100 Deutsche Lieblingsfilme #34: Viele kamen vorbei (1956)






Ein Film, der seiner Protagonistin Tränen auf die Wangen malt, indem er sie hinter einer Glasscheibe platziert, auf der sich zwei Wassertropfen einsam hinab schlängeln. Sabine heißt sie, 15 Jahre ist sie. Die Eltern verbieten ihr, weiterhin mit Sandkastenfreund Jochen in die Ferien zu fahren. Mit dem kindlichen Spiel sei es in ihrem Alter vorbei, sie müsse sich in Acht nehmen vor ihm, der jetzt mehr wolle. Sie begreift zunächst nicht, merkt es dann selbst, als die beiden allein sind, erschrickt zuerst über ihn, dann auch über sich selbst. Aber als er dann weg ist, zieht es sie doch zu ihm, lässt sie ihm nachreisen ins Ferienlager, nachts per Anhalter über Fernstraßen, und später geradewegs in die Arme eines gesuchten Triebtäters…

Als Kriminalfilm kommt das nur auf den ersten Blick daher, erzählt aus drei verschiedenen Perspektiven, und ist durchaus nicht ganz frei von holprigen und ungelenken Momenten und manchmal einem etwas arg seiner Zeit verhafteten altväterlichen Tonfall. Doch all das geht letztlich meist in der intensiven Beschwörung des Gefühls, des Erlebens, des Wahrnehmens und einer Atmosphäre ängstlich-neugieriger Verunsicherung auf. Der Übertritt vom kindlichen Spiel zum sexuellen Erwachen, in verschiedenen Schattierungen auf eine Nacht verdichtet. Als Eintritt in eine Twilight Zone, die „fremde, seltsame Welt“, wie es in BLUE VELVET heißt, in der sich nicht immer klar unterscheiden lässt zwischen Sehnsucht, Begehren und Zuneigung, zwischen Schaulust, Begierde und Mordlust, das eine gar ins andere übergeht.

Gleichzeitig ein Film über Deutschland in der Nacht, ganz buchstäblich. Weit weg von Wirtschaftswunder und Heimatkitsch. Jugendliche Ausreißer auf der hoffnungsvollen Suche, immer weiter auf dem Fernfahrertransit über die Autobahn, unterbrochen nur von der Betriebsamkeit der Raststätte. Im Kameralicht manchmal fast unwirklich schöne Frauen mit leuchtenden Augen, und Männer, die nicht immer recht wissen, was sie mit ihnen und mit sich selbst anfangen sollen. Ein Nachtpoem am Rande der Autobahn, mit betörend expressiven Bildern von Wäldern, vom Himmel und von Straßen in glühendem Schwarz-Weiß. Die Lichter der Autos als Suchen und Herumstochern im Unbekannten, als Ausdruck des Irrlichterns im Meer der Nacht, als Symphonie von Ahnungen und Ängsten, auch von Verheißungen freilich. Wohin geht diese Reise des Erwachens, und was erwartet Sabine dort? Hieß ein früherer Pewas-Film DER VERZAUBERTE TAG, so könnte man hier von der „verzauberten Nacht“ sprechen, in der nicht alles sichtbar, aber umso mehr möglich scheint. Der Zauber kommt dabei nicht ohne Gefahr, das Versprechen nicht ohne Ernüchterung und Ungewissheit.

Diese Reise durch die Nacht funktioniert auf mehrerlei Ebenen als Allegorie. Für den Fernfahrer ist der Ritt durch die Nacht längst Routine, alles vertraut und altbekannt, das Leben überkommt ihn nicht mehr so leicht. Für das Mädchen dagegen ist alles aufregend, die Menschen, die Nacht, die Lichter, die Fahrt, die Begegnungen, die Erwartung – everything strange and new.

Es dominieren Naivität und Unschuld in einer seltsam rührigen Überhöhung, die den Film und die Erweckungsreise des Mädchens in die Nähe des Märchens rückt. Rotkäppchen begegnet dem bösen Wolf, der sich erfolgreich verstellt und in seine Falle lockt – der vor den Gefahren des dunklen Waldes und dem bösen fremden Mann warnende Impetus ist dem Film dabei genauso eigen wie dem Märchen.

Fast der ganze Film spielt in dieser einen Nacht, die zu Beginn anbricht und am Ende auf eine Weise in den Tag zurück findet, dass man (wenn in letzter Minute die Hände des Mädchens sich hilfesuchend im Bildrahmen zu halten versuchen, um nicht dem anbrechenden Tag und nicht dem Filmbild entrissen zu werden) glaubt, Sabine hätte dem Triebtäter nur deshalb gerade so entrinnen können, weil sie auch der Nacht entronnen ist. Es mag immer ein Morgen geben, aber es wird auch immer wieder Nacht werden…


Viele kamen vorbei – BRD 1956 – 85 Minuten – s/w – Regie: Peter Pewas – Produktion und Drehbuch: Gerhard T. Buchholz – Kamera: Klaus von Rautenfeld – Schnitt: Wolfgang Flaum – Musik: Peter Sandloff – Darsteller: Harald Maresch, Frances Martin, Christian Doermer, Heinz W. Schimmelpfenning, Elinor Jensen, Hans Hermann Schaufuß, Jane Tilden, Alf Marholm, Rudolf Rhomberg

Bildquellen: DIF/Filmportal und Aushangsatz

Dieser Beitrag wurde am Mittwoch, Januar 18th, 2012 in den Kategorien Ältere Texte, Andreas, Blog, Deutsche Lieblingsfilme, Filmbesprechungen veröffentlicht. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können diesen Beitrag kommentieren, oder einen Trackback von ihrer eigenen Seite setzen.

