Das Porn Film Festival Berlin 2018 – Ein schonungslos subjektiver Rückblick – Teil 3/3



Welcome to Athens

“Komm recht bald wieder.” Nana Mouskouri

 

Samstag, 26. Oktober

 

Ob man es nun im Negativen auf die Musik (erhöhter Drang nach Anästhetika) oder im Positiven auf die Atmosphäre neckischer Ausgelassenheit schiebt – den Tag nach der Party bin ich erstmal ziemlich gerädert, womit ich unter den Besuchern des PFFB aber sichtlich nicht alleine bin.

Kurz nach dem Erwachen zweifele ich tatsächlich daran, ob ich mich überhaupt in der Lage sehe, heute den sehr weiten Weg zum Moviemento (von mir Zuhause mit dem Rad immerhin 10 min.!) auf mich zu nehmen und mich dann auch noch geistigem Input auszusetzen. Doch dann obsiegt zum Glück der zuverlässig drängendste und kompromissloseste all meiner drängenden und kompromisslosen Triebe: die Neugier.

Die von mir eigentlich anvisierten Filme, He Loves Me und The Smell of Us, sind leider beide ausverkauft, so dass ich spontan mein Programm neu zusammenstellen muss. Wie es so oft im Leben mit scheinbaren Pannen und Ärgernissen ist, wird sich dieser Umstand im Nachhinein als großes Glück erweisen.

Inferninho

“Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?” Martin Heidegger

Zunächst sitze ich also in Inferninho, einem brasilianischen Film, dessen Titel man am Besten wohl als „Höllchen“ wieder geben könnte. Es ist einer der wenigen beim Porn Film Festival, die keine expliziten Szenen zeigen. Und dennoch ist gerade  Inferninho ein besonders intimes, ins Intimste gehendes Werk.

Inferninho

“Forever is composed of nows.” Emily Dickinson

Schauplatz ist eine Hafenkneipe, wo sich die Queeren und Kaputten versammeln und solange gemeinsam traurig sind, bis sie glücklich sind. Optisch und thematisch erinnert das stark an Fassbinders großartige Querelle-Verfilmung. Doch wo die sich eher mit dem Glanz der Verruchtheit und der Schönheit des Bösen befasst, atmet Inferninho eher den melodramatischen Geist anderer Fassbinderarbeiten wie etwa In einem Jahr mit 13 Monden, oder von frühen Werken Almodovars.

Inferninho- Der Hase

“Doch wo ist der Schnee vom letzten Jahr?” François Villon

Und in den surrealen Kostümen der Kneipengäste und der ständig von wunderschön melancholischem Gesang untermalten Atmosphäre der Andersweltlichkeit klingt auch etwas vom magischen Realismus Harry Kümels an. Gegen Ende laufen mir die Tränen. Bei mir im Kino leider viel zu selten der Fall.

Fast kommt es auch in der folgenden Vorstellung zum Vergießen von Körpersäften, so spritzig sind die Peter Berlin: Short Films, die im Rahmen der Retro zu selbigem Pornostar laufen. Zugleich sind sie aber auch sehr witzig und herrlich selbstironisch.

Peter Berlin ist die Retrospektive des PFFB gewidmet, er ist sogar als Stargast geladen, taucht dann aber leider doch nicht auf. Mit gerade mal zwei Langfilmen, Nights in Black Leather und That Boy, sowie einer Reihe kürzerer Werke ritt sich der blonde deutsche Recke mit Prinz Eisenherz-Frisur in den 70ern nach Kalifornien und von dort aus in die Hall of Fame der großen glamourösen Gays.

Schwulenikone Peter Berlin

Schwulenikone Peter Handke, ca. 1974

Zuvor hatte er in Europa bereits als Fotograf gearbeitet und unter anderem Stars wie die Deneuve, die Bardot, Kinski und sogar Hitchcock abgelichtet. Sein Weg zum Porno begann mit erotischen fotografischen Selbstporträts. Zusammen mit Richard Abel, einem befreundeten Fotografen begann er Anfang der 70er auch das Bewegtbild für sich zu entdecken und ästhetisch zu erobern. Dabei nahm er schließlich in Personalunion die Rollen des Hauptdarstellers, Regisseurs und Produzenten ein. Seine Kurzfilme zeigen jedenfalls deutlich die Signatur eines Künstlers.

