Filmvorschau #39

Ruckus
Max Kleven  USA  1980

14. Hofbauer-Kongress, Aufriss #8

1

„Jedes Jahr kam sie und verbrachte mit ihrer Mutter den Sommer bei uns. Bei Tage tat ich alles, um ihr aus dem Weg zu gehen. Ich hielt mich ihr gegenüber stets bedeckt. Doch Abends, wenn sie nach oben ging, in ihr Schlafzimmer, stand ich oft vor ihrer Tür und stellte mir vor, wie sie dahinter in ihrem Bett lag…“, entsinnt sich schwermütig Marco, einer der Protagonisten von WO, WANN, MIT WEM? (Antonio Pietrangeli, Valerio Zurlini, 1969). Melancholisch und mit rumorender Hose gedenkt er jener Tage, als er von der Kindheit hinüber in die Adoleszenz trübte und erste zarte Knospen des Begehrens ihn umschwirrten und verwirrten. Nun, 40 Jahre und kein bisschen weise, jagt er ihnen immer noch nach, den seltsamen Schatten der ersten Lust, die durch sein Leben und die feudale Villa seiner Eltern geistern.
Jene Trutzburg des Verzichts bewohnt er mit seiner schönen Gattin Paola, doch seit sich in Marcos Kopf der süße Vogel der verflüchtigten Jugend niedergelassen hat, leidet das gutbetuchte Miteinander unübersehbar an Erschlaffungen und erotischer Konzentrationsschwäche. All das ändert sich, als Alberto, ein Jugendfreund von Marco, nach Jahren im argentinischen Exil nach Turin zurückkehrt und sich verständnisvoll Paolas Sorgen annimmt. Weiterlesen “14. Hofbauer-Kongress, Aufriss #8” »

14. Hofbauer-Kongress, Aufriss #7

Ei ei, was sticht mich denn da?

Anknüpfend an den kleinen skandinavischen Schwerpunkt beim Frankfurter HK-Sondergipfel, verschlägt es uns auch im Januar noch einmal für eine Spielfilmlänge nach Dänemark. Zu einem einstigen Skandalfilm, der bei seinem Erscheinen 1966 für einigen Wirbel sorgte und indirekt als einer der Wegbereiter für die Liberalisierung der Filmzensur in Dänemark gilt, wo bereits 1969 das Verbot von Pornografie aufgehoben wurde – was das Land für einige Jahre zu einer der führenden Exportnationen auf diesem Gebiet machte, bevor nach und nach andere europäische Länder nachzogen. In Deutschland musste man sich noch bis 1975 gedulden und zunächst auf dem florierenden Schwarzmark mit heimlich importierten Materialien der nordischen Nachbarn vorlieb nehmen. Weiterlesen “14. Hofbauer-Kongress, Aufriss #7” »

14. Hofbauer-Kongress, Aufriss #6

Schleppzug

Schon lange hegte das Hofbauer-Kommando den Wunsch, bei seinen unermüdlichen Bohrungen nach dem öligen Gold des filmgewordenen Begehrens auch einmal in die Gefilde des frühen deutschen Tonfilms vorzustoßen, der – was wir in Zukunft noch öfter zu demonstrieren gedenken – stets über eine „ganz eigene Grundschmierigkeit“ (Sano) verfügt, die nur mühsam vom Mieder zeitgemäßer Anständigkeit zusammengepresst wurde und sich beim unterschwelligsten Anlass zur Frivolität aus ihrem letztlich doch nur lax geschnürten Korsett herauszublähen drohte. Ja, das deutsche Kino war vor und während des zweiten Weltkriegs äußerlich von so aggressivem sexuellen Selbstbewusstsin und innerlich so tiefenschmierig wie danach ganze zwei Jahrzehnte lang nicht mehr. Zahlreiche spritzige Komödien um die Irrungen und Wirrungen der Liebe und das natürlich aufgrund lüstern schmunzelnder Ungeduld der Männchen und aufstachelnd scheinheiliger Hinhaltemanöver der Weibchen schwierige Miteinander der Geschlechter legen anschaulich Zeugnis dieses überaus delektablen Umstands ab. Am anderen Ende des ungeheuren Gefühlsspektrums florierte bereits gar ersprießlich das HK-kernrelevante und der zwischen Scham und Schaulust zerrissenen deutschen Seele intim nahestehende Genre des Sittenfilms in all seinen unterschiedlich seriösen und unseriösen Ausformungen. Weiterlesen “14. Hofbauer-Kongress, Aufriss #6” »

