großartig +

Analytische Distanz ist mir erstmal nicht möglich. AU HASARD BALTHAZAR aus der absoluten Entkitschung gerissen und in sein Gegenteil gewandelt. Was für ein brutaler Schmachtfetzen, wo ein Pferd immer bei der bestmöglichen Person in der jeweiligen Situation landet, die Situationen sich aber im Ersten Weltkrieg befinden. Nach einer halben Stunde wird einem das erste Mal das Herz gebrochen und dann geht es immer tiefer abwärts in der Gefühlsachterbahn. Geweint aus Trauer. Geweint vor Freude. Und dann gibt es eben noch eine comic relief Ente…

E.T. the Extra-Terrestrial / E.T. – Der Außerirdische
(Steven Spielberg, USA 1982) [blu-ray, OmeU] 6

großartig

Kurz nach WAR HORSE war mein Gefühlshaushalt noch nicht wieder ganz taub geworden. Ein Film wie E.T. wirkt dann nochmal ganz anders. Und der Tod ETs sowie seine Wiederauferstehung machen im Rahmen meiner kleinen Spielbergretro gleich mehr Sinn. Als das außerirdische Spiegelbild des einsamen und sich verlassen fühlenden Elliott ihn auch noch verlassen möchte und alles unternimmt heimzukehren, reißt nicht nur die Verbindung zwischen den beiden. Der Tod erfasst die Marterialisierung des fiktiven Freundes. Denn bei Spielberg muss scheinbar erst etwas (in einem) sterben, bis losgelassen werden kann. Erst der Tod lässt den emotionalen Abschied vom Vater in Mexiko und vom Freund im All möglich werden, wie Joey, das Kriegspferd, im Niemandslands sterben und wiederauferstehen muss, damit der Irrsinn des Kriegs enden kann, wie in AI oder ALWAYS (siehe unten) eben immer erst etwas den Tod suchen/finden muss.

War of the Worlds / Krieg der Welten
(Steven Spielberg, USA 2005) [blu-ray, OmeU] 2

großartig

Aus dem All kommen gnadenlose Killermaschinen und das gruseligste sind Familienväter, die einen los werden oder ruhigstellen wollen, und Mitmenschen, die wie Zombies oder Serienmörder inszeniert werden. Am Ende steht bei Spielberg wie so oft die Hoffnung, dass alles überwindbar ist und sich in Wohlgefallen auflöst. Aber wieder steht der Tod zwischen der Auflösung. Als ob die Happy Ends bei ihm Wunschträume von Verstorbenen in einer deprimierenden, brutalen Welt sind.

Montag 05.02.

Phantom Thread / Der seidene Faden
(Paul Thomas Anderson, USA 2017) [DCP, OmU]

gut +

I’M STILL HERE, die Mockumentary, die Joaquin Phoenix dabei begleitet, wie er Rapper statt Schauspieler sein möchte, ist vor allem ein exzessiv lang ausgehaltener schlechter Witz. Eine dumme Idee, von der nicht zurückgetreten, sondern die bis zum bitteren Ende verfolgt wird. Die letzten beiden Filme von Paul Thomas Anderson hatten ein Gefühl für ihre eigene Absurdität, für die Megalomanie unter der ausgestellten spröden, kunstvollen Einfachheit. Und gerade ihr Hauptdarsteller schien diese Idee mit in die Filme zu tragen. Nun spielt Joaquin Phoenix aber in PHANTOM THREAD nicht mehr mit. Für Daniel Day-Lewis ist er gewichen und mit diesem verschwindet diese freudig eingeschmuggelte Idiotie gänzlich. Stattdessen ein Film über Eitelkeit und Regression, der in seinem unpompösen Pomp gerade eitel und regressiv ist. Fast ist er die Perversion seiner eigenen Perversion.
Im Mittelpunkt steht eine Liebesgeschichte, die keine ist. Modedesigner Reynold Woodcock (Day-Lewis) hat sich in einem geregelten Tag und einem dünnhäutigen Charme verschanzt, um seine eigene Verwundbarkeit zu überspielen. Nach kurzen romantischen Episoden mit Kellnerin Alma (Vicky Krieps) steckt diese in diesem Alltag und sie ist völlig fehl am Platz. PHANTOM THREAD führt dies schließlich zu einem Twist oder einer Konklusion, in der sich offenbart, dass Woodcock Alma eben nicht als Geliebte braucht(e). Seine Ersatzmutter musste sie sein, die ihn abwechselnd vergiftet und umsorgt, um aus diesem Wechsel Kraft für sein Leben zu ziehen… oder so. Grob halt. In einer Szene, die ihre Ambivalenz zelebriert, wird dies als große Perversion offenbart und der Gipfel der Geschichte darin gefunden. Im Angesicht des Vorangegangenen ist dies aber nur ein nettes Bonmot. Das wirklich Abgründige steckt zwar ebenso in dieser Szene, aber es steckt irgendwo verschüttet auf einer schräg mitzudenkenden Metaebene.
Viel früher im Film gibt es einen Moment, wo Woodcock Alma durch einen Türspion auf einer Modenschau beschaut, wie sie eine seiner Kreationen aufführt. Es ist der einzige Moment zwischen den beiden, der so etwas wie Sex transportiert. (Selbst als er sie einmal mit auf sein Zimmer nimmt, herrscht nie mehr als eine platonische Atmosphäre. Vll veranstalten sie gemeinsam eine Teeparty…) Die Pupille, auf die ein Lichtkegel fällt, erinnert dabei an Norman Bates, der (masturbierend oder ähnliches) eine Duschende beobachtet. Doch der Reitz geht für ihn schwerlich von Alma aus, die in ihrer trampeligen Versuchen Woodcock zu vereinnahmen, keinen Verve entwickelt, schon gar nicht für ihr selbstverliebtes Gegenüber, der in ihr kaum mehr als eine nette Schaufensterpuppe zu sehen scheint. Sein Kleid ist es, das ihn anmacht. Seine Schaffenskraft. Und so umweht diese Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen, die nur voneinander angezogen werden, weil sie gegenseitig ihre Eitelkeit befriedigen, die Vorstellung, wie Daniel Day-Lewis diesen Film durch einen Spion bespannt und ganz schön angemacht von seinem Können ist. Für einen Film, der dessen letzter sein soll, schwingt hier unterschwellig eine fast schon ätzende Abrechnung mit dessem Werk mit.

Sonnabend 03.02.

La muerte viviente / Todeskult
(Juan Ibáñez, MEX/USA 1971) [vhs]

gut

Auf einer Karibikinsel hat es sich ein Polizist in der Hängematte mit einer Rumflasche gemütlich gemacht. Doch seine Ruhe endet, als ein neuer Vorgesetzter ankommt, der Recht, Ordnung und westliche Zivilisation durchsetzen möchte. Folglich befindet er sich in der Mitte zwischen Baron Samedi und einem fanatischen Faschismus, zwischen dionysischer Relaxtheit und apollinischer Verkrampfung, zwischen einem langsam schwelenden Zersetzen und nach Züchtigung schreienden Gewalt. Bittererweise muss er sich für den eskalierenden Moment entscheiden, da eine Frau gerettet werden muss. LA MUERTE VIVIENTE entscheidet sich aber für die andere der beiden Perversionen. Langsam, undiszipliniert und unentschlossen zieht er dahin. Den Schock des Spießers im Angesicht des Lotterlebens genießend. Die unwiderrufliche Vermischung zweier Kulturen im hegemonialen Moment offenbarend, wenn der Sklavenhalter ebenso der oberste Voodoopriester ist.

Profumo / Lorenza
(Giuliana Gamba, I 1987) [DVD, OmU]

großartig

LORENZA beginnt damit, dass Lorenza (Florence Guérin) in ein allem Anschein nach leicht surrealem Bordell ankommt und dort von einem Mann mit dessen Revolver vergewaltigt wird. Schon die ersten Minuten von LORENZA sind höchst bizarr und stellen eine Sichtweise in Frage, wonach Erotikfilme nur für die leichte Triebbefriedigung da wären. Das Folgende schwankt dann auch zwischen höchstem Anspruch und einer Verlorenheit, die die der Protagonisten ist. Der Mann mit dem Revolver war nämlich Lorenzas Ehemann. Dessen perverse Spielchen, seine ganze toxische Hypermännlichkeit hat seine Frau nicht nur körperlich gequält, sondern auch geistig vergiftet, wie sie es sagt. Nach dieser Episode trennt sie sich von ihrem Mann, muss aber dessen Spielchen immer wieder abwehren, aber auch feststellen das er und sein Wesen fest in ihrem Gefühlshaushalt verankert ist. Als sie sich in ihren androgynen Hauswart verliebt, der das ganze Gegenteil ihres Mannes ist, bricht der Film immer mehr auseinander. LORENZA erzählt von einer Frau, die ein normales Verhältnis zu ihrer Körperlichkeit sucht und zeigt dabei erstaunlich viel männliches Fleisch als Ding der Begierde. Geschlechterrollen werden getauscht und abgewandelt. Der rote Faden, dass Lorenza ihren Mann und sein Geschlechter- wie Sexverständnis mit Gewalt aus sich herausschneiden möchte, ist voller Umwege. Mit etwas Erotik hier, einem Thriller da. Mit Seelendrama, Romantik und Eigenartigem. Voller Irrungen und Wirrungen, als ob er einerseits ratlos ist, wohin es geht, und andererseits mit dem eisernen Vorsatz den Status Quo der Geschlechter eine neue Utopie abzuringen. So ist der Striptease eines als Frau gestylten Mannes, der einen anderen Mann zum gierigen Voyeur macht hier kein Kalauer, sondern die Möglichkeit des Überlebens.

Endless Night / Heiße Hölle Erotik
(Philippe Brottet, F/B 1972) [DVD]

verstrahlt

Laut der imdb wurde ENDLOSE NÄCHTE auch als DURCH DIE HÖLLE in der BRD veröffentlicht. Als Wendecover gibt es Plakat, wo das Ganze dann HEISSE HÖLLE EROTIK heißt. In Klammern dazu der Untertitel VOYEUR-REPORT. Eröffnen tut den Film eine Texttafel, die uns erzählt, dass das zu Sehende auf einer wahren Begebenheit beruht und nur so viel geändert wurde, dass die realen Personen nicht identifiziert werden können. Sowie der Hinweis, dass ein bekannter Psychiater die Herstellung des Filmes unterstützte. Danach folgt eine neuerliche Texttafel mit einem Gedicht von William Blake. In diesem heißt es, dass einige zu süßer Wonne geboren wurden. Einige zur endlosen Nacht. Dieses Wenige spricht schon deutlich von HEISSE HÖLLE EROTIK. Einerseits ähnelt er den vielen Reportfilmen der Zeit und besteht im Großen und Ganzen aus einer fiktiven Unterredung zwischen einer Anwältin und einem Psychiater, welche die Lebensgeschichte eines Voyeurs aufwickeln, welche zu einem fünffachen Mord führen wird. Ganz offensiv wirbt ENDLOSE NÄCHTE dabei für Verständnis und dröselt die Verhaltensweisen eines zwanghaften Voyeurs und Sadisten aus seiner Kindheit her bis zu den Morden auf und offenbart die Zwangsläufigkeit des Ganzen. Gleichzeitig sind da aber auch die Erotik, die Geilheit und die Poesie. Fast schon dialektisch verhalten sich die Bilder zu dem aufklärerischen Dialog, der die ganze Spielzeit vonstattengeht. Ein Dialog, der zwar Einfühlungsvermögen vorgibt, aber die Vorgänge ungehemmt und unablässig als abartig, pervers und krank bezeichnet. So erzählt die Anwältin beispielsweise von den primitiven und dummen Stripdarbietungen, zu denen ihr Freund und Klient ging. Doch die Bilder bleiben minutenlang bei dieser Akrobatik und wollen die Einspieler wie aus einem Mondo über das Pariser Nachtleben so gar nicht abkanzeln. Alles wofür die beiden Redenden nur Hohn und Spott haben, für die Hölle, die Perversionen, die Seltsamkeiten, dies genießt der Film und lässt noch das Banalste seine Zeit. Mit einem mitunter erratischen Schnitt entwickelt er eine Wirkung, die dem wissenschaftlich Erklärtem zu etwas Ungeheurem macht. Oder völlig unpassende Bilder legen sich unter das Erzählte. Manchmal ist dieses gegeneinander Abarbeiten etwas anstrengend, aber HEISSE HÖLLE EROTIK schwingt ganz passend zwischen süßem Vergnügen und endloser Dunkelheit.

