Running in Madness, Dying in Love



 

Der Tod als Flucht. Die Bewegung als Flucht. Der Gedanke als Flucht.

 

 

Der Film ist gezeichnet von Fluchtbewegungen, von der geistigen Impotenz bzw. der Omnipotenz seiner geprägten Strukturen, letzten Endes von der Unmöglichkeit der Flucht vor sich selbst.

Die Verzweiflung als Zustand des Menschen in der Welt, folgt aus der Identifizierung mit der zugewiesenen oder auserwählten gesellschaftlichen Rolle innerhalb dieser, endet aber nicht in der Erkenntnis der Verflechtung mit den Menschen, sondern manifestiert sich zum dauerhaften Problem des „das ist so gewesen“. Die Macht des Tabus wirkt über Generationen, lässt sich auch rationalisieren, passt sich den jeweiligen Glaubensstrukturen an.

 

 

Sünde als Erfindung der Gesellschaft. Schuld als regressives Verhalten. Die Unfähigkeit Dinge zu sehen wie sie sind. Der Zwang nach Sinn und Struktur. Moral als Repressionsmittel der Macht. Das Tabu als Grundlage der Moral. Nicht richtiges handeln, sondern das Falsche definiert sie. “Du sollst nicht”, statt “du sollst”. Sozial legitimiertes moralisches Handeln leitet sich somit aus der Vermeidung des Unmoralischen ab.

 

 

Der Film zeigt das Ende der Utopien die mit den japanischen Studentendemonstrationen der 60er einhergingen. Der Machtlose ist an seine Machtlosigkeit gefesselt, wie das Kind an die Mutter. Nicht der Mensch stützt sich gegenseitig, sondern das Glaubenssystem in das man hineingeboren wurde bietet Halt. Gewalt als legitimer Akt der Mächtigen – Gewalt braucht Legitimation. Wo diese fehlt, fehlt die Struktur, fehlt der Halt.

 

 

Wie kann man ein Anderer werden? Bei Wakamatsu ist das kaum möglich. Die Vergangenheit lässt sich nicht abschütteln.

Das ist das wirklich schockierende an den Filmen Wakamatsus – die Darstellung einer kollektiven Psychose in der wir alle gefangen sind, ohne Lösung, ohne Ausflucht, ohne Katharsis. Durch den eigenwilligen formalen Aufbau wird diese klaustrophobische Situation noch unterstützt. Das scheinbare Aufbrechen klassischer Regeln und Strukturen, ohne jedoch selbige grundsätzlich in Frage zu stellen. Denn erzählt wird eben doch. Immer noch. Ein Zwang eben. Eine Flucht.

 

 

Die Rebellion geschieht dann auch nicht unbedingt auf der Ebene der Figuren, sondern auf der Ebene des Films. Im Nachklingen, im sich nicht vollständig erklären lassen wollen, im verweigern eines sauberen Abschlusses. Gerade durch die Erkenntnis der Zwänge und Beschränktheit menschlichen Handels und ihrer Zurschaustellung, wird es dem Zuschauer möglich Zusammenhänge zu verstehen die die Protagonisten nicht überblicken, Wahrheiten auszuhalten an denen die Figuren zerbrechen. Die Rebellion als Utopie – nach dem Film.

 

Kyôsô jôshi-kô – Japan 1969 – 72 Minuten – Regie, Produktion und Schnitt: Kôji Wakamatsu – Drehbuch: Masao Adachi, Izuru Deguchi – Kamera: Hideo Itoh – Musik: Takehito Yamashita – Darsteller: Ken Yoshizawa, Yoko Muto, Rokko Toura, Hatsuo Yamaya, Shigechika Sato, Masao Adachi

Dieser Beitrag wurde am Dienstag, November 3rd, 2009 in den Kategorien Ältere Texte, Blog, Blogautoren, Filmbesprechungen, Sano veröffentlicht. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können diesen Beitrag kommentieren, oder einen Trackback von ihrer eigenen Seite setzen.

4 Antworten zu “Running in Madness, Dying in Love”

  1. Christoph on November 3rd, 2009 at 19:56

    Das macht zwar Lust auf den Film, hat aber gleichzeitig etwas sehr allgemeines an sich und wirkt eher wie eine generelle Gedankensammlung deinerseits, veranlasst durch den Film. Ein wenig persoenlicher Agitprop?
    Ich glaube, es war ein grosser Fehler deinerseits, dass du auf der Berlinale letztes Jahr UNITED RED ARMY ausgelassen hast – ausgehend von diesem Text idealer Stoff.