14. Hofbauer-Kongress, Aufriss #5

Das Hofbauer-Kommando bereist die Welt

„Glamour, Glitter und Diamanten“ verspricht uns diesmal ausgerechnet der triste Überraschungsfilm und liefert damit einen willkommenen Kontrast zu den Heuschobern und Heidegräsern, zu denen uns der singende Roy Black im letzten tristen Überraschungsfilm entführte. Diesmal geht es hinaus in die weite Welt und zugleich doch wieder zurück zu den Wurzeln des TrÜF, wie wir ihn liebevoll-abkürzend zu nennen pflegen. Wir rechnen wie bei den ersten TrÜFfeln mit kräftigen Prisen von Kargheit, Tristesse und eigentümlicher Poesie, so sehr uns auch Glanz versprochen wird in diesem Film, der alles erzählen, alles zeigen möchte – von den Begierden und Sensationen, die sich im geheimnisvollen Dunkel des urbanen Treibens zur Geisterstunde vollziehen.

Statt in die heimatliche Heide nimmt er uns mit auf eine aufregende Reise rund um den Globus, zu Neon-leuchtenden Weltmetropolen und exotischen Vergnügungsstätten, wo verstohlene Kenner und schweigend-genießende Gentlemen ebenso verkehren wie schmuckfunkelnde Playgirls und trittbrettfahrende Bordsteinschwalben. Hinein nach Paris, Las Vegas, Haiti, Acapulco, New York, Tokyo, London und bis ins Zillertal! Auf dieser Weltkarte eifrigen Devisenhandels entfaltet sich eine filmische Arena, in der sich kosmopolitisches Weltenbummlertum und der heitere Humor regionaler Mundarten begegnen! Oder wie das Leben so spielt, wenn der Mann von Welt auf die Frau von der Hintertreppe trifft… Weiterlesen “14. Hofbauer-Kongress, Aufriss #5” »

14. Hofbauer-Kongress, Aufriss #4

Den „Ernst Lubitsch des deutschen Sexfilms“ nannte Christoph vor vier Jahren enthusiasmiert Eberhard Schröder im Anschluss an eine interne Sichtung seines ersten Kinofilms MADAME UND IHRE NICHTE (1969). Es war ein glühender Sommernachmittag, der die Luft im KommKino-Saal bis zur Schnittfestigkeit erhitzt hatte, die Filmkopie war ausgetrocknet und ausgetrübt, doch die verschwitzte Ver- und Bewunderung groß. Nach Legionen stählerner Alpenlustspiele und mottenzerfressener Kopulationsklamotten, die das Hofbauer-Kommando in seiner jungen Geschichte bereits tapfer zu Forschungszwecken durchlitten hatte, breitete sie sich urplötzlich vor unseren von zarter Liebe verklärten Augen aus: die erwachsene, leichtfüßige und sophisticatete deutsche Erotikkomödie, an deren Existenz wir bereits gezweifelt hatten – der Film, der, zusammen mit den Langfilmen des großen Marran Gosov, bereits Ende der 60er Jahre demonstriert hatte, wie man es vielleicht richtig machen könnte und dessen Beispiel leider niemand folgen wollte – zu verlockend niedrig lagen die Hürden, in allzu naher Sichtweite das nächstmögliche Ziel, die allzu oft – wenngleich nicht immer! – Geist und Körper schändende Humortortur des vorgeblich erotischen, doch faktisch zumeist lustfeindlichen teutonischen Heimat-Schwanks, dessen weiterführende Tiefenerkundung wir bis auf einige Ausnahmen gerne einer neu gegründeten Vereinigung namens STUC, dem „stählernen Filmclub“ überlassen. Weiterlesen “14. Hofbauer-Kongress, Aufriss #4” »

14. Hofbauer-Kongress, Aufriss #3

Ausgerechnet bei diesem glumsigen und trüben Film fielen mir die Schuppen von den Augen, was 35mm-Projektionen betrifft. Es war in einem Aachener Kino vor drei Jahren. Der Vorführer war wohl abgelöst worden, denn nach verschwommenen ersten zehn Minuten wurde der Film auf einmal stechend scharf. Die Farben und Strukturen spritzten und schossen nur so in uns rein.

Das schwelende Rotbraun der 70er Jahre-Holztäfelungen und wild gemusterten Orientteppiche, die ochsenblutfarbenen Relieffliesen, die psychedelische Freitreppe in Peter Bonds schmieriger Schneckenhauswohnung: ein holographischer Fiebertraum. Weiterlesen “14. Hofbauer-Kongress, Aufriss #3” »