Images / Spiegelbilder
(Robert Altman, USA 1972) [DVD, OF] 2

großartig

Wer IMAGES auf der DVD von Pidax im englischen Originalton anschaut, wird die Untertitel vielleicht schmerzlich vermissen. Denn die Dialoge sind leise und öfter von Nuscheln und Verzerrungen noch extra undeutlich gemacht. John Williams atonaler Soundtrack rast aber immer wieder ohrenbetäubend über einen hinweg, wenn die Stille mit ihren leisen Gesprächen einen eingelullt hatte. Idylle und ihre Zerstörung. Das ist das Hauptvorgehen von IMAGES. Cathryn, eine Romanautorin, zieht mit ihrem Ehemann in die irische Abgeschiedenheit ihrer Kindheit. Doch dort angekommen, zerfällt ihr Realität zusehends. Zunehmend sehen wir, wie sie sich selbst an einem anderen Ort und vielleicht zu einer anderen Zeit beobachtet. Ihr verstorbener Ehemann steht plötzlich vor ihr, als sie sich mit ihrem jetzigen unterhält. Visionen von Leuten stehen einfach so im Raum und nur sie kann diese sehen. Oder anwesende Leute sehen für sie mit einem Mal wie andere aus. Hinter jeder Ecke kann eine Verzerrung warten, hinter jedem Schnitt eine andere Aufhebung von kausaler Sicherheit. Sie verdächtigt ihren Mann, dass er fremdgeht, während sie doch selbst von einem gemeinsamen Freund betätschelt und genötigt wird. Die Demontage des ehelichen Vertrauens geht so einher mit einer Vernichtung aller sinnhaften Zusammenhänge der Realität. Kameras, die im Raum stehen, richten wie von geisterhand immer auf Cathryn aus. Die wunderschöne, herbstliche Landschaft mit alles vereinnahmenden Laub und tiefstehender Sonne wird von Kameramann Vilmos Zsigmond zu etwas Breiigem voller Schatten. Und in dieser unsicheren Schönheit geht Cathryn zunehmend mit Messern gegen ihre sie im Mark treffenden Visionen vor. Blut, rot und atavistisch gurgelnd, wird in die Idylle fließen.

Freitag 02.02.

H.P. Lovecraft: Schatten aus der Zeit
(George Moorse, BRD 1975) [DVD]

fantastisch

Howard Phillips Lovecraft hat neue Mythen erschaffen. Paranoide, Raum, Zeit wie alle Vorstellungen sprengende Götter- wie Monstergeschichten, die eine sicher geglaubte Welt aus den Angeln hoben. Vor der Frage, wie so etwas zu filmen sei, wie etwas, das alle Begriffe eines simplen Realismus zerstören wollte, mit einem Medium aufzunehmen sei, welches zuvorderst eine Realitätswirkung hat, davor stand Regisseur George Moorse und er entschied sich für etwas Gewagtes. Ähnlich wie in LA JETÉE von Chris Marker warf er das bewegte Bild über Bord und unterlegte einen Erzähler, dessen Geschichte wir die 50 Minuten hören, mit einer Abfolge von Fotografien, Gemälden und (Kreide-)Zeichnungen. Wenn uns also Professor Petersen berichtet, wie er erkennen muss, dass eine fünfjährige Amnesie die Übernahme seines Körpers durch ein außerirdisches wie vorzeitliches Wesen war, dann bekommen wir nur statische Dokumente zu sehen. Als ob die sich ausweitende Erzählung, welche die Welt, wie wir sie kennen, mit epischen Mythengeschichten von fremdartigen Rassen unter der Erde und jenseits der Zeit zu einer gänzlich anderen verändert, nur in Fragmenten fassbar ist, hangeln wir uns von einem Eindruck zum nächsten. Unwirklich und in bewegten Bildern scheinbar undokumentierbar erleben wir nur Bruchstücke eines anscheinend niederschmetternden Ganzen. Dazu dröhnt zuweilen der Krautrock mit seinen schwebenden Synthesizern. Aber das Bedrohlichste, so macht uns Lovecrafts Werk immer wieder klar und darin findet auch Moorses Film seine Meisterschaft, das Schönste und Bedrohlichste ist das Wissen. Wesen, die nichts anders machen, als sich durch Zeit und Raum zu bewegen, um eine allumfassende Bibliothek zu erstellen, ein Mann, der auf der Suche nach der Wahrheit, nach den Anzeichen dieser Wesen in der Menschheitsgeschichte sucht und liest, liest, liest, sie sind die Hauptträger dieser Geschichte. Wissen, es ist hier äußerst rauschhaft und bewusstseinserweiternd. Voll Wonne und Zerstörung.

Bob le flambeur / Drei Uhr nachts
(Jean-Pierre Melville, F 1956) [blu-ray, OmU]

großartig +

Vorbereitungen, Dinge und ein unmöglicher Heist. Ein Abstraktum, das durch eine fröhliche Unwahrscheinlichkeit der Wahrwerdung eines feuchten Wunschtraums eines jeden Spielers ausgehoben wird. Dazu eine französische Polizei, die keine Gründe braucht, um mal wild loszuschießen oder sich Nächte für freundschaftliche Rücksicht um die Ohren haut.

Donnerstag 01.02.

Derrick (Folge 62) Das dritte Opfer
(Alfred Vohrer, BRD 1979) [DVD]

gut

Vll eine emblematische Folge für das, was zu Letzt immer öfter bei DERRICK geschah. Am Anfang gibt es diesen Mann, der ein Katz-und-Maus-Spiel in Richtung ROPE möglich macht, doch nach dem liebevollen Auftakt kommen die biederen Ermittlungen in biederen Gefilden. In dieser Biederkeit findet die Folge jedoch eine schwer artikulierbare Form von Wahnsinn. Eine Episode zuvor war es diese Ehe, die alptraumhaft dröhnte, wenn Mann und Frau alleine in abgeschlossenen Räumen waren und eher wie Mutter und Sohn wirkten. Hier gibt es eine Rückblende, die eine Familie netter Leute (sarkastischer O-Ton Derricks) offenbart, die von einer Stimme terrorisiert werden, die wie ein irrsinniger Papagei durchs ganze Haus schallt und alles Gesunde hasst (so die Einschätzung des Ehemanns der Stimme, Heinz Drache). Der Modus Operandi scheint der eines Einlullens zu sein, in den dann die Spitzen der Abgründe, die zu Mord und Totschlag führen werden, umso brutaler wirken.

Januar
Mittwoch 31.01.

Bridge of Spies / Bridge of Spies: Der Unterhändler
(Steven Spielberg, USA/D/IND 2015) [blu-ray, OmeU]

fantastisch

Als Spielberg in den 90er Jahren auf Biegen und Brechen beweisen musste, dass er ein ernster bzw ernstzunehmender Filmemacher sei, habe ich den Anschluss zu ihm verloren. Wenn diese Phase aber nötig war, damit er solche Filme wie diesen hier drehen konnte, dann musste es eben so sein. Mit welcher Gelassenheit und Selbstverständlichkeit kleine Abläufe hier gefilmt sind. Ein steter Fluss von wenig aufregenden Dingen, die zusammen doch einen Agententhriller ergeben – auch wenn mehr Augenmerk auf einem Schnupfen liegt, als auf Thrills. Darin erzählt er zuerst von Hysterie, von den unamerikanischen Tendenzen sich empörender Patrioten, von Donald Trump und McCarthy, um dann ein stilles Loblied auf das unwirkliche Glück unbequem sein zu können zu singen … und dabei wie nebenher sehr treffend von dem Minderwertigkeitskomplex der DDR erzählt, die sich nur nach einem Handschlag sehnt, nach jemanden, der in ihr mehr als einen Satellitenstaat sieht. Und das Licht wieder… Toll.

Dienstag 30.01.

Derrick (Folge 61) Ein Kongreß in Berlin
(Helmuth Ashley, BRD 1979) [DVD]

ok

Die unbebauten Flächen voller Schutt und Müll oder die maroden Wohnungen, sie setzen Berlin in die Nähe zu dem ähnlich charmanten New York dieser Zeit. Nicht das dieser Unterschied zu München irgendeine Rolle spielen würde. Stattdessen eine wenig überraschende Episode mit ausnahmsweise 75 Minuten Laufzeit und einer tristen Erklärbärszene, die nach einer Stunde nochmal alles schön säuberlich zusammenfasst. Solitäres Highlight: eine Ehefrau, die mit brummenden Synthesizerflächen aus einem ödipalen Alptraum entstiegen scheint.

Montag 29.01.

Out for a Kill
(Michael Oblowitz, AW/USA 2003) [DVD, OmU]

(ok)

Zu Beginn gibt es eine Szene, wo Polizisten ein Nachtlokal voller Leichen durchstreift und Fetzen des vergangenen Massakers wiederkehrend, wie Echos einer vergangenen Realität, die sich aus den zurückgebliebenen Anzeichen lösen, dazwischen geschnitten werden. Anschließend wird dieses Massaker in seiner Gänze noch nachgeliefert. Die Schönheit der ersten Szene sorgte nicht dafür, dass das Bestehen auf die audiovisuelle Drastik aufgegeben worden wäre. Und ebenso wandelt OUT FOR A KILL zwischen traumgleich zusammengehaltenen Abläufen um einen buddhagleichen Steven Seagal, der noch seine unbedarftesten Gedanken um die Dinge vor seiner Nase wie in einem Selbstgespräch vor sich hinmurmelt und der Rache an ein paar chinesischen Mafiabossen nehmen möchte, die an einem Tisch sitzen und in ihrer Zwischenwelt gefangen scheinen, und einer Insistenz auf Mord in Zeitlupen und prollige Überzeichnung.

Sonntag 28.01.

Minority Report
(Steven Spielberg, USA 2002) [blu-ray, OmeU] 2

fantastisch

Gerade diese unerklärten Biotope, die John Anderton (Tom Cruise) auf seiner Suche nach der Wahrheit für meist nur eine Szene aufsucht, sie machen MINORTIY REPORT für mich aus. Der schwarzhumorige Sadismus von Dr. Solomon Eddie (Peter Stormare), der Kuss der Frau mit den äußerst potenten fleischfressenden Pflanzen (Lois Smith), die einen auf Schritt und Tritt verfolgende, personalisierte Werbung und all die kleinen Ideen an Waffen und Fahrzeugen, die die Welt plastisch machen. Und dann ist da dieses blendende Licht, dass sich in der Luftfeuchtigkeit verfängt und alles in ein glänzendes Weiß taucht. Das an den entsprechenden Stellen den leichten Nebel aufleuchten lässt. Diese Wärme des Mysteriums, der weggekoksten Schmerz und dessen ziehende, glühende Wiederkehr schwingt in diesem mit.

Sonnabend 27.01.

Always / Always – Der Feuerengel von Montana
(Steven Spielberg, USA 1989) [blu-ray, OmeU]

großartig

Auf den ersten Blick geht es wohl um einen Draufgänger, der erst im Tod erwachsen wird. Der als Geist wieder auf Erden wandelt und seine Erfahrung an einen anderen Piloten – als für diesen unsichtbare Inspiration – weiterreichen muss. Und auch wenn dies große Teil der Zeit in Anspruch nimmt, bleibt diese Erzählung schal. Denn vielmehr geht es um die zurückbleibende Geliebte. Ein ums andere Mal wird sie von dem unsichtbar Wandelnden an seinen Verlust erinnert. Während ALWAYS also einmal spielerisch, witzig und dem Aufschneidertum eine große Bühne bietend von einem Kind erzählt, dass wenig überzeugend ein Erwachsener wird, da erzählt es auch von einer Person, einer lebensfrohen, starken, die von ihrem vergangenen Glück verfolgt und von ihrem Schmerz fast zerrissen wird.

Artificial Intelligence: AI / A.I.: Künstliche Intelligenz
(Steven Spielberg, USA 2001) [blu-ray, OmeU] 2

