Gespräch mit RP Kahl (Teil 1)



Im Rahmen des RP-Kahl-Specials (siehe auch die Besprechungen zu ANGEL EXPRESS und BEDWAYS) starten wir nun mit dem ersten Teil eines Gesprächs mit RP Kahl, das im Juni 2010 im Anschluss an eine Vorführung im Nürnberger KommKino (die erste Station der BEDWAYS-Kinotour) geführt wurde. Wir wollten uns dabei bewusst gar nicht so sehr auf seinen neuesten Film fokussieren, vielmehr interessierte uns seine Filmlaufbahn als Gesamtes und damit auch ein möglicher Abriss des unabhängigen deutschen Filmschaffens der letzten 15 Jahre. Was zunächst als Interview gedacht war, entwickelte sich aber im Verlauf zu einem angeregten zweistündigen Gespräch, in dem wir größtenteils in chronologischer Abfolge über RP Kahls Werdegang sprachen, und das wir nun auszugsweise auf Eskalierende Träume veröffentlichen möchten. Aufgrund des Umfangs haben wir uns entschlossen es in mehrere Teile, als in sich schlüssige Einheiten, zu gliedern. Der vorliegende erste Teil dreht sich, von seiner frühen Kinoleidenschaft und seinem Zwischenstopp im Theater ausgehend, vor allem um die ersten filmischen Gehversuche und den daran anschließenden Startschuss als Produzent (SILVESTER COUNTDOWN) und Regisseur bis zum Kinostart von ANGEL EXPRESS. Die weiteren Teile des Gesprächs folgen demnächst.





Eskalierende Träume: Gleich mal zum Einstieg gefragt: wie bist du zum Film gekommen? Wann hast du begonnen, dich für Film zu interessieren, zunächst vermutlich als Zuschauer?

RP Kahl: Bei mir war es eigentlich wirklich so, dass ich relativ spät auf einer professionellen Ebene zum Film gefunden habe. Ich habe als Schauspieler angefangen, aber eigentlich als Schauspieler, der zum Theater wollte, und auch Theater gemacht hat. Anfangs wollte ich also wirklich nur Theater machen, bin auch mit diesem Ziel auf die Schauspielschule gegangen. Ganz komisch eigentlich – und hatte fast schon vergessen, dass ich als Kind und Jugendlicher immer ins Club-Kino in Bärenstein gerannt bin, und den Sportunterricht ausfallen lassen habe, um SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD sehen zu können… (alle lachen)
Und irgendwie hatte ich so ein Heftchen, wo ich Western gesammelt habe, also so Ausschnitte aus der Fernsehzeitung, mit zwei Mitschülern aus meiner Klasse, wir waren echte Westernfans, die alles von Terence Hill bis eben SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD gesehen hatten. Auf diese Weise bin ich ein bisschen vom Film sozialisiert worden, und es gab im DDR-Fernsehen im zweiten Programm immer am Mittwoch um 19 Uhr eine Reihe, in der bestimmte Schauspieler vorgestellt wurden. Da gab es die Jean-Gabin-Filmreihe, eine Alain-Delon-Filmreihe, die Romy-Schneider-Filmreihe. Damit bin ich echt sozialisiert worden, denn 19 Uhr war noch eine Zeit, zu der man aufbleiben durfte, bis 20 Uhr, und dann konnte man noch so lange rumnörgeln, bis halb 9, bis der Film durch war – und dann hab ich natürlich DER CLAN DER SIZILIANER und solche Sachen gesehen.
Später ist das dann quasi wieder wachgerüttelt worden, nachdem ich Schauspieler war und Theater gespielt habe, und auch meine ersten Filmrollen spielte. Da habe ich bemerkt, dass mich das doch ziemlich stark interessiert. In der Schauspielschulzeit war ich auch wahnsinnig viel im Kino, und so ist es dann gekommen, dass ich feststellte, dass mich nicht nur Schauspiel und vor allem nicht nur Theaterschauspiel interessiert. Ich bin also wieder eher vom Theater weggegangen und habe mehr vor Kameras gedreht. Diese Zusammenstellung von Leuten, die da zusammen kommen mit einer Idee, sich für eine gewisse Zeit treffen, eine Vision haben, und das gemeinsam machen, jeder auf seine Weise – der Beleuchter dort, der Schauspieler da, der Regisseur da – das hat mir sehr gefallen. Auch vom Lebensgefühl oder vom Rhythmus. Man trifft sich für sechs Wochen und ist eine eingeschworene Gemeinschaft. Man muss ganz schnell zueinander finden, weil man nur diese sechs Wochen hat. Am Theater ist man dagegen zwei Jahre engagiert…

Ist es dir dann im Theater zu sehr Routine?