    Uebrigens erstaunlich – das ist, soweit ich sehen kann, dein erster Text zu einem japanischen Film hier.;-) Ich bin ja auch zunehmend fasziniert von der Extremitaet, mit der sich der Protest gegen die autark von ihren Mitgliedern bestehende gesellschaftliche Starre in japanischen Filmen dieser Zeit aeussert. Du musst unbedingt Yasuzo Masumuras (mein neuer japanischer Lieblingsregisseur) MANJI sehen – alleine das Schlussbild des Films zeichnet einen der niederschmetterndsten Eindruecke der japanischen Gesellschaft, den ich bisher gesehen habe. Und, das ist der Clou – den du so aehnlich ja auch hier in deinem Text beschreibst, wenn du anmerkst, dass sich der Film eben doch freiwillig bis zu einem gewissen Grad konventionellen Formen anpasst – mit japanischer Zurueckhaltung, eben so, dass der Daemon sich nur in seinesgleichen spiegeln kann.

  2. Sano on November 20th, 2009 at 11:02

    Ja, da hast du nicht ganz unrecht. Allgemein halten wollte ich es nicht (liest sich aber sicher auch auf diese Art), es wurde jedoch eine konzentrierte und kondensierte Gedankensammlung zu der Kritik, die ich eigentlich schreiben wollte. Die ersten drei Sätze stehen auch noch über dem ersten Screenshot. Der Rest des Textes ist dann ein verzweifelter Versuch am nächsten Tag meine ursprüngliche Inspiration nach dem Film doch wenigstens irgendwie noch zu Papier zu bringen. War dann ein mühseliges dreistündiges Ringen, aber ich bin inzwischen doch ganz zufrieden damit.

    Meine ursprünglichen Gedanken konnte ich direkt nach der Sichtung aufgrund Bandprobe nicht niederschreiben, und nachdem ich wieder zu Hause war, hatte ich meine Inspiration und Kreativität bereits musikalisch verschossen…

    Hab mich vor zwei, drei Wochen bei Andi ja schon ausgiebig darüber beklagt, dass ich “United Red Army” damals bewusst ausgelassen habe. Leider haben mich alle Wakamatsus bisher eben immer nur NACH der Sichtung umgehauen.

    Ja, viele japanische Filme dieser Zeit sind schon etwas besonderes. Muss auch immer wieder an die frühen Arbeiten von Kihachi Okamoto denken, die vor drei Jahren als Forumsretro auf der Berlinale liefen. Vor allem “Desperate Outpost” (1959) würde ich inzwischen sehr gerne wiedersehen. War damals ebenso wie Lukas Foerster von Okamoto nicht ganz so angetan wie von den Filmen Nobuo Nakagawas, welche ein Jahr vorher an gleicher Stelle zu sehen gewesen waren, aber ich erinnere mich doch, dass ich in einigen Gesprächen mit ihm, die “schwächeren” Filme der Reihe etwas verteidigte, da ich sie persönlich mehr genießen konnte, als er. Leider habe ich nicht alle 9 gezeigten Filme gesehen, daher hier der Link zu Lukas’ nicht immer enthusiastischen Besprechungen: Okamoto on Dirty Laundry
    Retrospektiv haben aber fast alle Filme (und vor allem die experimentellen und energiegeladenen Frühwerke) in meiner Erinnerung ordentlich zugelegt, und ich würde wahrscheinlich mein letztes Hemd geben, sie nochmal in dieser Kopienqualität auf der Leinwand zu erleben!

    Manji kenne ich noch nicht, müsste aber irgendwo in meiner DVD-Sammlung herumgeistern. Erinnere mich immer noch mit einem wohligen Schaudern an die grandiose Schlußsequenz meines bisher einzigen Masumura-Erlebnisses: Afraid to Die (1960) mit dem großartigen Yukio Mishima in der Hauptrolle.
    Was kannst du denn noch empfehlen?

    PS: Wenn du wieder da bist, können wir ja etwas Lobbyarbeit betreiben um wieder mal einen Masumura im Kino zu zeigen! 🙂

  3. The Critic on Dezember 4th, 2009 at 23:59

    Ich weiß natürlich nicht, was Christoph neben Manji empfehlen würde. Aber besorg Dir Red Angel und danach (wirklich erst danach, weil sonst Dir sonst die Steigerung flöten geht) Blind Beast. Ein Film für alle Sinne. Quasi.

  4. Christoph on Dezember 8th, 2009 at 17:53

    Christoph würde prinzipiell alles, was er von Masumura kennt, nämlich KISSES, MANJI, RED ANGEL und BLIND BEAST, von Herzen empfehlen.8-) Allerdings war BLIND BEAST mein erster Masumura und obwohl ich ihn ein wenig lieber mag als RED ANGEL (beide sind aber grossartig, der Unterschied in meiner Wahrnehmung ist also nur marginal) empfand ich letzteren als Steigerung. Wobei ich MANJI aber generell am intensivsten und beängstigendsten finde (und die genannten Filme sind allesamt extrem intensiv und beängstigend).

    @ Sano:

    Tut mir leid, zu deiner Antwort komme ich noch, keine Sorge.

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