Drei Ausprägungen des Allergrößten – Heino zum 80sten Geburtstag




(Heino in “Blau blüht der Enzian” [Franz Antel, 1973]: Verweile einen ruhigen Moment mit mir, liebe ET-Leserschaft – denn ich bin es, der Alibi-Filmcontent.)


    Akt I: Der Künstler

    Ob Rap, ob Rock, ob Rock’n’Roll
    Egal, ich find das alles toll
    Doch mein Herz, das hängt, das weiß man ja
    Am Volkslied, das ist doch klar
    Denn wenn Enzian und Edelweiß
    Zum Rhythmus groovt, das ist doch heiß

    (Heino – Schwarzbraun ist die Haselnuss ’89)

Liest man von Heino im deutschsprachigen Raum, so wird sein Bekanntheitsgrad in ebendiesem zumeist mit annähernd hundert Prozentpunkten beziffert – der Mann mit dem Haupthaar aus leuchtendem Stroh und der tiefschwarzen Sonnenbrille ist ein Phänomen, dem kaum jemand je entgehen konnte und weiterhin kann. Ungleich seltener stößt man jedoch auf Texte, die den Eifeler Jungen als über nostalgischen bis despektierlichen Spaß hinausgehend zu rezipieren gewillt sind. Dabei ist es doch nicht zuletzt auch sein Werk, über das sich gegen Ende der 60er Jahre, parallel laufend zur damaligen Jugendkultur ein – in dieser Ausprägung leider recht kurzlebiger – Bruch im System des deutschen Schlagers sowie der sogennannten volkstümlichen Musik vollzog: weg von der reinen Stimme, der ätherischen Präsenz, hin zum Instrument, zur ausgeprägteren Ästhetisierung auch als Künstlerfigur. Hört man Heinos Durchbruchsalbum Keiner schöner Land in dieser Zeit (1967) heute mit offenen Ohren an, erscheint es kaum weniger singulär als jenes der schon seit eh und je auch in sich kunstbeflissener wähnenden Zirkeln ungleich besser gelittenen Alexandra. Volksweisen alter und neuer Bauart in bemerkenswert aus jedweder Zeit gefallener Interpretation, zackige, fast an Johnny Cash gemahnende Akkordfolgen (Das Schlesierlied) und entschieden ins Düster-Minimalistische drängende Geruhsamkeit (Kein schöner Land), der lockere Lebensdurst von Rosalie gegen das trotzige Sentiment der bündischen Jugend (Wilde Gesellen), kein Lied wie das andere, eins schöner als sein Vorläufer und nicht eines verfasst vom Sänger selbst, da kann auch die hinreißende Singer-Songwriter-Romantik des Albumcovers nichts dran drehen. Ralf Bendix’ Produktion ist makellos, für sich genommen auf der Höhe der Zeit und dennoch es ist Heino, vielmehr seine den Dudeneintrag des Wortes “unverkennbar” ersetzende Stimme, die die Energien der verschiedenen Texter wie Arrangeure erst wirklich zu bündeln vermag, ihnen Ambivalenzsplitter verschiedenster Natur abgewinnt, aber auch erst wie der mit den Techniken der Alten noch unvertraute Jungchirug beim Verunfallen miteinnäht. Es ist eine der großen Ungerechtigkeiten dieser Welt, dass nicht ein jeder die Dreißig noch nicht geknackt habende Jüngling mit solch sagenhafter Autorität in der Stimme gesegnet ist. Was Leonard Cohen oder Tom Waits über Jahrzehnte und wohl immensurable Glimmstängel kultivieren mussten, das besaß Heino allem Anschein nach schlicht von Geburt an. Mit diesem Schmelz, diesen eigentlich für das Pathos geborenen Stimmbändern singt er in großtmöglicher Abkehr wirklich alles nahezu frei davon, wie die musikalische Entsprechung von Jean-Pierre Melvilles L’armée des ombres (1969). Sogar Seemannslieder (Auf einem Seemannsgrab) geraten ihm sakral, nicht wie in der Christmette freilich, sondern autark und doch zutiefst fatalistisch, ganz als läge ein Harald-Reinl-Film vor. Die Ambition der ersten vier Studioalben, gipfelnd in der unkontrolliert in alle erdenklichen wie unerdenklichen Richtungen aussträuenden Großtat Liebe Mutter (1971) mit seiner vollen Dröhnung größter Gefühle in stilistischer Grandezza von Chanson (Aznavours La Mamma in deutscher, zutiefst expressionistischer Version!) bis zur – zu dieser Zeit wohl unverzichtbaren – nun wirklich das Heilige ausatmenden Darbietung des Ave Maria, die wird ihm wohl so schnell in einem laufend noch einförmiger, konformer werdenden Business niemand mehr nachmachen. Doch war es auch nach der sich in den aufziehenden Siebzigern rasch ausbreitenden Neuausrichtung des deutschen Schlagers zum mal mehr mal weniger geschickt verschleierten Trinkliedgut nie so wirklich vorbei mit dem Ideenreichtum des Barden, der sich unter dem schicken Pseudonym Gio Bilk in einem großangelegten Aufschwung aus der Asche nun auch schreibend ausdrücken sollte. Casablanca… Träume die niemals vergehen (1987) heißt eines der interessantesten Alben dieser Jahre, in Gänze geschrieben von Herrn Bilk und dem in Plakatsammlerkreisen für seinen ungehemmten Enthusiasmus berüchtigten Peter Orloff (of Peter Orloff und der Schwarzmeer Kosakenchor fame!) kommt es einer bisweilen fast manischen, tarantinoesken Ansammlung von Filmpastiches, einer hemmungslosen, aber allein durch den immensen Bekanntheitsgrad des Verwursteten schon im Ansatze artifiziell abgefederten Feier der (Kino-)Träumerei gleich. Es ist dieses Augenzwinkern mit dem sich Heino in sein Spätwerk stürzen sollte, sich wie ein nicht altern wollender Twink in bizarre Genreexperimente wagend, dabei doch nie die Würde verlierend. War die 89er Acid-House-Version von Blau blüht der Enzian auch ein wohl ungleich größerer Erfolg, ein doch irgendwie massentaugliches Comeback, so wirkt sie dennoch kaum weniger zeitlos-befremdlich als Scott Walkers mit Tilt (1995) vollzogene Wiedergeburt aus dem Schoße der sich endgültig nicht mehr um Konventionen scherenden Ultrakunst. Wenn Heino einmal nicht mehr ist, wird man es vielleicht erkennen können: Er ist der deutsche Scott Walker, die Vorliebe für getönte Brillen und die musikalische Jugend in einer Dreier-Combo rahmen es nur mehr ein.