Genau. Da redet man sechs Wochen über einen Satz, aber im Kino, da ist in sechs Wochen der Film vorbei. So. Und das hat mir sehr gefallen, und die Leute, die ich dort kennen gelernt habe, haben mir sehr gefallen, haben mich sehr inspiriert, haben mich begeistert; die Art, wie sie das gemacht haben. Mit 24 habe ich deshalb beschlossen, “okay, ich dreh jetzt selber mal nen Film”, und musste erst schauen, wie man das macht… (lacht) Ich habe dann mit meiner American-Express-Karte meinen ersten Kurzfilm als Produzent finanziert, und war gleichzeitig auch Regisseur, Drehbuchautor, und habe auch selber noch gespielt. Und als das dann passiert war, nun…

Du warst dann quasi infiziert…?

Infiziert (lacht), genau, sozusagen. Da kommt man nicht mehr los, wenn man es einmal gemacht hat.

Wann war das?

1995, mein erster Kurzfilm: AUSGESPIELT.

Wie habt ihr den gedreht, auf Super 8, auf Video…?

16mm, meine Lieben, im Vergleich sehr teuer, die Kreditkarte war also sehr stark belastet zum Schluss (alle lachen). Vier Drehtage. Acht Minuten, glaube ich. Also auf 16mm gedreht, dann mit Internegativ auf 35mm, und so war er dann auch als Vorfilm in Berlin im Kino, wo er vor Ralf Huettners DER KALTE FINGER lief. Und so kam ich auch mit Ralf in Kontakt. Danach eben auf Festivals, wie man das so macht, Kurzfilmfestivals von Bamberg bis weiß der Teufel. Und dann war ich infiziert. Als nächstes kam SILVESTER COUNTDOWN, den ich produziert hatte, zusammen mit Oskar Roehler. Das war dann gleich der erste lange Film, 1997. Der war dann Super 16, im Format 1.66:1.

Dieses Bildformat war aber damals doch schon am Aussterben? Heute gibt es ja fast kein 1.66:1 mehr, also auch jenseits der digitalen Sachen.

Das kam wohl einfach mit dem Dreh auf Super 16. Soweit ich mich erinnere, hatten wir einen Negativschaden, weil im Kopierwerk immer dort, wo eigentlich beim normalen 16mm dann der Ton wäre, der Abtaster nochmal eingeritzt hat, und da war dann in einigen Szenen ein Fehler drin.
Das war also 1997, und das war schon ziemlich aufregend. Ich hatte den ersten Kurzfilm gedreht, hatte mit ANGEL EXPRESS meinen ersten Langfilm geschrieben, und Oskar Roehler kennengelernt. Oskar hatte einen 60-minütigen Film zu der Zeit gedreht: GENTLEMAN. Wirklich ein raffes, wildes Teil, das wirklich irre ist in beide Richtungen. Großartig. Die Filmgalerie 451 hat ihn inzwischen in einer DVD-Reihe rausgebracht, ziemlich schön, 60 Minuten Film. Und ich weiß noch, dass bei der Premiere etwa zwei Drittel der Leute rausgerannt sind. Ich hab ihn allein gesehen, im Brotfabrikkino in Berlin, und fand ihn super, interessant und spannend. Es war ja letztlich “American Psycho”, eine Bret Easton Ellis Verfilmung. Das fand ich schon ziemlich wild – und zu dem Zeitpunkt wusste ich noch gar nicht, wer Bret Easton Ellis ist.
So habe ich Oskar kennengelernt, und dann haben wir uns irgendwann zusammengetan, und haben SILVESTER COUNTDOWN produziert – und wurden natürlich von allen als Irre erklärt, nicht ernst genommen und fast schon ausgelacht. Aber trotzdem sind wir beim Münchner Filmfest 1997 gelaufen und haben dort den Hypo-Preis gewonnen, und auf einmal wurden wir überall hin eingeladen, konnten uns aussuchen, ob wir nach Locarno wollen oder San Sebastian. Wir sind nach San Sebastian gegangen, in Toronto gelaufen, in Karlovy Vary, auf der Berlinale, in Rotterdam, haben also sozusagen die internationale Festivalrunde die man so machen kann mitgenommen, und Kinowelt hat ihn gekauft. Wir sind zwar im Kino gefloppt, aber haben große Aufmerksamkeit gekriegt, gutes Feedback, international wurde er gut verkauft, und die DVD ist dann irgendwann auch ganz gut gelaufen. Dadurch hatten wir eben trotz der schlechten Kinozahlen Auftrieb bekommen und haben das Geld wiedergekriegt, das wir investiert hatten.
Oskar hat sofort mit Kinowelt den nächsten Film gemacht, GIERIG, der dann glaube ich nicht so richtig gezündet hat und etwas untergegangen ist. Und ich konnte dann eben sofort meinen ersten Spielfilm als Regisseur machen, ANGEL EXPRESS, weil ich in München beim Filmfest Luggi Waldleitner kennen gelernt hatte, den alten, großen Produzenten, der auf der einen Seite Petersen, Geißendörfer, Fassbinder produziert hat, aber auch italienische Soft-Erotikfilme, also eine große Bandbreite von Filmen.