fantastisch

Vll war es nur Zufall, vll ist es ein zentraler, von mir bisher nicht wahrgenommener Teil von Spielbergs Œuvre. ALWAYS und AI bilden jedenfalls ein schönes Double Feature zum Thema Loslassen und darüber hinaus über Loslassen per Selbstmord. Da wo in ALWAYS Dorinda (Holly Hunter) in ein Flammenmeer gen sicheren Tod fliegt und schließlich nach einem Absturz zu ertrinken droht, nur um die Erinnerungen an ihren gestorbenen Verliebten zu exorzieren, da springt hier David (Haley Joel Osment) von einem Hochhaus im überfluteten Manhattan, um endlich den Schmerz des Verlustes seiner Mutter zu überwinden. Der Erfolg von David ist aber ein sehr bitterer, seltsamer.
In drei Teile fällt A.I. auseinander, wobei die ersten beiden von diversen Schrecken bestimmt sind. Zuerst ist da das Familiendrama, in dem eine Mutter erst einen gruseligen, seelenlosen Androiden als Ersatz für den leiblichen Sohn im Koma erhält. Dieser künstliche Junge entwickelt mit der gegenseitigen Liebe zwischen Mutter und Sohn zwar eine Seele, aber damit entwickelt sich auch der Schmerz. Es ist wie in der Geschichte von Adam und Eva. Erst scheint er glücklich, was auch immer das bei einem künstlichen Wesen heißt, der nur seinem programmierten Protokoll folgt. Die Angst, die er bereitet, nimmt er jedenfalls nicht wahr und grinst. Sobald die Liebe aber da ist, ist es als hätte er vom Apfel des Baums der Erkenntnis von Gut und Böse gekostet. Auf einen kurzen Schritt wird bei beiden Szenarien die Entstehung eines Selbstbewusstseins verkürzt. Preis ist dafür jeweils die Vertreibung aus dem Paradies. An Stelle einer simplen, hingenommenen Welt, die vielleicht manchmal Unannehmlichkeiten bietet, die aber schnell vergessen sind, setzt sich eine, in der wir ahnen, was Schreckliches passieren kann, in der wir sehnen, aber nicht bekommen, uswusf. Bei David sind es Vater, Bruder oder andere Kinder, die sein kleines Paradies mit der Mutter zunehmend mit Angst und Leid befüllen.
Irgendwann muss David aber sein Heim und seine Geborgenheit verlassen. Vertrieben wurde er durch die Angst der Leute vor seinem künstlichen Sein. Pinocchio muss David nun in sich sehen, um mit der Möglichkeit der Menschwerdung noch eine Chance auf eine Rückkehr zu haben. Und so wandelt sich A.I. von einem verträumten, sachten Horrormelodrama zu einem wilden, zirkusartigen Märchen, in dem die Welt von Monstern, Lynchmobs, Enttäuschungen und der Suche nach einer Fee beherrscht ist. David möchte gerne Mensch sein. Was er nicht versteht, was die Leute um ihn – aus Angst vor dem Anderen – nur teilweise erkennen (wollen), er ist es schon längst geworden. Und wir sehen einen Menschen mit der unzerstörbaren Hoffnung, seine Mutter wiedersehen zu können … und wie dessen naives, kleines Herz ein ums andere Mal gebrochen wird. Es ist vll eine kindliche Hoffnung, dass wieder alles Gut werden kann, paradiesisch, aber es ist auch eine sehr verständliche. Was es beim Zuschauen umso schmerzlicher machen kann. Dass dies ein Film von Stanley Kubrick hätte werden können, es ist kaum vorzustellbar, da Spielberg keine hermetischen Häuser voller Didaktik baut, sondern diese Gefühle mit all den ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten Ausdruck verleiht. Das Ergebnis ist brutal. Ich fühlte mich, als würde ich mein inneres Kind zu Grabe tragen müssen. Weil Menschsein hier leiden heißt. Scheinbar oder anscheinend, ich bin mir nicht sicher.
Aber da ist ja noch der dritte Teil. Diese ewig lange Coda. Vll ist sie der Traum eines Gestorbenen, vll die Möglichkeit des Erwachsenseins. David betet, unsterblich wie er ist, für mehrere Jahrhunderte für die Rückkehr seiner Mutter und landet bei Gleichgesinnten. Bei Androiden, die wie Außerirdische aussehen. Ihre Liebe zu den Menschen, welche inzwischen ausgestorben sind, macht sie aber auch zu Kindern, die von ihren Eltern verlassen wurden. In einem unsagbar wohligen Kissen endet A.I. mit diesen. Dem Realismus des ersten Teils und dem makabren Surrealismus des zweiten wird ein sanftes Traumhaus entgegengesetzt. Eine Entschädigung vll, vll aber auch nur die Perspektive, dass Erwachsenwerden möglich ist.

Donnerstag 25.01.

Derrick (Folge 59) Lena
(Theodor Grädler, BRD 1979) [DVD]

uff

Lena ist taubstumm. Sie war anwesend als ihre Schwester umgebracht wurde. Sie hatte den Täter Richtung Haus gehen sehen, aber vom Vorgang einen Raum weiter nichts mitbekommen. LENA setzt Lena einer traumatischen Situation aus, da sie eine sie betreffende Art von Hilflosigkeit nochmal tiefgreifend in diesem Mord zu spüren bekommt. Das ist aber gar nicht Lenas Problem. Denn diese Folge ist purer Unbehaglichkeitsterror, in dem wirklich alle Leute unterstreichen, wie unfassbar arschig sie sind. Denn Lena wird von allen und jedem behandelt wie eine geistig Behinderte, als ob sie kaum zurechnungsfähig und kein selbstbestimmter Mensch wäre. Auch die Inszenierung lässt keine Möglichkeit aus, um zu unterstreichen, wie lästig die Leute den Umgang mit ihr finden. Nachdem Derrick beispielsweise nach zähen, endlosen Minuten doch mal jemanden hinzuzieht, der Gebärdensprache beherrscht (dazu diese zu lernen, lässt sich niemand in ihrem Umfeld herab), zeigt ihn die Kamera genervt zwischen Dolmetscherin und Lena sitzend, kurz davor die Geduld zu verlieren. Fast wird seine Genervtheit durch die Länge der Einstellung und seinen Blick als Pointe genutzt. Ach, der arme Derrick scheint der Tenor zu sein. Und Lena ist in diesem Umfeld dann eben so mürbe gemacht – ihre Bewegungen und ihr dankbares Lächeln für jede noch so arschige Zuneigung ähneln dabei denen der taubstummen Dienerin in MURDER BY DEATH, wenn sie mit dem blinden Alec Guinness zu tun hat – dass sie sich in dieses Bild von ihr zu fügen scheint. Vll ist LENA keine schlechte Episode, aber für mich war sie kaum durchzustehen. Eine Stunde Folterbank fehlender Menschlichkeit, die durch die gleichgültige Inszenierung und den sich darin spiegelnden, anzunehmenden Realismus nochmal angeheizt wird.

Derrick (Folge 60) Besuch aus New York
(Helmuth Ashley, BRD 1979) [DVD]

ok

Ein paar trufte Tanz-/Aerobic-Szenen, das Verhalten der Familie Megassa, die eine von Killern verfolgten jungen Frau zur Untermiete wohnen haben, wo die Mutter in voller Tristesse erzählt, dass sie sich nie etwas leisten konnten (Invalidität und Arbeitslosigkeit haben sie resigniert in ihrer Küche stranden lassen) und die für den Traum von etwas Geld ihre Seele verkaufen – wie sie in die Bar trüben, um zu Hause den Killern den Weg frei zu machen, es ist ein unauffälliges Mahnmal von Menschen, die alles haben fallen lassen – sowie die sensationell unbeholfenen Versuche Harrys besagte Frau zu schützen (mal jagt er zu schöner Poliziottescomusik durch die Straßen Münchens, nachdem er von einer akuten Bedrohung erfuhr, aber erstmal in Ruhe alles mit Derrick ausdiskutiert hatte, mal lässt er den Killer völlig grundlos möglichst nah ein sein potentielles Opfer ran, so dass er es schafft den Schuss, nach langer Zeit zum Planen, Vorbereiten und Fallenstellen, gerademal einige Zentimeter neben den Kopf des Ziels zu lenken), viele schöne Momente hat BESUCH AUS NEW YORK gerade in Bezug auf Momente, denen anzumerken ist, dass die handelnden Leute später wegen ihren Entscheidungen etwas schlechter Einschlafen können. Aber der ganze Platz, der dem Krimi um Mafiabosse, fadenscheinige Privatdetektive und englische Namen, deren Aussprache einen die Anglophilie der Edgar Wallace-Filme zurückholt, er wird kaum genutzt. Vll war ich durch die unmittelbar davor durchlittenen LENA noch zu unversöhnt.

Mittwoch 24.01.

Bu er shen tan / Badges of Fury
(Wong Tsz Ming, CHN/HK 2013) [blu-ray, OmU]

(gut)

Selbst das CGI wird zum Teil eines Festivals der Albernheiten. Erhöhte Werte waren dabei zu messen. Durch einsetzende Ermüdung bin ich mir jedoch nicht sicher, ob die Stahl- oder die Strahlwerte überwogen.

Dienstag 23.01.

The Skull
(Freddie Francis, UK 1965) [blu-ray, OmeU]

großartig

Nach 20 Minuten gibt es eine Rückblende. Das, was in den ersten Minuten geschah, wird nochmal wiederholt. Dazu gibt es längere Momente, wenn Leute zu Türen schlendern, sowie weitschweifige Ausführungen über den Marquis de Sade und wie diese Geschichte sich ihn vorstellt. Selbst die etwas über 80 Minuten, die THE SKULL im Endeffekt dauert, muss Freddie Francis bedingt durch ein viel zu knappes Skript erzwingen. Aber er macht aus dieser Not eine Tugend und erschafft mit seinem Zeitschinden mitunter Ultrakunst. Wenn Christopher Maitland (Peter Cushing) beispielsweise auf seiner Couch sitzt, eine Biographie von de Sade liest und dessen Schädel langsam von ihm Besitz ergreift, dann zeigt ihn die Kamera im steten Wechsel der Perspektiven aus allen Richtungen des Raums … durch all seine okkulten Seltsamkeiten hindurch und in einem höllisch glühenden Rot und Schwarz. Ein Mann sitzt und liest und es ist, so lange es dauert (und es dauert merklich), ganz große Filmkunst. Suggestive Bilder, die aus etwas sehr Langweiligem etwas Packendes macht. Grandios.

Montag 22.01.

Derrick (Folge 58) Tandem
(Zbyněk Brynych, BRD 1979) [DVD]

großartig

Die Musik hört sich an, wie die Keyboards bei Joy Division. Es fehlt aber der Rest. Das Ergebnis: new age der bedrohlichen Art. Vertonen tut sie die kaltblütigen Versuche Ewald Bienerts eine unschuldige Miene zum bösen Spiel zu machen. Und ein Katz-und-Maus-Spiel ist es, das uns TANDEM bietet. Bebildert wird es durch ein ständiges Hineintrüben in die Einstellungen. Derrick oder Harry kommen hinter einer Wand hervor und schauen wissend zum Schuldigen. Ein Kellern stellt sich aufdringlich zwischen die Redenden oder schaut aus dem Hintergrund, in den er lakonisch eindringt, voller Abscheu auf Derrick. Charlotte Nolde (Elisabeth Wiedemann) schaltet das Licht an und taucht unerwartet und verängstigt aus der Dunkelheit nach einem Schnitt auf. Uswusf. Brynych schafft eine Atmosphäre ständiger Beobachtung und Abschätzung des Gegenübers, eine Atmosphäre des Lauerns. Und irgendwo darin befindet sich Rudolf Nolde, den Raimund Harmstorf als sensiblen wie tapsigen Bären spielt … der am Ende, so suggeriert die abermals tolle eingefrorene Endeinstellung, möglicherweise das Spiel (gegen Derrick) gewonnen hat. Der Grusel sich das auszudenken: Derrick könnte tatsächlich seinen Meister gefunden haben… Da packen die Keyboards dann erst richtig zu.

Sonntag 21.01.

Le doulos / Der Teufel mit der weißen Weste
(Jean-Pierre Melville, F/I 1963) [blu-ray, OmU] 2

großartig

Es ist aller noch verspielter, als das was kommen wird. Das Schweigen, hier noch nicht ganz zum Ausdruck von existentialistischen Verloren- bzw Geworfensein geworden, hat noch etwas herb männliches. Eine Geschichte von traurigen Verbrechern.

Gaslight / Das Haus der Lady Alquist
(George Cukor, USA 1944) [DVD, OmeU]

großartig +

Fast eine halbe Stunde ist GASLIGHT 1944 länger als die britische Version. Es ist die offensichtlichste Manifestation dessen, wie viel ausladender diese Variante ist. So ausladend, dass die Konzentration der Psychospielchen, des Wahnsinns und der Perversion ein klein wenig weniger Platz haben. Eine der vielen Szenen, die sich die Filme teilen, ist ein Flirt des Hausherrn mit dem Dienstmädchen … in Anwesenheit seiner Frau. In GASLICHT sehen wir die beiden Flirtenden gleich zu Beginn am Kamin stehen. Eine kleine Kamerafahrt nach links offenbart nicht nur den Umstand, dass die Hausdame, bisher von ihrem Mann verdeckt, immer noch im Raum ist, sondern auch, dass diese Impertinenz direkt vor ihren Augen geschieht. Es ist eine kleine, effektive Bewegung, die die Unverschämtheit Walbrooks direkt vor Augen führt. In DAS HAUS DER LADY ALQUIST sehen wir Ingrid Bergman an einem Tisch im Vordergrund und den Flirt hinter ihrem Rücken in Distanz am Kamin. Ihr Mann und das Dienstmädchen links und rechts von ihr. Nicht die Unverschämtheit wird hier offenbar. Es ist eine hysterische Einstellung von Leid und Schmerz, die gerade durch ihre Dauer zum Terror wird. Ingrid Bergman sitzt mitten zwischen zwei kleinen Figuren, die unablässig durch ihre Ohren hindurch sich becirzen. Wo die vorangegangene Version also den Sadismus der Situation verdichtet und prägnant aufarbeitet, da ist Cukors Vision melodramatischer, was heißt, er zerfließt in seinen Gefühlen. So beginnt es hier auch mit einem weitschweifigen Prolog, der von der sich entwickelnden Liebe bis zur Eheschließung führt und für den Dickinsons Film keinen Platz hatte. Schon hier finden wir die Liebenden hinter schönen, aber auch spitzen Ornamenten von Gittern oder in einem am Ufer liegenden Haus, wo etwas Moder am Rand dem Fluss des Wassers/der Gefühle/des Glücks etwas Morbides beimischt. Und auch so, die Treppen, die Schatten, das Interieur, die Räume, vorher Gefängnisse des Großbürgertums und des Nippes, sind viel plüschiger, sinnlicher, aber auch schattiger. Das Leid und das Glück der Lady Alquist liegt überall um sie herum, so dass der selbstverliebte Polizist keinen Platz mehr hat und für einen biederen Romantiker (Joseph Cotten) weichen muss, dass religiöser Fanatismus und doppeldeutig versteckter Sex noch dezenter werden und der perverse Wahnsinn Walbrooks durch eine charmante Bösartigkeit Charles Boyers ersetzt wird. Es ist ein klein wenig Verzicht, aber das gefühlige Ertrinken Bergmans während ihres Abstiegs vom Himmel in die Hölle hat nun wieder die vorherige Version nicht zu bieten.