Iris & June

“Das Selbst ist nur eine Schwelle.” Gilles Deleuze

Später nach dem Abendessen kommt dann einer der Filme, auf die ich mich, rein von der Beschreibung im Programm her am meisten freue: Pornodehesario. Doch da es sich um ein Double Feature handelt, sitze ich eine halbe Stunde lang Iris & Jun aus, für mich leider der filmische Tiefpunkt des Festivals. Man muss Iris & Jun zu Gute halten, dass der Film ein sehr konsequent erhobener Stinkefinger gegen TERFs ist. Das ist zwar höchst unterstützenswert usw., doch mich ermüdet die bloße Aneinanderreihung von relativ gleichförmigen Fickszenen, zumal ich nach einer Weile auch meine, eine gewisse gelangweilte Lust- und Emotionslosigkeit in ihren Gesichtern auszumachen, wie man sie aus fließbandmäßig heruntergekurbelten Internetpornos (vom Hörensagen) kennt.

Pornodehesario

“Nur wenig ist anregender als die erste gelungenene Missetat.” De Sade

Umso mehr freue ich mich, als laternenhaft flackernd die Titelsequenz von Pornodehesario auf der Leinwand erschien. Der Grund meiner Vorfreude auf diesen Film liegt auch darin begründet, dass er als punkig-experimentelles okkultmagisches Ritual voller surrealer Bilder angekündigt ist. Wer mich kennt, weiß, dass mir derlei Epitheta den Mund wässrig machen. Dummerweise ist meine Erwartungshaltung nun auch entsprechend hoch, denn ich male mir natürlich eine Art Mischung aus Kenneth Anger, Derek Jarman, Maya Deren, vielleicht John Waters und eben Pornoszenen aus, nur ganz anders natürlich, aber genauso toll oder besser!

Pornodehesario

“The last mystery is always insoluble.” Aleister Crowley

Wenig überraschend kann Pornodehesario das so nicht ganz einlösen, ist aber dennoch ein elegisch-schwelgerisches Poem und zugleich psychomagisches Ritual, mit dem die Regisseurin, wie sie selbst im Q & A sinngemäß sagt, die Bilder und Erinnerungen, Träume und Traumata ihrer Vergangenheit fickt.

Nach diesem Double Feature hänge ich schwer in den Seilen und will eigentlich am liebsten direkt ins Bett fallen. Aber natürlich habe ich mir Tickets bis Ultimo besorgt, wer würde das nicht? Also beschließe ich einen Kompromiss zu machen und mir vom nächsten Double Feature zumindest noch den nur 7-minütigen Kurzfilm Welcome to Athens zu geben: und auf dringendes Anraten eines anderen Cinemenschen zumindest mal in den Anfang von Terror Nullius reinzuschauen. Letztlich bleibe ich dann aber doch bis zum Schluss.

Die Entstehungsgeschichte von Welcome to Athens geht so: 2011 veranstaltete der nationale griechische Tourismusverband in Athen eine „Athener Regenbogenwoche“ um (notorisch kaufkräftige) LGBT-Touristen anzulocken. Dafür beauftragte man den in Griechenlands queerer Szene wohl recht bekannten Regisseur Menelas mit einem zielgruppenorientierten Werbeclip für die altehrwürdige Hauptstadt der Hellenen. Welchen dieser auch lieferte.

Welcome to Athens

“Das weitaus schönste Glück ist das plötzliche.” Sophokles

Doch die Mischung aus offenherziger schwuler Erotik und sarkastisch-bissigem Kommentar aus dem Off war wohl eher zum Missfallen der Jury, so dass der Kurzfilm nicht nur nie gezeigt oder ausgestrahlt, sondern gleich verboten und beschlagnahmt wurde. Bis jetzt.

