100 deutsche Lieblingsfilme #68: Walzerkrieg (1933)





Entkörperlichte Hände wirken in rasanter Schnittfolge auf diverse Instrumente ein, oben, unten, rechts, dann links, während die Credits wie stramm durchgespielte Notenblätter in und aus der Kadragenmitte flattern. Der erste Walzerkrieg ist in Ludwig Bergers gleichnamiger Tonfilmoperette bereits entfacht, bevor wir überhaupt erfahren, wer hier wen bekämpft. Entsprechend angespannt dominieren zuvorderst Geigen sie von vorne bis hinten. Musik gibt den Ton an und sie nimmt ihn auch wieder weg. Ein beinahe 180°-Schwenk eröffnet den Reigen durch die Gesamtheit eines vereinsamten Biergartens hindurch, entlang am schleppenden Gang des diesen durchstreifenden Wirtes, dem untermalt von forschen Klängen eine fast unerträgliche Ruhe innewohnt, am Tisch des einsamen Gastes angelangt folgt endlich ein Schnitt. Auf der anderen Seite des Zaunes steppt der Bär. Blickdrehungen und Schnitte begreift „Walzerkrieg“ vor allem als Gegenüberstellungsmittel, zwischen Feiern, Kontrahenten am Instrument, ganzen Kapellen, den Druckstufen, die die Finger des jeweils anderen ins Spiel des so auf Gedeih und Verderb zum Partner Erklärten legen. Was Musik im Menschen anrichtet, davon handelt dieser Film. Den größten Spaß haben dabei jene, die ihren eigenen Takt bereits als seelisches Uhrwerk verinnerlicht haben – diebisch schleicht sich Willy Fritsch für ein Busserl von der Trommel fort und zählt über die Einwürfe seiner Liebsten hinweg die Takte bis zum nächsten Einsatz laut mit.

Wie ein solches feinmechanisches Innenleben funktioniert auch Carl Hoffmanns bemerkenswert agile Kamerarbeit, sie liest Handschriften, geht Treppen seitwärts mit, schlägt dabei sogar eine Auszackung am Fuße um dem Weggang in entgegengesetzter Richtung zu folgen und wirft in einer Drehung vom ganz erhobenen Dachfenster bis runter in Innenhof ein Höhenbewusstsein dazu, dass zweckmäßigeren Schwenkern heute in Gänze abgeht. Zumeist dazu: Das leise Drängen der Musik, aus offenen Fenster oder in diese hinein steuert sie Streit, überspreizten Liebesenthusiasmus, plötzliche Richtungswechsel im Gang gar. Zerstritten mit Meister Lanner (Paul Hörbiger) locken die Abgesänge und schwenkenden Hüte Johann Strauß‘ Ensemble den armen Trommler weg vom Vater seiner Kathi (Renate Müller), eine bezirzende Kollektivsirene, gegen die Fritsch allein der unerschrockene Halt dieser anderen hilft, an die er näher und näher heranrückt. Nicht die Verwicklungen der Handlung sind es, die hier das Leben eskalativ geraten lassen, sondern der Rhythmus hochgekocht von Mise en Scène, Montage und Musik. Für den echten, körperlichen Zugriff viel zu filigrane Hände wirbeln im Tanze begriffene Körper lustvoll über Tische und Bänke, wieder andere, die Willy Zeyn Juniors, schneiden exakt auf den Höhepunkten der Trommelwirbel immer schneller zwischen den sich am Schlagwerk Bekriegenden. Und Hoffmann wandelt derweil mit den Charakteren durch Wohnungen, Biergärten oder die kleinen kahlen Stellen inmitten der Kapellen. Unnereicht energetisch, eine Erinnerung daran, wie lahm alles nach dem frühen Tonfilm im Grunde daherkommt, ein hyperbolisches Mahnmal für die Dezenz der kommenden Jahre.

So wirkt es dann nur folgerichtig, das offenkundige Set, welches man eines echten Schiffes statt in Geigenwellen wiegen lässt. In artifizieller Überhöhung ist das Spiel im jeweiligen Moment nicht Handelnder meist doch präsent, als Ansporn für diejenigen im Fokus. Nachdem Fritsch bei hoffnungslosen Tanzübungen mit der Königin oft genug angezählt hat, übernehmen von außerhalb des Palastes die Lanner-Mädels und zwingen im Gegenzug fürs Herbeibeschwören sogleich die so versöhnten Liebenden zum Vortanz. Auch in seinen ruhigeren Momenten gleicht „Walzerkrieg“ mehr einem permanenten Schlachtfeld und was auf dieser Verdichtung menschlicher Emotionen vorherrscht, davon berichtete schon Sam Fuller. Einspringen, ausgewiesen werden, Lieben, Hassen – Verwicklungen oder wie Theo Lingen es einmal fügen darf: „Weltgeschichte im 3/4 Takt“. Verstummt die Musik ein selten Mal, zieht langsam Erkenntnis ein. Die Realisation in Willy Fritschs Gesicht, die immer zeitgleich mit den letzten Klängen aufzieht und ihn dann zuverlässig trügt. Andersrum ists besser. Transformativ, wie bei den hohen Richtern, die im finalen Plagiatsstreit Lanner/Strauß irgendwann nur noch „Das ist ein neuer Tatbestand“ zur Melodie des Radetzkymarsches skandieren können. Doch da hat die gemeinsame Unterschiedsfindungssuche am Klavier die beiden Streithähne eh längst schon wieder in einanders Arme geführt, denn eigentlich wusste man es vorher schon: „Ein Walzer besteht nicht aus Noten, ein Walzer besteht aus Musik.“ Ein Walzer ist Lebensgefühl, das kaum je besser in Bilder übersetzt wurde.


Walzerkrieg – Deutsches Reich 1933 – 92 Minuten – Regie: Ludwig Berger – Produktion: Günther Stapenhorst – Drehbuch: Robert Liebmann, Hans Müller – Kamera: Carl Hoffmann – Schnitt: Willy Zeyn jun. – Musik: Alois Melichar, Franz Grothe – Darsteller: Renate Müller, Willy Fritsch, Adolf Wohlbrück, Paul Hörbiger, Hanna Waag u.v.a.

Dieser Beitrag wurde am Dienstag, September 3rd, 2019 in den Kategorien Ältere Texte, André Malberg, Blog, Blogautoren, Deutsche Lieblingsfilme, Filmbesprechungen veröffentlicht. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können diesen Beitrag kommentieren, oder einen Trackback von ihrer eigenen Seite setzen.

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