Sonnabend 20.01.

Gaslight / Gaslicht
(Thorold Dickinson, UK 1940) [blu-ray, OmeU]

großartig +

Anton Walbrook spielt seinen Ehemann als Domina, der seine Frau mit Psychospielchen in den Wahnsinn treiben möchte. Ganz virtuos wandelt er dabei zwischen ausgestelltem religiösen Fanatismus, der die Bibel wie einen Richtstein Gottes behandelt, nur um im nächsten Moment mit dem Dienstmädchen zu einer Vorstellung der Cancan-Mädchen zu gehen – was so viel wie optischer Slang für Sex ist. Währenddessen findet seine Frau allein gelassen im barocken, viktorianischen Chic ihres Hauses trotz all der Schnörkel und Dinge nichts zum Festhalten, weil die Verbindung zwischen ihrem Geist und der materiellen Welt zunehmend gekappt wird. Sprich es geht um Orte, wo so viel rumsteht, dass die Schatten überall ihren Platz finden. Zum Glück gibt es aber eine Art Sherlock Holmes, der durch den Gotischen Horror von Nebel und Reichtum schreitet und der mit seinen Aufdeckungen der Sachlage für einen Grad an Wahnsinn sorgt, der alles übertrifft, was sich Walbrooks Figur wünscht.

The Postman / Postman
(Kevin Costner, USA 1997) [DVD, OmeU]

verstrahlt +

Es beginnt in einer Wüste, die mal Utah war. Ganz normales Gelände für die Postapokalypse also. Die vereinzelten Posten der Überreste der vormaligen Zivilisation, wo große Teile der Handlung stattfinden, liegen aber in einer Waldtundra … denn THE POSTMAN ist zu einem gewissen Teil auch eine Reimagination des us-amerikanischen Unabhängigkeitskrieges. Und dann ist da der Moment, als es aussieht, als ob einzig die wiederaufgenommene Kommunikation zwischen diesen Posten, also die Wiederkehr der Gemeinschaft der Menschen, sie aus ihrem Jammertal führen würde. In diesem sehen wir Kevin Costner durch einen Postwerbespot reiten. Ein einzelnes Haus steht dort in einer blühenden Landschaft und ein Junge kommt herausgerannt. Er möchte dem anstürmenden Postmann einen Brief in die Hände zu drücken. Dieser reitet aber unbeeindruckt vorbei. Tränen sind in des Jungen Augen zu erkennen, wenn er zu seiner Mutter zurückschaut. Doch wenn alle Hoffnung verloren scheint, dreht Costner um und reitet mit ausgestreckter Hand und Reitwind in Haar und Mütze zurück. In saftigen Farben und leuchtendem Licht, entlang den kleinen, ordentlich gepflegten Zäunen rechts und links des Weges. Optisch ist dieser Augenblick ein Fremdkörper, der so nah an einem Werbespot ist, dass es denkbar scheint, eine Parodie eines realen Spots hätte sich in diese Ansammlung von epischen Irrwitz verirrt. Für mich ist es der Höhepunkt, ab dem ich (bis kurz vor Schluss zurecht) glaubte, dass die wahnwitzigen Einfälle und Inszenierungsideen mich nun nicht mehr so in meinen Grundfesten bzgl der Möglichkeiten eines Hollywoodfilms erschüttern könnten. Denn nun war klargeworden, wie durchgedreht THE POSTMAN ist und dass er von Realismus und Scham nichts hält. Alleine die Vorstellung, dass Kevin Costner nach WATERWORLD genug Geld zusammenbekam, um sich selbst als kevin-costnerischen Wiedergänger von George Washington und Jesus Christus, als Zuchthengst der Frauen umgeben von minderwertigen Genmaterial zu inszenieren, ist schon so ein Ding an sich. Aber das Ergebnis spottet dann doch jeder meiner Vorstellung.
Die heroische Musik, die Zeitlupen, wie Ford (Larenz Tate) völlig überzogen kurz nach der Ankunft eines zerlumpten Möchtegernpostboten von dieser Profession redet, als ob es Superhelden wären; das Pathos kommt einem hier nicht sachte, sondern zuweilen in unbändigen, überzogenen Sturmwellen entgegengeschwappt. Und dann sind da so Sachen, wie die Milizkämpfer, die einen Filmvorführer, der ihnen UNIVERSAL SOLDIER auftischt, mit Steinen bewerfen, bis er endlich wieder THE SOUND OF MUSIC anstellt. Es sind all diese Dinge … und wie ernst er seine Geschichte mit ihnen nimmt. Irgendwo zwischen einer Parodie und einem ungefilterten Blick ins Herz der USA (bzw des Menschseins) verortet er sich. Und das kann dann schmerzhaft sein oder es mag einen peinlich berühren. Der Kopiermaschinenverkäufer, der sich durch den zivilisatorischen Zusammenbruch zum größenwahnsinnigen General aufschwingt und nun seine übermenschlichen Potentiale nicht mehr verschwendet sieht, er ist vll realer als uns lieb ist. Es gibt diesen Spruch: Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komm so selten dazu. Hier wird jedem die Chance gegeben, zu sein, wie sie ist.
Vor allem ist THE POSTMAN aber ein schöner Film über den Glauben. Als die namenslose Figur Costners an seinem ersten Tor als Postman ankommt, will er sich nur mit einer gefundenen Uniform und den dazugehörigen Briefen aus einer anderen Zeit etwas Essen und eine Unterkunft für die Nacht erschnorren. Er erzählt Geschichten vom Osten des Landes, wo der Wiederaufbau angefangen haben soll und dass er als Vertreter der Post mit seinem kärglichen Versprechen einer möglichen Kommunikation dies auch rudimentär hier nach Oregon bringen wird. Selbst die größten Skeptiker glauben seinen Geschichten, auch wenn sie fühlen, dass es Lügen sind. Sie träumen zu Tanz, Lagerfeuer und middle of the road-Folkpop von der Wiederkehr des Sinnes in ihr Leben, von der Wiederkehr der USA. Und in diesem Trubel, der aus einer kalten, unwirtlichen Welt eine gemütliche macht, findet der Postman gleich seinen Paulus. Ein junger Mann, Ford, möchte auch Postman werden. Auch er möchte glauben (an die USA und einen Sinn in seinem Leben) und vor allem möchte er, dass andere glauben. Er baut ein ganzes System von Postmännern auf, mit denen er die schnell sprudelnde Post verteilt und denen er gefälschte Briefe vom Postman und dem Präsidenten der USA vorliest, um die Hoffnung am Leben zu halten. Aus einem Rumtreiber macht er (gegen dessen Willen) einen Messias. Zwar glaubt dabei niemand innwendig, aber ein sozialer Glauben entsteht, wo jeder für den anderen mitspielt, damit die Leute wieder einen Sinn finden könne. Ganz nach der Wette Pascals können sie damit nur gewinnen, denn zu verlieren haben sie nichts mehr. THE POSTMAN inszeniert diesen ganz innigen us-amerikanischen Glauben an Selbstbestimmung, Gewehre und das Glück, dessen eigener Schmied wir sein sollen, als ob sein Leben davon abhängt und als ob es ganz lässig wäre, so zu glauben. Und so glaubt er für uns so fest, dass es manchmal wehtut.

The Green Inferno
(Eli Roth, USA/CL/CA/E 2013) [blu-ray, OmU]

großartig +

Die unmittelbare Wandlung Alejandros (Ariel Levy) vom großen, humorlosen Idealisten zum Megazyniker ist pures Comedygold … was seinen Höhepunkt findet, wenn er in auswegloser Gefangenschaft beginnt zu masturbieren und dafür gewürgt wird … ohne das ihn das zum Aufhören veranlassen würde. THE GREEN INFERNO ist dabei ein schönes Gegenstück zu THE COMMUTER (siehe Mittwoch 17.01.). Da wo dort mit Idealismus gegen die Resignation angekämpft wird, offenbart sich dies hier als naive Verkürzung von komplexen Zusammenhängen … was mit der archaistischen Zubereitung zu Essen bezahlt wird. Hier hilft nur das Lügen.

Freitag 19.01.

Mädchen in Uniform
(Géza von Radványi, BRD 1958) [DVD]

großartig

Was meine Großeltern über Romy Schneider gedacht haben, nachdem sie nach Frankreich gegangen war und ihr Sissi-Image exorzierte, interessiert mich immer mal wieder. Schließlich hatten sie eine ihrer Töchter und meine Mutter im zweiten Vornamen nach ihr benannt … im Zuge des Erfolgs von SISSI. Aber vll war das Kind schon 1958 in den Brunnen gefallen. Denn sie ist schon hier sensationell auf ganz andere Art, wenn sie zwar als scheues Reh beginnt, aber zunehmend in eine unschickliche Euphorie abgleitet und schließlich in suizidaler Verzweiflung endet, weil die Liebe zu ihrer Lehrerin nicht sein kann. Das Drehbuch tat ihr aber auch einen Gefallen, weil es sich fast gänzlich auf ihre Rolle konzentriert. Ihre ganzen Mitschülerinnen, im Film von 1931 noch wichtige Bestandteile, sind hier mehr oder weniger graue Mäuse, die notdürftig mitgeschleppt werden. Lediglich Lilli Palmer ist noch von ähnlicher, wenn auch herberer Lebendigkeit. MÄDCHEN IN UNIFORM unter der Ägide von von Radványi ist aber auch so ein Drama, dass weniger über seine Figuren funktioniert, als über seine Räume. Außerhalb der Mauern des Internats finden sich Blumenmeere und Seen, in denen in romantischen Tableaus gefischt wird. Im Gegensatz dazu erzählen die nackten, kalten Wände, an denen Sprüche wie Wie die Zucht, so die Frucht. angebracht wurden, die kahlen Bäume, die durch die Fenster vom Tod künden, die Schatten und Abgründe im Treppenhaus … sie alle erzählen genug über das Leben unter der lieblosen, preußischen Knute und machen die Anzeichen von Liebe, die strenge Zuneigung von Fräulein Elisabeth von Bernburg (Palmer) und das Schwärmen von Manuela von Meinhardis (Schneider) nur um so glühender in dieser Kälte. (Nur: war die Wucht des Happy Ends 1931 noch niederschmetternd, da endet MÄDCHEN IN UNIFORM 1958 tatsächlich mild und versöhnlich.)

Donnerstag 18.01.

Tout l’or du monde / Alles Gold dieser Welt
(René Clair, F/I 1961) [stream, OmU]

nichtssagend

Zu Beginn gibt es schönes Verkehrschaos, indem die Leute lediglich per Hupe kommunizieren. Es wirkt fast wie aus einem Film von Tati. Die deutsche Synchronisation welche die Untertitel, welche ich aus mangelnden Französischkenntnissen zuschaltete, wiedergaben, ignorierte dies streng und lies die Leute sich in einem fort ausartikuliert beleidigen. Dieses Vorgehen war vll das noch Stählernere, als ALLES GOLD DIESER WELT selbst. Bourvil, Capras James Stewart zum Hinterwäldler verwandelt, ich verstehe deinen Witz einfach noch nicht.

Mittwoch 17.01.