4 Antworten zu “100 Deutsche Lieblingsfilme #34: Viele kamen vorbei (1956)”

  1. Silvia Szymanski on Januar 19th, 2012 at 15:33

    „Die Lichter der Autos als Suchen und Herumstochern im Unbekannten“: ja, das stimmt. Die Passage über die Nacht in deinem Text ist überhaupt schön, atmosphärisch. „Im Kameralicht manchmal fast unwirklich schöne Frauen mit leuchtenden Augen, und Männer, die nicht immer recht wissen, was sie mit ihnen und mit sich selbst anfangen sollen“… Kannst du dich mit dem Wortpärchen „sexuelles ERWACHEN“ (in der Pubertät) identifizieren, Andreas? Die Leute sagen das oft, also ist es auch vielleicht bei vielen so. Ich kenne eher diese Trancezustände, die ich aber auch als kleines Kind schon hatte.

  2. Intergalactic Ape-Man on Januar 28th, 2012 at 15:08

    Von diesen unkitschigen Filmen aus den 50ern scheint es auch endlos viele zu geben. Sie müssen nur erst einmal hervorgespült werden. Danke dafür.

  3. Andreas on Februar 2nd, 2012 at 06:59

    @Silvia
    Das ist eine gute Frage, bei der ich mir auch nicht so recht sicher bin. Es mag da gerade bei Männern schon eine Art Erwachen-Moment geben, wenn man feststellt, dass der kleine Freund da unten munter wird, aus dem Natur-Schlafsack schlüpft und sich stolz in die Höhe reckt (man entschuldige die Wortwahl, der jüngste HK-Filmkongress hängt noch sichtlich nach :D ). Über diesen physischen Aspekt hinaus scheint mir psychologisch, emotional, gesamtkörperlich der Begriff der Trancezustände tatsächlich allerdings auch passender. Ein bisschen vielleicht auch wie das Gefühl, irgendwo angeschwemmt zu werden und dann von einer Strömung weitergetragen zu werden, ohne so wirklich zu realisieren, wie einem nun geschieht.
    Warum im Text aber trotzdem bewusst “Erwachen” steht? Erst war’s eher unbedacht hingeschrieben, weil der Begriff so gängig ist, als mir das dann auffiel, fand ich es trotz persönlicher Vorbehalte (letztlich kann ich mich eben selbst auch nur bedingt damit identifizieren) stimmig, weil es die Sprache des Films trifft, der das in der ersten Viertelstunde – auch durchaus etwas ungelenk – eben tatsächlich wie ein Erwachen, oder eher ein “Wachrütteln” und “Wachgerütteltwerden”, inszeniert. Und dann wiederum gefiel mir plötzlich dieses Bild, das womöglich im Text ein wenig zu implizit bleibt: Erwachen und Nacht – sozusagen Auf-/Erwachen in die Nacht hinein. Was dann wiederum ja fast automatisch in einer Art Trancezustand mündet…

    @Ape-Man
    Ja, so scheint es mir auch. Leider kenne ich da, ich schrieb es bereits bei meiner “Strandgut”-DÖS-Liste (und sie selbst verdeutlicht das ja auch), auch viel zu wenig. Zu groß waren lange Zeit meine Vorbehalte gegenüber dem kommerziell dominierenden Heimatfilm und ließen mich die 50er Jahre eher meiden. Dass es da zum Einen natürlich nicht nur Heimatfilme gab, und sich zum Anderen durchaus auch innerhalb des Heimatfilms so manches zu entdecken geben dürfte, diese Überzeugung setzt sich so langsam auch bei mir durch und motiviert hoffentlich zunehmend zu verstärkten Streifzügen.

  4. Intergalactic Ape-Man on Februar 2nd, 2012 at 16:28

    Dann hoffe ich inständig, daß du das Fernsehprogramm verfolgst. Hier findet sich immer wieder eine Perle, die man anhand der Programmzeitschrift vielleicht nicht direkt als solche entlarven könnte. Im Gegenteil werden diese Filme dann je nach Redaktion sogar noch gewissermaßen als Langweiler durchgewunken. Natürlich ist das wie Sneaken, man weiß oft nicht, was man bekommt. Gerade weil die Quellen zu diesen 50er Jahre Filmen ja auch nur begrenzt sind. Jedenfalls im schnell verfügbaren Internet. Aber das ist es mir wert. Allein wenn ich daran denke, daß ich neben so großartigen Filmen wie Nachts auf den Straßen auch tatsächlich Komödien wie Dany, bitte schreiben Sie entdecken konnte, die mir tatsächlich zusagten. Ich bin allerdings von Haus aus schon affin für diese Kost, weil ich quasi vornehmlich mit den Schwanks dieser Zeit aufgewachsen bin. Ich hab mir für die nächste Woche einige Mittagsaustrahlungen auf BR aufgeschrieben. Gerade wegen dieser Slots habe ich mir jetzt sogar endgültig einen Rekorder besorgt. Sonst kann man sowas ja nicht zu Gesicht bekommen.

Kommentar hinzufügen


sechs + = 9