    Casablanca, Träume die niemals vergeh’n
    Irgendwann war es mal schön
    In Casablanca
    Casablanca, Träume wie du sterben nie
    Wahrheit und Fantasie, wer weiß das schon
    In Casablanca

    (Heino – Casablanca)


    Akt II: Der Schlawiner

    Und kommt ein Wind
    Dann zeigt das Kind
    Den hübschen Po-Po-Polizisten
    Dass sie sich nicht ärgern müssen

    (OK Singers – Die Susi mit dem Minirock)

Die musikalische Jugend in einer Dreier-Combo? Ganz recht, die wenigsten wissen, dass der junge Herr Kramm sich sehr kurzzeitig als Teil einer die OK Singers betitelten Truppe verdingte, deren frivoles Liedgut 1965 nicht nur Oma Ernas Wangen zu einem gesunden Rot verholfen haben dürfte, gelegentlich erneut als Kontrast zur aseptischen Konkurrenz auftauchte, sondern auch den Aufhänger für diese zweite Kurzwürdigung liefert. Die Würdigung des wohl ausdauerndsten Augenzwinkerns der teutonischen Musikwelt, eines Humorverständnisses, das den Kritikern stets ein paar Fuß voraus gesehen ward. Von Eskapaden, die auf dem zentralen Heino-Album Liebe Mutter ihren Anfang nehmend die heutige Kunstfigur erst so richtig ausformulierten. Konzipiert als eine Art Muttertagsliebesgruß fällt es letztlich doch viel mehr in jenes Gebiet, das der englische Muttersprachler gerne als “out there” bezeichnet. Dieses unbekannte Land fängt bei der im Laufe der Jahrzehnte ausgiebigst belachten Coverfotografie an, die ohne Umwege aus einem Film von John Waters oder Rosa von Praunheim stammen könnte und bereits den Ton vorgab für eine Reihe in den kommenden Jahren nachfolgender Porträts, die das vermeintlich Spießige mit exaltierter Freude auf die Spitze trieben, sich stetig ausdehenend über die mit dem bereits vertrauten, nüchternen Vortrag munter zwischen heiter (Schwalbenlied), emotional aufzehrend (wieder La mamma) und vollkommenen übersteigerter Camp-Götterdämmerung (Mamatschi) hin und her oszillierende Musik und endend bei dem wohl ungewürdigsten Scherz der musikalischen 70er: Eine in Vinyl gegossene Dankeshymne an die Mütter zu gefühlt weit mehr als der Hälfte von Abschied und Tod handeln zu lassen – das ist schon ein feiner Schachzug. Man merkt: Heino zelebrierte das nonchalante Trolling bereits lange bevor es in Zeiten des Internets in eine neue Daseinsform überging; dass er heute noch – mit (zuallererst selbst-)ironischen Aufgüssen zeitgenössischer Radiohits – Platten an einen überraschend jugendlichen Käuferkreis zu bringen vermag, es verwundert wahrlich kein bisschen. Die Toten Hosen, Rammstein, sogar die super souveränen Ärzte, sie alle können ihm das Wasser der Selbstinszenierung nicht reichen, perlten in Kritik und vornehmer Zurückhaltung gleichermaßen am von der Bad Münstereifeler Teflonpfanne in Kooperation mit Diekmanns BILD ungeniert eingefädelten “Rockerkrieg” ab, verhallten weistestgehend ungehört im von anderen geprägten Narrativ.

