Zwischen Politik und Mafia – IL DIVO
Ein erschreckend wahres Stückchen italienischer Geschichte




Italien, das ist das Land der Cesaren, der Päpste und der Mafia – seine Geschichte wurde geschrieben und geprägt von mächtigen Männern. Und so atmet das Land eine lange Geschichte der Macht, des Verfalls und der Renaissance. Und dies betrifft nicht nur die Politik der Vergangenheit. Verstrickungen zwischen Kirche, Politik und Mafia sind seit Jahrhunderten scheinbar an der italienischen Tagesordnung. Unter Italiens führenden Staatsmännern sind und waren viele zwielichtige Gestalten, denen Verbindungen zur Mafia nachgesagt werden und wurden. Auch gegen Silvio Berlusconi, den aktuellen italienischen Regierungschef bestehen solche Anschuldigungen. Einer der undurchsichtigsten und am kontroversesten beurteilten Staatsmänner, der die Fäden der Macht in Italien über mehrere Regierungsperioden in der Hand hielt, war Giulio Andreotti, genannt Il Divo. Andreotti war sieben Mal Premierminister sowie 25 Mal Minister (1946-1991), wurde 29 Mal wegen des Verdachts mafiöser Machenschaften angeklagt – und niemals verurteilt.



„Das einzige wofür man mich nicht für verantwortlich hält, sind die Punischen Kriege, weil ich damals noch zu jung war.“ Giulio Andreotti


Über diesen Politiker hat Paolo Sorrentino im Jahr 2008 das Biopic IL DIVO gedreht. Der Titel des Films greift den Spitznamen auf, den das italienische Volk Andreotti gegeben hat: Il Divo – der Göttliche. Es ist ein kulturelles Phänomen, dass Italiener ihren Staatsmännern und großen Politikern Spitznamen verleihen. So nennen Titel im Film die jeweiligen Politiker mit ihren Spitznamen und der Politiker Berlusconi wird vom Volk z.B. Il Cavaliere genannt. Im Deutschen ist dies am ehesten vergleichbar mit der Spitznamenvergabe an Sportler wie z.B. Oli Kahn als Der Titan. Der Film IL DIVO ist am treffendsten als eine teilweise etwas wirre Mischung aus Politthriller und Farce zu beschreiben. Sorrentino umreißt zuerst in schnellen Schnittfrequenzen die politischen Geschehnisse aus Andreottis Regierungszeit. Gezeigt werden Morde, Korruption, Betrug. Natürlich auch zwei der wichtigsten Morde dieser Zeit: der Mord an dem Banker Roberto Calvi und dem Richter Giovanni Falcone. Daraufhin widmet sich der Film vor allem Andreottis letzter Amtszeit. Il Divo Giulio gerät in die Kritik, ihm werden Verbindungen zur Mafia nachgesagt, Andreotti wird mehrmals angeklagt. Kaltschnäuzig, keine Miene verziehend sitzt der Mann im Gerichtssaal und scheint sich sicher zu sein, nichts befürchten zu müssen.

IL DIVO hat viel Lob geerntet. So gewann der Film zum Beispiel den Preis der Jury in Cannes im Jahr 2008 und wird in vielen Kritiken euphorisch gelobt (so z.B. Vgl. kino-zeit.de, kino.de, film-zeit.de, etc.). Darum lege ich meinen Schwerpunkt auf kritische Töne, die das Ziel haben, den Film bestmöglich genießen zu können. Denn das ist für Zuschauer problematisch, die in der italienischen Politikgeschichte nicht fest im Sattel sitzen.

Schon zu Beginn des Films, wenn verschiedene Morde etc. mit einem Off-Kommentar unterlegt gezeigt werden, kann die Verwirrung groß sein: Wohl hat man wichtige Namen wie Aldo Moro und Giovanni Falcone schon gehört, aber der Film geizt mit Erklärungen (oder der Nennung von Schlüsselbegriffen und -namen) und so geht viel an dem Zuschauer vorbei, der nicht versiert mit geschichtlichen Daten und Ereignissen jonglieren kann. Zwar werden vereinzelt erklärende Titel eingeblendet, jedoch nur lächerlich kurz und farblich ungünstig gewählt. So kommen die Augen dem Text nicht nach und die Titel verstärken die Frustration zusätzlich.