Und wohl auch einiges mit Italien koproduzierte?

Ja, ein ganz cooler Typ, ein lässiger, älterer Herr, der mit mir zusammen produziert hat, der mir diesen Film ermöglichte und das ganze Geld vorgestreckt hat. Ich hatte einen Three-Picture-Deal mit ihm, alles schien bestens, aber leider ist er dann nach den Dreharbeiten des ersten Films gestorben… Und so fing dann die Malaise an, wenn man so will. Aber das war so die wilde Zeit, Ende der 90er, 1996 mit SILVESTER COUNTDOWN – mit Oskar den Film produzieren und zusammen schneiden, und dann meinen Film vorbereiten, das alles – bis 1999.

Habt ihr selbst Schnitt und Drehbuch gemacht bei den Filmen?

Bei SILVESTER COUNTDOWN hat Oskar das Drehbuch geschrieben, und ich hab immer ein bisschen meinen Senf dazu gegeben. Ich hab ihn ausführend produziert, mit Oskar zusammen, aber die Organisation hab ich gemacht. Wir haben ihn zusammen geschnitten, obwohl wir eine Cutterin hatten, die das dann immer noch ein bisschen poliert hat, und uns vermutlich gehasst hat, weil wir immer selber geschnitten haben. (lacht)

Das war ja letztlich alles noch Negativschnitt?

Es gab schon die Möglichkeit, die Schnitte quasi mit einem Computerprogramm zu planen und zu skizzieren. Ich weiß nicht mehr wie das hieß, es war ein Vorgänger von Final Cut und Avid, aber wirklich unterste Kajüte. Und anhand der dort gemachten Vorgaben wurde dann der Negativschnitt gemacht. Es gab also einen 16mm-Negativschnitt, von dem sie für die Premiere in München noch ein Direkt-Blow-Up gemacht haben, bei Film und Video Print. Und später hat dann Kinowelt noch ein Internegativ und ein Positiv angefertigt. Davon wurden dann die 35mm-Kinokopien gezogen. ANGEL EXPRESS war dagegen von Anfang an auf 35mm gedreht, wurde aber auch noch von Hand geschnitten, also auch richtiger Negativschnitt. Es gibt bei ANGEL EXPRESS eine ziemlich rasante Anfangssequenz mit schnellen Schnitten, vielen Einstellungen. Ich glaube, die ersten drei Minuten haben fast genauso viele Schnitte wie der restliche Film. Hier 400 Schnitte und da 400 Schnitte – also die Negativcutterin ist auch irgendwann fast verrückt geworden (lacht), weil sie alle zwei, drei Bilder Schnitte machen musste. Das war damals noch so richtig nach der alten Schule.

Habt ihr die ganzen Leute dann praktisch über Luggi Waldleitner bekommen, also die Cutterin und die Techniker?

Nein, Luggi hat uns eigentlich nur das Geld gegeben – was heißt nur! –, und die Leute waren eigentlich alle von mir. Viele kannte ich von SILVESTER COUNTDOWN und von meinem Kurzfilm, und eben viele, die ich als Schauspieler kennen gelernt hatte.

Noch vom Theater?

Viele vom Film, genauer gesagt vor allem vom Fernsehen. Mit der Hauptbesetzung hatte ich vorher als Schauspieler gearbeitet, und so war es auch geplant: ANGEL EXPRESS wollten wir fast wie so ein Actors Seminar machen, weil wir damals als Jungschauspieler zu der Zeit gemerkt hatten, dass wir zwar wahnsinnig viel spielen konnten, aber nur Fernsehen. Und dass wir eigentlich nichts können, oder zumindest keine Zeit hatten, was auszuprobieren. Theater wollten wir aber eben auch nicht machen.

