Deutschland im Film: Der zweite Frühling (1975)





Dein Mann, das unbekannte Wesen

Supertotale eines römischen Hügels, darauf, fernab aller irdischen Sorgen – eine Hochzeitsgesellschaft, klein, das Paar, der Priester, drei Trauzeugen. Selten ist es einem Film gelungen, die Idealvorstellung einer Eheschließung bündiger auf ein einzelnes Bild zu verdichten. So beginnt “Der zweite Frühling”, auch für den, der sich da traut – es ist Curd Jürgens, verlebt, mit grauem Haar, ein wenig sexy – auf sein Liebesleben ist der Titel gemünzt, da bedarf es keines zweiten Blickes. Aber in dieses romantische Idyll bricht bald schon das alltägliche Leben ein, es erscheint in Gestalt einiger lauter Freunde des Bräutigams, über die sich niemand so recht zu freuen vermag, die den Hügel erklimmen und die stimmige Mise en Scène so nachhaltig zerstören. Gegen seinen Willen in die Gesellschaft zurückgezogen werden, das wird Jürgens im Laufe des Films nicht zum letzten Mal passiert sein – der Auftakt als schlechtes Omen, dem sich alles Kommende unterordnen muss. Lommel versteht es meisterhaft derartige Kontraste zu setzen und so harmlos diese Störung zu Beginn einer jeden Erstsichtung noch wirken mag, wird doch schnell klar, welch wichtiges Sandkörnchen im außer Kontolle drehenden Getriebe sie ist.

Sein Film ist von höchst eskalativer Natur, krass und unfassbar ordinär. Denn nur wenig später sitzt der gute Curd gemeinsam mit Umberto Raho in einer offenkundig brütend heißen Sauna, Schweiß perlt von den in all ihrer Pracht eingefangenen Altherrenkörpern, beide beobachten eine junge Frau, die sich frei von Geniere zwei Typen anbietet. Umberto, jede Faser seines Körpers steif wie ein Brett, bis zum Rand gefüllt mit alle Bahnen sprengender Geilheit, fantasiert lauthals vor sich hin – dieses junge Stück würde er gern “ficken”, lieber noch “von hinten ficken”. Curd kratzt sich in Gänze ungerührt wie ungeniert am schwitzigen Sack, der Blick leer, abwesend – der Kumpel nervt! Als die gegenüber es anfangen zu dritt zu treiben, bricht er entnervt seine Zelte ab.
So vollumfänglich isoliert von der Stimmung einer Szene ist er nicht nur hier, die erfindungsreiche Scopefotografie wie räumliche Aufteilung platziert ihn auch anderswo mit Gusto am äußersten rechten oder linken Rand seiner Mitmenschen. Ein belangloser Streit über den Friseurtermin der Gattin (“Nur die Spitzen!” raunt er sie gebieterisch an) gerät, mit ihr teilnahmslos auf der Sonnenliege und ihm weit, weit zu ihrer Linken den Balkon herunterstierend, zu einem kleinen Kammerspiel an der frischen Luft.

Jürgens’ Fox ist ein Mann, der nicht mehr liefern will (oder kann?). Früher, da hatte er, der erfolgsverwöhnte Klatschjournalist, Schlag bei den Frauen, seine Potenz, die Feten – legendär! So zumindest werden es seine Freunde zu betonen nie müde, er selbst ist da bescheidener und Lommel schließlich unterschlägt jedwede Bebilderung dieser Jahre schlichtweg, ganz als wären sie nie existent gewesen, wehmütiges Konstrukt männlicher Fantasien. Stattdessen sehen wir Fox dabei zu, wie er seiner großen Liebe in der Hochzeitsnacht den Beischlaf verwehrt, ihr lieber rät, sich ausgiebig Träumen hinzugeben, denn was man träumt, das könne ja auch wahr werden – er ist die keusche Bastion eines vor Lust berstenden Films, ein Träumer in einer Welt trister Gewissheiten. Später einmal wird er das im Streit mit seinen Freunden selbst zugeben, an der Brüstung einer noblen Anwesenstreppe stehend, abseits der anderen, nah am Abgrund. Darüberhinaus ist er ein Mann, der sich der ihm zugedachten Rolle zu entledigen versucht, der einzige in einem Film, der überquillt vor alten, weißen Männern. Vom bürgerlichen Lebensumfeld der Foxes bis hin zu einem alten Knacker, der im Keller wohnt, wo er gerade noch über ein akribisch aufgereihtes Imperium der Dosen und Einmachgläser herrschen darf – doch seiner Blindheit geschuldet ist selbst diese Macht brüchig. Als Getrud spielerisch Ordnung in den kleinen Rest Leben bringt, langt er ihr an den Hintern – immerhin reicht es dafür noch! Machtdemonstration und Bankrotterklärung in einer einzigen Bewegung des Armes vereint. Übergriffigkeit kommt stets auf diesen leisen Sohlen, in Gestalt von kontextlosen Kleinigkeiten daher – in Anbetracht aktueller Debatten ist man fast geneigt, einiges in diesem visionären Film Mikroaggressionen zu nennen. Einmal wäscht Fox seiner Liebsten die Haare, doch ist es nicht Zuneigung, die aus den Bildern spricht – die womöglich ruppigste Haarwäsche des deutschen Kinos sieht verdächtig nach einer Vergewaltigung, nicht jedoch gemeinsam zelebrierter Körperpflege aus.