The Commuter
(Jaume Collet-Serra, F/UK/USA 2017) [DCP]

großartig

Kick junk, what else / Can a poor worker do? fragt Allen Ginsberg nach ein paar Stichwörtern, in denen die (militärische) Niederschlagung von politischen wie sozialen Hoffnungsschimmern, Krieg und gesellschaftliche Apathie nebeneinandergestellt werden. GHETTO DEFENDANT, ein fatalistisches, aber wunderschönes Lied der Ausweglosigkeit, könnte die Hymne von großen Teilen von THE COMMUTER sein. Wie Joe Strummer, der Sänger des Songs, ein paar Jahre vor seinem Tod in einem Interview anmerkte, sind aus den Ahnungen, von der Schlechtigkeit der Welt von denen The Clash damals sang, inzwischen Gewissheiten geworden. Die Allgegenwart von Korruption, Machtmissbrauch und die noch hinter den ideellsten Unternehmen lauernde Kracke der Gier machen dabei aber eher lethargisch, als dass sie einen Kampf anfeuern würden. Denn was kann anhand einer solchen Übermacht schon ausgerichtet werden? Liam Neesons Michael MacCauley ist aber kein Arbeiter, sondern (stolzer) Teil des Mittelstands. Womit wir es eben mit keinem Junkie zu tun haben, sondern mit einem kleinen Rad im Getriebe der Welt. Auch er weiß beispielsweise darum, dass die Banken in der Finanzkrise reich geworden sind und der Mittelstand dafür zahlen musste. Offensiv setzt er dieses Wissen aber nur ein, um Versicherungen, d.i. die Illusion eines kleinen Sicherheitsnetzes in einer ungerechten Welt, verkaufen zu können. Er ist ein kleiner unbedeutender Erfüllungsgehilfe, der nur an seinem kleinen, privaten Glück arbeitet. Die Eröffnungsmontage bildet eine aus verschiedenen Zeiten erstellte Collage des Alltags eines ganz normalen, routinierten Morgens dieses kleinen Mannes. All die dabei angerissenen Dramen sind familiärer Natur und so Teil seines Glücks und seines Selbstwertes.
In einer Allegorie wird MacCauley nun sein Sein vorgeführt und ihm die Möglichkeit geboten aufzubegehren. Auf der täglichen Heimfahrt des Pendlers (Es ist wirklich schade, dass Collet-Serras Film für die deutsche Kinoauswertung nicht DER PENDLER genannt wurde.) sitzt eine Unbekannte vor ihm und bietet ihm 100.000$, wenn er eine Person anhand vager Beschreibungen im Zug identifiziert. Die Frage ist nun, ob er für sein privates Glück das Schicksal dieser Person ausklammert – wie sich herausstellen wird einer Mordzeugin, die Beweise für weitreichende Korruptionen besitzt, welche Banken, Polizei und Politik belasten – und ob er je eine Wahl hatte, an diesem Spiel teilzunehmen. MacCauley hetzt dabei immer ramponierter die Gänge rauf und runter, denn irgendwann geht es nicht mehr um Geld, sondern das Leben seiner Familie und/gegen das der Zeugin. Hilft er also einem System, von dem er weiß, dass es verrottet ist, oder stellt er sich ihm entgegen, auch wenn es sein privates Glück gefährdet?
Im Kern ist THE COMMUTER dabei ein Krimi, in dem es heißt, die Indizien, wie die Rolle des einen Wagons ohne Klimaanlage, richtig zusammenzusetzen. Raum, Zeit und Ressourcen werden dabei spürbar immer mehr verknappt. Je länger die Fahrt geht, desto weniger Leute sind vorhanden und immer weniger Alternativen. Und die rumplige Kameraführung während der Schlägereien zwischen den (vermeintlichen) Widersachern im Zug verdeutlicht vor allem eines: In den engen Gängen gibt es so wenig Platz, dass sich die Kamera eben auch noch dazwischen pressen muss. Es entsteht eine Hetzjagd, wo niemand hetzen kann … und immer hoffnungsloser wird es dementsprechend. Aber MacCauley und mit ihm THE COMMUTER wollen sich ihrer Hoffnung nicht berauben lassen. Sie kämpfen für das Gute, Wahre und Schöne, egal was sich ihnen in den Weg stellt … und stellen sich dabei wie Ritter in weißen Rüstungen gegen die sie umgebende Resignation. Viel Naivität steckt in diesem atemlosen Thriller, der für den Glauben an uns zu kämpfen scheint, der seine Hauptfigur in ein paranoides Netz wirft, dieses immer mehr vergrößert, aber am Ende auch offenbart, dass es nie so schlimm ist, wie behauptet/vermutet. Das größte Problem ist nur die Unsicherheit. Und so gibt es dann zwei Enden. Eines in dem Neeson hoffnungsvoll ins Angesicht eines doch nicht ganz so omnipotenten Gerüsts der Ausbeutung lacht und eines, kurz vor dem anderen, bei dem er alleine in der Mitte eines Getümmels steht und alle Schlüssel in der Hand hält, um die Welt etwas besser zu machen, aber wem er trauen kann, weiß er nicht. Es bleibt nur die Hoffnung.

Derrick (Folge 57) Die Puppe
(Theodor Grädler, BRD 1979) [DVD]

radioaktiv

Sexuelle Hysterie steht im Mittelpunkt von DIE PUPPE und doch ist diese Folge von einer geradezu aseptischen Sexlosigkeit. Fotos eindeutiger Szenen zum Mittel der Erpressung soll es geben, so wird am Ende kurz aufgelöst. Was auf ihnen zu sehen sein soll, ist gänzlich unvorstellbar. Werner Schulenberg, der schon in TOD EINES FANS im Hintergrund als lebloses Faktotum die Aufmerksamkeit auf sich zog, spielt hier Adi Dong. (Was ist das nur für ein Name?!) Dieser ist ein Manikeur oder eine Maniküre – Harry ist sich im Laufe der Ereignisse nie ganz sicher, wie es richtig heißt, und kommt bei solchen sexuellen Zwielichtigkeiten wie einem Mann in einem Frauenjob direkt ins Schlingern – der den mittelalten Frauen die Köpfe verdreht. Die Glätte seines Gesichts hat etwas Wächsernes. Immer wieder wird erwähnt, wie schön er aussehe. Gänzlich passiv agiert er. In Verbindung mit seinem glasigen Blick gibt ihm das etwas Zerbrechliches. Höchstens wenn er Damen mit Höflichkeit und gehobenen Manieren entgegentreten kann, scheint er gelöst und in Sicherheit. Er ist die titelgebende Puppe. Es gibt zwar keinerlei Thematisierungen von solchen oder Bezeichnungen als Puppe, höchstens der Titel der Folge, der zu Beginn über Schulenbergs Spiegelbild liegt, gibt einen Hinweis, aber trotzdem ist es eindeutig. Und alleine die Vorstellung, dass Reineckers Drehbuch und das männliche Umfeld in DIE PUPPE die Wirkung Adis auf die Frauen als gesetzt nehmen, ist gänzlich irrwitzig. Als ob Scharen von Frauen nur Teepartys mit androgynen, asexuellen Schönlingen im Kopf hätten, die dann irgendwie scheinbar zu Sex führen sollen. Sex, der vll vorstellbar ist, als Spiel mit Barbie und Ken. Nur dass die Frauen ihre Barbies nun im sexuell reifen Alter mit sich ausgetauscht haben. Aber vll ist dies wirklich besser, als sich mit diesen Herren der Schöpfung abzugeben, die in DERRICK nie Augen für sie haben würden, sondern nur Grobheit und Ablehnung.
Aber die besagte Hysterie betrifft nicht nur diese Puppenspiele. Adi lebt als Nachbar seines Chefs Willi Berger (Willy Schäfer, wieder mit glühender Intensität) und unter dessen Fittichen. Letzterer bezeichnet sich dabei gern als dessen Ersatzvater. Wenn sie aber in Adis Wohnung stehen, die Vorkommnisse bereden und Berger immer näher an Adi heranrückt, dann fehlt oft nur der finale Kuss … um der Leidenschaft der Bilder Tribut zu zahlen. Vater und Sohn, Chef und Angestellter, es scheint für Berger nur ein Ersatz für das zu sein, was er wirklich möchte. Die Worte werden dies in DIE PUPPE stets abstreiten und absurd überspielen. Seine Blicke, sein ständiges körperliches Annähern und der Fakt, dass er in seiner anzunehmenden Gier ein Loch in die Wand zwischen den Wohnungen gerissen haben muss, um das Objekt seiner Begierde beobachten zu können – ein Loch, hinter das er sehr einfach in eine Pose und eine Geräuschkulisse hineinimaginiert werden kann, die an Norman Bates erinnert – all dies spricht eine ganz andere Sprache.
DIE PUPPE belässt all dies aber in der Welt bürgerlicher Spießigkeit. All das Erwähnte nimmt nur einen kleinen, meist kaum beachteten Platz ein. Harry irrlichtert durch das Geschehen, weil seine Sichtweise lediglich die heterosexuelle Norm erkennt. Derrick hat gleich einen Gips und kann gar nichts machen, außer für einen Running Gag zu dienen. Sie sind Agenten einer verstaubten Welt, die bestenfalls amüsiert. Und so wird sachlich und omnipräsent nach einem Mord gesucht, der ins Weltbild passt. Im Büro von Herrn Gerdes, dem Mann des Mordopfers, hängt dabei ein großes Bild von Sigmund Freud. Wie ein Marker wirkt es, dass einen daran erinnert, dass nicht die Oberfläche von Anstand und Moral zählen, dass dies nur heuchlerische Verdeckungen sind. Die Träume sind es, auf die es ankommt. Auf das, was sich in diesem biederen Treiben andeutet, was aber niemand aussprechen oder wahrhaben wagt.

Dienstag 16.01.

Der treue Husar
(Rudolf Schündler, BRD 1954) [stream]

großartig

Die Ehe steht hier nicht zur Disposition. Und doch wird sie 80 Minuten lang mit Dreck beworfen und verhöhnt. Die Augen und Finger der Ehemänner gieren beständig nach nackter Haut, die nicht die ihrer Gattinnen ist. Screenshots, welche das Hofbauer Kommando zeigen, könnten hier en gros gemacht werden. Die Frauen sind verbittert, weil sie ihre Männer beständig, festhalten müssen. Die sich anbahnenden Ehen, die auf die sich entwickelnden Jugendlieben folgen werden, sie beginnen mit Lügen und Aufschneiderei. DER TREUE HUSAR ist eine Farce, die nicht nur im Karneval spielt, sondern die wie ein Karussell durch die jecken Momente eines tiefenschmierigen Verständnisses von Ehe jagt. Jazz, Kostüme, Masken, Modeschauen, Fleisch, Alkohol und Gier nach mehr als dem, was die bürgerliche Ehe der 50er Jahre einem bietet, und das alles doch wieder mit der eigenen Biederkeit infizieren. Selbst das Happy End ist ein Hohn für die Ehe, weil keine der Abwege widerrufen wird. Und so ist es eben eine Art entspannter Utopie, die DER TREUE HUSAR malt. Die Ehe als Institution war kaum angreifbar zu dieser Zeit, wenn sie aber nicht so ernst genommen wird und ihre Regeln (in Maßen) gebrochen werden, dann ist in ihr gut leben … zumindest für denjenigen, der seinen Partner nicht ewig an der Kandare halten muss.

Sonntag 14.01.

L’armée des ombres / Armee im Schatten
(Jean-Pierre Melville, F/I 1969) [blu-ray, OmU]

großartig +

Einige Episoden aus dem alltäglichen Leben der Resistance oder wie Deutschland den zweiten Weltkrieg doch gewonnen hat. So könnte ARMEE IM SCHATTEN im Untertitel heißen. Zum Abschluss gibt es beispielsweise wie in einem Biopic Texttafeln, die den weiteren Werdegang der Protagonisten verkünden. Alle Figuren, die wir sahen, werden bis spätestens 1944 während ihrer Widerstandsarbeit für die Resistance sterben. Keiner überlebt. Damit endet es. Nach einem kurzen Aufenthalt in einem KZ, mit dem ARMEE IM SCHATTEN beginnt, sind die ersten Taten von Philippe Gerbier (Lino Ventura), den doch als sehr sympathisch eingeführten (Welch ein brüderliches Lächeln Venturas!) Oberen der Resistance, die wir sehen, dass er einen Leidensgenossen vorschickt, auf das er bei seiner Flucht auf weniger Wachen trifft, sowie die kaltblütige, sich ziehende Ermordung eines Verräters. Kein glühendes Bild beim Kampf gegen die Nazis wird gezeichnet. Diese bleiben auch eher im Schatten, da sie nur Schemen in Uniformen sind. Entindividualisierte Schrecken gegen welche es sich zu wehren gilt. Stattdessen gibt es Verrat, drakonischen Willen und Verzweiflung, die sich um den ruhigen Fluss aus Abhandlungen legen. Die Versuche unerkannt zu bleiben, diejenigen gefangene Kameraden zu befreien, die Reisen ins Ausland um Hilfsgüter zu bekommen, der Zwang bittere Entscheidungen zu treffen und bei den ständigen Niederlagen an Gegner und der eigenen Menschlichkeit immer suizidaler zu werden: Den Querschnitt des normalen Lebens im Untergrund, den wir zu sehen bekommen, nichts daran lässt erkennen, dass die Nazis verlieren werden, dass irgendwas gewonnen wird. Es gibt ein paar bunte Flecken in diesem zähen Fluss aus Warten und Beklommenheit. So isst Jean François Jardie (Jean-Pierre Cassel) einmal bei seinem Bruder. In einem kleinen Glaskasten sitzen sie dabei, der mitten im ausladenden Salon steht. Das Haus ist nicht mehr vollständig zu heizen, deshalb findet alles Bequeme darin statt. Fast wirkt es hier, als ob das Erlebte nur ein schlechter Scherz ist, nur ein irrealer Traum. Aber am Ende siegt er doch, der innere wie der äußere Tod eines aufgezwungenen Lebens.

Sonnabend 13.01.

