
Gemeinhin pflegt man heute nicht mehr über den Tod des Führers zu weinen. Und dennoch geht er einem in Stellvertretung ganz nah zu Herzen, wenn man Zeuge wird, wie er sich hier über die Ohren in die Mimik der Menschen schleicht. Der kleine Nanning (Jasper Billerbeck) ist gerade zum Brunnen gegangen, als der Propagandasender im Haus die Nachricht vom furchtlosen Heldentod in Berlin berichtet und rasch von den markerschütternden Verzweiflungsschreien seiner Mutter überlagert wird. Eine ganze Weile lang interessiert sich die Kamera nur für sein Gesicht, auch die filmhandwerkliche Welt dreht sich nicht mehr. Starre Augen und Lippen lassen uns in die Seele sehn – hier bricht das einzige Universum zusammen, das man versteht, in dem man sich zu orientieren gelernt hat. Weiterlesen “Zeitnah gesehen: Amrum (2025)” »

Kasperljagd auf St. Pauli
Man kann es diesem Film wahrlich nicht vorhalten – er ist eine grundehrliche Haut, präsentiert bereits in den ersten Einstellungen freimütig, was ihn fortan immerzu plagen wird. Fritz Honka (Jonas Dassler) säuft und mordet in seinen beschaulichen vier Wänden, eingepflanzt wie lediglich halb vom Gewebe angenommen inmitten der kulissenhaften Raumgestaltung einer beliebigen Bühneninszenierung. Das ist es, was Fatih Akins in der Essenz stets bleibt – abgefilmtes Theater, dem zu den Möglichkeiten einer Kinokamera zuverlässig bloß Halbtotalen und Nahaufnahmen mit abgespreiztem Finger einfallen, manchmal ein wenig näher, dann ein wenig weiter in der Ferne, von der Freddy Quinn vom Plattenteller aus singt. Weitestgehend zentriert auf oder knapp unterhalb der Augenhöhe vor den Tristtischen, von denen der Frühstückskorn gleich als veritabler Wasserfall strömt. Ein wenig erinnert das an Peter Steiners Theaterstadl, den ich als junger Bub so genoß – keine schöner Erinnerung, denn nicht einmal die wenigen, rein ausschnittsweise das Räumliche durchziehenden Schwenks schaffen Filmisches, folgen allein den Figuren auf ihren Wegen von einem Schnapsschrank zum nächsten. Weiterlesen “Zeitnah gesehen: Der goldene Handschuh (2019)” »