Auch wird die Gefahr des heillos verwirrten Gedankenguts durch die ineinander verwobenen Handlungsstränge nicht gerade gebannt. Tatsächlich verlangt der Film (auch vom italo-politisch gebildeten Zuschauer) eine gesteigerte Konzentration damit man sich nicht wie eine Fliege im Spinnennetz verstrickt und hilflos im Netz der Geschichte zappelt. Eine Chance des Filmgenusses besteht auch hier nur im Falle der nötigen Vorkenntnisse der Vorfälle und Personen – diese sind essentiell für das Verständnis der subtilen Kritik, ironischer Seitenhiebe etc. Ohne Vorkenntnis scheitert die „ätzende Farce“ des IL DIVO m.E. komplett!

Sorrentino beleuchtet den Protagonisten und die politischen Geschehnisse während seiner Amtszeit ohne letztendlich Position zu beziehen, ob Il Divo zur Mafia gehörte oder nicht. Natürlich kann der Film dieses Rätsel nicht klären, aber dennoch habe ich mir erhofft eine deutlich kritische Stellungnahme vorzufinden. Diese wird m.E. nur sehr zahm geäußert.

Mein Fazit: Für einen Nicht-Italiener wird zu viel Geschichtswissen vorausgesetzt, zu viel Personenkenntnis erwartet und viel zu wenige wichtige Eckdaten und –namen zum Verständnis genannt. Mir erscheint der Film vor allem für Italiener gedreht worden zu sein, die mit den Geschehnissen rund um Andreotti bestens vertraut sind. Das ist sehr schade, denn Sorrentinos Film ist politisch wichtiges Kino und es sehr wohl wert, gesehen zu werden, sogar gerade über Italien heraus. Und auch diese Kritik kann nicht enden ohne das Schauspiel Toni Servillos zu loben, der meisterhaft in die Rolle des maskenhaften, bucklig den Parlamentsgang entlang schlurfenden Andreotti schlüpft. Nicht zuletzt Servillos Verkörperung des Politikers ist es zu verdanken, dass der zwei Stunden lange Film dem Zuschauer in den Bann dieses Männleins zieht – genau wie Generationen von Italienern.



„Wenn ich in die Kirche gehe, spreche ich nicht mit Gott, nur mit dem Priester, denn Gott geht nicht wählen.“ Giulio Andreotti


Lust auf mehr von Dem Göttlichen Julius? Hintergründe über die man sich informieren sollte:

- Democratia Cristiana (Demokratisch Christliche Partei Italiens)
- Entführung und Ermordung von Aldo Moro durch die roten Brigaden 1970
- Mafiamorde an Giovanni Falcone, Salvo Lima, Roberto Calvi,
Carlo Alberta Dalla Chiesa u.v.a.
- Korruptionsskandal Tangentopoli (dt. Mailänder Schmiergeldskandal)
- LOGGIA P2 (Freimaurerloge Propaganda due)
- Strategie der Spannung
- Toto Riina, der „Boss der Bosse“ der Cosa Nostra


IL DIVO – Italien / Frankreich 2008 – 110 Minuten – Regie: Paolo Sorrentino – Drehbuch: Paolo Sorrentino – Produktion: Stefano Bonfati, Gioanluigi Gardani, Nicola Giuliano, Francesca Cima, Andrea Occhipinti, Maurizio Collolecchia – Kamera: Luca Bigazzi – Schnitt: Cristiano Travaglioli – Musik: Teho Teardo – Darsteller: Toni Servillo, Anna Bonaiuto, Giulio Bosetti, Flavio Bucci, Cralo Buccirosso, Giorgio Colangeli, Alberto Cracco, Piera Degli Esüosti, Lorenzo Gioielli, Paolo Graziosi, Gianfelice Imparato, Massimo Popolizio, Aldo Ralli und Giovanni Vettorazzo

Dieser Beitrag wurde am Mittwoch, August 31st, 2011 in den Kategorien Ältere Texte, Anika Obermann, Blog, Blogautoren, Essays, Filmbesprechungen veröffentlicht. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können diesen Beitrag kommentieren, oder einen Trackback von ihrer eigenen Seite setzen.

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