Atmen
(Karl Markovics, A 2011) [stream, OmeU]

gut +

Einer der Vorwürfe, die Jugendliche Roman Kogler (Thomas Schubert) während seiner Freigänge aus dem Gefängnis ein-, zweimal zu hören bekommt, ist, dass er seine Fehler und Probleme auf andere schieben würde. ATMEN ist größtenteils ein Drama aus Schweigen, welches besagter Kogler als Wand gegen die Nörgeleien, Vorwürfe, die Erniedrigungen und passiv-aggressiven Dialoge über seinen Kopf wendet. Mit ein paar schwarzhumorigen Abbiegungen bei seiner neuen Arbeit als Bestatter macht es sich ATMEN vor den Widersprüchen in und um seinen Protagonisten bequem. Und wenn auch alle Leute, allen voran er selbst, an seinem Schweigen zu scheitern drohen, ist es eine äußerst produktive Ruhe für den Zuschauer. Sie gibt einem den Platz sich in Schmerz, Unsicherheit, Verzweiflung, Witz und Ironie des Umgangs mit Schuld und Tod hineinzudenken. Es ist aber auch so, dass ATMEN im Laufe der Dinge unserem Kogler auftauen lässt; ihm Platz zum Atmen bietet. Er findet einen Ersatzvater und seine leibliche Mutter. Die Begegnungen und Offenbarungen seiner Vergangenheit, die in diesem Prozess auftauchen, haben aber irgendwie nur eines im Sinn. Ihm zu versichern, dass er wirklich vor allem Produkt der Scheiße um ihn herum ist. Mit der Erkenntnis lässt es sich dann einfacher leben, aber die gezeigte Welt wird auch wieder auf andere Weise enger … und unergiebiger, denn es sind nahezu allein die Unschuldsbeteuerungen, die bestehen bleiben.

Freitag 12.01.

You gui zi / The Oily Maniac
(Ho Meng-Hua, HK 1976) [blu-ray, OmeU]

ok

Der Angestellte eines Rechtsanwalts kann seinem nahen Umfeld nicht helfen. Wegen seiner Gehbehinderung, die ihn an Krücken bindet, fühlt er sich als überflüssiger Krüppel. Wenn wieder einmal ein Unrecht geschieht oder er bei der geliebten Frau abblitzt kann es an den sich verkrampfenden Händen an seinen Gehhilfen, die er am liebsten fortwerfen würde, abgelesen werden. Zum Glück bekommt er jedoch einen Zauberspruch/Fluch in die Hände, der ihn zu einem Ungetüm halb Öl, halb Ding verwandelt. Und so wird er zum Fastsuperhelden und Vollblutvigilanten, der nachts nach und nach die Missetäter, die er kennt, brutal zur Strecke bringt. Da diese Plastikchirurgen und ähnliches sind, kann er auch immer wieder nackte Frauen retten. Und das passiert dann halt in ein paar Episoden eines Wechsels aus Unrecht und strafenden Mord, aus schmierig/heuchlerisch darniederliegender bürgerlicher Fassade und comichaften Gore. Der Schmutz und die Reinigung durch einen öligen Durchgedrehten, sie lassen keine saubere Stelle zurück. Es gibt einen Moment, wo die Titelfigur offenbart, wie sie ihr Tun verabscheut. Im nächsten Moment fliegt aber wieder der Ölfleck durch die Nacht und wird töten. Statt irgendeiner Form von Reflexion groovt sich THE OILY MANIAC in sein Geschehen um verachtenswerte Taten (zumeist an Frauen) ein und fließt dahin.

Derrick (Folge 56) Ein unheimliches Haus
(Alfred Vohrer, BRD 1979) [DVD]

gut +

Zwei Musiken bestimmen EIN UNHEIMLICHES HAUS. Einmal sind da die Streicher, die sich nach schnellen Schnitten von kalten Messern anhören und einen an Psychohorror und hochemotionale Dramas gewahren. Auf der anderen Seite die Tangerine Dream-artigen Schwebezustände, welche die Agatha Christie-artige Mördersuche in einer Pension, einem Ort voller renitenter Rentner und aufgelösten Pensionsbetreibern, noch einen zusätzlichen Tupfer Irrealität gibt. Dazu noch ein Pensionär, der großmäulig von seinen 20 Jahren Arbeit in der Justiz prahlt und bei dem einem der kalte Schweiß ausbrechen kann, wenn einem die Frage in den Sinn kommt, was der alte Mann in seiner doch beträchtlichen Lebenszeit davor machte. Dieser möchte Derrick zeigen, wie das Ermitteln so läuft … und schafft so einen Eindruck, wie Stephan Derrick wirken könnte, wenn das Drehbuch nicht auf seiner Seite wäre. Zu guter Letzt wird Sascha Hehn auch noch von einer Ninjakatze attackiert. Viele Freuden wieder einmal.

Donnerstag 11.01.

I Used to Be a Filmmaker
(Jay Rosenblatt, USA 2003) [stream, OF]

ok

Aufnahmen aus dem ersten Lebensjahr des Kindes eines Filmmachers, die nach Begrifflichkeiten aus dem Filmjargon benannt sind. Jump Cut heißt beispielsweise das Segment mit einem an einem Gestell springenden Baby. Zuckersüß und durchaus etwas unangenehm, weil nicht ganz klar ist, ob hier das Vatersein wehmütig das Filmemachen verdrängt oder das Filmemachen sich selbstverliebt über das Vatersein legt.

I Shot Jesse James / Ich erschoß Jesse James
(Samuel Fuller, USA 1949) [DVD, OF] 2

großartig

Es kann gar nicht oft genug erwähnt werden. Ein Spitzname von Samuel Fuller war die Faust des Kinos. Seine Filme sind oft geprägt von einer dringlichen Unmittelbarkeit, die für Subtilität keine Zeit hatte. Andererseits steckte unter diesem Lospreschen beim Auseinandernehmen us-amerikanischer Mythen eine ganz unwahrscheinliche Sensibilität. I SHOT JESSE JAMES war nach einigen Jahren als Drehbuchautor sein erster Spielfilm als Regisseur. Und es ist schon alles da, wenn er sich einem der großen Wild-West-Mythen widmet. Fuller stellt sich dabei leicht auf die Seite des Dissidenten. Also auf die von Jesse James, den er als gutmütigen Rebellen zeichnet, der leider nur die Menschen nicht so gut einschätzen kann, wie er von sich denkt. Voller Vertrauen ist er für seinen künftigen Mörder, dem er in einer der sprechensten und witzigsten Szenen den nackten Rücken hinhält und ihn bittet diesen zu schrubben – während Bob Ford mit sich kämpft und vielleicht lieber die Pistole ziehen würde. Bob Ford hat durchaus Skrupel. I SHOT JESSE JAMES beginnt mit einem Überfall und der Rettung Fords durch James. Ohne großes Federlesen sind die Konflikte dadurch etabliert. Für seine große Liebe strebt Ford aber auch ein normales Leben an und hofft auf die Amnestie, wenn er seinen Freund tötet. Es ist die alte Geschichte. Aber bei Fuller ist es eine seltsame Hysterie, die ihn zu seiner Tat streben lässt, zu der ihn die Ideologie der amerikanischen Gesellschaft bringt, die ihn wie ein Bumerang danach trifft und ihn einen großen Teil des Films quälen wird. Denn das Normale ist hier ein zweischneidiges Schwert, dass seine Ausgrenzung nicht so leicht aufgibt.

Dienstag 09.01.

Derrick (Folge 55) Schubachs Rückkehr
(Theodor Grädler, BRD 1979) [DVD]

großartig

Wieder kommt DERRICK in einer Disco richtig zu sich oder wenn die schonungslos kitschige Musik sich über eine sich anbahnende Romanze legt, sprich, wenn diese über ein nebeneinander laufendes Paar schnulzt. Sensationell ist aber vor allem der Schlusssatz, wenn der als äußerst perfide angekündigte Plan doch im Handumdrehen gelöst ist, wenn all das Herauszögern der Sensation, das kunstvoll ausdauernde Warten auf ein Genie und seinen Mord doch sekundenschnell im Sand verläuft und die Folge mit einem gewieften Coitus interruptus endet. Lakonisch wird es in den Raum geworfen und dann ist es schon vorbei: Schade.

04.01.-07.01.
17. außerordentlicher Filmkongress des Hofbauer-Kommandos

Sonntag 07.01.

Le bellissime gambe di Sabrina / Mädchen mit den hübschen Beinen
(Camillo Mastrocinque, I/BRD 1958) [35mm]

großartig

Ein schöner Sonntagnachmittagsfilm. Und ein Onkel und Gentlemandieb wirft hier – passend zu den beiden Nachmittagsvorstellungen von gestern – den Weisheitsmotor an. Ein Beispiel: Gefühle sind die gefährlichste Schmuggelware.

Män kan inte våldtas / Wie vergewaltige ich einen Mann
(Jörn Donner, S/FIN 1978) [35mm, OmU]

ok

[…] aber ansonsten kam mir der Film stilistisch zu sehr wie einer dieser anspruchsvolleren TV-Themenfilme vor, die eine Diskussion anstoßen wollen. An sich in Ordnung, aber ich suche bei Filmen irgendwie was anderes. sagt Silvia S. im Gesichtsbuch. Mehr fällt mir dazu auch nicht ein.

Angela, the Fireworks Woman
(Wes Craven, USA 1975) [35mm, IFmeU]

fantastisch

Die italienische Fassung, die beim 17. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos lief, enthielt Fremdmaterial. Kindheitserinnerungen, die sich fast nahtlos in das magische Geschehen einer märchenhaften Welt einpassten, sowie eine Szene aus einem Bikerfilm, die völlig irrwitzig etwas Mehr an Gewalt in Film spülte, aber das Traumhafte von ANGELA, THE FIREWORKS WOMAN noch erweiterte. Auf recht tabuisierten Wegen verlangt Angela nach Geborgenheit, während ihr Bruder sich der Entsagung verschrieben hat. Auf eigenwillige Weise möchte sie das Kindliche im Neuen, im Erwachsensein behalten, wo es ihr Bruder ganz weit von sich wegdrängt. Wenn sich in diesem Märchen während eines Feuerwerks des Glücks offenbart, dass die Diener des Teufels und Gottes ein und dieselbe Person sein können, stehen gerade diese beiden Zufügungen für die vergangene Unschuld und die Entfremdung im Erwachsenwerden. Ich kann mir diesen entrückten Porno gar nicht ohne dieses hereingeschmuggelte Zeug vorstellen, welches diesen emotionalen wie anmutigen Rausches noch weiter zerfließen lässt. (Die Lust auf einen Porno von Terrence Malick ist nun bei mir geweckt.)

Das Rasthaus der grausamen Puppen
(Rolf Olsen, BRD/I 1967) [35mm]

großartig

Wo der gutmütige Cary Grant in ARSEN UND SPITZENHÄUBCHEN in der Mitte eines bedacht entworfenen Tumults sitzt, wo Mitte und Rand von Familie und Gesellschaft kurzzeitig von Wahnsinn und Mord bestimmt sind, wo einem aber auch ein marodes Sicherheitsnetz geboten wird, dass dieser morbide Irrsinn eine Sache der Gene sei und die Angst sich nur nach außen richten muss, da steht die unbedarfte Helga Anders in DAS RASTHAUS DER GRAUSAMEN PUPPEN am Rand eines viel roheren Trubels, der, statt Sicherheiten zu bieten, es sich fröhlich in einer gierigen, verzweifelten und neurotischen Mischpoke gemütlich macht. Die grausamen Puppen, das sind fünf Entflohene aus einem Frauengefängnis, die an der schottischen Küste in einem Rasthaus sich verstecken und von der britischen Insel fliehen wollen. Skrupellos werden einige von ihnen töten, was ihnen im Weg steht. Hinter ihnen liegt eine sadistische Direktorin, die sich mit Macht und Peitsche Lust von ihren Insassen erzwang und die einer Anstalt vorstand, die in kürzester Zeit die Gefangenen verzweifeln und verrohen ließ. Vor ihnen liegen bürgerliche Ehemänner, die das Chaos nutzen, um ihre Ehefrauen zu beseitigen. Umgeben sind sie von Spinnern und Paranoikern. Atemlos geschehen die Dinge und Verstrickungen und selbst beim Ableben seltsamer, aber harmloser älterer Damen ist die Stimmung eine fröhliche. DAS RASTHAUS DER GRAUSAMEN PUPPEN hat den Champagner kaltgestellt und fegt mit einem Schwips durch eine zerrüttete Gesellschaft. Einer der übelsten Schundfilme der letzten Zeit. Schärfstens abzulehnen! fand da der Evangelische Filmbeobachter. In einer solchen Welt darf sich vll schlicht nicht gefreut werden.

Sonnabend 06.01.

Mädchen in der Sauna
(Gunther Wolf, BRD 1967) [35mm] 2

großartig

Wie der folgende TrÜF ein Hort der Weisheiten. Hier ein minimales Potpourri:
Heiße Füße, kühler Kopf.
In sudore veritas.
Ist das Herz voll, ist der Kopf leer.

The Prince and the Nature Girl / Nackt im Sommerwind
(Doris Wishman, USA 1965) [35mm]

(verstrahlt )

Äußerlich, dank der Freikörperkultur, ein Bild der Wonne. Innerlich eines des Jammers. weiß der Erzähler einmal zu erzählen. NACKT IM SOMMERWIND ist aber oft äußerlich ein Bild des Jammers. Die Nudisten, vor allem die Männer, werden in gänzlich unrelaxte Posen gezwungen oder gar gleich in Hosen verfrachtet, damit auch ja kein Schwengel die Augen der Zuschauer beschmutzte. Die Entspannung im Sommerwind hat so oft etwas Verkrampftes und Entbehrungsreiches. Aber dann waren da auch die Freuden, die der Aufriss ankündigte. Rätselhaft sind etwa die Bewegungen der Darsteller im Raum und die szenische Auflösung desselbigen, geradezu anderweltlich-entrückt ihre Kommunikation miteinander (wir haben es mit einem versteckten Klassiker des autistischen Kinos zu tun!). Aber ein Schlaftief in den frühen Nachmittagsstunden verschloss viele der autistischen Freuden vor mir, leider.