Und ihr bekamt auch nicht so viele Rollen, oder? Mit der Filmindustrie war doch damals wie heute nicht viel los?

Doch, zu der Zeit bekamen wir wahnsinnig viele Rollen – aber nur im Fernsehen. Von 1995 bis 2000 gab es vor allem viele Eigenproduktionen vom Privatfernsehen. Da hat RTL 2 Filme gemacht, Pro 7 eigene Filme, Sat 1, fast alle haben Filme gemacht und Serien gedreht. Wer drei Sätze einigermaßen geradeaus sprechen konnte, einigermaßen ok aussah und irgendwie ein bisschen Talent hatte, der kam zu der Zeit eigentlich immer irgendwo unter, wenn er wollte. Da konnte man es sich aussuchen wo man spielte, und hat immer so mit dem Lineal seine Zeilen markiert, (macht Unterstreichungs-Bewegungen) „so, WOLFFS REVIER, dreimal so“ (lachen), und auch mal dies und das einfach sein lassen. Heute unvorstellbar. Es wurde ungefähr doppelt so viel gedreht wie heute, grob geschätzt. Und es gab auch ordentliche Gagen. Aber eben alles Fernsehen. Kino war zu dem Zeitpunkt unter aller Sau, würde ich sagen.

Damals gab es ja auch noch nicht im jetzigen Ausmaß diese Koproduktionen, bei denen das Fernsehen auch fürs Kino mitproduziert, und die Filme dann zwar erst ins Kino kommen, aber eigentlich eher vom Fernsehen gefördert und auch für die dortige Auswertung vorgesehen sind.

Das fing gerade an. STADTGESPRÄCH von Rainer Kaufmann war mit der erste Film in der Richtung. Er war als Fernsehfilm konzipiert, lief dann mit großem Erfolg auf dem Münchner Filmfest, und kam danach dann doch ins Kino. Das war der erste, der es auf diese Weise vom Fernsehen ins Kino schaffte, als damals dieser Komödienboom losging. Da waren dann natürlich SILVESTER COUNTDOWN und ANGEL EXPRESS absolute Gegenbeispiele – und dann kam eben auch LOLA RENNT. Und der kam leider früher ins Kino als ANGEL EXPRESS, was ein großes Problem war. Der war auch für sich genommen super, für das was er sein will, und was er ist, aber der hat mir nicht geholfen. Das war dahingehend kein Türöffner, eher ein Türschließer. Da galt man sozusagen als die intellektuellere, kühlere Variante.

Als ob man jetzt auf die Welle aufspringt.

Genau, obwohl ich vorher gedreht hatte, aber ich kam halt später raus.

Woran lag das, dauerte die Postproduktion länger?

Das hat sich leider alles hingezogen, vor allem vom Verleih. Beim Münchner Filmfest 1998 lief LOLA RENNT in einer Geheimvorstellung, und wir liefen im Wettbewerb. Aber LOLA RENNT kam dann eben sofort im August noch ins Kino, und bei uns verzögerte es sich bis April 1999. Forget it! Da war dann schon wieder was Anderes angesagt. Es war letztlich auch so irgendwie ganz gut, weil wir beide bei der Bavaria waren, und wir wurden dann immer in ein Paket zusammen geworfen. So hatten wir einerseits den Vorteil, dass wir zumindest im Schlepptau von LOLA RENNT mitschwimmen konnten, andererseits aber eben nicht wirklich als eigenständiger Film wahrgenommen wurden. Insgesamt war es dann ein Nachteil, sowohl finanziell, vom Ansehen, als auch von den Festivalmöglichkeiten. Und es war nach dem Erfolg von SILVESTER COUNTDOWN, der einfach bei Presse, Festivals und Auslandsverkäufen voll eingeschlagen ist, letztlich schon etwas enttäuschend. Beim Kinostart hatten wir mit ANGEL EXPRESS zwar viel Aufmerksamkeit, aber letztlich noch schlechtere Zahlen als SILVESTER COUNTDOWN. Über den Verkauf ans Fernsehen konnte das aber wieder etwas ausgeglichen werden.

Dieser Beitrag wurde am Samstag, September 24th, 2011 in den Kategorien Aktuelles Kino, Ältere Texte, Andreas, Blog, Filmschaffende, Interviews, Sano veröffentlicht. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Both comments and pings are currently closed.