100 Deutsche Lieblingsfilme #14: Der Fluch (1988)



Zu bedrohlichen Klängen erscheinen erste Credits wie weiße Gespenster im Schwarz des Bildes, dann mit einem tiefen Dröhnen und in zerfranstem Blutrot der Titel, während eine ängstliche Kinderstimme ein Gedicht ins Dunkel flüstert, rätselhafte Worte, eine düstere Prophezeiung: „…das Eis wird auferstehen, eh sich die Stunde schließt…“ Jetzt ein Bild: Ein Fernseher zeigt einen alten Schwarz-Weißhorrorfilm: ein Irrer liegt auf einem Bett und schreit. Gebannt sitzt eine Gruppe Kinder auf einem Sofa davor, genießt den wohligen Schauer des Grusels… die Ungewissheit… die Möglichkeit, dass es so etwas vielleicht doch gibt… so etwas wovon die Erwachsenen behaupten, das gebe es gar nicht…

Huettners Film taucht völlig ein in jene Welt der kindlichen Phantasie, die den Erwachsenen, den ihrer Phantasie Entwachsenen, verschlossen bleibt, aber es geht hier nicht allein um die Phantasie, es geht um die Welt kindlichen Erlebens überhaupt, eines mystischen und träumerischen Welterlebens, wie es schon die Romantiker beschwören wollten.

Auf dem Nachhauseweg von dem Fernsehabend: die kleine Melanie fährt mit dem Fahrrad auf einen Schemen im Dunkel zu, eine durchsichtige ätherische Gestalt – und durch sie hindurch! Plötzlich ist da jedoch kein Schemen mehr, sondern eine ältere Frau liegt ganz körperlich vor Melanie unter deren Rad begraben und stammelt verstört: „Wer bist du? Du… bist so… kalt!“. Der Frau steht nun das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben. „Was ist das für ein Kind?“ schreit sie immer lauter.

Bei einem Ausflug in die Berge mit ihren Eltern scheint der seltsame Vorfall vergessen, doch dann verirren sich diese und Melanie behauptet unvermittelt, sie wisse den Weg. Die ungläubigen Eltern folgen ihr zögerlich, aber Melanie führt sie immer höher, immer weiter Weg vom eigentlichen Ziel, hin zu einer einsam gelegenen Waldkapelle, ein Ort der ihnen seltsam vertraut ist: hier haben sie sich das erste Mal geküsst. Als sie den Weg ins Tal nicht mehr rechtzeitig vor Einbruch der Nacht finden, beschließen sie notgedrungen auf dem Berg in der Nähe eines Gletschers zu nächtigen. Doch: „das Eis wird auferstehen, eh sich die Stunde schließt…“

Momente eines ganz real-vertrauten Familienalltags gehen in diesem Film sukzessive über in eine mystische Welt der Zeichen und Wunder, der uralten Prophezeiungen und der gemurmelten Flüche. Bezeichnend ist eine Szene, in der Melanie auf eigene Faust wieder mit dem Zug in die Berge gefahren ist und sich in einer Höhle hinter der Kapelle versteckt. Ihr Vater ist ihr nachgereist und will sie nun zurückholen, doch vergeblich streckt er ihr die Hand entgegen, er ist zu groß um durch die Lücke in der Wand zu steigen. Als er sich klein machen will um sich durch eine Lücke im Gebälk zu zwängen, droht der Übergang zwischen Sakralbau und sakraler Natur einzustürzen. Er ist eben zu groß, zu vernünftig zu entzaubert um einen Zugang zur Welt des Geheimnisses zu finden, um die Welt noch zu verstehen, um zu erkennen, dass eben doch „Märchen und Geschichten, die wahren Weltgeschichten“ sind, wie Novalis einst geschrieben hatte. In bester Tradition der schwarzen Romantik ereilt denn letztlich auch diese erwachsenen Menschen der Vernunft der Fluch des Irrationalen und der Film endet schaurigschön in einer Katastrophe, angekündigt durch das unheilverkündende Schmelzen einer Silberglocke in einem verstaubten Archiv…

Der Fluch – BRD 1988 – 92 Minuten – Regie: Ralf Huettner – Drehbuch: Andy T. Hoetzel, Ralf Huettner – Produktion: Joachim Müller – Kamera: Diethard Prengel – Musik: Andreas Köbner – Darsteller: Dominic Raacke, Barbara May, Romina Nowack, Ortrud Beginnen, Gerd Lohmeyer, Barbara Valentin.

Dieser Beitrag wurde am Dienstag, August 3rd, 2010 in den Kategorien Alexander Schmidt, Deutsche Lieblingsfilme, Filmbesprechungen veröffentlicht. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können diesen Beitrag kommentieren, oder einen Trackback von ihrer eigenen Seite setzen.

5 Antworten zu “100 Deutsche Lieblingsfilme #14: Der Fluch (1988)”

  1. Dorothee Frei on Mai 26th, 2011 at 12:19

    Sehr geehrter Herr Schmidt,

    zufällig habe ich gerade ihre Rezension zum Film “Der Fluch” entdeckt, den ich vor langer Zeit einmal gesehen habe, und der mir bis heute nicht mehr aus dem Kopf geht. Wie gerne würde ich ihn heute noch einmal wiedersehen! Nach dem ich einige Zeit danach gesucht habe und irgendwann enttäuscht aufgegeben, weil ich nichts mehr dazu gefunden habe, schon gar keien DVD Fassungen, keimt in mir nun die Hoffnung, sie könnten wissen, wie man an eine Fassung des Films kommt.

    über ihre Hilfe wäre ich sehr dankbar!

    Mit besten Grüßen

    Dorothée Frei

  2. Alexander S. on Mai 26th, 2011 at 18:51

    Tut mir Leid, leider, leider besitze ich den Film auch nicht. Für diese Rezension habe ich eine Videoaufzeichnung eines Freundes geliehen. Da wie so oft die wahren Perlen des deutschen Films von den Verleihern und DVD-Labeln äußerst stiefmütterlich behandelt werden, ist wohl auch kaum mit einer DVD-Veröffentlichung zu rechnen. Es gibt allerdings zum Glück eine DVD von Ralf Huettners ebenfalls hervorragendem Horrorthrillers BABYLON – IM BETT MIT DEM TEUFEL, zu dem in unserer “Deutschen Reihe” auch noch ein Beitrag geplant ist.
    Was den FLUCH betrifft, kann man nur darauf hoffen, dass der irgendwann mal im Fernsehen wiederholt wird. Oder bei aufnahmewütigen Filmfans rumfragen…

  3. John Entwistle on Mai 28th, 2011 at 02:42

    Hallo Frau Frei,

    ich könnte Ihnen da gegebenfalls weiterhelfen. Bitte schicken Sie mir doch mal eine E-Mail an upyourjacksy (ätt) web (punkt) de.

    Grüße,
    John Entwistle

  4. Thomas F. on Dezember 24th, 2011 at 10:29
  5. Ralf Nieger on Juli 31st, 2018 at 13:29

    Lange her – aber ich weiß definitiv wo “Der Fluch” verfügbar ist. Mail schicken an: kaminer90ättgmxpunktde

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