Auch in Fox steckt es noch drin, das maskuline Selbstverständnis, da kann er sich abstrampeln wie er will – etwas zwischen Keuschheit und Missbrauch kriegt er in voller Konsequenz nicht hin. Tiefer als seine eheliche Verbindung scheint die zu seinem Hund zu sein, den kann man schließlich herumkommandieren ohne als Chauvinist gelten zu müssen. So ruft er dann auch lieber ihn zu sich, während sie im Schlafzimmer nach der Erfüllung seiner ehelichen Pflichten lechzen muss. Die Fänge der Gesellschaft lauern in “Der zweite Frühling” an jeder Ecke und kommen sie in tradierter Form nicht zum Zuge, dann tarnen sie sich eben in modernen Rollenbildern, in sexueller Revolution. “Du denkst, dass sich das Leben eines Mannes nur zwischen den Schenkeln einer Frau abspielt!”, hält er der jungen Lebenskünstlerin einmal vor, die kurzzeitig als geradewegs Teorema-eske Versuchung aller in der Villa einzieht, dann: “Jetzt stopf ich dir das Maul, das ist es ja, was du willst!”. Und prompt auf Worte Taten folgen lassend steht er da – mittig in der Bildkomposition, ihren Kopf verdeckend, wie ein Lehnsherr vor fürstlicher Tafel, der sich von des Vasallen Tochter mehr nimmt, als ihm zusteht. Ein feudales Bild – im Hintergrund jederzeit präsent: die geil vor sich hinglänzenden Bananen inmitten weiterer erlesener Köstlichkeiten. Sie steckt noch in ihm, Fox’ sexuelle Energie, doch bricht sie aus, wie es sich keiner wünschen kann. Das Herzstück des Filmes gestaltet sich als Kaleidoskop gegensätzlichster Emotionen, einander fortwährend brechender Inszenierungspartikel. Als tiefschwarzer Blick direkt in die Seele einer Nation, die einen so hämisch grinsenden Hohn wie Lommels Film irgendwie doch ermöglichte, ihm gleichfalls aber überhaupt erst den in Kunst zu verarbeitenden Stoff lieferte. Als bodenloser Abgrund, um den die Figuren solange herumtänzeln, bis er sie schließlich verschluckt, gewollt, ungewollt, keine Ahnung. Ich saß da längst schon selbst am Grunde dieser Schlucht – nicht mehr weiter wissend, über alle Maßen fasziniert wie erschlagen.

    . . .

Aus aktuellem Anlass anbei ein paar nachgetragene Worte und Hinweise:

Sitznachbar und Eskalierende-Träume-Waffenbruder Robert, der damals, im nicht allzu fernen Januar ähnlich entgeistert aus Curd Jürgens’ zweitem Frühling zurück in die weichen Sessel des KommKinos Nürnberg erwachte und ich waren uns schnell einig. “Das ist einer der großartigsten Filme, die ich je gesehen habe!”, versicherten wir uns atem- aber auch ein wenig ratlos und beschlossen, auf jeden Fall über diese Begegnung zu schreiben. Sein Text wäre, es besteht kein Zweifel daran, natürlich viel schöner ausgefallen als der meine, der nun mit amtlicher Verspätung und nie so wirklich zu meiner Zufriedenheit geraten um die Ecke kommt. Aber manchmal muss man eben nehmen, was man kriegen kann – nicht immer allerdings, wird dieser faszinierende Film doch im Rahmen des hier bereits beworbenen Besonders Wertlos-Festivals in knapp einer Woche doch noch einmal, als the real deal quasi, über eine Leinwand wabern, bevor das heimtückische Essigsyndrom der Kopie endgültig das Mark aus den bislang nahezu makellosen Knochen saugt, den Film somit möglicherweise auch erst einmal wieder verbannt in die Welt des Heimkinos, der Kompromisse. Kommt alle!


Der zweite Frühling – BRD, Italien 1975 – 84 Minuten – Regie: Ulli Lommel – Produktion: Hansjürgen Pohland, Reiner Walch – Drehbuch: Ulli Lommel – Kamera: Giovanni Narzisi, Lothar E. Stickelbrucks – Schnitt: Christa Pohland – Musik: Stelvio Cipriani – Darsteller: Curd Jürgens, Irmgard Schönberg, Umberto Raho, Anna Orso, Eddie Constantine u.v.a.

Dieser Beitrag wurde am Sonntag, Oktober 21st, 2018 in den Kategorien André Malberg, Blog, Blogautoren, Deutschland im Film, Filmbesprechungen veröffentlicht. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können diesen Beitrag kommentieren, oder einen Trackback von ihrer eigenen Seite setzen.

Kommentar hinzufügen