Tenshi no harawata: Akai memai / Angel Guts: Red Vertigo
(Ishii Takashi, J 1988) [35mm, OmeU]

fantastisch

Nachdem vier seiner Mangas zuvor in der ANGEL GUTS-Serie von anderen Regisseuren als roman porno verfilmt wurden, debütierte Ishii Takashi mit dem fünften Teil selbst auf dem Regiestuhl. Sein Wasserfetisch, der in den Filmen zuvor nur am Rande stattfand und beispielsweise zwei Tage zuvor in RED CLASSROOM (fast) auf eine finale Pfütze beschränkt blieb, bekommt hier endlich seinen Platz. Strömender Regen, Pools, geträumte Wassermassen, Duschen, Bäder, tropfende Decken, Nässe und Feuchtigkeit – als ob es darum ginge, das Vergangene nachzuholen, wird RED VERTIGO nass gemacht. Die Figuren werden so abgekühlt oder versuchen sich mit etwas Warmen, sie Umschmiegenden zu beruhigen. Oder sie werden (in ihren Gefühlen) ertränkt oder flutschig lustvoll aufgeladen, so dass sich ihre Ausnahmezustände als Flüssigkeitsfilm um sie legen.
Muraki ist Börsenmakler, der sich privat mit dem Geld eines Kunden verzockt hat. Gefeuert, von seiner Frau verlassen und von dem Kunden gejagt, rast er in einer Flucht vor alles und jedem (es ist vor allem eine Flucht vor sich selbst) mit seinem Auto durch die Straßen und überfährt Nami. Diese entging gerade einem Vergewaltigungsversuch und hat ihren Freund beim Fremdgehen entdeckt. Beide brauchen gerade mehr als alles andere Wärme und Geborgenheit, weil ihre Lebenswelten zertrümmert sind. Leider haben sie nach dem Unfall nur sich. Muraki sucht nach Bestätigung im Sex, findet aber nur heraus, dass er ein Schwein ist und sowieso bei seinen Vergewaltigungsversuchen keinen hoch bekommt. Und Nami findet sich eben gefesselt mit jemanden wie Muraki in einer verlassenen Industriehalle wieder.
Was sich zunehmend zu einem torture porn geschundener Seelen entwickelt, wird aber über einen kurzen Moment des Ausredens ein gänzlich romantischer Film … der an sein Glück nur bedingt glaubt und dieses zerschmettert. Völlig irrationale Visionen in denen Sex als heilendes Medium wirklicher Einigkeit fungiert, wird erst über Nami und Muraki kommen. Sie schlafen miteinander und ihre Wunden werden in diesem Ding aus Verständnis und tiefer Befriedigung auf wundersame Weise heilen. Aus einer triefenden Halle wird ein gänzlich entrückter Ort, wo grelle Neonröhren völlig unmotiviert angebracht als kryptische Schriftzeichen der Liebe leuchten. Aus Love is a Battlefield wird ein Traum aus Plüsch und Tüll der Gefühle … der aber völlig sinnlos wieder zerstört wird. Die Blase des Glücks, so scheint RED VERTIGO einem vermitteln zu wollen, wird platzen, sobald der Alltag wiederkommt. Fast sadistisch ist es, wie RED VERTIGO vor seinem Glück resigniert. Aber gerade dieser unmittelbare Wechsel von himmelhochjauchzender Glückseligkeit zu zerschundener Depression, gerade dieses Manisch-Depressive hat dafür gesorgt, dass mir nach RED VERTIGO das Herz blutete, ich den Kinosaal schnell verlies und erstmal allein sein musste, weil es so viel zu verarbeiten gab.

Carmen, Baby
(Radley Metzger, BRD/USA/Y 1967) [35mm]

gut

Amour fous empfinde ich oft als mühsam. Hilflos verfällt ein biederer Charakter einem Phantom, das immer hinter einer Säule auftaucht, wenn die Suche nach ihm aussichtslos scheint, und das in seiner perfekt abgeschmeckten Mischung aus Geben und Nehmen, aus Lust und Demütigung, den Machtvollen, hier ein Polizist, seiner Macht beraubt. CARMEN, BABY fand ich dahingehend meist reizlos, weil er gleichförmig dahinfließt und der Machtverschiebung wenig hinzufügt. Aber vll steckt hinter meiner Abwehr auch nur die Ahnung um den Umstand, dass zu viel eines biederen Charakters in mir steckt. Wer weiß.

Left-Handed
(Jack Deveau, USA 1972) [dvd, OF] 2

fantastisch

Nach einem Quickie auf der Herrentoilette schaut ein vll wirklich nur ums Austreten bedachter Passant in die Kabine, wo noch einer der beiden Herren auf dem Klo hockt. Dieser grinst ihn schelmisch an. LEFT-HANDED wird mit der Träne auf einer Wange enden, wenn der Traum der Liebe schal geworden ist und in einer Orgie endet. Das schöne ist aber die Selbstverständlichkeit, wie alle sexuellen Möglichkeiten auch wirklich Möglichkeiten in LEFT-HANDED sind. In der Geschichte, die fast nur in Impressionen wiedergegeben wird, herrscht ein charmantes alles ist möglich, nichts muss. Es ist ungebunden. Daran wird die Liebe dann vll auch scheitern – an Eitelkeit und Bindungsangst – aber so entsteht auch ein Film, fern aller Hysterie mit einem ganz zufriedenen Grinsen, ob all der kleinen Wunder.

Hinterhöfe der Liebe
(Erwin C. Dietrich, BRD 1968) [35mm]

gut

In einem der schönsten Sequenzen befinden wir uns auf der Straße. Das Licht, welches vom Kopfsteinpflaster ausgeht, ist wunderschön und gibt dem Geschehen Wärme und etwas Weiches. Es steht damit im krassen Gegensatz zu den Abläufen auf ihr. Denn wir befinden uns auf dem Straßenstrich und sehen eine Frau, die in die Prostitution getrieben wurde. Nepper nutzen hier naive Wünsche nach Ruhm oder leichtem Geld aus und beuten sie aus. Fast ist es ein seelenloses Dokument einer um sich greifenden Verbitterung. Zum Ende der Straßensequenz wird einer der Zuhälter kollektiv von den Sexarbeiterinnen zusammengeschlagen. Es bleibt der einzige utopische Moment, wo nicht schon alles aufgegeben ist.

Freitag 05.01.

Il Sergente Rompiglioni diventa… caporale / Der Divisionstrottel
(Mariano Laurenti, I 1975) [35mm]

verstrahlt +

MONTY PYTHON’S FLYING CIRCUS hat mit seiner postmodernen Absurdität, die oftmals gegen den Zwang nach Pointen in Komödien ankämpfte, einen festen Platz in der Kultur des 20. Jahrhunderts erreicht. DER DIVISIONSTROTTEL fetischisierte seine Lust daran Sinnzusammenhänge zu zerstören und gekonnte Pointen zu torpedieren auf ähnliche Weise. Anerkennung bekam er aber keine. Intentionalismus und seine ungerechten Folgen. Höhepunkt: eine Massenvernichtungswaffe, die sofortigen Durchfall bei den Leuten in unmittelbarer Detonationsnähe auslöst.

Santa / Santa – Die Sklavin des Lasters
(Norman Foster, MEX 1943) [35mm]

verstrahlt

Ein Film von der Gemeinheit eines tollwütigen Straßenköters. Santa ist, wie der Name schon sagt, eine Heilige. Der nach ihr benannte Film schickt sie auf eine Passionsgeschichte, die der Marquis de Sade für seine Justine kaum brutaler erdacht hätte. Zuerst ist da eine reine Liebe, von der sie ohne Arg erzählt. Doch für diese Reinheit muss sie zahlen. Nach dem ersten Mal ist er weg, sie schwanger und von der Familie verstoßen. Im Bordell hat sie zumindest kurz weltlichen Erfolg. Aber das ist nur ein kurzes Plateau, welches weitere Zermürbungen bereit hält. Expressive Schatten, Alkohol, Fieberattacken auf einen verhärmten Körper und die ewig präsenten Kruzifixe, Kirchen und andere Symbole, von welchen fiese Schuldgefühle auszugehen scheinen – SANTA geißelt Santa. Die Frage ist nur: Wieso sich sowas anschauen? Vll weil die Perversion katholischer Wertesysteme in ihrer Gemeinheit selten so drastisch zu sehen war. Aber ich weiß es auch nicht wirklich.

Der zweite Frühling
(Ulli Lommel, BRD/I 1975) [35mm]

fantastisch

Mein liebster Moment dieses Kongresses war, als Curd Jürgens hier in einer Sauna lag. Ein Handtuch nur notdürftig über seine Scham haltend, zeigte sein nackter Arsch gen Notausgang des Kinosaales. Sein Dam wurde dabei mehr offenbart, als dass er versteckt wurde. Als dieses Bild also auf die Leinwand geworfen wurde, trat Christoph nach einem Klogang durch den Notausgang wieder ein. In den Vorhängen der Tür blieb er stehen und schaute Curd in den Allerwertesten und blieb kurz zur Salzsäule erstarrt stehen, bis er schnell auf seinen Platz huschte. Ein schönes Bild für die Kongresse ist dies. Nichtsahnend betreten wir den Raum und dann ist erstmal mehr oder wenig kurze, aber intensive Verarbeitungsarbeit nötig.

Karussell
(Alwin Elling, D 1937) [35mm]

großartig

Thelonious Monks Klavierspiel mit seinen nie gebeugten Fingern hat immer diese Momente, wo der Finger über den Tasten schwebt und immer, wenn es scheint, dass er das Drücken derjenigen in den Sand setzt, drückt er gerade noch so zu. Ähnlich ist das Tanzen von Marika Rökk. Irgendwo sieht es mal albern, mal leblos aus, aber immer schafft sie es ihre Bewegungen herumzureißen und etwas Schönes zu machen. Um Marika Rökks Erika dreht sich dabei ein tendenzstählernes Männerkarussell, welches mechanisch die Geschichte abspült. Aber immer wieder fallen die kleinen, wunderbaren Einzelheiten daraus heraus. Wie die Rummelgewinne, die als Trost dem Koch/Bäcker(?) durch das Ende geleiten, wo seine unerwiderte Liebe im Tohuwabohu unter den Tisch gekehrt wird. Ein Stuhl, ein Teddy und eine Puppe folgen ihm herzerwärmend im Irren nach Anerkennung.

Killing American Style
(Amir Shervan, USA 1988) [VHS, ≠]

verstrahlt

PAIN & GAIN ohne den intellektuellen Überbau. Vier Bodybuilder führen erst einen Überfall aus, brechen nach ihrer Inhaftierung aus einem Gefangenentransport aus und verbarrikadieren sich in einem Familienhaus. Der ihnen gegenüberstehende Pater familias ist derweilen ebenso Kampfsportler und Bodybuilder. Die Fleischmassen in Tank Tops, die KILLING AMERICAN STYLE dominieren, sind optisch so eigenwillig, dass es wie eine Form von Kubismus wirkt, der die mit der Kamera aufgenommenen Dokumente der Wirklichkeit verzerrt. Musculismus könnte es genannt werden, wenn das Testosteron dampft. Die Hausinvasoren und der Invadierte, sie tragen im Folgenden einen Kampf aus, der zwei Prinzipien aufeinanderprallen lässt. Der rechtschaffene, saubere Familienvater, der Gewalt nur als Verteidigungsinstrument nutzt, gegen vier Faunen, deren fehlende Empathie in ihren meist sadistischen Lustgewinnungen dafür sorgt, dass Menschen ohne viel Federlesen erschossen und missbraucht werden. Räudig, brutal und von gedrillten wie entgleisten 80er Jahre Räuschen ist KILLING AMERICAN STYLE bestimmt, wenn gierige, machtbesessene Männer diesen beherrschen. Der Familienvater wird aber den Mob holen und zum Ende mit diesem schäbigen Treiben aufräumen. Bizarr ist dieses Aufeinandertreffen aber auch, weil sich die Protagonisten so wenig unterscheiden…

Donnerstag 04.01.