    Das Hauptgespräch in unserer Stadt
    ist wer mit wem wohl was mal hat
    Doch selten sieht man den Beweis
    wie hier so deutlich – schwarz auf weiß
    Den armen Bäcker trifft es arg
    Das Ganze ist schon bärenstark

    (Heino – Der Schornsteinfegermeister und die schöne Bäckersfrau)


    Akt III: Der Provokateur

    Aber noch bin ich ja hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder und flink wie ein Windhund.

    (Heino im Gespräch mit der FAZ, 2013)

Eine rhetorische Technik, in der für Heino nach auch in gänzlich anderen Lebenslagen ein nie versiegender Quell der Erheiterung begraben scheint. Ist er doch so etwas wie der in seiner Funktion als Ikone letztlich nie nachhaltig beschädigte Skandalkönig der deutschen Populärmusik. Ob beim Anzetteln von Rockerstreitereien, auf ausgiebiger Tour durch das in den mittleren 80ern international geächtete Apartheids-Südafrika, dem Einsingen aller drei Strophen der deutschen Nationalhymne oder seinem jüngsten Coup mit den verschenkten “Naziliedern” – der Kunstgriff ist durchgängig derselbe: Etwas Verfängliches in den Raum stellen, sich unschuldig geben, defensiv bleibend alles ungerührt aussitzen und wieder von vorn beginnen. In einem gewissen Sinne ist Heino durch die Jahrzehnte ein subversives Element, ein Gradmesser für sehr deutsche Diskurse gewesen, jemand der durch pointierte Gesten auf den Tisch brachte, was niemand so recht verköstigen wollte. Die “Nazilieder” sind ein Musterbeispiel für seinen durchschlagenden Erfolg. Was zuvor vornehmlich in akademischen wie politischen Kreisen diskutiert wurde – Ina Scharrenbachs Heimatministerium NRW in diesem Falle – wurde plötzlich zum Ausgangspunkt eines veritablen und mit maximaler Medienaufmerksamkeit bewusst weiter aufgeblasenen Skandals, der letztlich doch unter “harmlos” abgelegt wurde, seinen Dienst da aber längst schon getan hatte. Dieses angeblich doch so unverfängliche Geschenk wird auf Jahre eine große, ambivalente Geste bleiben, die gleich zwei im gleichen Maße unschöne Dinge offenlegte: Den schwammigen, sich bei Nachfrage zackig in die Büsche schlagenden Heimatbegriff sowie die geschichtsvergessen allein mit einem engmaschigen Kanon operierende Kunstbetrachtung konservativer Kräfte (beides neuerdings auf die unvermeidliche Spitze getrieben durch die ausgewiesen rechten “Deutschlandretter” der AfD oder gleich der identitären Bewegung), aber auch die überkandidelte, offenkundig von scheiternder Verdrängung geprägte Hysterie der deutschen Linken im Umgang mit unübersehbar aus der Zeit gefallenem Kulturgut, die vergisst, dass allein der vorwärts gerichtet aufbrechen kann, der auch die Vergangenheit gelassen verarbeitet hat. Heino schließlich steht zwischen diesen Polen als letzter dem fast anachronistischen Volkslied die Treue haltender Recke, dem jedes Mittel zu dessen Erhaltung und in-aller-Munde-Bewahrung recht scheint und der doch reflektiert, mit zwinkerndem Auge auf die von ihm losgestoßenen Lawinen blicken dürfte. Mit ihm wird er einmal sterben, der letzte Rest echt kommerzieller, nicht notgedrungen im Verborgenen operierender Aufbereitung vergessener Schatzkisten voll lyrischem Gefahrengut. Deshalb sollten wir froh sein, dass er noch, nach obiger Selbstauskunft im Safte des Lebens befindlich, unter uns weilt, die Menschen mit Scherzchen, Freude und leckerem Kuchen versorgend. Denn unter uns letzten Endes gar nicht so heißen Menschen ist er einer der aufregendsten.



    . . .



    (Akt IV: Der Meister mondäner Fanfotografien)

(Aus dem Entsetzlichkeitenarchiv der ET-Jahrestreffen: Sano et moi verstrahlter als das Waldgebiet um Tschernobyl, unser aller Superfan Melanie sowie Heino im ungeplanten und doch seriöseren Tochter-Papa-Partnerlook – Heinos Café, Dezember 2018)

Dieser Beitrag wurde am Donnerstag, Dezember 13th, 2018 in den Kategorien Ältere Texte, André Malberg, Blog, Blogautoren, Essays, Verschiedenes veröffentlicht. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können diesen Beitrag kommentieren, oder einen Trackback von ihrer eigenen Seite setzen.

Kommentar hinzufügen