Angeblich gelang es erst anonymen Hackern, den Clip aus einer Regierungsdatenbank für Regisseur wie Publikum zurück zu stehlen. Wie so oft, ist der Versuch etwas durch Zensur und Verbote zu unterdrücken, hier der wohl stärkstmögliche Katalysator für die Verbreitung eines Artefakts gewesen, denn wäre Welcome to Athens damals 2011 wie geplant gelaufen, hätte er möglicherweise nie ein Festivalpublikum begeistern können.

Terror Nullius

“Hey, I’m for love, not war. How about we have a beer?” Mel Gibson

Thematisch den roten Faden der (vorgeblichen) Nestbeschmutzung aufnehmend, folgt nun Terror Nullius, ein hochgradig subversiver wie intelligenter Found Footage Film, ja man möchte eher sagen Known Footage Film aus und über Australien.

Das Werk ist formal eine Collage aus etlichen australischen Filmen, darunter so ziemlich alles, was man überhaupt so aus Down Under kennt, von Mad Max über Picknick am Valentinstag und Walkabout über Wake in Fright und Romper Stomper bis hin zur neuen heimlichen LGBT-Ikone The Babadook. Schätzungsweise an die 100 Filme und Serien hat das als Kollektiv Soda Jerk auftretende Geschwisterpaar auf dem Regie-/Schnittstuhl hier so geschickt neu zusammen geschnitten und verzahnt, dass diese fast von selbst eine subversive Geschichte Australiens, eine Gegenerzählung der Ausgegrenzten und Unterdrückten erzählen.

Fast, den manchmal mischen sich dann doch (mutmaßlich vor Green Screen abgefilmte und später digital eingefügte) „neue“ Schauspieler in das kaleidoskopartige Narrativ des Films und ergänzen es durch politische Kommentare oder bissige Dialoge.

Das Ergebnis schafft nicht nur politisch brisant und dabei zugleich enorm unterhaltsam zu sein, sondern ist auch filmästhetisch in seinem spielerisch neu-ordnenden und dabei neu-auswertenden Zugang zur Filmgeschichte einer ganzen Nation geradezu bahnbrechend. Einer der wenigen Filme, auf die tatsächlich jener oft nur behauptete Slogan zutrifft: a one-of-a-kind movie!

 

Sonntag, 27. Oktober

 

Pornodehesario

Auf dem Heimweg vom PFFB

Wie Jochen Werner einmal sinngemäß zu mir sagte: Es ist nicht verkehrt, sich ambitionierte Ziele zu stecken, nur weil man sie dann doch nicht einhält! Eine nicht zu unterschätzende Weisheit, die mir jemand bitte in Sütterlin auf ein Kopfkissen mit selbstgeklöppelter Bordüre sticken möge – wenn wer mal wieder ein Geschenk für mich sucht.

So muss ich mir selbst verzeihen, es einfach nicht zu 12:15 Uhr zur restaurierten Fassung von Bara no Soretsu (auch bekannt als Funeral Parade of Roses) geschafft zu haben. Zum Glück kannte ich dieses japanische Undergroundjuwel von Toshio Matsumoto bereits zumindest von DVD und erwähne den Film hier, um ihn nachdrücklich allen zu empfehlen, die ihn noch nicht kennen.

Ja, eigentlich habe ich es an jenem Sonntag zu überhaupt keinem Film mehr geschafft, geschweige denn aus dem Hause. Auch das haben (Film-)festivals und guter Sex gemeinsam: wenn man es richtig macht, kann man sich danach erstmal nicht bewegen.

Dieser Beitrag wurde am Sonntag, Oktober 13th, 2019 in den Kategorien Aktuelles Kino, Alexander Schmidt, Blog, Festivals veröffentlicht. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können diesen Beitrag kommentieren, oder einen Trackback von ihrer eigenen Seite setzen.

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