Immer wenn es Nacht wird
(Hans D. Bove, BRD 1961) [35mm]

großartig

Ein Film, der die Alarmsirenen lang, monoton und bohrend klingeln lässt. Die Syphilis geht um und ist so furchterregend, dass niemand wagt ihren Namen auszusprechen. Syphilis, die dunkle Fürstin des zügellosen Sexes. IMMER WENN ES NACHT WIRD warnt im Angesicht ihrer. Lösungen gibt es aber nicht. Denn wo liegt die Ursache? Eine ausladende Parallelmontage lässt den Verdacht aufkommen, dass es an den Partys der Jugendlichen (der Kindergeneration) liegt. Deren Freuden werden in bester Pudowkin/Eisenstein-Manier mit einer fehllaufenden Operation verbunden. Die Würste am Buffet und blutiger Mull, der Spaß und seine Folgen. Oder sind es die lieblosen Väter (die Elterngeneration)? Der Oberkörper eines solchen empfängt am Ende Mitleidsbekundungen am Grab seines Kindes. Der abwesende Kopf, den die Cadrage in den Sand steckt, dabei Scham spürbarmachend, aber auch den Schatten, der er zeitlebens war, sowie eine Trauer, die nur heuchlerisch sein kann. Oder ist es das Aufwachsen im Wohlstand, welches endlose Freuden und damit zwangsläufig Leid generieren muss. Die Kinder, verloren im Reichtum der Eltern, der alle Wege zu versperren scheint, um das Leben mit etwas anderem als Eitelkeiten und schal gewordener Unterhaltung zu füllen. Vll warnt IMMER WENN ES NACHT WIRD so vor einer dekadent werdenden BRD im Angesicht des Wirtschaftswunders. Mehr Askese ist aber eine Forderung, die nur vom Zuschauer an das Gesehene herangetragen werden kann. Formuliert wird diese nicht. Beginnen tut der Film mit einer Fahrt durch eine nächtliche Stadt. Die Musik und die Bilder sprechen von den kommenden Sensationen. Dufte Typen dürfen die ersten Worte sprechen und tragen den Sex und die Gewalt schnell in den noch fast unbeschriebenen Beginn. Aber dann hält IMMER WENN ES NACHT WIRD an. Bobby Elkins (Jan Hendriks) und Elke Gerdes (Hannelore Elsner) liegen im Bett. Er hat nichts mehr zu sagen, sie dafür umso mehr, prallt aber an der Wand ihres Gegenübers ab. Schweigen und Langeweile. Lange werden sie aufrechterhalten. Es folgt eine Odyssee durch und gegen die Flaute der Langeweile, gegen die Leere in einem, wo die Betäubung den Körper und die Gesellschaft auffrisst. Seine Stilmittel liebt der Film indes und gibt sich ihnen dekadent hin. Gier auf eine Welt der Verzweiflung, gegen die Langeweile. Begierde – Willkommen zum Kongress.

Tenshi no harawata: Akai kyôshitsu / Angel Guts: Red Classroom
(Sone Chûsei, J 1979) [35mm, OmeU]

fantastisch

Sich selbst zu mögen, ist manchmal nicht so einfach. In ANGEL GUTS: RED CLASSROOM scheitern Nami und Muraki monumental daran. Sie wurde für einen Snufffilm vergewaltigt und lebt mit diesem Trauma dahin, bis Muraki ihr seine Liebe erklärt. Er, ein überstimulierter Pornoproduzent, hatte sich in sie angesichts dieses inzwischen schon älteren Films verliebt und sie zufällig getroffen. Doch er erscheint nicht zum ersten Date, was aus RED CLASSROOM einen Horrorfilm von Erniedrigungen des Selbst macht. Lange Einstellungen dokumentieren meist aus der Distanz. Die Leute, verloren in der Weite um sie, oftmals an Nichtorten von Brache, Ödnis und Müll. Doch wenn es darauf ankommt, dann, wenn es heftig wird, dann wird nicht mehr kühl auf Abstand gehalten. So nah geht es heran, dass Zerrspiegel Visionen der Verlorenheit werden. Dass die Verachtung im Glutoffen der Emotionen zu grellen Farben übersetzt wird, die (innere) Ruhe unmöglich machen. Nami lässt sich im Folgenden vollpinkeln und sucht alle Möglichkeiten um sich (vor dem drei Jahre später wiederauftauchenden Muraki) zu demütigen. Bereitwillig wird sie sich in Schlamm auflösen. Und Muraki, der eine bedeutungslose Ehe mehr aushält, als dass er sie lebt, wird mit ansehen, wie all seine Hoffnungen auf Perversion und Liebe wie mit einem Dum-Dum-Geschoss auf ihn zurück gefeuert werden. Und zwischen der Zerstörung von Leuten, die irgendwo auch die unsere ist: der Spaß. So eröffnet sich der Wandel des Traumas von etwas an Nami Nagendem zu ihrem Zerstörer in einer Szene, wo sie ihren zukünftigen Zuhälter aussagt. Sie wird zum wörtlich zu verstehenden Sexmonster. Immer wieder wird ihr Opfer zum Sex animiert. Mehrere Minuten jammerte er schon, ob der endlosen Lust, als er hinter einer Wand verschwindet, wie Leute in Horrorfilmen stets hinter Wände gezogen werden, wenn sie dort von etwas gefressen werden.

Dort Hergele / Fighting Killer
(Yilmaz Atadeniz, Giulio Giuseppe Negri, T/I 1974) [vhs]

(verstrahlt)

Große Teile habe ich verschlafen. So auch eine Verfolgungsjagd, bei der Gordon Mitchell nur mit einem Handtuch bekleidet gewesen sein soll. Viele große Freuden also. In Zeiten, wo Videoknüppel bei außerordentlichen Filmkongressen des Hofbauer-Kommandos eher die Seltenheit sind, ist es umso bedauerlicher. Sadismus und männliche Männer in einem Wunschtraum von Männlichkeit waren zu sehen. Wie Michael Corleone greift hier ein Mafiaboss nach der Macht und geht in wild zusammengeschusterten Sequenzen gegen seine Gegner vor. Eines der eher unwahrscheinlichen Opfer ist die Familie eines ehemaligen Soldaten, der nur in einem vagen Verhältnis zu den vagen Handlungen der Machtergreifung steht. Auf Rache sinnend ruft er sein A-Team zusammen … denn seine Zeit in der Armee war eine schwere Zeit, aber die beste seines Lebens. Neben der Hauptfigur des Tony Tigers (Irfan Atasoy, in den Opening Credits aber direkt als Tony Tiger geführt), der es auch noch schafft, wenn er unerwartet mit einem Stock in den Rücken geschlagen wird und gleich hinterher getreten, Saltos auszuführen, die mit den Füßen voran im Gesicht eines Gegners enden …neben diesem sind es Richard Harrison und Gordon Mitchell, die nun brüderlich für Gerechtigkeit kämpfen. Harrison spielt eine hemdsärmliche Douglas Fairbanks-Figur, die spielerisch alles schafft. Und Mitchell wirkt wie ein lethargischer Roboter, der wie von Fernbedienung zu Handlungen wie überzogenen Emotionsbekundungen, Zuhören und Aufrechthaltung seines Körpers gezwungen wird. Der Wahnsinn der Erzählungen eines normalen Hollywoodactionfilms, hier im Brennglas amateurhaften Eifers, in den stolz getragenen Narben von fehlendem Budget und dem Sein als Zusammenschnitt mehrerer Filme, hier trit er erst richtig deutlich hervor. Wie zu erwarten war also das Meiste. Unwahrscheinlich und sensationell.

Prayer
(Jay Rosenblatt, USA 2002) [stream]

großartig

Einen kurzen Film mit Betszenen, die wie aus Stummfilmen aussehen, habe ich geschaut, um mein Gebet in den Äther zu schießen, dass ich nicht mehr der kommenden Bettszenen verschlafe. Diese archaisch aussehenden Formen von Glaubensbekenntnissen und (irrationalen) Hoffens wirkten so seltsam aktuell.

Mittwoch 03.01.

Na granicy / Grenzgänger
(Wojciech Kasperski, PL 2016) [DVD]

gut

Was macht ein Mann zum Mann? Diese Frage stellt sich GRENZGÄNGER. Oder vielmehr, wie zerstörerisch eine archaische Version dieses Mannseins für die Welt und das Innenleben sind. Ein Vater bezieht mit seinen beiden jugendlichen Söhnen einen Grenzposten mitten in einer Einöde aus Schnee und Wald. Es ist eine Welt, wo jemand, der einem angefahrenen Reh zur Erlösung nicht ohne mit der Wimper zu zucken ein Messer in den Hals stößt, kein Mann ist. Die Söhne des Grenzsoldaten sind so gesehen (noch) keine Männer. GRENZGÄNGER wird aber welche aus ihnen machen wollen. Die Frage ist nur, welcher Preis dafür gezahlt werden muss. Kurz nach ihrer Ankunft kommt ein blutender Mann aus dem Wald. In einer Parallelmontage verdichtet sich das Geschehen daraufhin. Der Vater geht in den Wald, um nach anderen Überlebenden zu suchen, und die verlassenen Söhne sind mit dem langsam erwachenden Mann alleine. Während sich auf der einen Seite des Geschehens, an der Unfallstelle, immer mehr abzeichnet, was für ein Mann da in die Station gekommen ist, stellen die Schnitte zurück die Sicherheit für die beiden Ahnungslosen durch den agiler werden Mann in Frage. Und irgendwann bleibt nur die klaustrophobische Situation zurück, dass zwei überforderte Jungen mit einem Wolf im immer deutlicheren Wolfspelz alleine sind. Blaue, unterkühlte Bilder und zunehmende Schatten bestimmen den sich langsam entspinnenden Kampf, bei dem die einen hoffen, dass alles nicht so schlimm ist und der andere nur den richtigen Moment abwartet, um den letzten Zeugen seiner Tat an die Kehle zu springen. In dem sich entspinnenden Thriller geht es so zunehmend darum, was jeder für das eigene Überleben bereit ist zu tun. Denn nur die „Männer“ tun es in einer solchen Welt. Es ist eine Frage, die einen Terror in der Seele hervorzurufen scheint und erst wenn dieser Terror akzeptiert ist, wieder Lächeln in Gesichter bringt. Ein psychotisches, männliches Lächeln.

Dienstag 02.01.

Derrick (Folge 54) Anschlag auf Bruno
(Theodor Grädler, BRD 1979) [DVD]

gut

Eine Folge im Zeichen der Wiederkehr. Reinecker lässt zum nunmehr vierten Mal einen Mann zum Mörder werden, der eine Frau unabsichtlich mit der Hand erstickt, die vor oder nach einer Vergewaltigung um Hilfe rufen möchte. Männer, die nicht wahrhaben wollen, was in ihnen schlummert, es scheint ihn umzutreiben. Schweiß der von Null auf Hundert das Gesicht des Täters überspült, kennzeichnet immer wieder die Angst vor der Entdeckung des eigenen Seins. Zudem sind wir nach einiger Zeit mal wieder Zeuge der Tat geworden. Derrick darf also auch wieder sofort wissen, wer der Täter ist und mit ihm spielen, ihn unter Druck setzten, bis er gesteht. Mittel dazu ist diesmal zum Beispiel eine kunstvolle, scheinbar harmlose Rede, über die Humanität mit der Tatverdächtige von der Polizei zu verdächtigen sind. Eine Rede über Menschlichkeit, die von einem Dämon genutzt wird, um Schuldige in der Hölle schmoren zu lassen.

Montag 01.01.

Jack and Jill / Jack und Jill
(Dennis Dugan, USA 2011) [blu-ray]

radioaktiv

Eine Komödie zwischen den Stühlen. Für den geneigten Ulrich Seidl-Fan sieht es vll zu sehr nach us-amerikanischer Komödie und damit nach leichter Unterhaltung aus. Für den geneigten Fan leichter Unterhaltung ist diese als Spaß chiffrierte Foltermaschine zwischenmenschlicher Unzulänglichkeiten dann sicherlich zu verquer. JACK AND JILL potenziert dabei das Prinzip von ANGER MANAGEMENT auf der einen Seite, lässt den pädagogischen Liebeskomödienteil aber völlig weg. Adam Sandler spielt auch hier einen neurotischen Selbstmanager, Jack, der sich selbst unter der harten Knute der Normalität hält. Weniger offensichtlich scheitert er hier an sich, denn vor allem scheitert er an seinem schrillen Umfeld, dass in seine Normalität eindringt. So bleibt seine von Katie Holmes gespielte Ehefrau eher blass, da sie für die Biederkeit steht, mit der er sich willentlich umgibt. Wenn dann seine emotionale, eigenwillige Zwillingsschwester Jill (auch Sandler) zu Besuch kommt, dringen immer mehr Leute in sein Leben, die sich nicht so unter Kontrolle habe wie er bzw. die anscheinend nicht mal (mehr) die nötige Selbstreflexion für eine nahtlose Einpassung in ihr Umfeld haben. Die größte Show in diese Richtung bietet Al Pacino, der sich als aufdringlichen Lustgreissuperstar selbst spielt, der zu scheinen glaubt, dass soziale Regeln für ihn nicht mehr gelten. Selbstironisch oder völlig selbstvergessen und unfassbar creepy ist sein Auftritt. Und wir modernen, selbstbewussten Menschen stehen dann beim Schauen eher auf der Seite von Jack und leiden … und wir leiden vor allem an uns und unserem Unbehagen an offensiver Devianz. Die große Geste der Erleuchtung von ANGER MANAGEMENT wird aber, wie gesagt, weggelassen, was die Utopie der fallenden Schranken, der Erleichterung und Öffnung interessanterweise in einem Film, der Aufdringlichkeit zum Stilmittel erhebt, eben nicht aufdringlich ist. Da wo es am wichtigsten ist, ist JACK UND JILL ganz sanft.

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